Liebeskummer so still
Leo Nerdette

So still kann Liebeskummer sein

Eine Geschichte über Liebeskummer? Ist das erzählenswert? Die Zeit heilt ja alle Wunden und der Wald ist bekanntlich voller Bäume… Wenn Familie und Freunde raten, sind solche Sätze leicht gesagt.

Doch es gibt Liebeskummer, der klebt an der Seele wie Kaugummi. Er zieht Fäden, selbst wenn der Grund dafür schon lange vergangen ist.

Der Zug teilt die Dämmerung

Er steht mitten in der verschneiten Landschaft. Leichte Schneeflocken umwirbeln ihn: Sie bleiben nicht am Boden haften.

Zoom –  die Kamera zieht die beleuchteten Fenster näher. Wir sehen hinein: Reisende schlafen, lesen, wischen eine Seite nach der anderen in ihrem iPad.

Die Tochter schmiegt ihre türkis besockten Füße an die Oberschenkel der ihr gegenüber sitzenden Mutter. Halb verschwindet sie im blauen Überzug der Sitze, gemütlich gekuschelt, Quartettkarten in der Hand. Sie mustert diese aufmerksam, wobei sie leicht mit der Zungenspitze zwischen den Lippen hin und her wandert.

„Ich habe 2.480 Kubikzentimeter Hubraum“, sagt die Mutter und blickt auf die oberste Karte ihres Stapels.

Sie schickt einen auffordernden Blick hinüber zu ihrem Kind; ihre linke Augenbraue hebt sich kurz; die rechte Hand streckt sie fordernd aus.

„Gemein“, hört sie aus der gegenüberliegenden Ecke, grinst zufrieden und packt das Kartenpärchen, das sie gewonnen hat, zur Seite auf den kleinen Tisch unter dem Fenster.

Mit einem Blick auf die nächste Karte ruft sie: „24.600 Euro Neupreis!“

„Hah“, kontert die Tochter, „58.650 Euro. Die gehört mir!“

Jetzt winkt das Kind erwartend, nimmt die Karte entgegen und legt sie gemeinsam mit ihrer auch auf einen Stapel neben sich. Verglichen mit dem ihrer Mutter ist dieser höher.

PING

Die Mutter wendet den Kopf, kurz nur, kontrolliert jedoch gleich wieder ihre Karten.

PING

Zweimal hintereinander? Grund genug, die Karte mit dem Deckblatt nach oben auf den Tisch zu legen. Sie kramt im Leinenrucksack neben ihr. Ein Duft von Wurst und Käse zieht zu den mitreisenden Nachbarn.

Sie hangelt ein rosa Smartphone heraus, tippt auf das Display.

„Nina“, erklärt sie ihrem Kind und liest:

Liebeskummer!

Er versteht mich nicht.

Das Kind scheint sie nicht gehört zu haben:

„7,2 Sekunden Beschleunigung“, sagt es und stupst die Mutter mit ihren Zehen.

„Warte mal, ich muss antworten.“

Die beiden Daumen rasen übers Display:

Warum verstehen, sollte er dich nicht bloß lieben?

Schließlich legt sie das Smartphone auf den geöffneten Rucksack, aber so, dass sie es im Blick behalten kann. Leicht streicht sie über die Zehen des Kindes und wendet sich wieder den Karten zu; wiegt den Kopf.

„Hmm, hast du meine Karte angeschaut?“, fragt sie misstrauisch.

„Natürlich nicht! Mach schon, Mama!“

„4,6 Sek…“

PING

Ich will doch nur…

Die Mutter schielt verstohlen zum Handy hinüber.

„Was ist jetzt wieder?“ stöhnt das Mädchen. „Mama!“

PING

…, dass er mich so liebt, wie ich ihn

„4, 6 Sekunden“, beendet die Mutter ihren Satz. Irgendwie lustlos. Sie schielt zum Smartphone. Abwesend reicht sie dem Kind die Karte, während sie das Gerät mit der anderen Hand hochhebt. Sie tippt:

😮

Wenn eine zu viel ist

„423 PS…“ – Stille – „Mama!“

Ungeduldig klopfen Zehen auf die Oberschenkel der Mutter, bis schließlich die Fußsohlen treten.

„Bin ja eh schon da!“

Die Mutter reißt ihre Augen vom Display los.

„Lass mich nachsehen…“, sagt sie, „ja, 226 PS!“

Die Tochter nimmt die Karte wieder entgegen, legt sie zur anderen und überlegt gerade, welche Eigenschaft sie nehmen soll…

PING

Das Kind verdreht die Augen.

Hey, nimm mich ernst, bitte. Ich bin ein Desaster!!!!!!

„Weißt du was?“, entscheidet die Mutter. „Wir machen Schluß. Sagen wir, du hast gewonnen! Dein Stapel ist sowieso höher.“

Entschlossen schiebt sie den Kartenstapel vom Tisch unter denjenigen in ihrer Hand und stopft alles in die Plastikschachtel des Quartetts.

„Och“, murmelt das Kind noch – ungehört.

Was ist passiert?

Er trifft seine Kumpels.

Ja und? – Oh, ich verstehe. Er hat ein Leben.

Aber eines ohne mich!!!!

Langsam zieht das Mädchen die türkis besockten Füße zurück. Es setzt sich gerade.

Ein leichter Geruch von Zimt und Vanille weht zur gegenüberliegenden Seite, von Omas Keksen von heute morgen. Die Mutter merkt nichts, ist vertieft in ihr Gespräch.

Als der Zug endlich doch noch anfährt, fischt das Kind sein Smartphone aus der Hosentasche.  Lustlos sucht es ein anderes Spiel.

Apps gibt es ja genug.

Tipp für den 5. Dezember

adventAm  heutigen Feierabend – bei Kerzenlicht, mit Glühwein und Keksen:

Vergiß dein Handy einfach! Irgendwo…

Stell es aber vorher noch stumm! 😉

Auch andere Geräte kommen heute am besten nicht mehr zum Einsatz.

  • Wer Kinder und/oder Freunde zu Besuch hat , könnte die Lücke mit einem Tischspiel füllen. Vielleicht packt ihr sogar das Lieblingsspiel aus! Wann hast du das letzte Mal Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt – Halma oder Mühle?
  • Du sitzt heute allein auf dem Sofa? Macht nix, nimm Stift und Papier und zeichne, wem du aller was schenken möchtest. Musik hören ist erlaubt, ohne Kopfhörer!

Leser dieses Artikels interessierten sich auch für:

3. Fenster: Als der dumme Kaufmann wettete

2. Fenster: Kunde vom Goldmund Erzählfest

Hat dir der Artikel gefallen? Wenn ja, dann teile ihn doch mit deinen Freunden 🙂

Der dumme Kaufmann wettet
Nebiga

Als der dumme Kaufmann wettete

Es lebte einmal ein dummer Kaufmann in Jaipur, Indien. Der war so dumm, dass ihm das Gold hinterherlaufen musste, damit es sich vermehren konnte.

Dieser Kaufmann beschloss eines Tages seine Frau heim zu holen. Geheiratet hatte er sie, als sie noch ein Kind war – vor sechs Jahren war das. Oder waren es acht? Es strengte ihn an, sich zu erinnern. Das Mädchen, das seine Frau war, lebte sowieso noch in Laslot bei ihrem Vater. Und das war bis jetzt gut gewesen… denn der Kaufmann konnte keine Änderungen vertragen und solche, die seinem Haushalt störten, schon gar nicht.

Aber nun war seine alte Amme gestorben. Die Frau, die alles von ihm gewusst, für ihn gesorgt und natürlich auch seine Dienerschaft dirigiert hatte. Plötzlich fand er, dass ihm die Gesellschaft seiner Frau doch gut tun würde – und es für sein Wohlbefinden unerlässlich sei, dass sie nach dem Rechten sähe.

So brach er auf und reiste nach Laslot.

Wie er seine Frau holte

Gib mir meine Frau! Ich will sie mit nach Hause nehmen, sprach er, kaum hatte er das Haus seines Schwiegervaters in Laslot betreten.

Sei doch nicht so ungeduldig. Setz dich, lass dich bewirten! Erzähl, wie ist es dir ergangen?

Keine Zeit, widersprach der dumme Kaufmann. Ich will nicht länger von zuhause weg bleiben als nötig. Zu erzählen habe ich nichts: Der Tag kommt, der Tag geht. Dazwischen passiert nicht viel.

Der Schwiegervater klatschte die Hände über dem Kopf zusammen. Der Kaufmann war sogar zu dumm zu erkennen, wann es Zeit war, höflich zu sein. Seufzend ließ er seine Tochter Namina holen.

Die ideale Frau für einen dummen Kaufmann

naminaNamina war zu einer hübschen jungen Frau heran gewachsen: Folgsam, tüchtig und nicht allzu klug.

Klüger zwar als es ihr Mann zu sein schien, fand der Vater, aber nicht so klug, um unfolgsam zu sein. Sie würde jedem eine gute Frau sein, auch für einen ganz anderen Mann als den dummen Kaufmann.

Und diese Frau hatte, kaum dass sie ihren Mann durch das Tor reiten sah, alles für die Abreise vorbereiten lassen. Ihre Kleider waren mittlerweile gepackt, Proviant aufgestockt und der Esel gesattelt. Namina war bereit, ihrem Mann nach Jaipur in ihr neues Heim zu folgen, als sie vor ihn trat.

Und das war gut so.

Ich hoffe, du bist fertig. Ich möchte keine Zeit verlieren.

So begrüßte sie ihr Mann. Namina ließ sich’s nicht verdrießen und nickte freundlich. Sie verabschiedete sich von ihrem Vater. Dem allerdings war das Herz schwer. Weniger davon, dass er ein Kind ziehen lassen musste, als davon, mit welchem Mann es davonzog.

Die beiden machten sich unverzüglich auf den Weg. Die Rückreise schien dem Kaufmann ein bisschen angenehmer als die Hinreise: Namina bereitete das Mahl, wenn sie lagerten; sang, wenn sie Wasser schöpfte; teilte bereitwillig ihr Lager mit ihm und schwieg, wenn er ob des beschwerlichen Wegs jammerte oder auch nur seine Ruhe wollte. Es war, als würde sie die Wünsche ihres Mannes spüren, als wüsste sie, was er wollte noch ehe er selbst selbiges wusste.

Mit ihr kann ich meine Tage verbringen! dachte der dumme Kaufmann bald und beglückwünschte sich zu seiner guten Wahl.

Man wird ja wohl noch wetten dürfen

Kurz vor seiner Heimatstadt lag das Dorf Kanota, das sie durchqueren mussten.  Dort saß am Rande eines Feldes ein Mann. Der schien auf sie gewartet zu haben, denn als sie an ihm vorbei wollten, sprach er den dummen Kaufmann an:

Wohin des Weges, edler Herr?

Was geht dich das an?

Ehrwürdiger, verzeiht, dass ich Euch angesprochen habe! Aber ich brauche Euren Rat.

Nun, es kam nicht oft vor, dass jemand den dummen Kaufmann um Rat fragte, und so ehrerbietig schon gar nicht. So neigte er huldig sein Haupt.

  • Sprich!
  • Was meint Ihr? Lebt in diesem Sanddornstrauch ein Hase?
  • Ein Hase? Ich sehe keinen.
  • So meint Ihr, da gibt es keinen?
  • Ja, wenn man keinen sehen kann, gibt es keinen.
  • Würdet Ihr darauf wetten?

Just in diesem Moment zupfte Namina am Ärmel des Kaufmanns. Er schüttelte sie ärgerlich ab.

  • Natürlich würde ich darauf wetten! Was man nicht sehen kann, gibt es nicht!
  • Gut, dann wetten wir. Läuft ein Hase aus dem Busch, wenn ich schüttle, bekomme ich deine Frau.

Und der dumme Kaufmann schlug ein. Er hatte ja recht – Was konnte ihm schon passieren?

Es kam aber wie es kommen musste. Der Mann schüttelte den Busch, ein Hase flitzte entsetzt heraus und der Kaufmann war seine Frau los.

Was war das Gejammere groß

Da musste er Namina nun mit diesem Fremden ziehen lassen.

  • Seine Namina, die ihm das schmackhafte Mahl bereitete.
  • Namina, die ihm Wasser schöpfte.
  • Seine Namina, die ihm mit ihrem Gesang unterhielt.
  • Namina, die das Lager mit ihm teilte.
  • Seine Namina, die ihm seine Wünsche von den Augen ablas.

Namina war nun verloren! Das Entsetzen des dummen Kaufmanns war groß und wurde größer, je länger er darüber nachdenken konnte und je weiter der Fremde mit seiner Frau von ihm entfernte.

Hilfe für den KaufmannUnd weil der dumme Kaufmann nicht wusste, was er jetzt tun sollte, folgte er den beiden. Während er so hinter ihnen jammernd durch das Dorf Kanota kam, hörte ihn eine kluge Alte. Was denn los sei, wollte sie wissen, weil er so jammerte. Da erzählte er von seinem Schicksal.

Wer erzählt, wird aber auch gehört: Die Leute im Dorf versammelten sich um den dummen Kaufmann und hörten gemeinsam mit der Alten zu.

Und weil der Fremde mit Namina am Dorfplatz eine kleine Rast machte, dauerte es nicht lange und die Leute holten die beiden, um ihre Version der Geschichte zu hören.

Ja, bestätigte der Fremde. Ja, der Kaufmann hat die Wette verloren! Der Hase ist aus dem Sanddorn gesprungen. Wir haben es alle drei gesehen.

Was redest du da für einen Unsinn, rief die kluge Alte. Mir gehört das Feld neben dem Busch. Im Sanddorn lebt, wie ich sehr gut weiß, kein Hase, nur eine Häsin. Ihr habt eine Häsin aufgeschreckt!

Da sah der Fremde seinen Wettgewinn entschwinden. Er schaute auf die Stirnen der Dorfbewohner, die sich runzelten und wusste, dass er verloren hatte. Beschämt ging er davon.

So bekam der dumme Kaufmann seine Namina zurück.

Und als Draufgabe zog die kluge Alte mit ihnen nach Jaipur.

Allein lassen – fand sie – konnte man diesen Kaufmann nicht!

Tipp für den 3. Dezember

Vorausgesetzt euch läuft das Gold nicht hinterher… ihr könntet es auch drucken. Oder reicht euch selbstgemachtes Weihnachtspapier?

Leser dieses Artikels interessierten sich auch für:

Welcher Adventskalender passt zu uns?

2. Fenster: Kunde vom Goldmund Erzählfest

1. Fenster: Wie einer lernte, dass Wasser fließt

Hat dir das 2. Fenster unseres Adventskalenders gefallen? Wenn ja, dann teile es doch mit deinen Freunden 🙂

Der bösen Schwiegermutter das Wort
Nebiga

Der bösen Schwiegermutter das Wort

Schwiegermutter: So beschimpfen mich manche. Böse sei ich, sagen sie, eifersüchtig wäre ich von Anfang an gewesen – neidisch auf die Schönheit einer der ihren, einer Sterblichen! Was die sich nicht alles seit Jahrhunderten zusammenreimen! ICH – wütend, weil manche Menschen damals behauptet hätten, das Mädchen Psyche wäre schöner als ich; ja es sogar einige unter ihnen gab, die deren Reinheit anbeteten; Psyche Blumen vor die Haustür streuten.

Was wissen diese Menschen denn? Nur, weil ihnen der Schreiberling Apuleius seine Version erzählte – dieser Dichter, der doch nur ein Sprachrohr meines größten Widersachers Apollon war –  ein Schwätzer, ein Lügenverbreiter.

Aber ihr glaubt ihm natürlich, ihr Sterblichen. Ihm und all seinen Nachfolgern. Ehrlich, was für eine armseelige Vorstellung ist das denn? Könnt ihr euch nichts Anderes ausdenken? So – und offenbar nur so – kennt ihr es. Von euch selbst. Ihr interpretiert Psyches Geschichte um, macht mich zur einzigen Ursache ihres Schicksals; passt ihr Leiden eurem schwachen Weltbild an. Wart ihr etwa dabei? Habt ihr gesehen, gefühlt, erfahren?

Nein!

Ihr kennt das Märchen von Amor und Psyche nur vom Hörensagen und seht offenbar keinen Grund das Lügengespinst zu hinterfragen. Ein Märchen war es damals, als Apuleius es aufschrieb, sonst nichts. Nicht einmal ein Märchen… ein Lügengeflecht… ein Propagandagedicht! Ihr habt vergessen, wer ich wirklich bin, wer Cupido, wer Apollon. Ihr habt uns sogar andere Namen gegeben: Venus, Amor, Apollo. Das Orakel von Delphi hat auch noch das seine dazu beigetragen. Aber… was tun die denn anderes, als Lügen zu verbreiten? Als  wüssten sie – gerade die! Sie wissen schon so lange nichts mehr. Schon seit damals, als Apollo meine Seherinnen umbringen ließ…

Als Schwiegermutter sage ich euch

Schönheit vergeht, gerade bei den Sterblichen! Und was bleibt? Charakter. Nur der. Wie sollte Psyche aber einen solchen entwickeln, wo sie doch den ganzen Tag in ihrer Kammer in Algier herumsaß und sich die Augen nach einem Geliebten leer weinte; sich sehnte, nach einem, der sie und nicht nur ihre Schönheit lieben sollte.

Ach geh…

Besser wäre gewesen, sie hätte sich die Augen nach einem ausgeweint, von dem sie glaubte, ihn selbst zu lieben. Das nämlich bildet!  Nichts bildet so sehr – den Charakter…

Sie hätte sich aufmachen sollen, zu lernen, sich selbst zu vertrauen. Doch dafür hätte sie einen besonderen Mann gebraucht; einen, der weder dem gängigen Schönheitsideal entspricht,  noch göttlich ist; einer, der durchschnittlich oder hässlich, männlich, aber nicht dumm ist, dessen Interessen nur eben fern von den ihren liegen.

Einen, auf den sie warten müsste, stundenlang, weil er vergessen hat, sie zu treffen, weil er zu arbeiten hat, weil er andere Frauen trifft; einen, der trinkt, dem Männerfreundschaften wichtiger sind als ein Abend mit ihr; einer, der sie schlägt, der achtlos ist, der lieber Sport macht oder Gefährte repariert. Ach, es gibt unzählige Spielarten!

Schlicht einen, der ihr die Augen öffnen konnte; ihr zeigen würde, wie wichtig es ist, unabhängig – bei sich selbst – zu sein und ihr eigenes Leben mit Freude zu füllen. Ihr Leben täglich mit allen Facetten zu genießen. Nur dann nämlich würde sie überhaupt den Mann finden können, der sie tatsächlich liebt – nicht nur ihre Schönheit!

Zu dieser Erfahrung wollte ich ihr verhelfen: Ich wollte, dass sie sieht, wovor sie sich hüten muss: Wahllos irgendjemandem ihr Leben zu schenken… schon gar nicht jemandem, der es nicht wert ist, weil er ihr Leben nicht achtet!  Das aber konnte sie nur durch einen Menschen erfahren, von dem sie glaubte, ihn zu lieben. Zu einem solchen sollte ihr mein Sohn verhelfen, damit sie sieht…

Was aber tat Amor?

Er verliebte sich selbst in sie – er, ein Gott, kein Sterblicher, kein normaler Mann, ein allwissender, göttlich-machtbesessener. Dann wollte er sie gleich auch noch besitzen; ohne ihre Zustimmung entführte er sie. Umgehend und ohne über Konsequenzen nachzudenken. Er war ja verliebt.

Als ob das irgendetwas entschuldigen würde!

Psyche lernte – entführt und entehrt – meinen Sohn zu lieben… ja, doch, was blieb ihr auch Anderes übrig? Amor versteht etwas davon, eine Frau die Nächte genießen zu lassen. Was diese unerfahrene Liebe allerdings für beide bedeuten würde, das konnten sie nicht vorhersehen: Das Techtelmechtel ging solange gut, bis Psyche Amor ins Gesicht sah. Ihn erkannte. Sah, was und wie mein Sohn tatsächlich ist. Das verträgt ein Gott nicht, das verletzt ihn. Das macht ihn zu menschlich. Wohin floh Amor damals vor diesem Blick? Zu Muttern! Aber nicht, dass er mir etwas erzählt hätte!

Ein Tropfen Kerzenwachs hätte ihn verletzt… also bitte! Eine schwächere Ausrede hätte ihm kaum noch einfallen können!

Er verkroch sich in sein Zimmer, schlich mit Leidensmiene herum… Er kam nur dann aus seinem Zimmer, wenn er was brauchte. Wenn ich fragte, was er hätte, bekam ich ein schmollendes „Nichts!“. Dass das „Nichts“ in meinem Haus die Stimmung verdarb, störte ihn nicht.

Psyche war wesentlich geschickter

Sie ahnte, dass ihr bei Liebeskummer nur eine Frau helfen konnte, eine erfahrene: Deshalb kam sie zu mir – der Schwiegermutter in spe. Sie bat um Hilfe. Sie liebe Amor, sagte sie, wolle ihn, wie er war. Sie dachte allerdings an eine Verbindung in Augenhöhe. Ich entdeckte den Keim zur doch noch möglichen Charakterbildung und war entschlossen, ihn zu nähren, ihn wachsen zu lassen: Psyche sollte sich selbst vertrauen lernen!

Ein Gott wie Amor brauchte eine Göttin als Partnerin; eine Unsterbliche, die ihm Grenzen setzen konnte. Eine, die mit ihrer Ewigkeit auch ohne ihn etwas anzufangen wusste – und nicht eine sterbliche Seele, deren Schönheit durch vergebliches Warten vergehen, die ohne Freude dahinsiechen und letztendlich sterben würde.

Das war dem Mädel natürlich noch nicht so ganz klar, aber sie murrte trotzdem nicht.

Drei Aufgaben stellte ich – nicht mehr

Drei, nicht vier, wie mir der Lügenbaron, Apuleius, später unterstellte:

  1. Psyche sollte binnen Tagesfrist einen Berg aus Gerste, Mohn, Hirse, Weizen und Erbsen verlesen. Sie holte Hilfe – das kluge Kind. Sie rief die Ameisen, die ihre Aufgabe erledigten. Korn und Samen nach Sorte getrennt auf Häufchen stapelten.
  2. Zur Locke der Schafe vom goldenen Vlies verhalf ihr der Fluss. Sie selbst betörte ihn mit ihrer Klug- und ihrer Schönheit.
  3. Was ich wegen dieses Tropfens aus der Quelle, die von einem Drachen bewacht wird, sagen möchte: Wenn selbst Götter vor diesem Drachen zurückschreckten… wie sehr wäre Psyche unter ihnen geachtet worden, hätte das Mädchen zum rechten Zeitpunkt begriffen…. hätte sie bloß Apollos Behauptung, ihr geholfen zu haben, von Anfang an zurückgewiesen! Denn geholfen hat er wahrlich nicht! Der Gott der Dichtkunst rührte nicht einen Finger, obwohl es seine Anhänger immer wieder behaupten. Psyche überlistete den Drachen selbst. Sie allein bat den Adler des Zeus, ihr zu helfen, sie zur Quelle zu bringen. Und der Adler half, weil es seine Natur war.

FreiheitDoch noch war das Mädchen zu jung, zu schwach. Sie konnte ihre eigene Leistung nicht erkennen! Zu zögerlich war sie, um ihr Können wert zu schätzen. Zu unerfahren mit göttlichem Werk! Und schon nutzten andere ihre Zweifel, ihre mangelndes Selbstvertrauen!

Apollo hätte auch hier geholfen. Ja klar, ausgerechnet… Als könnte der Gott der schönen Worte der Natur befehlen? Hah – diese Macht hat er nicht und wird er auch nicht bekommen, ewig nicht.  Er kann die Natur besingen, gern. Aber mehr ist nicht! Da nützt es ihm auch nicht, das Orakel von Delphi erobert und meine Priesterinnen getötet zu haben. Da können die Usurpatoren – seine Priester – erzählen, was sie wollen. Tatsache ist: Die Herrscherin der Natur bin und bleibe ich. Weiblich. Und Psyche gehört zu uns, ist eine Frau!

Die vierte Aufgabe

Die vierte Aufgabe war in Wahrheit überhaupt keine Aufgabe. Die Büchse mit Proserpinas Schönheit sollte nicht für mich sein. Was sollte ich mit Proserpinas Schönheit aus der Unterwelt? Ich bin ja schon die Göttin des Todes! Er ist Teil meiner unsterbliche Schönheit! Die Büchse war kein von mir geplanter Verrat! Ein Quentchen dieser Schönheit hätte Psyche unsterblich gemacht.

Ach, hätte das Mädchen ihre Neugier nur eine kleine Weile bezähmen können! Gerade so lange bis es wieder an der Oberwelt gelandet wäre! Ja, dann hätte Psyche ihre Göttlichkeit aus eigener Kraft geschafft. Leider war Diskretion nicht gerade ihre starke Seite! Das hatte sie ja schon bei Amors Bitte bewiesen, ihn niemals direkt anzusehen. Dass diese Sterblichen so furchtbar neugierig sind…

Ein Blick nur genügt – schon wandelt sich die ganze Geschichte.

Psyche versank in todesähnlichen Schlaf

Kaum glaubte mein Sohn, seine Geliebte auf ewig verloren, wurde er aktiv. Er flehte mich an, bettelte, bat und schmeichelte. Amor nämlich besitzt die Macht nicht, Leben zu schenken. Noch so eine Lüge der Orakelverdreher, Dichter und Poeten. Da braucht der Gott der Liebe schon Muttern dazu. Und ich gab nach.

Der nächste Schritt war ein Fehler. Diesen Schritt bereue ich bis heute! Oh, und wie ich ihn bereue… jeden Tag.

Ich erweckte das Mädchen, ohne dass ich selbst vor ihr erschien. Ja, ja… ich war zu faul, ich gebe es zu. Ich war Amors Gebettel leid, wollte meine Ruhe. Um keinen Preis wollte ich reisen… noch dazu an so ungastlichen Ort. Ich ahnte ja nicht, wie hoch der Preis tatsächlich sein würde! Ich kam nicht auf die Idee, dass Amor seiner Geliebten beim Aufwachen nicht die Wahrheit sagen, ihr einreden würde, sie verdanke ihm und Apollo alles.

Das I-Tüpfelchen setzte Zeus. Auch das hätte ich wissen müssen: Männer unterstützen sich gerne bei ihren Machtgelüsten – Götter sind da keine Ausnahme, da braucht man nur Hera zu fragen. Zeus machte das Mädchen zur Göttin von seinen Gnaden!

Was schlimm genug ist! Wo bleibt dabei das eigene, weiblich-göttliche Selbst!

Dann verheiratete er Psyche auch noch mit dem Lügenbeutel, meinem Sohn. Das Mädchen konnte gar nicht aus freien Stücken wählen. Sie hat in der Unterwelt vergessen, vergessen, was sie geleistet, wofür sie gekämpft und gestritten hatte. Für ihre Göttlichkeit, ihre Freiheit, ihre Lebenslust. Psyche gehorchte vor Zeus und den anderen – erduldet bis heute, weil sie sich abhängig glaubt.

Als Schwiegermutter aber weine ich täglich heiße Tränen…

Psyche vertraut sich nicht mehr!

  • Heute werkt sie in Amors Haus, gebiert ihm seine Kinder. Kocht, putzt, wäscht und wartet –  wartet Stunde um Stunde: mit dem Essen, mit dem Schlafen oder darauf, dass er sie in die Stadt mitnimmt… wartet sehnsüchtig darauf, dass Amor sie wieder schätzt, so aufmerksam ist wie früher. Sie vergeudet ihr Leben.
  • Manchmal findet sie sogar Arbeit, aber übt sie nur solange aus, solange Amors Bequemlichkeit nicht leiden muss.
  • Ohne Hidschab geht sie nie aus dem Haus. Ihre Schönheit, sagt sie, hebe sie auf – für meinen Sohn. Sie sei ihm so unendlich dankbar… dass er sie genommen, sie gerettet hat.

Amor, weiß ich, hat mittlerweile beides satt: Psyches Schönheit und ihre Abhängigkeit. Wie ich höre, vergnügt er sich in der Stadt.

Er denkt, sagt er, über eine zweite Frau nach. Eine, die Psyche ersetze, ihn herausfordere, ihr eigenes Leben lebe…

„Eine, die von mir unabhängig ist, Mama.“

©SCommIntercultural

Yaxchilan: Stadt der grünen Steine
Nebiga

Yaxchilan: Stadt der grünen Steine

Yaxchilan: Habt ihr den Baum gesehen? Umschlungen von einer Liane steht er, blüht er, träumt er mitten in der Stadt. Der Stadt Yaxchilan –  Piedras Verdes – grüne Steine am Ufer des Flusses. Denn die Maya-Königsstadt Yaxchilan können Händler und Touristen nur mit dem Boot erreichen.

Am Zocalo, dem früheren Haupt-, Markt- und Tanzplatz, steht eine mexikanische Sumpfzypresse; die Wurzeln fest verankert und weit verzweigt breitet sie ihre Krone aus, wirft Schatten; sie bildet seit Jahrhunderten das Zentrum der Stadt. Die Zypresse hat überlebt, hat beobachtet, wie Häuser verfielen und die Pyramiden sich leerten; wie Moden die Touristen verändern. Sie lebt ewig, wie es scheint.

Ihre Blätter sind schimmernd grün, ihr Stamm stark, und die Äste beweglich. Sie ist ein mächtiger Baum, obwohl die Liane sie umschlingt, ihr Licht und Wasser stiehlt. Trotzdem lebt sie weiter, treibt Jahr für Jahr neue Blätter, streckt die Äste aus. Was treibt sie, was gibt ihr Kraft?

Cuenta la leyenda de Yaxchilan…

damals als die Stadt nicht nur von Affen bevölkert war; als die Menschen noch ihren Mais am Zocalo zerstießen, Tortillas zwischen Frauenhänden klatschten, Händler die Pulque – fermentierten Agavensaft – in den großen Tonschalen mit Holzschlögel schlugen; als Maler ihr Tlaloc-Blau selbst mischten, sie blutrot aus eisenhaltiger Erde und schwarz aus Lehm Wände bemalten; als die Mutter ihre Tochter schimpfte, weil sie vergessen hatte, dass sie mit ihren alten Spielkameraden nicht mehr zusammen sein durfte und der König hoch oben in der größten Pyramide der Stadt darauf wartete, dass seine Untertanen Stufe um Stufe – ungezählte Stufen – hochstiegen, um ihm Nachricht zu bringen oder etwas zu essen; als die Priester noch ihre Opfer unter den Menschen wählten und am Markt der Fisch aus dem Meer neben den Flußkrebsen lag; damals also lebte Ixchel, eine Tochter der Stadt.

Ungestüm war sie und furchtlos, ein Wirbelwind mit lautem Lachen. Trotzdem konnte sie still sitzen, wenn sie der Heilerin zuhörte. Schon im Alter von fünf Jahren faszinierten sie die Geschichten der weisen Curadera Malinalli. Die Geschichten von Wegen in jener Traumwelt der Seelen, von der Passage dorthin über die Höhle am Fluß.

Malinalli erzählte ihre bizarren Abenteuer, wie jede Heilerin sie ihren Nachfolgern erzählt, um  sie auf das Kommende vorzubereiten. Und so dauerte es auch gar nicht lange, da nahm die Alte das Mädchen mit; mit in jene Traumwelt, wo Hexer mit  Heilern um die Seelen der Menschen kämpften. Denn das Mädchen hatte die Gabe – ihre Unbekümmertheit und viel Mut. Beides half durch die dunkle Höhle der Traumwelt zu wandern, Malinalli zu begleiten und die bedrohten Seelen zu finden. Ixchel war gut darin, Dämonen in Gestalt wilder Tiere dazu zu zwingen,  Menschen von Yaxchilan ihre Seele zurückzugeben. Ja, ihre Gabe war wichtig für die Menschen der Stadt Yaxchilan.

Ixchel wuchs heran und die Quinceañera rückte immer näher – jenes Fest zum 15. Geburtstag, das allen Bewohnern der Stadt mitteilte, dass aus dem Mädchen eine heiratsfähige, junge Frau gewachsen war. Von überall her kamen Freunde, Familien, Krieger, Priester, Handwerker, die Mädchen und die alten Frauen. Beim Tanzen auf dem großen Platz gefiel Ixchel ein Galan, ein Krieger – stark, angesehen und sich seines Status bewusst. Sie gefiel auch ihm und so teilte sie bald ihre Zeit: Tagsüber wich sie dem Galan aus Angst, ihn sonst zu verlieren, nicht von der Seite; nachts schlich sie doch zu Malinalli. Sie dachte, dass wäre sie der Heilerin schuldig.

In Dunkelheit umfangene Seele

Es kam ein Tag, da stiegen die Priester herab, um Hilfe zu suchen: Die Hüterin der Gärten verliere ihre Seele, erzählten sie. Sie, die alle Terrassenfelder pflegte, den Maisstauden, den Bäumen voller Avocados, Limas und gelben Mangos, den Baumwollpflanzen Wasser und Stärke gab; sie also würde schwächer im nächtlichen Kampf, spräche wirr und Dunkelheit umgebe sie den ganzen Tag.

„Der Dämon muss mächtig sein“, sagten die Priester, „ein starker, dunkler Hexer hält der Hüterin Seele gefangen.“ Allen Schamanen würde er bisher widerstehen! In ihrer Verzweiflung und mit all der Angst von Yaxchilan wandten sie sich nun an Malinalli, weil Kunde ihrer Macht an das königliche Ohr gedrungen war.

So bereitete sich die Heilerin für die lange Nacht in der Traumwelt vor: Sie zündete die Kerzen an, den Weihrauch und den Holzscheit, salbte ihren Körper mit Öl ,damit die Geister sie nicht fassen konnten. Sie wartete auf Ixchel, doch die junge Frau wollte diesmal nicht mitgehen. Sie könne nicht weg von ihrem Liebsten, ihrem Galan:

  • „Warst du nicht den ganzen Tag mit ihm?“, fragte die Alte.
  • „Er möchte nicht, dass ich mit dir gehe. Es sei viel zu gefährlich, sagt er.“
  • Die Alte nickte, weise fragte sie: „Was willst du?“

Ixchel war gefangen in dem, was sie als Liebende glaubte, tun zu müssen: Den Geliebten zu gehorchen, weil sie fürchtete, ihn sonst zu verlieren.Nein, diesmal ging sie nicht mit.

Malinalli machte sich allein auf, folgte dem Pfad in die Höhle der Träume – einzig begleitet vom Schein der Kerzen.

Seelenhandel

Schon bald konnte die Alte den Seelenfänger durch die Weihrauchschwaden riechen. Ein Dämon, schwärzer als sie es jemals zuvor gefühlt hatte, hüllte sie ein. Er widerstand ihrem Licht gewitzter als der hinterlistigste Affenkönig, wütete stärker als ein Orkan. Er nährte sich von Malinallis wachsender Furcht, wuchs mit ihren Jahren und lachte sie aus, sobald eine Flamme des Lebens nach der anderen verlöschte. Immer tiefer zog er sie in seinen Studel, ihr Lebenslicht flackerte nur mehr schwach.

In ihrer Not rief Malinalli Chaac, Gott des Windes und des Regens – auf dass ER das Dunkle in alle Richtungen zerstreue. Chaac kam, der Gott, der noch niemals freiwillig den Menschen etwas gegeben hatte. Auch diesmal musste Malinalli mit ihm handeln – „Seele“, forderte er, „um Seele.“

Aber welche Seele konnte Malinalli ihm geben? Sie selbst musste die der Hüterin befreien und heil nach Hause geleiten. Ihre Seele konnte nicht bleiben.

Der Dämon lachte…

Dunkelheit umhüllte die Seelen der beiden Frauen fast gänzlich.

Malinalli schrie – wie auch die Hüterin im Schlaf…

Es war ein Schrei, der Ixchel in den Armen ihres Geliebten winden ließ.

Er hingegen hörte nichts. „Das bildest du dir ein“, flüsterte er ihr zu, hielt sie fest, versuchte sie zu trösten, zu beruhigen… zu beschützen.

Nur drei Fragen

Als Malinalli bei Tageslicht in ihrem Haus aufwachte, war ihr zuvor graues Haar weiß geworden. Sie brauchte Wochen, um sich von den restlichen Schatten in ihr zu befreien. Als sie endlich wieder zum Zocalo laufen konnte, das Licht zwischen den Blättern von Yaxchilan einatmete, entdeckte sie diese Zypresse – kleiner damals noch – mitten am Platz. Unter ihr hockte die Hüterin der Gärten. Abgemagert, aber mit klarem Blick. Eine Hand am Stamm.

„War das Chaaks Preis?“, fragte Malinalli.

Die Hüterin der Gärten nickte.

„Ein starker Baum“, antwortete sie, „die Liane lässt sie wohl nicht gehen.“

Leicht strich sie über die Rinde des Baums.

„Sie werden Kraft brauchen“, sagte sie, „alle beide.“

Die Hüterin der Gärten wusste, was sie zu tun hatte… und fasste an die beiden Pflanzenherzen.

Von da an kamen abends die Töchter der Stadt, ausnahmslos alle mit ihren Galanen. Die Paare hockten unter der Zypresse, lauschten dem Rauschen der Blätter. Drei Fragen können die Mädchen in ihren Herzen hören, drei Fragen, die der Baum ihnen stellt:

  • Ist dein Geliebter der Gabe Freund oder Feind?
  • Lacht er gemeinsam mit dir und deinen Freunden?
  • Lässt er dich ziehen, wenn du musst?

Und die Liane wiegt sich im Takt der Antworten, hört die selben unruhigen Fragen in den Herzen der Männer.

  • Ist meine Geliebte der Gabe Freund oder Feind?
  • Lacht sie gemeinsam mit mir und meinen Freunden?
  • Lässt sie mich ziehen, wenn ich muss?

Zypresse wie Liane lauschen und wissen deshalb, welches Paar eine gemeinsame Zukunft hat. Aus deren Liebe ziehen Ixchel und ihr Geliebter nämlich bis heute ihre Kraft.

©SComm Intercultural
Frida Kahlo
Nebiga

Frida Kahlo (1907 – 1957)

* am 6. Juli 1907 im Casa Azul.

25. September 1925: Sie hat einen schweren Unfall, dem neben langen Perioden in einem Gipskorsett, auch 36 Operationen folgen.

1926 beginnt sie zu malen.

1929 Heirat mit Diego Rivera, Revolutionsmaler und Generalsekretär der Kommunistischen Partei Mexikos.

1930-33: Aufenthalt in den USA

Nach der Rückkehr lebte das Paar in San Angel, in der Nähe von Coyoacan.

1937 kam Leo Trotzki und wohnte für fast zwei Jahre mit seiner Frau im Casa Azul

1938 erste Einzelausstellung Kahlos in New York.

1939 Ausstellung in Paris und Scheidung von Rivera

Kahlo zieht allein in ihr Elternhaus, la Casa Azul, zurück

1940 neuerliche Heirat mit Rivera. Der Muralist zieht zu Kahlo und baut ihr einen eigenen, abgetrennten Wohn- und Arbeitsbereich.

Mitte der 40er Jahre verschlechtert sich Kahlos Gesundheitszustand. Es folgen mehrere Rückenoperationen. Ab 1951 braucht sie einen Rollstuhl, 1953 wird ihr rechtes Bein bis zum Knie amputiert.

Im gleichen Jahr findet die einzige Ausstellung ihrer Bilder in Mexiko statt.

Im Sommer 1957 stirbt sie an den Folgen einer Lungenentzündung.

Kahlos Werk umfasst in etwa 200 Bilder, davon sind ein Drittel Selbstporträts.

Sie ist heute die bekannteste mexikanische Malerin. Im Frühling 2000 erzielte eines ihrer Selbstporträts bei Sotheby’s/New York fünf Millionen Dollar.

 

Fotos von Frida Kahlo: © 2010 Banco de México, Diego Rivera & Frida Kahlo Museum Trust, México/ courtesy Schirmer/Mosel
Publikation “Frida Kahlo – Ihre Photographien“, 2010 im Verlag Schirmer/Mosel erschienen, nur noch antiquarisch erhältlich.
Texte von Carlos Phillips, Hilda Trujillo Soto, Pablo Ortiz Monasterio, Masayo Nonaka, Gaby Franger, Rainer Huhle, Laura Gonzáles Flores, Mauricio Ortiz, James Oles, Horacio Fernandez und Gerardo Estrada. Format: 17 x 24 cm, 580 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag 401 teils farbige Abbildungen
Shiva und Parvati
Nebiga

Shiva und Parvati

Shiva saß auf dem Gipfel und meditierte. Während er sich von der Welt abwandte, wurde diese von Taraka terrorisiert. Der Dämon gierte danach, sich alle Lebewesen untertan zu machen. Gegenwehr erwies sich als zwecklos. Taraka wurde durch jedweden Widerstand nur noch stärker. Die sterblichen Götter suchten Brahma, den Gott der Schöpfung auf, der sich unter anderem diesen Dämon ausgedacht hatte. Brahma konnte oder wollte nicht helfen, je nachdem wie du es betrachten willst. „Aber gib uns wenigstens einen Hinweis, wie wir ihn besiegen können“, bettelten die sterblichen Götter. „So viel will ich euch verraten“, verkündete Brahma durchaus aufgeregt, denn er spürte, dass ihm ein Schauspiel bevorstand. „Der Sohn Shivas könnte ihn vernichten.“

Das Stöhnen der sterblichen Götter hallte durch alle drei Äonen. Die Lage war aussichtslos. Shiva hatte keinen Sohn; zudem war er gerade in sich selbst versunken, und Shivas Meditationen pflegten Epochen zu überdauern. Es war undenkbar, den höchsten aller Asketen dabei zu stören. Deprimiert nahmen die sterblichen Götter Abschied von Brahma. Das dauerte ihn, er sagte, Gäste soll man nicht mit leeren Händen ziehen lassen. Da horchten die Götter auf. „Es gibt eine,“ sagt Brahma, „die Shiva verführen kann. Sie heißt Parvati, ihr Vater ist Himvat, der König des Himalaja, ihre Mutter die noble Mena.“

Gott_KamaDie sterblichen Götter schmiedeten rasch ein Komplott der Verführung. Sie verbündeten sich mit Kama, der umgehend den Frühling heraufbeschwor. Er hatte so oft Lust gesät, hatte den Lauf der Gefühle so oft verändert, dass er sich seiner Unwiderstehlichkeit allzu sicher war. Als die jungfräuliche Parvati vor Shiva stand, zog Kama einen Pfeil aus seinem Köcher. Er legte mit der Ruhe eines Meisterschützen an. Parvati trat einen Schritt näher, ihre Hände zusammengelegt in einer Geste unschuldiger Reverenz, ihr Körper erwartungsvoll. Der Pfeil zischte aus dem Bogen und traf, wo er treffen sollte. Jeder andere wäre Parvati sofort verfallen, aber nicht Shiva.

drittes-auge-20140907Er schlug sein drittes Auge auf, das Stirnauge, und fixierte den ungläubigen Bogenschützen. Schneller als eine Erektion verfliegt, verwandelte sich Kama in einen Haufen Asche. Der Wind brauste auf und wehte die Aschepartikel davon. Sie gingen auf einem Rosenfeld nieder, vermischten sich mit dem Schweiß eines Bullen, wurden aufgeschnappt vom Schnabel eines Kuckucks. Parvati rannte davon. Sie sperrte sich in sich selbst ein. Es war, als habe der letzte Pfeil Kamas sie getroffen. Shiva ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Sie sprach seinen Namen vor sich hin. Sie begann regelmäßig zum Kailash hinaufzusteigen, wo er fastete und meditierte. Sie strich über seinen steinigen Körper, ohne ihn zu berühren. Sie dachte sich in ihn hinein. Sie begann zu ahnen, dass er ohne sie unvollständig war.

Eines Tages, als sie wieder einmal vor ihm stand und seinen Namen murmelte, versprach sie sich, ohne es zu merken, anstatt  „Shiva“ entfuhr ihr „Shivo ham“ – Ich bin Shiva. Er schlug seine Augen auf. Es war wieder Frühling. Das eingeschläferte Herz pochte los: DA Da TiReKiTa. Shiva sah die grünen Täler, er hörte das Zwitschern der Vögel, er roch Düfte, Düfte, die er noch nie zuvor gerochen hatte. Da Da TiReKiTa. Und auf allem lag ein Hauch jener Frau, die vor ihm stand und „Shivo ham“ intonierte. Drei Silben. Und aus der dritten, der zusätzlichen, entstand die erste Umarmung, die Jahrhunderte umfasste.

Später saß Parvati auf seinem linken Oberschenkel. Sie blickte zu ihm hinauf und fragte: „Wer bist du?“ Shiva antwortete: „Die ganze Welt wandelt sich, aber ich wandele mich nicht. Ich kann nicht kommen, denn ich war immer schon hier.“ „Und wer bin ich?“ „Du bist die Schöpferin von allem,“ sagte Shiva, „die Mutter aller Mütter. Nichts kann ohne dich existieren.“

Das stimmte Parvati traurig. „Was bleibt mir dann noch zu tun?“
„Du bist die einzige, die die Welt erzählen kann.“

Nach: Ilija Trojanow: An den inneren Ufern Indiens. Eine Reise entlang des Ganges.
Zu bestellen bei: Hanser Verlag