Der bösen Schwiegermutter das Wort
Nebiga

Aphrodite: Der bösen Schwiegermutter das Wort

„Böse“, schimpfen sie mich. Ich sei das Urbild der missgünstigen Schwiegermutter. Eifersüchtig auf die Jugend, neidisch auf die Schönheit einer Sterblichen.

ICH? Weil ein Mädchen namens Psyche den Menschen als betörend galt; diese es als neue Göttin ausriefen. Die Männer natürlich. Es hatte angeblich sogar welche gegeben, die Psyches Reinheit verherrlichten; ihr Blumen vor die Haustür streuten.

Reinheit… jaja

  • Was wissen Menschen denn? Nur, weil ihnen ein Schreiberling – wie hieß er noch gleich? Apuleius, dieser Lügenbeutel, seine Version der Geschichte aufschrieb. Dichter…  dass ich nicht lache!

Aber ihr glaubt lieber ihm, ihr Sterblichen. Ihm und seinen Nachfolgern. Sie machten mich zur Ursache von Psyches Leiden; pressten das Schicksal des Mädchens in ihr Weltbild; quetschten so lange, bis es passte. Apuleius war nicht dabei. Er hatte keine Ahnung, wovon er erzählte.

Die Menschen haben vergessen, wer ich bin, wer Cupido, wer Apollon. Ihr habt uns andere Namen gegeben: Venus, Amor, Apollo. Das Orakel von Delphi hat das seine beigetragen. Als  wüssten die Priester – gerade die! Sie wissen  nichts. Stümpern herum seit Apollo meine Seherinnen hatte umbringen lassen.

Als Schwiegermutter sage ich euch

Schönheit vergeht. Gerade bei den Sterblichen. Und was bleibt? Charakter. Nur der.

Wie sollte Psyche aber einen entwickeln, wenn sie sich den lieben langen Tag in ihrer Kammer die Augen ausweinte. Sie wünschte sich einen Geliebten; sehnte sich nach einem, der sie selbst und nicht ihre Schönheit liebte.

  • Ah geh…

Besser wäre gewesen, sie hätte sich die Augen nach einem ausgeweint, von dem sie glaubte, ihn selbst zu lieben. Das bildet!  Besonders den Charakter.

Sie hätte sich aufmachen sollen, um zu lernen, sich zu vertrauen. Dafür hätte sie tatsächlich einen Mann brauchen können: Einen, auf den sie warten musste, stundenlang, weil er sie vergessen; weil er den Kopf voll Arbeit; weil er andere Frauen getroffen hatte. Was immer. Hauptsache einen, der ihr zeigte, wie wichtig es ist, unabhängig zu sein und ihr eigenes Leben mit Freude zu füllen.

Dazu wollte ich ihr verhelfen: Ich wollte, dass sie sieht, wovor sie sich hüten muss: Wahllos irgendjemandem ihr Glück anzuvertrauen. Das aber konnte sie nur durch einen Menschen erfahren, von dem sie glaubte, ihn zu lieben. Genau zu einem solchen sollte ihr mein Sohn verhelfen…

Was aber tat Amor?

Er verliebte sich selbst in sie. Er, ein Gott. Kein Sterblicher, kein Mann, mein Sohn. Dann wollte er sie gleich auch noch besitzen. Ohne ihre Zustimmung entführte er sie. Er war ja verliebt.

  • Als ob das irgendetwas entschuldigen würde!

Psyche lernte zu lieben… ja, doch, was blieb ihr Anderes übrig? Amor versteht – so sagen alle – etwas davon, eine Frau die Nächte genießen zu lassen. Was diese Liebe bedeuten würde, das konnten beide nicht vorhersehen.

  • Naja, ein Techtelmechtel, dachte ich. Soll er seinen Spaß haben.

Das ging solange gut, bis Psyche Amor ins Gesicht sah. Ihn erkannte.

Das mögen wir Götter nicht.

Wohin floh Amor vor ihrem Blick? Zu Muttern. Aber nicht, dass er mir etwas erzählt hätte.

  • Ein Tropfen Kerzenwachs habe ihn verletzt. Also bitte! Eine schwächere Ausrede hätte selbst ihm nicht mehr einfallen können.

Psyche war geschickter

Sie ahnte, dass ihr bei Liebeskummer nur eine Frau helfen konnte. Am besten eine erfahrene. Und wer hat mehr Erfahrung als ich, die Göttin der Liebe. Möglicherweise Schwiegermutter in spe.

Sie liebe Amor, sagte sie, wolle ihn, wie er war.

Hier war er, der Keim der Charakterbildung. Ich war entschlossen, ihn zu nähren: Psyche sollte sich selbst vertrauen lernen.

Amor brauchte eine Göttin als Partnerin; eine Unsterbliche, die ihm Grenzen setzen konnte. Eine, die mit ihrer Ewigkeit auch ohne ihn etwas anzufangen wusste. Und nicht eine sterbliche Seele, deren Schönheit durch vergebliches Warten vergehen würde. Die ohne Freude dahinsiechen und letztendlich sterben würde.

  • Das war Psyche natürlich noch nicht klar, aber sie murrte nicht.

Drei Aufgaben stellte ich – nicht mehr

Drei, nicht vier, wie mir der Apuleius später unterstellte und mich damit zur bösen Schwiegermutter stempelte:

  1. Psyche sollte binnen Tagesfrist einen Berg aus Gerste, Mohn, Hirse, Weizen und Erbsen verlesen. Sie holte Hilfe – das kluge Kind. Sie rief die Ameisen, die ihre Aufgabe erledigten. Korn und Samen nach Sorte getrennt auf Häufchen stapelten.
  2. Dann sollte sie eine Locke der Schafe vom goldenen Vlies besorgen. Dazu verhalf ihr der Fluss. Sie selbst betörte ihn mit ihrer Klug- und ihrer Schönheit.
  3. Was ich zu dem Tropfen aus der Quelle sagen möchte: Wenn selbst Götter vor dem Drachen zurückschreckten, der diese Quelle bewachte… wie sehr wäre Psyche geachtet worden, hätte das Mädchen zum rechten Zeitpunkt begriffen. Ach, hätte sie bloß Apollos Behauptung, ihr geholfen zu haben, von Anfang an zurückgewiesen! Denn geholfen hat er wahrlich nicht! Der Gott der Dichtkunst rührte nicht einen Finger. Psyche überlistete den Drachen selbst. Sie allein bat den Adler des Zeus, ihr zu helfen. Und der Adler half.

FreiheitDoch das Mädchen konnte ihre eigene Leistung nicht erkennen. Zu unerfahren mit göttlichem Werk! Und schon nutzten andere ihre Zweifel, ihre mangelndes Selbstvertrauen.

  • Apollo, sagten sie, hätte ihr geholfen. Ja klar, ausgerechnet…

Als könnte der Gott der schönen Worte der Natur befehlen? Hah – diese Macht hat er nicht und wird er auch nicht bekommen, ewig nicht.  Er kann die Natur besingen, gern. Aber mehr ist nicht! Da nützt es ihm auch nicht, das Orakel von Delphi erobert und meine Priesterinnen getötet zu haben. Da können die Usurpatoren – seine Priester – erzählen, was sie wollen. Tatsache ist: Die Herrscherin der Natur bin und bleibe ich. Weiblich. Ich, Psyches Schwiegermutter.

Die vierte Aufgabe

Die vierte Aufgabe war in Wahrheit überhaupt keine Aufgabe. Die Büchse mit Proserpinas Schönheit sollte nicht für mich sein. Was sollte ich mit der Schönheit aus der Unterwelt? Ich bin ja schon die Göttin des kleinen Todes!

Die Büchse war kein von mir als Schwiegermutter geplanter Verrat; ein Quentchen dieser Schönheit hätte Psyche unsterblich gemacht.

  • Ach, hätte das Mädchen ihre Neugier nur eine kleine Weile bezähmen können!

Gerade so lange bis es wieder an der Oberwelt gelandet wäre. Ja, dann hätte Psyche ihre Göttlichkeit aus eigener Kraft geschafft. Leider war Diskretion nicht gerade ihre starke Seite.

  • Ein Blick nur  – schon wandelte sich ihr Schicksal.

Psyche versank in todesähnlichen Schlaf

Kaum glaubte mein Sohn, seine Geliebte auf ewig verloren, flehte er mich an. Bettelte, bat und schmeichelte. Amor besitzt die Macht nicht, Leben zu schenken. Da braucht der Liebesstifter schon Muttern dazu.

Dann machte ich einen Fehler. Diesen Schritt bereue ich bis heute! Oh, und wie ich ihn bereue… Ich erweckte das Mädchen, ohne dass ich selbst vor ihr erschien.

  • Ja, ja… ich war zu faul, ich gebe es zu. Ich war Amors Gebettel leid. Um keinen Preis wollte ich reisen – schon gar nicht an so einen ungastlichen Ort.

Ich ahnte ja nicht, wie hoch der Preis sein würde! Amor redete seiner Geliebten ein, als sie aufwachte, sie verdanke ihm und Apollo alles. Sie beide hätten Psyche gerettet. Das I-Tüpfelchen setzte Göttervater Zeus. Er machte das Mädchen zur Göttin von seinen Gnaden. Dann verheiratete er es auch noch mit meinem Sohn.

Psyche konnte nicht mehr aus freien Stücken wählen. Sie war von „Rettern“ umgeben. In der Unterwelt hatte sie vergessen; vergessen, was sie geleistet, wofür sie gekämpft und gestritten hatte. Für ihre Göttlichkeit, ihre Freiheit, ihre Lebenslust.

Psyche erduldet , weil sie sich abhängig glaubt. Heute werkt sie in Amors Haus, gebiert ihm seine Kinder. Kocht, putzt, wäscht und wartet –  wartet Stunde um Stunde: mit dem Essen, mit dem Schlafen oder darauf, dass er sie in die Stadt mitnimmt. Sie vergeudet ihr Leben.

Manchmal findet sie Arbeit, aber übt sie nur solange aus, solange Amors Bequemlichkeit nicht leiden muss. Ohne Hidschab geht sie nie aus dem Haus. Ihre Schönheit, sagt sie, hebe sie auf – für meinen Sohn. Sie sei ihm so dankbar… dass er sie genommen, sie gerettet hat.

  • Als Schwiegermutter möchte ich sie schütteln. Leb‘ doch, lebe!

Amor hat mittlerweile beides satt: Psyches Schönheit und ihre Abhängigkeit. Wie ich höre, vergnügt er sich in der Stadt. Er denkt über eine zweite Frau nach, sagt er. Eine, die ihn herausfordere, ihr eigenes Leben lebe…

  • eine, halt, die Pfeffer hat.

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Hades: Verliebt in der Unterwelt

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Hades und Persephone
Nebiga

Persephone: Eine Göttin setzt sich durch

Was bisher geschah: Hades offenbarte Persephone seine Gefühle auf die ihm eigene Weise. Die Göttin der Jugend und Frische reagierte anders, als der Gott es erhofft hatte. Ihr, so sagte sie, fehle das Sonnenlicht! Damit verbannte sie Hades in das gräuliche Zwischenreich der Verliebten: Er wollte seine Angebetete bei sich haben; gleichzeitig wusste er, dass er seiner Göttin Licht nicht bieten konnte. Hades pendelte zwischen „Himmelhoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt“; zwischen Festhalten und Verlieren.

Oben in der Welt lief derweilen die Zeit hurtig weiter: Persephones Mutter Demeter – Göttin der Fruchtbarkeit und des Ackerbaus – trauerte in ihrem Garten. Sie sorgte sich, wie es ihrem Kind im Totenreich erging; wütete, weil die Götter ihr nicht halfen, Persephone zürückzuholen. Diesen Gefühlen waren die Felder der Menschen ausgeliefert:  Es gab Tage, da ertranken die Triebe in Demeters Tränen. An anderen versengte die Hitze ihrer Wut die Saat.

Hunger breitete sich aus. Die Menschen opferten, flehten die Göttin an. Demeter aber hatte kein Erbarmen. Schließlich pilgerten die Menschen zu Zeus, um seine Hilfe zu erbitten.

Hoher Besuch in der Unterwelt

Der Göttervater seufzte. Ihm blieb nichts anderes mehr übrig: Er musste seinen Bruder Hades in der Unterwelt besuchen und Persephone zurückfordern. Der Herr der Unterwelt war jedoch ganz und gar nicht in der Stimmung, Befehle entgegenzunehmen. Schon gar nicht von seinem Bruder!

  • Sie bleibt!

grollte er.

  • Persephone ist meine Königin!

Zeus widersprach, verwies auf seine Macht. Die Brüder verhandelten hart. So hart, wie es eben nur Brüder können. Wenn Götter aber streiten, brodelt die Lava unter den Seen und der Boden bebt. Die Erschütterung breitete sich in Wellen aus, wogte bis zum Granatapfelbaum und darüber hinaus. Persephone fühlte das Beben unter ihren Füßen, als sie einen Apfel pflückte. Sofort lief sie los, um vermitteln. Sie wusste: Den Hades konnte nur einer dermaßen erschüttern – Zeus. Kurz bevor sie die Brüder erreichte, hörte sie ihren Geliebten schon – grollend, resigniert:

  • Stimmt, sie vermisst das Sonnenlicht…
  • Was hast du erwartet?

fragte Zeus.

  • Sie würde sich gewöhnen, dachte ich.
  • Hach…
  • Gut. Ich lasse sie gehen, vorausgesetzt sie will.
  • Ganz egal, was sie will! Sie braucht das Licht…
  • Gib mir Zeit, mich zu verabschieden! Das kannst du nicht verwehren…
  • Eine Nacht noch. Dann schicke ich den Götterboten, sie zu holen.

Persephone entscheidet sich

Eilig verließ Zeus die unwirtliche Stätte, ohne Hades noch eines Blickes zu würdigen. Ihn, dem erst nach und nach aufging, was er versprochen  hatte: Er würde Persephone verlieren; sie nie wieder sehen; ihr Lachen nicht mehr hören… die Dunkelheit seines Reiches breitete sich in ihm aus; Schatten umfingen sein Herz.

Er lauschte in die Stille. Diesmal genoß er sie nicht; sie drohte ihm.Persephones Stimme zerriß sie – diesmal noch:

  • Du, ich…

Hades wandte sich der Geliebten zu.

  • Zeus war hier.

seufzte er.

  • Ich weiß!

sagte Persephone. Sie brach den Granatapfel in ihren Händen auseinander und trat näher. Mit jedem Schritt steckte sie einen Kern in den Mund. Vier Schritte machte sie, dann war sie bei ihm.

  • Du darfst doch in meinem Reich nichts essen!

Persephone legte einen Finger an Hades Lippen.

  • Schschsch

Was blieb dem Gott anderes? Er schloß sie in die Arme.

Mit ihrem Ungehorsam und vier Granatapelkernen zwang Persephone die Götter, ihr Licht und Schatten zu gönnen. Wer in der Unterwelt aß, musste dahin zurück – so wollte es das Gesetz.

  • Vier Kerne – vier Monde in jedem Jahr,

bestimmte Zeus. Womit die erste Fernbeziehung begann…

Wie’s in Familien aber so geht, nimmt Demeter dieses Arrangement bis heute übel. Jedes Mal, wenn Persephone zu ihrem „rücksichtslosen Gatten“ in die Unterwelt geht, schmollt sie. Eine tote Zeit kriecht über die Erde. Sobald ihre Tochter wieder zu ihr zurückkehrt, ist aber alles vergessen – auf den Feldern beginnt es zu blühen und gedeihen.

So kamen die Jahreszeiten auf die Welt.

Advent, Advent – ein Lichtlein brennt! Erst eins, dann zwei, dann drei,

jetzt vier!

Frohes Fest!!! 🙂

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Granatapfel
Nebiga

Hades: Verliebt in der Unterwelt

Was bisher geschah: Hades. der Herr der Unterwelt überredete die junge Göttin Persephone, ihn  in sein Reich zu begleiten. Sein Trick? Er versprach ihr Wissen über die Schatten und die Dunkelheit. Außerdem versicherte er, sie würde zum Abendbrot zurück sein, vorausgesetzt natürlich sie würde in seinem Reich nichts essen. Was er verschwieg? Die Unterwelt kannte weder Tag noch Nacht – Zeit ist im Dunkeln ein dehnbares Gut.

Aber was machte das schon? Unter Göttern spielt es doch keine Rolle, ob man zum Abendbrot desselben Tages oder Monate später zurück kam. Was würde Persephone schon verpassen? Sie schien außerdem nicht an die Oberwelt zu denken. Die junge Göttin hielt mit ihm Schritt; ließ sich nur von ihm helfen, wenn sie sich an einem schmalen Grat entlang hanteln mussten, und fragte. Fragte viel.

Alles schien sie zu begeistern – und Hades erklärte es ihr: Dunkelheit und Schatten, Erdschichten und woran sie Granat-, Gold- und Diamantadern erkennen konnte; zeigte ihr unterirdische Seen und  Tropfsteinhöhlen. Er stellte ihr sogar Charon – den Fährmann – vor – griesgrämig wie er war. Die Göttin Charon, Fährmann der Unterwelt der Jugend brachte selbst diesen zum Lächeln. Sie verbreitete Freude, wo immer sie auftauchte. Auch wenn die Schatten diese nicht spüren konnten – Hades erfüllte sie.

Das unterirdische Reich wuchs dem Gott noch stärker ans Herz – und er genoß Persephones Nähe. Sobald Hades bemerkte, dass seine Angebetete im Dunkeln fror, legte er den Arm um ihre Schultern. Sie aber tauchte unter diesem durch, lief vor und deutet auf eine Gesteinsader:

  • Granat nicht?

fragte sie. Ein anderes Mal forderte sie Hades heraus: Kletterte über schroffe Felsen, zwängte sich durch Tunnel und rief, er solle schneller machen. Dann wieder schmiegte sie sich an – schlüpfte jedoch weg, sobald sie etwas entdeckte, das sie noch nicht kannte.

Der Gott wusste nie, was kam. Es machte ihn… wahnsinnig!

Hades braucht Rat.

Den Fährmann um Rat zu fragen, wäre Hades früher niemals in den Sinn gekommen, aber  jetzt musste er sich eingestehen: Er brauchte Rat und es gab in der Unterwelt niemanden sonst, dem er sich anvertrauen wollte. So rief der Gott Charon in einem ruhigen Augenblick zu sich.

  • Sag mir, was fühlt Persephone für mich?

fragte er – geradeheraus wie er es seinen Leuten gegenüber gewohnt war. Charon schaute verdutzt und brummte:

  • Herr, wie soll ich das Herz einer Göttin kennen?
  • Wie kann ich es herausfinden? Was kann ich tun?
  • Fragt sie. Nur Persephone selbst weiß, ob sie Euch mag, Herr!

Einen solchen Rat zu befolgen, kostet Überwindung – besonders einem Gott. Hades erwog das Für und Wieder – mehrmals und länger als üblich! Schließlich machte er sich auf, seiner Angebeteten seine Gefühle zu offenbaren. Es war an der Zeit, fand er.

Ein Baum in der Unterwelt

Er entdeckte Persephone vor einer Felswand. Sie zeichnete mit einem Stück Kohle, folgte der Struktur einer Granatader und zeichnete Äste, Blätter, Früchte. Die Göttin war so vertieft, dass sie nicht bemerkte, wie Hades näher trat. Er räusperte sich.

  • Siehst du, welch schöne Äpfel diese Granate wären,

sagte Persephone, ohne sich umzudrehen. Hades kämpfte mit sich: Wie sollte er sich einem Rücken erklären? Die Göttin deutete auf ihr Wandbild:

  • Hier sind die Blätter; Schatten lassen sie leben… Dort die Früchte! Es wird ein Baum, denke ich.

Endlich wandte sie sich um – und Hades blieb der Atem weg. Ihre Augen leuchteten, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. Feuer brannte in ihnen, Leidenschaft. Sie hatte gemalt, funkelte  vor Leben. Wie konnte er dagegen an?

Wie sollte er sich erklären?

GranatapfelDoch Götter haben Ideen, auf die Sterblichen nie und nimmer kommen würden. Dem Herrn der Unterwelt kostete es einen Wink – und aus der Felswand brach ein Baum. Die Zeichnung erwachte zum Leben: Stamm, Äste und Zweige entstanden aus den Kohlestrichen, Früchte aus dem Granat:

  • Hast du ihn dir so vorgestellt?

fragte er. Persephone blickte ihn bewundernd an.

  • Dass du das kannst!

rief sie. Für diesen Blick würde er die Unterwelt in einen Garten verwandeln! Aber er sah ihren Augen an, dass es nicht nötig war. Persephone hatte verstanden. Das Schweigen wurde ihm lang:

  • Und?

bohrte er. Die Maid betrachtete ihre Hände, wischte die Kohle an ihrem Kleid ab.

  • Wie hast du dir das gedacht?

sagte sie plötzlich.

  • Wie soll der Baum hier unten überleben? Er braucht Wasser, Erde – Sonnenlicht.

Advent, Advent – ein Lichtlein brennt! Erst eins, dann zwei, dann drei…

Geduld! Wie’s weiter geht, erfährst du am am vierten Adventsonntag!

Schau‘ dann wieder rein! Ich freu‘ mich auf dich 🙂

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Was auf der Suche nach Herberge niemand erwähnt

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Hades am Eingang seines Reiches
Nebiga

Gott Hades sucht die Frau fürs Leben

Zeus, der Göttervater der Griechen, teilte die Welt unter sich und seinen Brüdern auf. Damit es gerecht zugehe, ließ er das Los entscheiden, welchen Teil wer bekommen sollte. Sein ältester Bruder, Hades, zog die Unterwelt. Andere wären mit diesem Los unglücklich gewesen. Sie hätten sich sogar beschwert, Gott Hades aber war zufrieden. Ihm sollte nun ein gigantischen Reich gehören – ein unterirdisches zwar, jedoch eines von besonderer Schönheit, durchschimmert vom Zauber der Dunkelheit.

Der Gott zog sich sofort auf seine neuen Ländereien zurück; machte sich mit ihnen, ihren Grenzen und den Bewohnern vertraut und regierte. Er nahm seine Pflichten ernst: Den Seelen der Verstorbenen ein Zuhause zu geben, war eine davon. Streit zu schlichten, eine andere. Außerdem galt es, die Schätze der Erde zu beschützen und über die wenigen Zugänge in sein Reich zu wachen. Nicht jeder durfte in die Gefilde der unteren Welt: Nur Seelenschatten und Träume. Über sie herrschte er:

Gerecht, sagten die Griechen, nannten den Gott aber auch den Unbeugsamen, den Furchtbaren.

Wenn es seine Pflichten erlaubten, streifte Hades durch die Lande; an den Felsufern der Seen entlang; zwängte sich durch Kalk-Passagen, über Schluchten in Tropfsteinhöhlen, die wie Paläste hochragten. Wände schimmerten, durchzogen von Granat-, Kohle- oder Gneisadern; Diamanten funkelten. Es gab so viel zu entdecken! In den Gewölben der Höhlen hielt der Gott an, atmete tief ein; ließ den Geruch durch seine Nase strömen – den nach Moder, Erde und Stein. Er genoß die Weite; lauschte in die Ruhe seines Reiches.

Doch manchmal sang diese in seinem Kopf – und er erinnerte sich: An die Freude… das Licht und die Farben der Oberwelt. In einem solchen Augenblick wünschte sich Hades eine Frau.

Eine Göttin sollte es sein

Dann wusste er, es war an der Zeit, seinen Bruder zu besuchen. Vom Himmel aus ließen sich die Frauen der Welt besser begutachten und Zeus war nie abgeneigt, einen Blick zu riskieren: Die Brüder lugten dann auf die Erde hinunter.

Vom Himmel herab

  • Was sagst du zu der?
  • Zu blond.
  • Und die?
  • Was soll ich mit einer Nymphe?
  • Hmmm, aber die. Die wär‘ doch was? Sieh‘ dir bloß diesen Hintern an! Was meinst?
  • Eine Sterbliche? ZEUS, sie soll meine Königin werden!
  • Na, wenn du nicht… Ich wäre nicht ab… ohh… sie bückt sich…

Wenn er bloß einmal bei der Sache bleiben könnte! Hades fuhr seinem Bruder an:

  • Zeig‘ mir nur die Göttinnen, die noch keinen Gatten haben!

Doch so einfach, wie der Gott es sich vorgestellt hatte, war es nicht: Selbst als er eine fand, die ihm gefiel und die sich nicht vor einem näheren Kennenlernen sträubte, gab es eine Hürde, die keine nahm: Keine wollte mit ihm in die Unterwelt, geschweige denn dort bleiben.

Hades kehrte allein zurück in sein Reich; machte weiter wie bisher: Herrschte, schlichtete, wachte, streifte umher – und lauschte der Stille.

Bis eines Tages… Lachen seine Ruhe störte. Es perlte an sein Ohr und riss ihn aus den Gedanken. Nach dem Lachen hörte er eine Stimme:

  • Lasst mich! Ich klettere da jetzt hoch! Da oben war ich noch nie!
  • Ach was, ihr redet ja wie Mutter…
  •  Ohhh – dieser Blick – und erst das Licht! Wartet nicht auf mich, hier male ich!

Natürlich musste Hades nachsehen, was los war. Jemand befand sich an der Grenze SEINES Reiches – und es dürfte sich um keine Seele handeln. Genau dort, wo das Dunkel der Unterwelt auf das Licht der Oberwelt traf, spähte er aus der Höhle nach draußen. Er blinzelte; es dauerte eine Weile bis sich seine Augen an das Licht gewöhnten.

Da sah er sie zum ersten Mal: Persephone, die göttliche Maid.

Und was Hades sah!

Persephone war die Jugend, die Frische selbst. Sie war der Wind, der zart durch die Haare streift oder das Morgenrot, das die Dämmerung vertreibt. Alle Menschen, ja sogar die Götter, waren in sie verliebt; ein bisschen jedenfalls: so ähnlich wie in den Anfang eines Abenteuers; wie in den Funken einer Idee.

Dieses göttliche Wesen saß nun vor ihm auf einem Felsen, ein Blatt auf dem Schoß und malte. Er konnte sich nicht satt sehen. Alles war ein Fest für seine Augen: Die Farbkleckse auf ihrem Kleid genauso wie ihr zerwuscheltes Haar und die bloßen Füße.

Diese Göttin war für ihn gemacht. Endlich hatte er sie gefunden!

Er musste handeln, aber wusste so schnell nicht, wie. Glücklicherweise kommt auch Göttern hin und wieder der Zufall zu Hilfe: Diesmal in Form von Donnergrollen.

Persephone war so vertieft in ihre Malerei, dass sie es nicht zu bemerken schien. Es blitzte. Ihre Begleiterinnen riefen von fern. Doch erst als der Regen auf das Blatt tropfte, sah Hades sie aufspringen. Das Blatt an ihre Brust gepresst blickte sie sich um; näherte sich dem Busch vor der  Felsspalte, hinter der  er lauerte. Ihr Ellenbogen berührte den Strauch.

Da griff Gott Hades zu.

Advent, Advent – ein Lichtlein brennt! Erst eins…

Geduld! Wie’s weiter geht, erfährst du am zweiten Adventsonntag 😉

Schaut rein! Ich freu‘ mich auf euch 🙂

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3. Kerze – Verliebt in der Unterwelt

4. Fenster: Barbara, die sich weigert

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Liebeskummer so still
Leo Nerdette

So still kann Liebeskummer sein

Eine Geschichte über Liebeskummer? Ist das erzählenswert? Die Zeit heilt ja alle Wunden und der Wald ist bekanntlich voller Bäume… Wenn Familie und Freunde raten, sind solche Sätze leicht gesagt.

Doch es gibt Liebeskummer, der klebt an der Seele wie Kaugummi. Er zieht Fäden, selbst wenn der Grund dafür schon lange vergangen ist.

Der Zug teilt die Dämmerung

Er steht mitten in der verschneiten Landschaft. Leichte Schneeflocken umwirbeln ihn: Sie bleiben nicht am Boden haften.

Zoom –  die Kamera zieht die beleuchteten Fenster näher. Wir sehen hinein: Reisende schlafen, lesen, wischen eine Seite nach der anderen in ihrem iPad.

Die Tochter schmiegt ihre türkis besockten Füße an die Oberschenkel der ihr gegenüber sitzenden Mutter. Halb verschwindet sie im blauen Überzug der Sitze, gemütlich gekuschelt, Quartettkarten in der Hand. Sie mustert diese aufmerksam, wobei sie leicht mit der Zungenspitze zwischen den Lippen hin und her wandert.

„Ich habe 2.480 Kubikzentimeter Hubraum“, sagt die Mutter und blickt auf die oberste Karte ihres Stapels.

Sie schickt einen auffordernden Blick hinüber zu ihrem Kind; ihre linke Augenbraue hebt sich kurz; die rechte Hand streckt sie fordernd aus.

„Gemein“, hört sie aus der gegenüberliegenden Ecke, grinst zufrieden und packt das Kartenpärchen, das sie gewonnen hat, zur Seite auf den kleinen Tisch unter dem Fenster.

Mit einem Blick auf die nächste Karte ruft sie: „24.600 Euro Neupreis!“

„Hah“, kontert die Tochter, „58.650 Euro. Die gehört mir!“

Jetzt winkt das Kind erwartend, nimmt die Karte entgegen und legt sie gemeinsam mit ihrer auch auf einen Stapel neben sich. Verglichen mit dem ihrer Mutter ist dieser höher.

PING

Die Mutter wendet den Kopf, kurz nur, kontrolliert jedoch gleich wieder ihre Karten.

PING

Zweimal hintereinander? Grund genug, die Karte mit dem Deckblatt nach oben auf den Tisch zu legen. Sie kramt im Leinenrucksack neben ihr. Ein Duft von Wurst und Käse zieht zu den mitreisenden Nachbarn.

Sie hangelt ein rosa Smartphone heraus, tippt auf das Display.

„Nina“, erklärt sie ihrem Kind und liest:

Liebeskummer!

Er versteht mich nicht.

Das Kind scheint sie nicht gehört zu haben:

„7,2 Sekunden Beschleunigung“, sagt es und stupst die Mutter mit ihren Zehen.

„Warte mal, ich muss antworten.“

Die beiden Daumen rasen übers Display:

Warum verstehen, sollte er dich nicht bloß lieben?

Schließlich legt sie das Smartphone auf den geöffneten Rucksack, aber so, dass sie es im Blick behalten kann. Leicht streicht sie über die Zehen des Kindes und wendet sich wieder den Karten zu; wiegt den Kopf.

„Hmm, hast du meine Karte angeschaut?“, fragt sie misstrauisch.

„Natürlich nicht! Mach schon, Mama!“

„4,6 Sek…“

PING

Ich will doch nur…

Die Mutter schielt verstohlen zum Handy hinüber.

„Was ist jetzt wieder?“ stöhnt das Mädchen. „Mama!“

PING

…, dass er mich so liebt, wie ich ihn

„4, 6 Sekunden“, beendet die Mutter ihren Satz. Irgendwie lustlos. Sie schielt zum Smartphone. Abwesend reicht sie dem Kind die Karte, während sie das Gerät mit der anderen Hand hochhebt. Sie tippt:

😮

Wenn eine zu viel ist

„423 PS…“ – Stille – „Mama!“

Ungeduldig klopfen Zehen auf die Oberschenkel der Mutter, bis schließlich die Fußsohlen treten.

„Bin ja eh schon da!“

Die Mutter reißt ihre Augen vom Display los.

„Lass mich nachsehen…“, sagt sie, „ja, 226 PS!“

Die Tochter nimmt die Karte wieder entgegen, legt sie zur anderen und überlegt gerade, welche Eigenschaft sie nehmen soll…

PING

Das Kind verdreht die Augen.

Hey, nimm mich ernst, bitte. Ich bin ein Desaster!!!!!!

„Weißt du was?“, entscheidet die Mutter. „Wir machen Schluß. Sagen wir, du hast gewonnen! Dein Stapel ist sowieso höher.“

Entschlossen schiebt sie den Kartenstapel vom Tisch unter denjenigen in ihrer Hand und stopft alles in die Plastikschachtel des Quartetts.

„Och“, murmelt das Kind noch – ungehört.

Was ist passiert?

Er trifft seine Kumpels.

Ja und? – Oh, ich verstehe. Er hat ein Leben.

Aber eines ohne mich!!!!

Langsam zieht das Mädchen die türkis besockten Füße zurück. Es setzt sich gerade.

Ein leichter Geruch von Zimt und Vanille weht zur gegenüberliegenden Seite, von Omas Keksen von heute morgen. Die Mutter merkt nichts, ist vertieft in ihr Gespräch.

Als der Zug endlich doch noch anfährt, fischt das Kind sein Smartphone aus der Hosentasche.  Lustlos sucht es ein anderes Spiel.

Apps gibt es ja genug.

Tipp für den 5. Dezember

adventAm  heutigen Feierabend – bei Kerzenlicht, mit Glühwein und Keksen:

Vergiß dein Handy einfach! Irgendwo…

Stell es aber vorher noch stumm! 😉

Auch andere Geräte kommen heute am besten nicht mehr zum Einsatz.

  • Wer Kinder und/oder Freunde zu Besuch hat , könnte die Lücke mit einem Tischspiel füllen. Vielleicht packt ihr sogar das Lieblingsspiel aus! Wann hast du das letzte Mal Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt – Halma oder Mühle?
  • Du sitzt heute allein auf dem Sofa? Macht nix, nimm Stift und Papier und zeichne, wem du aller was schenken möchtest. Musik hören ist erlaubt, ohne Kopfhörer!

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3. Fenster: Als der dumme Kaufmann wettete

2. Fenster: Kunde vom Goldmund Erzählfest

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Der dumme Kaufmann wettet
Nebiga

Als der dumme Kaufmann wettete

Es lebte einmal ein dummer Kaufmann in Jaipur, Indien. Der war so dumm, dass ihm das Gold hinterherlaufen musste, damit es sich vermehren konnte.

Dieser Kaufmann beschloss eines Tages seine Frau heim zu holen. Geheiratet hatte er sie, als sie noch ein Kind war – vor sechs Jahren war das. Oder waren es acht? Es strengte ihn an, sich zu erinnern. Das Mädchen, das seine Frau war, lebte sowieso noch in Laslot bei ihrem Vater. Und das war bis jetzt gut gewesen… denn der Kaufmann konnte keine Änderungen vertragen und solche, die seinem Haushalt störten, schon gar nicht.

Aber nun war seine alte Amme gestorben. Die Frau, die alles von ihm gewusst, für ihn gesorgt und natürlich auch seine Dienerschaft dirigiert hatte. Plötzlich fand er, dass ihm die Gesellschaft seiner Frau doch gut tun würde – und es für sein Wohlbefinden unerlässlich sei, dass sie nach dem Rechten sähe.

So brach er auf und reiste nach Laslot.

Wie er seine Frau holte

Gib mir meine Frau! Ich will sie mit nach Hause nehmen, sprach er, kaum hatte er das Haus seines Schwiegervaters in Laslot betreten.

Sei doch nicht so ungeduldig. Setz dich, lass dich bewirten! Erzähl, wie ist es dir ergangen?

Keine Zeit, widersprach der dumme Kaufmann. Ich will nicht länger von zuhause weg bleiben als nötig. Zu erzählen habe ich nichts: Der Tag kommt, der Tag geht. Dazwischen passiert nicht viel.

Der Schwiegervater klatschte die Hände über dem Kopf zusammen. Der Kaufmann war sogar zu dumm zu erkennen, wann es Zeit war, höflich zu sein. Seufzend ließ er seine Tochter Namina holen.

Die ideale Frau für einen dummen Kaufmann

naminaNamina war zu einer hübschen jungen Frau heran gewachsen: Folgsam, tüchtig und nicht allzu klug.

Klüger zwar als es ihr Mann zu sein schien, fand der Vater, aber nicht so klug, um unfolgsam zu sein. Sie würde jedem eine gute Frau sein, auch für einen ganz anderen Mann als den dummen Kaufmann.

Und diese Frau hatte, kaum dass sie ihren Mann durch das Tor reiten sah, alles für die Abreise vorbereiten lassen. Ihre Kleider waren mittlerweile gepackt, Proviant aufgestockt und der Esel gesattelt. Namina war bereit, ihrem Mann nach Jaipur in ihr neues Heim zu folgen, als sie vor ihn trat.

Und das war gut so.

Ich hoffe, du bist fertig. Ich möchte keine Zeit verlieren.

So begrüßte sie ihr Mann. Namina ließ sich’s nicht verdrießen und nickte freundlich. Sie verabschiedete sich von ihrem Vater. Dem allerdings war das Herz schwer. Weniger davon, dass er ein Kind ziehen lassen musste, als davon, mit welchem Mann es davonzog.

Die beiden machten sich unverzüglich auf den Weg. Die Rückreise schien dem Kaufmann ein bisschen angenehmer als die Hinreise: Namina bereitete das Mahl, wenn sie lagerten; sang, wenn sie Wasser schöpfte; teilte bereitwillig ihr Lager mit ihm und schwieg, wenn er ob des beschwerlichen Wegs jammerte oder auch nur seine Ruhe wollte. Es war, als würde sie die Wünsche ihres Mannes spüren, als wüsste sie, was er wollte noch ehe er selbst selbiges wusste.

Mit ihr kann ich meine Tage verbringen! dachte der dumme Kaufmann bald und beglückwünschte sich zu seiner guten Wahl.

Man wird ja wohl noch wetten dürfen

Kurz vor seiner Heimatstadt lag das Dorf Kanota, das sie durchqueren mussten.  Dort saß am Rande eines Feldes ein Mann. Der schien auf sie gewartet zu haben, denn als sie an ihm vorbei wollten, sprach er den dummen Kaufmann an:

Wohin des Weges, edler Herr?

Was geht dich das an?

Ehrwürdiger, verzeiht, dass ich Euch angesprochen habe! Aber ich brauche Euren Rat.

Nun, es kam nicht oft vor, dass jemand den dummen Kaufmann um Rat fragte, und so ehrerbietig schon gar nicht. So neigte er huldig sein Haupt.

  • Sprich!
  • Was meint Ihr? Lebt in diesem Sanddornstrauch ein Hase?
  • Ein Hase? Ich sehe keinen.
  • So meint Ihr, da gibt es keinen?
  • Ja, wenn man keinen sehen kann, gibt es keinen.
  • Würdet Ihr darauf wetten?

Just in diesem Moment zupfte Namina am Ärmel des Kaufmanns. Er schüttelte sie ärgerlich ab.

  • Natürlich würde ich darauf wetten! Was man nicht sehen kann, gibt es nicht!
  • Gut, dann wetten wir. Läuft ein Hase aus dem Busch, wenn ich schüttle, bekomme ich deine Frau.

Und der dumme Kaufmann schlug ein. Er hatte ja recht – Was konnte ihm schon passieren?

Es kam aber wie es kommen musste. Der Mann schüttelte den Busch, ein Hase flitzte entsetzt heraus und der Kaufmann war seine Frau los.

Was war das Gejammere groß

Da musste er Namina nun mit diesem Fremden ziehen lassen.

  • Seine Namina, die ihm das schmackhafte Mahl bereitete.
  • Namina, die ihm Wasser schöpfte.
  • Seine Namina, die ihm mit ihrem Gesang unterhielt.
  • Namina, die das Lager mit ihm teilte.
  • Seine Namina, die ihm seine Wünsche von den Augen ablas.

Namina war nun verloren! Das Entsetzen des dummen Kaufmanns war groß und wurde größer, je länger er darüber nachdenken konnte und je weiter der Fremde mit seiner Frau von ihm entfernte.

Hilfe für den KaufmannUnd weil der dumme Kaufmann nicht wusste, was er jetzt tun sollte, folgte er den beiden. Während er so hinter ihnen jammernd durch das Dorf Kanota kam, hörte ihn eine kluge Alte. Was denn los sei, wollte sie wissen, weil er so jammerte. Da erzählte er von seinem Schicksal.

Wer erzählt, wird aber auch gehört: Die Leute im Dorf versammelten sich um den dummen Kaufmann und hörten gemeinsam mit der Alten zu.

Und weil der Fremde mit Namina am Dorfplatz eine kleine Rast machte, dauerte es nicht lange und die Leute holten die beiden, um ihre Version der Geschichte zu hören.

Ja, bestätigte der Fremde. Ja, der Kaufmann hat die Wette verloren! Der Hase ist aus dem Sanddorn gesprungen. Wir haben es alle drei gesehen.

Was redest du da für einen Unsinn, rief die kluge Alte. Mir gehört das Feld neben dem Busch. Im Sanddorn lebt, wie ich sehr gut weiß, kein Hase, nur eine Häsin. Ihr habt eine Häsin aufgeschreckt!

Da sah der Fremde seinen Wettgewinn entschwinden. Er schaute auf die Stirnen der Dorfbewohner, die sich runzelten und wusste, dass er verloren hatte. Beschämt ging er davon.

So bekam der dumme Kaufmann seine Namina zurück.

Und als Draufgabe zog die kluge Alte mit ihnen nach Jaipur.

Allein lassen – fand sie – konnte man diesen Kaufmann nicht!

Tipp für den 3. Dezember

Vorausgesetzt euch läuft das Gold nicht hinterher… ihr könntet es auch drucken. Oder reicht euch selbstgemachtes Weihnachtspapier?

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Yaxchilan: Stadt der grünen Steine
Nebiga

Yaxchilan: Stadt der grünen Steine

Yaxchilan: Habt ihr den Baum gesehen? Umschlungen von einer Liane steht er, blüht er, träumt er mitten in der Stadt. Der Stadt Yaxchilan –  Piedras Verdes – grüne Steine am Ufer des Flusses. Denn die Maya-Königsstadt Yaxchilan können Händler und Touristen nur mit dem Boot erreichen.

Am Zocalo, dem früheren Haupt-, Markt- und Tanzplatz, steht eine mexikanische Sumpfzypresse; die Wurzeln fest verankert und weit verzweigt breitet sie ihre Krone aus, wirft Schatten; sie bildet seit Jahrhunderten das Zentrum der Stadt. Die Zypresse hat überlebt, hat beobachtet, wie Häuser verfielen und die Pyramiden sich leerten; wie Moden die Touristen verändern. Sie lebt ewig, wie es scheint.

Ihre Blätter sind schimmernd grün, ihr Stamm stark, und die Äste beweglich. Sie ist ein mächtiger Baum, obwohl die Liane sie umschlingt, ihr Licht und Wasser stiehlt. Trotzdem lebt sie weiter, treibt Jahr für Jahr neue Blätter, streckt die Äste aus. Was treibt sie, was gibt ihr Kraft?

Cuenta la leyenda de Yaxchilan…

damals als die Stadt nicht nur von Affen bevölkert war; als die Menschen noch ihren Mais am Zocalo zerstießen, Tortillas zwischen Frauenhänden klatschten, Händler die Pulque – fermentierten Agavensaft – in den großen Tonschalen mit Holzschlögel schlugen; als Maler ihr Tlaloc-Blau selbst mischten, sie blutrot aus eisenhaltiger Erde und schwarz aus Lehm Wände bemalten; als die Mutter ihre Tochter schimpfte, weil sie vergessen hatte, dass sie mit ihren alten Spielkameraden nicht mehr zusammen sein durfte und der König hoch oben in der größten Pyramide der Stadt darauf wartete, dass seine Untertanen Stufe um Stufe – ungezählte Stufen – hochstiegen, um ihm Nachricht zu bringen oder etwas zu essen; als die Priester noch ihre Opfer unter den Menschen wählten und am Markt der Fisch aus dem Meer neben den Flußkrebsen lag; damals also lebte Ixchel, eine Tochter der Stadt.

Ungestüm war sie und furchtlos, ein Wirbelwind mit lautem Lachen. Trotzdem konnte sie still sitzen, wenn sie der Heilerin zuhörte. Schon im Alter von fünf Jahren faszinierten sie die Geschichten der weisen Curadera Malinalli. Die Geschichten von Wegen in jener Traumwelt der Seelen, von der Passage dorthin über die Höhle am Fluß.

Malinalli erzählte ihre bizarren Abenteuer, wie jede Heilerin sie ihren Nachfolgern erzählt, um  sie auf das Kommende vorzubereiten. Und so dauerte es auch gar nicht lange, da nahm die Alte das Mädchen mit; mit in jene Traumwelt, wo Hexer mit  Heilern um die Seelen der Menschen kämpften. Denn das Mädchen hatte die Gabe – ihre Unbekümmertheit und viel Mut. Beides half durch die dunkle Höhle der Traumwelt zu wandern, Malinalli zu begleiten und die bedrohten Seelen zu finden. Ixchel war gut darin, Dämonen in Gestalt wilder Tiere dazu zu zwingen,  Menschen von Yaxchilan ihre Seele zurückzugeben. Ja, ihre Gabe war wichtig für die Menschen der Stadt Yaxchilan.

Ixchel wuchs heran und die Quinceañera rückte immer näher – jenes Fest zum 15. Geburtstag, das allen Bewohnern der Stadt mitteilte, dass aus dem Mädchen eine heiratsfähige, junge Frau gewachsen war. Von überall her kamen Freunde, Familien, Krieger, Priester, Handwerker, die Mädchen und die alten Frauen. Beim Tanzen auf dem großen Platz gefiel Ixchel ein Galan, ein Krieger – stark, angesehen und sich seines Status bewusst. Sie gefiel auch ihm und so teilte sie bald ihre Zeit: Tagsüber wich sie dem Galan aus Angst, ihn sonst zu verlieren, nicht von der Seite; nachts schlich sie doch zu Malinalli. Sie dachte, dass wäre sie der Heilerin schuldig.

In Dunkelheit umfangene Seele

Es kam ein Tag, da stiegen die Priester herab, um Hilfe zu suchen: Die Hüterin der Gärten verliere ihre Seele, erzählten sie. Sie, die alle Terrassenfelder pflegte, den Maisstauden, den Bäumen voller Avocados, Limas und gelben Mangos, den Baumwollpflanzen Wasser und Stärke gab; sie also würde schwächer im nächtlichen Kampf, spräche wirr und Dunkelheit umgebe sie den ganzen Tag.

„Der Dämon muss mächtig sein“, sagten die Priester, „ein starker, dunkler Hexer hält der Hüterin Seele gefangen.“ Allen Schamanen würde er bisher widerstehen! In ihrer Verzweiflung und mit all der Angst von Yaxchilan wandten sie sich nun an Malinalli, weil Kunde ihrer Macht an das königliche Ohr gedrungen war.

So bereitete sich die Heilerin für die lange Nacht in der Traumwelt vor: Sie zündete die Kerzen an, den Weihrauch und den Holzscheit, salbte ihren Körper mit Öl ,damit die Geister sie nicht fassen konnten. Sie wartete auf Ixchel, doch die junge Frau wollte diesmal nicht mitgehen. Sie könne nicht weg von ihrem Liebsten, ihrem Galan:

  • „Warst du nicht den ganzen Tag mit ihm?“, fragte die Alte.
  • „Er möchte nicht, dass ich mit dir gehe. Es sei viel zu gefährlich, sagt er.“
  • Die Alte nickte, weise fragte sie: „Was willst du?“

Ixchel war gefangen in dem, was sie als Liebende glaubte, tun zu müssen: Den Geliebten zu gehorchen, weil sie fürchtete, ihn sonst zu verlieren.Nein, diesmal ging sie nicht mit.

Malinalli machte sich allein auf, folgte dem Pfad in die Höhle der Träume – einzig begleitet vom Schein der Kerzen.

Seelenhandel

Schon bald konnte die Alte den Seelenfänger durch die Weihrauchschwaden riechen. Ein Dämon, schwärzer als sie es jemals zuvor gefühlt hatte, hüllte sie ein. Er widerstand ihrem Licht gewitzter als der hinterlistigste Affenkönig, wütete stärker als ein Orkan. Er nährte sich von Malinallis wachsender Furcht, wuchs mit ihren Jahren und lachte sie aus, sobald eine Flamme des Lebens nach der anderen verlöschte. Immer tiefer zog er sie in seinen Studel, ihr Lebenslicht flackerte nur mehr schwach.

In ihrer Not rief Malinalli Chaac, Gott des Windes und des Regens – auf dass ER das Dunkle in alle Richtungen zerstreue. Chaac kam, der Gott, der noch niemals freiwillig den Menschen etwas gegeben hatte. Auch diesmal musste Malinalli mit ihm handeln – „Seele“, forderte er, „um Seele.“

Aber welche Seele konnte Malinalli ihm geben? Sie selbst musste die der Hüterin befreien und heil nach Hause geleiten. Ihre Seele konnte nicht bleiben.

Der Dämon lachte…

Dunkelheit umhüllte die Seelen der beiden Frauen fast gänzlich.

Malinalli schrie – wie auch die Hüterin im Schlaf…

Es war ein Schrei, der Ixchel in den Armen ihres Geliebten winden ließ.

Er hingegen hörte nichts. „Das bildest du dir ein“, flüsterte er ihr zu, hielt sie fest, versuchte sie zu trösten, zu beruhigen… zu beschützen.

Nur drei Fragen

Als Malinalli bei Tageslicht in ihrem Haus aufwachte, war ihr zuvor graues Haar weiß geworden. Sie brauchte Wochen, um sich von den restlichen Schatten in ihr zu befreien. Als sie endlich wieder zum Zocalo laufen konnte, das Licht zwischen den Blättern von Yaxchilan einatmete, entdeckte sie diese Zypresse – kleiner damals noch – mitten am Platz. Unter ihr hockte die Hüterin der Gärten. Abgemagert, aber mit klarem Blick. Eine Hand am Stamm.

„War das Chaaks Preis?“, fragte Malinalli.

Die Hüterin der Gärten nickte.

„Ein starker Baum“, antwortete sie, „die Liane lässt sie wohl nicht gehen.“

Leicht strich sie über die Rinde des Baums.

„Sie werden Kraft brauchen“, sagte sie, „alle beide.“

Die Hüterin der Gärten wusste, was sie zu tun hatte… und fasste an die beiden Pflanzenherzen.

Von da an kamen abends die Töchter der Stadt, ausnahmslos alle mit ihren Galanen. Die Paare hockten unter der Zypresse, lauschten dem Rauschen der Blätter. Drei Fragen können die Mädchen in ihren Herzen hören, drei Fragen, die der Baum ihnen stellt:

  • Ist dein Geliebter der Gabe Freund oder Feind?
  • Lacht er gemeinsam mit dir und deinen Freunden?
  • Lässt er dich ziehen, wenn du musst?

Und die Liane wiegt sich im Takt der Antworten, hört die selben unruhigen Fragen in den Herzen der Männer.

  • Ist meine Geliebte der Gabe Freund oder Feind?
  • Lacht sie gemeinsam mit mir und meinen Freunden?
  • Lässt sie mich ziehen, wenn ich muss?

Zypresse wie Liane lauschen und wissen deshalb, welches Paar eine gemeinsame Zukunft hat. Aus deren Liebe ziehen Ixchel und ihr Geliebter nämlich bis heute ihre Kraft.

©SComm Intercultural
Shiva und Parvati
Nebiga

Shiva und Parvati

Shiva saß auf dem Gipfel und meditierte. Während er sich von der Welt abwandte, wurde diese von Taraka terrorisiert. Der Dämon gierte danach, sich alle Lebewesen untertan zu machen. Gegenwehr erwies sich als zwecklos. Taraka wurde durch jedweden Widerstand nur noch stärker. Die sterblichen Götter suchten Brahma, den Gott der Schöpfung auf, der sich unter anderem diesen Dämon ausgedacht hatte. Brahma konnte oder wollte nicht helfen, je nachdem wie du es betrachten willst. „Aber gib uns wenigstens einen Hinweis, wie wir ihn besiegen können“, bettelten die sterblichen Götter. „So viel will ich euch verraten“, verkündete Brahma durchaus aufgeregt, denn er spürte, dass ihm ein Schauspiel bevorstand. „Der Sohn Shivas könnte ihn vernichten.“

Das Stöhnen der sterblichen Götter hallte durch alle drei Äonen. Die Lage war aussichtslos. Shiva hatte keinen Sohn; zudem war er gerade in sich selbst versunken, und Shivas Meditationen pflegten Epochen zu überdauern. Es war undenkbar, den höchsten aller Asketen dabei zu stören. Deprimiert nahmen die sterblichen Götter Abschied von Brahma. Das dauerte ihn, er sagte, Gäste soll man nicht mit leeren Händen ziehen lassen. Da horchten die Götter auf. „Es gibt eine,“ sagt Brahma, „die Shiva verführen kann. Sie heißt Parvati, ihr Vater ist Himvat, der König des Himalaja, ihre Mutter die noble Mena.“

Gott_KamaDie sterblichen Götter schmiedeten rasch ein Komplott der Verführung. Sie verbündeten sich mit Kama, der umgehend den Frühling heraufbeschwor. Er hatte so oft Lust gesät, hatte den Lauf der Gefühle so oft verändert, dass er sich seiner Unwiderstehlichkeit allzu sicher war. Als die jungfräuliche Parvati vor Shiva stand, zog Kama einen Pfeil aus seinem Köcher. Er legte mit der Ruhe eines Meisterschützen an. Parvati trat einen Schritt näher, ihre Hände zusammengelegt in einer Geste unschuldiger Reverenz, ihr Körper erwartungsvoll. Der Pfeil zischte aus dem Bogen und traf, wo er treffen sollte. Jeder andere wäre Parvati sofort verfallen, aber nicht Shiva.

drittes-auge-20140907Er schlug sein drittes Auge auf, das Stirnauge, und fixierte den ungläubigen Bogenschützen. Schneller als eine Erektion verfliegt, verwandelte sich Kama in einen Haufen Asche. Der Wind brauste auf und wehte die Aschepartikel davon. Sie gingen auf einem Rosenfeld nieder, vermischten sich mit dem Schweiß eines Bullen, wurden aufgeschnappt vom Schnabel eines Kuckucks. Parvati rannte davon. Sie sperrte sich in sich selbst ein. Es war, als habe der letzte Pfeil Kamas sie getroffen. Shiva ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Sie sprach seinen Namen vor sich hin. Sie begann regelmäßig zum Kailash hinaufzusteigen, wo er fastete und meditierte. Sie strich über seinen steinigen Körper, ohne ihn zu berühren. Sie dachte sich in ihn hinein. Sie begann zu ahnen, dass er ohne sie unvollständig war.

Eines Tages, als sie wieder einmal vor ihm stand und seinen Namen murmelte, versprach sie sich, ohne es zu merken, anstatt  „Shiva“ entfuhr ihr „Shivo ham“ – Ich bin Shiva. Er schlug seine Augen auf. Es war wieder Frühling. Das eingeschläferte Herz pochte los: DA Da TiReKiTa. Shiva sah die grünen Täler, er hörte das Zwitschern der Vögel, er roch Düfte, Düfte, die er noch nie zuvor gerochen hatte. Da Da TiReKiTa. Und auf allem lag ein Hauch jener Frau, die vor ihm stand und „Shivo ham“ intonierte. Drei Silben. Und aus der dritten, der zusätzlichen, entstand die erste Umarmung, die Jahrhunderte umfasste.

Später saß Parvati auf seinem linken Oberschenkel. Sie blickte zu ihm hinauf und fragte: „Wer bist du?“ Shiva antwortete: „Die ganze Welt wandelt sich, aber ich wandele mich nicht. Ich kann nicht kommen, denn ich war immer schon hier.“ „Und wer bin ich?“ „Du bist die Schöpferin von allem,“ sagte Shiva, „die Mutter aller Mütter. Nichts kann ohne dich existieren.“

Das stimmte Parvati traurig. „Was bleibt mir dann noch zu tun?“
„Du bist die einzige, die die Welt erzählen kann.“

Nach: Ilija Trojanow: An den inneren Ufern Indiens. Eine Reise entlang des Ganges.
Zu bestellen bei: Hanser Verlag