Der bösen Schwiegermutter das Wort
Nebiga

Aphrodite: Der bösen Schwiegermutter das Wort

„Böse“, schimpfen sie mich. Ich sei das Urbild der missgünstigen Schwiegermutter. Eifersüchtig auf die Jugend, neidisch auf die Schönheit einer Sterblichen.

ICH? Weil ein Mädchen namens Psyche den Menschen als betörend galt; diese es als neue Göttin ausriefen. Die Männer natürlich. Es hatte angeblich sogar welche gegeben, die Psyches Reinheit verherrlichten; ihr Blumen vor die Haustür streuten.

Reinheit… jaja

  • Was wissen Menschen denn? Nur, weil ihnen ein Schreiberling – wie hieß er noch gleich? Apuleius, dieser Lügenbeutel, seine Version der Geschichte aufschrieb. Dichter…  dass ich nicht lache!

Aber ihr glaubt lieber ihm, ihr Sterblichen. Ihm und seinen Nachfolgern. Sie machten mich zur Ursache von Psyches Leiden; pressten das Schicksal des Mädchens in ihr Weltbild; quetschten so lange, bis es passte. Apuleius war nicht dabei. Er hatte keine Ahnung, wovon er erzählte.

Die Menschen haben vergessen, wer ich bin, wer Cupido, wer Apollon. Ihr habt uns andere Namen gegeben: Venus, Amor, Apollo. Das Orakel von Delphi hat das seine beigetragen. Als  wüssten die Priester – gerade die! Sie wissen  nichts. Stümpern herum seit Apollo meine Seherinnen hatte umbringen lassen.

Als Schwiegermutter sage ich euch

Schönheit vergeht. Gerade bei den Sterblichen. Und was bleibt? Charakter. Nur der.

Wie sollte Psyche aber einen entwickeln, wenn sie sich den lieben langen Tag in ihrer Kammer die Augen ausweinte. Sie wünschte sich einen Geliebten; sehnte sich nach einem, der sie selbst und nicht ihre Schönheit liebte.

  • Ah geh…

Besser wäre gewesen, sie hätte sich die Augen nach einem ausgeweint, von dem sie glaubte, ihn selbst zu lieben. Das bildet!  Besonders den Charakter.

Sie hätte sich aufmachen sollen, um zu lernen, sich zu vertrauen. Dafür hätte sie tatsächlich einen Mann brauchen können: Einen, auf den sie warten musste, stundenlang, weil er sie vergessen; weil er den Kopf voll Arbeit; weil er andere Frauen getroffen hatte. Was immer. Hauptsache einen, der ihr zeigte, wie wichtig es ist, unabhängig zu sein und ihr eigenes Leben mit Freude zu füllen.

Dazu wollte ich ihr verhelfen: Ich wollte, dass sie sieht, wovor sie sich hüten muss: Wahllos irgendjemandem ihr Glück anzuvertrauen. Das aber konnte sie nur durch einen Menschen erfahren, von dem sie glaubte, ihn zu lieben. Genau zu einem solchen sollte ihr mein Sohn verhelfen…

Was aber tat Amor?

Er verliebte sich selbst in sie. Er, ein Gott. Kein Sterblicher, kein Mann, mein Sohn. Dann wollte er sie gleich auch noch besitzen. Ohne ihre Zustimmung entführte er sie. Er war ja verliebt.

  • Als ob das irgendetwas entschuldigen würde!

Psyche lernte zu lieben… ja, doch, was blieb ihr Anderes übrig? Amor versteht – so sagen alle – etwas davon, eine Frau die Nächte genießen zu lassen. Was diese Liebe bedeuten würde, das konnten beide nicht vorhersehen.

  • Naja, ein Techtelmechtel, dachte ich. Soll er seinen Spaß haben.

Das ging solange gut, bis Psyche Amor ins Gesicht sah. Ihn erkannte.

Das mögen wir Götter nicht.

Wohin floh Amor vor ihrem Blick? Zu Muttern. Aber nicht, dass er mir etwas erzählt hätte.

  • Ein Tropfen Kerzenwachs habe ihn verletzt. Also bitte! Eine schwächere Ausrede hätte selbst ihm nicht mehr einfallen können.

Psyche war geschickter

Sie ahnte, dass ihr bei Liebeskummer nur eine Frau helfen konnte. Am besten eine erfahrene. Und wer hat mehr Erfahrung als ich, die Göttin der Liebe. Möglicherweise Schwiegermutter in spe.

Sie liebe Amor, sagte sie, wolle ihn, wie er war.

Hier war er, der Keim der Charakterbildung. Ich war entschlossen, ihn zu nähren: Psyche sollte sich selbst vertrauen lernen.

Amor brauchte eine Göttin als Partnerin; eine Unsterbliche, die ihm Grenzen setzen konnte. Eine, die mit ihrer Ewigkeit auch ohne ihn etwas anzufangen wusste. Und nicht eine sterbliche Seele, deren Schönheit durch vergebliches Warten vergehen würde. Die ohne Freude dahinsiechen und letztendlich sterben würde.

  • Das war Psyche natürlich noch nicht klar, aber sie murrte nicht.

Drei Aufgaben stellte ich – nicht mehr

Drei, nicht vier, wie mir der Apuleius später unterstellte und mich damit zur bösen Schwiegermutter stempelte:

  1. Psyche sollte binnen Tagesfrist einen Berg aus Gerste, Mohn, Hirse, Weizen und Erbsen verlesen. Sie holte Hilfe – das kluge Kind. Sie rief die Ameisen, die ihre Aufgabe erledigten. Korn und Samen nach Sorte getrennt auf Häufchen stapelten.
  2. Dann sollte sie eine Locke der Schafe vom goldenen Vlies besorgen. Dazu verhalf ihr der Fluss. Sie selbst betörte ihn mit ihrer Klug- und ihrer Schönheit.
  3. Was ich zu dem Tropfen aus der Quelle sagen möchte: Wenn selbst Götter vor dem Drachen zurückschreckten, der diese Quelle bewachte… wie sehr wäre Psyche geachtet worden, hätte das Mädchen zum rechten Zeitpunkt begriffen. Ach, hätte sie bloß Apollos Behauptung, ihr geholfen zu haben, von Anfang an zurückgewiesen! Denn geholfen hat er wahrlich nicht! Der Gott der Dichtkunst rührte nicht einen Finger. Psyche überlistete den Drachen selbst. Sie allein bat den Adler des Zeus, ihr zu helfen. Und der Adler half.

FreiheitDoch das Mädchen konnte ihre eigene Leistung nicht erkennen. Zu unerfahren mit göttlichem Werk! Und schon nutzten andere ihre Zweifel, ihre mangelndes Selbstvertrauen.

  • Apollo, sagten sie, hätte ihr geholfen. Ja klar, ausgerechnet…

Als könnte der Gott der schönen Worte der Natur befehlen? Hah – diese Macht hat er nicht und wird er auch nicht bekommen, ewig nicht.  Er kann die Natur besingen, gern. Aber mehr ist nicht! Da nützt es ihm auch nicht, das Orakel von Delphi erobert und meine Priesterinnen getötet zu haben. Da können die Usurpatoren – seine Priester – erzählen, was sie wollen. Tatsache ist: Die Herrscherin der Natur bin und bleibe ich. Weiblich. Ich, Psyches Schwiegermutter.

Die vierte Aufgabe

Die vierte Aufgabe war in Wahrheit überhaupt keine Aufgabe. Die Büchse mit Proserpinas Schönheit sollte nicht für mich sein. Was sollte ich mit der Schönheit aus der Unterwelt? Ich bin ja schon die Göttin des kleinen Todes!

Die Büchse war kein von mir als Schwiegermutter geplanter Verrat; ein Quentchen dieser Schönheit hätte Psyche unsterblich gemacht.

  • Ach, hätte das Mädchen ihre Neugier nur eine kleine Weile bezähmen können!

Gerade so lange bis es wieder an der Oberwelt gelandet wäre. Ja, dann hätte Psyche ihre Göttlichkeit aus eigener Kraft geschafft. Leider war Diskretion nicht gerade ihre starke Seite.

  • Ein Blick nur  – schon wandelte sich ihr Schicksal.

Psyche versank in todesähnlichen Schlaf

Kaum glaubte mein Sohn, seine Geliebte auf ewig verloren, flehte er mich an. Bettelte, bat und schmeichelte. Amor besitzt die Macht nicht, Leben zu schenken. Da braucht der Liebesstifter schon Muttern dazu.

Dann machte ich einen Fehler. Diesen Schritt bereue ich bis heute! Oh, und wie ich ihn bereue… Ich erweckte das Mädchen, ohne dass ich selbst vor ihr erschien.

  • Ja, ja… ich war zu faul, ich gebe es zu. Ich war Amors Gebettel leid. Um keinen Preis wollte ich reisen – schon gar nicht an so einen ungastlichen Ort.

Ich ahnte ja nicht, wie hoch der Preis sein würde! Amor redete seiner Geliebten ein, als sie aufwachte, sie verdanke ihm und Apollo alles. Sie beide hätten Psyche gerettet. Das I-Tüpfelchen setzte Göttervater Zeus. Er machte das Mädchen zur Göttin von seinen Gnaden. Dann verheiratete er es auch noch mit meinem Sohn.

Psyche konnte nicht mehr aus freien Stücken wählen. Sie war von „Rettern“ umgeben. In der Unterwelt hatte sie vergessen; vergessen, was sie geleistet, wofür sie gekämpft und gestritten hatte. Für ihre Göttlichkeit, ihre Freiheit, ihre Lebenslust.

Psyche erduldet , weil sie sich abhängig glaubt. Heute werkt sie in Amors Haus, gebiert ihm seine Kinder. Kocht, putzt, wäscht und wartet –  wartet Stunde um Stunde: mit dem Essen, mit dem Schlafen oder darauf, dass er sie in die Stadt mitnimmt. Sie vergeudet ihr Leben.

Manchmal findet sie Arbeit, aber übt sie nur solange aus, solange Amors Bequemlichkeit nicht leiden muss. Ohne Hidschab geht sie nie aus dem Haus. Ihre Schönheit, sagt sie, hebe sie auf – für meinen Sohn. Sie sei ihm so dankbar… dass er sie genommen, sie gerettet hat.

  • Als Schwiegermutter möchte ich sie schütteln. Leb‘ doch, lebe!

Amor hat mittlerweile beides satt: Psyches Schönheit und ihre Abhängigkeit. Wie ich höre, vergnügt er sich in der Stadt. Er denkt über eine zweite Frau nach, sagt er. Eine, die ihn herausfordere, ihr eigenes Leben lebe…

  • eine, halt, die Pfeffer hat.

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Muse unterwegs
Leo Nerdette

Kreatives Leben: Was macht denn eine Muse so?

Künstler*innen ohne Muse sind arm dran, heißt es. Aber ehrlich – wozu lässt sich heutzutage eine Muse überhaupt gebrauchen? Was macht die so?

Schwer zu erklären. Am besten ich erzähle euch von Finn…

Finn trägt einen abgetragenen Hut von Tom Waits und ist wie der Sänger „leptosom“: Ein Spargelzacken eben – mit dem Gesicht eines Rauhaardackels und der Stimme des Blues.

Er fährt Rad und mit ihm seinen Regenschirm spazieren. Ich stelle mir gern vor, wie er den Schirm zusammenrollt und mit einem Klettverschluss am Oberrohr befestigt; über das er sein rechtes Bein schwingt und ins Pedal tritt, um los zu fahren.

Beobachtet habe ich ihn dabei noch nie, denn Finn fährt Rad wie andere Porsche – rasend: Er taucht unerwartet auf und genauso verschwindet er wieder. Sein Gefährt röhrt nur nicht. Ihn zu halten ist unmöglich; ihn dazu zu kriegen zurückzukehren, wahrscheinlicher. Launisch ist er, fordert Aufmerksamkeit und zappelt herum, wenn er mich küsst.

Aber wie er riecht! Einmal an ihm geschnuppert und schon begrüßt mich ein Augustmorgen im Wald. Was so gar nicht zu ihm passt, weil Finn zur Stadt gehört – durch und durch: Röhrenjeans, Sakko und Fliege inbegriffen. Es grenzt an ein Wunder, dass er mich auf dem Land so oft besucht.

Er genieße die Ruhe, sagt er.

Welche Ruhe?

Wenn ER da ist, habe ICH keine. Finn ist nämlich meine Muse, männlich – der Beste seines Fachs.

Was es bedeutet, wenn die Muse ein Mann ist

  • Das kann nicht sein!
Musen-Sarkophag

„Musensarkophags“ (2. Jahrhundert n. Chr.), gefunden an der Via Ostense, heute: Louvre, Paris

rief ich mit zwölf aus, als er mir erklärte, wer er war.

In griechischer Mythologie machte mir damals niemand etwas vor.

  • und das weißt du, weil…?

fragte er.

  • Ich hab‘ Bilder gesehen. Alle haben Kleider an und so…
  • Natürlich. Du hast auch drunter geschaut…

Seit damals küsst meine Muse mich. Hin und wieder;  manchmal mehr, manchmal weniger – nicht immer willkommen: Dichten ist – wie ihr wisst – eine Kunst. Eine brotlose vor allem und so murmle ich jedes Mal vor mich hin:

  • Was schreibst du denn da? Das bringt doch nichts!

Sätze, die Finn ignoriert. Er ist eben ein Mann und folgt seinem eigenen Kopf.

Was es nicht gerade fördert, das Musen-Sein.

Finn  küsst dann, wann er will. Er denkt nicht daran aufzutauchen, wenn ich Abstrakte schreibe, Gliederungen, ein Konzept; wenn ich  Abgabetermine einhalten oder  Präsentationen produzieren muss.

  • Da hätt ich mal ein paar Ideen brauchen können!

maule ich, ernte aber nur einen erstaunten Blick.

  • Ich habe schließlich noch anderes zu tun!

Vom rechten Augenblick

UhrenWehe aber, ich stehe mit dem Kind auf dem Arm vor dem Supermarkt und packe mit einer Hand den Einkauf in den Kofferraum. Das Kind brüllt. In einer halben Stunde habe ich einen Interviewtermin, muss vorher noch  Einkäufe und Kind abliefern, Laptop holen – mir läuft die Zeit davon.

Da… fühle ich den Kuss auf der Stirn.

  • Nicht jetzt, Finn!

Beleidigt radelt er davon und lässt sich nicht mehr blicken – wochenlang. Um morgens um vier aufzukreuzen: Küsst mich versöhnlich auf die Schulter.

  • Das meinst du nicht ernst, oder?

murmle ich.

  • Nutze die Stunde der Inspiration!

Klar werfe ich das Kopfkissen; ins Leere. Ich grunze zufrieden, falle ins Bett zurück: Ahhh… Timing ist Finns Sache nicht.

Und dann noch seine Eifersucht! Nein – er hat nichts gegen Männer an sich. Bloß gegen solche, die mit mir zusammen wohnen und das gilt auch für meinen Sohn. Meine Muse teilt nicht mit anderen, schon gar nicht meine Aufmerksamkeit.

Kein Kuss, kein Gruß. Funkstille.

Ghosting nennt man das heute wohl.

Schutzgott meiner Kunst

Schutzgott mit Porky PieSo ruhig könnte ich leben! Warum also tu ich mir das an?

Weil…

Sobald mich ein Sommergewitter überrascht, überholt Finn mit seinem Rad. Bleibt stehen, steigt ab, spannt seinen Regenschirm  und hält ihn über mich. Ich rieche  Sonnenlicht auf Tannennadeln, lehne mich an ihn. Konfetti rieselt auf mein Haar.

Und weil…

Finn mir die Holzscheite einzeln reicht, mit denen ich das Feuer meiner Wut schüre. Den Hut, den abgetragenen, dreht er demütig in der anderen Hand; sein Rauhaardackelgesicht lächelt verschmitzt und mit Blues in der Stimme fragt er:

  • Wie sollen wir diesen hier nennen? Neid? Selbstmitleid? Oder allein dir zugefügtes Unrecht?

Das hält niemand lange durch; ich jedenfalls nicht.

Besonders aber, weil…

Er mich in jenen Momenten am liebsten küsst, in denen alle um mich herum genau wissen, was Sache; ihr Meinungskorsett fest geschnürt ist – die Taille geformt, der Busen gehoben und der Bauch schön flach.

  • Sieh nur, wie alles passt!

staune ich – voll der Bewunderung.

  • Papperlapapp,

knurrt Finn,

  • viel zu geformt und steif. Wo sind die Pölsterchen, die Kanten, die losen Fäden?

Finns Kuss schärft meinen Verstand, spitzt die Krallen und meine Zunge dazu. Als Muse, findet er, hat er nur ein Ziel – mich  und meine Kunst am Atmen zu halten. Dichten muss ich können. Sonst nichts.

  • Ähhh… leben doch wohl auch…
  • Red‘ keinen Unsinn!

sagt er.

  • Das ist eben die Kunst.

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Granatapfel
Nebiga

Hades: Verliebt in der Unterwelt

Was bisher geschah: Hades. der Herr der Unterwelt überredete die junge Göttin Persephone, ihn  in sein Reich zu begleiten. Sein Trick? Er versprach ihr Wissen über die Schatten und die Dunkelheit. Außerdem versicherte er, sie würde zum Abendbrot zurück sein, vorausgesetzt natürlich sie würde in seinem Reich nichts essen. Was er verschwieg? Die Unterwelt kannte weder Tag noch Nacht – Zeit ist im Dunkeln ein dehnbares Gut.

Aber was machte das schon? Unter Göttern spielt es doch keine Rolle, ob man zum Abendbrot desselben Tages oder Monate später zurück kam. Was würde Persephone schon verpassen? Sie schien außerdem nicht an die Oberwelt zu denken. Die junge Göttin hielt mit ihm Schritt; ließ sich nur von ihm helfen, wenn sie sich an einem schmalen Grat entlang hanteln mussten, und fragte. Fragte viel.

Alles schien sie zu begeistern – und Hades erklärte es ihr: Dunkelheit und Schatten, Erdschichten und woran sie Granat-, Gold- und Diamantadern erkennen konnte; zeigte ihr unterirdische Seen und  Tropfsteinhöhlen. Er stellte ihr sogar Charon – den Fährmann – vor – griesgrämig wie er war. Die Göttin Charon, Fährmann der Unterwelt der Jugend brachte selbst diesen zum Lächeln. Sie verbreitete Freude, wo immer sie auftauchte. Auch wenn die Schatten diese nicht spüren konnten – Hades erfüllte sie.

Das unterirdische Reich wuchs dem Gott noch stärker ans Herz – und er genoß Persephones Nähe. Sobald Hades bemerkte, dass seine Angebetete im Dunkeln fror, legte er den Arm um ihre Schultern. Sie aber tauchte unter diesem durch, lief vor und deutet auf eine Gesteinsader:

  • Granat nicht?

fragte sie. Ein anderes Mal forderte sie Hades heraus: Kletterte über schroffe Felsen, zwängte sich durch Tunnel und rief, er solle schneller machen. Dann wieder schmiegte sie sich an – schlüpfte jedoch weg, sobald sie etwas entdeckte, das sie noch nicht kannte.

Der Gott wusste nie, was kam. Es machte ihn… wahnsinnig!

Hades braucht Rat.

Den Fährmann um Rat zu fragen, wäre Hades früher niemals in den Sinn gekommen, aber  jetzt musste er sich eingestehen: Er brauchte Rat und es gab in der Unterwelt niemanden sonst, dem er sich anvertrauen wollte. So rief der Gott Charon in einem ruhigen Augenblick zu sich.

  • Sag mir, was fühlt Persephone für mich?

fragte er – geradeheraus wie er es seinen Leuten gegenüber gewohnt war. Charon schaute verdutzt und brummte:

  • Herr, wie soll ich das Herz einer Göttin kennen?
  • Wie kann ich es herausfinden? Was kann ich tun?
  • Fragt sie. Nur Persephone selbst weiß, ob sie Euch mag, Herr!

Einen solchen Rat zu befolgen, kostet Überwindung – besonders einem Gott. Hades erwog das Für und Wieder – mehrmals und länger als üblich! Schließlich machte er sich auf, seiner Angebeteten seine Gefühle zu offenbaren. Es war an der Zeit, fand er.

Ein Baum in der Unterwelt

Er entdeckte Persephone vor einer Felswand. Sie zeichnete mit einem Stück Kohle, folgte der Struktur einer Granatader und zeichnete Äste, Blätter, Früchte. Die Göttin war so vertieft, dass sie nicht bemerkte, wie Hades näher trat. Er räusperte sich.

  • Siehst du, welch schöne Äpfel diese Granate wären,

sagte Persephone, ohne sich umzudrehen. Hades kämpfte mit sich: Wie sollte er sich einem Rücken erklären? Die Göttin deutete auf ihr Wandbild:

  • Hier sind die Blätter; Schatten lassen sie leben… Dort die Früchte! Es wird ein Baum, denke ich.

Endlich wandte sie sich um – und Hades blieb der Atem weg. Ihre Augen leuchteten, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. Feuer brannte in ihnen, Leidenschaft. Sie hatte gemalt, funkelte  vor Leben. Wie konnte er dagegen an?

Wie sollte er sich erklären?

GranatapfelDoch Götter haben Ideen, auf die Sterblichen nie und nimmer kommen würden. Dem Herrn der Unterwelt kostete es einen Wink – und aus der Felswand brach ein Baum. Die Zeichnung erwachte zum Leben: Stamm, Äste und Zweige entstanden aus den Kohlestrichen, Früchte aus dem Granat:

  • Hast du ihn dir so vorgestellt?

fragte er. Persephone blickte ihn bewundernd an.

  • Dass du das kannst!

rief sie. Für diesen Blick würde er die Unterwelt in einen Garten verwandeln! Aber er sah ihren Augen an, dass es nicht nötig war. Persephone hatte verstanden. Das Schweigen wurde ihm lang:

  • Und?

bohrte er. Die Maid betrachtete ihre Hände, wischte die Kohle an ihrem Kleid ab.

  • Wie hast du dir das gedacht?

sagte sie plötzlich.

  • Wie soll der Baum hier unten überleben? Er braucht Wasser, Erde – Sonnenlicht.

Advent, Advent – ein Lichtlein brennt! Erst eins, dann zwei, dann drei…

Geduld! Wie’s weiter geht, erfährst du am am vierten Adventsonntag!

Schau‘ dann wieder rein! Ich freu‘ mich auf dich 🙂

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Barbara, die sich weigert
Leo Nerdette

Die eine Barbara, die sich weigert

Barbara war nie „recht“. Das fing schon früh an. Ihr Vater Dioscuros konnte sich nicht mehr erinnern, wann, aber er wusste noch, dass sie ein wunderschönes und eigentlich verträgliches Baby gewesen war. Schön anzusehen fand er sie auch mit neun, aber …

Pferde sind nichts für dich, Barbara! Was schleichst du im Stall herum? Geh und hilf Mutter beim Kochen! Was heißt, du willst nicht? Ich habe es gesagt – und basta. Geh!

Eine Augenweide war sie mit elf, aber…

Was steckst du deine Nase schon wieder in die Schriften? Die sind nichts für dich. Davon bekommst du nur Falten… füll deinen hübschen Kopf mit Nützlichem. Stick etwas!

Wunderschön sah sie mit dreizehn aus, aber

Wo treibst du dich herum? Du hast nicht in die Stadt zu gehen? Was? Du diskutierst? Mit wem? Am Marktplatz? Hattest du jemanden mit? Nein? Bist du wahnsinnig? Du ruinierst meinen Ruf! Geh auf dein Zimmer! Zwei Wochen will ich dich nicht sehen!

Als fünfzehnjährige war sie die Schönste der Stadt, jeder junge Mann – und auch so mancher alte – renkte sich den Hals aus, als er ihr nachsah, wenn sie auf den Marktplatz lief, aber

Der Sohn des Apothekers hat um deine Hand angehalten. Was heißt, du willst nicht? Wir haben nicht ewig Zeit. Du wirst früh genug faltig und alt. Wie? Ich kann mir die Mühe sparen, einen Mann für dich zu suchen? Was, bitte, heißt das? Du heiratest! Wen ich will!

Heirat als Ausweg?

Mit 18 hatte sich nicht nur die Kunde von Babaras Schönheit über das ganze Land verbreitet, sondern auch ihr Ruf, alle Anträge abzulehnen. Was natürlich noch mehr junge und alte Männer in das Haus des Vaters trieb und noch mehr Streit brachte. Barbara ließ sich nicht erweichen.

Sie wolle nicht heiraten – nicht einen einzigen dieser Männer. Sie überlegte, Jesus zu heiraten. Und eines Tages teilte sie ihrem Vater ihren Entschluss mit.

Waaas? Ist das nicht der Jüngling am Holzkreuz? Dieses Kreuz, das die Christen anbeten? Bist du völlig übergeschnappt? Was für Unsinn redet dir diese Sekte ein? Diese Verrückten, diese Gotteslästerer! Dorthin gehst du nicht mehr. Ich verbiete es!

Doch selbst Väter lernen dazu. Da Dioscuros wusste, dass seine Tochter sein Verbot kaum einhalten würde, ließ er einen Turm bauen. Einen Turm ohne Türe, mit nur zwei Fenstern und sperrte sie ein.

Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen hast!

Barbara weiß, ihre Vernunft ist eine andere

Für ihren Vater „vernünftig zu sein“, da weigerte sich Barbara – und darüber hinaus: Sie fand einen Weg, sich taufen zu lassen, dem Turm beizukommen und zu fliehen. Ein Hirte verriet ihren Fluchtort – worauf ihr wahres Martyrium begann. Dieses endete damit, dass Dioscuros höchstselbst seine Tochter enthauptete.

Erleichterung brachte ihm weder die Quälerei noch seine schändliche Tat: Barbara verweigerte sich als Geschundene genauso wie als Tote. Sie wollte nicht „funktionieren“:

  • Ein Kirschzweig, den sie berührt hatte, begann mitten im Winter zu blühen.
  • Heuschrecken fraßen den verräterischen Hirten.
  • Den Vater tötete ein Blitz, genau nach seinem tödlichen Streich.
  • Die Menschen beten zu ihr und flehen um Schutz – und das über Jahrhunderte hinweg.
  • Ja, Barbara schlich sich sogar in den Volksmund, vor allem den süddeutschen:

Margaretha mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl.

Sind die Zweige der Barbara ein Zeichen der Rebellion?

In der römisch-katholischen Kirche beäugten Historiker Barbara ebenfalls skeptisch. Sie passte eigentlich nicht. Nicht unter die Heiligen.

Hatte sie tatsächlich gelebt?

Bekannt seien ja nur die Legenden, historisch nachweisen ließe sich nichts. So kritisierten die Heiligsprech-Experten den Status der rebellischen Barbara. Sie strichen deshalb im Zuge der Liturgiereformen des zweiten vatikanischen Konzils (1962-1964) die  heilige Barbara aus dem römischen Generalkalender.

Doch die Dame ist populär! Sie lässt sich nicht stillschweigend streichen. So beobachtet am 4. Dezember der Vorbeifahrende auch heute noch in manchen Regionen Vasen mit Zweigen im Fenster. Abends von einer Kerze beleuchtet.

Außerdem blieb Barbara die Schutzherrin der Architekten, der Glöckner, der Maurer, der Zimmerer – und all der anderen Bauarbeiter. Sie gewährt weiterhin als Patronin aller Berufe, die mit Feuer zu tun haben, ihren Schutz – auch der Artillerie.

Die Kirche wurde ihr einfach nicht Herr!

Ihr Gedenktag blieb daher in einigen Regionalkalendern erhalten: in Österreich zum Beispiel, in Polen, Portugal, Slowenien, Frankreich und Italien. Barbara wehrt sich weiterhin hartnäckig. Sie kämpft immer noch an vielen Fronten.

Warum lässt sie es nicht gut sein?

In Theorie… weil sie eine Andere ist, eine viel Ältere.

Es heißt, sie gehöre eigentlich zu den keltischen Göttern. Sie sei Borbeth, eine der drei Bethen.

Die Römer hätten ihr einfach einen anderen Namen gegeben:

„Barbara“ – die Ausländerin.

Beitragsbild: Saint Barbara of_Nicodemia - Jan van Eyck (1437)

 Tipp für den 4. Dezember

Im Mühl- und auch im Waldviertel, Österreich, steht ab 4. Dezember nahezu in jedem Haus ein Strauch aus Barbarazweigerl. Er soll spätestens am Christtag zu blühen beginnen.

Früher schlossen die Bauern daraus, ob es eine gute Ernte geben wird. Barbara soll aber mit den blühenden Zweigen auch zeigen, wer von der Familie im nächsten Jahr Glück haben wird: Dafür stellt man einen Zweig pro Familienmitglied in die Vase und schmückt ihn mit einem Wollfaden – für jedes Familienmitglied in einer anderen Farbe.

Macht euch also auf! Heut ist ein milder Tag – genießt den Waldspaziergang! Nehmt eine Gartenschere mit und schneidet ein paar Zweige. Weicht sie über Nacht in Wasser ein und stellt sie in eine Vase. Vielleicht antwortet Barbara ja.

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Wie Gott Hades die Frau fürs Leben fand

Großmutter erzählt nachts in der Stube

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Hades am Eingang seines Reiches
Nebiga

Gott Hades sucht die Frau fürs Leben

Zeus, der Göttervater der Griechen, teilte die Welt unter sich und seinen Brüdern auf. Damit es gerecht zugehe, ließ er das Los entscheiden, welchen Teil wer bekommen sollte. Sein ältester Bruder, Hades, zog die Unterwelt. Andere wären mit diesem Los unglücklich gewesen. Sie hätten sich sogar beschwert, Gott Hades aber war zufrieden. Ihm sollte nun ein gigantischen Reich gehören – ein unterirdisches zwar, jedoch eines von besonderer Schönheit, durchschimmert vom Zauber der Dunkelheit.

Der Gott zog sich sofort auf seine neuen Ländereien zurück; machte sich mit ihnen, ihren Grenzen und den Bewohnern vertraut und regierte. Er nahm seine Pflichten ernst: Den Seelen der Verstorbenen ein Zuhause zu geben, war eine davon. Streit zu schlichten, eine andere. Außerdem galt es, die Schätze der Erde zu beschützen und über die wenigen Zugänge in sein Reich zu wachen. Nicht jeder durfte in die Gefilde der unteren Welt: Nur Seelenschatten und Träume. Über sie herrschte er:

Gerecht, sagten die Griechen, nannten den Gott aber auch den Unbeugsamen, den Furchtbaren.

Wenn es seine Pflichten erlaubten, streifte Hades durch die Lande; an den Felsufern der Seen entlang; zwängte sich durch Kalk-Passagen, über Schluchten in Tropfsteinhöhlen, die wie Paläste hochragten. Wände schimmerten, durchzogen von Granat-, Kohle- oder Gneisadern; Diamanten funkelten. Es gab so viel zu entdecken! In den Gewölben der Höhlen hielt der Gott an, atmete tief ein; ließ den Geruch durch seine Nase strömen – den nach Moder, Erde und Stein. Er genoß die Weite; lauschte in die Ruhe seines Reiches.

Doch manchmal sang diese in seinem Kopf – und er erinnerte sich: An die Freude… das Licht und die Farben der Oberwelt. In einem solchen Augenblick wünschte sich Hades eine Frau.

Eine Göttin sollte es sein

Dann wusste er, es war an der Zeit, seinen Bruder zu besuchen. Vom Himmel aus ließen sich die Frauen der Welt besser begutachten und Zeus war nie abgeneigt, einen Blick zu riskieren: Die Brüder lugten dann auf die Erde hinunter.

Vom Himmel herab

  • Was sagst du zu der?
  • Zu blond.
  • Und die?
  • Was soll ich mit einer Nymphe?
  • Hmmm, aber die. Die wär‘ doch was? Sieh‘ dir bloß diesen Hintern an! Was meinst?
  • Eine Sterbliche? ZEUS, sie soll meine Königin werden!
  • Na, wenn du nicht… Ich wäre nicht ab… ohh… sie bückt sich…

Wenn er bloß einmal bei der Sache bleiben könnte! Hades fuhr seinem Bruder an:

  • Zeig‘ mir nur die Göttinnen, die noch keinen Gatten haben!

Doch so einfach, wie der Gott es sich vorgestellt hatte, war es nicht: Selbst als er eine fand, die ihm gefiel und die sich nicht vor einem näheren Kennenlernen sträubte, gab es eine Hürde, die keine nahm: Keine wollte mit ihm in die Unterwelt, geschweige denn dort bleiben.

Hades kehrte allein zurück in sein Reich; machte weiter wie bisher: Herrschte, schlichtete, wachte, streifte umher – und lauschte der Stille.

Bis eines Tages… Lachen seine Ruhe störte. Es perlte an sein Ohr und riss ihn aus den Gedanken. Nach dem Lachen hörte er eine Stimme:

  • Lasst mich! Ich klettere da jetzt hoch! Da oben war ich noch nie!
  • Ach was, ihr redet ja wie Mutter…
  •  Ohhh – dieser Blick – und erst das Licht! Wartet nicht auf mich, hier male ich!

Natürlich musste Hades nachsehen, was los war. Jemand befand sich an der Grenze SEINES Reiches – und es dürfte sich um keine Seele handeln. Genau dort, wo das Dunkel der Unterwelt auf das Licht der Oberwelt traf, spähte er aus der Höhle nach draußen. Er blinzelte; es dauerte eine Weile bis sich seine Augen an das Licht gewöhnten.

Da sah er sie zum ersten Mal: Persephone, die göttliche Maid.

Und was Hades sah!

Persephone war die Jugend, die Frische selbst. Sie war der Wind, der zart durch die Haare streift oder das Morgenrot, das die Dämmerung vertreibt. Alle Menschen, ja sogar die Götter, waren in sie verliebt; ein bisschen jedenfalls: so ähnlich wie in den Anfang eines Abenteuers; wie in den Funken einer Idee.

Dieses göttliche Wesen saß nun vor ihm auf einem Felsen, ein Blatt auf dem Schoß und malte. Er konnte sich nicht satt sehen. Alles war ein Fest für seine Augen: Die Farbkleckse auf ihrem Kleid genauso wie ihr zerwuscheltes Haar und die bloßen Füße.

Diese Göttin war für ihn gemacht. Endlich hatte er sie gefunden!

Er musste handeln, aber wusste so schnell nicht, wie. Glücklicherweise kommt auch Göttern hin und wieder der Zufall zu Hilfe: Diesmal in Form von Donnergrollen.

Persephone war so vertieft in ihre Malerei, dass sie es nicht zu bemerken schien. Es blitzte. Ihre Begleiterinnen riefen von fern. Doch erst als der Regen auf das Blatt tropfte, sah Hades sie aufspringen. Das Blatt an ihre Brust gepresst blickte sie sich um; näherte sich dem Busch vor der  Felsspalte, hinter der  er lauerte. Ihr Ellenbogen berührte den Strauch.

Da griff Gott Hades zu.

Advent, Advent – ein Lichtlein brennt! Erst eins…

Geduld! Wie’s weiter geht, erfährst du am zweiten Adventsonntag 😉

Schaut rein! Ich freu‘ mich auf euch 🙂

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4. Fenster: Barbara, die sich weigert

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Jaguarkrieger Cacaxtla, Garde des Moctezuma
Nebiga

Cortès und die Löffelchen des Moctezuma

Früher… ja früher war alles anders. Wenn damals aus einem historischen Ereignis eine Geschichte entstand, handelte sie meist von Männern. Nicht von irgendwelchen, sondern von denen, die regierten. Von einem wie der Allerheiligsten Majestät Karl V, zum Beispiel. Oder einem wie dem uey tlatoani, dem Großen Sprecher der Azteken: Moctezuma II.

Auch meine Geschichte erzählt von diesen beiden. Handeln aber… nun… in dieser Geschichte handeln zwei ganz andere.

Der Eine meiner Helden fragte sich an einem Morgen im Jahr Eins Rohr:

Warum nur strafen mich die Götter?

Erfüllte er seine Pflichten etwa nicht? Regelte er nicht von früh bis spät die Angelegenheiten anderer? Kaum schlug Cuautlipoc die Augen auf, überfielen sie ihn schon. Einmal waren es Moctezumas Boten, ein anderes Mal Bittsteller oder eben Nachrichten von einem der Küstendörfer wie an diesem Tag. Immer forderten alle, dass er sofort entschied, befahl oder bestrafte.

Ein Diener flüsterte ihm gerade zu:

  • Fremde sind mit riesigen Schiffen über das göttliche Wasser gekommen, Herr.

während Cuautlipoc selbst mit seinem Sohn beschäftigt war. Die Menge der Aufgaben überfiel ihn täglich neu –  überraschte ihn. So fügten es die Götter immer! Seine Pläne missachteten sie, verlangten aber die sofortige Unterwerfung unter die ihren. Dabei rollten die Diener gerade erst die Schilfmatte zusammen, auf der er schlief – und der Sonnenball lugte erst halb aus dem göttlichen Wasser.

Cuautlipoc blickte auf den Jungen, der vor ihm kniete; zog eine Augenbraue hoch und streckte den Rücken. Mächtig ragte das Familienoberhaupt auf. Sein Auge blitzte, gewohnt zu befehlen. Tief in ihm aber seufzte es.

  • Tete, es war nicht meine Schuld. Wir haben bloß…
  • Wir? Wer ist wir?
  • Nabi…
  • Halt! Ich will es nicht wissen. DU bist der Sohn eines Kriegers! Du kennst die Regeln. Hast du dich daran gehalten?

Respekt, Ehre, Dankbarkeit. Seit Monden schien sein Sohn, Itzel, alles mit Füßen zu treten, was ein Aztekenleben bestimmte. Es war als hätte er vergessen, dass er den Göttern diente. Wie konnte er nur! Die Lehrer im calmecac – der Schule für Krieger – hatten ihn heute nach Hause geschickt. Er wäre nicht würdig…

Sogar jetzt noch trotzte alles an dem Jungen. Wer, dachte er, dass er wäre? Dass er sogar hier und jetzt Widerworte wagte.

  • Aber…
  • Denkst du, dein Ungehorsam gefällt den Göttern?

Wenn die Väter der Azteken zürnen

Die Schultern des Jungen spannten sich. Wenigstens war er nicht dumm. Er wusste also, dass jedes weitere Wort die Lage verschlimmerte. Jetzt neigte er sogar den Kopf. Endlich! Der Junge irrte aber, wenn er glaubte, ihn – seinen Herrn und Vater – damit weich zu stimmen. Er, Cuautlipoc, würde niemals vergessen, was er den Göttern schuldig war.

Neuerlich trat ein Diener von der Seite an ihn heran, überreichte einen Speer. Cuautlipocs Finger legten sich wie in Trance um den Schaft. Vertrautes Gefühl! Er betrachtete die Spitze aus Obsidian und überlegte. Keine Zeit mehr für die angemessenene Strafe! Er konnte sie allerdings auch niemanden übertragen.

Während er nachdachte, legte ihm ein anderer Diener einen Umhang aus Leinen und Federn um die Schultern, verknotete diesen auf Brusthöhe  und schmückte seinen Hals mit einer Kette aus Glasperlen und Muscheln. Cuautlipoc nahm einen Federschild entgegen. Er war soweit.

Als Statthalter des großen Moctezuma gehörte es sich, die Fremden selbst in Augenschein zu nehmen. Er musste dem Großen Sprecher seine Augen leihen… Augen, Ohren und Mund. Eine weitere von unzählig vielen Pflichten.

  • Geh – ich kümmere mich um dich, wenn die Feuer bereit sind!
So bestraften Azteken ihre Söhne

Strafe für Aztekenjungen

Der Krieger wandte sich der Türöffnung zu; verschwendete keine Zeit, seinem Sohn zuzusehen, wie er sich auf den Knien rutschend zurückzog. Nichts würde dem Jungen Husten, Tränen und die Schmerzen ersparen. Ein Azteke musste lernen, die Götter zu ehren! Weder Flehen noch Fliehen würde ihm etwas nützen.

  • Bereitet Chili vor…

befahl Cuautlipoc den Dienern, bevor er sich der Türöffnung zuwandte und sich auf den Weg zum Strand machte.

Der andere atmete am 21. April 1519

Hernan Cortes,

Hernán Cortés aus ,Appletons‘ Cyclopædia of American Biography, v. 1, 1900, p. 748

Landluft. Hernán Cortés sog sie ein, ließ den Duft durch die Nase strömen, sich in ihm ausbreiten. Wie willkommen es dem spanischen Adeligen war – dieses Duftgemisch aus Sand, Seetang und Palmen.

Endlich hatte er das gelobte Land erreicht. Jenes Land, in dem es soviel Gold geben sollte, wie die Allerkatholischte Majestät sich nur wünschen konnte.

Und Cortés war hier gelandet, um sich seinen Anteil zu holen. Sich. Seinen Männern; ja und auch dem fernen König. Er würde nicht mit leeren Händen nach Spanien zurückkehren! Hatte er nicht alles, was er besaß, in diese Expedition gesteckt? Ein Abenteuer war es – ja, aber Cortés hatte höhere Ziele:

Mit Gott zu Gold und Ruhm!

An diesem Karfreitag anno 1519 beobachtete er seine Leuten, wie sie die Schiffe entluden. Alles wuchteten sie an den Strand: Kanonen, Gewehre, Rüstungen. Versteckt in den Dünen sicherten einige mit den bereits entladenen Kanonen den Strand. Andere bewegten die Pferde und Bluthunde, patrollierten, schossen Salut. Kein Grund sich zu verstecken! Die Indios sollten wissen, dass die Spanier gelandet sind. Kisten lagen verteilt im Sand.

Breitbeinig, die Arme hinter dem Rücken verschränkt überwachte Cortés die Arbeiten. 530 Soldaten und mehr als hundert Sklaven – Männer und ein paar Frauen. Sie alle standen unter seinem Kommando. Er war ihr Kapitän.

Seine Augen suchten den Horizont ab: Der Sreifen Strand war schmal. Gleich dahinter bauten sich wild bewachsene Anhöhen auf. Er würde Männer in diesen Wäldern Hütten bauen lassen. Hier unten waren sie zu ungeschützt. Möwen schrien.

Männer!

Wie der Kapitän es erwarten konnte, hielten alle inne. Sie hörten ihm zu; sogar die, die dem Spanischen nicht mächtig waren.

  • Diesmal wird nicht gekämpft. Wir rücken vor – ihr plündert nicht, ihr nehmt euch keine Frauen! Ich will keine Scharmützel, wie das letzte Mal.

Bevor Cortés den weiteren Verlust von Männern riskierte, musste er wissen, ob es in diesem Land tatsächlich Gold gab.

  • Würde der Widerstand groß sein, wenn er vorrückte?
  • Wer herrschte über dieses Land?
  • Mit wem würde er es zu tun bekommen?

Noch wusste er zu wenig: Die vergangenen Zusammenstöße mit den Einheimischen hatten ihn keinen Schritt weiter gebracht. Diesmal galt es zu lernen. Gott war an seiner Seite! Hatte er ihn nicht eine  Sklavin erbeuten lassen, die der Sprache der Einheimischen mächtig war?

  • Ihr werdet nichts tun, was die Indios aufbringt. Tauscht Essen gegen Glasperlen… ja. Aber nicht gegen Gold! 

Grummeln, ein Murmeln wogte durch die Zuhörer, ein empörtes Flüstern. Bevor einer der Männer jedoch laut gegen den Befehl des capitán aufbegehren konnte, hob Cortés die Hand.

  •   Heute geht es um Unzen, morgen um Bergwerke. Bedenkt, was auf dem Spiel steht!

Auf jeden Fall die Peitsche für jeden, der seiner Order zuwider handelte. Soviel stand fest. An den grimmigen Mienen erkannte Cortés, dass sie verstanden hatten. Selbst die, die nur erahnen konnten, was er eben verkündet hatte.

Einen Altar würde er bauen lassen. Ja, und die Priester mussten eine Messe lesen – eine Heilige Messe schien ihm das Richtige zu sein.

Die Begegnung

Eines musste er den Einheimischen lassen: Sie beherrschten es, sich anzuschleichen. Den Anführer der Küstenbewohner bemerkte Cortés erst, als einer seiner Kanoniere rief. Der Indio hatte da bereits mit seinen Leuten den Strand betreten.

Kerzengerade blieb der Anführer in einiger Entfernung stehen; eine Narbe zog sich durch sein rechte Auge. In der Unterlippe steckte ein Stück Stein, grün. Jade? Kein junger Mann, eher in seinem eigenen Alter, vielleicht sogar älter.

Warum Cortés wusste, dass er einen Anführer vor sich hatte? Einmal war es  die Haltung – und ja, der Umhang; reichverziert mit Federn und türkisblau, anders als die einfachen, weißen Wollumhänge der Indios tags zuvor. Blaue Federn schmückten auch sein Haupt, das – glattrasiert – nur einen Zopf trug.

Viel später erst sollte Cortés erfahren, dass bei den Azteken nur Krieger, die sich bereits bewährt hatten, so einen Zopf tragen durften. Auch ein Schild wie jenes, das eben in der Sonne schimmerte.

Noch mehr Einheimische traten aus dem Gebüsch, einige mit Äxten andere mit Früchten, Gebratenem und Fischen in Händen.

Der Spanier winkte die Sklavin herbei – seine Augen unverwandt auf die Besucher gerichtet. Wer weiß, wie viele noch im Gebüsch versteckt waren. Ruhig nickte er dem Anführer zu und kam ihm, der sich nun gemessenen Schrittes näherte, mit der Sklavin und zwei Soldaten entgegen. Wohl wissend, dass die Kanoniere ihn deckten. So trafen die beiden aufeinander – der Gesandte Moctezumas und der Kapitän Karls V.

  • Seid gegrüßt, Fremde! Ihr habt euch Mühe gegeben, über das göttliche Wasser zu kommen. Was führt euch hierher?

sagte der Azteke. Die Sklavin übersetzte, und Cortés? Er begann zu verhandelt.

Augen und Ohren für Moctezuma

Im Innenhof waren die Feuer schon niedergebrannt, als Cuautlipoc endlich heimkehrte. Doch merkte er es nicht – auch sah er Izel nicht, der kniend im Schatten ausharrte, die Arme auf den Rücken gebunden.

Ein Diener sprang sofort auf, schürte die Glut. Die Flammen schlugen hoch, tanzten über die Fresken an der Hauswand. Ein anderer legte auf die Holzbank vor dem Feuer ein Waschbärfell.

Was sollte er Moctezuma berichten? Alles schien von Bedeutung – und doch… Manches musste der oberste Herr sofort und von ihm erfahren. Anderes sollten Berufenere deuten. Ob der Fremde ein Gott war, etwa. Der Krieger lehnte den Speer an die Bank. Damit wollte er sich nicht auseinandersetzen. Aber er musste Moctezuma unbedingt berichten, dass

  • einen das Feuer in Angst versetzt, das die Rohre der Fremden ausstoßen.
  • die fremden Krieger gerüstet kommen – mit Schilden, Lanzen, Holzspießen.
  • jeder auf seinem Kopf ein Haus trägt.
  • die Lanzen mit Eisenspitzen versehen sind.
  • das Kleid der Krieger ganz aus Eisen gemacht ist.
  • einer der Fremden eine Pauke trägt. Er rührt sie, so dass sie erschreckend dröhnt.
  • die Ankömmlinge auf Hirschen reiten.

In Cuautlipocs Augenwinkel flackerte der Widerschein der Flammen; Schatten duckten sich an der Hauswand. Er sah aufmerksamer hin: Itzel, sein Sohn. Kniete. Wartete. Nun – noch war er nicht an der Reihe.

Den obersten Herrn wolle er treffen, hatte der Fremde gesagt.

Seufzend setzte sich Cuautlipoc auf die Bank, seine rechte Hand strich über die Lehne, einen aus Holz gedrechselten Waschbärkopf. Wie sollte er diese Bitte in Worte fassen? In Worte, die seinen Herrn, Moctezuma, nicht beleidigten?

  • Wer ist er, dass er denkt, ein Treffen wert zu sein?
hatte er den Fremden gefragt.

Missverständnis über Missverständnis

Karl V

Carlos V

  • Ich bin Repräsentant seiner königlichen Hoheit, Karl V., dem Herrscher des mächtigsten Reiches der Welt.
  • Wie kann er das sein? Wenn der große Moctezuma, mein Herr, über die Eine Welt herrscht?
  • Das Reich Seiner Majestät, Ihrer königlichen Hoheit Karl V reicht so weit, dass sogar das Meer ihm gehört, als wäre es sein Vorgarten.
    Moctezuma
  • Ist nicht die Eine Welt umschlossen von göttlichem Wasser? Eines dient meinem Herrn als Vorgarten und eines – als Hinterhof. Warum also sollte sich der Mühe unterziehen, dich zu empfangen?
  • Es wird deinem Herrn zum Vorteil gereichen. Denn Karl V ist mächtig, aber auch reich. Er isst von Tellern aus Gold und Silber – ja sogar die Löffel sind aus Gold.

Gold? Was hatte der fremde Kapitän damit gemeint? Auch die Sklavin hatte kurz inne gehalten, so als müsste sie den Sinn der Worte erst erfassen. Als sie schließlich übersetzte, klang immer noch ein Hauch Erstaunen durch. Auch Cuautlipoc suchte den Heimweg lang nach einem Sinn – und noch auf seiner Bank, den abwesenden Blick auf seinem Sohn fand er keine Lösung: Wer brauchte Gold zum Essen?

Anmerken hatte er sich eine Verwirrung allerdings nicht lassen. Diese Blöße wollte er sich nicht geben.

  • Wechselt er auch – wie mein Herr – mit jedem Bissen das Löffelchen?
Die Produktion von Tortillas

Die Löffelchen des Moctezuma. Maler: Diego Riviera, Titel: Mais

hatte Cuautlipoc geantwortet. Bei dieser Erinnerung grinste er. Natürlich ließ er die beiden nicht aus den Augen, während die Frau übersetzte. War der Funken eines Lächelns bei ihr aufgeblitzt? Bewunderung für seine Schlagfertigkeit?

Sie sprach lange, winkte sogar einen seiner Leute herbei, der Maisfladen in einem Korb bei sich trug. Sie brach ein Stück ab, aß es, zeigte dem Kapitän Moctezumas Löffelchen.  Dessen Lippen verzogen sich zu einem dünnen Lächeln, als er begriff.

Derweilen hatte Cuautlipoc die donnernden Rohre gezählt.

Vom frühen Erwachsenwerden

Will jemand wirklich Handel treiben, wenn er so viele Waffen bei sich führt? Es stand Cuautlipoc nicht zu, diese Frage zu stellen, viel Weisere würden eine Antwort darauf finden müssen.

Krieger MoctezumasDie Entscheidung, ob die Azteken in den Krieg ziehen, lag letztendlich bei Moctezuma – und den Priestern, die alle Vorzeichen beurteilten. Denn Moctezuma trug die Verantwortung für die Familien der mexica; diese Fürsorgepflicht stammte von den Götter.

Die Götter…

Was Cuautlipoc an seine Pflicht erinnerte: Vor dem Feuer stand eine Schüssel, eine Schüssel mit Chilischoten. Hatte er tatsächlich erst heute Morgen befohlen, Itzels Strafe vorzubereiten? Ihm schien eine Mondphase vergangen zu sein…

Wie viele Chilis würden den Göttern genügen? Fünf, sechs Stück? Mehr?

Cuautlipoc musterte seinen Sohn. Er würde ihn über das Feuer halten, in dem Chilischoten verbrannten. Der Junge würde den beißenden Rauch einatmen müssen. Brennen würde sein Schlund in jedem Fall – Cuautlipoc bestimmte nur, wie sehr und wie lange er an den Nachwirkungen leiden würde.

Galt an diesem Abend tatsächlich noch, was am Morgen selbstverständlich gewesen war?

Itzel hatte, so hatte man ihm berichtet, mit dem maquahuitl gekämpft. Nicht mit dem Holzschwert, mit dem die Jungen in der Schule üben, sondern mit einem Schwert eines erwachsenen Kriegers. Eines mit einer Klinge aus Obsidian. Scharf, spitz, tödlich. Doch das war verboten. Er war noch nicht in den Kreis der Krieger aufgenommen.

  • Ungehorsam und unbescheiden

ließen die Lehrer ausrichten. Cuautlipoc hatte ihnen am Morgen geglaubt. Wie an die Eine Welt. Jetzt aber lag ein Tag hinter ihm, ein Tag, an dem der Krieger zu zweifeln gelernt hat.

Zwei. Zwei Schoten mussten den Göttern reichen.

Beitragsfoto von HJPD

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Beitragsbild:  Von Juan de Tovar, ca. 1546-1626 

Ganesha will eine Frau
Nebiga

Weil Ganesha eine Frau will…

Ganesha musste seine Eltern überlisten, um heiraten zu können. Sie – und auch seinen Bruder. Dass es ihm tatsächlich gelang, verdankte er vor allem sich selbst. Obwohl…

So richtig klar wurde es ihm erst, als seine Mutter lachte.

Ganesh Chaturthi

Wenn Indien feiert, dann feiert es ordentlich. Zum Geburtstagsfest von Lord Ganesha aber tobt das Land: Städte beben unter tanzenden Füßen, Mauern zittern, Echos hallen durch die Straßen. In Städten, wie Varanasi im Norden des Landes, sausen Geräusche und Gerüche durch die Gassen, prallen gegen die Gemäuer der Tempel genauso wie gegen die Kartonwände neuer Siedlungen. Die Töne der heiligen Gesänge aber folgen den Hauptadern, ducken sich unter den Rufen der Straßenhändler und dem Hupen der Mopeds hindurch, schlängeln sich weiter durch die modrige Hitze der Altstadt bis hin zu den berühmten Ghats, rollen über die Steintreppen und landen schließlich in den Fluten des Ganges.

Varanasi, älteste Stadt und Mittelpunkt des Kosmos, ist Ganeshas Vater, Gott Shiva, geweiht. Tausende Pilger ziehen jedes Jahr in die Stadt, um diesem nahe zu sein. Deshalb gibt es mehr als 200 Tempel. An Ganesh Chaturthi leuchten sie alle – die großen, berühmten genauso wie die kleinen, die versteckt in einer Sackgasse im Strassengewirr der Altstadt auf die Passanten lauern.

Vor einem dieser unscheinbaren Tempel hockt ein Junge auf einer Treppe, fünfzehn Jahre alt – vielleicht sechzehn. Sibi sitzt gleich neben einem Loch in der Mauer, früher einmal ein Fenster, heute die Lücke, die auf einen spärlich bewachsenen Platz führt: den Einheimischen Tempel, den Touristen das Innere einer Tempelruine, deren Mauern mit schreiend bunten Bildern beklebt und mit Girlanden verziert sind. Aufgeschichtete Steine ersetzen Bänke und  auf einem  Steinblock in der Mitte steht ein Opferteller und Kupferpfanne, aus der Weihrauch steigt.

Letzte Sonnenstrahlen fallen durch die Mauerlücke auf die Treppe; sie färben den Holzteller goldorange, der vor dem Jungen platziert ist. Auf ihm ist eine Pyramide Reistaschen – modak – gestapelt. Wer direkt davor steht, dem weht feiner Zimt- und Kokosduft in die Nase. Sibi zeigt immer wieder auf die Süßigkeiten und schreit:

Kauft modak! Geht nicht weiter ohne! Kokos mit einem Hauch Zimt, wie Ganesha es liebt. Drei Stück und schon steht ihr in seiner Gunst. Kauft modak! Drei Stück nur fünf Rupien!

Er hat kein leichtes Spiel, sich gegen  das Geplauder der Gläubigen durchzusetzen: Doch manche schenken den Reistaschen tatsächlich einen nachdenklichen Blick, einige greifen sogar in die Hosentasche, werfen ein paar Münzen hin und kaufen. Sibi ist erst gezwungen zu schweigen, als die Trommeln und Gebete einsetzen. Gegen diesen Lärm kommt er nicht mehr an.

 

Ganesha, bunter ElefantengottGanesha

entferne die Hindernisse Herr,

Verkörperung der Weisheit, Gott des Urklangs, Herr des Ursprungs und Wurzel des Seins!

gewähr uns Glück, gib Vertrauen

du, der du modak in Händen hältst!

Oh Elefantenköpfiger,

Gegrüßt seist Du!

Die Gläubigen außerhalb der Ruinenmauern buhlen ebenso laut um Ganeshas Gunst wie die am Platz im Inneren. So jedenfalls kommt es Sibi vor. Die dicken Mauern dämpfen den Lärm kaum. Dazu kommt, dass sich die Betenden  gegenseitig vorwärts, hin zum Einlass schieben; sie drängen dorthin, wo die Trommeln am lautesten den Rhythmus der Gebete vorgeben; wo der Tempelpriester im Singsang vorbetet. Neben ihm wartet ein katha darauf, endlich anfangen zu können. Der aus Bombay eingeflogene Erzähler ist für die meisten die wahre Attraktion des Abends.

Die Nacht über wird er erzählen.

Deshalb eilen mehr Menschen als sonst in den Freilufttempel. Allein um den katha zu hören – seine Geschichten, seine Gesänge.

Ganesha Elefant Bild schwarzGanesha wollte heiraten! Er fand, er war alt genug dazu und bat deshalb seine Mutter, ihm eine Frau zu suchen. Parvati gefiel der Vorschlag. Sehr sogar! Doch Ganeshas Bruder, Skanda, schmollte.

Bin nicht ich euer Erstgeborener, tapfer und flink, erprobt in vielen Kämpfen. Ich kenne die Welt, führe die Kriege, schütze die Grenzen. Ich verdiene eine Begleiterin, eine Braut. Such zuerst mir eine, bevor du Ganesha eine gibst. Das ist mein Recht. Für ihn spielt es keine Rolle, wie lange es dauert. Er kann warten! Ich aber nicht!

Ihr seht: Sogar in göttlichen Familien gibt es Probleme. Parvati hatte ihre Söhne gleich lieb. Wem also sollten sie den Wunsch zuerst erfüllen? Skanda, dem Älteren, oder doch lieber Ganesha, der ja zuerst gefragt und erklärt hatte, für eine Beziehung bereit zu sein. So bescherte Ganeshas einfache Bitte schlaflose Nächte.

Von einem der gehen will…

Die Trommeln verstummen, die Gebete auch. Ein Straßenhund will sich zwischen die Gläubigen innerhalb der Mauern zwängen. Doch so mager er auch ist, er findet keine Fleckchen mehr für sich. An der Mauerlücke staut sich eine Menschentraube – und immer noch stoßen weitere Neugierige dazu. Keiner will die Geschichten  verpassen, alle wollen sie lauschen.

An diesen Wartenden rempelt sich ein etwas älterer Junge vorwärts. Er duckt, schubst und schiebt sich an jenen vorbei, die in seinem Weg stehen. Eigentlich hält er nur dann, um etwas zu entgegnen, wenn sich jemand beschwert. Bald hockt er sich neben Sibi nieder.

Wie lange sitzt du schon hier?

Zwölf modak lang. So viel hab ich verkauft.

Davon weiß Mutter nichts, oder?

Natürlich nicht! Aber wer opfert schon so viel von dem Zeug? Drei reichen ja auch. Es schadet nichts, wenn ich ein bisschen verdiene. Jede Rupie zählt jetzt.

Du willst wirklich gehen?

Was bitte hält mich hier?

Familie? Freunde? Indien! Hier ist alles vertraut. Dort wird nichts so sein, wie du’s gewohnt bist.

Sibi grinst zufrieden. Doch bevor er etwas entgegnen kann, zischt jemand…

Schscht… Seht! Er hebt die Hände, seht, er verneigt sich…

Wie sieht er aus? Was hat er an?

Drei Tage Bart?

Oha, der ist ja kugelrund

Grau, er ist grau!

Was tut er jetzt? Hat er schon angefangen?

Hey kann jemand hören? Gebt weiter, was er sagt…

Wie? Was…?

Ach seid doch still!!!

Ganesha Elefanten BildDie rettende Idee kam Parvati morgens in jener Stunde, da Augen sehen, Ohren hören und Körper fühlen, aber der Geist träumt. Die Stunde eben, in der die Illusion der Welt am durchlässigsten ist. Sie weckte ihren Mann: Sollte sie es wirklich wagen? Würde es nicht zu schwer für sie selbst? Shiva brummelte nur. Da müsse sie durch. Es wären ja Jungs, sagte er und rief seine Söhne.

Ganesha und Skanda ließen sich nicht zweimal bitten, ahnten sie doch, dass ein Richtspruch bevorstand. Sie traten im feinsten Staat vor ihre Eltern hin.

Parvati hielt die Hand ihres Mannes, als sie sprach:

Ich suche einem von euch eine Frau. Demjenigen nämlich, der als erstes zurückkommt, nachdem er die Welt umrundet hat.

Kaum hatte er es vernommen, lief Skanda los. Er sprang auf sein Reittier – in seinem Fall ein Pfau – und verschwand bald am Horizont.

„Na toll“, murmelte dagegen Ganesha. Er dachte an sein Reittier: Eine Maus. Dann betrachtete er seinen Bauch… Abwarten und Tee trinken! – schien ihm die bessere Idee zu sein.

Und so kam es, dass der Weise, Vyasa, Lord Ganesha zuhause vorfand, als er dessen Hilfe brauchte.

 …. und von einem, der bleibt

Sibi lehnt sich weit zur Seite, nahe an das Ohr seines Bruders.

Siehst du, Jaimyn. Skanda macht es genau richtig! Schnell weg, die Chance nutzen… Google, Apple, Microsoft – Im Silicon Valley liegt meine Zukunft, sagt Onkel, nicht hier.

Aber alles ist doch da! Indien braucht uns doch auch. Dringend sogar! Wozu weggehen? Ob du hier studierst oder dort… Was kann das schon für einen Unterschied machen?

Onkel meint, es liegt an der Ausbildung. Wer in USA das Kodieren lernt, hat ausgesorgt. Komm doch mit, für dich ist es sicher auch besser…

Ich? Ach nee…

Warum nicht?

Der Weihrauch vom Altar durchsetzt mittlerweile die Luft, kratzt im Hals, juckt in der Nase. Selbst Sibi niest. Der Erzähler räuspert sich und richtet seinen Turban.

Lord GaneshaVyasa, der Weise, barg Verse in seinem Kopf. 100 000 um genau zu sein. Sie wollte er niedergeschrieben wissen. Er wollte dem indischen Volk das längste und vollständigste Gedicht der Welt schenken: das Mahabharata. Ein Gedicht über die Welt. Alles sollte darin zu finden sein – und was darin nicht erwähnt war, sollte es auch sonst nirgends geben.

Doch der Weise hatte Angst. Was, wenn er es nicht rechtzeitig beenden konnte? Seine letzten Jahre nicht ausreichten, um all die Verse niederzuschreiben? Deshalb suchte er Lord Ganesha und beugte sein Haupt.

Hilf mir zu schreiben, oh Herr! Beseitiger der Hindernisse

Das geht jetzt nicht. Es würde mich zu sehr aufhalten, Vyasa. Ich muss die Welt umrunden.

Ohne dich schaffe ich es aber nicht! Soll Indien wegen dir ohne mein Gedicht bleiben?

Hmm… Na gut, aber mach schnell! Wir haben nicht viel Zeit. Ich schreibe, auf keinen Fall jedoch warte ich auf dich. Diktiere durch! Kein Halt, kein Nachdenken…

Einverstanden. Eine Bedingung habe aber auch ich: Du musst den Sinn von dem verstehen, was du schreibst.

Und Ganesha schrieb. Während sein Bruder, Skanda, die heiligen Stätten der Welt aufsuchte – die Stadt Uruk zum Beispiel, den griechischen Berg Athos, Jerusalem, Tibet und die heilige Pilgerstadt Mekka – während der also pilgerte, notierte Ganesha Alles. So schnell schrieb er, dass sein Stift nach kurzer Zeit entzweisprang. Damit er nicht innehalten musste,  brach er seinen Stoßzahn ab und verwendete von nun an diesen.

Vyasa hatte seine liebe Not, mit dem Gott Schritt zu halten. Verzweifelt griff er zur List, den Sinn seiner Verse hinter Bildern zu verstecken. Das verlangsamte Ganesha ein bisschen: Er musste ja die Bedeutung erst finden.

Zur gleichen Zeit, als Skanda die heiligen Stätten endlich alle abgeklappert, die anderen Götter gegrüßt und Kerzen angezündet hatte, kam in Indien auch der Elefantenköpfige zu einem Ende. Vyasa verstummte.

Ganesha legte die beschriebenen Pergamente vor ihn. 100 000 Verse waren geschrieben.

Ihm aber knurrte der Magen.

Ich sollte noch etwas essen, bevor ich aufbreche. Mit leerem Bauch reist es sich nicht gut!

Geld, Ruhm oder Glück?

Im und um den Tempel herum ist es plötzlich still. Der katha schweigt. Die Augen geschlossen, denkt er nach – und kein Zuhörer regt sich. Niemand wagt, den Bann des Geschichtenerzählers zu brechen. Sie warten auf das Luftholen des Erzählers, um selbst auch wieder atmen zu dürfen.

Nur Jaimyn bewegt sich. Er greift rasch vor, schnappt sich eine Reistasche vom Teller  – und Sibi: Der versucht die Hand seines Bruders weg zu schlagen; er flüstert:

Hey, ich will die noch verkaufen.

Ah geh‘, auf die eine kommt es jetzt auch nicht an.

Auf jede Rupie kommt es an. Nur, wenn du genug Geld hast, hast du Erfolg. Ich will Erfolg! Hier verdienst du nichts, in Kalifornien schon. 

Die können dich doch dort gar nicht verstehen – und du verstehst auch nicht. Schau Onkel an. Schau doch hin! Klar, er spricht Englisch, aber sein Hindi stimmt nicht mehr. Er ist komisch. Er gehört hier nicht mehr dazu – und dort ist er auch nicht daheim.

Er kann etwas erzählen. Mehr als wir.

Nacht ist es geworden. Die feuchte, schwere Luft hinterlässt Tropfen auf der Stirn der Gläubigen. Ihre Spuren schimmern in den staubigen Gesichtern.

Aaaaauuuuummmm, summt plötzlich der katha

Ganesha Elefant Bild grünAls hätte er die Gedanken Ganeshas gehört, beschloss Kubera, Gott des Reichtums, zu einem Fest einzuladen. Zu diesem Fest sollte auch Ganesha kommen; einem Fest so rauschend, so üppig, so umwerfend, dass die Gäste noch Ewigkeiten davon erzählen sollten. Kubera war überzeugt, alle beeindrucken zu können.  Was heißt „beeindrucken“? Überwältigen wollte er seine Gäste.

Die Tische im goldenen Palast bogen sich: Alles, was es in der Welt zu essen gibt, fand man dort: Frittierte Heuschrecken genau so wie zart gebratenen Lammrücken, Mangocreme wie gebackenes Eis, Rote-Beete-Salat wie geeiste Gurke. Es würde noch eine Woche für ganz Alakapuri, seine prächtige Königsstadt reichen, wenn alle Gäste satt waren, dachte Kubera und war zufrieden. Doch hatte er nicht mit Ganeshas Appetit gerechnet.

Während Skanda in der Welt von Krieg zu Krieg zog, kämpfte und siegte, aß Ganesha. Was im Palast an Speisen zu finden war, vertilgte er. Als Kubera schließlich zugab, dass er nichts mehr auftischen konnte, hielt das den Elefantenköpfigen kaum auf. Er machte sich über Geschirr, Möbel und Zierrat her; er fraß fast den gesamten Palast und fast ganz Alakapuri.

Ich habe nichts mehr, Ganesha. Hör auf zu essen!

Doch Ganesha war noch zu hungrig. Er drohte Kubera selbst zu verschlingen. Erschrocken rannte dieser zu Ganeshas Vater.

Oh, glückverheißender Shiva, hilf! Dein Sohn wird nicht satt!

Nicht satt? Was kommst du zu mir? Schick ihn zu seiner Mutter!

In der Tat genügte es, beiläufig zu erwähnen, wie hervorragend die Gottmutter kochte… Ganesha ließ sofort von Kubera ab. Sehnsüchtig trottete er zu Parvati, die ihm modak gab – und war endlich wieder satt. Sein Bauch fühlte sich wohlig warm und rund an.

Was ihn so freute, dass er um seine Eltern tanzte.

Und Skanda?

Nachdem der letzte Friede  ausgehandelt war, vollendete ER seine Runde um die Welt.

Als der Hunger gestillt ist

Sibi tippte seinem Bruder an die Schulter. Er grinste.

Skanda kommt nicht zurück. Wer braucht schon die eine Frau? Frauen gibt es überall.

Er kommt. Du wirst sehen. Er will eine Familie, eine Frau von hier. Auch Onkel lässt Mutter eine für ihn suchen. Nur eine Hindu gibt ihm das, was er braucht. Sie weiß nämlich, wo ihr Platz ist.

Trommelwirbel unterbricht. Denn wenn Ganesha tanzt, drehen sich selbst die Gläubigen im Kreis, umrunden ihre Nachbarn. Dass sie mehr schieben als leichtfüßig tanzen, stört keinen. Die Musik, das begleitende Heulen der Straßenhunde und das Stampfen der Füße übertönt schließlich alles, was noch geflüstert hat.

Ganesha Elefant Bild OrnamentDick ist der kleine Gott, eigentlich kugelrund. Seine Beine sind plump und grob. Trotzdem wirbelt Ganesha herum, springt und folgt der Musik in seinem Kopf. Ganeshas Füße verbreiten seine Freude, sein Wohlbehagen, sein Glück über Gebirge, Wiesen, Flüsse, über Städte, Höfe und Sand. Den Menschen füllte sich das Herz mit Mut, Ideen und Auswegen. So lange tanzte er, bis eine der Wildgänse über den Köpfen der heiligen Familie schnatterte:

Herrin, oh Parvati, freu dich… Skanda ist bald zurück!

Da hielt Ganesha plötzlich still.

Staubig war sein Bruder, verschwitzt und abgekämpft. Der Pfau war schon vor Meilen erschöpft zusammengebrochen. Trotzdem trat Skanda unverzüglich vor seine Eltern hin.

Such mir jetzt eine Frau, Mutter! Ich habe sie verdient.

Wie Ganesha das Recht auf eine Frau verhandelt

Sibi runzelt die Stirn. Diese Wendung der Geschichte behagte ihm nicht.

Na, wenigstens muss Onkel nicht bleiben. Die Frau geht einfach mit ihm mit und gut ist’s.

Und was ist, wenn sie nicht will?

Bei der Vorstellung verdreht Sibi die Augen. Wer hat jemals von einer Frau gehört, die nicht das tut, was ihr Mann sagt? Er wischt den Gedanken zur Seite.

Du sagst selbst, eine Inderin weiß, wo ihr Platz ist.

Jaimyn schweigt, aber der katha summt. Im Licht der Öllampe nimmt man ihn und die Trommler verschwommen wahr. Alle anderen verschluckt die Nacht. So still ist es, dass er seine Stimme kaum mehr erheben musst.

dekorierter Elefant: GaneshaGanesha war mit der Forderung seines Bruders ganz und gar nicht einverstanden. Skanda hätte sich die Frau nicht verdient. Er sei ja viel zu spät zurückgekommen.

Bevor der erschöpfte Skanda vor Wut über seinen Bruder herfallen konnte, trat Parvati dazwischen.

Warum zu spät, Ganesh? Du hast dein Zuhause überhaupt nicht verlassen.

Was soll ich da draußen? Habe ich euch nicht dreimal umtanzt. Dreimal, bevor Skanda eintraf. Und wer, wenn nicht ihr, repräsentiert meine Welt.

Und genau das war der Moment. Jener Moment als Parvati lachte.

Brüder können triumphieren – so kriegen das andere Menschen gar nicht hin. Jaimyn ist keine Ausnahme. Er führt aufreizend langsam eine weitere Reistasche zum Mund und sieht Sibi dabei in die Augen. Sagen muss er nichts.

Parvati suchte ihrem Zweitgeborenen also eine Frau – daraus wurden schließlich sogar drei: Buddhi – die Weisheit, Siddhi – die Klugheit und Riddhi – der Reichtum. Aber auch Skanda ging nicht leer aus. Er bekam die Schwestern Devesena und Valli – die Macht des Handelns und die Macht des Willens. Wie es dazu letztendlich kam, das ist eine noch ganz andere Geschichte, schloss der katha – wohl wissend, dass er diese ganze Nacht hindurch erzählen würde.

Und die Reistaschen?

Sibi verkauft in dieser Nacht keine mehr. Irgendwie ist er auf den Geschmack gekommen – und die allerletzten drei legen er und Jaimyn morgens früh um fünf Uhr auf den Opferteller am Altar. Zur allerletzten Geschichte, zu der im Morgengrauen.

Die Zahl zum Märchen: 70 000 Computerspezialisten verlassen jährlich die indischen Universitäten. Das deckt kaum die nationale Nachfrage. Der überdurchschnittlich hohe Exodus hochgebildeter Söhne und so mancher Tochter in die westlichen Industriestaaten – allen voran USA und Europa – macht Indien schwer zu schaffen.

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Shiva und Parvati
Nebiga

Shiva und Parvati

Shiva saß auf dem Gipfel und meditierte. Während er sich von der Welt abwandte, wurde diese von Taraka terrorisiert. Der Dämon gierte danach, sich alle Lebewesen untertan zu machen. Gegenwehr erwies sich als zwecklos. Taraka wurde durch jedweden Widerstand nur noch stärker. Die sterblichen Götter suchten Brahma, den Gott der Schöpfung auf, der sich unter anderem diesen Dämon ausgedacht hatte. Brahma konnte oder wollte nicht helfen, je nachdem wie du es betrachten willst. „Aber gib uns wenigstens einen Hinweis, wie wir ihn besiegen können“, bettelten die sterblichen Götter. „So viel will ich euch verraten“, verkündete Brahma durchaus aufgeregt, denn er spürte, dass ihm ein Schauspiel bevorstand. „Der Sohn Shivas könnte ihn vernichten.“

Das Stöhnen der sterblichen Götter hallte durch alle drei Äonen. Die Lage war aussichtslos. Shiva hatte keinen Sohn; zudem war er gerade in sich selbst versunken, und Shivas Meditationen pflegten Epochen zu überdauern. Es war undenkbar, den höchsten aller Asketen dabei zu stören. Deprimiert nahmen die sterblichen Götter Abschied von Brahma. Das dauerte ihn, er sagte, Gäste soll man nicht mit leeren Händen ziehen lassen. Da horchten die Götter auf. „Es gibt eine,“ sagt Brahma, „die Shiva verführen kann. Sie heißt Parvati, ihr Vater ist Himvat, der König des Himalaja, ihre Mutter die noble Mena.“

Gott_KamaDie sterblichen Götter schmiedeten rasch ein Komplott der Verführung. Sie verbündeten sich mit Kama, der umgehend den Frühling heraufbeschwor. Er hatte so oft Lust gesät, hatte den Lauf der Gefühle so oft verändert, dass er sich seiner Unwiderstehlichkeit allzu sicher war. Als die jungfräuliche Parvati vor Shiva stand, zog Kama einen Pfeil aus seinem Köcher. Er legte mit der Ruhe eines Meisterschützen an. Parvati trat einen Schritt näher, ihre Hände zusammengelegt in einer Geste unschuldiger Reverenz, ihr Körper erwartungsvoll. Der Pfeil zischte aus dem Bogen und traf, wo er treffen sollte. Jeder andere wäre Parvati sofort verfallen, aber nicht Shiva.

drittes-auge-20140907Er schlug sein drittes Auge auf, das Stirnauge, und fixierte den ungläubigen Bogenschützen. Schneller als eine Erektion verfliegt, verwandelte sich Kama in einen Haufen Asche. Der Wind brauste auf und wehte die Aschepartikel davon. Sie gingen auf einem Rosenfeld nieder, vermischten sich mit dem Schweiß eines Bullen, wurden aufgeschnappt vom Schnabel eines Kuckucks. Parvati rannte davon. Sie sperrte sich in sich selbst ein. Es war, als habe der letzte Pfeil Kamas sie getroffen. Shiva ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Sie sprach seinen Namen vor sich hin. Sie begann regelmäßig zum Kailash hinaufzusteigen, wo er fastete und meditierte. Sie strich über seinen steinigen Körper, ohne ihn zu berühren. Sie dachte sich in ihn hinein. Sie begann zu ahnen, dass er ohne sie unvollständig war.

Eines Tages, als sie wieder einmal vor ihm stand und seinen Namen murmelte, versprach sie sich, ohne es zu merken, anstatt  „Shiva“ entfuhr ihr „Shivo ham“ – Ich bin Shiva. Er schlug seine Augen auf. Es war wieder Frühling. Das eingeschläferte Herz pochte los: DA Da TiReKiTa. Shiva sah die grünen Täler, er hörte das Zwitschern der Vögel, er roch Düfte, Düfte, die er noch nie zuvor gerochen hatte. Da Da TiReKiTa. Und auf allem lag ein Hauch jener Frau, die vor ihm stand und „Shivo ham“ intonierte. Drei Silben. Und aus der dritten, der zusätzlichen, entstand die erste Umarmung, die Jahrhunderte umfasste.

Später saß Parvati auf seinem linken Oberschenkel. Sie blickte zu ihm hinauf und fragte: „Wer bist du?“ Shiva antwortete: „Die ganze Welt wandelt sich, aber ich wandele mich nicht. Ich kann nicht kommen, denn ich war immer schon hier.“ „Und wer bin ich?“ „Du bist die Schöpferin von allem,“ sagte Shiva, „die Mutter aller Mütter. Nichts kann ohne dich existieren.“

Das stimmte Parvati traurig. „Was bleibt mir dann noch zu tun?“
„Du bist die einzige, die die Welt erzählen kann.“

Nach: Ilija Trojanow: An den inneren Ufern Indiens. Eine Reise entlang des Ganges.
Zu bestellen bei: Hanser Verlag