Auf der Suche nach Wahrheit
Leo Nerdette

Wer sich heute auf die Suche begibt…

Die Suche nach Wahrheit? Wer sucht heute noch nach Wahrheit?

In den Tagen von #Fakenews weiß keiner mehr, was wahr ist: Derjenige, der am lautesten schreit, bekommt Recht. Derjenige, der mächtig ist und seine Interessen mit allen Mitteln – auch mit Lügen – durchsetzen will, bestimmt.

Dieser Mechanismus funktioniert zurzeit in Ungarn, in der Türkei, in Syrien, in den USA… überall dort, wo sich totalitäres Denken durchzusetzen beginnt.

Plötzlich tauchen Begriffe auf wie „postfaktisch“, wie „alternative Perspektiven“ oder „Tatsachen mit Spielraum“.

Wahrheit… die eine Wahrheit gibt es nicht, sagen die Leute. Es kommt eben auf die Perspektive an, aus der man etwas sieht. Es gibt so viele verschiedene Sichtweisen… wer kann schon wissen, was wirklich wahr ist? Wozu also sollte ich mir die Mühe machen, es herauszufinden.

Jeder, der so argumentiert, vergisst diejenigen, die sich tatsächlich auf die Suche nach einer möglichst allgemein gültigen Wahrheit begeben. Menschen, die ihr Leben dafür geben. Für etwas, das bloß ein Konstrukt ist – aber eben ein gültiges – Menschen, die sich auf die Suche nach Wahrheit machen.

Und sie bezahlen teuer, damit wir diese Wahrheit bekommen.

Wieviel Angst kostet Wahrheit?

Als sich die Lifttüre öffnete, entdeckte die Nachbarin ihre Leiche. Zwei Kugeln steckten in der Brust, eine in der Schulter und eine im Kopf.

Anna Politkovskaja rechnete mit ihrer Ermordung. Sie hatte Angst, lebte ständig mit ihr.

2005 sagte sie auf einer Konferenz zur Pressefreiheit:

Manchmal zahlen Menschen mit ihrem Leben, wenn sie laut sagen, was sie denken; manchmal sogar, wenn sie mir Informationen weitergeben. Ich bin nicht die einzige, die in Gefahr ist.

2001 floh sie zum ersten Mal aus Angst nach Wien: Ein Polizeibeamter wollte Rache nehmen. Politkovskaja hatte ihn beschuldigt, für Gewalttaten in Tschetschenien verantwortlich zu sein.

Lange hielt es sie jedoch nicht; sie kehrte wenige Monate später wieder nach Moskau zurück.

Trotz der Bedrohung… trotz der Angst um ihr Leben. Trotz der Anschläge, die sie überlebt hatte.

Ihre Freunde sprechen von mindestens neun.

Sie hätte sich ihr Leben leichter machen können: Als US-amerikanische Staatsbürgerin hätte sie sich eigentlich nicht darum kümmern müssen, wie Russlands Wahrheit aussieht.

  • Was also trieb sie zurück?
  • Was ließ sie im Gegensatz zu vielen anderen keine „Wahrheit“  akzeptieren, die einem Großteil der Betroffenen die Stimme nimmt?

Wie Demokratie erlischt

In ihrem posthum erschienen Russischen Tagebuch macht Politkovskaja den Anfang vom Ende an einem Ereignis fest. Ihr gilt es als das Ende der Demokratie in Russland: Die Geiselnahme von Beslan.

beslanb_2007_09_01Am 1. September 2004 um 9:30 Uhr stürmte eine Gruppe von Geiselnehmern die Mittelschule Nr. 1, in der Schüler im Alter von sieben bis 18 Jahren unterrichtet wurden.

Der 1. September ist in ganz Russland Schulbeginn, an dem die Erstklässler in Anwesenheit der Eltern und zukünftigen Mitschüler feierlich begrüßt werden. Oft kommen ganze Familien, um der Zeremonie beizuwohnen.

Drei Tage später beendeten russische Einsatzkräfte die Geiselnahme, indem sie das Gebäude stürmten. Dabei starben Kinder wie Erwachsene. Soweit lässt sich sagen, dass sich die Darstellungen gleichen.

Dann aber begann ein mühsames Ringen, um das, was wa(h)r.

Politkovskaja machte sich auf, Hintergründe zu erfahren. Sie wollte zeigen, was bevorsteht, wenn sich autokratische Machtmenschen politisch durchzusetzen verstehen.

Nur eine gründliche Suche zählt

Der Journalistin war bewusst: Sie würde nicht annähernd an die Wahrheit herankommen, wenn sie in ihrem Moskauer Büro blieb und offiziellen Kundmachungen lauschte.

Sie brach auf – mit drei harten Broten, drei Wanderstecken und drei Paar eisernen Schuhen, wie es in einem der beliebtesten russischen Märchen heißt, dem Märchen Das Federchen des Finist Hellfalke. In ihm sucht das schöne Mädchen ihren Geliebten Finist – den Phönix, der alle 500 Jahre aus der Asche wiedergeboren wird.

Für Politkovskaja bedeutete diese Suche vor allem Recherchearbeit vor Ort:  Jedes noch so kleine Stückchen Information offizieller Stellen musste überprüft werden.

  • Waren es nun 130 (offiziell) oder doch über 1000 Geiseln, wie Zeugen berichteten?
  • Die Anzahl der Geiselnehmer schwankte erheblich, man einigte sich schließlich auf mindestens 32.
  • Waren tatsächlich Araber unter ihnen, wie Armee und OMON-Spezialeinheiten durchsickern ließen?
  • Oder waren es ausschließlich Tschetschenen, wie die Betroffenen behaupteten.
  • Sogar die Zahl der Toten war umstritten: 331 nannten die Behörden, 394 wurden allein in einem Krankenhaus gezählt, 900 vermuteten Hilfsorganisationen.

Politkovskajas Ohr galt dem Erlebten

Was Politkovskaja für all jene, die behaupteten, die Wahrheit zu kennen, so gefährlich machte, war ihr Wissen darum, dass diese behauptete Wahrheit ohne die Stimme der Betroffenen gar nicht wahr sein kann; dass behauptete Tatsachen auch das Skelett für ein anderes Konstrukt – der Propaganda – bilden können.

Sie hörte Müttern zu, die ihre Kinder verloren hatten, Vätern, die mit diesen weinten; spürte die Trauer, die Angst und die Wut über die Verdunkelungstaktik der zuständigen Behörden. Diese Eltern wollten wissen, wie ihre Kinder gestorben waren. Doch die Behörden speisten sie mit Worthülsen ab.

Die Wahrheit stand auch für Politkovskaja nicht unveränderlich und absolut da.

Aber es gehörten Fixpunkte dazu, die nicht beiseite gewischt werden konnten: Geschehnisse in Russland, die zur Geiselnahme geführt haben. Verantwortlichkeiten. Zusammenhänge und auch aufgestaute Gefühle. In Tschetschenien, im ganzen Land.

All das versuchte die Journalistin zu benennen, in Worte zu fassen, um ihre Wahrheit möglichst wahr werden zu lassen. Wohl wissend, dass wir, die Leser, dem Gesagten nur vertrauen können, wenn sie ihre Arbeit gut machte. Ihr Phönix sollte nicht so schnell wieder sterben!

500 Jahre Leben wollte sie ihm geben.

Ihr eigener Tod ist dazwischen gekommen.

Und Finist?

Finist ist endgültig davon geflogen

Fotocredit

Leser dieses Artikels interessierten sich auch für

Globetrotters Sehnsucht nach Hause

Ernährung: 3 Blogs zum Schmökern

Wie du dein Thema in Nullkommanix spannend machst

5 Tage sind noch übrig.
Über eure Kommentare freuen wir uns!
Teile den Artikel in den sozialen Netzen! :)
Der bösen Schwiegermutter das Wort
Nebiga

Der bösen Schwiegermutter das Wort

Schwiegermutter: So beschimpfen mich manche. Böse sei ich, sagen sie, eifersüchtig wäre ich von Anfang an gewesen – neidisch auf die Schönheit einer der ihren, einer Sterblichen! Was die sich nicht alles seit Jahrhunderten zusammenreimen! ICH – wütend, weil manche Menschen damals behauptet hätten, das Mädchen Psyche wäre schöner als ich; ja es sogar einige unter ihnen gab, die deren Reinheit anbeteten; Psyche Blumen vor die Haustür streuten.

Was wissen diese Menschen denn? Nur, weil ihnen der Schreiberling Apuleius seine Version erzählte – dieser Dichter, der doch nur ein Sprachrohr meines größten Widersachers Apollon war –  ein Schwätzer, ein Lügenverbreiter.

Aber ihr glaubt ihm natürlich, ihr Sterblichen. Ihm und all seinen Nachfolgern. Ehrlich, was für eine armseelige Vorstellung ist das denn? Könnt ihr euch nichts Anderes ausdenken? So – und offenbar nur so – kennt ihr es. Von euch selbst. Ihr interpretiert Psyches Geschichte um, macht mich zur einzigen Ursache ihres Schicksals; passt ihr Leiden eurem schwachen Weltbild an. Wart ihr etwa dabei? Habt ihr gesehen, gefühlt, erfahren?

Nein!

Ihr kennt das Märchen von Amor und Psyche nur vom Hörensagen und seht offenbar keinen Grund das Lügengespinst zu hinterfragen. Ein Märchen war es damals, als Apuleius es aufschrieb, sonst nichts. Nicht einmal ein Märchen… ein Lügengeflecht… ein Propagandagedicht! Ihr habt vergessen, wer ich wirklich bin, wer Cupido, wer Apollon. Ihr habt uns sogar andere Namen gegeben: Venus, Amor, Apollo. Das Orakel von Delphi hat auch noch das seine dazu beigetragen. Aber… was tun die denn anderes, als Lügen zu verbreiten? Als  wüssten sie – gerade die! Sie wissen schon so lange nichts mehr. Schon seit damals, als Apollo meine Seherinnen umbringen ließ…

Als Schwiegermutter sage ich euch

Schönheit vergeht, gerade bei den Sterblichen! Und was bleibt? Charakter. Nur der. Wie sollte Psyche aber einen solchen entwickeln, wo sie doch den ganzen Tag in ihrer Kammer in Algier herumsaß und sich die Augen nach einem Geliebten leer weinte; sich sehnte, nach einem, der sie und nicht nur ihre Schönheit lieben sollte.

Ach geh…

Besser wäre gewesen, sie hätte sich die Augen nach einem ausgeweint, von dem sie glaubte, ihn selbst zu lieben. Das nämlich bildet!  Nichts bildet so sehr – den Charakter…

Sie hätte sich aufmachen sollen, zu lernen, sich selbst zu vertrauen. Doch dafür hätte sie einen besonderen Mann gebraucht; einen, der weder dem gängigen Schönheitsideal entspricht,  noch göttlich ist; einer, der durchschnittlich oder hässlich, männlich, aber nicht dumm ist, dessen Interessen nur eben fern von den ihren liegen.

Einen, auf den sie warten müsste, stundenlang, weil er vergessen hat, sie zu treffen, weil er zu arbeiten hat, weil er andere Frauen trifft; einen, der trinkt, dem Männerfreundschaften wichtiger sind als ein Abend mit ihr; einer, der sie schlägt, der achtlos ist, der lieber Sport macht oder Gefährte repariert. Ach, es gibt unzählige Spielarten!

Schlicht einen, der ihr die Augen öffnen konnte; ihr zeigen würde, wie wichtig es ist, unabhängig – bei sich selbst – zu sein und ihr eigenes Leben mit Freude zu füllen. Ihr Leben täglich mit allen Facetten zu genießen. Nur dann nämlich würde sie überhaupt den Mann finden können, der sie tatsächlich liebt – nicht nur ihre Schönheit!

Zu dieser Erfahrung wollte ich ihr verhelfen: Ich wollte, dass sie sieht, wovor sie sich hüten muss: Wahllos irgendjemandem ihr Leben zu schenken… schon gar nicht jemandem, der es nicht wert ist, weil er ihr Leben nicht achtet!  Das aber konnte sie nur durch einen Menschen erfahren, von dem sie glaubte, ihn zu lieben. Zu einem solchen sollte ihr mein Sohn verhelfen, damit sie sieht…

Was aber tat Amor?

Er verliebte sich selbst in sie – er, ein Gott, kein Sterblicher, kein normaler Mann, ein allwissender, göttlich-machtbesessener. Dann wollte er sie gleich auch noch besitzen; ohne ihre Zustimmung entführte er sie. Umgehend und ohne über Konsequenzen nachzudenken. Er war ja verliebt.

Als ob das irgendetwas entschuldigen würde!

Psyche lernte – entführt und entehrt – meinen Sohn zu lieben… ja, doch, was blieb ihr auch Anderes übrig? Amor versteht etwas davon, eine Frau die Nächte genießen zu lassen. Was diese unerfahrene Liebe allerdings für beide bedeuten würde, das konnten sie nicht vorhersehen: Das Techtelmechtel ging solange gut, bis Psyche Amor ins Gesicht sah. Ihn erkannte. Sah, was und wie mein Sohn tatsächlich ist. Das verträgt ein Gott nicht, das verletzt ihn. Das macht ihn zu menschlich. Wohin floh Amor damals vor diesem Blick? Zu Muttern! Aber nicht, dass er mir etwas erzählt hätte!

Ein Tropfen Kerzenwachs hätte ihn verletzt… also bitte! Eine schwächere Ausrede hätte ihm kaum noch einfallen können!

Er verkroch sich in sein Zimmer, schlich mit Leidensmiene herum… Er kam nur dann aus seinem Zimmer, wenn er was brauchte. Wenn ich fragte, was er hätte, bekam ich ein schmollendes „Nichts!“. Dass das „Nichts“ in meinem Haus die Stimmung verdarb, störte ihn nicht.

Psyche war wesentlich geschickter

Sie ahnte, dass ihr bei Liebeskummer nur eine Frau helfen konnte, eine erfahrene: Deshalb kam sie zu mir – der Schwiegermutter in spe. Sie bat um Hilfe. Sie liebe Amor, sagte sie, wolle ihn, wie er war. Sie dachte allerdings an eine Verbindung in Augenhöhe. Ich entdeckte den Keim zur doch noch möglichen Charakterbildung und war entschlossen, ihn zu nähren, ihn wachsen zu lassen: Psyche sollte sich selbst vertrauen lernen!

Ein Gott wie Amor brauchte eine Göttin als Partnerin; eine Unsterbliche, die ihm Grenzen setzen konnte. Eine, die mit ihrer Ewigkeit auch ohne ihn etwas anzufangen wusste – und nicht eine sterbliche Seele, deren Schönheit durch vergebliches Warten vergehen, die ohne Freude dahinsiechen und letztendlich sterben würde.

Das war dem Mädel natürlich noch nicht so ganz klar, aber sie murrte trotzdem nicht.

Drei Aufgaben stellte ich – nicht mehr

Drei, nicht vier, wie mir der Lügenbaron, Apuleius, später unterstellte:

  1. Psyche sollte binnen Tagesfrist einen Berg aus Gerste, Mohn, Hirse, Weizen und Erbsen verlesen. Sie holte Hilfe – das kluge Kind. Sie rief die Ameisen, die ihre Aufgabe erledigten. Korn und Samen nach Sorte getrennt auf Häufchen stapelten.
  2. Zur Locke der Schafe vom goldenen Vlies verhalf ihr der Fluss. Sie selbst betörte ihn mit ihrer Klug- und ihrer Schönheit.
  3. Was ich wegen dieses Tropfens aus der Quelle, die von einem Drachen bewacht wird, sagen möchte: Wenn selbst Götter vor diesem Drachen zurückschreckten… wie sehr wäre Psyche unter ihnen geachtet worden, hätte das Mädchen zum rechten Zeitpunkt begriffen…. hätte sie bloß Apollos Behauptung, ihr geholfen zu haben, von Anfang an zurückgewiesen! Denn geholfen hat er wahrlich nicht! Der Gott der Dichtkunst rührte nicht einen Finger, obwohl es seine Anhänger immer wieder behaupten. Psyche überlistete den Drachen selbst. Sie allein bat den Adler des Zeus, ihr zu helfen, sie zur Quelle zu bringen. Und der Adler half, weil es seine Natur war.

FreiheitDoch noch war das Mädchen zu jung, zu schwach. Sie konnte ihre eigene Leistung nicht erkennen! Zu zögerlich war sie, um ihr Können wert zu schätzen. Zu unerfahren mit göttlichem Werk! Und schon nutzten andere ihre Zweifel, ihre mangelndes Selbstvertrauen!

Apollo hätte auch hier geholfen. Ja klar, ausgerechnet… Als könnte der Gott der schönen Worte der Natur befehlen? Hah – diese Macht hat er nicht und wird er auch nicht bekommen, ewig nicht.  Er kann die Natur besingen, gern. Aber mehr ist nicht! Da nützt es ihm auch nicht, das Orakel von Delphi erobert und meine Priesterinnen getötet zu haben. Da können die Usurpatoren – seine Priester – erzählen, was sie wollen. Tatsache ist: Die Herrscherin der Natur bin und bleibe ich. Weiblich. Und Psyche gehört zu uns, ist eine Frau!

Die vierte Aufgabe

Die vierte Aufgabe war in Wahrheit überhaupt keine Aufgabe. Die Büchse mit Proserpinas Schönheit sollte nicht für mich sein. Was sollte ich mit Proserpinas Schönheit aus der Unterwelt? Ich bin ja schon die Göttin des Todes! Er ist Teil meiner unsterbliche Schönheit! Die Büchse war kein von mir geplanter Verrat! Ein Quentchen dieser Schönheit hätte Psyche unsterblich gemacht.

Ach, hätte das Mädchen ihre Neugier nur eine kleine Weile bezähmen können! Gerade so lange bis es wieder an der Oberwelt gelandet wäre! Ja, dann hätte Psyche ihre Göttlichkeit aus eigener Kraft geschafft. Leider war Diskretion nicht gerade ihre starke Seite! Das hatte sie ja schon bei Amors Bitte bewiesen, ihn niemals direkt anzusehen. Dass diese Sterblichen so furchtbar neugierig sind…

Ein Blick nur genügt – schon wandelt sich die ganze Geschichte.

Psyche versank in todesähnlichen Schlaf

Kaum glaubte mein Sohn, seine Geliebte auf ewig verloren, wurde er aktiv. Er flehte mich an, bettelte, bat und schmeichelte. Amor nämlich besitzt die Macht nicht, Leben zu schenken. Noch so eine Lüge der Orakelverdreher, Dichter und Poeten. Da braucht der Gott der Liebe schon Muttern dazu. Und ich gab nach.

Der nächste Schritt war ein Fehler. Diesen Schritt bereue ich bis heute! Oh, und wie ich ihn bereue… jeden Tag.

Ich erweckte das Mädchen, ohne dass ich selbst vor ihr erschien. Ja, ja… ich war zu faul, ich gebe es zu. Ich war Amors Gebettel leid, wollte meine Ruhe. Um keinen Preis wollte ich reisen… noch dazu an so ungastlichen Ort. Ich ahnte ja nicht, wie hoch der Preis tatsächlich sein würde! Ich kam nicht auf die Idee, dass Amor seiner Geliebten beim Aufwachen nicht die Wahrheit sagen, ihr einreden würde, sie verdanke ihm und Apollo alles.

Das I-Tüpfelchen setzte Zeus. Auch das hätte ich wissen müssen: Männer unterstützen sich gerne bei ihren Machtgelüsten – Götter sind da keine Ausnahme, da braucht man nur Hera zu fragen. Zeus machte das Mädchen zur Göttin von seinen Gnaden!

Was schlimm genug ist! Wo bleibt dabei das eigene, weiblich-göttliche Selbst!

Dann verheiratete er Psyche auch noch mit dem Lügenbeutel, meinem Sohn. Das Mädchen konnte gar nicht aus freien Stücken wählen. Sie hat in der Unterwelt vergessen, vergessen, was sie geleistet, wofür sie gekämpft und gestritten hatte. Für ihre Göttlichkeit, ihre Freiheit, ihre Lebenslust. Psyche gehorchte vor Zeus und den anderen – erduldet bis heute, weil sie sich abhängig glaubt.

Als Schwiegermutter aber weine ich täglich heiße Tränen…

Psyche vertraut sich nicht mehr!

  • Heute werkt sie in Amors Haus, gebiert ihm seine Kinder. Kocht, putzt, wäscht und wartet –  wartet Stunde um Stunde: mit dem Essen, mit dem Schlafen oder darauf, dass er sie in die Stadt mitnimmt… wartet sehnsüchtig darauf, dass Amor sie wieder schätzt, so aufmerksam ist wie früher. Sie vergeudet ihr Leben.
  • Manchmal findet sie sogar Arbeit, aber übt sie nur solange aus, solange Amors Bequemlichkeit nicht leiden muss.
  • Ohne Hidschab geht sie nie aus dem Haus. Ihre Schönheit, sagt sie, hebe sie auf – für meinen Sohn. Sie sei ihm so unendlich dankbar… dass er sie genommen, sie gerettet hat.

Amor, weiß ich, hat mittlerweile beides satt: Psyches Schönheit und ihre Abhängigkeit. Wie ich höre, vergnügt er sich in der Stadt.

Er denkt, sagt er, über eine zweite Frau nach. Eine, die Psyche ersetze, ihn herausfordere, ihr eigenes Leben lebe…

„Eine, die von mir unabhängig ist, Mama.“

©SCommIntercultural

Wenn die Wölfin heult
Nebiga

Wenn die Wölfin heult

Die Wölfin folgte ihrem Pfad. Sie huschte lautlos; ihr graues Fell verschwamm in der Dämmerung. Die gab ihr Deckung, als sie die Autoschlange entlang durch die Wüste schlich. Ihre Nase schnüffelte unentwegt am Boden, sie blendete Dieseldämpfe und die irritierenden Auspuffwolken aus, um der schwachen Spur zu folgen. Der Spur aus Blut und Tod.

Im Brachland an der Grenze zwischen El Paso und La Ciudad de Juarez wälzte sich der Freitagabendverkehr träge vorwärts, kam zum Stehen. Die Luft flimmerte vor Hitze, obwohl nur noch schwaches Licht an die untergehende Sonne erinnerte. Die Motoren der Kleintransporter, der camionetas, heulten auf, Räder quietschten, sobald der Tross sich neuerlich in Bewegung setzte. Wie die Wölfin strebten die Fahrer der mexikanischen Grenzstadt La Ciudad de Juarez zu. Die Wölfin aber würde die Stadt niemals betreten. Ihr Pfad sollte dort enden, wo alles anfing: an den rosa Kreuzen am Rande der Stadt.

Auf dem Heimweg

Puta Madre!„, fluchte Jimena, obwohl sie niemand hören konnte. Sie  reihte den Nissan ihres Patrons in die lange Blechschlange ein. Was blieb ihr anderes übrig? Dies war die einzige autopista von der Grenze zur Stadt. Der Wagen saß eingekeilt fest. Es ging höchstens im Schritttempo weiter. Jimena schwitzte. Einmal wegen des Windes, der den feinen Staub der Wüste mit seinem heißen Atem auf ihre Haut peitschte. Aber auch, weil der Patron wartete, er brauchte den Wagen heute Abend. Warten machte ihn unberechenbar, aggressiv.

die Werkstätten an der Grenze LateinamerikasDabei hatte Jimena sich extra beeilt; hatte nach der Arbeit darauf verzichtet zu duschen, damit sie den Grenzverkehr am Freitag vermeiden konnte. Fast wäre sie unbehelligt am Tor der Werkstatt an der Grenze – einer der maquilladoras – angelangt, da hatte sie der Vorarbeiter zurückgepfiffen: Sie hätte ihren Arbeitsplatz nicht ordentlich hinterlassen, das müsse sie korrigieren. In Wirklichkeit wollte er ihr auf den Hintern starren, ihr zwischen die Beine greifen, während sie sich bückte, um imaginäre Kabelreste aufzuheben. Sich an ihr befriedigen. Das kannte sie schon. Doch heute hatte sie es eilig gehabt; den Vorarbeiter schnell abgefertigt, Versprechungen gemacht. Ihr Patron wollte doch den Wagen und den wöchentlichen Lohn!

Ihre Kollegen mit ihren Schrottkarren, die mit den maquilladora-Arbeiterinnen überfüllten Busse und die Straßenhändler sorgten bereits am späten Nachmittag für einen zähflüssigen Verkehr. Aber immerhin musste niemand im Stau stehen. Jimena hatte gehofft, genau diese Zeitspanne abpassen zu können, damit sie den Wagen rechtzeitig zurück bringen konnte. Doch diese Hoffnung war dahin: Eine Stunde später nur verstopften diejenigen die autopista, die drüben – in El Paso – arbeiteten. Sie kehrten in ihre Häuser diesseits der Grenze zurück, in die unzähligen Ein-Zimmer-Wohnungen von La Ciudad de Juarez – weltberühmt für die beiden Drogenkartelle, die die Stadt beherrschen; bekannt für die Verbrechen, die in ihr verübt werden.

Ohne Ausnahme hatten es alle eilig; fluchten, weil es so langsam vorwärts ging; sie auch in ihren klimatisierten Autos schwitzten. Nachts wollte ín La Ciudad de Juarez keiner mehr auf den Straßen sein. Besonders aber Frauen nicht.

Im falschen Alter

justicia para nuestras hijasJimena wusste, dass sie zu den gefährdeten Mädchen gehörte: Zwei Jahre noch, dann würde sie die Altersgrenze überschreiten. 13 bis 24 Jahre – älter werden die Mädchen in den maquilladoras nicht, hieß es. Für die Frauen der Stadt waren dies die Jahre, in denen sie ihre Töchter jeden Morgen musterten, sich den Tag über immer wieder in Erinnerung riefen, mit welchem Rock, mit welchem T-Shirt ihr Kind aus dem Haus gegangen war: Damit sie im Falle einer Suchanzeige vorbereitet waren. Denn die Mädchen verschwanden – wurden reihenweise entführt. Es spielte keine Rolle, ob am Tag oder am Abend.

Manche der Mädchen tauchten als Leiche wieder auf: im Brachland, verscharrt im Sand. Brandmale auf der Haut, die Unterlippe oder andere Körperteile abgebissen, vergewaltigt, gequält, stranguliert, verstümmelt. 1993 wurden die ersten Leichen entdeckt. Heute gehen die Toten in die Hunderte; verschwunden aber sind mehr als 4000 Mädchen. Wie viele von ihnen verwesen, verscharrt in der Wüste, im weiten Grenzland? Niemand weiß es, die Polizei fragt nicht nach und sucht nicht.

Das magische Alter in Ciudad de Juarez war 24. So alt wollte jedes Mädchen werden. Später verschwanden keine jungen Frauen  mehr. Drogenkuriere schon, aber keine Mädchen aus den maquilladoras. Doch die Aussicht, das richtige Alter zu erreichen, war für die Mädchen in den Fertigungsstätten gering, Jimena selbst rechnete nicht damit, Glück zu haben. Sie wusste nicht, wann es sie erwischen würde, lebte ständig mit der Angst. Diese kroch überall hin, verstopfte jede Pore ihrer Haut wie der heiße Staub, der durch die heruntergekurbelten Fester wehte. Nach ihr würde niemand suchen oder sie gar vermissen: Sie hatte keine Familie in der Stadt, auch nicht im Bundesstaat Chihuahua. Sie kam aus Chiapas, aus dem armen Süden Mexikos.

Als Jimena wieder einmal anfuhr, um einen halben Meter weiter zu kommen, sich mit dem Unterarm die schwarzen Pony aus der Stirn strich, die vor Schweiß feuchten Augenbrauen mit einem Finger zu trocknen suchte, nahm sie die Bewegung wahr. Das konnte nicht sein! Doch ja, neben dem Nissan trottete eine indígena. Sie zog einen Einkaufswagen vollgefüllt mit Plastiksäcken und Lumpen mit sich. Trotzdem passierte sie mühelos ein Auto nach dem anderen, zog an ihnen vorbei. Ihre bloßen Füße klatschten gleichmäßig auf den rauhen Stein, versanken im heißen Sand.

Jimena fluchte noch einmal, laut und heftig. So langsam fuhren sie also!

La Huesera, die Knochenfrau

Die Alte war der Polizei gut bekannt: Jeden Abend kam sie aus der Wüste, jeden Morgen wanderte sie zurück. Seit über zwanzig Jahren schon. Sie trottete unbeirrbar, jeden Tag, einen Weg, den niemand kannte. Ganz zu Beginn hatte einer von den jungen Ordnungshütern sie aufgehalten. Woher sie komme, wohin sie gehe, was sie hier zu suchen habe, hatte der frischgebackene Kollege gefragt. Sie hatte nicht geantwortet, sogar dann nicht als er mit „Gewahrsam“ drohte. War sie stumm? Konnte sie kein Spanisch? Bei indígenas kam das häufig vor.

Das Misstrauen wuchs, als er die schwarzen Plastiksäcke und Lumpen im Einkaufswagen durchsuchte: Neben Stofffetzen und Plastikflaschen fand er Bärenknochen, Krähenleichen, Schlangenhäute, Gebeine toter Wölfe und  – Menschenknochen. Damals waren die ersten Frauenmorde entdeckt worden. Für einen übereifrigen Polizisten war damit der Fall klar: Er nahm die Frau auf die Wachstation mit.

Was dann geschah, bildet heute noch Stoff für die Legenden der Stadt: Er und seine Kollegen vergaßen die Knochenfrau völlig. Es war, als wäre sie eine vertraute Erscheinung, als würde sie mit ihrer Umgebung verschmelzen, als wäre sie – Alltag. Die Erinnerung an sie verblasste mit jeder Stunde. Verschwamm. Keiner nahm sie mehr wahr; keiner musterte sie, sah ihre bernsteinfarbenen Augen, beachtete das wirre Haar oder roch den warmen Geruch, den sie verströmte.  Ein Duft von Wolfsfell, das in der Sonne gelegen war. Keiner erinnerte sich, was genau er untersuchen sollte, was er sie fragen wollte. Selbst der junge, übereifrige Kollege nicht. Für dieses bei der mexikanischen Polizei durchaus nicht unübliche Phänomen des Vergessens war diesmal jedoch eines nicht nötig: Geld. Nur Zeit.

Am Ende des Tages schob die Knochenfrau den Einkaufswagen mitsamt Inhalt aus der Station. Sie hielt sich nicht lange vor dem Tor auf, trottete weiter auf der staubigen Straße aus der Stadt in die Dämmerung. Vor sich schob sie den mit Knochen gefüllten Einkaufswagen.

La Huesera hält niemand auf. Sie erfüllt ihre Mission.

Nachts singt eine Frau

Tatsächlich hat die indígena mit den bernsteinfarbenen Augen viele Namen: La Huesera – die Knochenfrau – war nur einer. La Trapera – die Fängerin – ein anderer. Vor allem liebte sie einen: La Loba – die Wolfsfrau. In Mexiko kennt sie jedes Kind. Es heißt, dass sie in einer Berghöhle zwischen den Steilhängen des Tarahumara-Indianerreservats haust, andere behaupten, sie am Rande des Highway bei El Paso gesehen zu haben, und wieder andere, sie sei in einem verbeulten Lastwagen mit zerschossenem Rückfenster in der Nähe von Oaxaca Richtung Süden gefahren.

Tatsächlich hatte sie das Brachland um La Ciudad de Juarez und die Grenzgebiete schon länger nicht mehr verlassen. Tagsüber kriecht sie tief gebückt durch die arroyos, die ausgetrockneten Flussbetten, sucht unter jedem Strauch und Stein nach Knochen, stopft sie in die Plastiksäcke, die sie aus den Supermärkten stiehlt. Sie trägt Skelette zusammen, eine bunte Mischung aus den verblichenen Knochen, die im Brachland auftauchten: Zarte von jungen Frauen genauso wie von Wölfen.

Wenn sie denkt, sie hat genug Gebeine zusammen, wandert sie zu den rosa Kreuzen am Rande der Stadt. Vor sie legt die Alte die Knochen zu Skeletten zusammen, Wolfs- und Menschenskelette. Und, wenn sich auch der letzte Rückenwirbel am rechten Platz befindet und das Gerippe schön säuberlich geordnet vor ihr im harten Wüstensand liegt, dann lässt sie ihre faltigen Hände darüber schweben und singt. Mit erhobenen Armen steht sie über dem Gebein, singt das Lied, das ihr für diese Kreatur, ganz allein für diese eine, eingegeben wird.

Und dann dauert es nicht mehr lange, bis eine Spur von Fleisch über den Knochen sichtbar wird, bis eine Spur von Haut und Fell das Fleisch überzieht. La Loba singt, und die Kreatur unter ihr nimmt Gestalt an. Jetzt beginnt der Schwanz zu zucken, und nun wird er buschig und peitscht den Sand schon vor Ungeduld. La Loba singt weiter, mit vollem Herzen weiter, bis die Wölfin zu atmen beginnt.

Lauter und tiefer singt La Loba, so tief, dass der Boden unter ihren Füßen zittert, und während sie noch singt, öffnet die Wölfin ihre bernsteinfarbenen Augen, springt auf und rast durch die Wüste davon. Auf und davon. Nur wer Augen hat, die das Geschöpf bis zum fernen Horizont verfolgen können, sieht, dass das Tier sich von einem Moment zum anderen wieder verwandelt und die Gestalt einer Frau annimmt – einer Frau, die sich laut auflachend schüttelt und hinter dem Horizont verschwindet.die wölfin frisst

Endlich daheim

Als Jimena schließlich in die steinige Gasse einbog, in der das einstöckige Gemäuer stand, wo sie und der Patron lebten, waren nur wenige Fenster beleuchtet. Die Gasse lag nahezu im Dunkeln. Aber gegenüber ihrer Unterkunft brannte in einem kleinen Blechofen Feuer aus Spannholz. Um diesen herum hockten die Männer der Straße, selbstgebrannter Tequila wanderte herum. Das Mädchen erkannte sofort, dass sie schon betrunken waren, allen voran der Patron.

Sie parkte den Wagen vor dem Eingang. Widerwillig stieg sie aus, ging zu den Männern und reichte dem Patron Schlüssel und Wochenlohn – letzteren im Umschlag, wie sie selbst ihn erhalten hatte. Natürlich zählte er nach, nickte. Er murmelte noch: „Du bist spät.“ und „Darüber sprechen wir noch!“ Jimena schwieg. Sie wollte ihn nicht reizen, schon gar nicht vor seinen Freunden. Einer der Männer forderte sie auf, sich zu setzen, doch der Patron winkte sie weg. Damit war sie entlassen.

Zwei tortillas mit Salz und Zitrone – den Maisfladen zu ihrem Abendessen – und eine Tasse Kaffee später, zog sie sich in den abgetrennten Raum zurück, der als ihr Zimmer galt. Die Luft war stickig und schal; die Fensteröffnung mit Pappkarton geschlossen. Sie mochte das nicht, nicht in ihrem Zuhause. Deshalb schob sie den Karton zur Seite, atmete die trockene und staubige Luft tief ein. Da hörte sie es.

Wie alle Frauen in La Ciudad de Juarez.

Eine Wölfin heult

Die Wölfinnen finden immer wieder zurück, ausnahmslos. Wenn sie ihre Freiheit genossen, wo immer sie ihre neue Heimat gefunden haben… Sie laufen tagelang, bis sie sich eines Nachts im Brachland vor den rosa Kreuzen zusammen rotten. In ihrer Mitte La Loba, die sie begrüßt, willkommen heißt – solange, bis eine Wölfin heult. Die anderen stimmen ein.

Dieses Geheul begleitet nachts die Frauen der Stadt.

Man sagt, dass Frauen auch Glück haben können: Wenn sie allein in der Wüste herumlaufen, sich verloren vorkommen und todmüde sind. Vielleicht treffen sie eine alte indígena, die ihnen etwas vom Leben der Seele zeigt.

©SComm Intercultural