Auf der Suche nach der Herberge
Nebiga

Was auf der Suche nach Herberge niemand erwähnt

Die Gasse liegt staubig im Dunkeln. Zwischen der dritten und der fünften Sur in Cholula, Mexiko, duckt sich das Nonnenhaus hinter einer hohen, mit Glasscherben besetzten Mauer. Herberge soll es sein für diesen Tag.

Ein einziges Fenster leuchtet.

Das Tor zum Haus jedoch ist festlich geschmückt. Ein Weihnachtsstern prangt in der Mitte eines Kranzes aus Reisig, in welchem Orangenscheiben, Zimtstangen, Anis und goldener Bänder gesteckt sind.

Auf der gegenüber liegenden Straßenseite wartet der Nachbar vor einem mit Lichterketten behängten Tor. Er lauscht dem Krachen der Feuerwerkskörper, die Jung und Alt am zocalo – dem Hauptplatz der Stadt – zünden, sein Blick folgt den spritzenden Blüten am Himmel; Funken spiegeln sich in seinen Augen.

Jetzt müssten sie bald kommen…

Ein Pilgerzug bittet um Herberge

Tatsächlich biegen erste Pilger um die Ecke. Mehr und mehr Menschen folgen  – Nachbarn, Freunde und sogar ein paar Mitglieder der Kirchengemeinde, die eigentlich einige Straßen weiter weg wohnen. Sie haben sich dem Zug angeschlossen, haben sich bereit erklärt, heute im Nonnenhaus Herberge suchen.

Viele davon kommen aus Neugier.

In der Mitte des Pilgerzugs schlendern Kinder: ein Paar verkleidet als Maria und José, andere als Engel, Esel und Ochs. Sie tragen Kerzen. Hinter ihnen spielen Musikanten – mariachis – und verstummen erst, als die Gruppe vor dem Tor des rot gestrichenen Nonnenhaus stehen bleibt.

Die Kinder bilden eine Gasse – für José, der vortritt und am Tor fest klopft. Die Musikanten stimmen an:

  • Im Namen des Himmels bitte ich um Herberge – En el nombre del cielo, os pido posada
  • denn meine geliebte Frau kann nicht mehr weiter – Pues no puede andar mi esposa amada

Im Nonnenhaus geht Licht an, sogar vorne am Tor. Die Metalltür öffnet sich einen Spalt. Der Pilgerzug singt:

  • Hier ist keine Herberge, geht weiter – Aquí no es mesón, siguan adelante
  • Ich darf nicht öffnen, du könntest ein Gauner sein – yo no debo abrir, no sea algun tunante

Fast 500 Jahre altes mexikanisches Wissen

Im Nonnenhaus wohnen schon lange keine Nonnen mehr. Sie sind eines Tages plötzlich ausgezogen, ohne es der Gemeinde zuvor mitgeteilt zu haben. Das Haus stand danach eine Weile leer, bis vor fünf Jahren die Ausländer eingezogen waren.

Der Nachbar grinst, erinnert sich an die junge Frau, die eines Tages in seiner Schreinerwerkstatt stand und mit starkem Akzent darum bat, dass er ihren Tisch repariert. Er wollte damals zuerst sehen, ob sie überhaupt Geld mitgebracht hatte.

Sie war entsetzt. Wie konnte er an ihr zweifeln?

Er dagegen zuckte nur mit den Schultern.

Eroberung Mexikos

Diego Rivera: Mural im Palast von Hernán Cortés in Cuernavaca, Morelos

Gauner gibt es überall – das weiß in Mexiko jedes Kind. Auch dass sie selten auf den ersten Blick zu erkennen sind.

Gauner behaupten, was ihnen beliebt, sogar, dass sie etwas Besonderes sind, Götter zum Beispiel.

Sie schleichen sich unter dem Vorwand ein, Handel treiben zu wollen, bringen stählerne Waffen und Krankheiten mit und vernichten letzendlich Landstriche, Völker, ein riesiges Reich.

In nicht einmal 50 Jahren starben nach der Eroberung des Aztekenreichs im 16. Jahrhundert etwa 22, 5 Millionen Menschen – Mayas, Azteken,  Zapoteken, Mixteken, Huasteken und noch viele mehr, deren Namen heute kaum einer kennt. Ursache waren die Ausländer, Spanier – Hernán Cortés und alle, die ihm folgten.

Dieses Wissen steckt tief im mexikanischen Bewusstsein.

Gerüchte, die schneller fliegen als Tatsachen

  • Weißt du, wer von den Männern der Ehemann ist?
  • Womit verdienen die ihr Geld?
  • In der Kirche habe ich die noch nie gesehen.
  • Sie essen Tortillas. Ich hab‘ den Jungen beim Einkaufen zugesehen.
  • Ist das der mit dem Gold im Haar?

Zuerst hatte der Nachbar von den neuen Bewohnern nur die Gerüchte gehört. Manche – Kinder wie Erwachsene – machten sich den Spaß, klingelten und fragten nach den Nonnen.

Hier gibt es keine Nonnen – Aquí no hay monchas

Das wussten die Nachbarn auch. Doch es klang so verrückt aus dem Mund der jungen Frau – völlig fremd. Dieses Vergnügen währte nur kurz; bald schon kam der Satz wie aus der Pistole geschossen, in der korrekten Aussprache und ohne Verlegenheit.

Es blieben der Straße also nur noch Gerüchte, Mutmaßungen, Vorurteile… Der Nachbar hörte eine Menge davon, hielt sich jedoch weiterhin vom Nonnenhaus fern und schwieg meistens, wenn die junge Frau kam. Sie war geduldig geblieben, kam täglich vor und nach der Arbeit und fragte, wann er denn endlich kommen könne.

Morgen – mañana

Drei Monate lang. Bis er sich schließlich aufmachte, den Tisch zu reparieren.

Moctezuma hieß Cortés willkommen

Der Herrscher des Aztekenreiches, Moctezuma II, erhielt Berichte über die Fremden, seit sie an der Küste von Vera Cruz (San Juan de Ulúa) gelandet waren. Er schickten Gesandte zu dem kleinen Haufen Spanier, mit Geschenken aus Gold und Edelsteinen, Kleidung und prächtigem Federschmuck.

Mit diesen großzügigen Gaben wollte er die Fremden besänftigen und dazu bewegen, das Land zu verlassen. Allerdings bewirkte er das Gegenteil. Jetzt war Cortés nämlich klar, dass in diesem Land etwas zu holen war.

Gleichzeitig ließ Moctezuma die Fremden auf Schritt und Tritt beobachten, versuchte herauszufinden, was das nun für welche waren.

Monatelang.

Tenochtitlan

Diego Rivera, La Gran Tenochtitlan via Wikimedia Commons

Schließlich lud er die Fremden zu sich ein, nach Tenochtitlán, einer der größten Stadt der Welt damals. Wie sich die Spanier fühlten, als die Azteken sie willkommen hießen, erzählte Bernal Diaz del Castillo – ein überaus parteiischer Berichterstatter – in seinem Buch: Die wahre Geschichte der Eroberung Mexikos.

Unser kleiner Haufen von vierhundertfünfzig Mann zog mitten durch dichte Menschenmassen, den Kopf noch voll der Warnungen unserer vielen indianischen Freunde. Der geneigte Leser muss sich einmal ganz in unsere Lage versetzen! Dann darf ich ihn nämlich fragen: hat es je Männer gegeben, die ein derart kühnes Wagnis auf sich genommen haben?

Das „kühne Wagnis“ bestand darin, Moctezuma in Geiselhaft zu nehmen, die Herrschaft schließlich gänzlich an sich zu reißen und dem spanischen König und sich selbst zu unermesslichen Reichtum zu verhelfen. Wie die Geschichte ausging, wissen wir dank der spanischen Zeugnisse.

Wie sie aus der Sicht der Eroberten zu sehen ist, ist schwerer auszumachen. Denn die heute weitgehend bekannte Geschichte der Eroberung Mexikos ist die Geschichte der Herrschenden, nicht die der Untergegangenen.

Wenn ein Tisch zu reparieren ist

Der Tisch im Nonnenhaus war kein leichter Fall: Wackelig in den Beinen, aus dem Leim gehende Einlegearbeiten und eine an den Kanten stark abgenutze Tischplatte.

Der Schreiner schaute mehrere Tage vorbei und lernte das Leben im Haus kennen, Wohngemeinschaft nannte die Frau es.

Er verlor schnell den Überblick – stets waren Leute da. Ob sie als Besuch galten oder im Nonnenhaus zuhause waren, konnte er meistens nicht sagen. Die fremde Frau, der Junge mit den blonden Haaren und der Andalusier – die lebten bestimmt in dem Haus. Ein paar junge Deutsche, ein Schweizer, ein Texaner, eine Peruanerin… wer weiß?

Während er die Kanten schliff, die Einlegearbeiten ausbesserte und den Beinen das Wackeln austrieb, stand die Frau daneben und löcherte ihn mit Fragen:

  • Ob er schon einen Christbaum für Weihnachten hätte?
  • Was es am Weihnachtstag traditionell zu essen gebe?
  • Wie seine Familie Heiligabend feiere?

Natürlich hätte seine Frau schon eine Pinie geschmückt. Seit dem 1. Dezember stehe sie bereits im Haus. Später hätte sowieso niemand mehr Zeit dafür, später gehe man in Mexiko von Haus zu Haus. Konkret ab dem 16. Dezember.

  • Wir besuchen wir uns gegenseitig, neun Tage lang. Jeden Tag kommt ein anderer dran. Wir klopfen bei Freunden, Nachbarn oder Verwandten, suchen Herberge und wenn wir eingelassen werden, feiern wir.

Herrschende bestimmen Rituale

Im Troß der spanischen Eroberer reisten auch Missionare. Sie wollten die „Götzenanbeter“ zum „wahren Glauben“ bekehren. Die – wenig zimperlichen – Methoden, die sie einsetzten forderten nahezu ebenso viele Opfer wie die Krankheiten, die sie einschleppten.

Ihre wahre, klar definierte Missionsaufgabe: In zehn Jahren sollten sie die Heiden zu christlichen Arbeitern umerziehen.  Sie duldeten natürlich keine andere Religion neben dem Christentum. Das spirituelle Leben der Indianer war in ihren Augen sowieso keine Religion, sondern heidnischer Aberglaube und Hexerei.

Die Augustiner waren da keine Ausnahme. Der Bettelorden des Spätmittelalters, der im 16. Jahrhundert schon längst das „Bettel“ verloren hatte, errichtete mit denjenigen, die sie bekehren wollten, das Kloster Alcolman nahe Mexiko Stadt.

Doch mit dem Bekehren klappte es anfangs nicht allzu gut. Die Azteken liebten ihre Feste und Feiern und sie hatten das ganze Jahr bereits verplant – ständig gab es heilige Feste zu Ehren ihrer Götter, auch wenn sie ihnen keine Menschen mehr opferten.

Sonnengott Huitzilopochtli

Kriegs- und Sonnengott Huitzilopochtli, aus dem Codex Telleriano-Remensis

Gewitzt wie sie waren, deuteten die Augustiner von Alcolman schließlich das mehrtägige Fest im Dezember für Huitzilopochtli um, den Kriegs- und Sonnengott, der auch als Schutzpatron von Tenochtitlan galt.

Zwei Dinge führten sie ein:

  1. La Posada – statt der Prozession zum Altar des Huitzilopochtli ließen sie Maria und Josef Herberge suchen.
  2. La Piñata – bunte, mit Früchten und Erdnüssen gefüllte Figuren aus Krepp bestimmten die anschließenden Feiern. Auf sie schlugen die Indianer mit Stöcken, bis die Köstlichkeiten herausfielen.

In der Gasse 11 Poniente

La Posada - das Fest kann beginnen

Das erwartet die Herbergssuchenden – beachtet die dunklein Krug! Der ist mit Ponche – Punsch – gefüllt.

Zwischen der 3 und der 5 Sur stehen an jeder Staßenseite neun Häuser. Das sind genug Nachbarn, so dass jedes Haus eigentllich nur alle zwei Jahre Herberge für die Pilger spielen müsste.

Doch seitdem das Nonnenhaus leer stand, ging die Rechnung nicht mehr auf. Als die Fremden einzogen, hat auch niemand gefragt. Die Nachbarn haben nicht  angenommen, dass die Fremden überhaupt mitmachen würden. Niemand, bis zu jenem Tag, als der Nachbar den Tisch repariert übergab.

Da hat er gefragt.

Und jetzt sind wesentlich mehr Pilger gekommen, als üblich. Zufrieden mit sich, singt er die letzte Strophe mit, als die junge Frau vor die Türe trat:

  • Tretet ein, heilige Pilger, ihr bekomm diese Ecke – entren Santos Peregrinos, Peregrinos, reciben este rincón,
  • so ärmlich die Wohnung ist, gebe ich sie euch von Herzen – que aunque es pobre la morada, la morada os la doy de corazon

So bitten Mexikaner um Herberge

 

Als zwei Aborigines einander zeichneten

Warum schneit es so wenig, Frau Holle

Märchen trifft Philosophie und Wahrheit

Beitragsbild: Cornelis Massijs, Ankunft der Heiligen Familie in Bethlehem

Unterirdische Stadt Buchhaim
Tipp

Die unterirdische Stadt von Buchhaim

Menschen leben oberhalb der Erde, sie bauen seit Generationen höher und höher. Es ist, als würden Luft und Ausblick uns nach oben treiben, als könnten wir gar nicht hoch genug kommen und weit genug sehen. Das Oben einer Stadt gibt ein Gefühl von Freiheit: Danach sehnen wir uns. Das Unterhalb ist weniger verlockend: Von den Leitungen, der Kanalisation, den Katakomben, Schächten und U-Bahn-Röhren sprechen wir kaum. Die unterirdische Stadt existiert, aber eher als Gegenspieler von jener da oben.

Wir dulden sie, wissen aber kaum etwas über sie. Unterirdische Städte bleiben oft unerwähnt, viele sogar unerforscht. Deutlich wird das, wenn wir mit ihnen konfrontiert sind.

Die Leser zum Beispiel, die das im November erschienene „Comic-Buch“ von Walter Moers erstanden haben – den ersten Teil seiner zweiteiligen Graphic Novel „Die Stadt der Träumenden Bücher“.

In ihm spielt die unterirdische Stadt von Buchhaim die Hauptrolle; der Teil der berühmten Bücher-Stadt, der für Bücherjäger und Dichter am ergiebigsten ist.

Im Januar erscheint dann Teil 2 des Comics. Ideal also für Geschenkejäger und  all diejenigen, denen normalerweise an den letzten Tagen vor Weihnachten immer noch ein Präsent fehlt:

  • Teil 1 eignet sich als handfestes Geschenk für Heiligabend,
  • die Vorbestellung von Teil 2 lässt sich gleich miterledigen – als Geschenksverlängerung.

Auf diese Weise hält die Freude beim Beschenkten länger an ?.

Farbenfroh: Hildegunst und seine Abenteuer

Stadt der träumenden BücherMit seinem Roman „Die Stadt der träumenden Bücher hatte Moers, der Comiczeichner und Erfinder von „Käpt’n Blaubär“ und dem „Kleinen Arschloch“, einen Riesenerfolg. Er schuf eine eigenwillige Welt – eine, in der Saurier leben, die der Kultur des Dichtens frönen. Man sagt, Moers erklärte mit diesem Buch seine Liebe an das Lesen.

Im Roman steigt der Protagonist, Dichtersaurier Hildegunst von Mythenmetz, also in die unterirdische Stadt von Buchhaim – in die Katakomben, Kammern, Kathedralen-Räume. Er erkundet die Schattenwelt und findet Buch- und Dichtkunst.

Vom Dunkel, das nicht mehr los lässt

Bücherliebhaber und Leseratten fallen dieser Unterwelt zum Opfer: Sie verschwinden für Tage oder Wochen, ganz egal wie schön die Sonne oben auch scheint – und nicht alle kommen blinzelnd hervorgekrochen, wenn es zu essen gibt.

Sie verirren sich mit Hildegunst von Mythenmetz in den Labyrinthen, suchen Gänge, Räume und Bücher… und genauso wie der Erzähler verlieren sie sich in der Geschichte von Schutz, Flucht und Wissen. Die unterirdische Stadt birgt fast mehr Leben als die oben.

Genau diese unterirdische Stadt hat Moers über mehrere Jahre hinweg gemeinsam mit dem Illustrator und Comiczeichner Florian Biege jetzt in eine Graphic Novel übertragen. In Farbe und mit Perspektive. Fachlich gesprochen – „mit Tiefe“. Wer den Roman kennt, ist verblüfft, wie Orte, Räume und Figuren sich dadurch verändern.

Hildegunst in der Oberstadt

Eine unterirdische Stadt im Teamwork geschaffen

Um die besondere Lebhaftigkeit zu erreichen, die selbst eingefleischte Comicgegner zu einem vorsichtigen „Schon gut gemacht!“ verführt, war Teamarbeit nötig. Manchmal arbeiteten nur Moers und Biege an der Umwandlung, manchmal aber auch noch mehr Leute.

Vor jedem ausgearbeiteten Bild gab es das Szenario von Moers – er arbeitete den Text um und erstellte für jede Seite eine Skizze mit Bleistift, die schon direkt mit Sprechblasen versehen war.

Danach folgte Biege. Er schuf eine Computerskizze, um den groben Aufbau des Bildes zu klären. Von diesem Entwurf ausgehend, besprachen die beiden jeden Schritt einzeln. Auf diese Weise koordinierten sich die beiden und gelangten schließlich zum fertigen Bild.

Das dauert. Zahlt sich aber aus!

Tipp für den 6. Dezember

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Wassermangel
Leo Nerdette

Hab‘ da mal ’ne Frage! Wassermangel?

Spektakulär, wie die  schwarzen Plastikbälle dem Wassermangel Kaliforniens den Kampf ansagen. Massenweise kullern sie in die Trinkwasserspeicher… 96 Millionen Schattenbälle (shade balls) haben zum Beispiel die Aufgabe, die Einwohner von Los Angeles vor der chronischen Dürre im Land zu schützen.

Seit zehn Jahren setzen die Energieversorger die hohlen Kugeln ein. Bilder davon gehen schon mal um die Welt… Medien schreiben, drehen Videos über den spektakulären Wasserschutz.

Hand in Hand geht die Frage nach Kaliforniens Wassermangel. Jedes Jahr brennen ganze Wälder ab. Nachrichten von der Windrichtung, der Evakuierung von Familien und Löschhubschraubern sind üblich.

Was ist die Ursache von Kaliforniens Wassermangel?

Schuld, sagen die Medien, ist die Landwirtschaft! In Kalifornien werden Avocados, Mandeln, Walnüsse und Pistazien angebaut. Gerade Avocados und Mandeln gelten als die Schuldigen, weil sie besonders viel Wasser verbrauchen.

Trinkwasser ist eigentlich ein kostbares Gut – besonders in Kalifornien; jedoch auch in der gesamten Grenzregion zwischen USA und Mexiko dörrt das Land aus; sind von den Flüssen mittlerweile nur noch Rinnsale übrig.

Der Wassermangel resultiert daraus, dass man Trinkwasser eben nicht als wertvoll behandelt: Die Bauern – sie besitzen schon einmal 120 Hektar Mandelbäume – sehen es seit Jahren als ihre wichtigste Aufgabe, Wasser ranzuschaffen; Brunnen zu bohren, die so tief sind, dass sie an genügend Grundwasser kommen, um das Überleben der Bäume zu gewährleisten. Seit 150 Jahren zapfen sie Grundwasser ab –  mittlerweile haben sie schätzungsweise 160 Kubikkilometer versprengt, gut dreimal das Volumen des Bodensees.

Von Politik propagierte Maßnahmen

Die medienwirksamen Schattenbälle sollen diesem Raubbau und dem mittlerweile augenfälligen Wassermangel etwas entgegensetzen. Sie spenden Schatten, verhindern das Verdunsten der Wasservorräte und halten das gespeicherte Nass sauber.

Die schwarzen Wunderdinger können „unerwünschte chemische Reaktionen“ eindämmen, indem sie Sonnenstrahlen an sich abprallen lassen. Trinkwasser, das der Sonne  ausgesetzt ist, wird brackig. Das gilt es zu verhindern.

Kaliforniens Wasservorräte müssen lange halten: Es regnet in den Wintern wenig.

Eine andere politische Maßnahme ist es, Mexiko mehr Wasser abzukaufen. Zwar hat das Land ähnliche Probleme mit der Trockenheit wie die USA, aber der reiche Nachbar erhält es von der korrupten mexikanischen Regierung eher als die eigenen Leute.

Wasser ist durch die Globalisierung schon längst zu Handelsgut geworden. Wer kann sich leisten, Wasser zu verschwenden? Mexikaner nicht. Sie kaufen ihr Trinkwasser in garafones. Wasser ist kein Allgemeingut mehr. Es ist heute Ware, wie alles andere auch.

Wovon allerdings kaum jemand spricht: Silikon Valley

Ist von Wassermangel die Rede, spricht allerdings niemand gern von Rechenzentren. Silikon Valley liegt in Kalifornien.

Wenn Computer laufen, laufen sie heiß.

Ein Rechenzentrum ist ein ganzes Feld voller Computer, übereinander und hintereinander gereiht: 30 000, 70 000, 100 000 – die Zahlen purzeln nur so. In Kalifornien stehen an die 800 Rechenzentren. Wie viele Server sind da wohl zurzeit in Betrieb? Eingedenk des Gesetzes von Intel-Gründer Gordon Moore geht man heute davon aus, dass sich die Menge von Hardware (Computer) wie auch der zu verarbeitenden Daten alle 18 Monaten verdoppelt. Das alles muss gekühlt werden!

Luft allein genügt da nicht mehr!

Deshalb haben sich 2006 etliche Computer-Plantagen-Besitzer in Sillicon Valley wie Hewlett-Packard, IBM oder Sun Microsystems zusammengetan, um neue Wege zu finden, wie sie ihre kostbaren Geräte temperiert halten. Dabei ist ihnen aufgefallen: Wasser ist wirkungsvoller als Luft. Etwa 462 mal! Eine nicht zu unterschätzende Zahl bei Rechenzentrumskosten von etwa 37 Millionen per Megawatt, das für die Luftkühlung gebraucht wird. Der Bau eines Wasserkühlungssystems schlägt dagegen mit nur 30 Prozent davon zu Buche, rechnete Charles Doughty von Iron Mountain vor.

Einzige Herausforderung war es, die „natürlichen“ Feinde Wasser und Computer zusammenzubringen.

Für Ingenieure keine unlösbare Aufgabe!

Google & Co kühlt mit Wasser

2015 sah es folgendermaßen aus: Kaliforniens Rechenzentren verbrauchen grob geschätzt so viel Wasser wie in 158. 000 Olympia-Schwimmbäder passen. In einem Land, wo Politiker Kellner auffordern, kein Wasser mehr automatisch anzubieten! Wo Wassermangel zum Alltag gehört!

Auch Musterschüler Google kühlt seine Rechenzentren mit Wasser. Der riesige Data-Center-Betreiber verwendet, wie das Unternehmen gerne betont, allerdings nur aufbereitetes Wasser aus verschiedenen Quellen.

Eine Google-Anlage in Douglas County (USA) bereitet Abwasser auf, eine andere in Belgien bezieht ihr Kühlwasser aus einem Industriekanal. Das Unternehmen ist stolz darauf, Wasser zu recyclen. Es zeigt sich zuversichtlich, „für die meisten Fälle seiner Wassernutzung nachhaltige Lösungen finden zu können“.

Das klingt nach einem vorbildlichen Plan.

Ich aber frage einmal:

800 Rechenzentren…

Wie viele der Betreiber sind umweltbewusster als Landwirte?

*Foto: www.latinamericascience.org

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Nebiga

Auf der Suche nach Finist Hellfalke (III)

Hütte_der_Baba_Jaga_russ_BilderbuchSie geht durch Urwald, sie schreitet über Baumstümpfe und Klötze. Schon nutzen sich die Eisenschuhe ab, ein Krückstock ist zerbrochen, ein Opferbrot ist verschluckt, doch das Mädchen wandert immerzu und läuft, und der Wald wird immer schwärzer, immer dichter. Plötzlich sieht sie eine Hütte auf Hühnerbeinen, die sich unaufhörlich dreht.

Das Mädchen spricht: „Hüttlein, Hüttlein! Stelle dich mit dem Rücken zum Wald, mit der Vorderseite zu mir!“ Die Hütte dreht sich mit der Vorderseite zu ihr. Sie stieg hinein und darin lag die Baba-Jaga, von einem Winkel in den andern, die Lippen im Bett, die Nase nach der Zimmerdecke.

„Fu, fu, fu! Früher hätte ich den Hauch eines Russen nicht mit den Augen sehen, mit den Ohren nicht hören können; aber heute wandert der russische Atem in der weiten Welt umher, zeigt sich dem Gesicht und steigt in die Nase. Wohin des Weges, schönes Mädchen? Kommst du in Schweiß oder mit Fleiß?“

„Großmütterchen, bei mir war Finist Hellfalke mit den bunten Federn. Meine Schwestern taten ihm Böses. Ich suche immerfort den Finist Hellfalke.“

„Da kannst du lange laufen, mein Kindchen! Da musst du noch dreimal neun Länder durchwandern. Finist Hellfalke mit den bunten Federn wohnt im dreimal neunten Zarenreich, im dreimal zehnten Reich und hat sich schon um eine Zarentochter beworben.“

Die Baba-Jaga gab dem schönen Mädchen zu essen und zu trinken und legte es schlafen. Doch am Morgen, als das Licht eben zu flimmern anfing, weckte sie es.

Sie gab der Schönen Geschenke, einen silbernen Schemel und eine goldene Spindel, und sprach: „Nun zieh zu meiner mittleren Schwester, sie wird dich gut belehren. Nimm dann noch meine Geschenke, den silbernen Schemel und die goldene Spindel. Fängst du an, den Flachs zu spinnen, so wird der goldene Faden sich ausziehen. Wenn du das dreimal neunte Zarenreich, in das dreimal zehnte Herrenreich kommst, bis an das blaue Meer, so wird die Braut des Finist Hellfalke ans Ufer lustwandeln kommen. Du aber spinn‘. Die Zarentochter wird dir mein Geschenk abkaufen wollen. Nimm ihr nichts ab; nur bitte sie, Finist Hellfalke einmal sehen zu dürfen.“

schafwolleDarauf nahm die Jaga einen Wollknäuel, warf es auf den Weg und hieß das Mädchen ihm zu folgen. „Wohin das Knäuelchen läuft, dahin nimm auch du deinen Weg!“ Das Mädchen dankte der Alten und ging hinter dem Knäuel hinterher.

Wieder ging das Mädchen durch den dunklen Wald, weiter, immer weiter, und der Wald wird immer schwärzer und dichter: mit den Wipfeln ragt  er bis in den Himmel hinein. Über kurz oder lang nutzten sich die zweiten Eisenschuhe ab, der zweite Krückstock ist zerbrochen, dazu ist das steinharte Opferbrot verzehrt. Schließlich rollt das Knäuelchen zu einer Hütte.

Fu, fu, fu, früher hätt‘ ich

Die Hütte steht vor dem Mädchen auf Hühnerbeinen und dreht sich unaufhörlich.

Das schöne Mädchen spricht: „Hüttelein, Hüttelein! Dreh dich zum Wald mit dem Rücken, zu mir mit der Vorderseite. Ich will in dich hineinklettern, um Brot zu essen.“

Die Hütte hörte darauf, drehte sich mit der Rückseite zum Wald, mit der Vorderseite aber zu dem Mädchen. Sie klettert hinein, und auf dem Ofen liegt auf neun Ziegelsteinen die Baba-Jaga mit dem knöchernen Fuß, die Lippen im Bett, die Nase gegen die Zimmerdecke gestreckt.

„Fu, fu,fu, früher hätte ich den Hauch eines Russen mit den Augen nicht wahrnehmen, mit den Ohren nicht bemerken können, aber heute wandert der russische Atem in der weiten Welt umher, zeigt sich dem Gesicht und steigt in die Nase. Wohin des Wegs, schönes Mädchen? Kommst du in Schweiß oder mit Fleiß?“

Antwortet das Mädchen: „Großmütterchen, bei mir war Finist Hellfalke mit den bunten Federn. Meine Schwestern taten ihm Böses an. Nun suche ich immerzu Finist Hellfalke.“

„Oh, Mädchen, Mädchen, schon will sich dein Finist vermählen! Heute ist der Brautführer bei ihnen“, sagte die Baba-Jaga. Sie gab dem Mädchen zu essen und zu trinken und legte es schlafen. Aber am Morgen, noch war die Sonne nicht einmal aufgegangen, weckte sie es und gab der Schönen ein gutes Geschenk: eine silberne Schüssel und ein goldenes Ei. Dann sagte sie: „Nun wandere zu meiner ältesten Schwester, sie wird dich gut belehren. Nimm mein Geschenk, das silberne Schüsselchen und das goldene Ei. Wenn du in das dreimal neunte Zarenreich, in das dreimal zehnte Herrenreich kommst, an das Ufer des blauen Meeres, wird die Braut des Finist Hellfalke herauskommen und am Strand lustwandeln. Du aber rolle das Ei nach der Schüssel. Die Zarentochter wird dir mein Geschenk abkaufen wollen. Doch du darfst ihr nichts abverlangen, sondern bitte nur, Finist Hellfalke mit den bunten Federn einmal anschauen zu dürfen.“

Das Mädchen dankte der Alten, seufzte und ging wieder hinter ihrem Knäuel einher.

Wieder wanderte das schöne Mädchen weiter durch den dunkeln Wald, immer weiter. Und der Wald wird immer schwärzer und dichter, bis in den Himmel ragt er mit seinen Wipfeln. Über kurz oder lang ist das dritte Paar Schuhe abgetragen, der dritte Stab zerbrochen, das letzte Weihbrot verschlungen. Schließlich lief das Knäuelchen zu einer Hütte. Die steht vor dem Mädchen auf den Hühnerbeinen, dreht sich unaufhörlich.

Ruft das Mädchen: „Hüttlein, Hüttlein! Dreh dich mit dem Rücken zum Wald , mit der Vorderseite zu mir. Ich will in dich hineinklettern, um Brot zu essen.“

Die Hütte gehorchte und drehte sich mit dem Rücken zum Wald, aber mit der Vorderseite zu dem schönen Mädchen. In der Hütte lag wieder eine Baba-Jaga mit dem knöchernen Fuß, von allen dreien die älteste.

„Fu, fu, fu! Früher hätte ich den Hauch eines Russen mit den Augen nicht schauen, mit den Ohren nicht bemerken können; aber heute wandert der russische Atem in der weiten Welt umher, zeigt sich dem Gesicht und steigt in die Nase. Wohin des Wegs, schönes Mädchen? Kommst du in Schweiß oder mit Fleiß?“

Antwortet das schöne Mädchen: „Bei mir war Finist Hellfalke mit den bunten Federn, Großmütterchen. Meine Schwestern taten in Böses an. Da flog er von mir, weit  fort über das ferne Meer, hinter die hohen Berge, in das dreimal neunte Zarenreich, in das dreimal zehnte Herrenreich. Immerfort suche ich Finist Hellfalke.

„Ach, Mädchen, Mädchen, dein armes Köpfchen! Schon vermählt er sich im Zarenreich“, sagte die Baba Jaga. Sie gab dem Mädchen zu essen und zu trinken und legte es schlafen. Aber am Morgen, noch waren die Sterne am Himmel nicht erloschen, weckte sie es und gab der Schönen ein gutes Geschenk: einen goldenen Stickrahmen und eine Nadel. Dann sprach sie:  „Viel Zeit hast du nicht mehr. Spute dich! Hier hast du ein Geschenk von mir, einen goldenen Stickrahmen und eine Nadel. Du brauchst nur den Rahmen zu halten, dann steht die Nadeln von selbst. Bist du im dreimal neunten Zarenreich, inm dreimal zehnten Herremreich, so setze dich an das blaue Meer, die Zarentochter, mit der sich Finist Hellfalke vermählt hat, wird zu dir herauskommen und wird dir den Stickrahmen und die Nadel abkaufen wollen. Doch du, meine Schöne, verlange ihr nichts ab, sondern bitte nur, Finist Hellfalke mit den bunten Federn einmal anschauen zu dürfen.“

Das Mädchen dankte der Alten und ging hinter ihrem Knäuel einher. Dam Zieler Wald wurde immer lichter und lichter. Da breitete sich plötzlich das blaue Meer frei und schrankenlos vor ihr aus, und dort in der Ferne erkannte sie die goldenen Giebel des hohen weißsteinigen Palasts.

Nacherzählt aus: Russische Märchen. Nach den Einzelausgaben der Kaiserlichen Druckerei in St. Petersburg aus den Jahren 1901-03, ed. Dr. Martin Löpelmann. Deutsche Buchgemeinschaft Berlin.

 

 

Nebiga

Das Purpurblümchen und Finist Hellfalke (II)

Die Tochter schloss sich in der Giebelstube ein und setzte das Purpurblümchen in Wasser. Sie öffnete das Fenster und schaute in die Ferne.

Woher er auch gekommen sein mag, plötzlich flog über ihr Finist Hellfalke mit den bunten Federn, flatterte durch das Fenster hinein und wurde ein junger Mann. Das Mädchen wäre fast erschrocken, aber dann, als er mit ihr sprach, da wurde ihr  fröhlich und heiter ums Herz. Bis zur Morgendämmerung unterhielten sie sich. Aber als es zu tagen begann, küsste Finist Hellfalke mit den bunten Federn das Mädchen und sprach: „Jede Nacht, wenn du das Purpurblümchen ans Fenster stellst, werde ich zu dir fliegen, meine Geliebte. Und hier hast du ein Federchen aus meinen Flügel. Wenn du irgendeinen Schmuck brauchst, geh hinaus zu der kleinen Treppe, und wenn du es nach der rechten Seite schwenkst, so erscheint im Nu vor dir alles, wonach dir verlangt.“ Er küsste sie noch einmal, verwandelte sich in den hellen Falken und flog hinter den dunklen Wald. Das Mädchen schaute ihm nach, machte das Fenster zu und legte sich schlafen.

Von der Zeit an kam er jede Nacht, sobald sie das Purpurblümchen an das geöffnete Fenster gesetzt hatte.

russianeasterEs wurde Ostern. Man läutete die Glocken in der Kirche. Die älteren Schwestern schickten sich an, zum Mittagsgottesdienst zu gehen. Sie putzten sich mit ihren neuen Sarafanen, holten ihre Taschentücher hervor, legen die goldnen Ohrringe an und machten sich über die jüngere Schwester lustig. „Na, du Schlaukopf, was ziehst du an? Du hast auch gar nichts an neuen Sachen! Bleib zu Hause sitzen mit deinem Blümchen!“ Aber sie versetzte: „Das tut nichts, liebe Schwestern, ihr braucht euch meinetwegen keine Sorgen zu machen. Ich bete auch zu Hause.“ Die älteren Schwestern putzten sich nun heraus wie Pfauhennen und gingen zum Mittagsgottesdienst. Aber die kleinste sitzt am Fenster, ganz schmutzig war sie in ihrem alten Sarafan. Sie schaut auf die Leute, die in die Kirche gehen. Sie gehen alle geputzt, die Bauern in neuen Röcken, die Weiber in Festtagskleidern aus gemusterten, bunten Tuch.

Die Jüngste wartete die Zeit ab, ging zur Treppe und schaute sich um. Dann schwenkte sie das Federchen nach der rechten Seite: Woher er gekommen sein mag – vor ihr steht ein kristallener Wagen mit edlen Pferden und Bedienten, ganz in Gold gekleidet, und Kleider sind da und jede Menge Schmuck aus guten, echten Edelsteinen. Im Nu machte sich das schöne Mädchen fertig, setzte sich in den Wagen und fuhr zum Gotteshaus. Das Volk blickte auf und bewunderte ihre Schönheit. „Sicherlich irgendeine Zarentochter aus dem dreimal neunten Zarenreich!“ sagten die Leute. Als man Dostoino sang, verließ die Schöne die Kirche, setzte sich in den Wagen und fuhr zurück. Die rechtgläubigen Leute wären gern hinausgegangen, um sie bei der Abfahrt anzugaffen, aber da gab es nichts mehr zu sehen. Die Spur war schon lange kalt.

Kaum, dass es an der Treppe angekommen war, schwenkte die junge Frau die bunte Feder nach links: Im Nu zog die Dienerschaft sie aus. Der Wagen verschwand vor ihren Augen.

Sie aber benahm sich wie zuvor, so als ob nichts geschehen wäre, betrachtet die 001Rechtgläubigen, wie sie von der Kirche nach Hause gehn. Auch die Schwestern kamen nach Hause. „Nun, Schwester“, sagen sie, „was für eine Schönheit doch heute im Mittagsgottesdienste war! Eine wahre Augenweide! Man kann es weder in einem Märchen erzählen noch mit der Feder beschreiben. Wahrscheinlich kam eine Zarentochter aus anderen Ländern herangereist, so herrlich war sie herausgeputzt.“

Es kommt das zweite, es kommt das dritte Osterfest heran. Jedesmal führt das schöne Mädchen das rechtgläubige Volk, ihre Schwestern und Vater und Mutter hinters Licht. Doch beim letzten Mal wollte sie sich ausziehen und vergaß die Diamantnadel aus dem Zopf herauszunehmen.

Da kommen die älteren Schwestern aus der Kirche und erzählten ihr von der schönen Zarentochter. Der Diamant glüht in ihrem Zopf. „Ach Schwesterlein, was hast du da?“, schrien die Schwestern auf. „Grad so eine Nadel trug die Zarentochter heute an ihrem Haupt. Woher hast du die?“ – Das schöne Mädchen seufzte und entwischte in ihre Giebelstube. Die Schwestern aber hörten nicht auf auszufragen, zu vermuten und zu flüstern. Doch die kleinste Schwester schweigt still und lacht leise.

Da fingen die größeren Schwestern an, auf sie achtzugeben, horchten in der Nacht an der Tür ihrer Giebelstube. So erlauschten sie, wie Finist Hellfalke kam, und in der Morgendämmerung sahen sie mit leibhaftigen Augen, wie er aus dem Fenster flog.

Als Finist Hellfalke verschwand

Sichtlich böse waren die größeren Schwestern. Eifersüchtig und beleidigt. Sie verabredeten, abends verborgene Messer anzubringen, damit sich Finist Hellfalke seine bunten Flügel daran zerschneiden sollte. So führten sie es auch aus. Die kleine Schwester vermutete nichts, stellte ihr Purpurblümchen ans Fenster, legte sich dann aufs Bett und schlief fest ein.

In der Nacht kam Finist Hellfalke geflogen, schlug sich kurz und klein und kann nicht in die Stube gelangen, so sehr hatte er sich die Schwingen zerschnitten.

„Leb wohl, schönes Mädchen!“ sprach er, „wenn du gesonnen bist, mich zu suchen, so suche mich hinter dreimal neun Ländern, im dreimal zehnten Zarenreich. Aber erst musst du drei Paar eiserne Schuhe ablaufen, drei eherne Wanderstäbe zerbrechen, drei steinharte Opferbrote verschlucken, ehe du mich findest!“

Das Mädchen aber schläft, obwohl es im Traum diese freundlichen Worte hört, kann es doch nicht aufstehn oder aufwachen.

Am Morgen hatte das schöne Mädchen ausgeschlafen. Es schaute sich nach allen Seiten um. Es war schon hell, aber von Finist war nichts zu sehen. Am Fenster jedoch steckten über Kreuz scharfe Messer, und von ihnen tröpfelt rotes Blut.

Lange weinte die Schöne, viele schlaflose Nächte verbrachte sie am Fenster ihrer Giebelstube, versuchte das bunte Federchen zu schwenken – alles vergeblich. Weder kommt Finist Hellfalke geflogen, noch sendet er seine Diener. Schließlich ging sie mit Tränen in den Augen zum Vater und bat um seinen Segen: „Ich werde gehen“, sagte sie, „Finist suchen, wohin meine Augen schauen.“

Sie ließ sich drei Paar eiserne Schuhe schmieden, drei steinharte Opferbrote anfertigen. Ein Paar Eisenschuhe an den Füßen, die Krückstöcke in den Händen, ging sie fort in der Richtung, wohin sie dachte, dass Finist Hellfalke geflogen war.

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Nebiga

Das Federchen des Finist Hellfalke (I)

phoenixEs war einmal ein alter Mann und eine alte Frau. Die hatten drei Töchter. Die größere und die mittlere waren putzsüchtig, aber die kleinere mühte sich den ganzen Tag in der Wirtschaft ab. Sie war so schön, dass es weder in einem Märchen erzählt noch mit der Feder beschrieben werden kann. Geht sie auf der Straße, so kann kein Junge ein Auge von ihr lassen, andere Mädchen will dann keiner mehr anschauen.

Das Purpurblümchen

Einmal machte sich der Alte auf, um in die Stadt zum Jahrmarkt zu fahren. Er fragte seine Töchter, was er ihnen kaufen sollte. Die älteste bittet: „Kauf mir einen Sarafan!“ Und die mittlere möchte dasselbe. „Und was dir, meine liebe Tochter?“, fragt der Alte die jüngste. „Kauf mir ein Purpurblümchen, Väterchen!“ Der Alte lachte über seine jüngste Tochter: „Nun, was liegt dir Dummchen an einem Purpurblümchen. Was soll dir das denn nützen? Ich werde dir besser Schmuck kaufen.“ Aber, was er auch sagt, er kann sie nicht überreden.  „Kauf mir ein Purpurblümchen!“ Und dabei blieb sie.

Der Vater nahm Abschied, setze sich in seine Telega und fuhr nach der Stadt auf den Jahrmarkt. Den großen  Töchtern kaufte er, was sie sich gewünscht hatten, aber das Purpurblümchen fand er nirgends. Der Alte schritt den ganzen Jahrmarkt von einem Ende bis zum anderen ab, nirgends gab es solch ein Blümchen. Schließlich kehrte er nach Hause zurück und erfreute die älteste und die mittlere Tochter mit den neuen Sachen. „Da habt ihr, meine lieben Töchter, was ihr gewünscht habt. Aber für dich“, sagte er zu der kleineren, „fand ich kein Purpurblümchen.“ „Da kann man halt nichts machen“, sagte sie, „vielleicht gelingt es dir ein anderes Mal, es zu finden.“ Die größeren Schwestern schneiden die Sarafans zu und nähen sie. Über die kleinere aber machen sie sich lustig: „Lass schauen Schlaukopf,“ sagen sie, „was du gewünscht hast! Du kannst noch nicht einmal um etwas bitten!“

Aber sie, weißt du, sie schwieg.

Wieder macht sich der Vater zum Jahrmarkt in der Stadt auf und fragt: „Nun, ihr Töchter,  was soll ich euch kaufen?“  Die größere und die mittlere bitten um Taschentücher, aber die kleinere sagt wiederum: „Kauf mir, Väterchen, ein Purpurblümchen!“ Der Vater nimmt Abschied, setzt sich in die Telega und fuhr in die Stadt. Er kaufte zwei Taschentücher, aber das Purpurblümchen sah er auch diesmal nicht. Er kehrte zurück und sprach: „Ach, Töchterchen, wiederum fand ich das Purpurblümchen nicht.“ „Das tut nichts, Väterchen, zu einen anderem  Zeitpunkt wird es dir schon gelingen.“

Und tatsächlich: Zum drittenmal macht sich der Alte auf und fragt: „Sagt mir doch, meine lieben Töchter, was ich euch kaufen soll.“ Die größeren sagen: „Kauf uns Ohrgehänge, Väterchen!“ Aber die kleinere blieb bei ihrem alten Lied: „Und mir, Liebster, kauf das Purpurbümchen!“ Abschied nahm der Alte, setzte sich in den Wagen und fuhr los. Er kaufte goldne Ohrgehänge und machte sich eifrig daran, das Blümchen zu suchen. Suchte, suchte… niemand weiß von einem solchen. Er grämte sich und fuhr aus der Stadt hinaus.

Als er über den Schlagbaum hinausfuhr, kommt ihm ein uraltes Männchen entgegen und hält in den Händen ein Purpurblümchen.

„Alter, verkauf mir dein Blümchen!“

purpleflowerrussia„Es ist nicht zu verkaufen. Nur wenn deine jüngste Tochter meinem Sohn, dem Finist Hellfalken, als Gattin folgt, will ich dir das Purpurblümchen geben.“

Der Vater überlegte ein wenig: Das Blümchen nicht nehmen, hieße die Tochter betrüben; es nehmen, hieße notwendigerweise sie verheiraten, und Gott weiß mit wem… Er überlegte und überlegte und nahm schließlich das Purpurblümchen. „Was schadet es?“ denkt er, „hinterher kommt einer und freit um sie, und wenn es nicht passt, darf ich’s ihm auch abschlagen.“ Er fuhr nach Hause, gab den älteren Töchtern die Ohrgehänge, und der jüngsten gab er das Blümchen und sagte: „Gar nicht lieb ist mir dein Blümchen, meine liebe Tochter, gar nicht lieb.“ Und leise flüsterte in ihr Ohr: „War doch das Blümchen da nicht verkäuflich. Ich bekam es von einem unbekannten Greis unter der Bedingung, dich seinem Sohn Finist Hellfalke zur Frau zu geben.“

„Mach dir keine Sorgen!“ erwiderte die Tochter. „Er ist doch so schön und so freundlich. Als heller Falke schwebt er in den Lüften, und sobald er sich zur Erde stürzt, wird er Mensch.“

„Kennst du ihn denn schon?“

„Ich kenne, kenne ihn, Väterchen! Am letzten Osterfest war er im Mittagsgottesdienst. Immerfort sah er mich an. Und ich sprach mit ihm… Er liebt mich, denke ich, Väterchen!“

Der Alte wiegte den Kopf, blickte unverwandt auf seine Tochter, machte ein Kreuz über ihr und sprach: „Geh in die Dachstube, die mit  den großen Fenstern! Schlaf ein Weilchen. Der Morgen ist klüger als der Abend. Dann werde ich mich entscheiden.“