Wie bekomme ich eine Idee
Nebiga

Wie bekomme ich die Idee?

Eine Idee für ein Märchen – damit fange ich an. So einfach, so klar, so – ähem: Wo ist die zündende Idee denn jetzt? Warum hält sie sich so gut versteckt? Lässt sich so gar nicht locken?

Nun… Ideen sind kapriziös. Wenn ich auf sie tatsächlich warte, könnte ich durchaus schon eingeschlafen sein, bis sich nur eine einzige präsentiert. Grundsätzlich gilt: Je mehr ich eine Idee will, desto mehr lässt sie sich bitten.

Wie Ideen im Kopf entstehen?

Neurowissenschaftlich erklären die Experten, wie Lutz Jäncke bereits 2013, Professor für kognitive Neurowissenschaft und Neuropsychologie an der Universität Zürich, dieses Phänomen etwas akademischer:

Der präfrontale Cortex lässt zu, dass sich die im Gedächtnissystem gespeicherten Informationen frei und neu kombinieren können.

Übersetzt heißt das: Das Kontrollzentrum im Stirnhirn muss ruhen, bevor wir die bereits gesammelten Informationen zu den überraschenden Kreationen umbilden können, die wir „Idee“ nennen. Das dürfte auch der Grund sein, warum man gern von Autoren behauptet, sie hätten ihre besten Ideen unter der Dusche?

Naja… meiner Erfahrung nach tut sich morgens im Badezimmer nix. Auch unter der Dusche oder beim Zähneputzen nicht. Das dürfte für mich wohl noch zu früh sein oder eine zu normale Denksituation. Das Kontrollzentrum ist nämlich in einer solchen derart stark aktiviert, dass es die neuen, ungewöhnlichen Kombinationen bereits gespeicherter Informationen einfach nicht zulässt.

Was also tun?

Jedes Mittel, das dabei hilft, aus den Gedankenzwängen herauszukommen, ist gut.

Also dann: Gehen wir spazieren!

Mein Mittel der Wahl, um aus besagten Gedankenzwängen raus zu kommen? Ich fahre nicht Bus, nicht Trambahn oder Auto – so wenig wie möglich jedenfalls. Eine halbe Stunde zu Fuß unterwegs zu sein, genügt völlig, um mich mit Ideen für die nächsten Blogmärchen zu versorgen. Da feuert mein Neuronennetzwerk, was das Zeug hält.

Der Trick?

Zuerst suche ich mir einen Charakter: Eine Person, der ich gerade begegne, die mich fasziniert oder eben eine Märchenfigur. Da gibt’s ja mehr als genug davon. Meistens springt sofort etwas ins Auge: Eine rote Mütze, ein Elefantenkopf, das Kabel eines Kopfhörers, eifriges Tippen im Smartphone, hektische Flecken, Posieren für ein Selfie… Egal. Die Person ist erst einmal nur dazu da, dass ich weiter fragen kann. Nämlich

Was, wenn… ?

  • Was, wenn die Kamera im Smartphone nur Fotos zukünftiger Ereignisse macht?
  • Was, wenn die Kabel im Ohr die Zeichen einer geheimen Bruderschaft sind?
  • Was, wenn die Mütze ein Geschenk der Großmutter ist?
  • Was, wenn ein Vater dem Sohn den Kopf abschlägt?
  • Was, wenn die hektischen Flecken ständig ihre Position verändern?

Üblicherweise stoppen meine Gedanken erst, wenn ich in der realen Welt dort ankomme, wohin ich aufgebrochen war. Im Café, im Büro, zuhause. Egal wo, dort geht es ans Notieren – Stichworte reichen!

Welche der heutigen Ideen es nun bis zum Märchen schaffen wird?

Wir werden sehen!

PS für Nachahmer: Einen Nachteil gibt es auch. Bekannte und Freunde halten dich schnell für ungezogen. Du grüßt sie nämlich nicht! Dazu bist du zu beschäftigt, dir beim Denken zuzusehen.

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Die 28 Tage Herausforderung angenommen: eine Katze meldet sich
Nebiga

28 Tage bloggen: Die Herausforderung

28 Tage, jeden Tag ein Post. Wollen wir da wirklich mitmachen? Nebiga ist skeptisch, Leo euphorisch – zusammengefasst: Unentschieden. Einziger Ausweg ist der Appell an unsere Friedensstifterin und Mediatorin. Die Redaktion vermittelt also, während wir diskutieren – oder so:

  • 28 Tage ist furchtbar lang…
  • Wurscht, endlich können wir uns ausgiebig zu Wort melden…
  • Naja, wenigstens ist es der kürzeste Monat im Jahr!
  • Trotzdem: Der Februar beginnt heute. Habt ihr eine Idee?
  • Idee? Ideen, meinst du wohl. Dazu noch jeden Tag eine!
  • Jetzt reg‘ dich nicht auf, wir sind zu zweit… du brauchst also nur jeden zweiten Tag eine.
  • Versuchst du uns gerade in die Tasche zu lügen?
  • Keine Haarspaltereien bitte! Wir müssen nur eine einzige Frage klären: Habt ihr genug Ideen oder nicht?

Wie wir uns entschieden haben?

28 Tage lang… jeden Tag. Das schaffen wir nie im Leben! Wir können unmöglich 28 Tage lang unseren Durchschnitt von 1100 Wörtern pro Post durchhalten. Wir haben schließlich noch einen Tagesjob, ein Privatleben, Hobbies, Bedürfnisse… ja, auch Blogger schlafen! Wir könnten es natürlich auf nächsten Monat verschieben…

28 Tage lang bloggen ist ein Ding der Unmöglichkeit! Es sei denn…

Es sei denn, wir zeigen:

28 Tage: Ein Globetrotter Märchen entsteht

In 28 Tagen können wir beide einen unserer normalen Posts schreiben. So lange dauert es nämlich gewöhnlich, bis wir etwas Lesbares zusammen haben. Von der Idee bis zum fertigen Post muss sich eben einiges entwickeln und das braucht Zeit. In 28 Tagen ein Post – 1100 Wörter – für jeden von uns. Das kriegen wir hin.

  • Ihr erfüllt damit aber nicht die Bedingungen des Wettbewerbs. Es heißt: 28 Tage lang jeden Tag ein Post!

Deshalb ja unsere Idee: Wir dokumentieren, wie unsere Geschichten entstehen. Post für Post. Bis zur Veröffentlichung des Artikels.

Das trauen wir uns zu. Das schaffen wir.

Was meinst du?

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Der bösen Schwiegermutter das Wort
Nebiga

Der bösen Schwiegermutter das Wort

Schwiegermutter: So beschimpfen mich manche. Böse sei ich, sagen sie, eifersüchtig wäre ich von Anfang an gewesen – neidisch auf die Schönheit einer der ihren, einer Sterblichen! Was die sich nicht alles seit Jahrhunderten zusammenreimen! ICH – wütend, weil manche Menschen damals behauptet hätten, das Mädchen Psyche wäre schöner als ich; ja es sogar einige unter ihnen gab, die deren Reinheit anbeteten; Psyche Blumen vor die Haustür streuten.

Was wissen diese Menschen denn? Nur, weil ihnen der Schreiberling Apuleius seine Version erzählte – dieser Dichter, der doch nur ein Sprachrohr meines größten Widersachers Apollon war –  ein Schwätzer, ein Lügenverbreiter.

Aber ihr glaubt ihm natürlich, ihr Sterblichen. Ihm und all seinen Nachfolgern. Ehrlich, was für eine armseelige Vorstellung ist das denn? Könnt ihr euch nichts Anderes ausdenken? So – und offenbar nur so – kennt ihr es. Von euch selbst. Ihr interpretiert Psyches Geschichte um, macht mich zur einzigen Ursache ihres Schicksals; passt ihr Leiden eurem schwachen Weltbild an. Wart ihr etwa dabei? Habt ihr gesehen, gefühlt, erfahren?

Nein!

Ihr kennt das Märchen von Amor und Psyche nur vom Hörensagen und seht offenbar keinen Grund das Lügengespinst zu hinterfragen. Ein Märchen war es damals, als Apuleius es aufschrieb, sonst nichts. Nicht einmal ein Märchen… ein Lügengeflecht… ein Propagandagedicht! Ihr habt vergessen, wer ich wirklich bin, wer Cupido, wer Apollon. Ihr habt uns sogar andere Namen gegeben: Venus, Amor, Apollo. Das Orakel von Delphi hat auch noch das seine dazu beigetragen. Aber… was tun die denn anderes, als Lügen zu verbreiten? Als  wüssten sie – gerade die! Sie wissen schon so lange nichts mehr. Schon seit damals, als Apollo meine Seherinnen umbringen ließ…

Als Schwiegermutter sage ich euch

Schönheit vergeht, gerade bei den Sterblichen! Und was bleibt? Charakter. Nur der. Wie sollte Psyche aber einen solchen entwickeln, wo sie doch den ganzen Tag in ihrer Kammer in Algier herumsaß und sich die Augen nach einem Geliebten leer weinte; sich sehnte, nach einem, der sie und nicht nur ihre Schönheit lieben sollte.

Ach geh…

Besser wäre gewesen, sie hätte sich die Augen nach einem ausgeweint, von dem sie glaubte, ihn selbst zu lieben. Das nämlich bildet!  Nichts bildet so sehr – den Charakter…

Sie hätte sich aufmachen sollen, zu lernen, sich selbst zu vertrauen. Doch dafür hätte sie einen besonderen Mann gebraucht; einen, der weder dem gängigen Schönheitsideal entspricht,  noch göttlich ist; einer, der durchschnittlich oder hässlich, männlich, aber nicht dumm ist, dessen Interessen nur eben fern von den ihren liegen.

Einen, auf den sie warten müsste, stundenlang, weil er vergessen hat, sie zu treffen, weil er zu arbeiten hat, weil er andere Frauen trifft; einen, der trinkt, dem Männerfreundschaften wichtiger sind als ein Abend mit ihr; einer, der sie schlägt, der achtlos ist, der lieber Sport macht oder Gefährte repariert. Ach, es gibt unzählige Spielarten!

Schlicht einen, der ihr die Augen öffnen konnte; ihr zeigen würde, wie wichtig es ist, unabhängig – bei sich selbst – zu sein und ihr eigenes Leben mit Freude zu füllen. Ihr Leben täglich mit allen Facetten zu genießen. Nur dann nämlich würde sie überhaupt den Mann finden können, der sie tatsächlich liebt – nicht nur ihre Schönheit!

Zu dieser Erfahrung wollte ich ihr verhelfen: Ich wollte, dass sie sieht, wovor sie sich hüten muss: Wahllos irgendjemandem ihr Leben zu schenken… schon gar nicht jemandem, der es nicht wert ist, weil er ihr Leben nicht achtet!  Das aber konnte sie nur durch einen Menschen erfahren, von dem sie glaubte, ihn zu lieben. Zu einem solchen sollte ihr mein Sohn verhelfen, damit sie sieht…

Was aber tat Amor?

Er verliebte sich selbst in sie – er, ein Gott, kein Sterblicher, kein normaler Mann, ein allwissender, göttlich-machtbesessener. Dann wollte er sie gleich auch noch besitzen; ohne ihre Zustimmung entführte er sie. Umgehend und ohne über Konsequenzen nachzudenken. Er war ja verliebt.

Als ob das irgendetwas entschuldigen würde!

Psyche lernte – entführt und entehrt – meinen Sohn zu lieben… ja, doch, was blieb ihr auch Anderes übrig? Amor versteht etwas davon, eine Frau die Nächte genießen zu lassen. Was diese unerfahrene Liebe allerdings für beide bedeuten würde, das konnten sie nicht vorhersehen: Das Techtelmechtel ging solange gut, bis Psyche Amor ins Gesicht sah. Ihn erkannte. Sah, was und wie mein Sohn tatsächlich ist. Das verträgt ein Gott nicht, das verletzt ihn. Das macht ihn zu menschlich. Wohin floh Amor damals vor diesem Blick? Zu Muttern! Aber nicht, dass er mir etwas erzählt hätte!

Ein Tropfen Kerzenwachs hätte ihn verletzt… also bitte! Eine schwächere Ausrede hätte ihm kaum noch einfallen können!

Er verkroch sich in sein Zimmer, schlich mit Leidensmiene herum… Er kam nur dann aus seinem Zimmer, wenn er was brauchte. Wenn ich fragte, was er hätte, bekam ich ein schmollendes „Nichts!“. Dass das „Nichts“ in meinem Haus die Stimmung verdarb, störte ihn nicht.

Psyche war wesentlich geschickter

Sie ahnte, dass ihr bei Liebeskummer nur eine Frau helfen konnte, eine erfahrene: Deshalb kam sie zu mir – der Schwiegermutter in spe. Sie bat um Hilfe. Sie liebe Amor, sagte sie, wolle ihn, wie er war. Sie dachte allerdings an eine Verbindung in Augenhöhe. Ich entdeckte den Keim zur doch noch möglichen Charakterbildung und war entschlossen, ihn zu nähren, ihn wachsen zu lassen: Psyche sollte sich selbst vertrauen lernen!

Ein Gott wie Amor brauchte eine Göttin als Partnerin; eine Unsterbliche, die ihm Grenzen setzen konnte. Eine, die mit ihrer Ewigkeit auch ohne ihn etwas anzufangen wusste – und nicht eine sterbliche Seele, deren Schönheit durch vergebliches Warten vergehen, die ohne Freude dahinsiechen und letztendlich sterben würde.

Das war dem Mädel natürlich noch nicht so ganz klar, aber sie murrte trotzdem nicht.

Drei Aufgaben stellte ich – nicht mehr

Drei, nicht vier, wie mir der Lügenbaron, Apuleius, später unterstellte:

  1. Psyche sollte binnen Tagesfrist einen Berg aus Gerste, Mohn, Hirse, Weizen und Erbsen verlesen. Sie holte Hilfe – das kluge Kind. Sie rief die Ameisen, die ihre Aufgabe erledigten. Korn und Samen nach Sorte getrennt auf Häufchen stapelten.
  2. Zur Locke der Schafe vom goldenen Vlies verhalf ihr der Fluss. Sie selbst betörte ihn mit ihrer Klug- und ihrer Schönheit.
  3. Was ich wegen dieses Tropfens aus der Quelle, die von einem Drachen bewacht wird, sagen möchte: Wenn selbst Götter vor diesem Drachen zurückschreckten… wie sehr wäre Psyche unter ihnen geachtet worden, hätte das Mädchen zum rechten Zeitpunkt begriffen…. hätte sie bloß Apollos Behauptung, ihr geholfen zu haben, von Anfang an zurückgewiesen! Denn geholfen hat er wahrlich nicht! Der Gott der Dichtkunst rührte nicht einen Finger, obwohl es seine Anhänger immer wieder behaupten. Psyche überlistete den Drachen selbst. Sie allein bat den Adler des Zeus, ihr zu helfen, sie zur Quelle zu bringen. Und der Adler half, weil es seine Natur war.

FreiheitDoch noch war das Mädchen zu jung, zu schwach. Sie konnte ihre eigene Leistung nicht erkennen! Zu zögerlich war sie, um ihr Können wert zu schätzen. Zu unerfahren mit göttlichem Werk! Und schon nutzten andere ihre Zweifel, ihre mangelndes Selbstvertrauen!

Apollo hätte auch hier geholfen. Ja klar, ausgerechnet… Als könnte der Gott der schönen Worte der Natur befehlen? Hah – diese Macht hat er nicht und wird er auch nicht bekommen, ewig nicht.  Er kann die Natur besingen, gern. Aber mehr ist nicht! Da nützt es ihm auch nicht, das Orakel von Delphi erobert und meine Priesterinnen getötet zu haben. Da können die Usurpatoren – seine Priester – erzählen, was sie wollen. Tatsache ist: Die Herrscherin der Natur bin und bleibe ich. Weiblich. Und Psyche gehört zu uns, ist eine Frau!

Die vierte Aufgabe

Die vierte Aufgabe war in Wahrheit überhaupt keine Aufgabe. Die Büchse mit Proserpinas Schönheit sollte nicht für mich sein. Was sollte ich mit Proserpinas Schönheit aus der Unterwelt? Ich bin ja schon die Göttin des Todes! Er ist Teil meiner unsterbliche Schönheit! Die Büchse war kein von mir geplanter Verrat! Ein Quentchen dieser Schönheit hätte Psyche unsterblich gemacht.

Ach, hätte das Mädchen ihre Neugier nur eine kleine Weile bezähmen können! Gerade so lange bis es wieder an der Oberwelt gelandet wäre! Ja, dann hätte Psyche ihre Göttlichkeit aus eigener Kraft geschafft. Leider war Diskretion nicht gerade ihre starke Seite! Das hatte sie ja schon bei Amors Bitte bewiesen, ihn niemals direkt anzusehen. Dass diese Sterblichen so furchtbar neugierig sind…

Ein Blick nur genügt – schon wandelt sich die ganze Geschichte.

Psyche versank in todesähnlichen Schlaf

Kaum glaubte mein Sohn, seine Geliebte auf ewig verloren, wurde er aktiv. Er flehte mich an, bettelte, bat und schmeichelte. Amor nämlich besitzt die Macht nicht, Leben zu schenken. Noch so eine Lüge der Orakelverdreher, Dichter und Poeten. Da braucht der Gott der Liebe schon Muttern dazu. Und ich gab nach.

Der nächste Schritt war ein Fehler. Diesen Schritt bereue ich bis heute! Oh, und wie ich ihn bereue… jeden Tag.

Ich erweckte das Mädchen, ohne dass ich selbst vor ihr erschien. Ja, ja… ich war zu faul, ich gebe es zu. Ich war Amors Gebettel leid, wollte meine Ruhe. Um keinen Preis wollte ich reisen… noch dazu an so ungastlichen Ort. Ich ahnte ja nicht, wie hoch der Preis tatsächlich sein würde! Ich kam nicht auf die Idee, dass Amor seiner Geliebten beim Aufwachen nicht die Wahrheit sagen, ihr einreden würde, sie verdanke ihm und Apollo alles.

Das I-Tüpfelchen setzte Zeus. Auch das hätte ich wissen müssen: Männer unterstützen sich gerne bei ihren Machtgelüsten – Götter sind da keine Ausnahme, da braucht man nur Hera zu fragen. Zeus machte das Mädchen zur Göttin von seinen Gnaden!

Was schlimm genug ist! Wo bleibt dabei das eigene, weiblich-göttliche Selbst!

Dann verheiratete er Psyche auch noch mit dem Lügenbeutel, meinem Sohn. Das Mädchen konnte gar nicht aus freien Stücken wählen. Sie hat in der Unterwelt vergessen, vergessen, was sie geleistet, wofür sie gekämpft und gestritten hatte. Für ihre Göttlichkeit, ihre Freiheit, ihre Lebenslust. Psyche gehorchte vor Zeus und den anderen – erduldet bis heute, weil sie sich abhängig glaubt.

Als Schwiegermutter aber weine ich täglich heiße Tränen…

Psyche vertraut sich nicht mehr!

  • Heute werkt sie in Amors Haus, gebiert ihm seine Kinder. Kocht, putzt, wäscht und wartet –  wartet Stunde um Stunde: mit dem Essen, mit dem Schlafen oder darauf, dass er sie in die Stadt mitnimmt… wartet sehnsüchtig darauf, dass Amor sie wieder schätzt, so aufmerksam ist wie früher. Sie vergeudet ihr Leben.
  • Manchmal findet sie sogar Arbeit, aber übt sie nur solange aus, solange Amors Bequemlichkeit nicht leiden muss.
  • Ohne Hidschab geht sie nie aus dem Haus. Ihre Schönheit, sagt sie, hebe sie auf – für meinen Sohn. Sie sei ihm so unendlich dankbar… dass er sie genommen, sie gerettet hat.

Amor, weiß ich, hat mittlerweile beides satt: Psyches Schönheit und ihre Abhängigkeit. Wie ich höre, vergnügt er sich in der Stadt.

Er denkt, sagt er, über eine zweite Frau nach. Eine, die Psyche ersetze, ihn herausfordere, ihr eigenes Leben lebe…

„Eine, die von mir unabhängig ist, Mama.“

©SCommIntercultural

Mutter Märchen
Nebiga

Nie! Ein Mutter Märchen

Am Mutter Tag hocken sie in einer sternenklaren Nacht, die bloßen Füße im noch warmen Sand, erschöpft vom Tag zu ihren Ehren – und doch haben sie sich am Strand zusammengefunden wie jedes Jahr. Die Große streckt einen ihrer braungebrannten Arme hoch, pickt ein Rad vom kleinen Wagen herunter. Die Sterne leuchten über den Köpfen der Frauen, glühen. Die Große gibt die gefangene Sternenglut der Burschikosen weiter; die zieht am Joint. Süßlich herbes Aroma kräuselt sich durch die Luft, umweht den Kreis der Frauen, löst sich auf in der Nacht. Eine Welle klatscht an die nahe Felswand. Zwei Herzschläge lang ist es still.

Die Burschikose lässt sich in den Sand zurückfallen, breitet die Arme aus. Sie fühlt den noch warmen Sand auf der Haut und mustert verträumt die Himmelskuppel, zählt gedankenverloren ein paar der funkelnden Punkte im tiefblauen Meer über ihr. Ein Atemzug, die salzigfeuchte Meeresluft vermengt sich mit dem den Hals kratzenden Gras. Sie schnurrt: „Was bin ich froh, hier mit euch zu sein!“

„Sicher nicht mehr lang“, lacht die Kluge trocken, schnappt sich den Joint. „Bald haben dich die Sandflöhe bis auf die Knochen abnagt!“ Zunächst antwortet die Burschikose nicht, es ist, als hätte sie nicht gehört. Eine Welle rollt wieder an den Strand; sanftes Klatschen. Krebse huschen dem zurückweichendenWasser nach. „Ja klar, Mama.“, murmelt die Burschikose plötzlich, abwesend und -weisend, ganz wie ihre eigene pubertierende Tochter, „Wie du meinst…“ Das aber lässt sich die Kluge nicht bieten. Sie faucht: „Du hast doch keine Ahnung!“

Mutter, Klappe die Erste

„Sei froh, dass wer an die denkt! Eine Mutter, so eine Mutter wie meine Mutter hat für fürsorgliche Kinkerlitzchen keine Zeit. Sie würde einfach nicht bemerken, wenn nur noch meine Knochen übrig wären. Sie bekommt ja heute schon nicht mit, was uns Kinder beschäftigt. Wollt ihr wissen, warum? Sie kommt einfach nie rechtzeitig, weil sie zu viele Dinge gleichzeitig tut. Gemeinsam feiern, Shoppen gehen, ein Museumsbesuch… am besten du gehst allein, weil sonst wartest du – und übrig bleibt vermutlich ein Haufen Knochen …

Ein kleines Eckchen Zeit zweigt sie hier noch ab und da. Ihr fällt sicher noch ein, was wichtiger ist als du: Die Teller müssen gestapelt werden, der Tisch gewischt. Ein paar Hefte muss sie noch korrigieren und mit der Kollegin hat sie schon lange nicht mehr gequatscht. Sie stopft und stopft, als wäre Zeit eine leckes Boot, in dem sie treibt. Da ist immer noch ein Schüler, der betreut; ein Unterricht, der vorbereitet; ein Schrank, der gebeizt werden muss. Die Familie wartet derweil vor dem gedeckten Tisch, weil einer Geburtstag hat.

Wir sitzen unter uns und bleiben es auch. Wir erzählen schließlich den anderen, den übrigen, was uns beschäftigt. Dem Vater, dem Bruder, der Schwester, ja sogar der Tante öffnen wir das Herz. Meine Mutter aber hört unsere Gespräche nie. Wenn wir Glück haben, begrüßt sie uns, wenn wir gehen. Eines schwöre ich euch: Nie, nie, aber sowas von nie…“

Umständlich erheben sich die drei Frauen, torkeln ein bisschen, grinsen unsicher. Sie fassen sich an den Händen, bilden einen kleinen Kreis und sprechen im Chor:

Nein, nie, nie möchte ich wie meine Mutter sein. Niemals! Nie.

Lachend plumpsen sie auf ihren Platz zurück.

Die Kluge zieht fest am Joint, reicht ihn an die Große weiter. Die nimmt ihn entgegen, weiß, dass sie an der Reihe ist.

Mutter, Klappe die Zweite

„Du bist zu beneiden! Ehrlich“, beginnt die Große, „ich seh‘ meine Mutter zu oft. Jedes Mal, wenn sie einen neuen Freund hat – und sie wechselt ihre Freunde – gefühlt – wöchentlich. Ich weiß wirklich nicht, was das ist. Sie hat wirklich diesen Drang, mir alle ihre Männer vorzustellen. Lacht nicht, das nervt. Letztens im Café, dem an der Straße, ihr wisst schon, das Dschungel-Caf’e mit den drei Palmen am Eingang, dem Freilufttresen; dort, wo ich so gern frühstücke. Es ist so ruhig, gerade morgens! Ich liebe diese Momente ganz allein für mich. Meistens jedenfalls. An dem Tag war ich sogar wacher als sonst um diese Zeit. Denn es gibt ja jetzt den neuen Kellner. Habt ihr ihn schon gesehen? Ich mag seine Augen, seine Stimme und das morgendliche Geplänkel mit ihm. Schaut nicht so, ihr zwei! Natürlich ist er zu jung für mich, aber er ist nett und witzig!

Meine Mutter rief an diesem Morgen an. Ausgerechnet als der Kellner mich fragte, ob ich den Kaffee mit Milch oder Zucker trinke. Ich konnte wegen ihr nur vielsagend deuten. Sie wolle sich  treffen, sagt sie, am besten gleich, so in einer halben Stunde. Mutter liebt es, mir den Morgen zu verderben! Bringst du schon wieder deinen neuen Freund mit?, fragte ich. Ich mein‘, sie meldet sich ja wirklch nur dann. Nö, sagte sie, sie bringe niemanden mit.

Ich habe mich gefreut. Echt. Endlich mal ein Gespräch mit ihr allein! Wann ich ein solches das letzte Mal hatte? Fragt mich nicht, ich erinnere mich nicht. Ich setzte mich auf einen der teichgrünen Plastiktische, hinten bei der Gartenmauer erschien es mir passend. Von dort konnte ich Muttern kommen sehen. Nebenbei ließ sich auch der Kellner beobachten, während er andere Tische bediente. Hin und wieder grinste er mich über die Köpfe anderer Gäste, leerer Tische, Bugambillas, Kakteen und Palmen hinweg an. Ein gelungener Morgen, dachte ich, genoß Sonne und Kaffee.

Etwa bis meine Mutter durch die Tür trat. Sie winkte mir kurz zu, küsste den Kellner… küsste… das konnte nicht wahr sein! Ich schloss meine Augen, zwinkerte: Kein Zweifel! Stolz kam Mutter näher, mit ihm an der Hand.

Sagt mir: Was sagt man da? Und wenn ihr schon dabei seid, eine Antwort zu finden, sucht noch eine: Spannt man seiner Mutter den Freund aus? Ich bin so versucht…“

Die Große verstummt, sinnt ihrer Idee nach. Da rappelt sich die Burschikose vom Boden hoch, schneller diesmal und umarmt die Große lang und fest. Sie flüstert in ihr Ohr: „Nie, nie, aber sowas von nie…“ Wieder tönen die drei Frauen im Chor:

Nein, nie, nie möchte ich wie meine Mutter sein. Niemals! Nie.

Und die Wellen rollen die Felswand entlang, plätschern am Strand. Über den Frauen wandern die Sterne, funkeln und verraten partout nicht, wie fortgeschritten die Nacht ist. Der modrige Hauch des Joints in der Hand der Großen vermischt sich mit Rauch, einem entfernt wahrnehmbaren harzigen Duft von brennendem Holz.

„Haben die Kinder ein Feuer angezündet?“, fragt die Burschikose und sucht mit den Augen den Strand ab. „Wer weiß“, grinst die Kluge, „Hauptsache sie vertreiben sich die Zeit.“ Sie greift sich den Joint, zieht daran und reicht ihn weiter. Die Burschikose nimmt ihn entgegen und sieht zu, wie sich ihre Freundinnen setzen.

Mutter, Klappe die Dritte

„Besser junge Männer“, sagt sie, „als verrückte! Meine Mutter hat da ein glückliches Händchen. Der einzige Trost ist, dass keiner sie halten kann. Naja, Trost ist vielleicht nicht gerade das richtige Wort. Mit dem Esel durch Bhutan? Mit dem Klapperbus durch die Militärzone im mexikanischen Chiapas? Ein sechswöchiger  Wandertrip durch Tanzania? Pferdejagd durch die Mongolei? Mit Kamelen quer durch die Sahara? Nennt ein Land, das nicht westlich dekadent ist, wie sie sagt, und sie war dort. Allein. Ihre Männer nimmt sie nie mit. Das wäre falsch, meint sie.

Für uns bedeutet das aber, dass sie monatelang nicht zu erreichen ist. Lebt sie? Geht es ihr gut? Hat sie alles, was sie braucht? Die Fragen wage ich mir nicht einmal selbst zu stellen, geschweige denn meiner Schwester. Würden wir es tun, könnte keine von uns mehr schlafen. Hin und wieder meldet Muttern sich – seit einigen Jahren per Skype. Oder sie schickt ein Foto. Für ihre Enkel, sagt sie. Die freuen sich – und ich? Ich habe zwei Kinder, die schon jetzt davon träumen in die Fußstapfen meiner Mutter zu treten. Sie erzählt ja auch nie davon, wie unbequem, wie gefährlich ihre Reisen sind.

Wenn ich sie darauf anspreche, ihr sage, dass sie langsam zu alt ist für diese Mätzchen, sich einen ruhigen Ort suchen, sich endlich niederlassen soll. Was antwortet sie?

  1. Ruhig sei es im Grab noch früh genug.
  2. Ein bisschen Abenteuer hat noch niemanden geschadet.
  3. Ich solle mich nicht in ihr Leben einmischen; es sei immer noch ihres.

Ach, was gäbe ich für einen Mann, jung oder alt, der sie endgültig halten kann! Nur wird keiner sich eine Frau wie meine Mutter antun! Nie, nie, aber sowas von nie…“

Ein Zug, dann wirft die Burschikose die Kippe in den Sand. Wieder fassen die Drei sich an den Händen.

Nein, nie, nie möchte ich wie meine Mutter sein. Niemals! Nie.

Sie werfen die Arme in die Höhe, lassen sich nach hinten in den Sand fallen. Träge bleiben sie liegen. An Aufstehen ist gerade nicht zu denken!  Drei Herzschläge später: „Es juckt und beißt“, beschwert sich plötzlich die Burschikose. Die Kluge lacht laut auf und lacht, hört nicht mehr auf. Bis die Große aufspringt, ihre beiden Freundinnen aufzieht: „Kommt! Wir gehen schwimmen“, fordert sie.

„Jetzt?“

„Wann sonst?“

Die Krebse flüchten schleunigst seitwärts trippelnd ins kühle Nass. Die Sterne dagegen funkeln weiterhin neutral, sogar als die drei Frauen nackt ins Meer waten. Ihr Blick wandert nur ein bisschen verschämt weiter zur einzigen Lichtquelle hinter dem Felsen in die Bucht. Drei Töchter lümmeln dort um ein Feuer, schon ziemlich lang. Jeden Muttertag das gleiche Lied! Sie warten.

„Was meint ihr? Sind die bald fertig?“, fragt die eine – zum wievielten Mal? Die andere zuckt mit der Schulter, kontrolliert ihr Handy. Noch immer kein Empfang. Und die dritte Tochter? Sie beobachtet noch eine Weile ihre beiden Leidensgenossinnen, plötzlich fängt sie an:

„Also, wenn meine Mutter einmal redet, findet die kein Ende. Sie kann…“

©SComm Intercultural

 

 

Yaxchilan: Stadt der grünen Steine
Nebiga

Yaxchilan: Stadt der grünen Steine

Yaxchilan: Habt ihr den Baum gesehen? Umschlungen von einer Liane steht er, blüht er, träumt er mitten in der Stadt. Der Stadt Yaxchilan –  Piedras Verdes – grüne Steine am Ufer des Flusses. Denn die Maya-Königsstadt Yaxchilan können Händler und Touristen nur mit dem Boot erreichen.

Am Zocalo, dem früheren Haupt-, Markt- und Tanzplatz, steht eine mexikanische Sumpfzypresse; die Wurzeln fest verankert und weit verzweigt breitet sie ihre Krone aus, wirft Schatten; sie bildet seit Jahrhunderten das Zentrum der Stadt. Die Zypresse hat überlebt, hat beobachtet, wie Häuser verfielen und die Pyramiden sich leerten; wie Moden die Touristen verändern. Sie lebt ewig, wie es scheint.

Ihre Blätter sind schimmernd grün, ihr Stamm stark, und die Äste beweglich. Sie ist ein mächtiger Baum, obwohl die Liane sie umschlingt, ihr Licht und Wasser stiehlt. Trotzdem lebt sie weiter, treibt Jahr für Jahr neue Blätter, streckt die Äste aus. Was treibt sie, was gibt ihr Kraft?

Cuenta la leyenda de Yaxchilan…

damals als die Stadt nicht nur von Affen bevölkert war; als die Menschen noch ihren Mais am Zocalo zerstießen, Tortillas zwischen Frauenhänden klatschten, Händler die Pulque – fermentierten Agavensaft – in den großen Tonschalen mit Holzschlögel schlugen; als Maler ihr Tlaloc-Blau selbst mischten, sie blutrot aus eisenhaltiger Erde und schwarz aus Lehm Wände bemalten; als die Mutter ihre Tochter schimpfte, weil sie vergessen hatte, dass sie mit ihren alten Spielkameraden nicht mehr zusammen sein durfte und der König hoch oben in der größten Pyramide der Stadt darauf wartete, dass seine Untertanen Stufe um Stufe – ungezählte Stufen – hochstiegen, um ihm Nachricht zu bringen oder etwas zu essen; als die Priester noch ihre Opfer unter den Menschen wählten und am Markt der Fisch aus dem Meer neben den Flußkrebsen lag; damals also lebte Ixchel, eine Tochter der Stadt.

Ungestüm war sie und furchtlos, ein Wirbelwind mit lautem Lachen. Trotzdem konnte sie still sitzen, wenn sie der Heilerin zuhörte. Schon im Alter von fünf Jahren faszinierten sie die Geschichten der weisen Curadera Malinalli. Die Geschichten von Wegen in jener Traumwelt der Seelen, von der Passage dorthin über die Höhle am Fluß.

Malinalli erzählte ihre bizarren Abenteuer, wie jede Heilerin sie ihren Nachfolgern erzählt, um  sie auf das Kommende vorzubereiten. Und so dauerte es auch gar nicht lange, da nahm die Alte das Mädchen mit; mit in jene Traumwelt, wo Hexer mit  Heilern um die Seelen der Menschen kämpften. Denn das Mädchen hatte die Gabe – ihre Unbekümmertheit und viel Mut. Beides half durch die dunkle Höhle der Traumwelt zu wandern, Malinalli zu begleiten und die bedrohten Seelen zu finden. Ixchel war gut darin, Dämonen in Gestalt wilder Tiere dazu zu zwingen,  Menschen von Yaxchilan ihre Seele zurückzugeben. Ja, ihre Gabe war wichtig für die Menschen der Stadt Yaxchilan.

Ixchel wuchs heran und die Quinceañera rückte immer näher – jenes Fest zum 15. Geburtstag, das allen Bewohnern der Stadt mitteilte, dass aus dem Mädchen eine heiratsfähige, junge Frau gewachsen war. Von überall her kamen Freunde, Familien, Krieger, Priester, Handwerker, die Mädchen und die alten Frauen. Beim Tanzen auf dem großen Platz gefiel Ixchel ein Galan, ein Krieger – stark, angesehen und sich seines Status bewusst. Sie gefiel auch ihm und so teilte sie bald ihre Zeit: Tagsüber wich sie dem Galan aus Angst, ihn sonst zu verlieren, nicht von der Seite; nachts schlich sie doch zu Malinalli. Sie dachte, dass wäre sie der Heilerin schuldig.

In Dunkelheit umfangene Seele

Es kam ein Tag, da stiegen die Priester herab, um Hilfe zu suchen: Die Hüterin der Gärten verliere ihre Seele, erzählten sie. Sie, die alle Terrassenfelder pflegte, den Maisstauden, den Bäumen voller Avocados, Limas und gelben Mangos, den Baumwollpflanzen Wasser und Stärke gab; sie also würde schwächer im nächtlichen Kampf, spräche wirr und Dunkelheit umgebe sie den ganzen Tag.

„Der Dämon muss mächtig sein“, sagten die Priester, „ein starker, dunkler Hexer hält der Hüterin Seele gefangen.“ Allen Schamanen würde er bisher widerstehen! In ihrer Verzweiflung und mit all der Angst von Yaxchilan wandten sie sich nun an Malinalli, weil Kunde ihrer Macht an das königliche Ohr gedrungen war.

So bereitete sich die Heilerin für die lange Nacht in der Traumwelt vor: Sie zündete die Kerzen an, den Weihrauch und den Holzscheit, salbte ihren Körper mit Öl ,damit die Geister sie nicht fassen konnten. Sie wartete auf Ixchel, doch die junge Frau wollte diesmal nicht mitgehen. Sie könne nicht weg von ihrem Liebsten, ihrem Galan:

  • „Warst du nicht den ganzen Tag mit ihm?“, fragte die Alte.
  • „Er möchte nicht, dass ich mit dir gehe. Es sei viel zu gefährlich, sagt er.“
  • Die Alte nickte, weise fragte sie: „Was willst du?“

Ixchel war gefangen in dem, was sie als Liebende glaubte, tun zu müssen: Den Geliebten zu gehorchen, weil sie fürchtete, ihn sonst zu verlieren.Nein, diesmal ging sie nicht mit.

Malinalli machte sich allein auf, folgte dem Pfad in die Höhle der Träume – einzig begleitet vom Schein der Kerzen.

Seelenhandel

Schon bald konnte die Alte den Seelenfänger durch die Weihrauchschwaden riechen. Ein Dämon, schwärzer als sie es jemals zuvor gefühlt hatte, hüllte sie ein. Er widerstand ihrem Licht gewitzter als der hinterlistigste Affenkönig, wütete stärker als ein Orkan. Er nährte sich von Malinallis wachsender Furcht, wuchs mit ihren Jahren und lachte sie aus, sobald eine Flamme des Lebens nach der anderen verlöschte. Immer tiefer zog er sie in seinen Studel, ihr Lebenslicht flackerte nur mehr schwach.

In ihrer Not rief Malinalli Chaac, Gott des Windes und des Regens – auf dass ER das Dunkle in alle Richtungen zerstreue. Chaac kam, der Gott, der noch niemals freiwillig den Menschen etwas gegeben hatte. Auch diesmal musste Malinalli mit ihm handeln – „Seele“, forderte er, „um Seele.“

Aber welche Seele konnte Malinalli ihm geben? Sie selbst musste die der Hüterin befreien und heil nach Hause geleiten. Ihre Seele konnte nicht bleiben.

Der Dämon lachte…

Dunkelheit umhüllte die Seelen der beiden Frauen fast gänzlich.

Malinalli schrie – wie auch die Hüterin im Schlaf…

Es war ein Schrei, der Ixchel in den Armen ihres Geliebten winden ließ.

Er hingegen hörte nichts. „Das bildest du dir ein“, flüsterte er ihr zu, hielt sie fest, versuchte sie zu trösten, zu beruhigen… zu beschützen.

Nur drei Fragen

Als Malinalli bei Tageslicht in ihrem Haus aufwachte, war ihr zuvor graues Haar weiß geworden. Sie brauchte Wochen, um sich von den restlichen Schatten in ihr zu befreien. Als sie endlich wieder zum Zocalo laufen konnte, das Licht zwischen den Blättern von Yaxchilan einatmete, entdeckte sie diese Zypresse – kleiner damals noch – mitten am Platz. Unter ihr hockte die Hüterin der Gärten. Abgemagert, aber mit klarem Blick. Eine Hand am Stamm.

„War das Chaaks Preis?“, fragte Malinalli.

Die Hüterin der Gärten nickte.

„Ein starker Baum“, antwortete sie, „die Liane lässt sie wohl nicht gehen.“

Leicht strich sie über die Rinde des Baums.

„Sie werden Kraft brauchen“, sagte sie, „alle beide.“

Die Hüterin der Gärten wusste, was sie zu tun hatte… und fasste an die beiden Pflanzenherzen.

Von da an kamen abends die Töchter der Stadt, ausnahmslos alle mit ihren Galanen. Die Paare hockten unter der Zypresse, lauschten dem Rauschen der Blätter. Drei Fragen können die Mädchen in ihren Herzen hören, drei Fragen, die der Baum ihnen stellt:

  • Ist dein Geliebter der Gabe Freund oder Feind?
  • Lacht er gemeinsam mit dir und deinen Freunden?
  • Lässt er dich ziehen, wenn du musst?

Und die Liane wiegt sich im Takt der Antworten, hört die selben unruhigen Fragen in den Herzen der Männer.

  • Ist meine Geliebte der Gabe Freund oder Feind?
  • Lacht sie gemeinsam mit mir und meinen Freunden?
  • Lässt sie mich ziehen, wenn ich muss?

Zypresse wie Liane lauschen und wissen deshalb, welches Paar eine gemeinsame Zukunft hat. Aus deren Liebe ziehen Ixchel und ihr Geliebter nämlich bis heute ihre Kraft.

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Prokne und Philomele: Töchter Attikas
Nebiga

Prokne und Philomele: Töchter Attikas

Philomele webt Bilder, um ihre Schwester Prokne wissen zu lassen, dass der Schwager sie geschändet hat. Ihr Stoff zeigt, was sie nicht erzählen kann, und ihre Schwester Prokne versteht, kaum dass sie die Webstücke sieht. An Geschichten über Vergewaltigungen mangelt es der griechischen Mythologie wahrlich nicht. Diese aber ist eine der wenigen, die das Opfer in ihrem Elend nicht allein lässt.

Philomele befreit sich, indem sie einen Weg findet, ihre Umwelt wissen zu lassen, dass ihr großes Unrecht widerfahren ist. Sie ist damit das antike Vorbild für jeden Menschen, der eine traumatischen Erfahrung durchleben musste. Heute weiß man: Reden hilft nur dann, wenn auch die emotionalen und körperlichen Reaktionen integriert werden, sagt die Psychotherapeutin Christa Diegelmann. Dies gelingt, wenn nichtsprachliche therapeutische Techniken einbezogen werden: das Malen von inneren Bildern und Symbolen zum Beispiel oder das Trauma aus der Perspektive eines Beobachters zu betrachten. Obwohl Tereus, Vergewaltiger und Thrakerkönig, die schöne Tochter Attikas mundtot machte, indem er ihr die Zunge herausschnitt, findet diese eine andere Form des Ausdrucks.

Indem Philomele ihr Schweigen bricht, gibt sie dem Menschen, der ihr am nächsten steht, die Möglichkeit ihr beizustehen. Zunächst befreit Prokne die Schwester aus ihrem Gefängnis. Im zweiten Schritt rächen sich die beiden Schwestern grausam an jenem Mann, der Philomele vergewaltigte und Prokne unglücklich machte. Die beiden gehen so perfide vor, dass selbst der kriegserfahrene Tereus, Sohn des Ares, zutiefst erschüttert wird. Sie nehmen ihm das Wertvollste, das er hat: den Fortbestand seines Geschlechts.

Philomele wird zurSchwalbeDie Vorgangsweise der Töchter Attikas erscheint manchem heute etwas krass. Doch als Vorbild können sie hier ebenfalls gelten: Sie bleiben nicht passiv, kehren das Ende der Geschichte um und ändern das Schicksal selbst. Im therapeutischen Geschwurbel, dem Fachjargon der Branche, heißt das heute: „posttraumatic growth“, was soviel heißt wie „Was uns nicht umbringt, macht uns erfahrener.“ Gelingt es, schwerwiegende Lebensereignisse zu verarbeiten, kann man gestärkt und gereift daraus hervorgehen. Menschen mit Trauma-Erfahrung haben gelernt: „Schlimmes kann jederzeit passieren, aber ich kann es auch bewältigen.“ – und schließlich doch noch davon fliegen.

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Bayrischer Rundfunk: Mythen - Michael Köhlmeier erzählt Sagen des klassischen Altertums: Prokne und Philomele

 

Shiva und Parvati
Nebiga

Shiva und Parvati

Shiva saß auf dem Gipfel und meditierte. Während er sich von der Welt abwandte, wurde diese von Taraka terrorisiert. Der Dämon gierte danach, sich alle Lebewesen untertan zu machen. Gegenwehr erwies sich als zwecklos. Taraka wurde durch jedweden Widerstand nur noch stärker. Die sterblichen Götter suchten Brahma, den Gott der Schöpfung auf, der sich unter anderem diesen Dämon ausgedacht hatte. Brahma konnte oder wollte nicht helfen, je nachdem wie du es betrachten willst. „Aber gib uns wenigstens einen Hinweis, wie wir ihn besiegen können“, bettelten die sterblichen Götter. „So viel will ich euch verraten“, verkündete Brahma durchaus aufgeregt, denn er spürte, dass ihm ein Schauspiel bevorstand. „Der Sohn Shivas könnte ihn vernichten.“

Das Stöhnen der sterblichen Götter hallte durch alle drei Äonen. Die Lage war aussichtslos. Shiva hatte keinen Sohn; zudem war er gerade in sich selbst versunken, und Shivas Meditationen pflegten Epochen zu überdauern. Es war undenkbar, den höchsten aller Asketen dabei zu stören. Deprimiert nahmen die sterblichen Götter Abschied von Brahma. Das dauerte ihn, er sagte, Gäste soll man nicht mit leeren Händen ziehen lassen. Da horchten die Götter auf. „Es gibt eine,“ sagt Brahma, „die Shiva verführen kann. Sie heißt Parvati, ihr Vater ist Himvat, der König des Himalaja, ihre Mutter die noble Mena.“

Gott_KamaDie sterblichen Götter schmiedeten rasch ein Komplott der Verführung. Sie verbündeten sich mit Kama, der umgehend den Frühling heraufbeschwor. Er hatte so oft Lust gesät, hatte den Lauf der Gefühle so oft verändert, dass er sich seiner Unwiderstehlichkeit allzu sicher war. Als die jungfräuliche Parvati vor Shiva stand, zog Kama einen Pfeil aus seinem Köcher. Er legte mit der Ruhe eines Meisterschützen an. Parvati trat einen Schritt näher, ihre Hände zusammengelegt in einer Geste unschuldiger Reverenz, ihr Körper erwartungsvoll. Der Pfeil zischte aus dem Bogen und traf, wo er treffen sollte. Jeder andere wäre Parvati sofort verfallen, aber nicht Shiva.

drittes-auge-20140907Er schlug sein drittes Auge auf, das Stirnauge, und fixierte den ungläubigen Bogenschützen. Schneller als eine Erektion verfliegt, verwandelte sich Kama in einen Haufen Asche. Der Wind brauste auf und wehte die Aschepartikel davon. Sie gingen auf einem Rosenfeld nieder, vermischten sich mit dem Schweiß eines Bullen, wurden aufgeschnappt vom Schnabel eines Kuckucks. Parvati rannte davon. Sie sperrte sich in sich selbst ein. Es war, als habe der letzte Pfeil Kamas sie getroffen. Shiva ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Sie sprach seinen Namen vor sich hin. Sie begann regelmäßig zum Kailash hinaufzusteigen, wo er fastete und meditierte. Sie strich über seinen steinigen Körper, ohne ihn zu berühren. Sie dachte sich in ihn hinein. Sie begann zu ahnen, dass er ohne sie unvollständig war.

Eines Tages, als sie wieder einmal vor ihm stand und seinen Namen murmelte, versprach sie sich, ohne es zu merken, anstatt  „Shiva“ entfuhr ihr „Shivo ham“ – Ich bin Shiva. Er schlug seine Augen auf. Es war wieder Frühling. Das eingeschläferte Herz pochte los: DA Da TiReKiTa. Shiva sah die grünen Täler, er hörte das Zwitschern der Vögel, er roch Düfte, Düfte, die er noch nie zuvor gerochen hatte. Da Da TiReKiTa. Und auf allem lag ein Hauch jener Frau, die vor ihm stand und „Shivo ham“ intonierte. Drei Silben. Und aus der dritten, der zusätzlichen, entstand die erste Umarmung, die Jahrhunderte umfasste.

Später saß Parvati auf seinem linken Oberschenkel. Sie blickte zu ihm hinauf und fragte: „Wer bist du?“ Shiva antwortete: „Die ganze Welt wandelt sich, aber ich wandele mich nicht. Ich kann nicht kommen, denn ich war immer schon hier.“ „Und wer bin ich?“ „Du bist die Schöpferin von allem,“ sagte Shiva, „die Mutter aller Mütter. Nichts kann ohne dich existieren.“

Das stimmte Parvati traurig. „Was bleibt mir dann noch zu tun?“
„Du bist die einzige, die die Welt erzählen kann.“

Nach: Ilija Trojanow: An den inneren Ufern Indiens. Eine Reise entlang des Ganges.
Zu bestellen bei: Hanser Verlag