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La Loba: Die Wölfin im Grenzland

wölfin

Die Wölfin folgte ihrem Pfad. Sie huschte lautlos; ihr graues Fell verschwamm in der Dämmerung. Diese gab ihr Deckung, als sie die Autoschlange entlang durch die Wüste schlich. Ihre Nase schnüffelte unentwegt am Boden. Sie blendete Dieseldämpfe und  Auspuffwolken aus, um der schwachen Spur zu folgen. Der Spur aus Blut und Tod.

Sie kam von weit her; ihr Fell war staubig von der langen Reise. Doch unverdrossen trottete sie weiter, ließ den Wind das Fell zerzausen. Sie beachtete die Rufe aus den Autos nicht. Nichts hielt sie davon ab, ihren Weg zu finden.

Freitagabend

Im Brachland an der Grenze zwischen El Paso und Ciudad  Juárez wälzte sich der Freitagabendverkehr träge vorwärts, kam schließlich zum Stehen. Die Luft flimmerte vor Hitze. „Puta Madre!„, fluchte Jimena und  reihte den Nissan ihres Patrons am Ende der Blechschlange ein. Was blieb ihr anderes übrig? Dies war die einzige autopista von der Grenze zur Stadt. Die Motoren der Kleintransporter heulten auf, Räder quietschten, als sich der Tross neuerlich in Bewegung setzte. Es ging im Schritttempo weiter. Jimena schwitzte. Einmal wegen des Windes, der den feinen Staub der Wüste mit seinem heißen Atem auf ihre Haut peitschte. Aber auch, weil der Patron den Wagen brauchte. Ihn warten zu lassen, war gefährlich. Warten machte ihn unberechenbar.

die Werkstätten an der Grenze LateinamerikasDeshalb hatte Jimena nach der Arbeit darauf verzichtet zu duschen. Als sie das Tor der Fertigungsstätte passierte, pfiff sie der Vorarbeiter zurück. Sie hätte ihren Arbeitsplatz nicht ordentlich hinterlassen, das müsse sie nacharbeiten. In Wirklichkeit wollte er ihr auf den Hintern starren, ihr zwischen die Beine greifen, während sie sich bückte, um imaginäre Kabelreste aufzuheben. Das kannte sie schon. Doch heute hatte sie den Vorarbeiter schnell abgefertigt, ihn auf morgen vertröstet und Versprechungen gemacht.

Denn noch hatte Jimena gehofft, den Wagen rechtzeitig zurückbringen zu können. Diese Hoffnung war dahin: Nun verstopften diejenigen die Autobahn, die drüben – in El Paso – arbeiteten. Sie kehrten in ihre Häuser diesseits der Grenze zurück, in die unzähligen Ein-Zimmer-Wohnungen von Ciudad Juarez. Der Stadt, in der zwei Drogenkartelle herrschten; eine Stadt, die vor allem für die Verbrechen bekannt war, die in ihr begangen wurden. Nachts wollte dort keiner mehr auf den Straßen sein. Besonders die jungen Frauen nicht.

Leben mit der Angst

ciudad juarez cruzesWie Jimena wusste, gehörte sie zu den gefährdeten Frauen: 13 bis 24 Jahre – das war das kritische Alter. Für die Mütter der Stadt waren dies die Jahre, in denen sie ihre Töchter jeden Morgen musterten, sich den Tag über immer wieder in Erinnerung riefen, mit welchem Rock,  welchem T-Shirt, welchem Kleid ihr Kind aus dem Haus gegangen war: Damit sie im Falle einer Suchanzeige vorbereitet waren. Denn in Ciudad Juárez verschwanden Mädchen – sie wurden  reihenweise entführt. Jimena hatte gehört, dass mittlerweile vier Tausend verschwunden waren. Manche tauchten als Leiche wieder auf: im Brachland, verscharrt im Sand. Brandmale auf der Haut, die Unterlippe oder andere Körperteile abgebissen, vergewaltigt, gequält, stranguliert, verstümmelt. Wie viele von ihnen aber verwesen unentdeckt, verscharrt in der Wüste, im weiten Grenzland?

Als Jimena wieder einmal anfuhr, um einen halben Meter weiter zu kommen, sich mit dem Unterarm die schwarzen Pony aus der Stirn und mit dem Daumen über die vor Schweiß feuchten Augenbrauen strich, nahm sie die Bewegung wahr. Das konnte nicht sein! Doch ja, neben dem Nissan trottete eine Indianerin. Ausgemergelt, graues Haar, trotz der Hitze in einen Poncho gehüllt. Sie zog einen Einkaufswagen mit sich, gefüllt mit Plastiksäcken und Lumpen. Ihre bloßen Füße klatschten gleichmäßig auf den heißen Asphalt.

Jimena fluchte noch einmal, laut und heftig.

La Loba – die Wolfsfrau

Während sie beobachtete, wie die Alte ein Auto nach dem anderen überholte, fiel ihr eine Legende ein. Die von La Loba – der Wolfsfrau. Es heißt, dass La Loba in einer Berghöhle zwischen den Steilhängen eines Indianerreservats haust, andere behaupten, sie am Rande des Highways bei El Paso gesehen zu haben, und wieder andere, sie sei in einem verbeulten Lastwagen mit zerschossenem Rückfenster Richtung Süden gefahren.

Was aber wäre, wenn sie im Brachland um Ciudad Juarez leben würde? Tagsüber tief gebückt durch die arroyos, die ausgetrockneten Flussbetten, kriecht, unter jedem Strauch und Stein nach Knochen sucht, sie in die Plastiksäcke stopft, die sie aus den Supermärkten stiehlt? Die Wolfsfrau sammelt die Knochen, die im Brachland in der Sonne bleichen: Zarte von jungen Frauen genauso wie von Wölfen.

Hat sie genug Knochen beisammen, legt sie die Alte zu einem Skelett. Und, wenn sich auch der letzte Rückenwirbel am rechten Platz befindet und das Gerippe schön säuberlich geordnet vor ihr im harten Wüstensand liegt, dann lässt sie ihre faltigen Hände darüber schweben und singt. Steht mit erhobenen Armen über dem Gebein und singt das Lied, das für diese – eine – Kreatur bestimmt ist.

Es dauert nicht lange, bis eine Spur von Fleisch über den Knochen sichtbar wird, bis eine Spur von Haut und Fell das Fleisch überzieht. La Loba singt, und die Kreatur unter ihr nimmt Gestalt an. Bald schon zuckt der Schwanz und peitscht den Sand vor Ungeduld. Doch sie singt weiter, bis die Wölfin zu atmen beginnt.

Lauter und tiefer singt La Loba, so tief, dass der Boden unter ihren Füßen zittert, und während sie noch singt, öffnet die Wölfin ihre bernsteinfarbenen Augen, springt auf und rast durch die Wüste davon. Nur wer Augen hat, die die Wölfin bis zum fernen Horizont verfolgen können, sieht, dass das Tier sich von einem Moment zum anderen wieder verwandelt und die Gestalt einer Frau annimmt – einer Frau, die sich laut auflachend schüttelt und hinter dem Horizont verschwindet.

Die Wölfin in der Wüste

Als Jimena schließlich in die Gasse einbog, in der das einstöckige Gemäuer stand, in dem sie und der Patron lebten, waren nur wenige Fenster beleuchtet. Die Gasse lag nahezu im Dunkeln. Gegenüber ihrer Unterkunft brannte in einem kleinen Blechofen Spannholz. Um den Ofen herum hockten die Männer der Straße, selbstgebrannter Tequila wanderte von einem zum anderen. Jimena sah sofort, dass sie schon betrunken waren, allen voran der Patron.

Sie parkte den Wagen. Widerwillig stieg sie aus, ging zu den Männern und reichte dem Patron Schlüssel und Wochenlohn – letzteren im Umschlag, wie sie selbst ihn erhalten hatte. Natürlich zählte er nach, nickte, murmelte: „Du bist spät.“ und „Darüber sprechen wir noch!“ Jimena schwieg. Sie wollte ihn nicht reizen, schon gar nicht vor seinen Freunden. Einer der Männer forderte sie auf, sich zu setzen, doch der Patron winkte sie weg. Damit war sie entlassen.

Zwei tortillas mit Salz und Zitrone und eine Tasse Kaffee später, zog sie sich in den abgetrennten Raum zurück, der als ihr Zimmer galt. Die Luft war stickig und schal; die Fensteröffnung mit Pappkarton geschlossen. Sie mochte das nicht, nicht in ihrem Zuhause. Deshalb schob sie den Karton zur Seite, atmete die trockene und staubige Luft tief ein. Da hörte sie es.

Wie alle Frauen in Ciudad Juárez.

Die Wölfinnen finden immer wieder zurück, ausnahmslos. Wenn sie ihre Freiheit genossen, wo immer sie ihre neue Heimat gefunden haben… Sie laufen tagelang, bis sie eines Nachts im Brachland La Loba finden, die sie willkommen heißt. Dann fängt eine Wölfin an zu heulen und die anderen stimmen ein.

Dieses Geheul begleitet nachts die Frauen der Stadt.

Man sagt, dass Frauen auch Glück haben können: Wenn sie allein in der Wüste herumlaufen, sich verloren vorkommen und todmüde sind. Vielleicht treffen sie eine alte Indianerin, die ihnen etwas vom Leben der Seele zeigt.

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