Auf Reisen schreiben
Leo Nerdette

Orte, wo ich auf Reisen schreiben kann

Schreib-, Küchen- und Wohnzimmertische: Das sind die am häufigsten genannten Plätze, wenn Leute erzählen, wo sie schreiben. Österreicher runzeln da gern die Stirn: „Im Café“, sagen sie. Aber auch Cafés gibt es nicht immer.

Globetrotter müssen beim Schreiben improvisieren. Es soll Länder geben, wo es an Tischen fehlt, auch in Zügen; wo jemand, der alleine sitzt und schreibt oder liest, als „traurig“ gilt und aufgeheitert werden muss; wo Hotelzimmer so niedrig und schmal sind, dass es schwierig ist, im Bett aufrecht zu sitzen, geschweige denn dass Tisch und Stuhl vorhanden sind. Trotzdem will und muss ich auf Reisen schreiben, mich für eine oder zwei Stunden auf ein Thema konzentrieren. Bloggen, Geschichten erfinden, Gespräche notieren…

Welche Lieblingsplätze habe ich also, wenn ich unterwegs bin? An welchen Orten verbinde ich Reisen und Schreiben; tauche ich ab, weg in eine andere Welt. Höre nichts, beobachte und denke mir meinen Teil.

Lieblingsplätze?

Notlösungen, nennen es Andere. Diese Orte sind aber meine Favoriten, geordnet nach Prioritäten. Die Liste habe ich nach meinen liebsten Schreiberinnerungen erstellt.

Auf Reisen: Das Schreibplatz-Ranking

Platz 5: Im Bus/Zug oder Auto

Ich fahre gern Auto. Allein. Schlaue Menschen aber, die meinen, besser, schneller und versierter zu fahren, dürfen mich kutschieren. Und nachdem jeder einzelne, den ich kenne, davon überzeugt ist, der beste Autofahrer zu sein, genieße ich mein Leben als Beifahrerin. In Schweigen.

Wenn sich die Fahrer umsehen, um nachzusehen, warum ich so wortkarg bin, wundern sie sich. Zumindest beim ersten Mal. Wie kann es sein, dass ich auf meiner Tasche in ein Notizbuch kritzle? Es gibt doch genügend Gegend zum Beobachten, interessante Gesellschaft und dann… die Ruckelei! Aber ich schreibe und nehme nicht einmal wahr, wenn der Fahrer weiterzappt – Patty Smith durch Rap ersetzt.

Platz 4: Das Bett

Truman Capote liebte es, Sigmund Freud auch – die Reihe derer, die im Liegen schrieben, ist lang. Tintenflecke auf weißem Laken sind heutzutage ja auch kein Ärgernis mehr. Wer schreibt den noch per Hand, mit Kuli oder Feder? Wir greifen einfach zum Nachtkästchen hinüber. Dort liegt Tablet oder Laptop zum Arbeiten bereit. Wir führen ohne der Ahnväter Probleme die Tradition weiter: Im Bett entstehen Geschichten, ja sogar Romane! Das bewies schon Marcel Proust.

Das berühmteste Bett, in dem ich schrieb?  Frida Kahlos Schlaf-, Mal – und Werkstatt… Ihr Bett mussten Arbeiter in das Museum Bellas Artes tragen – mitsamt der Künstlerin. Sie konnte nicht mehr gehen, sollte und wollte der Ausstellung aber beiwohnen.

Auf der berühmten Kante saß ich Jahrzehnte später, notierte und wartete. Es dauerte eine Weile, bis sich die Menschenmenge vom Schlafzimmer in den Garten verlief.

Platz 3: Terasse mit Ausblick

Reisen und der Allgäu, GebirgspanoramaGebirgspanoramen regen die Phantasie an. Vor allem dann, wenn sie in das Licht eines Sonnenuntergangs  getaucht sind. Dafür verbringe ich schon einmal ein paar Stunden auf einer zugigen Terasse: Finger frieren, der Atemhauch rieselt fröstelnd auf das Tischtuch und der Tee vor mir wärmt schon lange nicht mehr.

„Komm schon, wir gehen!“

Nicht doch! Ein Satz geht noch, nur noch einer… warte, da fällt mir ein… nein, fallen mir zwei… oder waren es drei…

Wer auf mich wartet, kann nur hoffen, dass die Sonne bald verschwindet.

Platz 2: Des Menschen ureigene Unterlage

Für Strand, südlichere Gefilde oder die Wüste hat sich dieser Ort leider als ungeeignet erwiesen: Tablets und Laptops laufen warm. Das kann auf Oberschenkeln ziemlich ungemütlich werden.

Dafür muss man gar nicht weit reisen: Teliko Tarnovo, Bulgarien, schafft schon mal 40 Grad Celsius im Sommer. Im April heizte sich mein Tablet dermaßen auf, dass es sich von selbst ausschaltete. Gut so! Denn meine Oberschenkel rauchten…

1. Auf dem Koffer

Flughäfen, Grenzübergänge und Bahnhöfe: ein spezieller Fall. Sie haben des öfteren keine Sitzplätze. Grenzgängern und fahrendem Volk darf es nicht zu bequem gemacht werden!

Tijuana, Mexiko, Grenzübergang zu San Diego, USA, ist keine Ausnahme. Eines Nachts verweigerte der US-Zollbeamte Reisenden den Wartesaal. Der Grund: Das Computersystem sei zusammengebrochen. Wir müssen draußen warten.

Warum?

Vorschrift.

Wie lange?

So lange die Reparatur dauert.

Tijuanas Grenzübergang verlässt niemand nachts freiwillig. Selbst hartgesottene Mexikaner nicht. Wir scharrten uns um die Grenzstation, harrten der Dinge. Die meisten stehend. Von 22 Uhr bis vier Uhr morgens.

In diesen Stunden habe ich meinen Koffer schätzen gelernt! Notizbuch und Stift auch.

Ich hatte viel zu schreiben.

Und du? An welchen Orten schreibst du?

Was sind deine Lieblingsorte? Wo geht dir das Schreiben leicht von der Hand?

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Lesereise nach Bulgarien
Tipp

Buchtipp: Lesereise nach Bulgarien

Manchmal genügt eine Lesereise und du glaubst, mit den Menschen in einem Land völlig vertraut zu sein. Wem das passiert, ist an einen Autor geraten, der das Land und seine Leute liebt. Bulgarien hat zwei wunderbare Fürsprecher in der deutschsprachigen Autorenzunft. Einer davon ist Thomas Magosch. Er schickt uns auf eine Lesereise, die den alltäglichen Absurditäten Bulgariens Stimme und Gesicht verleiht.

Wenigstens eine Lesereise nach Bulgarien

Ganz am Rand Europas gelegen, war es immer schon ein Reiseland. Das hat sich nicht geändert. Nach Bulgarien im Sommer an das Schwarze Meer zu fahren, heißt sich mit tausenden Touristen den Strand zu teilen. Party, Bier und Liebeständeleien auch. Russisch, Deutsch und Englisch – alles sprudelt durcheinander. Bulgarisch bekommt man an den Goldstränden weniger zu hören. Braucht es ja auch nicht – mit der Schrift hat der ein bis zwei Wochen bleibende Tourist eh genug zu tun. Wer kann schon kyrillisch entziffern?

Wem es zuzuhören lohnt

Thomas Magosch aber hat im Herzland des Balkan ein paar Jahre verbracht. Mit seiner Familie und allein bereiste er Bulgarien, fuhr nicht nur an den Goldstrand, sondern auch nach Targowischte, Kowatschewitza, Melnik, Sofia und Verniko Tarnowo. Auf seinen Reisen sprach er mit Musikern, Taxifahrern, Mönchen, Hausmeistern und Wahrsagern; mit Menschen, die etwas Geschichten, Legenden zu erzählen und auch sonst einiges zu sagen haben. Magosch porträtiert, fragt nach, hört zu und zeichnet das Miteinander.

Lesen, lauschen, kennenlernen

Drei Frauen läuten die Glocken der Nemski-Kathedrale in Sofia, hoch oben im Turm. Unter ihnen die wahrscheinlich älteste Glöcknerin der Welt. Ihr Blick ist einer von vielen. Einer, der nichts beschönigt, nichts verheimlicht und nichts mehr allzu wichtig nimmt. Nur eines…

Alles beginnt und endet mit den Glocken!

sagt sie, und trotzdem trägt sie keine Uhr. Auf eine Minute mehr oder weniger kommt es nicht an.

Mein Tipp: Thomas Magosch: Bulgarien: Das gebrauchte Zepter am goldenen Sandstrand  

 

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A Moment Before You'll Find Friends
Nebiga

A Moment Before You’ll Find Friends

I miss my friends.
Someone I can talk more than „Where do you come from?“, „Where are you going?“, about the price of the hotel or the taxi fee. Someone I can laugh with, when again I couldn’t express myself and am surprised which results my words have caused. Being with friends means to order in a restaurant knowing that you are not doing it for you alone. They will join. The plates suddenly will have a reason to be filled in the way the chefs do it in the restaurants here. It’s not that you don’t get to know people while you’re traveling… no… and it’s also not that I don’t enjoy getting to know people.

It’s about sharing… sharing moments, talks and time. It’s about to be with someone who understands you, better than others, sometimes even better than you yourself. It’s about sitting together and just listen, when your friends are having fun or telling stories about their life. Just to be together, just to enjoy. It’s about being told that your perception is not the only one in life… it’s loving, feeling so joyful , so happy, so understood.

Friends are not only people from home. I found friends, they showed me the town, told me about their country, their fears, their music. You can find them everywhere. Mostly they are sitting next to you.

But now at this moment I really miss friends. Very much. And I know there will always be moments like this, when I’m traveling alone, because I am who I am, no? In my daily life I am really not a loner. So why bother to travel alone then? Because your mind and soul are free to observe, experience and feel the country!
Just – I would rather share these experiences, observations and feelings with friends, afterwards – in evenings. With a glass full of wine!

“The more I traveled the more I realized that fear makes strangers of people who should be friends.” – Shirley MacLaine

©SComm Intercultural

Kokette, die alte Lady
Nebiga

Kokette, alte Lady

Kinderlachen macht sie aus, die alte LadyKinderlachen. Das ist das erste, das du hörst, wenn du durch die Straßen gehst. Verliebte laufen an dir vorbei, Frauen mit Hunden, rauchende und tratschende Freunde, kaum Schulkinder oder Studenten, dafür Nonnen und vereinzelt Touristen. Es ist kurz vor Mittag, die Universität und die Schulen sind voll, die Straßen noch verhältnismäßig ruhig. Das Grün um dich herum leuchtet.  Du fühlst die Freude all überall, siehst Schachspieler, Flieder, küssende Paare und die gleißende Sonne auf dem kupfernen Dach der Kirche.  Veliko Tarnovo, die schöne, die versteckte und natürlich auch die ruhmreiche Stadt. Sie ist nicht mehr die Jüngste, doch sie legt Wert darauf, gepflegt zu sein. Ihr buntes Kleid entspricht nicht der diesjährigen Mode, auch nicht der vom letzten Jahr und an manchen Stellen ist es verschlissen. Aber es ist noch schick.

IMG_0707Veliko Tarnovo selbst nimmt das alles und sich selbst nicht allzu ernst, nicht mehr. Dazu hat die alte Lady zu viel erlebt. Die Machtspiele der einzelnen Städte macht sie schon lange nicht mehr mit, sie interessieren nicht. Immerhin war sie 200 Jahre lang selbst einmal Hauptstadt, war Sitz des ruhmreichen Geschlechts der Assen. Ihre Burg Zarawez beherrscht noch das Bild, zeugt von dieser vergangenen Zeit, genauso wie das historische Museum. Veliko Tarnovo war im Mittelalter das kulturelle Zentrum der Bulgaren, die Universität Kyrill und Method ist aus dieser Zeit noch übrig.

1393 eroberten und zerstörten die Osmanen die Stadt, worauf die Bevölkerung in den Widerstand ging – deshalb nennt man Veliko Tarnovo, die alte Lady, noch immer „die Rebellische“. Die Dame initiierte etliche bulgarische Aufstände; die Stadt war Heimat des bulgarischen Freiheitskampfes gegen die Osmanen. Heute nennen Besucher sie „Die Alte Hauptstadt“, obwohl Bulgarien im Laufe der Geschichte insgesamt vier Hauptstädte hatte – was die Kinder pflichtbewusst aufsagen können.  Ihren Status hat Veliko Tarnovo, die ergraute Dame, also schon vor Jahrzehnten an Sofia abgeben müssen.

Trotzdem spürst du noch den alten Geist in ihren Steinen; das Selbstbewusstsein und die Leichtigkeit einer in die Jahre gekommenen Schönheit, einer Frau, die sich gehalten hat, einer Lady durch und durch. In ihrer Jugend heiß umkämpft, dreht sich „das Mädchen“ in ihr heute noch kokett, zwinkert dir zu, lockt dich, nur um sich dann Anderem zuzuwenden. „Streng dich an“, heißt das: „Ganz so leicht bin ich nicht zu haben!“ Sie hat ihren jugendlichen Charme behalten, die Lady! „Umwirb mich, lauf mir nach!“, kokettiert sie. Das graue Haar hochgesteckt, die Füße jedoch in Stöckelschuhen wie eh und je.

Und ich laufe – auf und ab, Treppen rauf und wieder runter, Berge hoch, Straßen entlang, über Brücken und Tunnel…

IMG_0591Veliko Tarnowo dreht sich im Licht, glitzert und verschwindet im Schatten, hinter einer Säule; plötzlich strahlt ein Graffiti, wechselt sich ab mit verstaubten Schaufenstern und verwaisten Türen. Dabei zeigt sich die Stadt, lockt dich und lässt dich staunen. Irgendetwas ist immer – die Burg, unzählige Parks, die Häuser am Berghang, Lichtspiele, aber vor allem ihre Freude, ihre Freude am  Sein…

Wie liebenswert sie doch ist!

Und sie weiß es, weiß es ganz genau.

©SComm Intercultural