Kokette, die alte Lady
Nebiga

Kokette, alte Lady

Kinderlachen macht sie aus, die alte LadyKinderlachen. Das ist das erste, das du hörst, wenn du durch die Straßen gehst. Verliebte laufen an dir vorbei, Frauen mit Hunden, rauchende und tratschende Freunde, kaum Schulkinder oder Studenten, dafür Nonnen und vereinzelt Touristen. Es ist kurz vor Mittag, die Universität und die Schulen sind voll, die Straßen noch verhältnismäßig ruhig. Das Grün um dich herum leuchtet.  Du fühlst die Freude all überall, siehst Schachspieler, Flieder, küssende Paare und die gleißende Sonne auf dem kupfernen Dach der Kirche.  Veliko Tarnovo, die schöne, die versteckte und natürlich auch die ruhmreiche Stadt. Sie ist nicht mehr die Jüngste, doch sie legt Wert darauf, gepflegt zu sein. Ihr buntes Kleid entspricht nicht der diesjährigen Mode, auch nicht der vom letzten Jahr und an manchen Stellen ist es verschlissen. Aber es ist noch schick.

IMG_0707Veliko Tarnovo selbst nimmt das alles und sich selbst nicht allzu ernst, nicht mehr. Dazu hat die alte Lady zu viel erlebt. Die Machtspiele der einzelnen Städte macht sie schon lange nicht mehr mit, sie interessieren nicht. Immerhin war sie 200 Jahre lang selbst einmal Hauptstadt, war Sitz des ruhmreichen Geschlechts der Assen. Ihre Burg Zarawez beherrscht noch das Bild, zeugt von dieser vergangenen Zeit, genauso wie das historische Museum. Veliko Tarnovo war im Mittelalter das kulturelle Zentrum der Bulgaren, die Universität Kyrill und Method ist aus dieser Zeit noch übrig.

1393 eroberten und zerstörten die Osmanen die Stadt, worauf die Bevölkerung in den Widerstand ging – deshalb nennt man Veliko Tarnovo, die alte Lady, noch immer „die Rebellische“. Die Dame initiierte etliche bulgarische Aufstände; die Stadt war Heimat des bulgarischen Freiheitskampfes gegen die Osmanen. Heute nennen Besucher sie „Die Alte Hauptstadt“, obwohl Bulgarien im Laufe der Geschichte insgesamt vier Hauptstädte hatte – was die Kinder pflichtbewusst aufsagen können.  Ihren Status hat Veliko Tarnovo, die ergraute Dame, also schon vor Jahrzehnten an Sofia abgeben müssen.

Trotzdem spürst du noch den alten Geist in ihren Steinen; das Selbstbewusstsein und die Leichtigkeit einer in die Jahre gekommenen Schönheit, einer Frau, die sich gehalten hat, einer Lady durch und durch. In ihrer Jugend heiß umkämpft, dreht sich „das Mädchen“ in ihr heute noch kokett, zwinkert dir zu, lockt dich, nur um sich dann Anderem zuzuwenden. „Streng dich an“, heißt das: „Ganz so leicht bin ich nicht zu haben!“ Sie hat ihren jugendlichen Charme behalten, die Lady! „Umwirb mich, lauf mir nach!“, kokettiert sie. Das graue Haar hochgesteckt, die Füße jedoch in Stöckelschuhen wie eh und je.

Und ich laufe – auf und ab, Treppen rauf und wieder runter, Berge hoch, Straßen entlang, über Brücken und Tunnel…

IMG_0591Veliko Tarnowo dreht sich im Licht, glitzert und verschwindet im Schatten, hinter einer Säule; plötzlich strahlt ein Graffiti, wechselt sich ab mit verstaubten Schaufenstern und verwaisten Türen. Dabei zeigt sich die Stadt, lockt dich und lässt dich staunen. Irgendetwas ist immer – die Burg, unzählige Parks, die Häuser am Berghang, Lichtspiele, aber vor allem ihre Freude, ihre Freude am  Sein…

Wie liebenswert sie doch ist!

Und sie weiß es, weiß es ganz genau.

©SComm Intercultural