Falschmeldungen erkennen
Leo Nerdette

Wie erkennst du Falschmeldungen?

Sie geistern als Fakenews durch die mediale Welt: Falschmeldungen. Angeblich sind sie besonders häufig in den digitalen Medien anzutreffen – vor allem in den sozialen Netzen. Eine solche Falschmeldung heißt seit Beginn des Internets Hoax.

Sie muss nicht einmal mit einer Absicht dahinter im Netz gelandet sein. Es reicht, dass irgendjemand etwas behauptet, von dem er überzeugt ist, aber sich nicht die Mühe macht, es mit Fakten zu belegen. Weil Falschmeldungen auch eifrig geteilt werden, also schon mal „viral“ gehen, überzeugen sie andere.

Warum sind Fakenews in aller Munde?

Donald Trump bezeichnet grundsätzlich alles als Falschmeldung, was ihm jetzt medial nicht so in den Kram passt. Er beendet gern seine Twitter-Kommentare mit „Fakenews“. In USA werfen sich zurzeit die Medien und Trump gegenseitig vor, Lügner zu sein.

Eine ähnliche Taktik schwappt über manche Politiker auch nach Deutschland. Und die Medien versuchen sich dagegen zu wehren.

Bleibt die Tatsache: Falschmeldungen kommen immer wieder vor. Wir erkennen sie aber oft nicht.

Daher sollten wir uns in den sozialen Netzen den folgenden Fragen stellen:

  • Woran sehen wir Normalsterbliche, dass der Post von einem Freund ein Hoax ist?
  • An welchen Kriterien erkennen wir, ob in dem Post auch die Fakten stimmen?
  • Wann sollten wir einen Post melden, auch wenn ein Freund ihn geteilt hat?

Ein Verein kämpft gegen Falschmeldungen

Falschmeldungen entlarven, verdrehte Inhalte klarstellen, auf Nutzerprobleme reagieren – das ist mittlerweile eine Leben füllende Tätigkeit: Ein Verein mit Sitz in Wien hilft, Falsches von Fakten unterscheiden zu lernen. Die private Initiative mimikama beschäftigt  zwei hauptberufliche Fake-Aufklärer und 17 Ehrenamtliche in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. 100 bis 120 Falschmeldungen bearbeiten sie täglich.

Sie wissen daher ganz genau, wie wir Fakenews erkennen können: Hier sind ihre Tipps!

Wenn du trotzdem unsicher bist, ob du den einen Post weiterleiten sollst:

Das gelungenste Werkzeug des Vereins ist Hoaxsearch, die Suchmaschine für Fakes im Internet.

Mit ihr sollten wir viral gehen!

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Auf der Suche nach Wahrheit
Leo Nerdette

Wer sich heute auf die Suche begibt…

Die Suche nach Wahrheit? Wer sucht heute noch nach Wahrheit?

In den Tagen von #Fakenews weiß keiner mehr, was wahr ist: Derjenige, der am lautesten schreit, bekommt Recht. Derjenige, der mächtig ist und seine Interessen mit allen Mitteln – auch mit Lügen – durchsetzen will, bestimmt.

Dieser Mechanismus funktioniert zurzeit in Ungarn, in der Türkei, in Syrien, in den USA… überall dort, wo sich totalitäres Denken durchzusetzen beginnt.

Plötzlich tauchen Begriffe auf wie „postfaktisch“, wie „alternative Perspektiven“ oder „Tatsachen mit Spielraum“.

Wahrheit… die eine Wahrheit gibt es nicht, sagen die Leute. Es kommt eben auf die Perspektive an, aus der man etwas sieht. Es gibt so viele verschiedene Sichtweisen… wer kann schon wissen, was wirklich wahr ist? Wozu also sollte ich mir die Mühe machen, es herauszufinden.

Jeder, der so argumentiert, vergisst diejenigen, die sich tatsächlich auf die Suche nach einer möglichst allgemein gültigen Wahrheit begeben. Menschen, die ihr Leben dafür geben. Für etwas, das bloß ein Konstrukt ist – aber eben ein gültiges – Menschen, die sich auf die Suche nach Wahrheit machen.

Und sie bezahlen teuer, damit wir diese Wahrheit bekommen.

Wieviel Angst kostet Wahrheit?

Als sich die Lifttüre öffnete, entdeckte die Nachbarin ihre Leiche. Zwei Kugeln steckten in der Brust, eine in der Schulter und eine im Kopf.

Anna Politkovskaja rechnete mit ihrer Ermordung. Sie hatte Angst, lebte ständig mit ihr.

2005 sagte sie auf einer Konferenz zur Pressefreiheit:

Manchmal zahlen Menschen mit ihrem Leben, wenn sie laut sagen, was sie denken; manchmal sogar, wenn sie mir Informationen weitergeben. Ich bin nicht die einzige, die in Gefahr ist.

2001 floh sie zum ersten Mal aus Angst nach Wien: Ein Polizeibeamter wollte Rache nehmen. Politkovskaja hatte ihn beschuldigt, für Gewalttaten in Tschetschenien verantwortlich zu sein.

Lange hielt es sie jedoch nicht; sie kehrte wenige Monate später wieder nach Moskau zurück.

Trotz der Bedrohung… trotz der Angst um ihr Leben. Trotz der Anschläge, die sie überlebt hatte.

Ihre Freunde sprechen von mindestens neun.

Sie hätte sich ihr Leben leichter machen können: Als US-amerikanische Staatsbürgerin hätte sie sich eigentlich nicht darum kümmern müssen, wie Russlands Wahrheit aussieht.

  • Was also trieb sie zurück?
  • Was ließ sie im Gegensatz zu vielen anderen keine „Wahrheit“  akzeptieren, die einem Großteil der Betroffenen die Stimme nimmt?

Wie Demokratie erlischt

In ihrem posthum erschienen Russischen Tagebuch macht Politkovskaja den Anfang vom Ende an einem Ereignis fest. Ihr gilt es als das Ende der Demokratie in Russland: Die Geiselnahme von Beslan.

beslanb_2007_09_01Am 1. September 2004 um 9:30 Uhr stürmte eine Gruppe von Geiselnehmern die Mittelschule Nr. 1, in der Schüler im Alter von sieben bis 18 Jahren unterrichtet wurden.

Der 1. September ist in ganz Russland Schulbeginn, an dem die Erstklässler in Anwesenheit der Eltern und zukünftigen Mitschüler feierlich begrüßt werden. Oft kommen ganze Familien, um der Zeremonie beizuwohnen.

Drei Tage später beendeten russische Einsatzkräfte die Geiselnahme, indem sie das Gebäude stürmten. Dabei starben Kinder wie Erwachsene. Soweit lässt sich sagen, dass sich die Darstellungen gleichen.

Dann aber begann ein mühsames Ringen, um das, was wa(h)r.

Politkovskaja machte sich auf, Hintergründe zu erfahren. Sie wollte zeigen, was bevorsteht, wenn sich autokratische Machtmenschen politisch durchzusetzen verstehen.

Nur eine gründliche Suche zählt

Der Journalistin war bewusst: Sie würde nicht annähernd an die Wahrheit herankommen, wenn sie in ihrem Moskauer Büro blieb und offiziellen Kundmachungen lauschte.

Sie brach auf – mit drei harten Broten, drei Wanderstecken und drei Paar eisernen Schuhen, wie es in einem der beliebtesten russischen Märchen heißt, dem Märchen Das Federchen des Finist Hellfalke. In ihm sucht das schöne Mädchen ihren Geliebten Finist – den Phönix, der alle 500 Jahre aus der Asche wiedergeboren wird.

Für Politkovskaja bedeutete diese Suche vor allem Recherchearbeit vor Ort:  Jedes noch so kleine Stückchen Information offizieller Stellen musste überprüft werden.

  • Waren es nun 130 (offiziell) oder doch über 1000 Geiseln, wie Zeugen berichteten?
  • Die Anzahl der Geiselnehmer schwankte erheblich, man einigte sich schließlich auf mindestens 32.
  • Waren tatsächlich Araber unter ihnen, wie Armee und OMON-Spezialeinheiten durchsickern ließen?
  • Oder waren es ausschließlich Tschetschenen, wie die Betroffenen behaupteten.
  • Sogar die Zahl der Toten war umstritten: 331 nannten die Behörden, 394 wurden allein in einem Krankenhaus gezählt, 900 vermuteten Hilfsorganisationen.

Politkovskajas Ohr galt dem Erlebten

Was Politkovskaja für all jene, die behaupteten, die Wahrheit zu kennen, so gefährlich machte, war ihr Wissen darum, dass diese behauptete Wahrheit ohne die Stimme der Betroffenen gar nicht wahr sein kann; dass behauptete Tatsachen auch das Skelett für ein anderes Konstrukt – der Propaganda – bilden können.

Sie hörte Müttern zu, die ihre Kinder verloren hatten, Vätern, die mit diesen weinten; spürte die Trauer, die Angst und die Wut über die Verdunkelungstaktik der zuständigen Behörden. Diese Eltern wollten wissen, wie ihre Kinder gestorben waren. Doch die Behörden speisten sie mit Worthülsen ab.

Die Wahrheit stand auch für Politkovskaja nicht unveränderlich und absolut da.

Aber es gehörten Fixpunkte dazu, die nicht beiseite gewischt werden konnten: Geschehnisse in Russland, die zur Geiselnahme geführt haben. Verantwortlichkeiten. Zusammenhänge und auch aufgestaute Gefühle. In Tschetschenien, im ganzen Land.

All das versuchte die Journalistin zu benennen, in Worte zu fassen, um ihre Wahrheit möglichst wahr werden zu lassen. Wohl wissend, dass wir, die Leser, dem Gesagten nur vertrauen können, wenn sie ihre Arbeit gut machte. Ihr Phönix sollte nicht so schnell wieder sterben!

500 Jahre Leben wollte sie ihm geben.

Ihr eigener Tod ist dazwischen gekommen.

Und Finist?

Finist ist endgültig davon geflogen

Fotocredit

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Nebiga

Was bitte schön ist Glück?

Die Halbzeit von 28 Days of Blogging ist erreicht: Wir haben täglich gepostet. Manchmal war es knapp vor Mitternacht, aber wir haben es hingekriegt. Wir sind heute einmal so richtig zufrieden mit uns. Alle lehnen wir uns einen Augenblick zurück, denke ich. Alle, die bei dem Blogging-Marathon mitmachen.Wir betrachten, was wir geschafft haben, nicken uns zu, klopfen uns auf die Schultern und fühlen uns wohl. So wohl.

Ist das jetzt Glück?

Was Pech ist, weiß ich schon. Das hat mir Frau Wolle erzählt.  Wer’s auch noch wissen will, hört ihr am besten zu:

Glück ist: Liebe, Geld und Überleben

In diesem irischen Märchen fehlt zum Glück nicht wirklich viel: Etwas Liebe – ja – und eine Truhe mit Goldstücken. Ach – und den Wölfen weicht man am besten auch noch aus. Aber sonst…

Irlands durchschnittliches Glück lag 2005-2014 bei 7,5 von einer Skala zwischen 1 und 10.

Wo so etwas nachzulesen ist?

In der Weltdatenbank des Glücks, dem Archiv der Forschungsergebnisse zum subjektiven Empfinden von Freude. Dort sammeln die Glücksforscher dieser Welt die Resultate ihrer Studien. Sie haben einen Index entwickelt, mit dem sie das durchschnittliche Glücksempfinden der verschiedenen Länder bewerten. Irlands Glücksempfinden ist seit dem Beginn der Messungen Anfang der 70er Jahre um 3 Prozentpunkte gesunken.

Scheint so als würde Liebe, Geld und Überleben doch nicht ausreichen.

Deutschland liegt übrigens bei 7, 2. Der Spitzenreiter aber ist Costa Rica – mit dem durchschnittlichem Glücksempfinden von 8.9.

Ist ja auch kein Wunder! In Costa Rica scheint das ganze Jahr die Sonne; es gibt Meer, Freude und Tanz. Im Süden lebt es sich einfach besser, sagen die Leute. Am ehesten die, die dorthin auf Urlaub fahren.

Ja Costa Rica ist schön. Aber Costa Rica ist auch arm, sehr arm. Ein Vergleich: Das Bruttoinlandprodukt (BIP) des Landes liegt unter 50 Milliarden US-Dollar. Deutschland verfügt über 3, 73 Billionen US-Dollar.

Warum sind die Costa Ricaner also glücklicher?

Was wir heute über Glück wissen

Am besten fragen wir Ruut Veenhoven, den „Glücksprofessor“, der die Happiness-Datenbank gegründet hat. Er antwortet auf fünf Fragen. Als denn:

1. Was ist Glück?

Glück ist die subjektive Wertschätzung des Lebens. Mit anderen Worten, wie gut gefällt einem das Leben, das man führt.

2. Kann man Glück überhaupt messen?

Nachdem das Glück als etwas definiert ist, das wir im Kopf haben, kann es durch den Einsatz von Fragen gemessen werden. Eine gängige Frage ist: Alles in allem, wie zufrieden bist du zurzeit mit deinem Leben als Ganzes? Die Skala reicht von 0 – extrem unzufrieden bis 10 – extrem zufrieden. 

3. Wie glücklich sind wir?

Das divergiert von Land zu Land: Bei 7, 2 – dem deutschen Ergebnis – können wir davon ausgehen, dass die meisten Deutschen sich meistens glücklich fühlen.

4. Was macht uns glücklicher oder weniger glücklich?

Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: kollektives Handeln und individuelle Verhaltensweisen, einfache Sinneserfahrungen und höhere Erkenntnisse, stabile Eigenschaften der Person und ihres Umfelds, aber auch Launen des Schicksals.

(Mit einfachen Worten: Dieser Bereich ist ein gigantisches Forschungsgebiet. In jedem Land gibt es andere Faktoren. Viel Arbeit für die Glücksforscher!)

5. Ist größeres Glück möglich?

Ein Großteil der wissenschaftlichen Arbeit über das Glück wird von der Hoffnung getragen, Wege zur Schaffung größeren Glücks für eine größere Zahl von Menschen zu finden.

Hoffnung und Glück also: die beiden gehören offenbar zusammen. Wir hoffen, dass wir mehr Glück haben.

Doch bleiben wir bei heute: Wie steht es jetzt? Wie zufrieden sind wir alles in allem mit unserem Leben als Ganzes?

Wenn ihr so fragt…

SEHR ZUFRIEDEN!

Wie glücklich seid ihr heute? Das Kommentarfeld ist weiter unten! :)

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Nebiga

Auf der Suche nach Finist Hellfalke (III)

Hütte_der_Baba_Jaga_russ_BilderbuchSie geht durch Urwald, sie schreitet über Baumstümpfe und Klötze. Schon nutzen sich die Eisenschuhe ab, ein Krückstock ist zerbrochen, ein Opferbrot ist verschluckt, doch das Mädchen wandert immerzu und läuft, und der Wald wird immer schwärzer, immer dichter. Plötzlich sieht sie eine Hütte auf Hühnerbeinen, die sich unaufhörlich dreht.

Das Mädchen spricht: „Hüttlein, Hüttlein! Stelle dich mit dem Rücken zum Wald, mit der Vorderseite zu mir!“ Die Hütte dreht sich mit der Vorderseite zu ihr. Sie stieg hinein und darin lag die Baba-Jaga, von einem Winkel in den andern, die Lippen im Bett, die Nase nach der Zimmerdecke.

„Fu, fu, fu! Früher hätte ich den Hauch eines Russen nicht mit den Augen sehen, mit den Ohren nicht hören können; aber heute wandert der russische Atem in der weiten Welt umher, zeigt sich dem Gesicht und steigt in die Nase. Wohin des Weges, schönes Mädchen? Kommst du in Schweiß oder mit Fleiß?“

„Großmütterchen, bei mir war Finist Hellfalke mit den bunten Federn. Meine Schwestern taten ihm Böses. Ich suche immerfort den Finist Hellfalke.“

„Da kannst du lange laufen, mein Kindchen! Da musst du noch dreimal neun Länder durchwandern. Finist Hellfalke mit den bunten Federn wohnt im dreimal neunten Zarenreich, im dreimal zehnten Reich und hat sich schon um eine Zarentochter beworben.“

Die Baba-Jaga gab dem schönen Mädchen zu essen und zu trinken und legte es schlafen. Doch am Morgen, als das Licht eben zu flimmern anfing, weckte sie es.

Sie gab der Schönen Geschenke, einen silbernen Schemel und eine goldene Spindel, und sprach: „Nun zieh zu meiner mittleren Schwester, sie wird dich gut belehren. Nimm dann noch meine Geschenke, den silbernen Schemel und die goldene Spindel. Fängst du an, den Flachs zu spinnen, so wird der goldene Faden sich ausziehen. Wenn du das dreimal neunte Zarenreich, in das dreimal zehnte Herrenreich kommst, bis an das blaue Meer, so wird die Braut des Finist Hellfalke ans Ufer lustwandeln kommen. Du aber spinn‘. Die Zarentochter wird dir mein Geschenk abkaufen wollen. Nimm ihr nichts ab; nur bitte sie, Finist Hellfalke einmal sehen zu dürfen.“

schafwolleDarauf nahm die Jaga einen Wollknäuel, warf es auf den Weg und hieß das Mädchen ihm zu folgen. „Wohin das Knäuelchen läuft, dahin nimm auch du deinen Weg!“ Das Mädchen dankte der Alten und ging hinter dem Knäuel hinterher.

Wieder ging das Mädchen durch den dunklen Wald, weiter, immer weiter, und der Wald wird immer schwärzer und dichter: mit den Wipfeln ragt  er bis in den Himmel hinein. Über kurz oder lang nutzten sich die zweiten Eisenschuhe ab, der zweite Krückstock ist zerbrochen, dazu ist das steinharte Opferbrot verzehrt. Schließlich rollt das Knäuelchen zu einer Hütte.

Fu, fu, fu, früher hätt‘ ich

Die Hütte steht vor dem Mädchen auf Hühnerbeinen und dreht sich unaufhörlich.

Das schöne Mädchen spricht: „Hüttelein, Hüttelein! Dreh dich zum Wald mit dem Rücken, zu mir mit der Vorderseite. Ich will in dich hineinklettern, um Brot zu essen.“

Die Hütte hörte darauf, drehte sich mit der Rückseite zum Wald, mit der Vorderseite aber zu dem Mädchen. Sie klettert hinein, und auf dem Ofen liegt auf neun Ziegelsteinen die Baba-Jaga mit dem knöchernen Fuß, die Lippen im Bett, die Nase gegen die Zimmerdecke gestreckt.

„Fu, fu,fu, früher hätte ich den Hauch eines Russen mit den Augen nicht wahrnehmen, mit den Ohren nicht bemerken können, aber heute wandert der russische Atem in der weiten Welt umher, zeigt sich dem Gesicht und steigt in die Nase. Wohin des Wegs, schönes Mädchen? Kommst du in Schweiß oder mit Fleiß?“

Antwortet das Mädchen: „Großmütterchen, bei mir war Finist Hellfalke mit den bunten Federn. Meine Schwestern taten ihm Böses an. Nun suche ich immerzu Finist Hellfalke.“

„Oh, Mädchen, Mädchen, schon will sich dein Finist vermählen! Heute ist der Brautführer bei ihnen“, sagte die Baba-Jaga. Sie gab dem Mädchen zu essen und zu trinken und legte es schlafen. Aber am Morgen, noch war die Sonne nicht einmal aufgegangen, weckte sie es und gab der Schönen ein gutes Geschenk: eine silberne Schüssel und ein goldenes Ei. Dann sagte sie: „Nun wandere zu meiner ältesten Schwester, sie wird dich gut belehren. Nimm mein Geschenk, das silberne Schüsselchen und das goldene Ei. Wenn du in das dreimal neunte Zarenreich, in das dreimal zehnte Herrenreich kommst, an das Ufer des blauen Meeres, wird die Braut des Finist Hellfalke herauskommen und am Strand lustwandeln. Du aber rolle das Ei nach der Schüssel. Die Zarentochter wird dir mein Geschenk abkaufen wollen. Doch du darfst ihr nichts abverlangen, sondern bitte nur, Finist Hellfalke mit den bunten Federn einmal anschauen zu dürfen.“

Das Mädchen dankte der Alten, seufzte und ging wieder hinter ihrem Knäuel einher.

Wieder wanderte das schöne Mädchen weiter durch den dunkeln Wald, immer weiter. Und der Wald wird immer schwärzer und dichter, bis in den Himmel ragt er mit seinen Wipfeln. Über kurz oder lang ist das dritte Paar Schuhe abgetragen, der dritte Stab zerbrochen, das letzte Weihbrot verschlungen. Schließlich lief das Knäuelchen zu einer Hütte. Die steht vor dem Mädchen auf den Hühnerbeinen, dreht sich unaufhörlich.

Ruft das Mädchen: „Hüttlein, Hüttlein! Dreh dich mit dem Rücken zum Wald , mit der Vorderseite zu mir. Ich will in dich hineinklettern, um Brot zu essen.“

Die Hütte gehorchte und drehte sich mit dem Rücken zum Wald, aber mit der Vorderseite zu dem schönen Mädchen. In der Hütte lag wieder eine Baba-Jaga mit dem knöchernen Fuß, von allen dreien die älteste.

„Fu, fu, fu! Früher hätte ich den Hauch eines Russen mit den Augen nicht schauen, mit den Ohren nicht bemerken können; aber heute wandert der russische Atem in der weiten Welt umher, zeigt sich dem Gesicht und steigt in die Nase. Wohin des Wegs, schönes Mädchen? Kommst du in Schweiß oder mit Fleiß?“

Antwortet das schöne Mädchen: „Bei mir war Finist Hellfalke mit den bunten Federn, Großmütterchen. Meine Schwestern taten in Böses an. Da flog er von mir, weit  fort über das ferne Meer, hinter die hohen Berge, in das dreimal neunte Zarenreich, in das dreimal zehnte Herrenreich. Immerfort suche ich Finist Hellfalke.

„Ach, Mädchen, Mädchen, dein armes Köpfchen! Schon vermählt er sich im Zarenreich“, sagte die Baba Jaga. Sie gab dem Mädchen zu essen und zu trinken und legte es schlafen. Aber am Morgen, noch waren die Sterne am Himmel nicht erloschen, weckte sie es und gab der Schönen ein gutes Geschenk: einen goldenen Stickrahmen und eine Nadel. Dann sprach sie:  „Viel Zeit hast du nicht mehr. Spute dich! Hier hast du ein Geschenk von mir, einen goldenen Stickrahmen und eine Nadel. Du brauchst nur den Rahmen zu halten, dann steht die Nadeln von selbst. Bist du im dreimal neunten Zarenreich, inm dreimal zehnten Herremreich, so setze dich an das blaue Meer, die Zarentochter, mit der sich Finist Hellfalke vermählt hat, wird zu dir herauskommen und wird dir den Stickrahmen und die Nadel abkaufen wollen. Doch du, meine Schöne, verlange ihr nichts ab, sondern bitte nur, Finist Hellfalke mit den bunten Federn einmal anschauen zu dürfen.“

Das Mädchen dankte der Alten und ging hinter ihrem Knäuel einher. Dam Zieler Wald wurde immer lichter und lichter. Da breitete sich plötzlich das blaue Meer frei und schrankenlos vor ihr aus, und dort in der Ferne erkannte sie die goldenen Giebel des hohen weißsteinigen Palasts.

Nacherzählt aus: Russische Märchen. Nach den Einzelausgaben der Kaiserlichen Druckerei in St. Petersburg aus den Jahren 1901-03, ed. Dr. Martin Löpelmann. Deutsche Buchgemeinschaft Berlin.