Als zwei Aborginies sich zeichneten
Nebiga

Als zwei Aborigines einander zeichneten

Weihnachten in Australien ist eine ganz eigene Sache. Es findet im Sommer statt. Am Strand zum Beispiel, wo alle kurze Hosen tragen oder Tücher um ihre Taille geschlungen haben, vor sich hinschwitzen, surfen oder in der Sonne braten. Mancher Europäer hätte Schwierigkeiten, sich darauf einzustellen, Santa Claus  – den Weihnachtsmann – willkommen zu heißen. Die meisten Australier plagen dagegen keine Bedenken. Außer die Aborigines.

Sie betrachten das weihnachtliche Theater skeptisch: Kurz gesagt, die Ureinwohner Australiens fangen herzlich wenig mit einem Mann auf einem fliegenden Schlitten an.

Von kulturellen Zusammenhängen

Vor allem, weil er zu den Briten gehörte, genau so wie er heute fester Bestandteil der Feiern der heute in Australien herrschenden Bevölkerungsgruppe ist. Der Gruppe, der viele Nomaden nach wie vor zurückhaltend gegenüber stehen. Kein Wunder: Einmal wurden die Aborigines durch die Briten fast ausgerottet. Wie alle indigenen Völker in der kolonisierten Welt starben sie wegen eingeschleppter Krankheiten und gewaltsamer Konflikte mit den fremden Siedlern. Zum zweiten ignorieren oder bevormunden die weißen Australier sie.

Heute gelten die Aborigines jedoch größtenteils als angepasst. Etwa drei Viertel leben in Städten und haben sich – so gut es ging – mit der seßhaften Lebensweise arrangiert. Jahrelang arbeiten sie, schaffen sich ein Heim,  Freunde und Beziehungen. Irgendwann, ganz plötzlich aber, verschwinden sie.

Er ist walkabout gegangen, schimpfen die zurückgebliebenen Kollegen im Job.

walkabout?

Ja, die verschwinden, die werden verrückt.

Ungläubig erzählen sie, wie der Verschwundene nach drei Jahren zurück kam und erwartete, dass seine Arbeit auf ihn gewartet hätte. Verrückt eben!

Die Aborigines sehen das naturgemäß anders. Fragt man einen von ihnen, bedeutet walkabout etwas  Anderes – es bedeutet einfach gehen.

Nach Hause gehen.

Ins Hinterland aufbrechen, um zeremonielle oder familiäre Dinge zu erledigen, heilige Stätten zu besuchen und mit Menschen, die einen verstehen, zusammen zu sein.

Ein lang anhaltendes Weihnachten halt!

Genau deshalb haben wir heute eine Geschichte der Aborigines für euch:

Was Aborigines über Känguru und Dingo erzählen

Lange wanderten die beiden Männer Kubabara und Buruk, bis sie den riesigen Felsen, Tor Rock, erreichten. Die Umgebung gefiel ihnen. Sie beschlossen, sich eine Weile dort niederzulassen.

Einige Zeit verbrachten sie damit, am Fuß des Felsens entlang zu wandern und entdeckten schließlich eine Höhle. Die Wände waren über und über mit Malereien bedeckt.

Schau Buruk, eine Schildkröte!

Und dort ein Emu… ich kann es deutlich erkennen. Auch die Menschen, die den Vogel jagen.

Es gab so viel zu sehen – die beiden verloren sich in den Träumen von Mensch und Tier. Die Sonne berührte fast den Boden, als Buruk vorschlug :

Komm, malen wir uns auch: Du malst mich und ich dich!

Doch dafür wurde es schon zu dunkel. So lagerten sie vor der Höhle.

Kubabara war das nicht geheuer. Sie hatten so lange mit den Zeichnungen verbracht, dass sie der Umgebung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatten.

Was, wenn die Seelen der Tiere uns angreifen?

Buruk lachte.

Es sind es nur Seelen. Wir warten, dann können wir fragen, wie es ist, eine Seele zu sein.

Kubabara war nicht so leicht zu überzeugen. Er nahm beim Schlafen vorsichtshalber die Haltung eines Hasen ein: Bereit beim geringsten Geräusch aufzuspringen und zu fliehen. Buruk dagegen kauerte sich zusammen, bereit eine Seele zu beschnüffeln.

In der Nacht aber gab es nur die Geräusche, die es immer gab: die Geräusche des Landes.

Eine Idee setzt sich fest

Am nächsten Morgen wanderten die beiden weiter. Sie wollten auch noch die andere Seite des Felsens erkunden. Darob vergaßen sie die Zeichnungen. Aber nicht für lange Zeit, denn an den Felswänden eines kleinen Bergs fanden sie weitere Felszeichnungen. Kaum entdeckten sie diese, erinnerten sie sich. Doch auch diesmal verschoben die beiden Männer ihr Vorhaben, sich gegenseitig zu zeichnen.

Schließlich gelangten Kubabara und Buruk in eine Gegend, die ihnen außerordentlich gut gefiel. Sie richteten eine bleibende Lagerstätte ein.

In deren Nähe befand sich sogar eine Felswand. Eine, auf der noch niemand gezeichnet hatte. Zu ihr gingen die beiden eines Tages und setzten ihr Vorhaben um – sie zeichneten sich gegenseitig

Native Drawings (kangourou)

Foto von Triton (Eigenes Werk) , GFDL http://www.gnu.org/copyleft

Wie schön, rief Kubabara, als er Buruks Bildnis sah. Er wollte nur noch als dieses Känguru weiterleben.

Auch Buruk gefiel seiDingo444n Abbild – und verwandelte sich sofort in einen Dingo. Genau so wie Kubabara ihn dargestellt hatte.

In dieser Gestalt lebten die beiden noch eine ganze Weile. Nachts schlief das Känguru wie ein Hase auf der Flucht. Der Dingo aber wie ein Hund, der neugierig wartet.

Dies ging so bis zu jenem Tag, an dem Kubabara und Buruk zu ihren Felsbildern zurückkehrten.

An diesem Tag erfüllten sie ihre Felszeichnungen mit Leben. Als Menschen kehrten sie nie mehr zurück.

Beitragsbild: Kata-Tjuta am Morgen. Foto von Dimageau

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Auf der Suche nach Wahrheit
Leo Nerdette

Wer sich heute auf die Suche begibt…

Die Suche nach Wahrheit? Wer sucht heute noch nach Wahrheit?

In den Tagen von #Fakenews weiß keiner mehr, was wahr ist: Derjenige, der am lautesten schreit, bekommt Recht. Derjenige, der mächtig ist und seine Interessen mit allen Mitteln – auch mit Lügen – durchsetzen will, bestimmt.

Dieser Mechanismus funktioniert zurzeit in Ungarn, in der Türkei, in Syrien, in den USA… überall dort, wo sich totalitäres Denken durchzusetzen beginnt.

Plötzlich tauchen Begriffe auf wie „postfaktisch“, wie „alternative Perspektiven“ oder „Tatsachen mit Spielraum“.

Wahrheit… die eine Wahrheit gibt es nicht, sagen die Leute. Es kommt eben auf die Perspektive an, aus der man etwas sieht. Es gibt so viele verschiedene Sichtweisen… wer kann schon wissen, was wirklich wahr ist? Wozu also sollte ich mir die Mühe machen, es herauszufinden.

Jeder, der so argumentiert, vergisst diejenigen, die sich tatsächlich auf die Suche nach einer möglichst allgemein gültigen Wahrheit begeben. Menschen, die ihr Leben dafür geben. Für etwas, das bloß ein Konstrukt ist – aber eben ein gültiges – Menschen, die sich auf die Suche nach Wahrheit machen.

Und sie bezahlen teuer, damit wir diese Wahrheit bekommen.

Wieviel Angst kostet Wahrheit?

Als sich die Lifttüre öffnete, entdeckte die Nachbarin ihre Leiche. Zwei Kugeln steckten in der Brust, eine in der Schulter und eine im Kopf.

Anna Politkovskaja rechnete mit ihrer Ermordung. Sie hatte Angst, lebte ständig mit ihr.

2005 sagte sie auf einer Konferenz zur Pressefreiheit:

Manchmal zahlen Menschen mit ihrem Leben, wenn sie laut sagen, was sie denken; manchmal sogar, wenn sie mir Informationen weitergeben. Ich bin nicht die einzige, die in Gefahr ist.

2001 floh sie zum ersten Mal aus Angst nach Wien: Ein Polizeibeamter wollte Rache nehmen. Politkovskaja hatte ihn beschuldigt, für Gewalttaten in Tschetschenien verantwortlich zu sein.

Lange hielt es sie jedoch nicht; sie kehrte wenige Monate später wieder nach Moskau zurück.

Trotz der Bedrohung… trotz der Angst um ihr Leben. Trotz der Anschläge, die sie überlebt hatte.

Ihre Freunde sprechen von mindestens neun.

Sie hätte sich ihr Leben leichter machen können: Als US-amerikanische Staatsbürgerin hätte sie sich eigentlich nicht darum kümmern müssen, wie Russlands Wahrheit aussieht.

  • Was also trieb sie zurück?
  • Was ließ sie im Gegensatz zu vielen anderen keine „Wahrheit“  akzeptieren, die einem Großteil der Betroffenen die Stimme nimmt?

Wie Demokratie erlischt

In ihrem posthum erschienen Russischen Tagebuch macht Politkovskaja den Anfang vom Ende an einem Ereignis fest. Ihr gilt es als das Ende der Demokratie in Russland: Die Geiselnahme von Beslan.

beslanb_2007_09_01Am 1. September 2004 um 9:30 Uhr stürmte eine Gruppe von Geiselnehmern die Mittelschule Nr. 1, in der Schüler im Alter von sieben bis 18 Jahren unterrichtet wurden.

Der 1. September ist in ganz Russland Schulbeginn, an dem die Erstklässler in Anwesenheit der Eltern und zukünftigen Mitschüler feierlich begrüßt werden. Oft kommen ganze Familien, um der Zeremonie beizuwohnen.

Drei Tage später beendeten russische Einsatzkräfte die Geiselnahme, indem sie das Gebäude stürmten. Dabei starben Kinder wie Erwachsene. Soweit lässt sich sagen, dass sich die Darstellungen gleichen.

Dann aber begann ein mühsames Ringen, um das, was wa(h)r.

Politkovskaja machte sich auf, Hintergründe zu erfahren. Sie wollte zeigen, was bevorsteht, wenn sich autokratische Machtmenschen politisch durchzusetzen verstehen.

Nur eine gründliche Suche zählt

Der Journalistin war bewusst: Sie würde nicht annähernd an die Wahrheit herankommen, wenn sie in ihrem Moskauer Büro blieb und offiziellen Kundmachungen lauschte.

Sie brach auf – mit drei harten Broten, drei Wanderstecken und drei Paar eisernen Schuhen, wie es in einem der beliebtesten russischen Märchen heißt, dem Märchen Das Federchen des Finist Hellfalke. In ihm sucht das schöne Mädchen ihren Geliebten Finist – den Phönix, der alle 500 Jahre aus der Asche wiedergeboren wird.

Für Politkovskaja bedeutete diese Suche vor allem Recherchearbeit vor Ort:  Jedes noch so kleine Stückchen Information offizieller Stellen musste überprüft werden.

  • Waren es nun 130 (offiziell) oder doch über 1000 Geiseln, wie Zeugen berichteten?
  • Die Anzahl der Geiselnehmer schwankte erheblich, man einigte sich schließlich auf mindestens 32.
  • Waren tatsächlich Araber unter ihnen, wie Armee und OMON-Spezialeinheiten durchsickern ließen?
  • Oder waren es ausschließlich Tschetschenen, wie die Betroffenen behaupteten.
  • Sogar die Zahl der Toten war umstritten: 331 nannten die Behörden, 394 wurden allein in einem Krankenhaus gezählt, 900 vermuteten Hilfsorganisationen.

Politkovskajas Ohr galt dem Erlebten

Was Politkovskaja für all jene, die behaupteten, die Wahrheit zu kennen, so gefährlich machte, war ihr Wissen darum, dass diese behauptete Wahrheit ohne die Stimme der Betroffenen gar nicht wahr sein kann; dass behauptete Tatsachen auch das Skelett für ein anderes Konstrukt – der Propaganda – bilden können.

Sie hörte Müttern zu, die ihre Kinder verloren hatten, Vätern, die mit diesen weinten; spürte die Trauer, die Angst und die Wut über die Verdunkelungstaktik der zuständigen Behörden. Diese Eltern wollten wissen, wie ihre Kinder gestorben waren. Doch die Behörden speisten sie mit Worthülsen ab.

Die Wahrheit stand auch für Politkovskaja nicht unveränderlich und absolut da.

Aber es gehörten Fixpunkte dazu, die nicht beiseite gewischt werden konnten: Geschehnisse in Russland, die zur Geiselnahme geführt haben. Verantwortlichkeiten. Zusammenhänge und auch aufgestaute Gefühle. In Tschetschenien, im ganzen Land.

All das versuchte die Journalistin zu benennen, in Worte zu fassen, um ihre Wahrheit möglichst wahr werden zu lassen. Wohl wissend, dass wir, die Leser, dem Gesagten nur vertrauen können, wenn sie ihre Arbeit gut machte. Ihr Phönix sollte nicht so schnell wieder sterben!

500 Jahre Leben wollte sie ihm geben.

Ihr eigener Tod ist dazwischen gekommen.

Und Finist?

Finist ist endgültig davon geflogen

Fotocredit

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Nebiga

Was bitte schön ist Glück?

Die Halbzeit von 28 Days of Blogging ist erreicht: Wir haben täglich gepostet. Manchmal war es knapp vor Mitternacht, aber wir haben es hingekriegt. Wir sind heute einmal so richtig zufrieden mit uns. Alle lehnen wir uns einen Augenblick zurück, denke ich. Alle, die bei dem Blogging-Marathon mitmachen.Wir betrachten, was wir geschafft haben, nicken uns zu, klopfen uns auf die Schultern und fühlen uns wohl. So wohl.

Ist das jetzt Glück?

Was Pech ist, weiß ich schon. Das hat mir Frau Wolle erzählt.  Wer’s auch noch wissen will, hört ihr am besten zu:

Glück ist: Liebe, Geld und Überleben

In diesem irischen Märchen fehlt zum Glück nicht wirklich viel: Etwas Liebe – ja – und eine Truhe mit Goldstücken. Ach – und den Wölfen weicht man am besten auch noch aus. Aber sonst…

Irlands durchschnittliches Glück lag 2005-2014 bei 7,5 von einer Skala zwischen 1 und 10.

Wo so etwas nachzulesen ist?

In der Weltdatenbank des Glücks, dem Archiv der Forschungsergebnisse zum subjektiven Empfinden von Freude. Dort sammeln die Glücksforscher dieser Welt die Resultate ihrer Studien. Sie haben einen Index entwickelt, mit dem sie das durchschnittliche Glücksempfinden der verschiedenen Länder bewerten. Irlands Glücksempfinden ist seit dem Beginn der Messungen Anfang der 70er Jahre um 3 Prozentpunkte gesunken.

Scheint so als würde Liebe, Geld und Überleben doch nicht ausreichen.

Deutschland liegt übrigens bei 7, 2. Der Spitzenreiter aber ist Costa Rica – mit dem durchschnittlichem Glücksempfinden von 8.9.

Ist ja auch kein Wunder! In Costa Rica scheint das ganze Jahr die Sonne; es gibt Meer, Freude und Tanz. Im Süden lebt es sich einfach besser, sagen die Leute. Am ehesten die, die dorthin auf Urlaub fahren.

Ja Costa Rica ist schön. Aber Costa Rica ist auch arm, sehr arm. Ein Vergleich: Das Bruttoinlandprodukt (BIP) des Landes liegt unter 50 Milliarden US-Dollar. Deutschland verfügt über 3, 73 Billionen US-Dollar.

Warum sind die Costa Ricaner also glücklicher?

Was wir heute über Glück wissen

Am besten fragen wir Ruut Veenhoven, den „Glücksprofessor“, der die Happiness-Datenbank gegründet hat. Er antwortet auf fünf Fragen. Als denn:

1. Was ist Glück?

Glück ist die subjektive Wertschätzung des Lebens. Mit anderen Worten, wie gut gefällt einem das Leben, das man führt.

2. Kann man Glück überhaupt messen?

Nachdem das Glück als etwas definiert ist, das wir im Kopf haben, kann es durch den Einsatz von Fragen gemessen werden. Eine gängige Frage ist: Alles in allem, wie zufrieden bist du zurzeit mit deinem Leben als Ganzes? Die Skala reicht von 0 – extrem unzufrieden bis 10 – extrem zufrieden. 

3. Wie glücklich sind wir?

Das divergiert von Land zu Land: Bei 7, 2 – dem deutschen Ergebnis – können wir davon ausgehen, dass die meisten Deutschen sich meistens glücklich fühlen.

4. Was macht uns glücklicher oder weniger glücklich?

Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: kollektives Handeln und individuelle Verhaltensweisen, einfache Sinneserfahrungen und höhere Erkenntnisse, stabile Eigenschaften der Person und ihres Umfelds, aber auch Launen des Schicksals.

(Mit einfachen Worten: Dieser Bereich ist ein gigantisches Forschungsgebiet. In jedem Land gibt es andere Faktoren. Viel Arbeit für die Glücksforscher!)

5. Ist größeres Glück möglich?

Ein Großteil der wissenschaftlichen Arbeit über das Glück wird von der Hoffnung getragen, Wege zur Schaffung größeren Glücks für eine größere Zahl von Menschen zu finden.

Hoffnung und Glück also: die beiden gehören offenbar zusammen. Wir hoffen, dass wir mehr Glück haben.

Doch bleiben wir bei heute: Wie steht es jetzt? Wie zufrieden sind wir alles in allem mit unserem Leben als Ganzes?

Wenn ihr so fragt…

SEHR ZUFRIEDEN!

Wie glücklich seid ihr heute? Das Kommentarfeld ist weiter unten! :)

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Nebiga

Im Handel um Finist Hellfalke (IV)

goldene_Faden„Gewiss ist das Finist Hellfalkes Reich,“ dachte das Mädchen. Sie setzte sich auf den Strand, stellte den silbernen Schemel und die goldene Spindel hin und fing an zu spinnen. Der goldene Faden zog sich aus!

Plötzlich kommt zum Ufer die Zarentochter mit den Ammen und Kinderfrauen, mit den treuen Dienerinnen. Sie erblickte das schöne Mädchen, blieb bei ihr stehen, und handelte um den silbernen Schemel und die goldene Spindel.“

„Lass mich, Zarentochter, nur einmal Finist Hellfalke sehen, und ich will sie dir umsonst eintauschen „, antwortete das schöne Mädchen.

„Aber Finist Hellfalke schläft immer. Er befahl, niemanden vorzulassen. Nun denn, gib mir deinen silbernen Schemel und deine goldene Spindel, dann werde ich ihn dir trotzdem zeigen.“

Die Zarentochter nahm den Schemel und die Spindel und ging ins Schloss. Sie steckte Finist Hellfalke eine Zaubernadel in den Rock, damit er möglichst fest schläft und möglichst lang. Dann befahl sie den Ammen, das schöne Mädchen ins Schloss zu führen. Sie selbst ging so lange spazieren.

und er schlief und schlief und…

Lange härmte sich das Mädchen und weinte. „Wach auf, wach auf, Finist Hellfalke, ich bin da. Drei eherne Wanderstecken brach ich entzwei, drei Paar eiserne Schuhe nutzte ich ab, drei steinharte Weihebrote verzehrte ich, und überall suchte ich dich, du mein Lieber!“ …

Aber Finist Hellfalke schläft und kann nicht aufwachen.

Als sie genügend umhergelaufen war, kehrte die Zarentochter nach Hause zurück. Sie jagte das Mädchen fort und zog die Nadel heraus.

Finist Hellfalke erwachte. „Oh, wie lange habe ich doch geschlafen! Hier war jemand“, sagte er, „immer weinte er über mir und wehklagte. Doch ich konnte die Augen nicht öffnen.“

„Das hast du bloß im Traum gesehen“, versetzte die Zarentochter, „hier war niemand.“

Am andern Tag sitzt das schöne Mädchen wieder am Strand des blauen Meeres und rollt das goldene Ei zu der silbernen Schüssel. Heraus kam die Zarentochter zu lustwandeln, erblickte das Mädchen und bat: „Gib sie mir her!“

„Lass mich Finist Hellfalke sehen, so will ich sie dir umsonst eintauschen.“

Die Zarentochter willigte ein, und wieder steckte sie Finist Hellfalke die Zaubernadel in den Rock. Wieder weinte das schöne Mädchen und kann Finist doch nicht aufwecken. „Wach doch auf, du, erwache mein heller Zarensohn! Sieh doch, ich bin da. Drei eherne Wanderstecken brach ich entzwei, drei Paar eiserne Schuhe nützte ich ab, drei steinharte Weihbrote verschlang ich, und immer suchte ich dich, Geliebter!“

Aber Finist Hellfalke schläft und kann nicht aufwachen.

Als sie reichlich umhergelaufen war, kehrte die Zarentochter heim. Wieder verjagte sie das Mädchen und zog dann die Nadel heraus.

Finist Hellfalke wachte auf. „Oh, wie lange habe ich doch geschlafen! Hier war jemand „, spricht er, „immer weinte er über mir und wehklagte. Doch ich konnte die Augen nicht gar nicht öffnen.“

„Das ist dir bloß im Traum so vorgekommen“, antwortete die Zarentochter, „hier war niemand.“

 Das glückliche Ende

Im_ZarenreichAm dritten Tage sitzt das schöne Mädchen am Strande des blauen Meeres, sie war betrübt, so kummervoll. Sie hält in den Händen den goldenen Stickrahmen, aber die kleine Nadel stickt von selbst. Das sah die Zarentochter und begann zu handeln.

“ Lass mich nur Finist Hellfalke sehen“, spricht das Mädchen, „so werde ich ihn dir umsonst geben.“

Die Zarentochter willigte ein, ging in ins Schloss und sagte: „Finist, lass mich dein Haar kämmen.“ Und sie setzte sich hin, kämmte ihn und steckte ihm die Nadel ins Haar.

Sofort versank er in einen tiefen Schlaf. Darauf sandte sie ihre Ammen nach dem schönen Mädchen. Die kam, versuchte ihren Geliebten zu wecken. Sie umarmt ihn, küsst ihn, weint: Umsonst. Er schläft ohne Ende! Da begann sie sein Haar zu streicheln und zog dabei zufällig die Zaubernadel heraus.

Finist Hellfalke mit den bunten Federn wachte auf, erblickte das schöne Mädchen und freute sich sehr. Sie erzählte ihm alles: Wie es gewesen war, wie sie die bösen Schwestern beneidet hätten, wie sie auf die Wanderschaft gezogen wäre, und welchen Handel sie mit der Zarentochter abgeschlossen hätte.

Er liebte sie darum noch mehr als zuvor, küsste sie und befahl, unverzüglich die Bojaren, Fürsten und alle Würdenträger des Volkes zusammenzurufen.

Zu ihnen sprach er: „Wie urteilt ihr? Mit welcher Frau soll ich das Leben teilen, mit dieser, die mich verkaufte, oder mit jener, die mich loskaufte?“

Alle Bojaren, Fürsten und alle Würdenträger des Volkes entschieden einstimmig, er solle sich die nehmen die, die ihn loskaufte. Das machte Finist Hellfalke mit den bunten Federn dann auch. Man setzte dem schönen Mädchen und ihm die Hochzeitskrone auf und schmauste drei Tage und drei Nächte.

schlafmuetze-brille-1096Auf dieser Hochzeit war ich auch, trank Met und Bier. Es floss über meinen Schnurrbart und fiel nicht in den Mund. Man setzte mir auch eine Schlafmütze auf und begann mich zu stoßen. Ich wehrte mich dagegen und ging hinaus meiner Wegen.

Nacherzählt aus: Russische Märchen. Nach den Einzelausgaben der Kaiserlichen Druckerei in St. Petersburg aus den Jahren 1901-03, ed. Dr. Martin Löpelmann. Deutsche Buchgemeinschaft Berlin.
Nebiga

Auf der Suche nach Finist Hellfalke (III)

Hütte_der_Baba_Jaga_russ_BilderbuchSie geht durch Urwald, sie schreitet über Baumstümpfe und Klötze. Schon nutzen sich die Eisenschuhe ab, ein Krückstock ist zerbrochen, ein Opferbrot ist verschluckt, doch das Mädchen wandert immerzu und läuft, und der Wald wird immer schwärzer, immer dichter. Plötzlich sieht sie eine Hütte auf Hühnerbeinen, die sich unaufhörlich dreht.

Das Mädchen spricht: „Hüttlein, Hüttlein! Stelle dich mit dem Rücken zum Wald, mit der Vorderseite zu mir!“ Die Hütte dreht sich mit der Vorderseite zu ihr. Sie stieg hinein und darin lag die Baba-Jaga, von einem Winkel in den andern, die Lippen im Bett, die Nase nach der Zimmerdecke.

„Fu, fu, fu! Früher hätte ich den Hauch eines Russen nicht mit den Augen sehen, mit den Ohren nicht hören können; aber heute wandert der russische Atem in der weiten Welt umher, zeigt sich dem Gesicht und steigt in die Nase. Wohin des Weges, schönes Mädchen? Kommst du in Schweiß oder mit Fleiß?“

„Großmütterchen, bei mir war Finist Hellfalke mit den bunten Federn. Meine Schwestern taten ihm Böses. Ich suche immerfort den Finist Hellfalke.“

„Da kannst du lange laufen, mein Kindchen! Da musst du noch dreimal neun Länder durchwandern. Finist Hellfalke mit den bunten Federn wohnt im dreimal neunten Zarenreich, im dreimal zehnten Reich und hat sich schon um eine Zarentochter beworben.“

Die Baba-Jaga gab dem schönen Mädchen zu essen und zu trinken und legte es schlafen. Doch am Morgen, als das Licht eben zu flimmern anfing, weckte sie es.

Sie gab der Schönen Geschenke, einen silbernen Schemel und eine goldene Spindel, und sprach: „Nun zieh zu meiner mittleren Schwester, sie wird dich gut belehren. Nimm dann noch meine Geschenke, den silbernen Schemel und die goldene Spindel. Fängst du an, den Flachs zu spinnen, so wird der goldene Faden sich ausziehen. Wenn du das dreimal neunte Zarenreich, in das dreimal zehnte Herrenreich kommst, bis an das blaue Meer, so wird die Braut des Finist Hellfalke ans Ufer lustwandeln kommen. Du aber spinn‘. Die Zarentochter wird dir mein Geschenk abkaufen wollen. Nimm ihr nichts ab; nur bitte sie, Finist Hellfalke einmal sehen zu dürfen.“

schafwolleDarauf nahm die Jaga einen Wollknäuel, warf es auf den Weg und hieß das Mädchen ihm zu folgen. „Wohin das Knäuelchen läuft, dahin nimm auch du deinen Weg!“ Das Mädchen dankte der Alten und ging hinter dem Knäuel hinterher.

Wieder ging das Mädchen durch den dunklen Wald, weiter, immer weiter, und der Wald wird immer schwärzer und dichter: mit den Wipfeln ragt  er bis in den Himmel hinein. Über kurz oder lang nutzten sich die zweiten Eisenschuhe ab, der zweite Krückstock ist zerbrochen, dazu ist das steinharte Opferbrot verzehrt. Schließlich rollt das Knäuelchen zu einer Hütte.

Fu, fu, fu, früher hätt‘ ich

Die Hütte steht vor dem Mädchen auf Hühnerbeinen und dreht sich unaufhörlich.

Das schöne Mädchen spricht: „Hüttelein, Hüttelein! Dreh dich zum Wald mit dem Rücken, zu mir mit der Vorderseite. Ich will in dich hineinklettern, um Brot zu essen.“

Die Hütte hörte darauf, drehte sich mit der Rückseite zum Wald, mit der Vorderseite aber zu dem Mädchen. Sie klettert hinein, und auf dem Ofen liegt auf neun Ziegelsteinen die Baba-Jaga mit dem knöchernen Fuß, die Lippen im Bett, die Nase gegen die Zimmerdecke gestreckt.

„Fu, fu,fu, früher hätte ich den Hauch eines Russen mit den Augen nicht wahrnehmen, mit den Ohren nicht bemerken können, aber heute wandert der russische Atem in der weiten Welt umher, zeigt sich dem Gesicht und steigt in die Nase. Wohin des Wegs, schönes Mädchen? Kommst du in Schweiß oder mit Fleiß?“

Antwortet das Mädchen: „Großmütterchen, bei mir war Finist Hellfalke mit den bunten Federn. Meine Schwestern taten ihm Böses an. Nun suche ich immerzu Finist Hellfalke.“

„Oh, Mädchen, Mädchen, schon will sich dein Finist vermählen! Heute ist der Brautführer bei ihnen“, sagte die Baba-Jaga. Sie gab dem Mädchen zu essen und zu trinken und legte es schlafen. Aber am Morgen, noch war die Sonne nicht einmal aufgegangen, weckte sie es und gab der Schönen ein gutes Geschenk: eine silberne Schüssel und ein goldenes Ei. Dann sagte sie: „Nun wandere zu meiner ältesten Schwester, sie wird dich gut belehren. Nimm mein Geschenk, das silberne Schüsselchen und das goldene Ei. Wenn du in das dreimal neunte Zarenreich, in das dreimal zehnte Herrenreich kommst, an das Ufer des blauen Meeres, wird die Braut des Finist Hellfalke herauskommen und am Strand lustwandeln. Du aber rolle das Ei nach der Schüssel. Die Zarentochter wird dir mein Geschenk abkaufen wollen. Doch du darfst ihr nichts abverlangen, sondern bitte nur, Finist Hellfalke mit den bunten Federn einmal anschauen zu dürfen.“

Das Mädchen dankte der Alten, seufzte und ging wieder hinter ihrem Knäuel einher.

Wieder wanderte das schöne Mädchen weiter durch den dunkeln Wald, immer weiter. Und der Wald wird immer schwärzer und dichter, bis in den Himmel ragt er mit seinen Wipfeln. Über kurz oder lang ist das dritte Paar Schuhe abgetragen, der dritte Stab zerbrochen, das letzte Weihbrot verschlungen. Schließlich lief das Knäuelchen zu einer Hütte. Die steht vor dem Mädchen auf den Hühnerbeinen, dreht sich unaufhörlich.

Ruft das Mädchen: „Hüttlein, Hüttlein! Dreh dich mit dem Rücken zum Wald , mit der Vorderseite zu mir. Ich will in dich hineinklettern, um Brot zu essen.“

Die Hütte gehorchte und drehte sich mit dem Rücken zum Wald, aber mit der Vorderseite zu dem schönen Mädchen. In der Hütte lag wieder eine Baba-Jaga mit dem knöchernen Fuß, von allen dreien die älteste.

„Fu, fu, fu! Früher hätte ich den Hauch eines Russen mit den Augen nicht schauen, mit den Ohren nicht bemerken können; aber heute wandert der russische Atem in der weiten Welt umher, zeigt sich dem Gesicht und steigt in die Nase. Wohin des Wegs, schönes Mädchen? Kommst du in Schweiß oder mit Fleiß?“

Antwortet das schöne Mädchen: „Bei mir war Finist Hellfalke mit den bunten Federn, Großmütterchen. Meine Schwestern taten in Böses an. Da flog er von mir, weit  fort über das ferne Meer, hinter die hohen Berge, in das dreimal neunte Zarenreich, in das dreimal zehnte Herrenreich. Immerfort suche ich Finist Hellfalke.

„Ach, Mädchen, Mädchen, dein armes Köpfchen! Schon vermählt er sich im Zarenreich“, sagte die Baba Jaga. Sie gab dem Mädchen zu essen und zu trinken und legte es schlafen. Aber am Morgen, noch waren die Sterne am Himmel nicht erloschen, weckte sie es und gab der Schönen ein gutes Geschenk: einen goldenen Stickrahmen und eine Nadel. Dann sprach sie:  „Viel Zeit hast du nicht mehr. Spute dich! Hier hast du ein Geschenk von mir, einen goldenen Stickrahmen und eine Nadel. Du brauchst nur den Rahmen zu halten, dann steht die Nadeln von selbst. Bist du im dreimal neunten Zarenreich, inm dreimal zehnten Herremreich, so setze dich an das blaue Meer, die Zarentochter, mit der sich Finist Hellfalke vermählt hat, wird zu dir herauskommen und wird dir den Stickrahmen und die Nadel abkaufen wollen. Doch du, meine Schöne, verlange ihr nichts ab, sondern bitte nur, Finist Hellfalke mit den bunten Federn einmal anschauen zu dürfen.“

Das Mädchen dankte der Alten und ging hinter ihrem Knäuel einher. Dam Zieler Wald wurde immer lichter und lichter. Da breitete sich plötzlich das blaue Meer frei und schrankenlos vor ihr aus, und dort in der Ferne erkannte sie die goldenen Giebel des hohen weißsteinigen Palasts.

Nacherzählt aus: Russische Märchen. Nach den Einzelausgaben der Kaiserlichen Druckerei in St. Petersburg aus den Jahren 1901-03, ed. Dr. Martin Löpelmann. Deutsche Buchgemeinschaft Berlin.

 

 

Nebiga

Das Purpurblümchen und Finist Hellfalke (II)

Die Tochter schloss sich in der Giebelstube ein und setzte das Purpurblümchen in Wasser. Sie öffnete das Fenster und schaute in die Ferne.

Woher er auch gekommen sein mag, plötzlich flog über ihr Finist Hellfalke mit den bunten Federn, flatterte durch das Fenster hinein und wurde ein junger Mann. Das Mädchen wäre fast erschrocken, aber dann, als er mit ihr sprach, da wurde ihr  fröhlich und heiter ums Herz. Bis zur Morgendämmerung unterhielten sie sich. Aber als es zu tagen begann, küsste Finist Hellfalke mit den bunten Federn das Mädchen und sprach: „Jede Nacht, wenn du das Purpurblümchen ans Fenster stellst, werde ich zu dir fliegen, meine Geliebte. Und hier hast du ein Federchen aus meinen Flügel. Wenn du irgendeinen Schmuck brauchst, geh hinaus zu der kleinen Treppe, und wenn du es nach der rechten Seite schwenkst, so erscheint im Nu vor dir alles, wonach dir verlangt.“ Er küsste sie noch einmal, verwandelte sich in den hellen Falken und flog hinter den dunklen Wald. Das Mädchen schaute ihm nach, machte das Fenster zu und legte sich schlafen.

Von der Zeit an kam er jede Nacht, sobald sie das Purpurblümchen an das geöffnete Fenster gesetzt hatte.

russianeasterEs wurde Ostern. Man läutete die Glocken in der Kirche. Die älteren Schwestern schickten sich an, zum Mittagsgottesdienst zu gehen. Sie putzten sich mit ihren neuen Sarafanen, holten ihre Taschentücher hervor, legen die goldnen Ohrringe an und machten sich über die jüngere Schwester lustig. „Na, du Schlaukopf, was ziehst du an? Du hast auch gar nichts an neuen Sachen! Bleib zu Hause sitzen mit deinem Blümchen!“ Aber sie versetzte: „Das tut nichts, liebe Schwestern, ihr braucht euch meinetwegen keine Sorgen zu machen. Ich bete auch zu Hause.“ Die älteren Schwestern putzten sich nun heraus wie Pfauhennen und gingen zum Mittagsgottesdienst. Aber die kleinste sitzt am Fenster, ganz schmutzig war sie in ihrem alten Sarafan. Sie schaut auf die Leute, die in die Kirche gehen. Sie gehen alle geputzt, die Bauern in neuen Röcken, die Weiber in Festtagskleidern aus gemusterten, bunten Tuch.

Die Jüngste wartete die Zeit ab, ging zur Treppe und schaute sich um. Dann schwenkte sie das Federchen nach der rechten Seite: Woher er gekommen sein mag – vor ihr steht ein kristallener Wagen mit edlen Pferden und Bedienten, ganz in Gold gekleidet, und Kleider sind da und jede Menge Schmuck aus guten, echten Edelsteinen. Im Nu machte sich das schöne Mädchen fertig, setzte sich in den Wagen und fuhr zum Gotteshaus. Das Volk blickte auf und bewunderte ihre Schönheit. „Sicherlich irgendeine Zarentochter aus dem dreimal neunten Zarenreich!“ sagten die Leute. Als man Dostoino sang, verließ die Schöne die Kirche, setzte sich in den Wagen und fuhr zurück. Die rechtgläubigen Leute wären gern hinausgegangen, um sie bei der Abfahrt anzugaffen, aber da gab es nichts mehr zu sehen. Die Spur war schon lange kalt.

Kaum, dass es an der Treppe angekommen war, schwenkte die junge Frau die bunte Feder nach links: Im Nu zog die Dienerschaft sie aus. Der Wagen verschwand vor ihren Augen.

Sie aber benahm sich wie zuvor, so als ob nichts geschehen wäre, betrachtet die 001Rechtgläubigen, wie sie von der Kirche nach Hause gehn. Auch die Schwestern kamen nach Hause. „Nun, Schwester“, sagen sie, „was für eine Schönheit doch heute im Mittagsgottesdienste war! Eine wahre Augenweide! Man kann es weder in einem Märchen erzählen noch mit der Feder beschreiben. Wahrscheinlich kam eine Zarentochter aus anderen Ländern herangereist, so herrlich war sie herausgeputzt.“

Es kommt das zweite, es kommt das dritte Osterfest heran. Jedesmal führt das schöne Mädchen das rechtgläubige Volk, ihre Schwestern und Vater und Mutter hinters Licht. Doch beim letzten Mal wollte sie sich ausziehen und vergaß die Diamantnadel aus dem Zopf herauszunehmen.

Da kommen die älteren Schwestern aus der Kirche und erzählten ihr von der schönen Zarentochter. Der Diamant glüht in ihrem Zopf. „Ach Schwesterlein, was hast du da?“, schrien die Schwestern auf. „Grad so eine Nadel trug die Zarentochter heute an ihrem Haupt. Woher hast du die?“ – Das schöne Mädchen seufzte und entwischte in ihre Giebelstube. Die Schwestern aber hörten nicht auf auszufragen, zu vermuten und zu flüstern. Doch die kleinste Schwester schweigt still und lacht leise.

Da fingen die größeren Schwestern an, auf sie achtzugeben, horchten in der Nacht an der Tür ihrer Giebelstube. So erlauschten sie, wie Finist Hellfalke kam, und in der Morgendämmerung sahen sie mit leibhaftigen Augen, wie er aus dem Fenster flog.

Als Finist Hellfalke verschwand

Sichtlich böse waren die größeren Schwestern. Eifersüchtig und beleidigt. Sie verabredeten, abends verborgene Messer anzubringen, damit sich Finist Hellfalke seine bunten Flügel daran zerschneiden sollte. So führten sie es auch aus. Die kleine Schwester vermutete nichts, stellte ihr Purpurblümchen ans Fenster, legte sich dann aufs Bett und schlief fest ein.

In der Nacht kam Finist Hellfalke geflogen, schlug sich kurz und klein und kann nicht in die Stube gelangen, so sehr hatte er sich die Schwingen zerschnitten.

„Leb wohl, schönes Mädchen!“ sprach er, „wenn du gesonnen bist, mich zu suchen, so suche mich hinter dreimal neun Ländern, im dreimal zehnten Zarenreich. Aber erst musst du drei Paar eiserne Schuhe ablaufen, drei eherne Wanderstäbe zerbrechen, drei steinharte Opferbrote verschlucken, ehe du mich findest!“

Das Mädchen aber schläft, obwohl es im Traum diese freundlichen Worte hört, kann es doch nicht aufstehn oder aufwachen.

Am Morgen hatte das schöne Mädchen ausgeschlafen. Es schaute sich nach allen Seiten um. Es war schon hell, aber von Finist war nichts zu sehen. Am Fenster jedoch steckten über Kreuz scharfe Messer, und von ihnen tröpfelt rotes Blut.

Lange weinte die Schöne, viele schlaflose Nächte verbrachte sie am Fenster ihrer Giebelstube, versuchte das bunte Federchen zu schwenken – alles vergeblich. Weder kommt Finist Hellfalke geflogen, noch sendet er seine Diener. Schließlich ging sie mit Tränen in den Augen zum Vater und bat um seinen Segen: „Ich werde gehen“, sagte sie, „Finist suchen, wohin meine Augen schauen.“

Sie ließ sich drei Paar eiserne Schuhe schmieden, drei steinharte Opferbrote anfertigen. Ein Paar Eisenschuhe an den Füßen, die Krückstöcke in den Händen, ging sie fort in der Richtung, wohin sie dachte, dass Finist Hellfalke geflogen war.

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