Nebiga

Wie die Wildkatze ins Haus fand

Afrikanische Wildkatze liegend

Die Wildkatze ist Wildtier des Jahres 2018. Was wissen wir von ihr? Sie ist scheu, ortstreu und war in früheren Jahrhunderten in Europa weit verbreitet. Doch vor ein paar Jahren war sie in Deutschland fast ausgestorben. Das hat sich mittlerweile wieder gebessert, allerdings steht die Europäische Wildkatze immer noch auf der Roten Liste. Mit einem Bestand von rund 5.000 bis 10.000 Tieren in Deutschland gilt sie als „gefährdet“ und darf nicht gejagt werden.  Sie ist übrigens NICHT die Ahnherrin unserer Hauskatzen!

Die Afrikanische Wildkatze dagegen schon. Wie das kam? Die Dorfältesten der Shona aus Simbabwe erzählen es so – oder so ähnlich:

Die Wildkatze träumt

Feuchte Erde und Nebel in der Luft, verrottende Pflanzen, stehendes Wasser – es riecht nach Wurzeln und nach Gras; nein nicht nach Gras, mehr nach Farnen … nach Hängemoosen, Efeu und Lianen.

Jeder einzelne Baum hat einen eigenen Duft – und es gibt viele davon: Palmen, Pinien, Mahagoni – manche riechen bitter, andere süß oder sauer. Liegt Tau auf den Blättern intensiviert sich dieser Geruch noch und manchmal mischt sich das schwere Parfum einer Orchidee darunter oder das herbe Aroma einer Akelei.

So riecht er, der Nebelwald, viele nennen ihn auch Dschungel? Der Wald, von dem ich euch hier berichte, das ist ein richtiger Nebelwald. Einer, in dem es dampft und über den morgens eine Hauch weiße Schwaden hinwegzieht. Genauso wie die Netze der Seidenspinne, die in der Sonne glitzern.

Regenwald, Nebelwald, Dschungel

In diesem Nebelwald lebte einmal eine wilde Katze.

Sie lebte dort allein. Nachts schlich sie durchs Gehölz und jagte Mäuse und für untertags hatte sie ein bevorzugtes Sonnenplätzchen. Auf einem Stein neben einem Mahagonibaum sonnte sie sich und träumte, bis es wieder Zeit zu jagen war.

Sie lebte also ein gutes Katzenleben.

Doch eines Tages, als sie sich wieder einmal sonnte, wurde sie nachdenklich.

So ganz allein zu jagen, macht zwar Spaß, aber viel  lustiger wäre es zu zweit. Ich muss mir einen Mann suchen! Aber einen, der zu mir passt!

Für eine Katze kam natürlich nur der schönste, der stärkste, der größte aller Männer infrage: Ja, er musste das herrlichste Geschöpf des Dschungels sein!

und findet ihren Traum

Wie es der Zufall so wollte, kreuzte sie auf der Jagd in dieser Nacht den Weg eines Kuders – eines Wildkaters sozusagen. Ein stattliches Tier mit einem dunklen Streifen auf dem Rücken. Seine Stirn war schwarz gemustert als würde sie oft gerunzelt.

Ein Denker!

Sie war begeistert! Er nannte einen langen weißen Schnurrbart sein eigen. Der war viel länger als der ihre!

Was für ein herrliches Geschöpf!

Sie blinzelte kurz, stolzierte elegant an dem Kuder vorbei, lächelte und ließ dabei wie aus Versehen die Maus in ihrem Maul fallen. Ein paar Schritte weiter blieb sie beläufig stehen.

Der Kuder – ja nun, der war ein Kater – der verstand sehr wohl, was die Dame wollte.

Bald also schlichen die zwei zusammen im Dickicht umher, stöberten Mäuse auf, putzten sich gegenseitig und verbrachten viel Zeit zusammen. Sie waren glücklich und zufrieden.

Oder doch nicht?

Bis die beiden eines Nachts in das Revier eines Leoparden kamen. Der verfolgte gerade einen Hasen, huschte aus dem Gebüsch, rempelte den Kuder an und warf ihn in den Staub. Die Katze war schockiert, als sie das sah:

Wie sieht DER denn aus? Das Fell so staubig… mein Mann ist ja gar nicht schön! Bin ich nicht mit dem herrlichsten Geschöpf des Dschungels zusammen?

Nachdenklich betrachtete sie den Leoparden, der elegant den Hasen erlegte.

Leopard, Kopfansicht

Photo by Yigithan Bal from Pexels

Was für wunderschönen Flecken auf dem Fell! Diese Eleganz, diese Verwegenheit!

Hoch erhobenen Hauptes schritt die Dame nun an dem Kuder und dem fressenden Leoparden vorbei. Als sie letzteren passierte, zitterte ihr aufgerichteter Schwanz ein bisschen. Kurz vor der Wegbiegung blieb sie stehen, blickte zurück, wartete.

Auch ein Leopard ist ein Kater. Bald schon legte er der Wildkatze Leckerbissen zurecht, schaukelte mit ihr auf einem Ast und sie schlugen sich gemeinsam die Nächte um die Ohren. Sie waren also glücklich und zufrieden.

Herrlich, herrlicher, am herrlichsten

Eines Tages aber

Booooooaaaahhhhh

brüllte ein Löwe plötzlich von seinem Fels und schreckte den Leoparden aus seinem Mittagsschlaf.  So tief hatte der Leopard geschlafen, dass er verwirrt seinem Instinkt gehorchte und davonrannte. Die Wildkatze aber blickte ihm auf dem Ast liegend nach und schwang ihren Schwanz hin und her.

Ist der schreckhaft! So ängstlich kann das herrlichste Geschöpf des Dschungels nicht sein.

Dabei fiel ihr Blick auf den Löwen, der lässig fressend auf seinem Fels kauerte.

Ach, diese Mähne… wie majestätisch…

Löwe männlich, Wildkatze

Photo by Frans Van Heerden from Pexels

Auch der Löwe verstand schnell und so taten sich die beiden zusammen. Sie verbrachten so manche Nacht zusammen – jagten. Der Löwe teilte allerdings nur ungern, eine Maus war mit einem Haps weg. Meist wollte er sogar ihre Beute fressen. Und… noch etwas: Jeden Morgen murmelte er so etwas Ähnliches wie „Regierungsgeschäfte“ und verschwand.

Seine Ehefrauen! Was die immer wollen? Wo bleibe ich? Ich bin doch die Katze unter den Katzen!

Aber noch bevor unsere Wildkatze zeigen konnte, dass sie ihre Krallen einzusetzen wusste, kamen die beiden in das Revier einer Elefantenherde. Ein Elefant wanderte zum nächsten Baum, um zu fressen. Da trat er dem Löwen versehentlich auf den Schwanz.

Des Widerspenstigen Zähmung

Uiiiiii… schrie der Löwe und war weg.

Da rennt er – hab ich’s doch geahnt! Was ist der wehleidig! Der ist nicht würdig, mein Mann zu sein!! Ich verdiene …

Ja was wohl? Wir wissen, was jetzt kommen muss:

Afrikanischer Elefant, Kopf, Rüssel erhoben

Was hat der Elefant für schöne, große Ohren und stark ist er und groß!

Wie gewohnt schritt unsere Wildkatze knapp vor dem Elefanten vorbei. Sie blinzelte, sie strafte ihn mit Missachtung…

Nur der Elefant – der war ziemlich begriffsstutzig. Er schüttelte die Ohren und fraß gemächlich weiter.

Unsere Katze setzte wirklich alle ihre Verführungskünste ein, grad, dass sie sich nicht vor ihm rollte. Nichts schien zu wirken.

Na warte!

Entschlossen kletterte sie auf den Baum, an dem der Elefant fraß, balancierte einen Ast entlang und sprang auf den Kopf des Dickhäuters. Dort zwischen den Ohren kreiste sie ein paar Mal, trat ein bisschen auf der Lederhaut herum und machte sie es sich bequem.

Ahhh…

Zufrieden rollte sie sich zusammen und schnurrte.

Elefant und Wildkatze: Szenen einer Ehe

Der Elefant, zuerst empört, bemerkte schnell, wie angenehm so eine Massage war. Sein Kopf fühlte sich außerdem leichter an, jetzt, als er der Sonne nicht unmittelbar ausgesetzt war. So beschlossen also beide, es miteinander zu versuchen.

In den ersten Tagen gab es ein  paar Schwierigkeiten. Man musste sich aneinander gewöhnen: Die Katze konnte sich mit der veganen Kost nicht so richtig anfreunden und der Elefant? Der verabscheute Mäuse in jeglicher Form.  So einigten sie sich, dass die Wildkatze jagte, wenn der Elefant seine Blätter fraß. Zwischen seinen Ohren aber hatte sie immer ein schönes, sonniges Plätzchen und so waren auch sie glücklich und zufrieden.

Naja…

Hey,  was wirfst du Rüpel mir jetzt Sand ins Fell? Was glaubt du eigentlich? Das ich den ganzen Tag putze, oder was?

Ja, es gab des öfteren solche Ärgernisse.

Wasser? Brrr, hör sofort auf herum zu spritzen!

Sie stellte sich schon mal die Frage, ob der Elefant wirklich der Richtige für sie war. Trotzdem verließ sie ihn nicht. Er war ja nun einmal das… HERRLICHSTE GESCHÖPF DES DSCHUNGELS!

Die Wildkatze und der Herr des Feuers

Doch – eines Tages, als sie auf dem Kopf des Elefanten so vor sich hin döste, trompetete dieser plötzlich laut. Panisch klang das, eigentlich. Sie schreckte auf, sprang auf den Boden. Gerade rechtzeitig! Denn der Elefant stürmte so schnell er konnte davon.

Verblüfft sah sich unsere Katze um. Sie roch Rauch.

Feuer Rodung im Wald

Vor ihr stand ein – äh – eher kleiner Mensch, ein Mann, kahl und unansehnlich, aber umgeben von einem Feuerring. Die Hitze war fürchterlich und die Flammen fraßen die Erde um ihn herum leer. Ihm aber taten sie offenbar nichts!

War das etwa das herrlichste Geschöpf des Dschungels?

Geheuer war der Mann der Wildkatze nicht, auch nicht als die Flammen verlöschten. Sie beobachtet ihn lange, gut versteckt im Gehölz und folgte ihm schließlich im gebührendem Abstand in sein Dorf. Dort schlüpfte er in eine Hütte. Sie aber sprang auf das Strohdach und beobachtete vorsichtshalber weiter. So achtsam war sie, dass keiner der Dorfbewohner sie bemerkte.

Hier oben entdeckt mich niemand und ich habe nachts meinen Zeitvertreib! Mäuse gibt es genug!

Und so räkelte sich die Katze zufrieden der Sonne entgegen. Endlich hatte sie es gefunden – das herrlichste Geschöpf des Dschungels! Entspannt und zufrieden schlief sie ein.

Aber, was war das? Geschrei weckte sie. Gezeter, das aus dem Haus drang.

Die Katze entscheidet sich

Der Mann stolperte heraus, drehte sich um und sagte etwas. Dann duckte er sich und wich so einer Tonschüssel aus, die geflogen kam und am Boden zerschellte. Gleich folgte die nächste. Schnell brachte sich der Mann aus der Schusslinie, verschwand hinter der nächsten Hütte.

Verwundert lugte die Katze nach unten.  Da sah sie die Frau, die dem Mann mit einem Krug in der Hand nachsah.

Was für eine schöne Gestalt, die Figur – und das Fell – wie Mahagonirinde!  Ja, nicht der Mann ist das herrlichste Geschöpf, sondern die Frau!

Kurzentschlossen sprang die Katze vom Dach, schlich sich an den Beinen der Frau vorbei ins Innere des Hauses und legte sich neben das Feuer.

Und dort liegt sie noch heute.

Schnurrrrr…

Beitragsbild: Von Sonelle in der Wikipedia auf Englisch – eigenes Werk

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