Hexe im Apfelbaum
Nebiga

Was will die Hexe im Apfelbaum?

Heute erzähle ich euch von einer Hexe, jener Hexe, die es sich in einem Apfelbaum bequem gemacht hat. Wie lange ihr das gelingt? Tjaaaa… hört selbst:

Es war einmal auf der Landstraße zwischen Reichenberg und Gablonz ein Apfelbaum. Der war alt und vertrocknet; er trug nur saure, verhutzelte Äpfel, an denen sich niemand die Zähne ausbeißen wollte.

In einem ganz besonderen Jahr reiften aber plötzlich saftige, rotbackige Äpfel heran. Sie leuchteten schon von weitem, so dass Euch das Wasser im Munde zusammengelaufen wäre, wenn Ihr nur damals schon auf der Welt und dort vorbeigekommen wäret. So aber staunte ein Tuchweber und schlich sich näher ran.

Wie die Hexe ihre Äpfel bewacht

 

Gustav Klimt Apfelbaum

Von Gustav Klimt

Ei wie sehr wollte er in einen Apfel hineinbeißen; den Saft so richtig vom Kinn tropfen lassen. Auf den unteren Ästen jedoch baumelten keine Äpfel – nur dort droben, ganz hoch.

Der Tuchweber entschied sich zu klettern.

Er schwang sich auf einen Ast, dann auf den nächsten und dann noch auf einen anderen. Schließlich griff sich einen besonders knackig aussehenden Apfel. Schon wollte er hineinbeißen, dachte an das saftige Fruchtfleisch –

Zinn Zinnoberrot! Was fällt dir ein! Stiehlst mir meine Äpfel! Du Apfeldieb, du!

Der Tuchweber schreckte sich, als er ein altes Weiblein aus der Krone des Baums steigen sah:

Die Apfelhexe!

hexe am flugSchnell versuchte er weg zu springen. Denn er hatte schon viel zu viel von ihr gehört:

  • Da war Hans, der Hundefänger, den sie drei Tage in einem Weidenkorb eingesperrt,
  • dann Theodor, der Taschendieb, dem sie die Diebesbeute gestohlen
  • und schließlich Käthe, die Kupplerin, der sie die Nase langgezogen hatte.

Kein Wunder, dass der Tuchweber sich so schnell wie möglich davonmachen wollte. Nur klappte es nicht; er hing nämlich fest!

Die Apfelhexe kicherte.

So schnell kommst du mir nicht davon! Zuerst musst du mir die Zeit vertreiben. Erzähl‘ mir eine Geschichte!

Der Tuchweber wunderte sich, wie billig er davonkommen sollte. Er wusste viele Geschichten, war er doch als Handwerksbursch gereist.

Ihr wisst ja –  wer eine Reise tut…

Und deshalb wusste der Geschichten… Geschichten… zum Beispiel von der Nachbarin, die den Nagel immer auf den Kopf getroffen hatte. Wie sie dem Handwerksburschen des Tischlermeisters über Nacht gezeigt hat, wie man ein Boot baut. Mit dem sie dann fortsegelt.

Dieses Ende gefiel der Apfelhexe. Sie riss einen Apfel ab und gab ihn dem Tuchweber. Kaum hat er einen Bissen davon gekaut und runtergeschluckt, war der Hunger weg. Zum Essen blieb ihm aber auch gar keine Zeit.

Erzähl weiter!

Also erzählte er:

Von der gefräßigen Raupe, die den Obstgarten vertrocknen ließ. Sie entschied sich vor lauter Appetit dazu, sich nicht zu verpuppen und kein Schmetterling zu werden; sie wollte lieber einfach in Nachbarsgarten weiterfressen.

Diese Geschichte mochte die Hexe nicht so. Sie fuhr dem Tuchweber mit ihren scharfen Nägeln übers Gesicht. Das tat weh – doch schon musste er weiter erzählen, weiter und weiter: Den ganzen Tag über redete er. Erzählen musste er – alles von den Leuten im Dorf und den Dörfern ringsum – alles, was er wusste. Wenn es der Hexe gefiel, lobte sie und gab ihm einen Apfel. Aber wehe, wenn nicht. Dann setzte sie ihre Nägel ein.

Als es tiefe Nacht war, sagte sie:

Jetzt denk‘ nach! Morgen will ich Bess’res hören. Wenn nicht, ergeht es dir schlecht!

So grübelte der Tuchweber die ganze Nacht. Kein Auge hat er zugetan. Was nur, was, gab es noch, das der Hexe gefallen könnte? Er grübelte und grübelte… ja er dachte so lange nach, so dass er am Morgen ganz heiser und sein Kopf leer war. Völlig leer.

Dummer Tor!

Die Hexe schimpfte, als ihm nichts mehr einfiel, und warf ihn einfach vom Baum.

Der Tuchweber brach sich einen Arm und ein Bein dabei und humpelte davon. Er war froh, so glimpflich davongekommen zu sein.

Die Wahl: Eine Geschichte oder gebrochene Beine

Kurz danach lief einem Fassbinder das Wasser im Munde zusammen. Er stieg in den Baum. Doch er war maulfaul. Das munkelte man schon länger im Dorf – und so flog er in einem so hohen Bogen aus dem Geäst, dass er alle seine Glieder zusammenklauben musste.

Der nächste war der Dorfpolizist. Auch er konnte den Äpfeln nicht widerstehen! Ihm fielen ein paar Geschichten ein:

  • von seiner Jagd auf einen Zirkusfloh zum Beispiel. Wie sich der im Hemd der Bürgermeisterin versteckt hat.
  • von der wandernden Vogelscheuche, die sich die Felder aussuchen konnte und dementsprechend heikel war
  • vom Taschendieb auf dem Jahrmarkt von Reichenberg. Der hatte einen Knopf in den Klingelbeutel geworfen.

Dann aber war Schluss. Der Dorfpolizist wusste nichts mehr. Sofort plumpste er vom Baum. Just in diesem Moment kam ein Heuwagen vorbei. Der ließ ihn weich fallen. Vielleicht deshalb, weil die Hexe bei allen seinen Geschichten lachen musste.

Hexe vs Schneidermeisterin: Wer gewinnt?

Der Schneider war der nächste. Er erzählte

  • von der dummen Augustine, die so gerne Königin werden wollte,
  • vom kleinen Ferkel, dem die fünfjährige Tine tanzen lehrte.,
  • von der Schustermeisterin, die Pferden Schuhe anpasste.

Am Ende jeder Geschichte wiegte er den Kopf, sehr nachdenklich:

So ist es wirklich passiert. So  hat es mir meine Frau, die Schneidermeisterin, erzählt.

Bei der dritten Geschichte wurde es der Apfelhexe schließlich zu bunt:

Alles hast du von deiner Frau gehört. Wie’s scheint, ist die viel klüger als du!

Was gibt es zu sagen, wenn etwas wahr ist. So wahr.

Viel klüger! Die weiß alles, was landauf, landab vor sich geht!

Geh nach Haus‘ und schick sie her! Sie soll mir die Zeit vertrieben!

Die Hexe ließ den Schneider vom Baum.

Als er aber nach Hause kam, ging sofort ein Donnerwetter auf ihn hernieder.

War das ein Gezänk und Geschrei, weil er so spät zum Abendessen eintraf. Erst nach einer Weile, in einer klitzekleinen Verschnaufpause seiner Frau, erzählte er vom Apfelbaum auf der Landstraße zwischen Reichenberg und Gablonz.

Der trägt Früchte, die sind so süß und saftig, dass du dich nicht satt essen kannst!

eine Schüssel voll ÄpfelMehr brauchte die Schneidermeisterin nicht! Äpfel waren ihr Lieblingsobst – und sie wollte wieder einmal einen Altwiener Apfelstrudel backen. Sie forderte ihren Mann auf, ihr den Baum zu zeigen. Nachdem er sich ein bisschen geziert hat, ging der Schneider mit ihr zum Baum. Dort ließ er seiner Gattin den Vortritt.

Kaum war die Schneidermeisterin im Geäst, stürzte sie sich auf einen der rotbackigen Äpfel. Ihr wisst ja, wie das ausgeht: Die Hexe forderte schöne Geschichten.

Mehr als wir alle anderen wusste die Schneidermeisterin aber auch nicht. Doch sie hatte das loseste Mundwerk zwischen dem Jeschken- und Isargebirge. Sie  klatschte d‘rauflos und hört auch heute noch nicht damit auf.

Die Hexe aber kletterte noch am Abend hurtigst vom Baum herunter. Sie suchte das Weite. Solch ein Gewäsch hatte sie noch nie vernommen – die Ohren klangen ihr noch wochenlang davon.

Im Apfelbaum droben blieb die Schneidermeisterin allein sitzen. Sie wartet auf jemanden, der sie da runterholt. Weil die Äpfel aber wieder verschrumpelt und ganz hart sind, kümmert sich keiner mehr um den Baum.

Wenn die Schneidermeisterin also noch nicht gestorben ist, dann lebt sie noch heute da oben.

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Märchen trifft auf Philosophie

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Alpträume der Baba Jaga
Nebiga

Warum Baba Jaga Albträume hat

Gut, dass Baba Jaga so zurückgezogen lebt! Schon vor langem ihr Hüttchen auf Hühnerbeinen noch tiefer zwischen die Bäume hineingetrieben hat. Dorthin, wo der Wald so dicht und dunkel ist, dass man die Hand vor den Augen und die Füße auf dem Weg nicht sieht.

Hätte sie nicht so früh Maߟnahmen ergriffen, müsste sich Baba Jaga jetzt gegen Anhänger wehren. Gegen „Fäns“ oder „Followers“, die in Bussen zu ihr pilgern; sie zwecks tiefsinniger Prophezeiungen löchern und Heilsalben von ihr fordern.

Sie müsste tagtäglich Menschen riechen, besonders aber an den Wochenenden. Diese stünden Schlange, um „Großmütterchen“ zu sehen.

Großmütterchen, ha!

Und Baba dürfte keinen fressen; müsste die vom verlockendem Menschenduft geblähten Nasenlöcher freundlich kräuseln und sich den Fragen widmen. Den Nerv tötenden Fragen über die Zukunft der Welt, das Liebesglück einzelner oder die Anzahl der Jahre ihrer armseligen Leben.

Als interessierten die weise Alte Nichtigkeiten wie diese… Wie ein Krieg ausgeht zum Beispiel, ob das eine Land mehr Recht hat zu siegen als das andere, wer die kommende Wahl gewinnt und wie lange voraussichtlich jemand an der Macht bleibt.

Schwesterchen Wanda aus Petrich, Bulgarien

Baba-VangaIn Petrich, Bulgarien, zum Beispiel war eine ihrer zwei Schwestern, eine der drei Babas in der Welt, tatsächlich mit der Frage nach Spielergebnissen der Nationalmannschaft konfrontiert worden: Ein Schnauben war das einzige gewesen, was der Wahrsagerin solche Dummheit wert war.

Danach hatte es gleich geheiߟen, zwei Mannschaften mit B würden es ins Finale der Weltmeisterschaft 1994 schaffen. Dass die Bulgaren dann im Viertelfinale gegen Italien verloren, entäuschte die hohen Erwartungen.

Sterbliche interpretieren, manipulieren und machen auch nicht vor Mythen und uraltem Wissen halt. Wenn aber nicht hält, was sie sich versprochen haben, fühlen sie sich von der Wahrsagerin verraten anstatt von ihren Schlussfolgerungen.

Das erwartet heute eine gute Hexe

Baba und ihr neues Haus

  • Heute hätte Baba Jaga Umsatzsteuer auszuweisen, einen eigenen Registereintrag und eine Website.
  • Vor ihrem Haus, einem, das extra für sie gebaut worden wäre, würde eine Frau Heilsalben, natürliche Kosmetikas und Fläschchen mit Kräutertinktur an Touristen und Ratsuchenden verkaufen. Diese Frau säße Tag für Tag auf der Stufe, ohne im Geringsten zu ahnen, wie ihr Menschenduft den Appetit der ach so liebenswürdigen, harmlosen, alten Kräutersammlerin im Haus anregt.

Liebenswürdig? Harmlos? Blind sind sie, die Menschen! Viel blinder als die Babas selbst.

Die meisten Menschen erkennen nicht, wer Baba Jaga tatsächlich ist, bemerken die Totenschädel mit den glühenden Augen in ihrem Garten nicht, obwohl diese Tag und Nacht leuchten.

Ach, die Ahnungslosen!

  • Auf Youtube-Videos würden Vorhersagen, die angeblich von ihr stammen, im Wortlaut weiterverbreitet, kommentiert und zur Auslegung der vielgerühmten Schwarmintelligenz vorgelegt.
  • Sie müsste ungezählten Selfies beiwohnen, die dann mithilfe von Suchmaschinen weltweit aufzufinden sind.
  • Ihre Lebensgeschichte hätten geschäftstüchtige Männer verfilmt. Im Fernsehen würden Politiker mit ihr auftreten. Hitler war angeblich bei Baba Wanda gewesen – und Todor Schivkov, lange Jahre Diktator Bulgariens, zählte zu den „Stammkunden“.

Aufdringlicher, hinterlistiger, verbissener Mann!

Kein Wunder, dass Schwesterchen Wanda sich zum Sterben hingelegt und ihre Seele lieber nach Frankreich geschickt hatte. Sie wußte, dort würde einmal ein Kind geboren, blind, wissend, eigenartig – eine alte Seele.

Wer Baba Jaga heute sucht…

Baba Jagas NachtWer 2017 Baba Jaga um Rat fragen will, muss in die Stille gehen. Das Smartphone ausschalten. Es kann den Weg sowieso nicht leuchten.

Wer sie sucht, muss sich jeden Schritt in Dunkelheit ertasten. Die Weise hat sich rar gemacht, dreht ihr Hüttchen nur noch, wenn es dreimal klopft: von der Liebe, von der Seele – und vom Tod. Der Weg zu Baba Jaga ist also beschwerlich, sie duldet keine Ablenkung.

Und es ist der Alten egal, ob es gefällt oder nicht. Bei ihr gibt es sowieso keinen Empfang.

Titelbild von Viktor Vasnetsov

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Die Hexe Baba Jaga
Nebiga

Wer ist sie, die Hexe Baba Jaga?

Baba Jaga, sagen die einen, ist eine Hexe. So einfach ist das. Nur ist sie anders als alle Anderen. Das fängt damit an, dass sie keinen Besen fliegt. Besen sind zum Fegen. Und damit basta.

Wenn sie sich schon fortbewegen muss, dann bitte bequem in einem Mörser sitzend, nicht auf einem Holzstab, der zwischen den Beinen zwickt. Ihr Fluggefährt dirigiert sie mit dem Stößel; sie braucht ein Ruder – Mörser fliegen einfach drauflos oder trudeln im Kreis, wenn niemand ihnen sagt, wo es lang geht..

Ihre Hütte: Wo es richtig gemütlich ist

Die Hütte der Baba Jaga Sie verlässt ihre Hütte mitten im Wald nicht gern. Wozu auch?

Einmal steht ihr Hüttchen auf Hühnerbeinen. Damit kann sie so weit fort gehen, wie sie will. Nur will sie meistens nicht. Ihr gefällt der dichte Wald schon ganz gut, wenn er auch mehr und mehr mit diesen Russen bevölkert ist. Überall sind Menschen, riechen verlockend. So gerne würde sie die fressen. Aber mittlerweile sind es viel mehr als sie verdauen könnte.

Vasilia im Garten der Baba Jaga

Trotzdem stecken in ihrem Garten ihre ganz eigenen Rosenkugeln. Statt der Kugel an der Spitze hat sich Totenschädel angebracht. Trophäen aus einer alten Zeit. Die Augenhöhlen glühen, geben Feuer und Licht.

Menschen verpesten überall die Luft. Am schlimmsten sind die christlichen Priester, diejenigen, die den alten Glauben zunichte machen. Vor allem den Glauben an sie. Und diese Priester hinterlassen an allen Ecken und Enden ihre Klöster, ihre Kirchen, ihre Ideen.

Baba Jaga lebt in slawischen Märchen

Sie ist das, was sie immer war: eine schillernde Figur. Eine mit vielen, in den bekanntesten Märchen aber eine mit besonders häßlichen Gesichtern: Ihre Lippen hängen bis zum Kinn. Die Nase wächst lang und krumm, dicke, schwarze Warzen verunstalten ihre Wangen. Eisernen Zähne blitzen.

Wen dieses Bild wenig schreckt, den inspiriert sie. Sie ist Wolke, Mond, Tod, Winter, Schlange, Vogel, Pelikan oder Göttin der Erde…

Ist sie böse? Ist sie gut?

In den Geschichten, die über sie in Umlauf sind, zeigt sie, dass sie beides kann. Wer zu ihr kommt, muss vor allem arbeiten können, muss loyal und ehrlich sein. Aber auf keinen Fall unterwürfig!

Nichts haßt sie so sehr wie Menschen, die sich selbst nicht vertreten können.

der Ritt der Baba Jaga

Wer macht von so einer Schreckschraube schon ein Porträt? Da muss schon ein Mann her, der schon vor langer Zeit ausgezogen war, um das Fürchten zu lernen. Ein Mann wie Iwan Jakowlewitsch Bilibin, am 16. August 1876 geboren, 1942 gestorben. Er zog aus, Baba Jagas Welt zu malen. Gelungen sind ihm die schönsten Märchenbücher der Jahrhundertwende.

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Hexen aus dem Moor
Nebiga

Die Hexen aus dem Moor: Ein Männer-Märchen

Ein Moor fordert seinen Tribut: „Wer seinen Fuß auf trüben Grund stellt, ist zu Recht verloren“ Genau dieser Gedanke beherrscht ihn jetzt, da er merkt, wie der Boden unter ihm nachgibt. Die Rettung wäre, auf den Weg  zurück zu springen, doch er kann den schmalen Pfad nicht mehr erkennen.

Hört er tatsächlich jemand im Nebel kichern? Er lauscht; der Sturm trickst ihn aus: War es Lachen oder das Rauschen der Blätter? Letzteres vermutlich, denkt er. Wieder versucht er, ein Bein aus dem wabernden Boden zu stemmen. Dabei sinkt das andere tiefer.

In Gedanken zählt er die Jahre…

Drei sind es – drei! Im August 2013 besiegelte er den Deal. Mit einem  Handschlag! Ist die Zeit tatsächlich so schnell vergangen? Rächt sich die Hexe aus dem Moor? Geahnt hat er, dass es so weit kommen würde, gefürchtet… nein, gewusst, dass sein Handel Folgen haben würde. Er kennt die Mär:

Plötzlich – zwei kalte, knöcherne Arme griffen nach ihm, legten sich um seinen Hals. Jan konnte sich nicht befreien und der Boden schien unter seinen Füßen immer mehr nachzugeben. Da schrie er aus Leibeskräften „Hilfe! – Hilfe!“ Aber es nutzte nichts, der Sturm zerriß sein Rufen in kleine Fetzen, niemand weit und breit, der ihn hätte hören können. Es ward ernst. Die Moorhexe war´s, die ihn fest im Griff hatte. Die drei Jahre Bedenkfrist waren rum und weil Jan nicht mit der jungen Hexenbraut auf dem Moor leben wollte, zog die Mutterhexe ihn mit sich hinab in die unergründlichen Tiefen des Moores ins Moorhexenreich.

Das Märchen von Jan Termöln un de Moorhexen erzählen sich gerade jene gern, denen das Moor Lebensinhalt ist. Es  dient ihnen in späten Stunden zur Unterhaltung; in ihren Wanderungen durchs Moor aber hat es noch eine andere Funktion: Es warnt vor den Naturmächten. Ja, vorsichtiger hätte er sein sollen: Die Geschichte hätte ihm Warnung genug sein, hätte ihn endgültig davon überzeugen sollen, wen er unter allen Umständen im Moor meiden muss.

Doch welcher Wissenschafter glaubt schon an Märchen…

Die alte Moorhexe hext im Teufelsmoor herum

Winterbaeume vor mooriger Felder und einem FlussAn jenem Tag im August als er der Moorhexe begegnete, leuchteten die nahe gelegenen Berge am  blauen Horizont. Ihm brannte die Sonne ins Gesicht. Er kniff die Augen zusammen, atmete die feuchte Luft, fühlte den Wind. Unbekümmert lachte sein Herz. Nichts Bedrohliches hatte das Moor, als er auf die Alte traf. Er dachte, ihm könne nichts auf der Welt schaden – entschloss sich,  auf diese einzugehen.

Seltene Funde versprach die Hexe aus dem Moor.

Das einzige, was er dafür tun müsste, wäre, ihre Tochter aus dem Hochmoor herum zu kriegen.

Er hatte schon so lange von Opfergaben aus alter Zeit geträumt! Von Zierrat, Töpfen und bronzenen Spangen im Torf. In seinem schönsten Traum grub er sogar eine Moorleiche aus. Deshalb hatte er auch die Bauern überredet, wieder mit dem Torfstechen zu beginnen. Gelockt hatte er sie mit den Worten: Gartenhäuser bezahlen gutes Geld für Torferde.

Er hatte nicht gelogen!

Die Moore Bayerns bergen so viele Geheimnisse. Nur einige davon aufzudecken würde ihn mit einem Schlag berühmt machen: Das  Bayrische Landesamt für Umwelt wäre sicherlich interessiert, ebenso das Biologie-, das Archäologie- oder das Geologie-Institut an der Ludwig-Maximilian-Universtät (LMU) oder das Moor- und Torfmuseum. So dachte er damals.

Und nun? Eiskaltes Wasser schwappt höher und höher. Seine Bewegungen verlangsamen sich, die Kälte kriecht mit dem Wasserspiegel, dringt tiefer durch die Haut, die Muskeln, bis auf die Knochen.

Hält die ganze Welt für dumm…

Rumkriegen, war das Wort, das er gebrauchte, als er in die Hand spukte. Den Deal mit der Hexe aus dem Moor besiegelte.

Rumkriegen konnte alles Mögliche heißen! Zwar hatte de oide Rutschn gejammert, keine Enkel zu haben. Dass auch Moorhexens Töchter Verpflichtungen hätten. Dass des Dirndl endlich heiraten sollte. Das ist wahr. Aber als er einschlug, sagte er Rumkriegen.

Er war gut darin! Was kümmerte ihn, wie die Tochter aussah? Einmal würde er die Augen schon zudrücken können.

Oamoi is koamoi, dachte er. Auch Trientje gegenüber… Trientje, seine verlässliche Freundin Trientje.

Unterstützte sie ihn nicht in Allem? Sie würde verstehen!

Im ersten Jahr: Ruhm, Geld und sowas wie Liebe

Im ersten Jahr lief alles gut: Er traf die junge Moorhexe noch im August auf der Rosenheimer Wies’n. Sie saß auf einer Holzbank, vor sich eine Mass. Kaum sah er sie, wusste er Bescheid. Trotzdem zögerte er überrascht. So a graisliche Matz war sie gar nicht: Rotes Haar, gertenschlank und blass – spitzbübisch, einem Kobold gleich. Er sprach sie an: So traurig allein?

Ihre Antwort wartete er gar nicht ab, zwängte sich zwischen sie und ihren Nachbarn. Jetzt nicht mehr, lachte sie.

Umgänglich fand er sie, einfach zu unterhalten. Er verbrachte mehr und mehr Zeit mit ihr, flirtete, machte sich ihr angenehm. Sie durchstreiften gemeinsam das Hochmoor, trafen sich in der Dorfkneipe. Am frühen Nachmittag, weil er es sich nicht mit den Mädchen aus dem Dorf verscherzen wollte. Auch nicht mit Trientje. So kamen sie sich näher und näher – es fehlte nicht mehr viel…

Eine Axt aus der Bronzezeit war sein erster Fund! Ziseliert, zweigeteilt, unbrauchbar – ein Kultgerät.

Wunderschön anzusehen.

Er zog sie aus dem Torf und wusste: Er war ein gemachter Mann.

Mit diesem Beil begann das Verhängnis.

Das zweite Jahr: Ein Meer der Tränen

Der Fund aus dem Moor brachte ihm erwartungsgemäß eine Festanstellung im Biologie- und eine Belobigung im Archäologieinstitut der LMU. Die Axt verhieß Ruhm. Sie verlangte aber auch Arbeit, wie alle anderen Funde auch: die Schmuckstücke, Kessel und Opfergaben. Er stürzte sich darauf. Je mehr Aufgaben er übernehmen konnte, desto weniger musste er darüber nachdenken, auf was er sich eingelassen hatte.

Er datierte sein Leben nach diesem ersten Fund. Es gab ein „Davor“ und ein „Danach“. Danach fühlte er sich ausgeliefert, machtlos und verkauft.

Was, fragte er sich, erwartete die junge Moorhexe, wenn er ihr zufällig über den Weg lief? Waren die Treffen im Marsch tatsächlich Zufall? Verfolgte sie ihn? Betrachtete sie ihn bereits als Eigentum? Lachte sie ihn aus, wenn er sie zu fliehen suchte? Andere Wege ging. Wenn sie sich trotzdem trafen; sie ihre Hand auf seinen Unterarm legte, war dies eine unaufgeforderte Einladung? Plante sie, ihn hinab zu ziehen? Gefangen zu nehmen? Seine Zukunft zu bestimmen?

Von nun ab wich er der jungen Hexe aus. Traf er sie versehentlich, erwähnte er Stress – die ungeheure Arbeitslast, die zusätzlichen Aufgaben im Institut. Ohne gefragt worden zu sein. Er warf ihr den Vielbeschäftigten vor die Füße, bevor er grüßte; glaubte damit, sein Abgelenktsein entschuldigen zu können. Glaubte, ihre Entäuschung fast körperlich zu spüren.

Was er jedoch vergaß zu erwähnen?

Er hatte Trientje gebeten, zu ihm zu ziehen. Zu seinem Schutz, so plante er… damit sie die Dorfmädchen von ihm fernhalte, sagte er. Die würden ihm nämlich zuviel. Die Bauern trugen weiterhin Torf ab, versorgten die Gartencenter – doch die Funde machten ihm bald keine Freude mehr.

Wenn er ehrlich ist – und wer ist das nicht im Angesicht des Todes? Wenn er jetzt also endlich ehrlich mit sich ist: Das schlechte Gewissen drückt, lähmt und würgt ihn seit dem zweiten Jahr.

Moor-See bei Sonnenaufgang, Bäume im HintergrundGrund war der See – der See am Hochmoor. Er wuchs langsam, hinter seinem Haus. Ein Meer aus Tränen, nannte ihn Trientje einmal. Das traf ihn im Innersten. Er wusste, dass seine Freundin recht hatte. So nahe dem Moor wächst ein See nur, wenn die dazugehörige Hexe weint.

Spätestens wegen dieses Sees war er sich sicher, dass er die junge Hexe aus dem Moor unglücklich machte. Eine Rückkehr zu den unbeschwerten Tagen mit ihr im Hochmoor waren unmöglich.

Nur nicht daran denken, war seine Devise. Verdrängen. Vergessen. Weitermachen. Das schlechte Gewissen begleitete ihn, verlangte mehr und mehr Raum. Es fror seine Schritte ein, hielt ihn fest umklammert. Sogar seine Fingerkuppen fühlten sich taub an. Er weigerte sich, andere zu berühren, vergrub sich in seiner Arbeit, ahnte, dass er auch Trientje verriet.

Schwieg. Flüchtete. Trank.

Im dritten Jahr: Düsteres, stilles Moor

Trientje war es bald leid, auf ihn zu warten. Sie suchte Arbeit. Ihm fiel es allerdings erst auf, als sich Tierleichen auf der Fensterbank sammelten: Die bläuliche Hülle einer Hochmoor-Mosaikjungfer, ein toter Moor-Gelbling, der Kadaver eines Moorfrosches.  Trientje schloß sich den Allgäuer Moorwelten an, ließ sich zur Moorführerin ausbilden. Sie spazierte im Sommer wie im Winter mit Touristen durch das Hochmoor, wusste plötzlich völlig unnütze Dinge, wie zum Beispiel mit welcher Geschwindigkeit Moore wachsen: 1 Millimeter pro Jahr, betonte sie.

Anfangs stellte sie noch Essen warm, später ernährte er sich von Döner und Asia Food. Er sah sie kaum noch und wenn, dann stritten sie.

In der Zwischenzeit wuchs der See hinterm Haus weiter. Manchmal erwischte er am Ufer Frauen aus dem Dorf. Auch sie weinten, füllten das Gewässer. Kaum aushalten konnte er es aber, wenn er von weitem die Moorhexe vorbeihuschen sah. Sie wich ihm aus, fand er. Im Moor traf er den Rotschopf kaum noch. Und wenn, war sie abwesend, beschäftigt – er empfand sie als abweisend.

Unverdaute Gedanken, halbvergorene Gefühle, verschwiegene Worte – das schlechte Gewissen umhüllte ihn. Im dritten Jahr erstickte es jede Regung. Er lebte von der Auswertung der alten Funde; die alte Hexe ließ ihn nichts mehr finden. Sie blieb stumm.

Er verdächtigte Trientje, andere Männer zu hofieren. Sie behauptete zwar, nur auf Versammlungen zu gehen. Gemeinsam mit den anderen Moorführern zu kämpfen! Jemand müsse sich stark machen für die Erhaltung der Moore, für die Renaturierung. Ballawatsch! Auf irgendeinen müsse sie stehen, sonst würde sie sich nicht so hineinknien.

Er brütete in seinem Büro. Sein eigenes Gewissen war ihm Grund genug, misstrauisch zu sein.  Seine größte Angst: Selbst seiner verlässlichen Trientje nicht mehr zu genügen.

Lacht sich schief und lacht sich krumm…

„Danach“ gab es natürlich auch ein paar schöne Momente: Stolz war er zum Beispiel auf seinen Ruf. Er könne übers Moor laufen , ohne davor Angst davor zu haben, in trügerischem Boden zu versinken, hieß es. Er folgte dem Licht der tanzenden Alten im Moor, verließ sich auf die Abmachung.

Wie heute eben auch…

Zur Strafe sinkt er, stetig: Das brakige Wasser reicht ihm mittlerweile bis zur Brust. Er steht still. Hofft, dass er das Sinken damit aufhalten kann.  Kurz nur, dann wird ihm klar: Richtig zu schaffen macht ihm die Kälte. Mit Eisnadeln bohrt sie sich bis auf die Knochen. Im Moor geht niemand völlig unter. Solche Geschichten gehören ins Reich der Legenden. Das Moor erstarrt seine Opfer, hüllt sie in Nebel und legt eine Decke aus Eis auf ihre Schultern. Diese Decke drückt die Gefangenen hinunter, macht zerbrechlich, winzig, hilflos – egal wie breit die Schultern sind.

Ihm wird plötzlich heiß.

Eingesunken zwischen Morast, halbverdauten Blättern, Zweigen und Tierresten steht er. Im Sumpf. Das wabernde Wasser gurgelt, schlägt Blasen, beginnt zu brodeln. Er schwitzt, zieht sein Hemd aus und wirft es zur Seite. Er sieht zu, wie es liegen bleibt, nicht versinkt. Ein Schritt und er wäre gerettet! Er schafft keinen Schritt mehr. Der blonde Hüne hat seine Stärke verloren. Schwach wie ein Kind fühlt er, wie sein Atem entweicht… seine letzte Kraft. Er fällt.

Das Moorlicht tanzt

  • Spinnst du, Mama?

Deutlich dringt diese Frage an sein Ohr. Träumt er? Sein Körper liegt wider Erwarten auf festem Grund.

  • Er hat uns betrogen!

Vorsichtig öffnet er die Augen. Neben ihm kniet Trientje, die blonde, schöne Trientje. Sie hält seinen Oberarm in festem Griff. Wo ihre Finger liegen, spürt er seine Muskeln. Sonst ist alles taub.

Drei Sonnenstrahlen bohren sich durch Nebelschwaden, bestrahlen zwei Gestalten – Schatten neben den Birken. Er schließt die Augen, öffnet sie wieder. Jetzt kann er den Rotschopf und die Alte ausmachen.

  • Betrogen? Wie das denn?

Bitte, denkt er. Nicht erzählen, nicht vor Trientje. Doch vergeblich: Die Alte lässt nichts aus. Er schielt verschämt zu Seite, windet sich.

Trientje runzelt die Stirn.

Moorlicht tinyUnd die Hexentochter aus dem Moor?

Die junge Hexe lacht…

  • Aber er ist attraktiv!

… lacht so herzlich, dass die Nebelschwaden ihren Vorhang heben, ein weiterer Sonnenstrahl blinzelt. Das Moorlicht tanzt.

  • Was, Mutter, soll ich mit einem, der sich im Moor verirrt? Angst vor seinen Gefühlen hat? Sie gar nicht benennen kann?

Er hält den Atem an. Die junge Hexe dreht sich ihm zu, als würde sie den fehlenden Hauch spüren. Sie blickt ihn nachdenklich an.

  • Warum hast du so spät geschrien, Jan? Der Sumpf verschlingt dich, wenn du die Augen vor ihm schließt!

Trientje räuspert sich. Der Rotschopf nickt der Moorführerin zu.

  • Gut, dass du mich gerufen hast! Er wird deine Hilfe wieder brauchen, wenn er sich verliert.

Verschwindet mit dem restlichen Nebel – wie ihre Mutter aus dem Niedermoor. Nur deren maulende Stimme weht noch nach:

  • Ewig Zeit hast du nicht, auch wenn du glaubst…

Er zittert jetzt – weiß allerdings nicht, ob vor Wut über seine Eitelkeit oder schlicht vor Erleichterung. Es braucht lange, bis ihn das Moorlicht wärmt. Bis Trientje fertig ist mit dem, was sie zu sagen hat.

Eine weitere Chance? Das müsse sie sich gut überlegen, meint sie. Erst sehen, wie er sich bewährt.

Morgens taucht er die große Zehe in den See

Seit diesem Tag wandert er jeden Morgen zum See. In der Hand hält er eine Tasse heißen Kaffees. Mit kleinen Schlucken wärmt er sich, taucht dabei seinen Zeh in den See. Die Wärme in seinen Handflächen gibt ihm Sicherheit.

Manchmal sieht er die junge Moorhexe. Sie weint… er grüßt. Meist lächelt sie zurück.

Es fühlt sich leicht an. Trientje hat es ihm erklärt: Traurig, sagte seine Freundin, traurig macht die Hexe nur das Sterben – das Sterben der Moore im Land. Er weiß, die Bauern zu überreden, das Torf nicht mehr abzubauen, wird dauern. Doch er kämpft dafür, an seiner Seite Trientje, die ein Auge auf ihn hat.

Sieht er den roten Schopf morgens aber im See schwimmen, denkt er schaudernd daran:

Wie kalt Wasser im Moor sein kann!

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