Alpträume der Baba Jaga
Nebiga

Warum Baba Jaga Albträume hat

Gut, dass Baba Jaga so zurückgezogen lebt! Schon vor langem ihr Hüttchen auf Hühnerbeinen noch tiefer zwischen die Bäume hineingetrieben hat. Dorthin, wo der Wald so dicht und dunkel ist, dass man die Hand vor den Augen und die Füße auf dem Weg nicht sieht.

Hätte sie nicht so früh Maߟnahmen ergriffen, müsste sich Baba Jaga jetzt gegen Anhänger wehren. Gegen „Fäns“ oder „Followers“, die in Bussen zu ihr pilgern; sie zwecks tiefsinniger Prophezeiungen löchern und Heilsalben von ihr fordern.

Sie müsste tagtäglich Menschen riechen, besonders aber an den Wochenenden. Diese stünden Schlange, um „Großmütterchen“ zu sehen.

Großmütterchen, ha!

Und Baba dürfte keinen fressen; müsste die vom verlockendem Menschenduft geblähten Nasenlöcher freundlich kräuseln und sich den Fragen widmen. Den Nerv tötenden Fragen über die Zukunft der Welt, das Liebesglück einzelner oder die Anzahl der Jahre ihrer armseligen Leben.

Als interessierten die weise Alte Nichtigkeiten wie diese… Wie ein Krieg ausgeht zum Beispiel, ob das eine Land mehr Recht hat zu siegen als das andere, wer die kommende Wahl gewinnt und wie lange voraussichtlich jemand an der Macht bleibt.

Schwesterchen Wanda aus Petrich, Bulgarien

Baba-VangaIn Petrich, Bulgarien, zum Beispiel war eine ihrer zwei Schwestern, eine der drei Babas in der Welt, tatsächlich mit der Frage nach Spielergebnissen der Nationalmannschaft konfrontiert worden: Ein Schnauben war das einzige gewesen, was der Wahrsagerin solche Dummheit wert war.

Danach hatte es gleich geheiߟen, zwei Mannschaften mit B würden es ins Finale der Weltmeisterschaft 1994 schaffen. Dass die Bulgaren dann im Viertelfinale gegen Italien verloren, entäuschte die hohen Erwartungen.

Sterbliche interpretieren, manipulieren und machen auch nicht vor Mythen und uraltem Wissen halt. Wenn aber nicht hält, was sie sich versprochen haben, fühlen sie sich von der Wahrsagerin verraten anstatt von ihren Schlussfolgerungen.

Das erwartet heute eine gute Hexe

Baba und ihr neues Haus

  • Heute hätte Baba Jaga Umsatzsteuer auszuweisen, einen eigenen Registereintrag und eine Website.
  • Vor ihrem Haus, einem, das extra für sie gebaut worden wäre, würde eine Frau Heilsalben, natürliche Kosmetikas und Fläschchen mit Kräutertinktur an Touristen und Ratsuchenden verkaufen. Diese Frau säße Tag für Tag auf der Stufe, ohne im Geringsten zu ahnen, wie ihr Menschenduft den Appetit der ach so liebenswürdigen, harmlosen, alten Kräutersammlerin im Haus anregt.

Liebenswürdig? Harmlos? Blind sind sie, die Menschen! Viel blinder als die Babas selbst.

Die meisten Menschen erkennen nicht, wer Baba Jaga tatsächlich ist, bemerken die Totenschädel mit den glühenden Augen in ihrem Garten nicht, obwohl diese Tag und Nacht leuchten.

Ach, die Ahnungslosen!

  • Auf Youtube-Videos würden Vorhersagen, die angeblich von ihr stammen, im Wortlaut weiterverbreitet, kommentiert und zur Auslegung der vielgerühmten Schwarmintelligenz vorgelegt.
  • Sie müsste ungezählten Selfies beiwohnen, die dann mithilfe von Suchmaschinen weltweit aufzufinden sind.
  • Ihre Lebensgeschichte hätten geschäftstüchtige Männer verfilmt. Im Fernsehen würden Politiker mit ihr auftreten. Hitler war angeblich bei Baba Wanda gewesen – und Todor Schivkov, lange Jahre Diktator Bulgariens, zählte zu den „Stammkunden“.

Aufdringlicher, hinterlistiger, verbissener Mann!

Kein Wunder, dass Schwesterchen Wanda sich zum Sterben hingelegt und ihre Seele lieber nach Frankreich geschickt hatte. Sie wußte, dort würde einmal ein Kind geboren, blind, wissend, eigenartig – eine alte Seele.

Wer Baba Jaga heute sucht…

Baba Jagas NachtWer 2017 Baba Jaga um Rat fragen will, muss in die Stille gehen. Das Smartphone ausschalten. Es kann den Weg sowieso nicht leuchten.

Wer sie sucht, muss sich jeden Schritt in Dunkelheit ertasten. Die Weise hat sich rar gemacht, dreht ihr Hüttchen nur noch, wenn es dreimal klopft: von der Liebe, von der Seele – und vom Tod. Der Weg zu Baba Jaga ist also beschwerlich, sie duldet keine Ablenkung.

Und es ist der Alten egal, ob es gefällt oder nicht. Bei ihr gibt es sowieso keinen Empfang.

Titelbild von Viktor Vasnetsov

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Ganesha will eine Frau
Nebiga

Weil Ganesha eine Frau will…

Ganesha musste seine Eltern überlisten, um heiraten zu können. Sie – und auch seinen Bruder. Dass es ihm tatsächlich gelang, verdankte er vor allem sich selbst. Obwohl…

So richtig klar wurde es ihm erst, als seine Mutter lachte.

Ganesh Chaturthi

Wenn Indien feiert, dann feiert es ordentlich. Zum Geburtstagsfest von Lord Ganesha aber tobt das Land: Städte beben unter tanzenden Füßen, Mauern zittern, Echos hallen durch die Straßen. In Städten, wie Varanasi im Norden des Landes, sausen Geräusche und Gerüche durch die Gassen, prallen gegen die Gemäuer der Tempel genauso wie gegen die Kartonwände neuer Siedlungen. Die Töne der heiligen Gesänge aber folgen den Hauptadern, ducken sich unter den Rufen der Straßenhändler und dem Hupen der Mopeds hindurch, schlängeln sich weiter durch die modrige Hitze der Altstadt bis hin zu den berühmten Ghats, rollen über die Steintreppen und landen schließlich in den Fluten des Ganges.

Varanasi, älteste Stadt und Mittelpunkt des Kosmos, ist Ganeshas Vater, Gott Shiva, geweiht. Tausende Pilger ziehen jedes Jahr in die Stadt, um diesem nahe zu sein. Deshalb gibt es mehr als 200 Tempel. An Ganesh Chaturthi leuchten sie alle – die großen, berühmten genauso wie die kleinen, die versteckt in einer Sackgasse im Strassengewirr der Altstadt auf die Passanten lauern.

Vor einem dieser unscheinbaren Tempel hockt ein Junge auf einer Treppe, fünfzehn Jahre alt – vielleicht sechzehn. Sibi sitzt gleich neben einem Loch in der Mauer, früher einmal ein Fenster, heute die Lücke, die auf einen spärlich bewachsenen Platz führt: den Einheimischen Tempel, den Touristen das Innere einer Tempelruine, deren Mauern mit schreiend bunten Bildern beklebt und mit Girlanden verziert sind. Aufgeschichtete Steine ersetzen Bänke und  auf einem  Steinblock in der Mitte steht ein Opferteller und Kupferpfanne, aus der Weihrauch steigt.

Letzte Sonnenstrahlen fallen durch die Mauerlücke auf die Treppe; sie färben den Holzteller goldorange, der vor dem Jungen platziert ist. Auf ihm ist eine Pyramide Reistaschen – modak – gestapelt. Wer direkt davor steht, dem weht feiner Zimt- und Kokosduft in die Nase. Sibi zeigt immer wieder auf die Süßigkeiten und schreit:

Kauft modak! Geht nicht weiter ohne! Kokos mit einem Hauch Zimt, wie Ganesha es liebt. Drei Stück und schon steht ihr in seiner Gunst. Kauft modak! Drei Stück nur fünf Rupien!

Er hat kein leichtes Spiel, sich gegen  das Geplauder der Gläubigen durchzusetzen: Doch manche schenken den Reistaschen tatsächlich einen nachdenklichen Blick, einige greifen sogar in die Hosentasche, werfen ein paar Münzen hin und kaufen. Sibi ist erst gezwungen zu schweigen, als die Trommeln und Gebete einsetzen. Gegen diesen Lärm kommt er nicht mehr an.

 

Ganesha, bunter ElefantengottGanesha

entferne die Hindernisse Herr,

Verkörperung der Weisheit, Gott des Urklangs, Herr des Ursprungs und Wurzel des Seins!

gewähr uns Glück, gib Vertrauen

du, der du modak in Händen hältst!

Oh Elefantenköpfiger,

Gegrüßt seist Du!

Die Gläubigen außerhalb der Ruinenmauern buhlen ebenso laut um Ganeshas Gunst wie die am Platz im Inneren. So jedenfalls kommt es Sibi vor. Die dicken Mauern dämpfen den Lärm kaum. Dazu kommt, dass sich die Betenden  gegenseitig vorwärts, hin zum Einlass schieben; sie drängen dorthin, wo die Trommeln am lautesten den Rhythmus der Gebete vorgeben; wo der Tempelpriester im Singsang vorbetet. Neben ihm wartet ein katha darauf, endlich anfangen zu können. Der aus Bombay eingeflogene Erzähler ist für die meisten die wahre Attraktion des Abends.

Die Nacht über wird er erzählen.

Deshalb eilen mehr Menschen als sonst in den Freilufttempel. Allein um den katha zu hören – seine Geschichten, seine Gesänge.

Ganesha Elefant Bild schwarzGanesha wollte heiraten! Er fand, er war alt genug dazu und bat deshalb seine Mutter, ihm eine Frau zu suchen. Parvati gefiel der Vorschlag. Sehr sogar! Doch Ganeshas Bruder, Skanda, schmollte.

Bin nicht ich euer Erstgeborener, tapfer und flink, erprobt in vielen Kämpfen. Ich kenne die Welt, führe die Kriege, schütze die Grenzen. Ich verdiene eine Begleiterin, eine Braut. Such zuerst mir eine, bevor du Ganesha eine gibst. Das ist mein Recht. Für ihn spielt es keine Rolle, wie lange es dauert. Er kann warten! Ich aber nicht!

Ihr seht: Sogar in göttlichen Familien gibt es Probleme. Parvati hatte ihre Söhne gleich lieb. Wem also sollten sie den Wunsch zuerst erfüllen? Skanda, dem Älteren, oder doch lieber Ganesha, der ja zuerst gefragt und erklärt hatte, für eine Beziehung bereit zu sein. So bescherte Ganeshas einfache Bitte schlaflose Nächte.

Von einem der gehen will…

Die Trommeln verstummen, die Gebete auch. Ein Straßenhund will sich zwischen die Gläubigen innerhalb der Mauern zwängen. Doch so mager er auch ist, er findet keine Fleckchen mehr für sich. An der Mauerlücke staut sich eine Menschentraube – und immer noch stoßen weitere Neugierige dazu. Keiner will die Geschichten  verpassen, alle wollen sie lauschen.

An diesen Wartenden rempelt sich ein etwas älterer Junge vorwärts. Er duckt, schubst und schiebt sich an jenen vorbei, die in seinem Weg stehen. Eigentlich hält er nur dann, um etwas zu entgegnen, wenn sich jemand beschwert. Bald hockt er sich neben Sibi nieder.

Wie lange sitzt du schon hier?

Zwölf modak lang. So viel hab ich verkauft.

Davon weiß Mutter nichts, oder?

Natürlich nicht! Aber wer opfert schon so viel von dem Zeug? Drei reichen ja auch. Es schadet nichts, wenn ich ein bisschen verdiene. Jede Rupie zählt jetzt.

Du willst wirklich gehen?

Was bitte hält mich hier?

Familie? Freunde? Indien! Hier ist alles vertraut. Dort wird nichts so sein, wie du’s gewohnt bist.

Sibi grinst zufrieden. Doch bevor er etwas entgegnen kann, zischt jemand…

Schscht… Seht! Er hebt die Hände, seht, er verneigt sich…

Wie sieht er aus? Was hat er an?

Drei Tage Bart?

Oha, der ist ja kugelrund

Grau, er ist grau!

Was tut er jetzt? Hat er schon angefangen?

Hey kann jemand hören? Gebt weiter, was er sagt…

Wie? Was…?

Ach seid doch still!!!

Ganesha Elefanten BildDie rettende Idee kam Parvati morgens in jener Stunde, da Augen sehen, Ohren hören und Körper fühlen, aber der Geist träumt. Die Stunde eben, in der die Illusion der Welt am durchlässigsten ist. Sie weckte ihren Mann: Sollte sie es wirklich wagen? Würde es nicht zu schwer für sie selbst? Shiva brummelte nur. Da müsse sie durch. Es wären ja Jungs, sagte er und rief seine Söhne.

Ganesha und Skanda ließen sich nicht zweimal bitten, ahnten sie doch, dass ein Richtspruch bevorstand. Sie traten im feinsten Staat vor ihre Eltern hin.

Parvati hielt die Hand ihres Mannes, als sie sprach:

Ich suche einem von euch eine Frau. Demjenigen nämlich, der als erstes zurückkommt, nachdem er die Welt umrundet hat.

Kaum hatte er es vernommen, lief Skanda los. Er sprang auf sein Reittier – in seinem Fall ein Pfau – und verschwand bald am Horizont.

„Na toll“, murmelte dagegen Ganesha. Er dachte an sein Reittier: Eine Maus. Dann betrachtete er seinen Bauch… Abwarten und Tee trinken! – schien ihm die bessere Idee zu sein.

Und so kam es, dass der Weise, Vyasa, Lord Ganesha zuhause vorfand, als er dessen Hilfe brauchte.

 …. und von einem, der bleibt

Sibi lehnt sich weit zur Seite, nahe an das Ohr seines Bruders.

Siehst du, Jaimyn. Skanda macht es genau richtig! Schnell weg, die Chance nutzen… Google, Apple, Microsoft – Im Silicon Valley liegt meine Zukunft, sagt Onkel, nicht hier.

Aber alles ist doch da! Indien braucht uns doch auch. Dringend sogar! Wozu weggehen? Ob du hier studierst oder dort… Was kann das schon für einen Unterschied machen?

Onkel meint, es liegt an der Ausbildung. Wer in USA das Kodieren lernt, hat ausgesorgt. Komm doch mit, für dich ist es sicher auch besser…

Ich? Ach nee…

Warum nicht?

Der Weihrauch vom Altar durchsetzt mittlerweile die Luft, kratzt im Hals, juckt in der Nase. Selbst Sibi niest. Der Erzähler räuspert sich und richtet seinen Turban.

Lord GaneshaVyasa, der Weise, barg Verse in seinem Kopf. 100 000 um genau zu sein. Sie wollte er niedergeschrieben wissen. Er wollte dem indischen Volk das längste und vollständigste Gedicht der Welt schenken: das Mahabharata. Ein Gedicht über die Welt. Alles sollte darin zu finden sein – und was darin nicht erwähnt war, sollte es auch sonst nirgends geben.

Doch der Weise hatte Angst. Was, wenn er es nicht rechtzeitig beenden konnte? Seine letzten Jahre nicht ausreichten, um all die Verse niederzuschreiben? Deshalb suchte er Lord Ganesha und beugte sein Haupt.

Hilf mir zu schreiben, oh Herr! Beseitiger der Hindernisse

Das geht jetzt nicht. Es würde mich zu sehr aufhalten, Vyasa. Ich muss die Welt umrunden.

Ohne dich schaffe ich es aber nicht! Soll Indien wegen dir ohne mein Gedicht bleiben?

Hmm… Na gut, aber mach schnell! Wir haben nicht viel Zeit. Ich schreibe, auf keinen Fall jedoch warte ich auf dich. Diktiere durch! Kein Halt, kein Nachdenken…

Einverstanden. Eine Bedingung habe aber auch ich: Du musst den Sinn von dem verstehen, was du schreibst.

Und Ganesha schrieb. Während sein Bruder, Skanda, die heiligen Stätten der Welt aufsuchte – die Stadt Uruk zum Beispiel, den griechischen Berg Athos, Jerusalem, Tibet und die heilige Pilgerstadt Mekka – während der also pilgerte, notierte Ganesha Alles. So schnell schrieb er, dass sein Stift nach kurzer Zeit entzweisprang. Damit er nicht innehalten musste,  brach er seinen Stoßzahn ab und verwendete von nun an diesen.

Vyasa hatte seine liebe Not, mit dem Gott Schritt zu halten. Verzweifelt griff er zur List, den Sinn seiner Verse hinter Bildern zu verstecken. Das verlangsamte Ganesha ein bisschen: Er musste ja die Bedeutung erst finden.

Zur gleichen Zeit, als Skanda die heiligen Stätten endlich alle abgeklappert, die anderen Götter gegrüßt und Kerzen angezündet hatte, kam in Indien auch der Elefantenköpfige zu einem Ende. Vyasa verstummte.

Ganesha legte die beschriebenen Pergamente vor ihn. 100 000 Verse waren geschrieben.

Ihm aber knurrte der Magen.

Ich sollte noch etwas essen, bevor ich aufbreche. Mit leerem Bauch reist es sich nicht gut!

Geld, Ruhm oder Glück?

Im und um den Tempel herum ist es plötzlich still. Der katha schweigt. Die Augen geschlossen, denkt er nach – und kein Zuhörer regt sich. Niemand wagt, den Bann des Geschichtenerzählers zu brechen. Sie warten auf das Luftholen des Erzählers, um selbst auch wieder atmen zu dürfen.

Nur Jaimyn bewegt sich. Er greift rasch vor, schnappt sich eine Reistasche vom Teller  – und Sibi: Der versucht die Hand seines Bruders weg zu schlagen; er flüstert:

Hey, ich will die noch verkaufen.

Ah geh‘, auf die eine kommt es jetzt auch nicht an.

Auf jede Rupie kommt es an. Nur, wenn du genug Geld hast, hast du Erfolg. Ich will Erfolg! Hier verdienst du nichts, in Kalifornien schon. 

Die können dich doch dort gar nicht verstehen – und du verstehst auch nicht. Schau Onkel an. Schau doch hin! Klar, er spricht Englisch, aber sein Hindi stimmt nicht mehr. Er ist komisch. Er gehört hier nicht mehr dazu – und dort ist er auch nicht daheim.

Er kann etwas erzählen. Mehr als wir.

Nacht ist es geworden. Die feuchte, schwere Luft hinterlässt Tropfen auf der Stirn der Gläubigen. Ihre Spuren schimmern in den staubigen Gesichtern.

Aaaaauuuuummmm, summt plötzlich der katha

Ganesha Elefant Bild grünAls hätte er die Gedanken Ganeshas gehört, beschloss Kubera, Gott des Reichtums, zu einem Fest einzuladen. Zu diesem Fest sollte auch Ganesha kommen; einem Fest so rauschend, so üppig, so umwerfend, dass die Gäste noch Ewigkeiten davon erzählen sollten. Kubera war überzeugt, alle beeindrucken zu können.  Was heißt „beeindrucken“? Überwältigen wollte er seine Gäste.

Die Tische im goldenen Palast bogen sich: Alles, was es in der Welt zu essen gibt, fand man dort: Frittierte Heuschrecken genau so wie zart gebratenen Lammrücken, Mangocreme wie gebackenes Eis, Rote-Beete-Salat wie geeiste Gurke. Es würde noch eine Woche für ganz Alakapuri, seine prächtige Königsstadt reichen, wenn alle Gäste satt waren, dachte Kubera und war zufrieden. Doch hatte er nicht mit Ganeshas Appetit gerechnet.

Während Skanda in der Welt von Krieg zu Krieg zog, kämpfte und siegte, aß Ganesha. Was im Palast an Speisen zu finden war, vertilgte er. Als Kubera schließlich zugab, dass er nichts mehr auftischen konnte, hielt das den Elefantenköpfigen kaum auf. Er machte sich über Geschirr, Möbel und Zierrat her; er fraß fast den gesamten Palast und fast ganz Alakapuri.

Ich habe nichts mehr, Ganesha. Hör auf zu essen!

Doch Ganesha war noch zu hungrig. Er drohte Kubera selbst zu verschlingen. Erschrocken rannte dieser zu Ganeshas Vater.

Oh, glückverheißender Shiva, hilf! Dein Sohn wird nicht satt!

Nicht satt? Was kommst du zu mir? Schick ihn zu seiner Mutter!

In der Tat genügte es, beiläufig zu erwähnen, wie hervorragend die Gottmutter kochte… Ganesha ließ sofort von Kubera ab. Sehnsüchtig trottete er zu Parvati, die ihm modak gab – und war endlich wieder satt. Sein Bauch fühlte sich wohlig warm und rund an.

Was ihn so freute, dass er um seine Eltern tanzte.

Und Skanda?

Nachdem der letzte Friede  ausgehandelt war, vollendete ER seine Runde um die Welt.

Als der Hunger gestillt ist

Sibi tippte seinem Bruder an die Schulter. Er grinste.

Skanda kommt nicht zurück. Wer braucht schon die eine Frau? Frauen gibt es überall.

Er kommt. Du wirst sehen. Er will eine Familie, eine Frau von hier. Auch Onkel lässt Mutter eine für ihn suchen. Nur eine Hindu gibt ihm das, was er braucht. Sie weiß nämlich, wo ihr Platz ist.

Trommelwirbel unterbricht. Denn wenn Ganesha tanzt, drehen sich selbst die Gläubigen im Kreis, umrunden ihre Nachbarn. Dass sie mehr schieben als leichtfüßig tanzen, stört keinen. Die Musik, das begleitende Heulen der Straßenhunde und das Stampfen der Füße übertönt schließlich alles, was noch geflüstert hat.

Ganesha Elefant Bild OrnamentDick ist der kleine Gott, eigentlich kugelrund. Seine Beine sind plump und grob. Trotzdem wirbelt Ganesha herum, springt und folgt der Musik in seinem Kopf. Ganeshas Füße verbreiten seine Freude, sein Wohlbehagen, sein Glück über Gebirge, Wiesen, Flüsse, über Städte, Höfe und Sand. Den Menschen füllte sich das Herz mit Mut, Ideen und Auswegen. So lange tanzte er, bis eine der Wildgänse über den Köpfen der heiligen Familie schnatterte:

Herrin, oh Parvati, freu dich… Skanda ist bald zurück!

Da hielt Ganesha plötzlich still.

Staubig war sein Bruder, verschwitzt und abgekämpft. Der Pfau war schon vor Meilen erschöpft zusammengebrochen. Trotzdem trat Skanda unverzüglich vor seine Eltern hin.

Such mir jetzt eine Frau, Mutter! Ich habe sie verdient.

Wie Ganesha das Recht auf eine Frau verhandelt

Sibi runzelt die Stirn. Diese Wendung der Geschichte behagte ihm nicht.

Na, wenigstens muss Onkel nicht bleiben. Die Frau geht einfach mit ihm mit und gut ist’s.

Und was ist, wenn sie nicht will?

Bei der Vorstellung verdreht Sibi die Augen. Wer hat jemals von einer Frau gehört, die nicht das tut, was ihr Mann sagt? Er wischt den Gedanken zur Seite.

Du sagst selbst, eine Inderin weiß, wo ihr Platz ist.

Jaimyn schweigt, aber der katha summt. Im Licht der Öllampe nimmt man ihn und die Trommler verschwommen wahr. Alle anderen verschluckt die Nacht. So still ist es, dass er seine Stimme kaum mehr erheben musst.

dekorierter Elefant: GaneshaGanesha war mit der Forderung seines Bruders ganz und gar nicht einverstanden. Skanda hätte sich die Frau nicht verdient. Er sei ja viel zu spät zurückgekommen.

Bevor der erschöpfte Skanda vor Wut über seinen Bruder herfallen konnte, trat Parvati dazwischen.

Warum zu spät, Ganesh? Du hast dein Zuhause überhaupt nicht verlassen.

Was soll ich da draußen? Habe ich euch nicht dreimal umtanzt. Dreimal, bevor Skanda eintraf. Und wer, wenn nicht ihr, repräsentiert meine Welt.

Und genau das war der Moment. Jener Moment als Parvati lachte.

Brüder können triumphieren – so kriegen das andere Menschen gar nicht hin. Jaimyn ist keine Ausnahme. Er führt aufreizend langsam eine weitere Reistasche zum Mund und sieht Sibi dabei in die Augen. Sagen muss er nichts.

Parvati suchte ihrem Zweitgeborenen also eine Frau – daraus wurden schließlich sogar drei: Buddhi – die Weisheit, Siddhi – die Klugheit und Riddhi – der Reichtum. Aber auch Skanda ging nicht leer aus. Er bekam die Schwestern Devesena und Valli – die Macht des Handelns und die Macht des Willens. Wie es dazu letztendlich kam, das ist eine noch ganz andere Geschichte, schloss der katha – wohl wissend, dass er diese ganze Nacht hindurch erzählen würde.

Und die Reistaschen?

Sibi verkauft in dieser Nacht keine mehr. Irgendwie ist er auf den Geschmack gekommen – und die allerletzten drei legen er und Jaimyn morgens früh um fünf Uhr auf den Opferteller am Altar. Zur allerletzten Geschichte, zu der im Morgengrauen.

Die Zahl zum Märchen: 70 000 Computerspezialisten verlassen jährlich die indischen Universitäten. Das deckt kaum die nationale Nachfrage. Der überdurchschnittlich hohe Exodus hochgebildeter Söhne und so mancher Tochter in die westlichen Industriestaaten – allen voran USA und Europa – macht Indien schwer zu schaffen.

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Prokne und Philomele: Töchter Attikas
Nebiga

Prokne und Philomele: Töchter Attikas

Philomele webt Bilder, um ihre Schwester Prokne wissen zu lassen, dass der Schwager sie geschändet hat. Ihr Stoff zeigt, was sie nicht erzählen kann, und ihre Schwester Prokne versteht, kaum dass sie die Webstücke sieht. An Geschichten über Vergewaltigungen mangelt es der griechischen Mythologie wahrlich nicht. Diese aber ist eine der wenigen, die das Opfer in ihrem Elend nicht allein lässt.

Philomele befreit sich, indem sie einen Weg findet, ihre Umwelt wissen zu lassen, dass ihr großes Unrecht widerfahren ist. Sie ist damit das antike Vorbild für jeden Menschen, der eine traumatischen Erfahrung durchleben musste. Heute weiß man: Reden hilft nur dann, wenn auch die emotionalen und körperlichen Reaktionen integriert werden, sagt die Psychotherapeutin Christa Diegelmann. Dies gelingt, wenn nichtsprachliche therapeutische Techniken einbezogen werden: das Malen von inneren Bildern und Symbolen zum Beispiel oder das Trauma aus der Perspektive eines Beobachters zu betrachten. Obwohl Tereus, Vergewaltiger und Thrakerkönig, die schöne Tochter Attikas mundtot machte, indem er ihr die Zunge herausschnitt, findet diese eine andere Form des Ausdrucks.

Indem Philomele ihr Schweigen bricht, gibt sie dem Menschen, der ihr am nächsten steht, die Möglichkeit ihr beizustehen. Zunächst befreit Prokne die Schwester aus ihrem Gefängnis. Im zweiten Schritt rächen sich die beiden Schwestern grausam an jenem Mann, der Philomele vergewaltigte und Prokne unglücklich machte. Die beiden gehen so perfide vor, dass selbst der kriegserfahrene Tereus, Sohn des Ares, zutiefst erschüttert wird. Sie nehmen ihm das Wertvollste, das er hat: den Fortbestand seines Geschlechts.

Philomele wird zurSchwalbeDie Vorgangsweise der Töchter Attikas erscheint manchem heute etwas krass. Doch als Vorbild können sie hier ebenfalls gelten: Sie bleiben nicht passiv, kehren das Ende der Geschichte um und ändern das Schicksal selbst. Im therapeutischen Geschwurbel, dem Fachjargon der Branche, heißt das heute: „posttraumatic growth“, was soviel heißt wie „Was uns nicht umbringt, macht uns erfahrener.“ Gelingt es, schwerwiegende Lebensereignisse zu verarbeiten, kann man gestärkt und gereift daraus hervorgehen. Menschen mit Trauma-Erfahrung haben gelernt: „Schlimmes kann jederzeit passieren, aber ich kann es auch bewältigen.“ – und schließlich doch noch davon fliegen.

©SComm Intercultural
Bayrischer Rundfunk: Mythen - Michael Köhlmeier erzählt Sagen des klassischen Altertums: Prokne und Philomele

 

Nebiga

Das Purpurblümchen und Finist Hellfalke (II)

Die Tochter schloss sich in der Giebelstube ein und setzte das Purpurblümchen in Wasser. Sie öffnete das Fenster und schaute in die Ferne.

Woher er auch gekommen sein mag, plötzlich flog über ihr Finist Hellfalke mit den bunten Federn, flatterte durch das Fenster hinein und wurde ein junger Mann. Das Mädchen wäre fast erschrocken, aber dann, als er mit ihr sprach, da wurde ihr  fröhlich und heiter ums Herz. Bis zur Morgendämmerung unterhielten sie sich. Aber als es zu tagen begann, küsste Finist Hellfalke mit den bunten Federn das Mädchen und sprach: „Jede Nacht, wenn du das Purpurblümchen ans Fenster stellst, werde ich zu dir fliegen, meine Geliebte. Und hier hast du ein Federchen aus meinen Flügel. Wenn du irgendeinen Schmuck brauchst, geh hinaus zu der kleinen Treppe, und wenn du es nach der rechten Seite schwenkst, so erscheint im Nu vor dir alles, wonach dir verlangt.“ Er küsste sie noch einmal, verwandelte sich in den hellen Falken und flog hinter den dunklen Wald. Das Mädchen schaute ihm nach, machte das Fenster zu und legte sich schlafen.

Von der Zeit an kam er jede Nacht, sobald sie das Purpurblümchen an das geöffnete Fenster gesetzt hatte.

russianeasterEs wurde Ostern. Man läutete die Glocken in der Kirche. Die älteren Schwestern schickten sich an, zum Mittagsgottesdienst zu gehen. Sie putzten sich mit ihren neuen Sarafanen, holten ihre Taschentücher hervor, legen die goldnen Ohrringe an und machten sich über die jüngere Schwester lustig. „Na, du Schlaukopf, was ziehst du an? Du hast auch gar nichts an neuen Sachen! Bleib zu Hause sitzen mit deinem Blümchen!“ Aber sie versetzte: „Das tut nichts, liebe Schwestern, ihr braucht euch meinetwegen keine Sorgen zu machen. Ich bete auch zu Hause.“ Die älteren Schwestern putzten sich nun heraus wie Pfauhennen und gingen zum Mittagsgottesdienst. Aber die kleinste sitzt am Fenster, ganz schmutzig war sie in ihrem alten Sarafan. Sie schaut auf die Leute, die in die Kirche gehen. Sie gehen alle geputzt, die Bauern in neuen Röcken, die Weiber in Festtagskleidern aus gemusterten, bunten Tuch.

Die Jüngste wartete die Zeit ab, ging zur Treppe und schaute sich um. Dann schwenkte sie das Federchen nach der rechten Seite: Woher er gekommen sein mag – vor ihr steht ein kristallener Wagen mit edlen Pferden und Bedienten, ganz in Gold gekleidet, und Kleider sind da und jede Menge Schmuck aus guten, echten Edelsteinen. Im Nu machte sich das schöne Mädchen fertig, setzte sich in den Wagen und fuhr zum Gotteshaus. Das Volk blickte auf und bewunderte ihre Schönheit. „Sicherlich irgendeine Zarentochter aus dem dreimal neunten Zarenreich!“ sagten die Leute. Als man Dostoino sang, verließ die Schöne die Kirche, setzte sich in den Wagen und fuhr zurück. Die rechtgläubigen Leute wären gern hinausgegangen, um sie bei der Abfahrt anzugaffen, aber da gab es nichts mehr zu sehen. Die Spur war schon lange kalt.

Kaum, dass es an der Treppe angekommen war, schwenkte die junge Frau die bunte Feder nach links: Im Nu zog die Dienerschaft sie aus. Der Wagen verschwand vor ihren Augen.

Sie aber benahm sich wie zuvor, so als ob nichts geschehen wäre, betrachtet die 001Rechtgläubigen, wie sie von der Kirche nach Hause gehn. Auch die Schwestern kamen nach Hause. „Nun, Schwester“, sagen sie, „was für eine Schönheit doch heute im Mittagsgottesdienste war! Eine wahre Augenweide! Man kann es weder in einem Märchen erzählen noch mit der Feder beschreiben. Wahrscheinlich kam eine Zarentochter aus anderen Ländern herangereist, so herrlich war sie herausgeputzt.“

Es kommt das zweite, es kommt das dritte Osterfest heran. Jedesmal führt das schöne Mädchen das rechtgläubige Volk, ihre Schwestern und Vater und Mutter hinters Licht. Doch beim letzten Mal wollte sie sich ausziehen und vergaß die Diamantnadel aus dem Zopf herauszunehmen.

Da kommen die älteren Schwestern aus der Kirche und erzählten ihr von der schönen Zarentochter. Der Diamant glüht in ihrem Zopf. „Ach Schwesterlein, was hast du da?“, schrien die Schwestern auf. „Grad so eine Nadel trug die Zarentochter heute an ihrem Haupt. Woher hast du die?“ – Das schöne Mädchen seufzte und entwischte in ihre Giebelstube. Die Schwestern aber hörten nicht auf auszufragen, zu vermuten und zu flüstern. Doch die kleinste Schwester schweigt still und lacht leise.

Da fingen die größeren Schwestern an, auf sie achtzugeben, horchten in der Nacht an der Tür ihrer Giebelstube. So erlauschten sie, wie Finist Hellfalke kam, und in der Morgendämmerung sahen sie mit leibhaftigen Augen, wie er aus dem Fenster flog.

Als Finist Hellfalke verschwand

Sichtlich böse waren die größeren Schwestern. Eifersüchtig und beleidigt. Sie verabredeten, abends verborgene Messer anzubringen, damit sich Finist Hellfalke seine bunten Flügel daran zerschneiden sollte. So führten sie es auch aus. Die kleine Schwester vermutete nichts, stellte ihr Purpurblümchen ans Fenster, legte sich dann aufs Bett und schlief fest ein.

In der Nacht kam Finist Hellfalke geflogen, schlug sich kurz und klein und kann nicht in die Stube gelangen, so sehr hatte er sich die Schwingen zerschnitten.

„Leb wohl, schönes Mädchen!“ sprach er, „wenn du gesonnen bist, mich zu suchen, so suche mich hinter dreimal neun Ländern, im dreimal zehnten Zarenreich. Aber erst musst du drei Paar eiserne Schuhe ablaufen, drei eherne Wanderstäbe zerbrechen, drei steinharte Opferbrote verschlucken, ehe du mich findest!“

Das Mädchen aber schläft, obwohl es im Traum diese freundlichen Worte hört, kann es doch nicht aufstehn oder aufwachen.

Am Morgen hatte das schöne Mädchen ausgeschlafen. Es schaute sich nach allen Seiten um. Es war schon hell, aber von Finist war nichts zu sehen. Am Fenster jedoch steckten über Kreuz scharfe Messer, und von ihnen tröpfelt rotes Blut.

Lange weinte die Schöne, viele schlaflose Nächte verbrachte sie am Fenster ihrer Giebelstube, versuchte das bunte Federchen zu schwenken – alles vergeblich. Weder kommt Finist Hellfalke geflogen, noch sendet er seine Diener. Schließlich ging sie mit Tränen in den Augen zum Vater und bat um seinen Segen: „Ich werde gehen“, sagte sie, „Finist suchen, wohin meine Augen schauen.“

Sie ließ sich drei Paar eiserne Schuhe schmieden, drei steinharte Opferbrote anfertigen. Ein Paar Eisenschuhe an den Füßen, die Krückstöcke in den Händen, ging sie fort in der Richtung, wohin sie dachte, dass Finist Hellfalke geflogen war.

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Nebiga

Das Federchen des Finist Hellfalke (I)

phoenixEs war einmal ein alter Mann und eine alte Frau. Die hatten drei Töchter. Die größere und die mittlere waren putzsüchtig, aber die kleinere mühte sich den ganzen Tag in der Wirtschaft ab. Sie war so schön, dass es weder in einem Märchen erzählt noch mit der Feder beschrieben werden kann. Geht sie auf der Straße, so kann kein Junge ein Auge von ihr lassen, andere Mädchen will dann keiner mehr anschauen.

Das Purpurblümchen

Einmal machte sich der Alte auf, um in die Stadt zum Jahrmarkt zu fahren. Er fragte seine Töchter, was er ihnen kaufen sollte. Die älteste bittet: „Kauf mir einen Sarafan!“ Und die mittlere möchte dasselbe. „Und was dir, meine liebe Tochter?“, fragt der Alte die jüngste. „Kauf mir ein Purpurblümchen, Väterchen!“ Der Alte lachte über seine jüngste Tochter: „Nun, was liegt dir Dummchen an einem Purpurblümchen. Was soll dir das denn nützen? Ich werde dir besser Schmuck kaufen.“ Aber, was er auch sagt, er kann sie nicht überreden.  „Kauf mir ein Purpurblümchen!“ Und dabei blieb sie.

Der Vater nahm Abschied, setze sich in seine Telega und fuhr nach der Stadt auf den Jahrmarkt. Den großen  Töchtern kaufte er, was sie sich gewünscht hatten, aber das Purpurblümchen fand er nirgends. Der Alte schritt den ganzen Jahrmarkt von einem Ende bis zum anderen ab, nirgends gab es solch ein Blümchen. Schließlich kehrte er nach Hause zurück und erfreute die älteste und die mittlere Tochter mit den neuen Sachen. „Da habt ihr, meine lieben Töchter, was ihr gewünscht habt. Aber für dich“, sagte er zu der kleineren, „fand ich kein Purpurblümchen.“ „Da kann man halt nichts machen“, sagte sie, „vielleicht gelingt es dir ein anderes Mal, es zu finden.“ Die größeren Schwestern schneiden die Sarafans zu und nähen sie. Über die kleinere aber machen sie sich lustig: „Lass schauen Schlaukopf,“ sagen sie, „was du gewünscht hast! Du kannst noch nicht einmal um etwas bitten!“

Aber sie, weißt du, sie schwieg.

Wieder macht sich der Vater zum Jahrmarkt in der Stadt auf und fragt: „Nun, ihr Töchter,  was soll ich euch kaufen?“  Die größere und die mittlere bitten um Taschentücher, aber die kleinere sagt wiederum: „Kauf mir, Väterchen, ein Purpurblümchen!“ Der Vater nimmt Abschied, setzt sich in die Telega und fuhr in die Stadt. Er kaufte zwei Taschentücher, aber das Purpurblümchen sah er auch diesmal nicht. Er kehrte zurück und sprach: „Ach, Töchterchen, wiederum fand ich das Purpurblümchen nicht.“ „Das tut nichts, Väterchen, zu einen anderem  Zeitpunkt wird es dir schon gelingen.“

Und tatsächlich: Zum drittenmal macht sich der Alte auf und fragt: „Sagt mir doch, meine lieben Töchter, was ich euch kaufen soll.“ Die größeren sagen: „Kauf uns Ohrgehänge, Väterchen!“ Aber die kleinere blieb bei ihrem alten Lied: „Und mir, Liebster, kauf das Purpurbümchen!“ Abschied nahm der Alte, setzte sich in den Wagen und fuhr los. Er kaufte goldne Ohrgehänge und machte sich eifrig daran, das Blümchen zu suchen. Suchte, suchte… niemand weiß von einem solchen. Er grämte sich und fuhr aus der Stadt hinaus.

Als er über den Schlagbaum hinausfuhr, kommt ihm ein uraltes Männchen entgegen und hält in den Händen ein Purpurblümchen.

„Alter, verkauf mir dein Blümchen!“

purpleflowerrussia„Es ist nicht zu verkaufen. Nur wenn deine jüngste Tochter meinem Sohn, dem Finist Hellfalken, als Gattin folgt, will ich dir das Purpurblümchen geben.“

Der Vater überlegte ein wenig: Das Blümchen nicht nehmen, hieße die Tochter betrüben; es nehmen, hieße notwendigerweise sie verheiraten, und Gott weiß mit wem… Er überlegte und überlegte und nahm schließlich das Purpurblümchen. „Was schadet es?“ denkt er, „hinterher kommt einer und freit um sie, und wenn es nicht passt, darf ich’s ihm auch abschlagen.“ Er fuhr nach Hause, gab den älteren Töchtern die Ohrgehänge, und der jüngsten gab er das Blümchen und sagte: „Gar nicht lieb ist mir dein Blümchen, meine liebe Tochter, gar nicht lieb.“ Und leise flüsterte in ihr Ohr: „War doch das Blümchen da nicht verkäuflich. Ich bekam es von einem unbekannten Greis unter der Bedingung, dich seinem Sohn Finist Hellfalke zur Frau zu geben.“

„Mach dir keine Sorgen!“ erwiderte die Tochter. „Er ist doch so schön und so freundlich. Als heller Falke schwebt er in den Lüften, und sobald er sich zur Erde stürzt, wird er Mensch.“

„Kennst du ihn denn schon?“

„Ich kenne, kenne ihn, Väterchen! Am letzten Osterfest war er im Mittagsgottesdienst. Immerfort sah er mich an. Und ich sprach mit ihm… Er liebt mich, denke ich, Väterchen!“

Der Alte wiegte den Kopf, blickte unverwandt auf seine Tochter, machte ein Kreuz über ihr und sprach: „Geh in die Dachstube, die mit  den großen Fenstern! Schlaf ein Weilchen. Der Morgen ist klüger als der Abend. Dann werde ich mich entscheiden.“