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Europäische Wildkatze 2018
Tipp

Was tun in den Ferien? Die Wildkatze 2018 kennenlernen!

Nein, sie ist kein „Tigerchen“ – eine von allen geliebte, geherzte, grau-braun-gestreifte Hauskatze. Dazu ist sie zu kräftig und vor allem zu wild. Die Wildkatze 2018 zum Wildtier des Jahres gekürt, nennt einen buschigen Schwanz mit dunklen Ringen und stumpfem, schwarzen Ende ihr eigen. Dieser bleibt buschig bis zur Schwanzspitze, anders als bei der Hauskatze. Ihr Fell wirkt verwaschen, so als wollte sich das Tier optimal seiner Umgebung anpassen, damit niemand es entdeckt.

Die Unterschiede im Aussehen der beiden sind schwer auszumachen. Viele würden sie nicht erkennen, auch wenn sie der Wildkatze  2018 über den Weg laufen. Im Zweifelsfall ist es nämlich sowieso die Hauskatze, eben das „Tigerchen“. Besonders wenn man das Tier untertags schleichen sieht.

Wildkatzen sind 1. scheu und 2. nur nachts unterwegs.

Selbst Fachleute haben Schwierigkeiten eine im Gehölz zu entdecken – selbst wenn sie wissen, wo ihr Revier ist.

Wo ist die Europäische Wildkatze zuhause?

Die Wildkatze braucht dichte Wälder für den Rückzug; liebt aber auch lichte Streuobstwiesen, feuchte Senken und Felder, in denen Schermäuse, Feldmäuse und all die anderen Mäusearten leben. 15 bis 20 Mäuse erlegt die Katze täglich – und sie frißt, was die Hauskatze verschmäht: Wühlmäuse!

Ohne Mäuse gibt es keine Wildkatze; ohne Vielfalt in Wald und Wiese gibt es keine Mäuse.

Wildkatze in Brehms TierlebenAls die klassischen Lebensräume der Wildkatzen in Deutschland gelten der Harz und Thüringer Wald, Eifel, Taunus und Hunsrück. Zusammengefasst: Die Mittelgebirge mit Mischwäldern aus Buchen, Eichen, Tannen und Kiefern, in denen auch mal ein gestürzter Baum liegen bleibt und so das abwechslungsreiche Habitat schafft, in dem die Wildkatze leben und sich vermehren kann.

Da die Wildkatze zu den gefährdeten Tierarten gehört, widmet sich das Naturschutz-Projekt Rettungsnetz Wildkatze des BUND der Aufgabe, die Wälder Deutschlands mit Korridoren und Grünbrücken wieder miteinander zu verbinden. 20.000 km sind in Deutschland vorgesehen, damit die wilden Katzen wieder wandern,  sich in noch mehr Gebieten ansiedeln können und ein genetischer Austausch stattfindet.

Unterstützung für ein so ehrgeiziges Projekt bekommt allerdings nur, wer das Tier auch sichtbar machen kann. Verständnis für die Wildkatze muss sich nämlich entwickeln können.

Dafür gibt es jetzt das Wildkatzendorf in Hütscheroda.

Wo die Wildkatze 2018 sich über Besuch freut

Mitten im Nationalpark Hainich wurde im April 2012 das Dorf für die scheuen Tiere eröffnet. Es besteht aus

  • der Wildkatzenscheune: einer alten Fachwerkscheune, die heute als modernes Informationszentrum fungiert
  • der Wildkatzenlichtung: einem naturnah gestalteten Gehege
  • dem Wildkatzenpfad: einem sieben Kilometer langen Rundwanderweg  mit dem Aussichtsturm Hainichblick.
  • dem Wildkatzenschleichpfad: ein eineinhalb Kilometer langer Rundweg durch den Wildkatzenwald mit Spielmöglichkeiten.

Nirgendwo sonst in Deutschland ist so viel Wissen über die Wildkatze versammelt.

Was aber besonders schön ist: Vier der Tiere leben dort: Carlo, Toco, Franz und Oskar 

Endlich könnt ihr sehen, wie ein Wildkatze tatsächlich aussieht, erfahren, was ein Kuder ist… und auch sonst noch allerlei lernen – über Gewohnheiten und Eigenarten dieser schönen Tiere.

Damit ihr sie nie wieder mit dem Tigerchen verwechselt!

Veranstaltungstipp: Wildkatzentag im August

Einen Familienausflug ist dieses Wildkatzendorf allemal wert – zum Beispiel nächste Woche: Da ist Tag der Katze im Wildkatzendorf. Nämlich am Mittwoch, 08.08.2018, 9 – 18 Uhr.

Ein bunter Familientag mit Kinderschminken, Aktionen und geführten Wanderungen. Oder aber ihr genießt einen abendlichen Rundgang durch die Wildkatzenscheune mit Schaufütterung bei Sonnenuntergang.

Weitere Attraktionen für die Wildkatze 2018 findet ihr hier.

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Beitragsbild von Aconcagua

Afrikanische Wildkatze liegend
Nebiga

Wie die Wildkatze ins Haus fand

Die Wildkatze ist Wildtier des Jahres 2018. Was wissen wir von ihr? Sie ist scheu, ortstreu und war in früheren Jahrhunderten in Europa weit verbreitet. Doch vor ein paar Jahren war sie in Deutschland fast ausgestorben. Das hat sich mittlerweile wieder gebessert, allerdings steht die Europäische Wildkatze immer noch auf der Roten Liste. Mit einem Bestand von rund 5.000 bis 10.000 Tieren in Deutschland gilt sie als „gefährdet“ und darf nicht gejagt werden.  Sie ist übrigens NICHT die Ahnherrin unserer Hauskatzen!

Die Afrikanische Wildkatze dagegen schon. Wie das kam? Die Dorfältesten der Shona aus Simbabwe erzählen es so – oder so ähnlich:

Die Wildkatze träumt

Feuchte Erde und Nebel in der Luft, verrottende Pflanzen, stehendes Wasser – es riecht nach Wurzeln und nach Gras; nein nicht nach Gras, mehr nach Farnen … nach Hängemoosen, Efeu und Lianen.

Jeder einzelne Baum hat einen eigenen Duft – und es gibt viele davon: Palmen, Pinien, Mahagoni – manche riechen bitter, andere süß oder sauer. Liegt Tau auf den Blättern intensiviert sich dieser Geruch noch und manchmal mischt sich das schwere Parfum einer Orchidee darunter oder das herbe Aroma einer Akelei.

So riecht er, der Nebelwald, viele nennen ihn auch Dschungel? Der Wald, von dem ich euch hier berichte, das ist ein richtiger Nebelwald. Einer, in dem es dampft und über den morgens eine Hauch weiße Schwaden hinwegzieht. Genauso wie die Netze der Seidenspinne, die in der Sonne glitzern.

Regenwald, Nebelwald, Dschungel

In diesem Nebelwald lebte einmal eine wilde Katze.

Sie lebte dort allein. Nachts schlich sie durchs Gehölz und jagte Mäuse und für untertags hatte sie ein bevorzugtes Sonnenplätzchen. Auf einem Stein neben einem Mahagonibaum sonnte sie sich und träumte, bis es wieder Zeit zu jagen war.

Sie lebte also ein gutes Katzenleben.

Doch eines Tages, als sie sich wieder einmal sonnte, wurde sie nachdenklich.

So ganz allein zu jagen, macht zwar Spaß, aber viel  lustiger wäre es zu zweit. Ich muss mir einen Mann suchen! Aber einen, der zu mir passt!

Für eine Katze kam natürlich nur der schönste, der stärkste, der größte aller Männer infrage: Ja, er musste das herrlichste Geschöpf des Dschungels sein!

und findet ihren Traum

Wie es der Zufall so wollte, kreuzte sie auf der Jagd in dieser Nacht den Weg eines Kuders – eines Wildkaters sozusagen. Ein stattliches Tier mit einem dunklen Streifen auf dem Rücken. Seine Stirn war schwarz gemustert als würde sie oft gerunzelt.

Ein Denker!

Sie war begeistert! Er nannte einen langen weißen Schnurrbart sein eigen. Der war viel länger als der ihre!

Was für ein herrliches Geschöpf!

Sie blinzelte kurz, stolzierte elegant an dem Kuder vorbei, lächelte und ließ dabei wie aus Versehen die Maus in ihrem Maul fallen. Ein paar Schritte weiter blieb sie beläufig stehen.

Der Kuder – ja nun, der war ein Kater – der verstand sehr wohl, was die Dame wollte.

Bald also schlichen die zwei zusammen im Dickicht umher, stöberten Mäuse auf, putzten sich gegenseitig und verbrachten viel Zeit zusammen. Sie waren glücklich und zufrieden.

Oder doch nicht?

Bis die beiden eines Nachts in das Revier eines Leoparden kamen. Der verfolgte gerade einen Hasen, huschte aus dem Gebüsch, rempelte den Kuder an und warf ihn in den Staub. Die Katze war schockiert, als sie das sah:

Wie sieht DER denn aus? Das Fell so staubig… mein Mann ist ja gar nicht schön! Bin ich nicht mit dem herrlichsten Geschöpf des Dschungels zusammen?

Nachdenklich betrachtete sie den Leoparden, der elegant den Hasen erlegte.

Leopard, Kopfansicht

Photo by Yigithan Bal from Pexels

Was für wunderschönen Flecken auf dem Fell! Diese Eleganz, diese Verwegenheit!

Hoch erhobenen Hauptes schritt die Dame nun an dem Kuder und dem fressenden Leoparden vorbei. Als sie letzteren passierte, zitterte ihr aufgerichteter Schwanz ein bisschen. Kurz vor der Wegbiegung blieb sie stehen, blickte zurück, wartete.

Auch ein Leopard ist ein Kater. Bald schon legte er der Wildkatze Leckerbissen zurecht, schaukelte mit ihr auf einem Ast und sie schlugen sich gemeinsam die Nächte um die Ohren. Sie waren also glücklich und zufrieden.

Herrlich, herrlicher, am herrlichsten

Eines Tages aber

Booooooaaaahhhhh

brüllte ein Löwe plötzlich von seinem Fels und schreckte den Leoparden aus seinem Mittagsschlaf.  So tief hatte der Leopard geschlafen, dass er verwirrt seinem Instinkt gehorchte und davonrannte. Die Wildkatze aber blickte ihm auf dem Ast liegend nach und schwang ihren Schwanz hin und her.

Ist der schreckhaft! So ängstlich kann das herrlichste Geschöpf des Dschungels nicht sein.

Dabei fiel ihr Blick auf den Löwen, der lässig fressend auf seinem Fels kauerte.

Ach, diese Mähne… wie majestätisch…

Löwe männlich, Wildkatze

Photo by Frans Van Heerden from Pexels

Auch der Löwe verstand schnell und so taten sich die beiden zusammen. Sie verbrachten so manche Nacht zusammen – jagten. Der Löwe teilte allerdings nur ungern, eine Maus war mit einem Haps weg. Meist wollte er sogar ihre Beute fressen. Und… noch etwas: Jeden Morgen murmelte er so etwas Ähnliches wie „Regierungsgeschäfte“ und verschwand.

Seine Ehefrauen! Was die immer wollen? Wo bleibe ich? Ich bin doch die Katze unter den Katzen!

Aber noch bevor unsere Wildkatze zeigen konnte, dass sie ihre Krallen einzusetzen wusste, kamen die beiden in das Revier einer Elefantenherde. Ein Elefant wanderte zum nächsten Baum, um zu fressen. Da trat er dem Löwen versehentlich auf den Schwanz.

Des Widerspenstigen Zähmung

Uiiiiii… schrie der Löwe und war weg.

Da rennt er – hab ich’s doch geahnt! Was ist der wehleidig! Der ist nicht würdig, mein Mann zu sein!! Ich verdiene …

Ja was wohl? Wir wissen, was jetzt kommen muss:

Afrikanischer Elefant, Kopf, Rüssel erhoben

Was hat der Elefant für schöne, große Ohren und stark ist er und groß!

Wie gewohnt schritt unsere Wildkatze knapp vor dem Elefanten vorbei. Sie blinzelte, sie strafte ihn mit Missachtung…

Nur der Elefant – der war ziemlich begriffsstutzig. Er schüttelte die Ohren und fraß gemächlich weiter.

Unsere Katze setzte wirklich alle ihre Verführungskünste ein, grad, dass sie sich nicht vor ihm rollte. Nichts schien zu wirken.

Na warte!

Entschlossen kletterte sie auf den Baum, an dem der Elefant fraß, balancierte einen Ast entlang und sprang auf den Kopf des Dickhäuters. Dort zwischen den Ohren kreiste sie ein paar Mal, trat ein bisschen auf der Lederhaut herum und machte sie es sich bequem.

Ahhh…

Zufrieden rollte sie sich zusammen und schnurrte.

Elefant und Wildkatze: Szenen einer Ehe

Der Elefant, zuerst empört, bemerkte schnell, wie angenehm so eine Massage war. Sein Kopf fühlte sich außerdem leichter an, jetzt, als er der Sonne nicht unmittelbar ausgesetzt war. So beschlossen also beide, es miteinander zu versuchen.

In den ersten Tagen gab es ein  paar Schwierigkeiten. Man musste sich aneinander gewöhnen: Die Katze konnte sich mit der veganen Kost nicht so richtig anfreunden und der Elefant? Der verabscheute Mäuse in jeglicher Form.  So einigten sie sich, dass die Wildkatze jagte, wenn der Elefant seine Blätter fraß. Zwischen seinen Ohren aber hatte sie immer ein schönes, sonniges Plätzchen und so waren auch sie glücklich und zufrieden.

Naja…

Hey,  was wirfst du Rüpel mir jetzt Sand ins Fell? Was glaubt du eigentlich? Das ich den ganzen Tag putze, oder was?

Ja, es gab des öfteren solche Ärgernisse.

Wasser? Brrr, hör sofort auf herum zu spritzen!

Sie stellte sich schon mal die Frage, ob der Elefant wirklich der Richtige für sie war. Trotzdem verließ sie ihn nicht. Er war ja nun einmal das… HERRLICHSTE GESCHÖPF DES DSCHUNGELS!

Die Wildkatze und der Herr des Feuers

Doch – eines Tages, als sie auf dem Kopf des Elefanten so vor sich hin döste, trompetete dieser plötzlich laut. Panisch klang das, eigentlich. Sie schreckte auf, sprang auf den Boden. Gerade rechtzeitig! Denn der Elefant stürmte so schnell er konnte davon.

Verblüfft sah sich unsere Katze um. Sie roch Rauch.

Feuer Rodung im Wald

Vor ihr stand ein – äh – eher kleiner Mensch, ein Mann, kahl und unansehnlich, aber umgeben von einem Feuerring. Die Hitze war fürchterlich und die Flammen fraßen die Erde um ihn herum leer. Ihm aber taten sie offenbar nichts!

War das etwa das herrlichste Geschöpf des Dschungels?

Geheuer war der Mann der Wildkatze nicht, auch nicht als die Flammen verlöschten. Sie beobachtet ihn lange, gut versteckt im Gehölz und folgte ihm schließlich im gebührendem Abstand in sein Dorf. Dort schlüpfte er in eine Hütte. Sie aber sprang auf das Strohdach und beobachtete vorsichtshalber weiter. So achtsam war sie, dass keiner der Dorfbewohner sie bemerkte.

Hier oben entdeckt mich niemand und ich habe nachts meinen Zeitvertreib! Mäuse gibt es genug!

Und so räkelte sich die Katze zufrieden der Sonne entgegen. Endlich hatte sie es gefunden – das herrlichste Geschöpf des Dschungels! Entspannt und zufrieden schlief sie ein.

Aber, was war das? Geschrei weckte sie. Gezeter, das aus dem Haus drang.

Die Katze entscheidet sich

Der Mann stolperte heraus, drehte sich um und sagte etwas. Dann duckte er sich und wich so einer Tonschüssel aus, die geflogen kam und am Boden zerschellte. Gleich folgte die nächste. Schnell brachte sich der Mann aus der Schusslinie, verschwand hinter der nächsten Hütte.

Verwundert lugte die Katze nach unten.  Da sah sie die Frau, die dem Mann mit einem Krug in der Hand nachsah.

Was für eine schöne Gestalt, die Figur – und das Fell – wie Mahagonirinde!  Ja, nicht der Mann ist das herrlichste Geschöpf, sondern die Frau!

Kurzentschlossen sprang die Katze vom Dach, schlich sich an den Beinen der Frau vorbei ins Innere des Hauses und legte sich neben das Feuer.

Und dort liegt sie noch heute.

Schnurrrrr…

Beitragsbild: Von Sonelle in der Wikipedia auf Englisch – eigenes Werk

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Wie die Sonnenblume auf die Welt kam

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Hopi Indianerin: Sonnenblume
Nebiga

Wie die Sonnenblume auf die Welt kam

Vogelfutter, Naschwerk und Öl: Dafür ist sie gut. Im Herbst stellen wir sie noch in einer Vase in die Wohnung oder wir zieren den Garten damit. Landwirtschaftlich wird sie eigentlich nur noch zur Ölgewinnung angebaut. Sie zählt nämlich zu einer der wichtigsten Quellen cholesterinfreien Öls:  Helliantus annus, die Sonnenblume. Dabei kann sie doch viel mehr!

Die Hopi-Indianer nutzen die Sonnenblume schon von alters her auf vielfältigere Weise; die Blume ist neben dem Mais das Kostbarste, was dieser Indianerstamm im Nordosten von Arizona kennt. Ihr Wissen geben die Hopi seit Generationen an ihre Nachkommen auf eine Weise weiter, die das Vergessen unmöglich macht – mit dieser Geschichte:

Das Mädchen, das die Sonne liebte

Vor langer, langer Zeit lebte einmal ein Indianermädchen, das Xochitl – Blume – hieß. Xochitl war in die Sonne verliebt.

Hopi Pueblo

Hopi Pueblo (Dorf) von John K. Hillers, 1843-1925

Wenn die Frauen sich in die kühlen Behausungen zurückzogen, um Mais zu mahlen, huschte das Mädchen so oft es ging hinaus und suchte den grellen Ball am Himmel. Sandte Tonatiuh, der Sonnengott, seine Strahlen noch zur Erde?  Wie lang, wie kurz waren die Schatten geworden? Trübte gar ein Wölkchen seine Kraft?

Abends hockte sie im ockerfarbenen Schein des Abendrots und sah von der Leiter am Eingang ihres Hauses aus traurig zu, wie der Himmelsball hinter den Dünen verschwand. Rief dann die Großmutter, damit sie dem Mädchen die Haare kämmen konnte, schmiegte sich Xochitl an sie und fragte:

  • Großmutter, passiert dem Sonnengott auch nichts – dort hinten, so weit weg?
  • Tonatiuh, kann auf sich aufpassen, ihm passiert nichts. Leg du dich nur beruhigt nieder!
  • Kommt er auch wieder zurück?
  • Er kommt wieder zurück.
  • Gleich morgen, wenn ich die Augen öffne?
  • Wir werden sehen, Kind!

Manchmal schien die Sonne am nächsten Morgen, manchmal aber auch nicht: Letzteres betrübte Xochitl so sehr, dass sie grübelte und grübelte und den Älteren nur noch untätig zuhörte – ohne Mehl zu mahlen oder Körbe zu flechten. Ihre Großmutter machte sich oft Sorgen: Zum Grübeln, fand sie, war das Mädchen viel zu jung! Sie sollte sich lieber auf das Lernen und das Leben beschränken!

Das Jahr als Tonatiuh täglich kam

Doch es kam ein Jahr, da Xochitl glücklich war – Tonatiuh schickte seine Strahlen Tag für Tag, nicht ein einziges Mal trübte ein Wölkchen den Himmel. Nun lernte Xochitl, was Indianermädchen so lernen müssen:

Mehl mahlen natürlich und Farben herstellen: purpur, blau, schwarz und rot; töpfern, Körbe flechten und Stoffe weben; sie fütterte die Vögel, presste Öl aus den Maissamen, kochte Gemüse und half sogar Kräuter zu sammeln und Heilsalben zu rühren.

Rührig war Xochitl den ganzen Tag, weil sie sich so freute, dass Tonatiuh sie begleitete.

Kurz vor Sonnenuntergang aber schnappte sie den Wasserkrug, kletterte über die Leiter hinunter und machte sich auf den Weg durch die Savanne zur Quelle, um den Krug zu füllen. Zwei, drei Mal. Tonatiuhs Strahlen liefen mit ihr mit. Erst wenn die Zisterne voll und nur noch wenige Sonnenstrahlen ihren Schatten begleiteten, hockte sie sich vor den Hauseingang und beobachtete, wie die Sonne endgültig am Horizont verschwand:

Sonnenuntergang

  • Schön war es heute, Tonatiuh. Ich hatte Spaß! Du auch? Komm doch morgen wieder!

Und Tonatiuh kam wieder. Sogar im Juli schien die Sonne täglich – und der August war auch schon fast vorüber… Die Regenzeit dagegen blieb in diesem Sommer aus.

Ohne Regen aber vertrockneten die Felder.

Ein Dorf sucht einen Ausweg

Die Maisstauden ließen ihre Blätter hängen, Bohnen und Melonen wollten partout nicht sprießen. Sogar die Kürbis-Pflanzen trugen nicht.

  • Ayy Großmutter, warum beraten sich die Männer heute schon wieder?
  • Sie planen den großen Tanz, den Schlangentanz, Kind!
  • Aber damit rufen sie doch Tlaloc, den Regengott, damit er Tonatiuh vertreibt. Ich will nicht, dass die Sonne geht!
  • Versteh doch, Kind! Wir haben wirklich nicht mehr viel Zeit. Du weißt doch, Tlaloc schickt seine Kinder nur selten, um ihre Eimerchen auszuschütten.
Moki Snake Dancers

Hopi Schlangentänzer

Kurz darauf machten die Männer sich auf die Suche nach Klapperschlangen. Sie zogen sich mit ihnen in die Steinwüste zurück, um sich auf die beschwerlichen Tanz-Tage vorzubereiten. Neun Tage würden die Männer trommeln, tanzen und um Regen bitten.

Die Frauen stöberten währenddessen sorgenvoll in den Vorräten herum.

Würde es für die nächste Zeit genug geben? Oder mussten sie auf Essensreste zurückgreifen, die sie nach einer guten Ernte in die Asche eingegraben hatten – für schlechte Tage? Würden sie ihre Häuser verlassen müssen? Weiterwandern zu den reicheren Verwandten in der Nähe des Flusses?

Xochitl beobachtete die Mienen der Menschen im Dorf, sah zu, wie die Frauen in der Asche gruben, hörte zu, wenn sie von ihren Sorgen sprachen. Nachdenklich betrachtete sie das schmutzige Wasser in der Zisterne. Schließlich bat sie eines Abends:

  • Tonatiuh, morgen komm nicht. Versteck dich hinter den Wolken, damit die Kleinen des Tlaloc ihre Eimerchen ausschütten können. Ich bitte dich, Tonatiuh. Komm morgen nicht!

Am nächsten Tag – noch bevor die Männer die Trommel schlugen – verschwand die Sonne hinter einer großen Regenwolke. Und es regnete, diesen Tag und den nächsten, diese Woche und die nächste und die nächste…

Die Freude war groß

Die Zisternen füllten sich. Die Bewässerungsanlagen ebenso. Maiskolben sprossen hervor und Bohnen. Die Kürbisse wuchsen, so prall und üppig, dass die Leute im Dorf kaum mit der Ernte nachkamen. Es war eine Freude! Die Menschen konnten sich an der Fülle gar nicht sattsehen, arbeiteten gemeinsam tagtäglich bis tief in die Nacht auf den Feldern, um den Segen zu nutzen.

Die Frauen legten zusätzlich Vorräte an, mahlten Mehl, bis zu 12 Kilo am Tag. Sie schälten Bohnen und trockneten sie, bewahrten die Kürbisse mit Asche bedeckt auf. Sie schleppten schwer, gruben und ernteten. Xochitl war stets unter ihnen.

Lauf zum Tempel der Blumen

Zunächst fiel es nicht auf. Aber nach einer Weile fand die Großmutter, dass das Mädchen schmäler war als noch Tage zuvor. Schwach schleppte es sich vorwärts, schwächer schien es von Tag zu Tag. Jeder Regentag ließ es offenbar müder werden und bleicher.

  • Was hast du Kind?
  • Nichts Großmutter. Ich fühl mich heute nur nicht ganz so gut.

So viel gab es zu tun, dass die Großmutter es auf sich beruhen ließ. Das Mädchen ging ja auch täglich mit auf die Felder, bis es eines Tages am Rand eines Maisfeldes zusammenbrach. Kaum ein Hauch Atem war mehr in ihr; sie würde sterben, gleich… es fehlte nicht mehr viel. Die Großmutter flehte

  • Tonatiuh hilf, so hilf ihr doch!

Da schickte der Gott einen Sonnenstrahl hinter einer der Wolken hervor.

  • Xochitl, lauf zum Tempel der Blumen. Dort kann ich dich beschützen, mach schnell, lauf.

So schwach das Mädchen schien, erhob es sich und ging los – zum Maisfeld hin. Mit jedem Schritt verblasste es mehr und mehr…

Vor den Augen der Großmutter verwandelte es sich in eine leuchtend gelbe Blume. Nur die Mitte blieb dunkel, so dunkel wie ihre Augen und ihr langes Haar.

Seit diesem Tag gibt es sie – die Blume, die im August an den Rändern der Maisfelder wächst und deren Blüten sich  nach der Sonne drehen. Die Hopi nennen sie xochitl tonatiuh: Sonnenblume.

Weil sie aber genau wissen, was eine Hopi-Frau in jungen Jahren lernen muss, wissen sie auch, was diese besondere Blume alles kann.

Warum die Hopi die Sonnenblume verehren

Schon vor zwei- bis dreitausen Jahren verwendeten die Hopis die Sonnenblume in all ihren Teilen. Sie

Sonnenblumen

  • mahlten Mehl aus den Samen
  • kochten den Kopf als Gemüse
  • gewannen aus den Samen blaue, schwarze, purpurne und rote Farbstoffe
  • pressten Öl
  • webten Stoffe aus den fasrigen Teilen der Blätter
  • flochten Körbe
  • rühren aus Kernen Salben für Wunden, Schlangen- und Insektenbisse

 

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Beitragsbild: Hopi Indian woman and her daughter in the village of Oraibi, ca.1901

Hexe im Apfelbaum
Nebiga

Was will die Hexe im Apfelbaum?

Heute erzähle ich euch von einer Hexe, jener Hexe, die es sich in einem Apfelbaum bequem gemacht hat. Wie lange ihr das gelingt? Tjaaaa… hört selbst:

Es war einmal auf der Landstraße zwischen Reichenberg und Gablonz ein Apfelbaum. Der war alt und vertrocknet; er trug nur saure, verhutzelte Äpfel, an denen sich niemand die Zähne ausbeißen wollte.

In einem ganz besonderen Jahr reiften aber plötzlich saftige, rotbackige Äpfel heran. Sie leuchteten schon von weitem, so dass Euch das Wasser im Munde zusammengelaufen wäre, wenn Ihr nur damals schon auf der Welt und dort vorbeigekommen wäret. So aber staunte ein Tuchweber und schlich sich näher ran.

Wie die Hexe ihre Äpfel bewacht

 

Gustav Klimt Apfelbaum

Von Gustav Klimt

Ei wie sehr wollte er in einen Apfel hineinbeißen; den Saft so richtig vom Kinn tropfen lassen. Auf den unteren Ästen jedoch baumelten keine Äpfel – nur dort droben, ganz hoch.

Der Tuchweber entschied sich zu klettern.

Er schwang sich auf einen Ast, dann auf den nächsten und dann noch auf einen anderen. Schließlich griff sich einen besonders knackig aussehenden Apfel. Schon wollte er hineinbeißen, dachte an das saftige Fruchtfleisch –

Zinn Zinnoberrot! Was fällt dir ein! Stiehlst mir meine Äpfel! Du Apfeldieb, du!

Der Tuchweber schreckte sich, als er ein altes Weiblein aus der Krone des Baums steigen sah:

Die Apfelhexe!

hexe am flugSchnell versuchte er weg zu springen. Denn er hatte schon viel zu viel von ihr gehört:

  • Da war Hans, der Hundefänger, den sie drei Tage in einem Weidenkorb eingesperrt,
  • dann Theodor, der Taschendieb, dem sie die Diebesbeute gestohlen
  • und schließlich Käthe, die Kupplerin, der sie die Nase langgezogen hatte.

Kein Wunder, dass der Tuchweber sich so schnell wie möglich davonmachen wollte. Nur klappte es nicht; er hing nämlich fest!

Die Apfelhexe kicherte.

So schnell kommst du mir nicht davon! Zuerst musst du mir die Zeit vertreiben. Erzähl‘ mir eine Geschichte!

Der Tuchweber wunderte sich, wie billig er davonkommen sollte. Er wusste viele Geschichten, war er doch als Handwerksbursch gereist.

Ihr wisst ja –  wer eine Reise tut…

Und deshalb wusste der Geschichten… Geschichten… zum Beispiel von der Nachbarin, die den Nagel immer auf den Kopf getroffen hatte. Wie sie dem Handwerksburschen des Tischlermeisters über Nacht gezeigt hat, wie man ein Boot baut. Mit dem sie dann fortsegelt.

Dieses Ende gefiel der Apfelhexe. Sie riss einen Apfel ab und gab ihn dem Tuchweber. Kaum hat er einen Bissen davon gekaut und runtergeschluckt, war der Hunger weg. Zum Essen blieb ihm aber auch gar keine Zeit.

Erzähl weiter!

Also erzählte er:

Von der gefräßigen Raupe, die den Obstgarten vertrocknen ließ. Sie entschied sich vor lauter Appetit dazu, sich nicht zu verpuppen und kein Schmetterling zu werden; sie wollte lieber einfach in Nachbarsgarten weiterfressen.

Diese Geschichte mochte die Hexe nicht so. Sie fuhr dem Tuchweber mit ihren scharfen Nägeln übers Gesicht. Das tat weh – doch schon musste er weiter erzählen, weiter und weiter: Den ganzen Tag über redete er. Erzählen musste er – alles von den Leuten im Dorf und den Dörfern ringsum – alles, was er wusste. Wenn es der Hexe gefiel, lobte sie und gab ihm einen Apfel. Aber wehe, wenn nicht. Dann setzte sie ihre Nägel ein.

Als es tiefe Nacht war, sagte sie:

Jetzt denk‘ nach! Morgen will ich Bess’res hören. Wenn nicht, ergeht es dir schlecht!

So grübelte der Tuchweber die ganze Nacht. Kein Auge hat er zugetan. Was nur, was, gab es noch, das der Hexe gefallen könnte? Er grübelte und grübelte… ja er dachte so lange nach, so dass er am Morgen ganz heiser und sein Kopf leer war. Völlig leer.

Dummer Tor!

Die Hexe schimpfte, als ihm nichts mehr einfiel, und warf ihn einfach vom Baum.

Der Tuchweber brach sich einen Arm und ein Bein dabei und humpelte davon. Er war froh, so glimpflich davongekommen zu sein.

Die Wahl: Eine Geschichte oder gebrochene Beine

Kurz danach lief einem Fassbinder das Wasser im Munde zusammen. Er stieg in den Baum. Doch er war maulfaul. Das munkelte man schon länger im Dorf – und so flog er in einem so hohen Bogen aus dem Geäst, dass er alle seine Glieder zusammenklauben musste.

Der nächste war der Dorfpolizist. Auch er konnte den Äpfeln nicht widerstehen! Ihm fielen ein paar Geschichten ein:

  • von seiner Jagd auf einen Zirkusfloh zum Beispiel. Wie sich der im Hemd der Bürgermeisterin versteckt hat.
  • von der wandernden Vogelscheuche, die sich die Felder aussuchen konnte und dementsprechend heikel war
  • vom Taschendieb auf dem Jahrmarkt von Reichenberg. Der hatte einen Knopf in den Klingelbeutel geworfen.

Dann aber war Schluss. Der Dorfpolizist wusste nichts mehr. Sofort plumpste er vom Baum. Just in diesem Moment kam ein Heuwagen vorbei. Der ließ ihn weich fallen. Vielleicht deshalb, weil die Hexe bei allen seinen Geschichten lachen musste.

Hexe vs Schneidermeisterin: Wer gewinnt?

Der Schneider war der nächste. Er erzählte

  • von der dummen Augustine, die so gerne Königin werden wollte,
  • vom kleinen Ferkel, dem die fünfjährige Tine tanzen lehrte.,
  • von der Schustermeisterin, die Pferden Schuhe anpasste.

Am Ende jeder Geschichte wiegte er den Kopf, sehr nachdenklich:

So ist es wirklich passiert. So  hat es mir meine Frau, die Schneidermeisterin, erzählt.

Bei der dritten Geschichte wurde es der Apfelhexe schließlich zu bunt:

Alles hast du von deiner Frau gehört. Wie’s scheint, ist die viel klüger als du!

Was gibt es zu sagen, wenn etwas wahr ist. So wahr.

Viel klüger! Die weiß alles, was landauf, landab vor sich geht!

Geh nach Haus‘ und schick sie her! Sie soll mir die Zeit vertrieben!

Die Hexe ließ den Schneider vom Baum.

Als er aber nach Hause kam, ging sofort ein Donnerwetter auf ihn hernieder.

War das ein Gezänk und Geschrei, weil er so spät zum Abendessen eintraf. Erst nach einer Weile, in einer klitzekleinen Verschnaufpause seiner Frau, erzählte er vom Apfelbaum auf der Landstraße zwischen Reichenberg und Gablonz.

Der trägt Früchte, die sind so süß und saftig, dass du dich nicht satt essen kannst!

eine Schüssel voll ÄpfelMehr brauchte die Schneidermeisterin nicht! Äpfel waren ihr Lieblingsobst – und sie wollte wieder einmal einen Altwiener Apfelstrudel backen. Sie forderte ihren Mann auf, ihr den Baum zu zeigen. Nachdem er sich ein bisschen geziert hat, ging der Schneider mit ihr zum Baum. Dort ließ er seiner Gattin den Vortritt.

Kaum war die Schneidermeisterin im Geäst, stürzte sie sich auf einen der rotbackigen Äpfel. Ihr wisst ja, wie das ausgeht: Die Hexe forderte schöne Geschichten.

Mehr als wir alle anderen wusste die Schneidermeisterin aber auch nicht. Doch sie hatte das loseste Mundwerk zwischen dem Jeschken- und Isargebirge. Sie  klatschte d‘rauflos und hört auch heute noch nicht damit auf.

Die Hexe aber kletterte noch am Abend hurtigst vom Baum herunter. Sie suchte das Weite. Solch ein Gewäsch hatte sie noch nie vernommen – die Ohren klangen ihr noch wochenlang davon.

Im Apfelbaum droben blieb die Schneidermeisterin allein sitzen. Sie wartet auf jemanden, der sie da runterholt. Weil die Äpfel aber wieder verschrumpelt und ganz hart sind, kümmert sich keiner mehr um den Baum.

Wenn die Schneidermeisterin also noch nicht gestorben ist, dann lebt sie noch heute da oben.

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