Leo Nerdette

Leben heute: Was macht denn eine Muse so?

Muse unterwegs

Künstler*innen ohne Muse sind arm dran, heißt es. Aber ehrlich – wozu lässt sich heutzutage eine Muse überhaupt gebrauchen? Was macht die so?

Das kommt darauf an. Am besten ich erzähle euch von Finn…

Finn trägt einen abgetragenen Hut von Tom Waits und ist wie der Sänger „leptosom“: Ein Spargelzacken eben – mit dem Gesicht eines Rauhaardackels und der Stimme des Blues.

Er fährt Rad und mit ihm seinen Regenschirm spazieren. Ich stelle mir gern vor, wie er den Schirm zusammenrollt und mit einem Klettverschluss am Oberrohr befestigt; über das er sein rechtes Bein schwingt und ins Pedal tritt, um los zu fahren.

Beobachtet habe ich ihn dabei noch nie, denn Finn fährt Rad wie andere Porsche – rasend: Er taucht unerwartet auf und genauso verschwindet er wieder. Sein Gefährt röhrt nur nicht. Ihn zu halten ist unmöglich; ihn dazu zu kriegen zurückzukehren, wahrscheinlicher. Launisch ist er, fordert Aufmerksamkeit und zappelt herum, wenn er mich küsst.

Aber wie er riecht! Einmal an ihm geschnuppert und schon begrüßt mich ein Augustmorgen im Wald. Was so gar nicht zu ihm passt, weil Finn zur Stadt gehört – durch und durch: Röhrenjeans, Sakko und Fliege inbegriffen. Es grenzt an ein Wunder, dass er mich auf dem Land so oft besucht.

Er genieße die Ruhe, sagt er.

Welche Ruhe?

Wenn ER da ist, habe ICH keine. Finn ist nämlich meine Muse, männlich – der Beste seines Fachs.

Was es bedeutet, wenn die Muse ein Mann ist

  • Das kann nicht sein!
Musen-Sarkophag

„Musensarkophags“ (2. Jahrhundert n. Chr.), gefunden an der Via Ostense, heute: Louvre, Paris

rief ich mit zwölf aus, als er mir erklärte, wer er war.

In griechischer Mythologie machte mir damals niemand etwas vor.

  • und das weißt du, weil…?

fragte er.

  • Ich hab‘ Bilder gesehen. Alle haben Kleider an und so…
  • Natürlich. Du hast auch drunter geschaut…

Seit damals küsst meine Muse mich. Hin und wieder;  manchmal mehr, manchmal weniger – nicht immer willkommen: Dichten ist – wie ihr wisst – eine Kunst. Eine brotlose vor allem und so murmle ich jedes Mal vor mich hin:

  • Was schreibst du denn da? Das bringt doch nichts!

Sätze, die Finn ignoriert. Er ist eben ein Mann und folgt seinem eigenen Kopf.

Was es nicht gerade fördert, das Musen-Sein.

Finn  küsst dann, wann er will. Er denkt nicht daran aufzutauchen, wenn ich Abstrakte schreibe, Gliederungen, ein Konzept; wenn ich  Abgabetermine einhalten oder  Präsentationen produzieren muss.

  • Da hätt ich mal ein paar Ideen brauchen können!

maule ich, ernte aber nur einen erstaunten Blick.

  • Ich habe schließlich noch anderes zu tun!

Vom rechten Augenblick

UhrenWehe aber, ich stehe mit dem Kind auf dem Arm vor dem Supermarkt und packe mit einer Hand den Einkauf in den Kofferraum. Das Kind brüllt. In einer halben Stunde habe ich einen Interviewtermin, muss vorher noch  Einkäufe und Kind abliefern, Laptop holen – mir läuft die Zeit davon.

Da… fühle ich den Kuss auf der Stirn.

  • Nicht jetzt, Finn!

Beleidigt radelt er davon und lässt sich nicht mehr blicken – wochenlang. Um morgens um vier aufzukreuzen: Küsst mich versöhnlich auf die Schulter.

  • Das meinst du nicht ernst, oder?

murmle ich.

  • Nutze die Stunde der Inspiration!

Klar werfe ich das Kopfkissen; ins Leere. Ich grunze zufrieden, falle ins Bett zurück: Ahhh… Timing ist Finns Sache nicht.

Und dann noch seine Eifersucht! Nein – er hat nichts gegen Männer an sich. Bloß gegen solche, die mit mir zusammen wohnen und das gilt auch für meinen Sohn. Meine Muse teilt nicht mit anderen, schon gar nicht meine Aufmerksamkeit.

Kein Kuss, kein Gruß. Funkstille.

Ghosting nennt man das heute wohl.

Schutzgott meiner Kunst

Schutzgott mit Porky PieSo ruhig könnte ich leben! Warum also tu ich mir das an?

Weil…

Sobald mich ein Sommergewitter überrascht, überholt Finn mit seinem Rad. Bleibt stehen, steigt ab, spannt seinen Regenschirm  und hält ihn über mich. Ich rieche  Sonnenlicht auf Tannennadeln, lehne mich an ihn. Konfetti rieselt auf mein Haar.

Und weil…

Finn mir die Holzscheite einzeln reicht, mit denen ich das Feuer meiner Wut schüre. Den Hut, den abgetragenen, dreht er demütig in der anderen Hand; sein Rauhaardackelgesicht lächelt verschmitzt und mit Blues in der Stimme fragt er:

  • Wie sollen wir diesen hier nennen? Neid? Selbstmitleid? Oder allein dir zugefügtes Unrecht?

Das hält niemand lange durch; ich jedenfalls nicht.

Besonders aber, weil…

Er mich in jenen Momenten am liebsten küsst, in denen alle um mich herum genau wissen, was Sache; ihr Meinungskorsett fest geschnürt ist – die Taille geformt, der Busen gehoben und der Bauch schön flach.

  • Sieh nur, wie alles passt!

staune ich – voll der Bewunderung.

  • Papperlapapp,

knurrt Finn,

  • viel zu geformt und steif. Wo sind die Pölsterchen, die Kanten, die losen Fäden?

Finns Kuss schärft meinen Verstand, spitzt die Krallen und meine Zunge dazu. Als Muse, findet er, hat er nur ein Ziel – mich  und meine Kunst am Atmen zu halten. Dichten muss ich können. Sonst nichts.

  • Ähhh… leben doch wohl auch…
  • Red‘ keinen Unsinn!

sagt er.

  • Das ist eben die Kunst.

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