La Catrina in Gruppe
Nebiga

Wer ist La Catrina?

Eine Dame mit Federhut schreitet inmitten all der Kürbisköpfe, Monster, Geister: La Catrina schwingt ihre Seidenröcke, streicht die Bluse glatt und reckt das Kinn. Ihr Blick streift über das rege Treiben in der Gruselnacht. Was bitte hat sie mit Halloween zu tun? Gut, sie marschiert bei Umzügen mit; überall in der Welt laden Menschen sie ein, die Feste in der Nacht vom 31. Oktober mit ihnen zu feiern. Warum also sollte sie nicht?

Flaniert sie nicht für ihr Leben gern? Sie liebt es, wenn Menschen sie umjubeln; dass sie sich verkleiden, sich als ihr Ebenbild schminken. Als Catrina tanzen, lachen, Süßigkeiten schlecken. Mit ihr den Tag feiern und die Nacht. Wundert La Catrina ihr Erfolg unter den Halloween-Masken? Mitnichten. War denn etwas Anderes zu erwarten – so wie sie aussieht? Natürlich genießt sie den Ruhm, kostet jeden Moment aus.

Wenn sie aber einmal inne hält und in sich hört, spürt sie, wie schal dieser ist. Spätestens um Mitternacht sehnt sich La Catrina nach Hause – sie will zurück nach Mexiko.

Dort nämlich enden die Feiern noch lange nicht, dort fangen sie erst richtig an. Zuhause hat La Catrina eine Geschichte, ist sie nicht nur eine Maske, ein Tatoo oder Abziehbild. Ihre Landsleute holen sie am Día de Muertos zu sich ins Haus; geben ihr zu essen und zu trinken; tanzen und unterhalten sich mit ihr. Widmen ihr Zeit. Sie wissen:

La Catrina gehört zum Leben wie der Tod.

20. 01. 1913: Mexikostadt, Calle Santa Inés

José Guadalupe PosadaDon Lupe?

Die Stimme huschte unter dem Rolladen in den Laden. Kaum war sie durch, verharrte sie vor dem Dunkel. Sie fühlte sich zu schwach den Raum zu erkunden; schickte vorsichtshalber ein kleines Echo weiter. Als Kundschafter sozusagen. Das Echo drang vor. Vorsicht! Gerade noch rechtzeitig erfühlte es den Widerstand, kletterte den Tresen hoch.

Oben angekommen schlängelte es sich zwischen Papierstapeln und Holzschachteln hindurch, sprang auf der anderen Seite in die Tiefe. Kaum spürte es wieder Boden, strebte es weiter vorwärts. Umwehte Tisch- und Stuhlbeine, kletterte noch einmal hoch. Auf dem Tisch wich es Zink- und Bleiplatten aus, Sticheln und bedrucktem Papier – bis es sich an einer Wanne stieß; Säure schwappte über. Das Echo schrie, purzelte gegen eine Druckerpresse und verhauchte.

Die Stimme erschrak. Sollte sie doch lieber die Treppe zu ihrer Linken hochklettern? Würde sie es überhaupt bis oben schaffen?

Rrrrtsch…

Ihre Besitzerin schob den Rolladen gänzlich hoch.

Don Lupe! Sind Sie da?

Endlich – Verstärkung! Jetzt stürmte die Stimme treppauf. Im ersten Stock fegte sie über den Gang geradewegs auf eine Tür zu. Diese stand offen, hinderte sie nicht. Also sauste sie in den Raum, drang in jede Ecke, füllte ihn vollständig aus.

Wenn eine Stimme nur Augen hätte!

Dann hätte sie ihre Besitzerin warnen können. So aber blieb Consuelo, der kleinen empanadera (Teigtaschen-Verkäuferin), keine Zeit sich vorzubereiten. Sie folgte ihrer Stimme nach oben und trat in die Wohnräume des Hauses.  Vor ihr lag ein umgekippter Stuhl und daneben – das Mädchen schrie.

Wortschatten und Tote zu Besuch

Die Stimme hatte schon Erfahrung; sie wußte, wenn sie schrillt, verursacht sie Chaos. Wie groß dieses ist, hängt von der Stärke des Schreis und seiner  Tonlage ab. Bloß ein Schreck oder gleich Panik? Jetzt gellte sie bis hinaus auf die Straße: Menschen liefen in den Laden, polterten die Treppe hoch. Sie stießen die Schreiende zur Seite, um zu sehen, was passiert war.

calavera Tragt ihn raus! In die frische Luft!

rief einer.

Höchstens noch mit den Füssen zuerst!

murmelte ein anderer.

Schließlich holte man den Arzt.

Als dieser kam, lag der Bauchladen mit den Teigtaschen immer noch am Boden neben dem Toten. Die empanadera hockte in einer Ecke – ebenso unbeachtet. Das Kinn hatte sie auf das Knie gestützt, die Arme um die Beine geschlungen. Es standen nur noch wenige Neugierige herum.

Weiß jemand, wer das ist? Wie heißt er?
fragte der Arzt. Die Umstehenden blickten sich gegenseitig an, zuckten mit den Schultern

Das Mädchen aber richtete sich auf.

Don Lupe?,

sagte es.

Posada… José – glaube ich.

Der Stimme fiel selbst auf, dass sie zitterte. Schuld gab sie den „Schatten“. Echos einmal gesagter Worte, die durch den Raum waberten. Sie flüsterten:

  • Hier, Junge, nimm! Die ist fertig.
  • Bade sie in Säure.

und legten sich auf auf ihre Bänder. Drei Sätze nur, aber sie besaßen Kraft. Sie drückten schwer, so als hätte Don Lupe sie noch am Morgen dieses 20. Januars anno 1913 ausgesprochen.

Kannten Sie ihn gut?

fragte der Arzt.

Consuelo betrachtet die Leiche: Diese glich einer Wachspuppe, die Haut schimmerte. Im Leben war Don Lupe ein beleibter Mann gewesen, jetzt kam er ihr zerbrechlich vor. Als wäre er geschrumpft. Wo war die Kraft, seine Energie?

Nichts ist demokratischer als der Tod

Ihre Route führte sie täglich zur gleichen Stunde an Don Lupes Druckerei vorbei: Er saß immer im ersten Stock am Fenster. An manchen Tagen blickte er auf die Straße unter ihm, schien zu beobachten: die Flanierer, die Hausfrauen, die eilten, um das Essen vorzubereiten; Revolutionäre oder Regierungstruppen, die sich gegenseitig verfolgten. Meistens aber hatte Don Lupe den Kopf über eine Zinkplatte gebeugt und stichelte eine seiner Zeichnungen, wenn Consuelo im Chor der Straßenhändlerinnen rief:

Empanadas de pollo, de queso, de mole, Empanadas de atún!

Sobald Don Lupe aufsah und winkte, brachte sie ihm Teigtaschen in den Laden. Immer kam er schwerfällig die Treppe hinunter. An der Ladentheke nahm er drei Teigtaschen entgegen und biss gleich in eine. Solange er kaute, leistete Consuelo ihm Gesellschaft.

Bei ihrem ersten Besuch stöberte sie im Laden herum. Blätterte in den Zeichnungen  – einige fand sie in Schränke gestopft, andere lagen in Stapeln auf Stühlen. Die Zinkplatten sollte sie erst später entdecken. Sie waren alphabetisch geordnet in Schubladen verstaut, wovon immer eine offen stand. Zeuginnen emsigen Schaffens. Don Lupe aß im Stehen.

Auf den Augen des Toten lagen Münzen. Don Lupes Augen hatten ihr von Anfang an gefallen: das Zwinkern in den Winkeln, die Schicksalsschläge auf der Iris – sie schienen zu verstehen; machten Mut. Deshalb hatte sie damals auch zu fragen gewagt: Was die Zeichen neben den Bildern in den Gazetten bedeuten würden, war eine solche Frage. Ob er sie lesen lehren könne, eine andere.

Gegen Empanadas  – ja?

Sie wunderte sich anfangs darüber, dass der Drucker sich überhaupt auf den Handel einließ.

Zwei am Tag…

hatte er gesagt,

und du erzählst mir auch noch von dir.

Siesta-Gespräche

Später sollte Consuelo entdecken, dass sie oft wochenlang der einzige Mensch war, mit dem Don Lupe sprach. Seit dem Tod seines Sohnes sei das so, hörte sie. Seit niemand mehr erben würde, hieß es. Aber sie selbst blieb dem Meister zwei Jahre treu – kam zu Mittag und blieb eine Weile. Consuelos schlief nicht zur Siesta.

Zunächst lehrte Don Lupe sie lesen, dann schreiben. Dazwischen hörte er ihr zu; horchte nach Details: Danach, wie sie lebten – die Straßenhändlerinnen; nach der Hierarchie unter ihnen. Ganz oben die garbanceras, die in Korsett und HighHeels Kichererbsen verkauften und sich für etwas Besseres hielten. Ganz unten die empanaderas aus den umliegenden Dörfern in den Sandalen und Blusen der Heimat. Analphabetinnen alle, nur nicht mehr sie.

Von sich aber erzählte er nie. Ihn kennen…?

Nein,  dafür hatten wir keine Zeit.

Wie der Tote da lag! Einen Arm weit von sich gestreckt; die Hand umklammerte eine Zinkplatte – so als wollte er sie jemanden geben. Consuelo sah dabei zu, wie ihm der Arzt die Finger brach. Betrachtete die Platte, als er sie auf den Tisch legte. Auf Don Lupes Arbeitstisch vor dem Fenster. Das Bildnis eine Dame war darauf gestichelt. Einer Dame mit Federhut.

posadas garbancera nachgezeichnet

Wie sollte sie das jemals vergessen?

Vom Kampf einer Stimme

Consuelo räusperte sich. Wieder – und wieder:  über Wochen, über Monate. Die Stimme wurde diese Echos nicht los. Schlimmer noch: Erinnerungen ballten sich und rollten auf ihren Bändern. Sie schmeckten nach Wachs.

Empana… de…

Schon musste sie sich wieder räuspern oder aber sie krächzte. Sie konnte sich gegen die Rufe der anderen Händlerinnen nicht mehr durchsetzen. Die Kunden konnten sie nicht mehr hören. Die Stimme versagte.

Bald reichte es nicht einmal mehr für das Nötigste.

Auf der Straße tobte derweilen die Revolution. Menschenmassen wogten mal hierhin, mal dorthin. Alle  kämpften, um zu überleben.

Neun Monate nach Don Lupes Tod aber, am Día de Muertos, hielten sie kurz inne. Sie schmückten die Kirche mit Girlanden aus Studentenblumen; zogen Wege mit deren Blütenblättern bis in die Häuser – zu den Altären mit den Opfergaben.

Auf der Straße tanzten die Menschen, sie reichten sich calaveras – Totenschädel aus Zucker. Alle kauften sie Teigtaschen, Tequila und Totenbrot. Sogar eine Schmähschrift ging von Hand zu Hand.

Wer hätte das gedacht? La Catrina hilft…

La Garbancer - Ursprung von La CatrinaWas steht da?

fragten die Leute. Auf dem Titelblatt prangte eine Dame: die Dame mit Federhut.

Consuelo griff nach dem Blatt.

Ausverkauf fröhlicher Totenschädel, 

las sie.

Die heute gepuderte garbanceras sind, werden als deformierte Schädel enden.

Die Leute grinsten.

Lauter! Sprich doch lauter!

Nun trat die Stimme fester auf. Sie wollte, dass alle es hörten! Jeder sollte dieses Spottgedicht verstehen. Satz für Satz scheuchte sie die Schatten, zerbiss die Ballen der Erinnerung. Das Lachen blieb an ihrer Seite, gab ihr Mut. Strophe für Strophe.

Consuelo grinste. Sie erkannte, was sie Don Lupe erzählt hatte. Nun aber reimten sich ihre Geschichten, waren auf dem Punkt. Mit einer Portion Spott. Auch wenn die garbanceras säuerlich blickten – sie wärmte es: Sie fühlte das Zwinkern in Don Lupes Augen.

Die Dame macht Karriere

Mehr als 20 000 Zinkplatten hatte Don Lupe im Laufe seines Lebens gestochen.

Und was bitte hatte er davon? Man verscharrte ihn in einem Grab Klasse sechs; genau zwei Freunde sahen  zu. Das war’s. Und ich?

Ihre Geburt stand wahrlich unter keinen gutem Stern! Wie La Catrina es unter solchen Umständen trotzdem schaffte, zu Ruhm zu kommen? Zu jenem Erfolg, der ihr gebührte? Ihrem „Vater“ verdankt sie es wahrlich nicht, findet sie.

Drei Pesos! Das müsst ihr euch vorstellen… für drei!

Dafür verhökerte man ihr Bildnis an Antonio Vanegas Arroyo…

an diesen Sudelblatt-Verleger!

Deformierter Schädel… ha! Wie konnte er es  wagen?

Ändern konnte La Catrina die Verleumdung nicht, aber das Beste daraus machen… überleben…

Das Blättchen drehte die Runde in der Stadt; La Catrinas Konterfei gelangte in die Hände der Jugend, in deren Gedächtnis. Vergrub sich da; schlief – und tauchte ganz unerwartet Jahrzehnte später wieder auf.

Durch den Maler Diego Rivera zum Beispiel.

Ein medialer Schachzug – das!

Überlebensgroß inmitten einer Wandmalerei steht sie heute da: La Catrina, kerzengerade hält sie dem Kind Rivera die Hand, rechts neben sich seine Frau, die weltberühmte Malerin Frida Kahlo. Sogar ein Porträt ihres Schöpfers, von José Guadalupe Posada, gehört zur illustren Gruppe. Das Gemälde ist ein nationales Juwel – mit tausenden Besuchern im Jahr.

La Catrina blendet sie alle mit ihrer Schönheit: Mit dem Schädel des Todes – unter einem Federhut.

Hay hermosas garbanceras
de corsé y alto tacón,
pero han de ser calaveras,
calaveras del montón.*

*Übersetzung: Es gibt garbanceras mit Korsett und HighHeels, aber sie werden Schädel sein, ein Haufen Schädel.

Beitragsbild aus  The Yucatan Times

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Frida Kahlo
Nebiga

Frida Kahlo: Träume? Ich male meine eigene Wirklichkeit

Die Surrealisten – allen voran einer ihrer „Gründerväter“ André Breton – meinten, die mexikanische Malerin, Frida Kahlo, sollte mit ihnen gemeinsam in Frankreich ausstellen. Sie sei eine Malerin der Träume und gehöre deshalb zu ihnen. Eine Einschätzung, die sich in Künstlerkreisen bis heute hält, obwohl Frida Kahlo so gar keine Träumerin war und die französischen Surrealisten eher skeptisch betrachtete. 1939 stellte sie zwar in Paris aus, schrieb aber folgendes nach Hause:

  • Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie bescheuert die Leute hier sind. Stundenlang sitzen sie im Café, wärmen ihre hübschen Hintern, reden ohne Punkt und Komma über Kultur, Kunst und Revolution und dies und jenes. Tags darauf haben sie nichts zu essen, weil keiner von ihnen arbeitet.

Was Frida in ihrem Leben stets unter Beweis stellte: Sie war ihr Leben lang eine mexikanische Realistin – durch und durch. Und sie ärgerte die Unterstellung, ihre Bilder würden eine Traumwelt zeigen. Daher stellte sie schnell klar:

  • Ich habe nie Träume gemalt, sondern immer nur meine eigene Wirklichkeit.

Das meinte Frida Kahlo durchaus nicht im übertragenen Sinn. Sie gestaltete eine eigene Welt in ihrem Haus – La Casa Azul – eine Welt, in der sie leben konnte, wie sie es wollte. Wer das blaue Haus besucht, kann selbst heute noch nachvollziehen, wie Frida ihr ganz besonderes Leben in ihre Bilder verwob.

Mexiko-Stadt, Londres 247

  • Elektrizität und Reinheit

schrieb die Malerin mit einem kobaltblauen Stift in ihr Tagebuch

Später fügte sie

  • Liebe

in Braun hinzu.

  • Rot ist Blut? – tja, wer weiß!

Das ist die Farbkombination, nach der ich Ausschau halte. Der Taxifahrer hat keine Ahnung. Er weiß nicht, wo es ist – das Haus der Ikone Mexikos, der Frida Kahlo. Es müsse aber, sagt er, in jenem Viertel von Mexikostadt  liegen, dessen Straßennamen europäischer Städte bezeichnen – in Coyoacan.

Wir sind jetzt in der Viena, überqueren nach einer längeren Diskussion die Berlin und biegen schließlich in die Londres. Hausnummern sehen wir keine. Trotzdem suchen wir Nummer 247.

Ich beuge mich weit aus dem Fenster, bis ich es sehe – die Außenwände eines Eckhauses in Kobaltblau.

Das blaue Haus wirkt ruhig – so, als liefe das Leben an ihm vorbei, als würde niemand es besuchen wollen. Bunt schillernd wie Frida sich in ihren Selbstporträts präsentiert, hätte sie und ihr Haus schon mehr Aufmerksamkeit verdient. Bin ich hier wirklich richtig?

Museo Frida Kahlo

Der äußere Schein trügt allerdings! Kaum trete ich durch die Tür, sehe ich wie sehr: Um mich herum tummeln Touristen – Neugierige, Verehrer, Souvenirjäger. Sie

  • verirren sich in einem Gewirr tropischer Pflanzen,
  • staunen über das Gezwitscher exotischer Vögel,
  • gehen durch einen Wald voller präkolumbianischer Statuetten.

Irgendwo plätschert Wasser.

Wer will schon ein ruhiges Heim?

Zu Zeiten Frida Kahlos kreischte auch noch der Affe in den Bäumen, plapperten Papageien, stolperten die Besucher über die itzcuintlis, die kleinen mexikanischen Hunde der Malerin, über ein Rehkitz oder eine Ziege. Oft spielten Musikanten Gitarre. Kahlo und ihr Ehemann – der Muralist Diego Rivera – sollen dazu Gassenhauer gesungen haben.

Frida Kahlo

Frida Kahlo in ihrem Garten.

  • Frida war nicht diese leidende Frau, wie sie jetzt mythologisiert wird. Sie trank, sie rauchte, sie war sehr glücklich und sie liebte Musik

Das berichtete Guadalupe Rivera Marin, die Tochter, die ihren Vater Rivera öfter besuchte. Ein ganzes Jahr verbrachte sie in jenem Haus, in dem auch der russische Revolutionär, Leo Trotzki, eine zeitlang wohnte. Gäste gab es immer.

  • Schriftsteller wie Pablo Neruda und André Breton,
  • Künstler wie Henry Moore,
  • Fotografen wie Edward Weston und Manuel Alvarez Bravo
  • oder gefeierte Schauspielerinnen wie Maria Felix und Paulette Goddard

Sie alle und noch viel mehr gingen ein- und aus, passten sich dem Lebensrhytmus des Malerpaares an, genossen das traditionelle Essen, großartige Gespräche und liebevoll gestaltete Feste. Frida Kahlo liebte es, Gäste zu bewirten und Feste auszurichten.

Genau so hatte Guadalupe das blaue Haus so erlebt. Heute können wir es nur noch erahnen: Nichts ist leise oder schüchtern – weder die Farben noch die Geräusche. Zu Zeiten, als der äußerst beleibte Maler Rivera noch mit seinen Lieblingsspeisen bekocht wurde, waren es auch nicht die Gerüche.

Der grausige Ojosauro

Ich will eine Rampe zu einer Glastür auf der gegenüberliegenden Seite vom Eingang hochgehen. Mir scheint, sie führt zu einem zentralen Raum des Hauses. Doch nein…

  • Links bitte, die erste Tür! Dort fängt der Rundgang an!
Frida Kahlos Tagebuch

Frida Kahlos Tagebuch. Aus Maria Hesse: Frida Kahlo, eine Biografie

Der Museumswärter lotst mich, begleitet mich zu einer Glasvitrine. Dort deutet er auf das Tagebuch, Frida Kahlos Tagebuch.

In ihm hat die Künstlerin Skizzen, kurze Texte und Briefe an Rivera festgehalten. Es ist Beweisstück für ihre Liebe zu ihrem Mann. Aber auch ein Beleg für Fridas abgründigen, manchmal kindlichen Humor. Aufgeschlagen ist eine Seite mit einem grün und rot gestreiften Würmchen, dessen Nase einem Einhorn ähnelt und das am Kopf eine Narrenkappe trägt.

  • Ein altes Tier, das tot bleibt, um die Wissenschaften zu fesseln. Es sieht bis nach oben… und hat keinen Namen. Wir werden ihm einen geben: Der grausige ojosauro, der Augensaurier.

Welche Wirklichkeit mag sich hinter diesem ojosauro verstecken? Frida würde nicht antworten, aber grinsen.

  • Wozu darüber nachdenken? Es ist doch nur ein Farbfleck? Ein solcher hat mich inspiriert.

Die Kunstkritik erklärt Frida Kahlos Bilder naturgemäß etwas detaillierter: Die Kunsthistorikerin Sarah Lowe zum Beispiel ortet deren Ursprung

  • in mexikanischen Legenden, Geschichten von Wesen und Tieren, wie sie in den aztekischen Tempeln in Stein gemeißelt, in den Maya-Codices oder im landesüblichen Kunsthandwerk zu finden sind.

Vater aus Pforzheim, die Mutter aus Oaxaka (Mexiko)

Was überraschen könnte – denn Fridas Herkunft ist keine rein mexikansche: Der Vater, ein Deutscher aus Pforzheim, war mit achtzehn nach Mexiko ausgewandert. Er baute das blaue Haus. Und die Mutter? Frida Kahlo beschreibt sie als

  • ein Blümchen aus Oaxaca. Sehr gewinnend, umtriebig, klug. Sie konnte nicht lesen und schreiben, sie konnte nur das Geld zählen.

Die junge Frau, Frida Kahlo, entschied sich bewusst dafür, Mexikanerin zu sein; ein Kind der Revolution. Sie machte sich sogar jünger, um im Jahr der mexikanischen Revolution  geboren zu sein: 1910. Damit wollte sie ein Statement setzen.

Hielt sie sich später einmal nicht in ihrem geliebten Land  auf, nannte sie sich selbst – ohne die Legenden, die Gärten und die Sonne – verloren.

Aus den wenigen Jahren, die sie wegen und mit Rivera in den USA lebte, stammen viele Briefe. Diese zeigen, wie sehr sich Frida nach Coyoacan gesehnt hatte. Sie wollte nicht nur durch ihre mitgebrachte Kleidung und den auffallenden Schmuck an ihre selbst gewählte Identität erinnert werden. Sie vermisste die Qualität der mexikanischen Lebensweise und die Kultur ihrer Heimat.

Dabei hatte Frida anfangs ihren Spaß: Sie amüsierte sich über Walt Disney und über die Gesellschaft New Yorks, die sich über ihre Flüche und derben Ausdrücke aufregte. Es machte ihr diebische Freude diese Gesellschaft zu provozieren.

In Detroit aber rang die Malerin nach einer Fehlgeburt mit dem Leben. Sie sehnte sich mehr und mehr nach Hause. Dann starb ihre Mutter. Das brachte sie zurück.

Frida Kahlo und ihre 2000 Wunderchen

Der nächste Raum auf meinem Rundgang ist kein richtiges Zimmer, eher eine Art Flur zu anderen Räumen.

  • Links führt eine Treppe hoch,
  • geradeaus liegt die Küche,
  • rechts geht es in einen weiteren, hellen Raum.

Trotzdem weiß ich sofort, dass hier Kahlos wirkliches Zuhause erst hier beginnt.

Die Wände sind mit Votivbildern behängt. 2000 Stück.

  • Milagritos

Kleine Miniaturen von Unfällen, Schicksalsschlägen, Moritaten. Unter jeder gibt es eine Danksagung, ein Gelübbde desjenigen, der die symbolische Opfergabe gespendet hatte. Kahlo sammelte diese Votivbilder.

1943 fandt sie eines, das ihren eigenen Unfall vom 17. September 1925 stark ähnelte. Die Malerin musste nur noch dem Opfer dichte, zusammengewachsene Augenbrauen aufmalen. Dann änderte sie die Bus- wie auch die Straßenbahnaufschrift. Dieses Bild symbolisiert jenen Moment, der Frida von der Medizin weg hin zur Kunst brachte; den Augenblick, der die lebenshungrige Frau zum Krüppel machte. So bezeichnete sie sich selbst, wenn sie die Grenzen ihres Körpers ärgerten. Und sie ärgerte sich oft.

Unter der Treppe gleich neben der Sammlung gibt es einen kleinen Tisch und zwei Stühle – die Künstlerin hat öfter hier gesessen, bevor sie in die Küche ging oder ins Esszimmer.

Die Küche – Hort der Liebe

Frida Kahlos Küche

Frida hatte Freude, Diego seine Lieblingsspeisen zuzubereiten.

Ein Holzofen über eine komplette Wandbreite, riesige, irdene Töpfe – hier wurde stundenlang gekocht: Rivera legte Wert auf traditionelles, mexikanisches Essen: gefüllte Chilieschoten, Maistortillas oder Huhn mit mole poblano (pikanter Schokoladesauce). Über dem Herd stehen kleine Tonkrüge in den Schriftzügen „Diego“ und „Frida“.

Die Gerichte waren eine Art Liebeserklärung. Frida wußte, dass Riveras Laune stark von der richtigen Kost abhängig war.

Wenn am Tisch ungebetene Gäste sitzen

Küche und Esszimmer sind beide in gelb gehalten. Die Farbe für

  • Wahnsinn, Krankheit und Angst,
  • aber auch der Sonne und der Freude.

Im Esszimmer gibt es Keramik, grün glasierte Karaffen, Schüsseln, Gläser. Alltagswaren der indigenen Bevölkerung. Auch heute lassen sie sich auf den Märkten zu Spottpreisen finden. Es fehlen weder Spitzendeckchen noch die bunt bemalten, lebensgroßen Tiere; Vögel, Teufel und Früchte aus Holz (alebrijes).

Ein riesiger Tisch zeugt davon, dass Gäste in diesem Haus willkommen waren. Er symbolisierte für Frida Kahlo den

  • Ort des Zusammenkommens.

Diesen Ort verletzte Rivera, als er Frida mit ihrer Schwester betrog. Das Malerpaar ließ sich scheiden und Frida verewigte seinen Treuebruch im Bild der verwundete Tisch.

Frida mit Rivera im KopfRivera kehrte jedoch zu ihr zurück. Er heiratete sie wieder und zog neuerlich mit ihr zusammen.  Diesmal baute er ihr allerdings ein eigenes Reich – aus Vulkangestein. Ein Atelier, wie man es sich als Künstlerin nur wünschen kann. Sonnendurchflutet, luftig, ein kleines Paradies.

Für die Besucher heute ist es, als wäre Frida Kahlo nur kurz einmal weggegangen: Vor einer Staffelei steht ein Rollstuhl. Die Pinsel und Stifte liegen in Reichweite. Eine Kurbel ermöglichte es der Malerin, das Bild in der optimalen Höhe zu fixieren. An guten Tagen  arbeitete sie im Sitzen. An schlechten half ihr eine Spezialkonstruktion – dann malte sie nämlich im Bett. In ihm musste Frida oft Monate verbringen – bewegungslos, mehrmals sogar in ein Gipskorsett gezwängt.

Die einzigen Zeugen dafür, dass Frida nicht mehr malen würde, stehen versteckt in einer Ecke des Raumes: Die Urne mit der Asche und auch Fridas Totenmaske. Die meisten Besucher beachten sie kaum, gehen schnell weiter. Sie wollen alle – ohne Ausnahme – nur in das nächste Zimmer: das Schlafzimmer. Denn dort steht

Das berühmteste Bett der Kunstgeschichte

Das Zimmer ist kleiner, als ich es mir vorgestellt habe. Fridas Bett füllt das Zimmerchen nahezu vollständig aus.

Berühmt wurde das Bett, als es Frida wieder einmal nicht verlassen durfte. Dabei fand aber eine Austellung ihrer Werke im Museum Bellas Artes statt. Sie sollte in ihrer Heimatstadt ausstellen und selbst nicht zugegen sein? Das konnte Frida Kahlo nicht hinnehmen!

Kurz entschlossen entschied sie: Sie empfängt die Besucher im Bett. Man musste dieses mitsamt Frida in die Ausstellung tragen. So wurde es berühmt. Dazu kam noch, dass die Malerin im Schlafzimmer Freunde empfing, las, flaschenweise Tequila trank, malte und unzählige Fotos machen ließ.

Andere Andenken finde ich allerdings in diesem zentralen Raum keine, auch keine Fotos von den Geliebten, die Frida gehabt haben soll. Nicht von Trotzki, nicht vom Fotografen Nickolas Murray, dem Bildhauer Ralph Stockpole und auch nicht vom Muralisten Ignacio Aguirre, selbst von Rivera nicht. Nur die Köpfe von fünf Männern zieren die Wand: Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao. Sie hängen in einer Reihe, direkt  auf der gegenüberliegenden Wand des Kopfendes. So dass Frida sie sehen konnte.

  • Ich liebe sie als Pfeiler der neuen kommunistischen Welt.

Frida Kahlos Geliebter – der eine, stets präsente

Frida Kahlo mit GeliebtemDoch noch einem hat die Künstlerin in ihrem intimsten Stunden Platz eingeräumt. Mehr als allen anderen.

An den Bettpfosten gehängt, klappert der Tod – ein grünes Skelett mit roten Rippen. Die Pappmaché-Figur ist Kahlos ständiger nächtlicher Begleiter. Er erinnerte Frida daran, dass ihr Leben jederzeit zu Ende sein konnte. Deshalb umarmte sie ihn, hieß ihn willkommen.

 

Gevatter Tod ist auch Mahnmal ihrer

  • größten Niederlage.

Die Künstlerin kämpfte lange Zeit damit, dass sie wegen ihres Unfalls Rivera kein Kind schenken konnte.

Die Türe ihres Schlafzimmers führt hinaus auf einen kleinen Balkon, dessen Treppe hinunter in den hinteren Teil des Gartens führt. Ich gehe an einem Springbrunnen vorbei, überquere ein Terrasse mit einer Wand eingemauerter Muscheln und Krüge.

Auf dem Weg finde ich noch mehr Pappmaché-Tode, -gesichter und -männer… In Mexiko nennt man sie juda.  In ihnen stecken der Hass, die Eifersucht, die Zweifel, Wut und auch Angst, mit denen der Macher im Laufe eines Jahres so konfrontiert ist. Am Samstag vor der Karwoche schmücken die Menschen diese Figuren mit Feuerwerkskörpern und zünden sie an.

Gemeinsam verbrennen sie diese unerwünschten Gefühle bei einem Fest.

  • Es ist Stärke zu lachen und sich der Leichtigkeit zu überlassen.

schrieb die Malerin einmal. Frida Kahlo sorgte dafür, an den Samstagen vor der Karwoche genügend Figuren zu verbrennen.

So schaffte sie es, weiterhin lachen zu können.

Beitragsbild und weitere Bilder aus dem .

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Frida Kahlo
Leo Nerdette

Das Leben von Frida Kahlo (1907 – 1957)

Geboren ist Frida Kahlo am 6. Juli 1907 im Casa Azul.

25. September 1925: Sie verunglückt schwer. Dieser Unfall ändert ihre Pläne, Medizin zu studieren. Neben langen Perioden in einem Gipskorsett folgen auch 36 Operationen.

Frida Kahlo und ihre Wirbelsäule

1926 beginnt sie zu malen.

1929 Heirat mit Diego Rivera, Revolutionsmaler und Generalsekretär der Kommunistischen Partei Mexikos.

Die Ehejahre der Frida Kahlo

1930-33: Aufenthalt in den USA, zunächst in New York, später in Detroit. In diesen Jahren erleidet die Malerin mehrere Fehlgeburten.

1933 stirbt Fridas Mutter. Die Malerin kehrt nach Mexiko zurück.

Nach der Rückkehr lebte das Paar in San Angel, einem Viertel in der Nähe von Coyoacan – in Riveras Haus.

1937 kam Leo Trotzki und wohnte für fast zwei Jahre mit seiner Frau im Elternhaus der Frida Kahlo, dem Casa Azul. Frida soll mit dem Revolutionär ein Verhältnis gehabt haben.

1938 erste Einzelausstellung Kahlos in New York.

1939 Ausstellung in Paris. Im selben Jahr erfährt sie von Riveras Verhältnis mit ihrer Schwester. Dies wertet Frida als schwerwiegenden Vertrauensbruch. Sie lässt sich von Rivera scheiden.

Leben im Blauen Haus

Kahlo zieht allein in ihr Elternhaus zurück. Sie schneidet sich die Haare und malt wie eine Wilde.

1940 heiratet sie Rivera erneut. Die Bedingungen des Zusammenlebens änderten sich allerdings: Der Muralist zieht zu Kahlo in das blaue Haus und baut ihr einen eigenen, abgetrennten Wohn- und Arbeitsbereich.

Mitte der 40er Jahre verschlechtert sich Kahlos Gesundheitszustand. Es folgen mehrere Rückenoperationen. Ab 1951 braucht sie einen Rollstuhl, 1953 wird ihr rechtes Bein bis zum Knie amputiert.

Im gleichen Jahr findet die einzige Ausstellung ihrer Bilder in Mexikostadt statt. Sie wohnt dieser in ihrem Bett bei.

Im Sommer 1957 stirbt sie an den Folgen einer Lungenentzündung.

Kahlos Werk umfasst in etwa 200 Bilder, davon sind ein Drittel Selbstporträts.

Sie ist heute die bekannteste mexikanische Malerin. 2016 erzielte das Bild Zwei Nackte am Waldrand acht Millionen Dollar. Laut Christie’s ist das die höchste Summe, die jemals für ein Gemälde eines südamerikanischen Künstlers bei einer Auktion erzielt wurde.

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Piet Grobler: Der Zauber Baum
Tipp

Piet Grobler: Vom Zauber im Baum

Mitten in Afrika steht ein Baum. Kein gewöhnlicher Baum, einer mit Früchten so groß wie Melonen, so saftig wie Granatäpfel und so samtig weich wie Mangos. Sie duften nach Himbeeren und ihr Saft schmeckt so glockenklar, dass deine Zunge ihn nie mehr vergisst. Woher ich das weiß? Schaut ihn euch doch an: Einer der bedeutendsten Illustratoren Südafrikas – Piet Grobler – hat ihn für uns im Bilderbuch von Dianne Hofmeyr gemalt. Weit über die Savanne ragt dieser Baum hinaus, schon von weitem zu sehen.

Als nun einmal eine Zeit der Dürre über das Land kam, fanden die Tiere des Dschungels in der näheren Umgebung nichts mehr zu fressen. Daher beschlossen sie aufzubrechen und anderswo etwas zum Essen zu suchen. Nur der Satteste von ihnen, ihr König – der Löwe – blieb zurück und bewachte sein Revier. Die anderen Tiere aber wanderten Tag und Nacht und Nacht und Tag bis sie die Früchte unseres Baumes am Horizont in der Sonne leuchten sahen.

Macht schon! Dort gibt es etwas! Beeilt euch!

Die Gazelle, der Elefant und das Zebra freuten sich und liefen so schnell ihre Beine trugen; jeder wollte als erster beim Baum sein und sich wieder einmal richtig satt fressen. Doch nicht alle Tiere konnten mithalten: Die kleine Schildkröte zum Beispiel, die plagte sich und kam trotzdem nur langsam voran. Als sie endlich den Baum erreichte, fand sie alle Tiere schon versammelt davor. Niemand aber hatte die Früchte angerührt, denn eine riesige Python lag um den Stamm gewickelt. Der Elefant war der einzige, der keine Angst hatte.

  • Ich bin zu groß, als dass sie mich fressen kann!

So näherte er sich, fragte nach einer Frucht, aber die Python zischte:

  • Weißt du den Namen des Baumes?
  • Äh… Wunder…baum, vielleicht?
  • Ssszzzzt… du weißt ihn nicht! Sssszzzzt… nur wer den Namen weiß, darf von den Früchten kosten.

Piet Grobler: Der Zauberbaum mit Python Er versuchte es mit mehreren Namen und scheiterte. So hungerten alle Tiere weiter. Nur, dass jetzt diese Früchte über ihren Köpfen lockten. Verzweifelt überlegten die Tiere: Wie könnte dieser Zauberbaum nur heißen?

Da meldete sich die kleine Schildkröte plötzlich zu Wort.

Afrika erobert das Kinderzimmer im Nu

Wie es weiter geht? Schau es dir selbst an! Aber Vorsicht! Wer das Buch öffnet, der verwandelt das vertraute Kinderzimmer in einen anderen Ort: Python, Elefant, Zebra, Gazelle, Igel, Affe, verschiedene Vögel und die klitzekleine Schildkröte schlängeln, trampeln, kriechen, krabbeln, springen auf den Tisch, aus dem Regal und in die Kuschelecke. Afrika kommt dann nämlich zu Besuch.

Wie der Illustrator Piet Grobler diese Lebendigkeit hinkriegt? Der Künstler erinnert sich, wenn er zeichnet. Er kennt die Fauna Südafrikas von Kindheit an, denn er kommt von einer Farm in Limpopo… jener Provinz im Norden Südafrikas, wo der Krüger-Nationalpark liegt , das größte Wildschutzgebiet des Landes. Wenn jemand dort aufgewachsen ist, steckt es einem in den Knochen. Grobler:

  • Afrika – es ist mein Mutterland. Wie ich handle, alles, was ich tue, wie ich entscheide, wird diesen Kontinent spiegeln. Die Tiere, das Wetter, die Sonne, all das ist in meiner Arbeit präsent.

Ja, aber dPiet Grobler: Löwe und Zebraas ist nicht alles. Sein Geheimnis liegt tiefer, darin, wie er mit einem Bilderbuch-Auftrag umgeht.

  • Ich erzähle einfach Geschichten mit meinen Illustrationen.

Allerdings hat er dabei nicht im Kopf, für Kinder zu zeichnen. Grobler schafft Bilder für den Text, zeichnet das, was dieser verlangt. Wie er das macht?

  • Wenn ich den Text bekomme, lese ich ihn etliche Male, trage ihn einige Monate mit mir herum, lasse ihn sinken und drehe und wende ihn in meinem Kopf. Ich frage: Wie möchte dieser Text ausschauen?

Manchmal will der sich offenbar in Schale schmeißen: wie ein Löwe mit goldenem Sonnenkranz als Mähne. Als das Zebra im Buch bei dem König der Tiere auftaucht und ihn beim Dösen stört, riskiert der Löwe bloß ein müdes Auge. Die kleine Schildkröte muss später einen wesentlich wütenderen Herrscher aushalten.

Verrate ich zu viel? Eines noch:

Ausdauer ist das Thema des Buches, Wiederholen, Dranbleiben… Eigenschaften, die helfen, dass man gut in dem wird, das einen begeistert. Bojabi, der Zauberbaum ist  Buch, das Mut zum Lernen macht – und eines, das dich zum Lachen bringt.

Was alles in einem Baum steckt…

Aber das Buch steht in diesem Blogbeitrag ja eigentlich nicht im Mittelpunkt. Der Baum ist’s, der Zauberbaum mit seinen Früchten…

Grobler hat ihn schon sehr früh entdeckt und war ihm treu geblieben, hegt und pflegt ihn:

  • Seit ich mich erinnern kann, zeichne ich Bilder. In Afrika gab es nicht so viele Zeichenbücher, deshalb benutzten wir Umschläge von Vaters Post. Wir rissen sie auf und zeichneten innen.

Man kann sich vorstellen, dass da alles Mögliche entstand – in den über 80 Büchern, die der Bilderbuch-Künstler mittlerweile in der ganzen Welt illustriert hat, geht es um Tiere, Monster, um Engel, Menschen und Pflanzen. Die Motive gehen dem Vielarbeiter nie aus.

Wenn er draußen in der freien Natur keine Inspiration findet, entstehen sie in seinem Kopf:  zum Beispiel oder , ein Buch, das im Verlag Gerstenberg erschienen ist.

Letzteres scheint dem heiteren Wesen von Groblers Zeichnungen entgegen zu stehen.

  • Ich möchte, dass die Leute fröhlich sind, glücklich. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch Arbeit schätze, die leicht melancholisch ist oder ernster.

Leicht melancholisch? Was gibt es Ernsteres als ein Buch über den Tod? Trotzdem schafft Grobler den Spagat – sein humoristisch-heiterer Blick auf die Welt hilft ihm dabei.

Ein Blick, den der Illustrator auch einsetzt, wenn er für Erwachsene zeichnet. Das tut er nämlich ebenso wie er auf der Univeristät von Worcester, England, unterrichtet. Professor Piet Grobler bildet zukünftige Illustratoren aus – und reist dafür kreuz und quer durch die Welt.

Groblers Baum der Fantasie könnt ihr nun schon von weitem sehen, von Europa genauso wie von Lateinamerika. Seine Krone verzweigt sich auch mehr und mehr: Es treiben ständig neue Äste, Blätter, Früchte…

Die Webseite des Illustrators findet ihr hier!

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Die Hexe Baba Jaga
Nebiga

Wer ist sie, die Hexe Baba Jaga?

Baba Jaga, sagen die einen, ist eine Hexe. So einfach ist das. Nur ist sie anders als alle Anderen. Das fängt damit an, dass sie keinen Besen fliegt. Besen sind zum Fegen. Und damit basta.

Wenn sie sich schon fortbewegen muss, dann bitte bequem in einem Mörser sitzend, nicht auf einem Holzstab, der zwischen den Beinen zwickt. Ihr Fluggefährt dirigiert sie mit dem Stößel; sie braucht ein Ruder – Mörser fliegen einfach drauflos oder trudeln im Kreis, wenn niemand ihnen sagt, wo es lang geht..

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Die Hütte der Baba Jaga Sie verlässt ihre Hütte mitten im Wald nicht gern. Wozu auch?

Einmal steht ihr Hüttchen auf Hühnerbeinen. Damit kann sie so weit fort gehen, wie sie will. Nur will sie meistens nicht. Ihr gefällt der dichte Wald schon ganz gut, wenn er auch mehr und mehr mit diesen Russen bevölkert ist. Überall sind Menschen, riechen verlockend. So gerne würde sie die fressen. Aber mittlerweile sind es viel mehr als sie verdauen könnte.

Vasilia im Garten der Baba Jaga

Trotzdem stecken in ihrem Garten ihre ganz eigenen Rosenkugeln. Statt der Kugel an der Spitze hat sich Totenschädel angebracht. Trophäen aus einer alten Zeit. Die Augenhöhlen glühen, geben Feuer und Licht.

Menschen verpesten überall die Luft. Am schlimmsten sind die christlichen Priester, diejenigen, die den alten Glauben zunichte machen. Vor allem den Glauben an sie. Und diese Priester hinterlassen an allen Ecken und Enden ihre Klöster, ihre Kirchen, ihre Ideen.

Baba Jaga lebt in slawischen Märchen

Sie ist das, was sie immer war: eine schillernde Figur. Eine mit vielen, in den bekanntesten Märchen aber eine mit besonders häßlichen Gesichtern: Ihre Lippen hängen bis zum Kinn. Die Nase wächst lang und krumm, dicke, schwarze Warzen verunstalten ihre Wangen. Eisernen Zähne blitzen.

Wen dieses Bild wenig schreckt, den inspiriert sie. Sie ist Wolke, Mond, Tod, Winter, Schlange, Vogel, Pelikan oder Göttin der Erde…

Ist sie böse? Ist sie gut?

In den Geschichten, die über sie in Umlauf sind, zeigt sie, dass sie beides kann. Wer zu ihr kommt, muss vor allem arbeiten können, muss loyal und ehrlich sein. Aber auf keinen Fall unterwürfig!

Nichts haßt sie so sehr wie Menschen, die sich selbst nicht vertreten können.

der Ritt der Baba Jaga

Wer macht von so einer Schreckschraube schon ein Porträt? Da muss schon ein Mann her, der schon vor langer Zeit ausgezogen war, um das Fürchten zu lernen. Ein Mann wie Iwan Jakowlewitsch Bilibin, am 16. August 1876 geboren, 1942 gestorben. Er zog aus, Baba Jagas Welt zu malen. Gelungen sind ihm die schönsten Märchenbücher der Jahrhundertwende.

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