Hopi Indianerin: Sonnenblume
Nebiga

Wie die Sonnenblume auf die Welt kam

Vogelfutter, Naschwerk und Öl: Dafür ist sie gut. Im Herbst stellen wir sie noch in einer Vase in die Wohnung oder wir zieren den Garten damit. Landwirtschaftlich wird sie eigentlich nur noch zur Ölgewinnung angebaut. Sie zählt nämlich zu einer der wichtigsten Quellen cholesterinfreien Öls:  Helliantus annus, die Sonnenblume. Dabei kann sie doch viel mehr!

Die Hopi-Indianer nutzen die Sonnenblume schon von alters her auf vielfältigere Weise; die Blume ist neben dem Mais das Kostbarste, was dieser Indianerstamm im Nordosten von Arizona kennt. Ihr Wissen geben die Hopi seit Generationen an ihre Nachkommen auf eine Weise weiter, die das Vergessen unmöglich macht – mit dieser Geschichte:

Das Mädchen, das die Sonne liebte

Vor langer, langer Zeit lebte einmal ein Indianermädchen, das Xochitl – Blume – hieß. Xochitl war in die Sonne verliebt.

Hopi Pueblo

Hopi Pueblo (Dorf) von John K. Hillers, 1843-1925

Wenn die Frauen sich in die kühlen Behausungen zurückzogen, um Mais zu mahlen, huschte das Mädchen so oft es ging, hinaus und suchte den grellen Ball am Himmel. Sandte Tonatiuh, der Sonnengott, seine Strahlen noch zur Erde?  Wie lang, wie kurz waren die Schatten geworden? Trübte gar ein Wölkchen seine Kraft?

Abends hockte sie im ockerfarbenen Schein des Abendrots und sah von der Leiter am Eingang ihres Hauses aus traurig zu, wie der Himmelsball hinter den Dünen verschwand. Rief dann die Großmutter, damit sie dem Mädchen die Haare kämmen konnte, schmiegte sich Xochitl an sie und fragte:

  • Großmutter, passiert dem Sonnengott auch nichts – dort hinten, so weit weg?
  • Tonatiuh, kann auf sich aufpassen, ihm passiert nichts. Leg du dich nur beruhigt nieder!
  • Großmutter, kommt er auch wieder zurück?
  • Er kommt wieder zurück.
  • Gleich morgen, wenn ich die Augen öffne?
  • Wir werden sehen, Kind!

Manchmal schien die Sonne am nächsten Morgen, manchmal aber auch nicht: Letzteres betrübte Xochitl so sehr, dass sie grübelte und grübelte und den Älteren nur noch untätig zuhörte – ohne Mehl zu mahlen oder Körbe zu flechten. Ihre Großmutter machte sich oft Sorgen: Zum Grübeln, fand sie, war das Mädchen viel zu jung! Sie sollte sich lieber auf das Lernen und das Leben beschränken!

Das Jahr als Tonatiuh täglich kam

Doch es kam ein Jahr, da Xochitl glücklich war – Tonatiuh schickte seine Strahlen Tag für Tag, nicht ein einziges Mal trübte ein Wölkchen den Himmel. Nun lernte Xochitl, was Indianermädchen so lernen müssen:

Mehl mahlen natürlich und Farben herstellen: purpur, blau, schwarz und rot; töpfern, Körbe flechten und Stoffe weben; sie fütterte die Vögel, presste Öl aus den Maissamen, kochte Gemüse und half sogar Kräuter zu sammeln und Heilsalben zu rühren.

Rührig war Xochitl den ganzen Tag, weil sie sich so freute, dass Tonatiuh sie begleitete.

Kurz vor Sonnenuntergang aber schnappte sie den Wasserkrug, kletterte über die Leiter hinunter und machte sich auf den Weg durch die Savanne zur Quelle, um den Krug zu füllen. Zwei, drei Mal. Tonatiuhs Strahlen liefen mit ihr mit. Erst wenn die Zisterne voll und nur noch wenige Sonnenstrahlen ihren Schatten begleiteten, hockte sie sich vor den Hauseingang und beobachtete, wie die Sonne endgültig am Horizont verschwand:

Sonnenuntergang

  • Schön war es heute, Tonatiuh. Ich hatte Spaß! Du auch? Komm doch morgen wieder!

Und Tonatiuh kam wieder. Sogar im Juli schien die Sonne täglich – und der August war auch schon fast vorüber… Die Regenzeit dagegen blieb in diesem Sommer aus.

Ohne Regen aber vertrockneten die Felder.

Ein Dorf sucht einen Ausweg

Die Maisstauden ließen ihre Blätter hängen, Bohnen und Melonen wollten partout nicht sprießen. Sogar die Kürbis-Pflanzen trugen nicht.

  • Ayy Großmutter, warum beraten sich die Männer heute schon wieder?
  • Sie planen den großen Tanz, den Schlangentanz, Kind!
  • Aber damit rufen sie doch Tlaloc, den Regengott, damit er Tonatiuh vertreibt. Ich will nicht, dass die Sonne geht!
  • Versteh doch, Kind! Wir haben wirklich nicht mehr viel Zeit. Du weißt doch, Tlaloc schickt seine Kinder nur selten, um ihre Eimerchen auszuschütten.
Moki Snake Dancers

Hopi Schlangentänzer

Kurz darauf machten die Männer sich auf die Suche nach Klapperschlangen. Sie zogen sich mit ihnen in die Steinwüste zurück, um sich auf die beschwerlichen Tanz-Tage vorzubereiten. Neun Tage würden sie trommeln, tanzen und um Regen bitten.

Die Frauen stöberten währenddessen sorgenvoll in den Vorräten herum.

Würde es für die nächste Zeit genug geben? Oder mussten sie auf Essensreste zurückgreifen, die sie nach einer guten Ernte in die Asche eingegraben hatten – für schlechte Tage? Würden sie ihre Häuser verlassen müssen? Weiterwandern zu den reicheren Verwandten in der Nähe des Flusses?

Xochitl beobachtete die Mienen der Menschen im Dorf, sah zu, wie die Frauen in der Asche gruben, hörte zu, wenn sie von ihren Sorgen sprachen. Nachdenklich betrachtete sie das schmutzige Wasser in der Zisterne. Schließlich bat sie eines Abends:

  • Tonatiuh, morgen komm nicht. Versteck dich hinter den Wolken, damit die Kleinen des Tlaloc ihre Eimerchen ausschütten können. Ich bitte dich, Tonatiuh. Komm morgen nicht!

Am nächsten Tag – noch bevor die Männer die Trommel schlugen – verschwand die Sonne hinter einer großen Regenwolke. Und es regnete, diesen Tag und den nächsten, diese Woche und die nächste und die nächste…

Die Freude war groß

Die Zisternen füllten sich. Die Bewässerungsanlagen ebenso. Maiskolben sprossen hervor und Bohnen. Die Kürbisse wuchsen, so prall und üppig, dass die Leute im Dorf kaum mit der Ernte nachkamen. Es war eine Freude! Die Menschen konnten sich an der Fülle gar nicht sattsehen, arbeiteten gemeinsam tagtäglich bis tief in die Nacht auf den Feldern, um den Segen zu nutzen.

Die Frauen legten zusätzlich Vorräte an, mahlten Mehl, bis zu 12 Kilo am Tag. Sie schälten Bohnen und trockneten sie, bewahrten die Kürbisse mit Asche bedeckt auf. Sie schleppten schwer, gruben und ernteten. Xochitl war stets unter ihnen.

Lauf zum Tempel der Blumen

Zunächst fiel es nicht auf. Aber nach einer Weile fand die Großmutter, dass das Mädchen schmäler war als noch Tage zuvor. Schwach schleppte es sich vorwärts, schwächer schien es von Tag zu Tag. Jeder Regentag ließ es offenbar müder werden und bleicher.

  • Was hast du Kind?
  • Nichts Großmutter. Ich fühl mich heute nur nicht ganz so gut.

So viel gab es zu tun, dass die Großmutter es auf sich beruhen ließ. Das Mädchen ging ja auch täglich mit auf die Felder, bis es eines Tages am Rand eines Maisfeldes zusammenbrach. Kaum ein Hauch Atem war mehr in ihr; sie würde sterben, gleich… es fehlte nicht mehr viel. Die Großmutter flehte

  • Tonatiuh hilf, so hilf ihr doch!

Da schickte der Gott einen Sonnenstrahl hinter einer der Wolken hervor.

  • Xochitl, lauf zum Tempel der Blumen. Dort kann ich dich beschützen, mach schnell, lauf.

So schwach das Mädchen schien, erhob es sich und ging los – zum Maisfeld hin. Mit jedem Schritt verblasste es mehr und mehr… Vor den Augen der Großmutter verwandelte es sich in eine leuchtend gelbe Blume. Nur die Mitte blieb dunkel, so dunkel wie ihre Augen und ihr langes Haar.

Seit diesem Tag gibt es sie – die Blume, die im August an den Rändern der Maisfelder wächst und deren Blüten sich  nach der Sonne drehen. Die Hopi nennen sie xochitl tonatiuh: Sonnenblume.

Weil sie aber genau wissen, was eine Hopi-Frau in jungen Jahren lernen muss, wissen sie auch, was diese besondere Blume alles kann.

Warum die Hopi die Sonnenblume verehren

Schon vor zwei- bis dreitausen Jahren verwendeten die Hopis die Sonnenblume in all ihren Teilen.

Sie

Sonnenblumen

  • mahlten Mehl aus den Samen
  • kochten den Kopf als Gemüse
  • gewannen aus den Samen blaue, schwarze, purpurne und rote Farbstoffe
  • pressten Öl
  • webten Stoffe aus den fasrigen Teilen der Blätter
  • flochten Körbe
  • stellten aus den Kernen Salben für Wunden, Schlangen- und Insektenbisse her

 

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Beitragsbild: Hopi Indian woman and her daughter in the village of Oraibi, ca.1901

Großmutter erzählt
Nebiga

Großmutter erzählt, nachts in der Stube

Dass eine Großmutter erzählt, gehört praktisch zum Berufsbild. Aber…

  • Woher kommt diese Idee?
  • Wie erzählt Großmutter
  • Was genau erwarten wir von ihr?

Vom Berufsbild der erzählenden Bäuerin

Winter ist’s, der Schnee liegt auf den Hängen und glitzert in der Dämmerung. In der Küche ist es warm, es ist gut geheizt. Die Öllampe spendet Licht. Kinder zausen Wolle, die Magd kämmt sie.

Drei Frauen sitzen an ihren Spinnrädern. Sogar die Altbäuerin hat ihres hervorgeholt. Sie bückt sich zum ersten Flachsbündel, reicht es der ersten Frau, streckt sich nach dem zweiten , gibt es der zweiten Frau, greift zum dritten und setzt sich auf einen dreibeinigen Schemel.

Die Bäuerin beginnt zu spinnen und die Frauen tun es ihr nach. Holzpantoffel klopfen dumpf auf den Boden, Spinnräder surren, Daumen und Zeigefinger ziehen den Faden…

Großmutter, bitte! Erzähl‘ uns was!

Auch die Frauen nicken zustimmend. Sie sind nach dem Mittagessen vom Nachbarhof aufgebrochen; drei Stunden dauert es, um hierher zu kommen. Sie werden die Nacht im Hof verbringen, spinnen und zuhören. Sie sind gekommen, um Wissen zu sammeln: Überliefertes oder Erlebtes über Ehe, Geburt, Krankheit, Leben, Tod und — die Liebe.

Die alte Frau aber lächelt nur stumm, dreht das Rad und zwirbelt Flachs zum Faden. Es ist als hätte sie nicht gehört. Trotzdem verstummen die Kinder. Die Magd legt ein paar Scheite in den Ofen, die in der plötzlichen Hitze knacken und  knistern. Dann räuspert sich die Bäuerin müde. „Es war einmal…“ — so fängt es an:

Großmutter erzählt

Vielleicht ist es ein Märchen, vielleicht eine Geschichte aus dem Dorf, vielleicht beides in einem. Großmutter hat sie eine Vorliebe für Märchen und Erzählstoffe, die mit ihren umtriebigen Händen Schritt halten.

Sie bevorzugt als Erzählzeit das Präteritum, verwendet gern die indirekte Rede und Wörter, die heute nicht mehr jede kennt. Während sich das Spinnrad dreht und ihre Hände beständig zwirbeln —

Schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll

— spricht sie mit ruhiger, entspannter Stimme. Manchmal verweilt sie, übt sich in epischer Breite, wird monoton.

Wenn Großmutter erzählt, wird ihre Stimme manchmal brüchig. Man merkt ihr das Alter, den häufigen Gebrauch an. Doch solange es an diesem Abend Flachsbündel zu spinnen gibt, solange verstummt diese Stimme nicht.

Wie hört das Publikum zu?

Während Großmutter erzählt, sehen die Frauen und Kinder sie nie an. Sie sind in ihr Tun vertieft, spitzen jedoch ihre Ohren. Kein Wort darf ihnen entgehen! Je gebannter ihre Augen auf ihre Arbeit gerichtet sind, desto intensiver lebt ihr Geist in der Geschichte, die Großmutter erzählt.

Sie spüren die Furcht, das Erstaunen, die Liebe und Freude der Helden und Heldinnen in sich,  überlegen, inwieweit das Gesagte für sie wichtig ist. Doppelbödigkeiten und Sinnzusammenhänge wollen sie verstehen.

  • Was können sie aus der Geschichte lernen?
  • Wie sie weiter“spinnen“?

Was Großmutter weiß…

Die Altbäuerin verzichtet auf extreme Ausgestaltungen, denn diese würden ihre Zuhörerinnen zu stark in ihrer Eigentätigkeit beeinflussen. Diese sollen sich ihr eigenes Bild machen und daraus selbst erkennen, wie das Leben so spielt.

Ihre Mittel sind  indirekt: Sie erzählt die Geschichte genau so, wie Großmutter denkt, dass sie war. Und sie erwartet nicht, daß ihre Zuhörer aufhören zu arbeiten, um sich ihrer Geschichte hinzugeben.

Großmutter weiß aus Erfahrung, was Walter Benjamin in seinem Essay über das Erzählen berictet:

Je selbstvergessener der Lauschende, desto tiefer prägt sich ihm das Gehörte ein. Wo ihn der Rhythmus der Arbeit ergriffen hat, da lauscht er den Geschichten auf solche Weise, daß ihm die Gabe, sie zu erzählen, von selbst zufällt.

Bald nämlich wird eine andere erzählen: Weil die Altbäuerin erschöpft ist, weil sie bald nicht mehr sein wird.

Das ist ihr Ziel, ihre Aufgabe:

Die Geschichten sollen weiterleben, jenseits von Geburt und Tod.

Tipp zum 7. Dezember

Märchenerzähler sind so unterschiedlich wie Schneeflocken. Deshalb solltet ihr genau so viele hören, wie ihr finden könnt.

Im Advent erzählen sie übrigens überall: auf Märkten, in Schulen, beim Weihnachtsessen vom Betrieb.

Ihr habt bis jetzt noch keinen gesehen? Tja, da braucht ihr schon einen Blick dafür!

Macht euch in euren Regionalseiten schlau!

Gelegenheit zum Märchenhören in der Münchner Umgebung zum Beispiel gibt es von heute bis Sonntag in Schloß Blutenburg, Heimat der internationalen Jugendbibliothek. Besonders empfehlenswert ist das Lichterhäuschenfest am 8.Dezember, also morgen um 17. Uhr!

Beitragsbild von Fran Vesel

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Globetrotters Sehnsucht nach Zuhause
Nebiga

Globetrotters Sehnsucht nach Zuhause

Shakshuka heißt das Gericht. Mit ihm beginnt die Sehnsucht, die Sehnsucht nach Zuhause.

Cafe de Olla eingegossenSamstagmorgen. Ich bin gegen zehn im Haus eines Freundes aufgewacht. Verkatert noch setze ich mich zu den anderen an den Tisch in der Küche. Ihnen geht es übrigens nicht besser. Es war eine lange Nacht gewesen. Nur die Hausfrau, tu mama wie mein Freund zu seiner Schwester sagt, wuselt herum, stellt an das eine Tischende Tortillas, bringt jedem eine Tasse Café de Olla, plaudert fröhlich durch den Duft von Zimt, Kaffee und Nelken und ignoriert unsere wortkargen Antworten. Ich versuche, mich langsam an das Licht zu gewöhnen, das grell durch die Glastüre der Terasse scheint. Auf einmal – ich merkte kaum, wie sie vor mir landeten – lachen mich zwei Eieraugen aus einer Tonschüssel an. Sie schwimmen in einer Sauce aus Tomaten und anderem Gemüse. Shakshuka, ey, guten Morgen!

Huevos fritos nennen sie es in Mexiko, „gebratene Eier“ also – eigentlich meinen Mexikanier damit „bloß Spiegeleier“. Dass allerdings meine Großmutter plötzlich mit ihnen vor mir steht, damit habe ich nicht gerechnet.

„Iss Kind!“, sagt Großmutter und schenkt den Chai ein.

Während ich die Gabel mit dem ersten Bissen zum Mund führe, setzt sie sich mir gegenüber. Es ist wie früher. So wie damals als ich noch ein Kind war und sie die größte Erzählerin der Welt.

Die mexikanischen Eier schmecken etwas anders ich Shakshuka kenne, mehr nach Chili und Zwiebel, weniger nach Harissa, Sumach und frischem Koriander.

Dazu gibt es Tortillas statt Brot.

Aber die Erinnerung kommt trotzdem wieder, kommt wieder zu mir zurück. Schuld ist das Ei. Es schmiegt sich wie in meiner Kindheit an die Zunge, glättet die Schärfe der Soße. Ich hörte Großmutters Stimme.

Die Leute behaupten, dass damals ein Kaufmann in der Stadt lebte, ein rechter Schlaufuchs, aber ritterlich und großmütig. Er war ein stattlicher Mann, lachte gern, war freundlich und sanft. Und weil er so ein weites Herz im Leib  hatte… und einen weitläufigen Weinkeller dazu… besuchten ihn seine Freunde genauso häufig wie sie ihn in ihre Häuser einluden. Tatsächlich verbrachte er kaum eine Nacht allein.

Des Globetrotters Heimweh

Auslöser für diese Erinnerungsfetzen mag immer wieder etwas Anderes sein: Ein Gewürz vielleicht, ein Duft, ein vermeintlicher Bekannter. Globetrotter kennen diesen Augenblick – den Moment, in dem plötzlich die Luft um sie herum flirrt, der Atem stillsteht – die Erinnerung sie weglockt. Sie von dort weglockt, wo sie gerade sind und wie sie sich gerade fühlen… Ihnen das längst Verlassene vorgaukelt; sie nur wenig später zurücklässt – mit der Sehnsucht nach Zuhause.

Als wieder einmal die Reihe an ihm war, eine Abendgesellschaft auszurichten, bereitete der Kaufmann alles vor: Die kleinen Köstlichkeiten scharf und sauer, salzig, süß klebrig und ein bisschen bitter. Es wäre despektierlich sie Snacks zu nennen oder Fingerfood. Er stellte den Wein zum Atmen raus, frisches Obst und Käse dazu. Pölster und Matten legte er ebenfalls bereit und die Musikinstrumente, die so einige seiner Freunde zu spielen wussten. Mit einem Blick musterte er abschließend sein Werk, nickte zufrieden und ging hinaus – in die Stadt, um seine Freunde zusammenzutrommeln.

Heimweh überfällt auf StraßeHeimweh überfällt Globetrotter unvorhergesehen, macht sie melancholisch und lässt sie schon einmal überlegen, ob es an der Zeit wäre zurückzukehren. Vielleicht um den Wechsel der vier Jahreszeiten wieder zu fühlen oder zu sehen, wie schnell sich zuhause alles dreht. Was hält davon ab, sofort das Flugticket in die Heimat zu kaufen? Zurückzukehren?

Großmutter?

Es begab sich, dass in der gleichen Stadt ein anderer Kaufmann lebte, ein Wanderer. Noch jung an Jahren hatte er ein verführerisch hübsches Gesicht mit verschmitzten Augen. Einst war er mit allerlei Waren und viel Geld aus seinem Land gekommen und hatte sich in dieser Stadt niedergelassen, weil sie ihm so gut gefiel. Sein Geld hatte er mittlerweile verprasst. Denn er hatte in Saus und Braus gelebt. So manchem Mädchen hatte er den Kopf verdreht und ihr Geschmeide und schöne Stunden geschenkt, bis er nichts mehr besaß außer den Kleidern, die er am Leib trug, und den Witz, um sich aus den verzwicktesten Lagen herauszureden.

Eines Tages war es aber so weit gekommen, dass er trotz aller Ausreden sein Haus verlassen musste. Er konnte seine Schulden nicht mehr bezahlen. Von da an streifte er durch die Stadt – tagsüber auf der Suche nach einem Reisegefährten. Mit ihm wollte er in sein Land zurückkehren. Nachts jagte er nach einem Schlafplatz.

Was davon abhält zurückzukehren

Geldmangel? Der fehlende Reisegefährte? Nein, das ist es eher weniger, das mich hält. Ich habe zwei Leidenschaften. Beide ereichen, dass ich in diesen seltenen Augenblicken des Zweifels wieder auf Spur komme. Mich erinnere, warum ich weiter unterwegs sein will:

1. Schreiben

In Heimweh-Momenten nehme ich eines meiner Notizbücher und schmökere. Abgesehen davon, dass es eine Weile braucht, bis ich die Schrift entziffern kann, lenkt mich der Inhalt ab, weckt meine Neugier. Warum ist „morgen“ in Mexiko anders als „morgen“ bei mir zuhause? Was genießt die Familie, bei der ich wohne sonntags besonders? Wo kommen jene Affen her, die ich auf der Insel mitten im See von Catemaco, Vera Cruz, beobachtet habe?

Hinter dem Horizont meiner Beobachtungen und Geschichten steckt so viel mehr. Wer kann da zurück?

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2. Kochen

Wenn ich keine Lust zu schreiben habe, meine Hände aber beschäftigen will, hilft es mir zu kochen.

Die Globetrotter, die ich kenne, sind alle Häferlgucker. Nichts ist aufregender als das neue Rezept, die fremden Gewürze, die Gerüche oder die ungewohnte Machart. Küche ist ein weites – ein unendliches – Feld und Kochen die Ausrede, unter all dem Fremden doch auch wieder das Eigene, die Heimat, mit hineinzubringen.

Für dich mag das ja gelten! Aber unser junger Kaufmann konnte mit dem Schreiben nichts anfangen. Auch hatte er keine Ahnung von häuslichen Dingen. Er wollte nur zurück. Und so zog er durch die Gassen und hielt Ausschau nach einem, der ihn nach Hause bringen würde.

Wie er sich die Augen wundschaute, sah er auf der anderen Seite eine über die Maßen schöne und anmutige Frau. So schön war sie, dass ihm schien, die Sonne verneige sich.

Schüchtern ist kein Wort, das ich gebrauchen würde, um den jungen Mann zu beschreiben. Er sprach das Wunderwesen sogleich an. Sie reagierte,  scherzte und schäkerte. Lange dauerte es nicht und er schlug vor:

„Komm, suchen wir uns ein gemütlicheres Plätzchen.“

„Gut,“ sagt sie, „Gehen wir zu dir!“

leere Straße mit bunten HäusernSchon bereute er seine Worte! Er verfluchte, dass er sie gefragt hatte. Ungerecht war es! Nur weil er mittellos war, sollte ihm eine solche Gelegenheit entgehen. Wie peinlich aber, ihr erklären zu müssen, dass er kein Heim besaß. Die Wahrheit konnte er auf keinen Fall sagen. So lief er vor ihr her – zickzack durch die Straßen der Stadt.

Wie nur… wie… konnte er sie loswerden?

Einfach so tun als ob

Eine Gasse nach der anderen schritt der mittellose Kaufmann ab, ohne die erhoffte Rettung zu finden. Schließlich gelangte er in eine Sackgasse, an deren Ende eine verriegelte Tür zu sehen war.

Schloss an Tür„Gott soll meinen Diener verfluchen! Er hat die Tür abgeschlossen und ist weggegangen!“

Er ließ die Schultern hängen. „Meine Dame“, sagte er, “ Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll!“

„Was machst du für Aufhebens wegen eines Schlosses, das vielleicht zehn Dirham wert ist,“ war ihre Antwort. Sie krempelte ihre Ärmel auf, griff sich einen Stein von der Straße – und schlug zu. Die Tür sprang auf.

Was blieb dem armen Mann anderes übrig als einzutreten.

Mi casa es tu casa! Ein Satz, der zu Mißverständnissen führen kann: Mein Haus ist dein Haus. Phrase für viele, schnell ausgesprochen; nichtsagend denken die meisten Touristen… so lange bis eines Tages ihre Urlaubsbekanntschaft vor der Tür steht. Aber wer schon einmal erlebt hat, wie Feste am nächsten Morgen im Haus eines mexikanischen Freundes zu Ende gehen, glaubt nicht mehr daran, ein Lippenbekenntnis zu hören.

Wie staunte der Kaufmann, als er einen großen Empfangssaal voll Pölster vorfand. Natürlich setzte er sich, lehnte sich an ein Kissen, die Frau entkleidete sich… und es kam wie es kommen musste…

So zum Vergnügen

Tanzende Arabische Frau„Was musste kommen, Oma?“ Das fragte ich immer an dieser Stelle.

Ich höre das Lachen, sehe ihr schelmisches Zwinkern. Meine Großmutter sitzt mir jetzt gegenüber, mitten unter den nichtsahnenden Freunden, die Tortillas reihum reichten – durch sie hindurch. In meinem Kopf hallen ihre Worte:

Er spürte jetzt erst, wie hungrig er war.

„Weißt du, ich kenne mich in meinem eigenen Haushalt nicht gut aus. Auf meinen Diener ist gewöhnlich solch ein Verlaß, dass ich mich um nichts kümmern muss. Schau du doch in der Küche nach, was er zum Essen vorbereitet hat.“

Die Frau fand Töpfe voll Köstlichkeiten in der Küche, einen Kringel Brot mit Sesam und eine Karaffe mit klaren, gefilterten Wein. Sie schöpfte einen Teller voll, nahm Brot und Wein mit. Das aßen und tranken sie gemeinsam und verbrachten ein schönes Stündchen miteinander, lachten, sangen, spielten.

Währenddessen…

Was das Shakshuka meiner Großmutter so tief in der Erinnerung verankerte? Das Brot. Sie buk es einmal die Woche, ein Gruß an Mahgreb, an ihre Familie, die sie nach ihrer Heirat selten besuchen konnte. Im Brot lag ihre Sehnsucht nach Zuhause. Wenn ich ein Stück davon abbrach, es in die Soße mit Ei tunkte und daran lutschte, rannen immer ein paar Tropfen über mein Kinn. Ich schleckte schnell, doch nie schnell genug.

„Nimm die Serviette! Warum wohl habe ich sie dir hingelegt?“

Wahre Gastfreundschaft

Währenddessen… kam der Hausherr mit seinen Freunden an die Pforte. Sofort bemerkte er das aufgebrochene Schloß, wunderte sich über die verriegelte Tür und hörte Lachen im Haus. Und weil er ein kluger und neugieriger, jedoch kein ängstlicher Mann war, schickte er die Freunde weg:

„Ach, das tut mir jetzt leid! Da sind wohl ein paar Verwandte zu Besuch gekommen. Verschieben wir den Abend auf morgen!“

Als die Freunde gegangen waren, klopfte er.

Wie erschrak da der Mann im Innern des Hauses! Aber die Frau stürmte zur Tür, riß diese auf und schalt:

„Dein Herr war ausgesperrt. Was bist du nur für ein nachlässiger Diener! Geh und entschuldige dich.“ Und während der Mann in den Pölstern am liebsten darin verschwunden wäre, folgte der Hausherr der Aufforderung, stieg die Treppe hoch und trat in den Empfangsraum.

„Herr, sagte er, „bitte verzeih! Ich war länger mit deinen Aufträgen unterwegs als ich dachte.“ 

An genau diesem Punkt der Erzählung war das Kind in mir normalerweise empört. Das war doch irgendwie verkehrt. Wie kann der Hausherr sich so behandeln lassen? Aber meine Großmutter schüttelte nur sanft den Kopf.

Zu dritt hatten sie doch noch einen viel schöneren Abend: Der Hausherr tat alles auf, was er eigentlich für seine Freunde vorbereitet hatte. Solange bis der mittellose Kaufmann ihn bat, sich doch selbst in der Küche zu bedienen und ihnen auch Gesellschaft zu leisten. Die Frau tanzte… sie lachten und erzählten Geschichten. Als es schon tiefe Nacht war, richtete der Hausherr die Betten für das Paar und wünschte gute Nacht.

Als der Morgen graute, erwachte die Frau: „Ich möchte jetzt gehen,“ sagte sie, verabschiedete sich und ging davon. Der Hausherr rannte ihr mit einer Geldbörse voll Silbermünzen hinterher, übergab ihr das Geld und entschuldigte sich für seinen Herrn.

Dann ging er in die Küche. Als der junge Mann etwas später in den Empfangsraum kam, zwinkerten ihm zwei Eieraugen zu.

„Shakshuka, mein Herr?“ fragte der Hausherr und reichte ihm die Tonschüssel.

Da fiel der Mann auf die Knie.

Eine lange Freundschaft ward geboren.

Was stillt die Sehnsucht nach Zuhause?

Shakshuka schmeckt mit Tortilla auch, aber anders. Das fällt mir erst nach drei Tassen Café de Olla auf, wovon ich sowieso zwei für Chai gehalten habe. Es ist als gehe es allen so: Alle wachen auf. Plötzlich bekommt tu mama ein Kompliment nach dem anderen.

Ihre Eier sind ein Gedicht! Und der Kaffee erst. Was für eine Wohltat! Das Richtige heute, das einzig Wahre!

Die mexikanische Mama freut sich. Endlich zeigen sich die Lebensgeister ihrer Gäste wieder. Vor lauter Freude tischt sie weiter auf.

Ob wir noch süßes Brot wollen? Etwas Melone? Ananas? Noch eine Tortilla. Ach, Vögelchen, ihr müsst nicht immer auf eure Figur achten. Warum nicht? Bist du auf Diät! Früher waren’s ja bloß die Mädchen, aber heute… heute spinnt der Junge genauso. Etwas gebratene Bohnen? Guacamole?

Gegen fünf am Nachmittag können wir schließlich aufbrechen. Heute und morgen brauche ich nichts zu essen; soviel steht schon mal fest. Als ich mich in der Türe noch einmal umdrehe, grinst meine Großmutter mich an.

„Wollte der mittellose Kaufmann eigentlich noch immer in seine Heimat zurück,“ frage ich.

Wer weiß?

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Alpträume der Baba Jaga
Nebiga

Warum Baba Jaga Albträume hat

Gut, dass Baba Jaga so zurückgezogen lebt! Schon vor langem ihr Hüttchen auf Hühnerbeinen noch tiefer zwischen die Bäume hineingetrieben hat. Dorthin, wo der Wald so dicht und dunkel ist, dass man die Hand vor den Augen und die Füße auf dem Weg nicht sieht.

Hätte sie nicht so früh Maߟnahmen ergriffen, müsste sich Baba Jaga jetzt gegen Anhänger wehren. Gegen „Fäns“ oder „Followers“, die in Bussen zu ihr pilgern; sie zwecks tiefsinniger Prophezeiungen löchern und Heilsalben von ihr fordern.

Sie müsste tagtäglich Menschen riechen, besonders aber an den Wochenenden. Diese stünden Schlange, um „Großmütterchen“ zu sehen.

Großmütterchen, ha!

Und Baba dürfte keinen fressen; müsste die vom verlockendem Menschenduft geblähten Nasenlöcher freundlich kräuseln und sich den Fragen widmen. Den Nerv tötenden Fragen über die Zukunft der Welt, das Liebesglück einzelner oder die Anzahl der Jahre ihrer armseligen Leben.

Als interessierten die weise Alte Nichtigkeiten wie diese… Wie ein Krieg ausgeht zum Beispiel, ob das eine Land mehr Recht hat zu siegen als das andere, wer die kommende Wahl gewinnt und wie lange voraussichtlich jemand an der Macht bleibt.

Schwesterchen Wanda aus Petrich, Bulgarien

Baba-VangaIn Petrich, Bulgarien, zum Beispiel war eine ihrer zwei Schwestern, eine der drei Babas in der Welt, tatsächlich mit der Frage nach Spielergebnissen der Nationalmannschaft konfrontiert worden: Ein Schnauben war das einzige gewesen, was der Wahrsagerin solche Dummheit wert war.

Danach hatte es gleich geheiߟen, zwei Mannschaften mit B würden es ins Finale der Weltmeisterschaft 1994 schaffen. Dass die Bulgaren dann im Viertelfinale gegen Italien verloren, entäuschte die hohen Erwartungen.

Sterbliche interpretieren, manipulieren und machen auch nicht vor Mythen und uraltem Wissen halt. Wenn aber nicht hält, was sie sich versprochen haben, fühlen sie sich von der Wahrsagerin verraten anstatt von ihren Schlussfolgerungen.

Das erwartet heute eine gute Hexe

Baba und ihr neues Haus

  • Heute hätte Baba Jaga Umsatzsteuer auszuweisen, einen eigenen Registereintrag und eine Website.
  • Vor ihrem Haus, einem, das extra für sie gebaut worden wäre, würde eine Frau Heilsalben, natürliche Kosmetikas und Fläschchen mit Kräutertinktur an Touristen und Ratsuchenden verkaufen. Diese Frau säße Tag für Tag auf der Stufe, ohne im Geringsten zu ahnen, wie ihr Menschenduft den Appetit der ach so liebenswürdigen, harmlosen, alten Kräutersammlerin im Haus anregt.

Liebenswürdig? Harmlos? Blind sind sie, die Menschen! Viel blinder als die Babas selbst.

Die meisten Menschen erkennen nicht, wer Baba Jaga tatsächlich ist, bemerken die Totenschädel mit den glühenden Augen in ihrem Garten nicht, obwohl diese Tag und Nacht leuchten.

Ach, die Ahnungslosen!

  • Auf Youtube-Videos würden Vorhersagen, die angeblich von ihr stammen, im Wortlaut weiterverbreitet, kommentiert und zur Auslegung der vielgerühmten Schwarmintelligenz vorgelegt.
  • Sie müsste ungezählten Selfies beiwohnen, die dann mithilfe von Suchmaschinen weltweit aufzufinden sind.
  • Ihre Lebensgeschichte hätten geschäftstüchtige Männer verfilmt. Im Fernsehen würden Politiker mit ihr auftreten. Hitler war angeblich bei Baba Wanda gewesen – und Todor Schivkov, lange Jahre Diktator Bulgariens, zählte zu den „Stammkunden“.

Aufdringlicher, hinterlistiger, verbissener Mann!

Kein Wunder, dass Schwesterchen Wanda sich zum Sterben hingelegt und ihre Seele lieber nach Frankreich geschickt hatte. Sie wußte, dort würde einmal ein Kind geboren, blind, wissend, eigenartig – eine alte Seele.

Wer Baba Jaga heute sucht…

Baba Jagas NachtWer 2017 Baba Jaga um Rat fragen will, muss in die Stille gehen. Das Smartphone ausschalten. Es kann den Weg sowieso nicht leuchten.

Wer sie sucht, muss sich jeden Schritt in Dunkelheit ertasten. Die Weise hat sich rar gemacht, dreht ihr Hüttchen nur noch, wenn es dreimal klopft: von der Liebe, von der Seele – und vom Tod. Der Weg zu Baba Jaga ist also beschwerlich, sie duldet keine Ablenkung.

Und es ist der Alten egal, ob es gefällt oder nicht. Bei ihr gibt es sowieso keinen Empfang.

Titelbild von Viktor Vasnetsov

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Die Hexe Baba Jaga
Nebiga

Wer ist sie, die Hexe Baba Jaga?

Baba Jaga, sagen die einen, ist eine Hexe. So einfach ist das. Nur ist sie anders als alle Anderen. Das fängt damit an, dass sie keinen Besen fliegt. Besen sind zum Fegen. Und damit basta.

Wenn sie sich schon fortbewegen muss, dann bitte bequem in einem Mörser sitzend, nicht auf einem Holzstab, der zwischen den Beinen zwickt. Ihr Fluggefährt dirigiert sie mit dem Stößel; sie braucht ein Ruder – Mörser fliegen einfach drauflos oder trudeln im Kreis, wenn niemand ihnen sagt, wo es lang geht..

Ihre Hütte: Wo es richtig gemütlich ist

Die Hütte der Baba Jaga Sie verlässt ihre Hütte mitten im Wald nicht gern. Wozu auch?

Einmal steht ihr Hüttchen auf Hühnerbeinen. Damit kann sie so weit fort gehen, wie sie will. Nur will sie meistens nicht. Ihr gefällt der dichte Wald schon ganz gut, wenn er auch mehr und mehr mit diesen Russen bevölkert ist. Überall sind Menschen, riechen verlockend. So gerne würde sie die fressen. Aber mittlerweile sind es viel mehr als sie verdauen könnte.

Vasilia im Garten der Baba Jaga

Trotzdem stecken in ihrem Garten ihre ganz eigenen Rosenkugeln. Statt der Kugel an der Spitze hat sich Totenschädel angebracht. Trophäen aus einer alten Zeit. Die Augenhöhlen glühen, geben Feuer und Licht.

Menschen verpesten überall die Luft. Am schlimmsten sind die christlichen Priester, diejenigen, die den alten Glauben zunichte machen. Vor allem den Glauben an sie. Und diese Priester hinterlassen an allen Ecken und Enden ihre Klöster, ihre Kirchen, ihre Ideen.

Baba Jaga lebt in slawischen Märchen

Sie ist das, was sie immer war: eine schillernde Figur. Eine mit vielen, in den bekanntesten Märchen aber eine mit besonders häßlichen Gesichtern: Ihre Lippen hängen bis zum Kinn. Die Nase wächst lang und krumm, dicke, schwarze Warzen verunstalten ihre Wangen. Eisernen Zähne blitzen.

Wen dieses Bild wenig schreckt, den inspiriert sie. Sie ist Wolke, Mond, Tod, Winter, Schlange, Vogel, Pelikan oder Göttin der Erde…

Ist sie böse? Ist sie gut?

In den Geschichten, die über sie in Umlauf sind, zeigt sie, dass sie beides kann. Wer zu ihr kommt, muss vor allem arbeiten können, muss loyal und ehrlich sein. Aber auf keinen Fall unterwürfig!

Nichts haßt sie so sehr wie Menschen, die sich selbst nicht vertreten können.

der Ritt der Baba Jaga

Wer macht von so einer Schreckschraube schon ein Porträt? Da muss schon ein Mann her, der schon vor langer Zeit ausgezogen war, um das Fürchten zu lernen. Ein Mann wie Iwan Jakowlewitsch Bilibin, am 16. August 1876 geboren, 1942 gestorben. Er zog aus, Baba Jagas Welt zu malen. Gelungen sind ihm die schönsten Märchenbücher der Jahrhundertwende.

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