Liebeskummer so still
Leo Nerdette

So still kann Liebeskummer sein

Eine Geschichte über Liebeskummer? Ist das erzählenswert? Die Zeit heilt ja alle Wunden und der Wald ist bekanntlich voller Bäume… Wenn Familie und Freunde raten, sind solche Sätze leicht gesagt.

Doch es gibt Liebeskummer, der klebt an der Seele wie Kaugummi. Er zieht Fäden, selbst wenn der Grund dafür schon lange vergangen ist.

Der Zug teilt die Dämmerung

Er steht mitten in der verschneiten Landschaft. Leichte Schneeflocken umwirbeln ihn: Sie bleiben nicht am Boden haften.

Zoom –  die Kamera zieht die beleuchteten Fenster näher. Wir sehen hinein: Reisende schlafen, lesen, wischen eine Seite nach der anderen in ihrem iPad.

Die Tochter schmiegt ihre türkis besockten Füße an die Oberschenkel der ihr gegenüber sitzenden Mutter. Halb verschwindet sie im blauen Überzug der Sitze, gemütlich gekuschelt, Quartettkarten in der Hand. Sie mustert diese aufmerksam, wobei sie leicht mit der Zungenspitze zwischen den Lippen hin und her wandert.

„Ich habe 2.480 Kubikzentimeter Hubraum“, sagt die Mutter und blickt auf die oberste Karte ihres Stapels.

Sie schickt einen auffordernden Blick hinüber zu ihrem Kind; ihre linke Augenbraue hebt sich kurz; die rechte Hand streckt sie fordernd aus.

„Gemein“, hört sie aus der gegenüberliegenden Ecke, grinst zufrieden und packt das Kartenpärchen, das sie gewonnen hat, zur Seite auf den kleinen Tisch unter dem Fenster.

Mit einem Blick auf die nächste Karte ruft sie: „24.600 Euro Neupreis!“

„Hah“, kontert die Tochter, „58.650 Euro. Die gehört mir!“

Jetzt winkt das Kind erwartend, nimmt die Karte entgegen und legt sie gemeinsam mit ihrer auch auf einen Stapel neben sich. Verglichen mit dem ihrer Mutter ist dieser höher.

PING

Die Mutter wendet den Kopf, kurz nur, kontrolliert jedoch gleich wieder ihre Karten.

PING

Zweimal hintereinander? Grund genug, die Karte mit dem Deckblatt nach oben auf den Tisch zu legen. Sie kramt im Leinenrucksack neben ihr. Ein Duft von Wurst und Käse zieht zu den mitreisenden Nachbarn.

Sie hangelt ein rosa Smartphone heraus, tippt auf das Display.

„Nina“, erklärt sie ihrem Kind und liest:

Liebeskummer!

Er versteht mich nicht.

Das Kind scheint sie nicht gehört zu haben:

„7,2 Sekunden Beschleunigung“, sagt es und stupst die Mutter mit ihren Zehen.

„Warte mal, ich muss antworten.“

Die beiden Daumen rasen übers Display:

Warum verstehen, sollte er dich nicht bloß lieben?

Schließlich legt sie das Smartphone auf den geöffneten Rucksack, aber so, dass sie es im Blick behalten kann. Leicht streicht sie über die Zehen des Kindes und wendet sich wieder den Karten zu; wiegt den Kopf.

„Hmm, hast du meine Karte angeschaut?“, fragt sie misstrauisch.

„Natürlich nicht! Mach schon, Mama!“

„4,6 Sek…“

PING

Ich will doch nur…

Die Mutter schielt verstohlen zum Handy hinüber.

„Was ist jetzt wieder?“ stöhnt das Mädchen. „Mama!“

PING

…, dass er mich so liebt, wie ich ihn

„4, 6 Sekunden“, beendet die Mutter ihren Satz. Irgendwie lustlos. Sie schielt zum Smartphone. Abwesend reicht sie dem Kind die Karte, während sie das Gerät mit der anderen Hand hochhebt. Sie tippt:

😮

Wenn eine zu viel ist

„423 PS…“ – Stille – „Mama!“

Ungeduldig klopfen Zehen auf die Oberschenkel der Mutter, bis schließlich die Fußsohlen treten.

„Bin ja eh schon da!“

Die Mutter reißt ihre Augen vom Display los.

„Lass mich nachsehen…“, sagt sie, „ja, 226 PS!“

Die Tochter nimmt die Karte wieder entgegen, legt sie zur anderen und überlegt gerade, welche Eigenschaft sie nehmen soll…

PING

Das Kind verdreht die Augen.

Hey, nimm mich ernst, bitte. Ich bin ein Desaster!!!!!!

„Weißt du was?“, entscheidet die Mutter. „Wir machen Schluß. Sagen wir, du hast gewonnen! Dein Stapel ist sowieso höher.“

Entschlossen schiebt sie den Kartenstapel vom Tisch unter denjenigen in ihrer Hand und stopft alles in die Plastikschachtel des Quartetts.

„Och“, murmelt das Kind noch – ungehört.

Was ist passiert?

Er trifft seine Kumpels.

Ja und? – Oh, ich verstehe. Er hat ein Leben.

Aber eines ohne mich!!!!

Langsam zieht das Mädchen die türkis besockten Füße zurück. Es setzt sich gerade.

Ein leichter Geruch von Zimt und Vanille weht zur gegenüberliegenden Seite, von Omas Keksen von heute morgen. Die Mutter merkt nichts, ist vertieft in ihr Gespräch.

Als der Zug endlich doch noch anfährt, fischt das Kind sein Smartphone aus der Hosentasche.  Lustlos sucht es ein anderes Spiel.

Apps gibt es ja genug.

Tipp für den 5. Dezember

adventAm  heutigen Feierabend – bei Kerzenlicht, mit Glühwein und Keksen:

Vergiß dein Handy einfach! Irgendwo…

Stell es aber vorher noch stumm! 😉

Auch andere Geräte kommen heute am besten nicht mehr zum Einsatz.

  • Wer Kinder und/oder Freunde zu Besuch hat , könnte die Lücke mit einem Tischspiel füllen. Vielleicht packt ihr sogar das Lieblingsspiel aus! Wann hast du das letzte Mal Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt – Halma oder Mühle?
  • Du sitzt heute allein auf dem Sofa? Macht nix, nimm Stift und Papier und zeichne, wem du aller was schenken möchtest. Musik hören ist erlaubt, ohne Kopfhörer!

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Wasser fließt
Nebiga

Wie einer lernte, dass Wasser fließt

Wo Wasser fließt, ist Leben, heißt es. Für ein Inselvolk bedeutet das Fließen scheinbar aber noch mehr:  Japan ist umgeben von Wasser. Salzigem Wasser.

Die Japaner jedoch danken jedes Jahr der Wassergöttin und ihren Wesen: den Schildkröten, Schlangen, Fischen – und ganz besonders ihren Lieblingen, den Drachen. Sie danken jeder Quelle, jedem Reis-Kanal, jedem Fluss und jedem Tank – für Wasser, das fließt; für Wasser, das sie trinken können.

Suijin Matsuri heißt das Fest. Einmal feiern sie es im Juni, einmal im Dezember – genauer gesagt am 1. Dezember. Heute also. Deshalb ist hinter dem ersten Fenster ein japanisches Märchen versteckt:

Der Fischer hilft einem Wasserwesen

Urashima Taro befreit die SchildkröteDer gutaussehende Fischer, Urashima Tarō, ging eines Abends den Strand entlang nach Hause. Da sah er eine Gruppe von Kindern, die eine Schildkröte drangsalierten und vor sich hertrieben.

Hey, hört sofort auf damit. Niemand sollte Tiere quälen, rief er, sobald er erkennen konnte, wie die Kinder das Tier behandelten.

Was willst du, alter Mann? Kümmere dich um deine Angelegenheiten, kam es zurück.

Weil Urashima Tarō sah, dass die Kinder die Schildkröte weiter mit Stöcken schlugen, entschloss er sich, das Tier zu kaufen. Darauf gingen die Kinder sofort ein, schnappten das Geld und liefen davon. Urashima Tarō aber trug die Schildkröte zum Meer und ließ sie frei. Er blickte ihr nach, bis sie hinter dem Horizont verschwunden war.

Zufrieden wanderte er nach Hause.

Vom Dank einer Schildkröte

Drei Tage später fuhr er wieder aufs Meer hinaus, um zu fischen.  Als er in seinem Boot saß, das Netz ausgelegt hatte und wartete, hörte er eine Stimme:

Urashima Tarō! Urashima Tarō! Hörst du mich?

Schscht, du verscheuchst mir die Fische.

Fischermann, Urashima Tarō! Sieh her?

Schscht, siehst du nicht, wie sie ins Netz schwimmen wollen?

Fischer, hör doch zu!

Oh,,, jetzt haben sie es sich überlegt…

Bedauernd beobachtete Urashima, wie ein der Schwarm Meeresbrassen das Weite suchte. Er wandte sich um, der Stimme zu und entdeckte die Schildkröte, die neben seinem Boot schwamm. War es etwa die, die er gerettet hatte?

So dankst du mir? Verscheuchst einfach die Fische!

Setz dich auf meinen Rücken. Mein Dank soll der Dank meines Herrn sein, der Dank des Watatsumi. Ich bringe dich zu ihm.

Matsuki Heikichi(1899) Urashima
By Matsuki Heikichi, aka Matsuki Tōkō (松木東江 1836 – 1 Jul 1891

Der junge Fischer war nicht nur gutaussehend, sondern auch neugierig – daher stieg er auf den Rücken des Tieres. Flugs ging es durch das Wasser; die Schildkröte tauchte sogar unter und brachte den Fischer bis zur Mitte des Meeresbodens, direkt zum Drachenpalast – zum Heim des Drachenkönigs Watatsumi.

Vom Leben im Drachenpalast

Dort empfing ihn nicht nur der König persönlich, nein, auch alle anderen Bewohner des Palastes. Unter ihnen lugte neugierig Watatsumis wunderschöne Tochter, die Drachenprinzessin Otohime, auf den Fremdling. Ein Blick nur und Urashima Tarō verliebte sich in sie.  Der König gewährte ihm die Hand des Mädchens, weil er ja ein Retter war.

Das Paar lebte drei Jahre lang ein glückliches, schönes und sorgloses Leben.

im DrachenpalastIn diesen drei Jahren sah Urashima Tarō, dass er sehr zufrieden war.

Er genoß täglich zuerst die östliche Seite des Palastes, wo Frühling, dann die südliche Seite, wo Sommer und die westliche Seite, wo Herbst und schließlich die nördliche Seite, wo Winter herrschte.

Auch erfreute er sich an den Delfinen, an den Schildkröten, an fallendem Laub und dem Glitzern der Schneeflocken. Vor allem erfreute er sich aber an seiner Frau.

Dann kam der Tag…

Eines Tages jedoch wurde er unruhig. Anfangs war es nur ein zartes Flimmern im Herzen, ein scheue Winken eines Gedankens.

Am Beginn war es leicht für ihn, das Gefühl, das ihn dabei befiel, weg zu schieben.

Je mehr Wasser floß desto heftiger wurde sein Sehnen. Aus dem scheuen Zittern wurde ein Beben. Es fühlte sich an, als würde ein Fels vom Berg ins Tal donnern: Der Gedanke setzte sich morgens in seinem Kopf fest und blieb den ganzen Tag. Er nahm seinem Herzen die Freude.

Traurig nahm er schließlich seine Frau zur Seite:

So geht es nicht weiter. Ich muss nach Hause zurück!

Warum nur? Sieh nur, wie schön wir es haben!

Das haben wir, ich liebe es, dieses Leben! Aber ich vermisse auch meine Eltern.

Wenn du gehst, wirst du mich vermissen – und ich dich.

Ich komme ja wieder, mein Herz… ein Blick nur, ein kurzer Besuch. Ich will sehen, ob es ihnen gut geht. Ich will ihnen Respekt erweisen. Dann kehre ich zurück.

Weil es wichtig ist, Eltern zu respektieren, rief Otohime schließlich ihre alte Freundin, die Schildkröte. Ihrem Mann reichte sie ein tamatebako.

Diese Schachtel soll dich begleiten. Öffne sie nicht, bringe sie geschlossen zu mir zurück, Liebster!

Die Schildkröte nahm Urashima Tarō wieder auf ihren Rücken und schwamm an Land zurück.

Wie stetig Wasser fließt

Kaum am Strand angekommen, eilte der junge Fischer in sein Dorf. Aber er erkannte dort niemanden mehr. Sein eigenes Haus fand er verfallen und unbewohnt vor.

  • Was war nur los?
  • Wo sind alle geblieben?
  • Was waren das für Leute?
  • Was ist passiert?
  • Wer nur konnte es ihm erklären?

Voller Fragen machte sich Urashima Tarō auf, die Antworten zu finden, Er befragte jene Menschen, die nun in seinem Dorf lebten. Er erkundigte sich, ob jemand von einen jungen Mann namens Urashima Tarō gehört hätte oder ihn gar kannte.

Keiner kennt Urashima Tarō

Niemand konnte sich an einen solchen Mann erinnern.

Der Fischer wunderte sich mehr und mehr. Fast schon gab er auf zu fragen, als er einen sehr alten Mann fand. Dieser Mann saß vor seinem Hausihn und als Urashima ihn fragte, nickte er bedächtig.

Ja, ja, mein Vater hat mir erzählt… Von einem Mann, einem Fischer namens Urashima Tarō.

Dein Vater?

300 Jahre später

Das ist eine dieser Geschichten, die sich früher die alten Leute gerne erzählten, wenn sie auf den Sonnenuntergang warteten. Der Großvater meines Vaters hat sie ihm erzählt… und mein Vater mir… Urashima Tarō – ja so war der Name. Ein Fischer! Ein tüchtiger Mann! Er war vor langer, langer Zeit hinausgefahren, hinaus aufs Meer – und niemals zurück gekommen.

So erfuhr Urashima Tarō, dass die Zeit vergeht, wenn Wasser fließt: Drei kurze, glückliche Jahre im Drachenpalast – und an Land waren 300 Jahre vorbeigerast.

Die Erkenntnis traf den jungen Fischer. Er rannte blind los, irgendwohin, einfach fort! Am Strand schließlich setzte er sich zum Wasser, grübelte und grübelte – und vergaß darob seine Frau, die schöne Drachenprinzessin und ihre Worte.

Ein vergessenes Tamatebako

Verwundert blickte auf das  Schächtelchen, als er es zufällig in seiner Tasche fand.

So wird Urashima gewahr, dass Wasser fließt

Urashima trauert am Strand Quelle: Bodleian Bibliothek der Universität Oxford

Was war denn das?

Neugierig öffnete er die Schachtel. In diesem Moment stieg weißer Rauch auf.

Urashima Tarō verwandelte sich; er wurde älter und älter bis sein Spiegelbild nur noch einen sehr alten Mann mit weißem Haar, langem Bart und krummen Rücken zeigte. Doch es hörte nicht auf.

Er alterte immer weiter und weiter…

Bis er starb – und zu Asche zerfiel.

Bei der nächsten Flut aber, trugen die Wellen sein Asche fort.

Erlebnistipps fürs 1. Fenster:

Zu einem Adventskalender gehört es, gemeinsame Erlebnisse zu schaffen. Deshalb gibt es in unserem Adventskalender hinter dem Fenster noch ein Fenster – das ist gefüllt mit Tipps für euch. Tipps, wie er den Tag zum Erlebnis machen könnt. Hier jetzt meine Vorschläge für den 1. Dezember:

  • Schau dir mit den Kindern noch einmal Chihiros Reise ins Zauberland an! Wer den Film nicht kennt: Auch in ihm spielt es eine Rolle, dass Wasser fließt. Der Zeichentrickfilm des japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki hat es verdient, dass du ihn dir auch zweimal oder mehrmals anschaust: Er ist der weltweit zweiterfolgreichste japanische Film und sammelte unzählige Preise, darunter den Oscar für den besten animierten Spielfilm und den Goldenen Bär der Internationalen Filmfestspiele in Berlin.
  • Male den Drachenpalast des Königs Watatsumi mit seinen vier Jahreszeiten… auch wenn du keine Kinder hast! Es macht trotzdem Spaß!
  • Wann hast du das letzte Mal Origami ausprobiert? Ein Schächtelchen wie das von Otohime kriegst du hin! Und hör dazu Musik, die du magst – es müssen auch keine Weihnachtslieder sein 😉

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