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Afrikanische Wildkatze liegend
Nebiga

Wie die Wildkatze ins Haus fand

Die Wildkatze ist Wildtier des Jahres 2018. Was wissen wir von ihr? Sie ist scheu, ortstreu und war in früheren Jahrhunderten in Europa weit verbreitet. Doch vor ein paar Jahren war sie in Deutschland fast ausgestorben. Das hat sich mittlerweile wieder gebessert, allerdings steht die Europäische Wildkatze immer noch auf der Roten Liste. Mit einem Bestand von rund 5.000 bis 10.000 Tieren in Deutschland gilt sie als „gefährdet“ und darf nicht gejagt werden.  Sie ist übrigens NICHT die Ahnherrin unserer Hauskatzen!

Die Afrikanische Wildkatze dagegen schon. Wie das kam? Die Dorfältesten der Shona aus Simbabwe erzählen es so – oder so ähnlich:

Die Wildkatze träumt

Feuchte Erde und Nebel in der Luft, verrottende Pflanzen, stehendes Wasser – es riecht nach Wurzeln und nach Gras; nein nicht nach Gras, mehr nach Farnen … nach Hängemoosen, Efeu und Lianen.

Jeder einzelne Baum hat einen eigenen Duft – und es gibt viele davon: Palmen, Pinien, Mahagoni – manche riechen bitter, andere süß oder sauer. Liegt Tau auf den Blättern intensiviert sich dieser Geruch noch und manchmal mischt sich das schwere Parfum einer Orchidee darunter oder das herbe Aroma einer Akelei.

So riecht er, der Nebelwald, viele nennen ihn auch Dschungel? Der Wald, von dem ich euch hier berichte, das ist ein richtiger Nebelwald. Einer, in dem es dampft und über den morgens eine Hauch weiße Schwaden hinwegzieht. Genauso wie die Netze der Seidenspinne, die in der Sonne glitzern.

Regenwald, Nebelwald, Dschungel

In diesem Nebelwald lebte einmal eine wilde Katze.

Sie lebte dort allein. Nachts schlich sie durchs Gehölz und jagte Mäuse und für untertags hatte sie ein bevorzugtes Sonnenplätzchen. Auf einem Stein neben einem Mahagonibaum sonnte sie sich und träumte, bis es wieder Zeit zu jagen war.

Sie lebte also ein gutes Katzenleben.

Doch eines Tages, als sie sich wieder einmal sonnte, wurde sie nachdenklich.

So ganz allein zu jagen, macht zwar Spaß, aber viel  lustiger wäre es zu zweit. Ich muss mir einen Mann suchen! Aber einen, der zu mir passt!

Für eine Katze kam natürlich nur der schönste, der stärkste, der größte aller Männer infrage: Ja, er musste das herrlichste Geschöpf des Dschungels sein!

und findet ihren Traum

Wie es der Zufall so wollte, kreuzte sie auf der Jagd in dieser Nacht den Weg eines Kuders – eines Wildkaters sozusagen. Ein stattliches Tier mit einem dunklen Streifen auf dem Rücken. Seine Stirn war schwarz gemustert als würde sie oft gerunzelt.

Ein Denker!

Sie war begeistert! Er nannte einen langen weißen Schnurrbart sein eigen. Der war viel länger als der ihre!

Was für ein herrliches Geschöpf!

Sie blinzelte kurz, stolzierte elegant an dem Kuder vorbei, lächelte und ließ dabei wie aus Versehen die Maus in ihrem Maul fallen. Ein paar Schritte weiter blieb sie beläufig stehen.

Der Kuder – ja nun, der war ein Kater – der verstand sehr wohl, was die Dame wollte.

Bald also schlichen die zwei zusammen im Dickicht umher, stöberten Mäuse auf, putzten sich gegenseitig und verbrachten viel Zeit zusammen. Sie waren glücklich und zufrieden.

Oder doch nicht?

Bis die beiden eines Nachts in das Revier eines Leoparden kamen. Der verfolgte gerade einen Hasen, huschte aus dem Gebüsch, rempelte den Kuder an und warf ihn in den Staub. Die Katze war schockiert, als sie das sah:

Wie sieht DER denn aus? Das Fell so staubig… mein Mann ist ja gar nicht schön! Bin ich nicht mit dem herrlichsten Geschöpf des Dschungels zusammen?

Nachdenklich betrachtete sie den Leoparden, der elegant den Hasen erlegte.

Leopard, Kopfansicht

Photo by Yigithan Bal from Pexels

Was für wunderschönen Flecken auf dem Fell! Diese Eleganz, diese Verwegenheit!

Hoch erhobenen Hauptes schritt die Dame nun an dem Kuder und dem fressenden Leoparden vorbei. Als sie letzteren passierte, zitterte ihr aufgerichteter Schwanz ein bisschen. Kurz vor der Wegbiegung blieb sie stehen, blickte zurück, wartete.

Auch ein Leopard ist ein Kater. Bald schon legte er der Wildkatze Leckerbissen zurecht, schaukelte mit ihr auf einem Ast und sie schlugen sich gemeinsam die Nächte um die Ohren. Sie waren also glücklich und zufrieden.

Herrlich, herrlicher, am herrlichsten

Eines Tages aber

Booooooaaaahhhhh

brüllte ein Löwe plötzlich von seinem Fels und schreckte den Leoparden aus seinem Mittagsschlaf.  So tief hatte der Leopard geschlafen, dass er verwirrt seinem Instinkt gehorchte und davonrannte. Die Wildkatze aber blickte ihm auf dem Ast liegend nach und schwang ihren Schwanz hin und her.

Ist der schreckhaft! So ängstlich kann das herrlichste Geschöpf des Dschungels nicht sein.

Dabei fiel ihr Blick auf den Löwen, der lässig fressend auf seinem Fels kauerte.

Ach, diese Mähne… wie majestätisch…

Löwe männlich, Wildkatze

Photo by Frans Van Heerden from Pexels

Auch der Löwe verstand schnell und so taten sich die beiden zusammen. Sie verbrachten so manche Nacht zusammen – jagten. Der Löwe teilte allerdings nur ungern, eine Maus war mit einem Haps weg. Meist wollte er sogar ihre Beute fressen. Und… noch etwas: Jeden Morgen murmelte er so etwas Ähnliches wie „Regierungsgeschäfte“ und verschwand.

Seine Ehefrauen! Was die immer wollen? Wo bleibe ich? Ich bin doch die Katze unter den Katzen!

Aber noch bevor unsere Wildkatze zeigen konnte, dass sie ihre Krallen einzusetzen wusste, kamen die beiden in das Revier einer Elefantenherde. Ein Elefant wanderte zum nächsten Baum, um zu fressen. Da trat er dem Löwen versehentlich auf den Schwanz.

Des Widerspenstigen Zähmung

Uiiiiii… schrie der Löwe und war weg.

Da rennt er – hab ich’s doch geahnt! Was ist der wehleidig! Der ist nicht würdig, mein Mann zu sein!! Ich verdiene …

Ja was wohl? Wir wissen, was jetzt kommen muss:

Afrikanischer Elefant, Kopf, Rüssel erhoben

Was hat der Elefant für schöne, große Ohren und stark ist er und groß!

Wie gewohnt schritt unsere Wildkatze knapp vor dem Elefanten vorbei. Sie blinzelte, sie strafte ihn mit MIßachtung…

Nur der Elefant – der war ziemlich begriffsstutzig. Er schüttelte die Ohren und fraß gemächlich weiter.

Unsere Katze setzte wirklich alle ihre Verführungskünste ein, grad, dass sie sich nicht vor ihm rollte. Nichts schien zu wirken.

Na warte!

Entschlossen kletterte sie auf den Baum, an dem der Elefant fraß, balancierte einen Ast entlang und sprang auf den Kopf des Dickhäuters. Dort zwischen den Ohren kreiste sie ein paar Mal, trat ein bisschen auf der Lederhaut herum und machte sie es sich bequem.

Ahhh…

Zufrieden rollte sie sich zusammen und schnurrte.

Elefant und Wildkatze: Szenen einer Ehe

Der Elefant, zuerst empört, bemerkte schnell, wie angenehm so eine Massage war. Sein Kopf fühlte sich außerdem leichter an, jetzt, als er der Sonne nicht unmittelbar ausgesetzt war. So beschlossen also beide, es miteinander zu versuchen.

In den ersten Tagen gab es ein  paar Schwierigkeiten. Man musste sich aneinander gewöhnen: Die Katze konnte sich mit der veganen Kost nicht so richtig anfreunden und der Elefant? Der verabscheute Mäuse in jeglicher Form.  So einigten sie sich, dass die Wildkatze jagte, wenn der Elefant seine Blätter fraß. Zwischen seinen Ohren aber hatte sie immer ein schönes, sonniges Plätzchen und so waren auch sie glücklich und zufrieden.

Naja…

Hey,  was wirfst du Rüpel mir jetzt Sand ins Fell? Was glaubt du eigentlich? Das ich den ganzen Tag putze, oder was?

Ja, es gab des öfteren solche Ärgernisse.

Wasser? Brrr, hör sofort auf herum zu spritzen!

Sie stellte sich öfter die Frage, ob der Elefant wirklich der Richtige für sie war. Trotzdem verließ sie ihn nicht. Er war ja nun einmal das… HERRLICHSTE GESCHÖPF DES DSCUNGELS!

Die Wildkatze und der Herr des Feuers

Doch – eines Tages, als sie auf dem Kopf des Elefanten so vor sich hin döste, trompetete dieser plötzlich laut. Panisch klang das, eigentlich. Sie schreckte auf, sprang auf den Boden. Gerade rechtzeitig! Denn der Elefant stürmte so schnell er konnte davon.

Verblüfft sah sich unsere Katze um. Sie roch Rauch.

Feuer Rodung im Wald

Vor ihr stand ein – äh – eher kleiner Mensch, ein Mann, kahl und unansehnlich, aber umgeben von einem Feuerring. Die Hitze war fürchterlich und die Flammen fraßen die Erde um ihn herum leer. Ihm aber taten sie offenbar nichts!

War das etwa das herrlichste Geschöpf des Dschungels?

Geheuer war der Mann der Wildkatze nicht, auch nicht als die Flammen verlöschten. Sie beobachtet ihn lange, gut versteckt im Gehölz und folgte ihm schließlich im gebührendem Abstand in sein Dorf. Dort schlüpfte er in eine Hütte. Sie aber sprang auf das Strohdach und beobachtete vorsichtshalber weiter. So achtsam war sie, dass keiner der Dorfbewohner sie bemerkte.

Hier oben entdeckt mich niemand und ich habe nachts meinen Zeitvertreib! Mäuse gibt es genug!

Und so räkelte sich die Katze zufrieden der Sonne entgegen. Endlich hatte sie es gefunden – das herrlichste Geschöpf des Dschungels! Entspannt und zufrieden schlief sie ein.

Aber, was war das? Geschrei weckte sie. Gezeter, das aus dem Haus drang.

Die Katze entscheidet sich

Der Mann stolperte heraus, drehte sich um und sagte etwas. Dann duckte er sich und wich so einer Tonschüssel aus, die geflogen kam und am Boden zerschellte. Gleich folgte die nächste. Schnell brachte sich der Mann aus der Schusslinie, verschwand hinter der nächsten Hütte.

Verwundert lugte die Katze nach unten.  Da sah sie die Frau, die dem Mann mit einem Krug in der Hand nachsah.

Was für eine schöne Gestalt, die Figur – und das Fell – wie Mahagonirinde!  Ich sehe jetzt, wer das herrlichste Geschöpf des Dschungels ist: -Nicht der Mann, sondern die Frau!

Kurzentschlossen sprang die Katze vom Dach, schlich sich an den Beinen der Frau vorbei ins Innere des Hauses und legte sich neben das Feuer.

Und dort liegt sie noch heute.

Schnurrrrr…

Beitragsbild: Von Sonelle in der Wikipedia auf Englisch – eigenes Werk

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Hexe im Apfelbaum
Nebiga

Was will die Hexe im Apfelbaum?

Heute erzähle ich euch von einer Hexe, jener Hexe, die es sich in einem Apfelbaum bequem gemacht hat. Wie lange ihr das gelingt? Tjaaaa… hört selbst:

Es war einmal auf der Landstraße zwischen Reichenberg und Gablonz ein Apfelbaum. Der war alt und vertrocknet; er trug nur saure, verhutzelte Äpfel, an denen sich niemand die Zähne ausbeißen wollte.

In einem ganz besonderen Jahr reiften aber plötzlich saftige, rotbackige Äpfel heran. Sie leuchteten schon von weitem, so dass Euch das Wasser im Munde zusammengelaufen wäre, wenn Ihr nur damals schon auf der Welt und dort vorbeigekommen wäret. So aber staunte ein Tuchweber und schlich sich näher ran.

Wie die Hexe ihre Äpfel bewacht

 

Gustav Klimt Apfelbaum

Von Gustav Klimt

Ei wie sehr wollte er in einen Apfel hineinbeißen; den Saft so richtig vom Kinn tropfen lassen. Auf den unteren Ästen jedoch baumelten keine Äpfel – nur dort droben, ganz hoch.

Der Tuchweber entschied sich zu klettern.

Er schwang sich auf einen Ast, dann auf den nächsten und dann noch auf einen anderen. Schließlich griff sich einen besonders knackig aussehenden Apfel. Schon wollte er hineinbeißen, dachte an das saftige Fruchtfleisch –

Zinn Zinnoberrot! Was fällt dir ein! Stiehlst mir meine Äpfel! Du Apfeldieb, du!

Der Tuchweber schreckte sich, als er ein altes Weiblein aus der Krone des Baums steigen sah:

Die Apfelhexe!

hexe am flugSchnell versuchte er weg zu springen. Denn er hatte schon viel zu viel von ihr gehört:

  • Da war Hans, der Hundefänger, den sie drei Tage in einem Weidenkorb eingesperrt,
  • dann Theodor, der Taschendieb, dem sie die Diebesbeute gestohlen
  • und schließlich Käthe, die Kupplerin, der sie die Nase langgezogen hatte.

Kein Wunder, dass der Tuchweber sich so schnell wie möglich davonmachen wollte. Nur klappte es nicht; er hing nämlich fest!

Die Apfelhexe kicherte.

So schnell kommst du mir nicht davon! Zuerst musst du mir die Zeit vertreiben. Erzähl‘ mir eine Geschichte!

Der Tuchweber wunderte sich, wie billig er davonkommen sollte. Er wusste viele Geschichten, war er doch als Handwerksbursch gereist.

Ihr wisst ja –  wer eine Reise tut…

Und deshalb wusste der Geschichten… Geschichten… zum Beispiel von der Nachbarin, die den Nagel immer auf den Kopf getroffen hatte. Wie sie dem Handwerksburschen des Tischlermeisters über Nacht gezeigt hat, wie man ein Boot baut. Mit dem sie dann fortsegelt.

Dieses Ende gefiel der Apfelhexe. Sie riss einen Apfel ab und gab ihn dem Tuchweber. Kaum hat er einen Bissen davon gekaut und runtergeschluckt, war der Hunger weg. Zum Essen blieb ihm aber auch gar keine Zeit.

Erzähl weiter!

Also erzählte er:

Von der gefräßigen Raupe, die den Obstgarten vertrocknen ließ. Sie entschied sich vor lauter Appetit dazu, sich nicht zu verpuppen und kein Schmetterling zu werden; sie wollte lieber einfach in Nachbarsgarten weiterfressen.

Diese Geschichte mochte die Hexe nicht so. Sie fuhr dem Tuchweber mit ihren scharfen Nägeln übers Gesicht. Das tat weh – doch schon musste er weiter erzählen, weiter und weiter: Den ganzen Tag über redete er. Erzählen musste er – alles von den Leuten im Dorf und den Dörfern ringsum – alles, was er wusste. Wenn es der Hexe gefiel, lobte sie und gab ihm einen Apfel. Aber wehe, wenn nicht. Dann setzte sie ihre Nägel ein.

Als es tiefe Nacht war, sagte sie:

Jetzt denk‘ nach! Morgen will ich Bess’res hören. Wenn nicht, ergeht es dir schlecht!

So grübelte der Tuchweber die ganze Nacht. Kein Auge hat er zugetan. Was nur, was, gab es noch, das der Hexe gefallen könnte? Er grübelte und grübelte… ja er dachte so lange nach, so dass er am Morgen ganz heiser und sein Kopf leer war. Völlig leer.

Dummer Tor!

Die Hexe schimpfte, als ihm nichts mehr einfiel, und warf ihn einfach vom Baum.

Der Tuchweber brach sich einen Arm und ein Bein dabei und humpelte davon. Er war froh, so glimpflich davongekommen zu sein.

Die Wahl: Eine Geschichte oder gebrochene Beine

Kurz danach lief einem Fassbinder das Wasser im Munde zusammen. Er stieg in den Baum. Doch er war maulfaul. Das munkelte man schon länger im Dorf – und so flog er in einem so hohen Bogen aus dem Geäst, dass er alle seine Glieder zusammenklauben musste.

Der nächste war der Dorfpolizist. Auch er konnte den Äpfeln nicht widerstehen! Ihm fielen ein paar Geschichten ein:

  • von seiner Jagd auf einen Zirkusfloh zum Beispiel. Wie sich der im Hemd der Bürgermeisterin versteckt hat.
  • von der wandernden Vogelscheuche, die sich die Felder aussuchen konnte und dementsprechend heikel war
  • vom Taschendieb auf dem Jahrmarkt von Reichenberg. Der hatte einen Knopf in den Klingelbeutel geworfen.

Dann aber war Schluss. Der Dorfpolizist wusste nichts mehr. Sofort plumpste er vom Baum. Just in diesem Moment kam ein Heuwagen vorbei. Der ließ ihn weich fallen. Vielleicht deshalb, weil die Hexe bei allen seinen Geschichten lachen musste.

Hexe vs Schneidermeisterin: Wer gewinnt?

Der Schneider war der nächste. Er erzählte

  • von der dummen Augustine, die so gerne Königin werden wollte,
  • vom kleinen Ferkel, dem die fünfjährige Tine tanzen lehrte.,
  • von der Schustermeisterin, die Pferden Schuhe anpasste.

Am Ende jeder Geschichte wiegte er den Kopf, sehr nachdenklich:

So ist es wirklich passiert. So  hat es mir meine Frau, die Schneidermeisterin, erzählt.

Bei der dritten Geschichte wurde es der Apfelhexe schließlich zu bunt:

Alles hast du von deiner Frau gehört. Wie’s scheint, ist die viel klüger als du!

Was gibt es zu sagen, wenn etwas wahr ist. So wahr.

Viel klüger! Die weiß alles, was landauf, landab vor sich geht!

Geh nach Haus‘ und schick sie her! Sie soll mir die Zeit vertrieben!

Die Hexe ließ den Schneider vom Baum.

Als er aber nach Hause kam, ging sofort ein Donnerwetter auf ihn hernieder.

War das ein Gezänk und Geschrei, weil er so spät zum Abendessen eintraf. Erst nach einer Weile, in einer klitzekleinen Verschnaufpause seiner Frau, erzählte er vom Apfelbaum auf der Landstraße zwischen Reichenberg und Gablonz.

Der trägt Früchte, die sind so süß und saftig, dass du dich nicht satt essen kannst!

eine Schüssel voll ÄpfelMehr brauchte die Schneidermeisterin nicht! Äpfel waren ihr Lieblingsobst – und sie wollte wieder einmal einen Altwiener Apfelstrudel backen. Sie forderte ihren Mann auf, ihr den Baum zu zeigen. Nachdem er sich ein bisschen geziert hat, ging der Schneider mit ihr zum Baum. Dort ließ er seiner Gattin den Vortritt.

Kaum war die Schneidermeisterin im Geäst, stürzte sie sich auf einen der rotbackigen Äpfel. Ihr wisst ja, wie das ausgeht: Die Hexe forderte schöne Geschichten.

Mehr als wir alle anderen wusste die Schneidermeisterin aber auch nicht. Doch sie hatte das loseste Mundwerk zwischen dem Jeschken- und Isargebirge. Sie  klatschte d‘rauflos und hört auch heute noch nicht damit auf.

Die Hexe aber kletterte noch am Abend hurtigst vom Baum herunter. Sie suchte das Weite. Solch ein Gewäsch hatte sie noch nie vernommen – die Ohren klangen ihr noch wochenlang davon.

Im Apfelbaum droben blieb die Schneidermeisterin allein sitzen. Sie wartet auf jemanden, der sie da runterholt. Weil die Äpfel aber wieder verschrumpelt und ganz hart sind, kümmert sich keiner mehr um den Baum.

Wenn die Schneidermeisterin also noch nicht gestorben ist, dann lebt sie noch heute da oben.

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Kunde vom Goldmund Erzählfest

Märchen trifft auf Philosophie

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Carrie Mae Weems Küchentisch-Serien
Tipp

Küchentisch-Serien: Carrie Mae Weems‘ Blick ins Alltägliche

Carrie Mae Weems, Fotografin und Videokünstlerin – verewigt in der Blockbuster-Filmgeschichte:

Catwoman (Halle Berry)Was hat Carrie Mae Weems mit Catwoman zu tun? weiß nicht, wie sie mit den unzähligen Möglichkeiten eines Lebens umgehen soll.

Was werde ich mit meinem Leben anfangen? fragt sie eine Freundin.

Du kannst immer noch eine Künstlerin werden wie Carrie Mae Weems.

Eine Zeile nur in einem Dialog: Sie ist Ermutigung für Frauen, vor allem für kreative Frauen. Für diejenigen, die wie Carrie Mae Weems durchs Leben gehen, herrscht nämlich kein Mangel mehr an Ideen; sie haben die eigene Stimme gefunden, suchen im Alltäglichen das Besondere.

Was ein Küchentisch erzählt

Die Stärke von Carrie Mae Weems ist ihr Blick.

Er verwandelt das, was jede Frau kennt; etwas, das „gewöhnlich“, Teil ihres Alltags ist, bekommt eine eigene Geschichte, eine Existenz.

Wie oft sitzen wir am Küchentisch? Täglich, zwei, dreimal – mindestens. Wir sitzen oft und meistens auch gern in der Küche, dem gemütlichsten Platz unseres Zuhauses.

Wie oft aber denken wir tatsächlich an ihn, den Tisch? Überlegen wir uns jemals, was er im Laufe der Jahre erlebt? Welche Geschichten könnte er erzählen?

In den Küchentisch-Serien  (Kitchen Tables Series) lässt Carrie Mae Weems den Tisch erzählen, was Zusammenleben mit den Jahren bedeutet. Die Künstlerin fotografiert, was täglich vorgeht, was auf ihm und um ihn herum geschieht. Dadurch sagt sie auch ohne Worte viel.

Die Kitchen Tables Series seien Resultat eines Umzugs in eine Kleinstadt.

Carrie Mae Weems: Ich habe damals viel darüber nachgedacht, was es bedeutet, eine eigene Stimme zu entwickeln.

Ihre Fotografien waren eine Art Antwort darauf, was sie sich selbst fragte. Sie sollen zeigen, was ihrer Meinung nach eine eigene Stimme ausmacht. Was braucht es, um sie als eigene zu erkennen?

Sie muss allgemeingültig sein,

… darf nicht bloß eine Stimme für afroamerikanische Frauen sein

Deshalb schaut Weems bis heute allen Frauen ins Leben.

Warum Frauen die eigene Stimme vergessen

Mit acht Jahren ist den meisten Mädchen klar, dass ihre Stimme zählt. Sie haben ein Wörtchen mitzureden, wenn es um sie selbst geht. Sie wissen also um ihre Pläne, ihre Vorlieben, ihre Zukunft – vertrauen ihrem Ausdruck, vertreten ihre Überzeugungen.

Leider vergessen die meisten Mädchen diese Stimme im Laufe der Pubertät – andere, vermeintlich wichtigere Fragen verdrängen sie.

  • Was denken die Andere von mir?
  • Was kommt bei Jungs an?
  • Bin ich zu dick?
  • Esse ich das Richtige?
  • Mag mich die Gruppe?

Die eigene Stimme verschwindet oft mit all diesen Fragen. Um sie wieder zu finden, brauchen Frauen brauchen oft viel Zeit.

Carrie Mae Weems zeigt ihnen, wie sie sich selbst schneller wiederfinden: Mit einem Blick auf das Besondere im Alltäglichen.

Dafür muss eine Frau nicht einmal weit gehen. Es reicht der Weg zum Küchentisch.

Mehr von Carrie Mae Weems im Internet:

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Kunde vom Goldmund Erzählfest

Märchen trifft auf Philosophie

Die unterirdische Stadt von Buchhain

Beitragsbild von www.gratisography.com

Märchen trifft auf Philosophie und Wahrheit
Tipp

Märchen trifft auf Philosophie und Wahrheit

Trifft das Märchen auf Philosophie, kommen Fragen auf – die richtig großen Fragen für besinnliche Abende.

Für jene Abende also, an denen du mit Freunden über Gott und die Welt und das Leben diskutierst. An Adventabenden, vor Glühweinständen und am Weihnachtsmarkt.

Oder du kuschelst dich in deine Flauschdecke am Sofa. Ist sowieso zu kalt, zu nass und zu dunkel draußen.

Leg dein Smartphone zur Seite. Heute lesen wir ein Buch!

Märchen trifft auf Philosophie

Wer in den deutschsprachigen Landen Sagen und Märchen liebt, weiß um den Schriftsteller Michael Köhlmeier. Er ist DER Erzähler, auf den du dich beziehen kannst, wenn du etwas zu griechische Götter, Halbgötter und dem Olymp wissen willst.

Die Gründe:

In diesem Sagen- und Märchenumfeld bewegt sich dieser österreichische Autor und Erzähler. Gut.

Was hat Konrad Paul Lissmann dort verloren?

Der Villacher ist Universitätsprofessor für „Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik“ an der Universität Wien.

2014 hat er sich aufgemacht, die Praxis der Unbildung näher zu beleuchten. Da der streitbare Essayist auf einen ironischen Verstand baut, ist diese Streitschrift polemisch, klar und durchdacht. Er spricht aus, was er vom Bologner Prozess hält und bringt es auf den Punkt. Realität pur.

Mythen und Märchen, Magie, Götter… das alles kann man sich bei ihm eigentlich nicht vorstellen.

Wenn sich zwei treffen, freut sich der Dritte

Trotzdem haben sich die beiden zu einem gemütlichen Abend zusammen gefunden: Der Dialog zwischen ihnen ist zu einem Buch geworden: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam? Mythologisch-philosophische Verführungen nennen die Autoren es.

Eigentlich ist es aber ein Spaziergang. Wir flanieren mit Köhlmeier und Lissmann einen Abend lang durch die Themen eines Menschenlebens: Arbeit, Macht, Lust, Schönheit, Meisterschaft…

Köhlmeier erzählt, Lissmann interpretiert

„Märchen sind alte Geschichten, bestenfall tauglich für Kinder“, mögen die einen sagen, „unrealistisch, nur zur Unterhaltung da.“

Wir hören vielleicht an einem verschneiten Samstag Nachmittag zu, weil eine gut erzählte Geschichte eben „eine gute Geschichte“ ist.

Wenn sich allerdings die Philosophie der Geschichten, der Märchen und Sagen annimmt und zeigt, was noch alles  in ihnen steckt – ja dann…

dann…

erfahren wir, was Märchen eigentlich sind:

  • Vorlagen zum Denken
  • Antwort auf Lebensfragen
  • Lebensfreude
  • Bewährte Erinnerungen
  • Ausdruck eines kollektiven Gedächtnisses
  • Interpretationsspielraum
  • Ein Eckchen Weisheit

Und wenn du jetzt ein klein wenig die Nase rümpfst, weil – so richtig ernst nehmen, kannst du das alles nicht –  und wenn das alles für dich bloß weihnachtlicher Zeitvertreib und eigentlich Unsinn ist:

Macht nix, du hörst ja trotzdem zu! 🙂

Denise Weyermann: Als das Märchen die Wahrheit trifft:

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8. Fenster: Geschenke – wer bringt sie denn nu?

7. Fenster: Großmutter erzählt, nachts in der Stube

6. Fenster: Die unterirdische Stadt Buchhaim

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Großmutter erzählt
Nebiga

Großmutter erzählt, nachts in der Stube

Dass eine Großmutter erzählt, gehört praktisch zum Berufsbild. Aber…

  • Woher kommt diese Idee?
  • Wie erzählt Großmutter
  • Was genau erwarten wir von ihr?

Vom Berufsbild der erzählenden Bäuerin

Winter ist’s, der Schnee liegt auf den Hängen und glitzert in der Dämmerung. In der Küche ist es warm, es ist gut geheizt. Die Öllampe spendet Licht. Kinder zausen Wolle, die Magd kämmt sie.

Drei Frauen sitzen an ihren Spinnrädern. Sogar die Altbäuerin hat ihres hervorgeholt. Sie bückt sich zum ersten Flachsbündel, reicht es der ersten Frau, streckt sich nach dem zweiten , gibt es der zweiten Frau, greift zum dritten und setzt sich auf einen dreibeinigen Schemel.

Die Bäuerin beginnt zu spinnen und die Frauen tun es ihr nach. Holzpantoffel klopfen dumpf auf den Boden, Spinnräder surren, Daumen und Zeigefinger ziehen den Faden…

Großmutter, bitte! Erzähl‘ uns was!

Auch die Frauen nicken zustimmend. Sie sind nach dem Mittagessen vom Nachbarhof aufgebrochen; drei Stunden dauert es, um hierher zu kommen. Sie werden die Nacht im Hof verbringen, spinnen und zuhören. Sie sind gekommen, um Wissen zu sammeln: Überliefertes oder Erlebtes über Ehe, Geburt, Krankheit, Leben, Tod und — die Liebe.

Die alte Frau aber lächelt nur stumm, dreht das Rad und zwirbelt Flachs zum Faden. Es ist als hätte sie nicht gehört. Trotzdem verstummen die Kinder. Die Magd legt ein paar Scheite in den Ofen, die in der plötzlichen Hitze knacken und  knistern. Dann räuspert sich die Bäuerin müde. „Es war einmal…“ — so fängt es an:

Großmutter erzählt

Vielleicht ist es ein Märchen, vielleicht eine Geschichte aus dem Dorf, vielleicht beides in einem. Großmutter hat sie eine Vorliebe für Märchen und Erzählstoffe, die mit ihren umtriebigen Händen Schritt halten.

Sie bevorzugt als Erzählzeit das Präteritum, verwendet gern die indirekte Rede und Wörter, die heute nicht mehr jede kennt. Während sich das Spinnrad dreht und ihre Hände beständig zwirbeln —

Schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll

— spricht sie mit ruhiger, entspannter Stimme. Manchmal verweilt sie, übt sich in epischer Breite, wird monoton.

Wenn Großmutter erzählt, wird ihre Stimme manchmal brüchig. Man merkt ihr das Alter, den häufigen Gebrauch an. Doch solange es an diesem Abend Flachsbündel zu spinnen gibt, solange verstummt diese Stimme nicht.

Wie hört das Publikum zu?

Während Großmutter erzählt, sehen die Frauen und Kinder sie nie an. Sie sind in ihr Tun vertieft, spitzen jedoch ihre Ohren. Kein Wort darf ihnen entgehen! Je gebannter ihre Augen auf ihre Arbeit gerichtet sind, desto intensiver lebt ihr Geist in der Geschichte, die Großmutter erzählt.

Sie spüren die Furcht, das Erstaunen, die Liebe und Freude der Helden und Heldinnen in sich,  überlegen, inwieweit das Gesagte für sie wichtig ist. Doppelbödigkeiten und Sinnzusammenhänge wollen sie verstehen.

  • Was können sie aus der Geschichte lernen?
  • Wie sie weiter“spinnen“?

Was Großmutter weiß…

Die Altbäuerin verzichtet auf extreme Ausgestaltungen, denn diese würden ihre Zuhörerinnen zu stark in ihrer Eigentätigkeit beeinflussen. Diese sollen sich ihr eigenes Bild machen und daraus selbst erkennen, wie das Leben so spielt.

Ihre Mittel sind  indirekt: Sie erzählt die Geschichte genau so, wie Großmutter denkt, dass sie war. Und sie erwartet nicht, daß ihre Zuhörer aufhören zu arbeiten, um sich ihrer Geschichte hinzugeben.

Großmutter weiß aus Erfahrung, was Walter Benjamin in seinem Essay über das Erzählen berictet:

Je selbstvergessener der Lauschende, desto tiefer prägt sich ihm das Gehörte ein. Wo ihn der Rhythmus der Arbeit ergriffen hat, da lauscht er den Geschichten auf solche Weise, daß ihm die Gabe, sie zu erzählen, von selbst zufällt.

Bald nämlich wird eine andere erzählen: Weil die Altbäuerin erschöpft ist, weil sie bald nicht mehr sein wird.

Das ist ihr Ziel, ihre Aufgabe:

Die Geschichten sollen weiterleben, jenseits von Geburt und Tod.

Tipp zum 7. Dezember

Märchenerzähler sind so unterschiedlich wie Schneeflocken. Deshalb solltet ihr genau so viele hören, wie ihr finden könnt.

Im Advent erzählen sie übrigens überall: auf Märkten, in Schulen, beim Weihnachtsessen vom Betrieb.

Ihr habt bis jetzt noch keinen gesehen? Tja, da braucht ihr schon einen Blick dafür!

Macht euch in euren Regionalseiten schlau!

Gelegenheit zum Märchenhören in der Münchner Umgebung zum Beispiel gibt es von heute bis Sonntag in Schloß Blutenburg, Heimat der internationalen Jugendbibliothek. Besonders empfehlenswert ist das Lichterhäuschenfest am 8.Dezember, also morgen um 17. Uhr!

Beitragsbild von Fran Vesel

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Goldmund Erzählfest
Tipp

Kunde vom Goldmund Erzählfest

Die Zutaten sind denkbar einfach: Sechs Erzähler, sieben Geschichten, ein Publikum. Etwas Musik kommt noch dazu und eine kahle Bühne mit einem grün-weichem Teppich. Einem, der nachgibt, wenn man darauf steht, geht und erzählt. Ach ja, bevor ich die Gewürze vergesse: und viele, viele Schlüssel. Daraus rührt die Goldmund Erzählakademie ihr Goldmund Erzählfest.

Goldmund Erzählfest

Wenn einer was erzählen kann… dann hören wir ihm zu. Sind still, lauschen, staunen, zweifeln, zaudern, lachen, weinen, schämen und fürchten uns mit der Geschichte. Wir schippern in der Nordsee, versuchen eine goldene Schraube loszuwerden, verstecken einen Silberlöffel im losen Brett des Bodens, lieben Emma und Fritz soooo sehr. Wir wundern uns, wer den besten Platz im Himmel bekommt und fragen, wo die eine, bestimmte Eiche steht. Wir leben mit – mit den Geschichten, die uns einer erzählt. Manche Geschichten öffnen Herzen…

Bei Erwachsenen ist das nicht anders als bei Kindern. Nur bei Kindern lächeln wir, wie still es plötzlich wird, wenn die Kindergärtnerin im Erzählkreis eine Geschichte erzählt. Wie Kinder, die sonst eher zurückgezogen sind, mitmachen und nachfragen oder solche, die gewöhnlich herumtoben, darauf warten, wie es weiter geht. Doch die Erwachsenen warten auch: auf die Pointe, auf die nächste Wendung, den verblüffenden Ausgang.

Das macht das Goldmund Erzählfest zum Fest! Es ist ein Reigen für unsere Sinne, jede Geschichte ein Tanz, jeder Erzähler ein Freund oder eben jemand, dem wir gerne lauschen.

Aber auch ein Erzählwettstreit

Erzählwettbewerb deshalb, weil die Geschichten um die Gunst des Publikums werben.  Unter PoetrySlams schlich sich das schon in der Antike bekannte Format in die heutige Gedicht- und Liederszene. Das zweimal im Jahr stattfindende Goldmund Erzählfest wirft wie damals aber keine Gedichte in die Menge, sondern eben in Bilder gemalte Geschichten.

Wer das Goldmund Erzählfest besucht, erhält zwei kleine Schlüsselchen. Die Schlüsselchen zu ihrem/seinen Herzen. Die beiden Erzähler, die sie/ihn mit ihren Geschichten am meisten berührt haben, bekommen diese dann in der Pause. Wer am meisten Schlüsselchen erhält, erzählt die Gute-Nacht-Geschichte!

Gestern im Stemmerhof

Das dieswinterliche Goldmund Erzählfest läutete gestern ganz pünktlich den Advent ein:  Jetzt ist ja traditionell die Zeit für Geschichten- und Märchen. Aber ganz ehrlich…

Wie sehr spielt das Erzählen von Geschichten heute noch eine Rolle?

Am besten du fragst das gestrige Publikum! Warte – wart“… kommst du nicht zu Wort?

Tja… nichts ist so anregend, wie auf dem Nachhauseweg zu erzählen, was so berührend, so beeindruckend, befremdlich oder aufregend war. An diesen Geschichten.

Welchen?

Na also, da war einmal…

Tipps für den 2. Dezember

Der Erzählwettstreit – hausgemacht: Heute lade spontan Freunde ein! Sicherlich gibt es bei dir irgendwo ein Märchenbuch: Grimms Kinder- und Hausmärchen zum Beispiel oder die Kunstmärchen von Hans Christian Andersen. Wenn nicht, weil die Bücher in deinem Haus gerade erst im Kaffee ertrunken oder gar ausgewandert sind, bediene dich hier. Such dir eines aus und gib allen davon eine Kopie. Jede/r bekommt zehn Minuten, dann erzählt ihr es reihum. Vorgabe: Nicht länger als 7 Minuten stehen dafür zur Verfügung. Wenn alle durch sind, prämiert ihr den Erzähler, der euer Herz erwärmt hat. Dazu gibt es Kekse und Glühwein- und viel Gesprächsstoff!

  1. Variante: Lege Papier, Stifte und Malutensilien bereit. Du erzählst bzw. liest ein noch nicht so bekanntes Märchen vor. Jede/r wählt danach eine Szene, eine Figur aus und malt sie in maximal 15 Minuten. Danach präsentiert sie/er sein Bild und begründet, warum sie/er gerade diese Szene, diese Figur ausgesucht hat. Auch hier wählt ihr den Schlüssel zu eurem Herzen. Zum Malen vergiss die Musik nicht!
  2. Variante: Spielt Scharade! Die Vorgabe: Die Wörter dürfen nur aus der Märchenwelt stammen. Sind nur Erwachsene in der Runde und kennen sie ihre Märchen, gilt es, nicht nur die Wörter zu erraten, sondern auch das Märchen, aus dem es stammt.
Ganesha will eine Frau
Nebiga

Weil Ganesha eine Frau will…

Ganesha musste seine Eltern überlisten, um heiraten zu können. Sie – und auch seinen Bruder. Dass es ihm tatsächlich gelang, verdankte er vor allem sich selbst. Obwohl…

So richtig klar wurde es ihm erst, als seine Mutter lachte.

Ganesh Chaturthi

Wenn Indien feiert, dann feiert es ordentlich. Zum Geburtstagsfest von Lord Ganesha aber tobt das Land: Städte beben unter tanzenden Füßen, Mauern zittern, Echos hallen durch die Straßen. In Städten, wie Varanasi im Norden des Landes, sausen Geräusche und Gerüche durch die Gassen, prallen gegen die Gemäuer der Tempel genauso wie gegen die Kartonwände neuer Siedlungen. Die Töne der heiligen Gesänge aber folgen den Hauptadern, ducken sich unter den Rufen der Straßenhändler und dem Hupen der Mopeds hindurch, schlängeln sich weiter durch die modrige Hitze der Altstadt bis hin zu den berühmten Ghats, rollen über die Steintreppen und landen schließlich in den Fluten des Ganges.

Varanasi, älteste Stadt und Mittelpunkt des Kosmos, ist Ganeshas Vater, Gott Shiva, geweiht. Tausende Pilger ziehen jedes Jahr in die Stadt, um diesem nahe zu sein. Deshalb gibt es mehr als 200 Tempel. An Ganesh Chaturthi leuchten sie alle – die großen, berühmten genauso wie die kleinen, die versteckt in einer Sackgasse im Strassengewirr der Altstadt auf die Passanten lauern.

Vor einem dieser unscheinbaren Tempel hockt ein Junge auf einer Treppe, fünfzehn Jahre alt – vielleicht sechzehn. Sibi sitzt gleich neben einem Loch in der Mauer, früher einmal ein Fenster, heute die Lücke, die auf einen spärlich bewachsenen Platz führt: den Einheimischen Tempel, den Touristen das Innere einer Tempelruine, deren Mauern mit schreiend bunten Bildern beklebt und mit Girlanden verziert sind. Aufgeschichtete Steine ersetzen Bänke und  auf einem  Steinblock in der Mitte steht ein Opferteller und Kupferpfanne, aus der Weihrauch steigt.

Letzte Sonnenstrahlen fallen durch die Mauerlücke auf die Treppe; sie färben den Holzteller goldorange, der vor dem Jungen platziert ist. Auf ihm ist eine Pyramide Reistaschen – modak – gestapelt. Wer direkt davor steht, dem weht feiner Zimt- und Kokosduft in die Nase. Sibi zeigt immer wieder auf die Süßigkeiten und schreit:

Kauft modak! Geht nicht weiter ohne! Kokos mit einem Hauch Zimt, wie Ganesha es liebt. Drei Stück und schon steht ihr in seiner Gunst. Kauft modak! Drei Stück nur fünf Rupien!

Er hat kein leichtes Spiel, sich gegen  das Geplauder der Gläubigen durchzusetzen: Doch manche schenken den Reistaschen tatsächlich einen nachdenklichen Blick, einige greifen sogar in die Hosentasche, werfen ein paar Münzen hin und kaufen. Sibi ist erst gezwungen zu schweigen, als die Trommeln und Gebete einsetzen. Gegen diesen Lärm kommt er nicht mehr an.

 

Ganesha, bunter ElefantengottGanesha

entferne die Hindernisse Herr,

Verkörperung der Weisheit, Gott des Urklangs, Herr des Ursprungs und Wurzel des Seins!

gewähr uns Glück, gib Vertrauen

du, der du modak in Händen hältst!

Oh Elefantenköpfiger,

Gegrüßt seist Du!

Die Gläubigen außerhalb der Ruinenmauern buhlen ebenso laut um Ganeshas Gunst wie die am Platz im Inneren. So jedenfalls kommt es Sibi vor. Die dicken Mauern dämpfen den Lärm kaum. Dazu kommt, dass sich die Betenden  gegenseitig vorwärts, hin zum Einlass schieben; sie drängen dorthin, wo die Trommeln am lautesten den Rhythmus der Gebete vorgeben; wo der Tempelpriester im Singsang vorbetet. Neben ihm wartet ein katha darauf, endlich anfangen zu können. Der aus Bombay eingeflogene Erzähler ist für die meisten die wahre Attraktion des Abends.

Die Nacht über wird er erzählen.

Deshalb eilen mehr Menschen als sonst in den Freilufttempel. Allein um den katha zu hören – seine Geschichten, seine Gesänge.

Ganesha Elefant Bild schwarzGanesha wollte heiraten! Er fand, er war alt genug dazu und bat deshalb seine Mutter, ihm eine Frau zu suchen. Parvati gefiel der Vorschlag. Sehr sogar! Doch Ganeshas Bruder, Skanda, schmollte.

Bin nicht ich euer Erstgeborener, tapfer und flink, erprobt in vielen Kämpfen. Ich kenne die Welt, führe die Kriege, schütze die Grenzen. Ich verdiene eine Begleiterin, eine Braut. Such zuerst mir eine, bevor du Ganesha eine gibst. Das ist mein Recht. Für ihn spielt es keine Rolle, wie lange es dauert. Er kann warten! Ich aber nicht!

Ihr seht: Sogar in göttlichen Familien gibt es Probleme. Parvati hatte ihre Söhne gleich lieb. Wem also sollten sie den Wunsch zuerst erfüllen? Skanda, dem Älteren, oder doch lieber Ganesha, der ja zuerst gefragt und erklärt hatte, für eine Beziehung bereit zu sein. So bescherte Ganeshas einfache Bitte schlaflose Nächte.

Von einem der gehen will…

Die Trommeln verstummen, die Gebete auch. Ein Straßenhund will sich zwischen die Gläubigen innerhalb der Mauern zwängen. Doch so mager er auch ist, er findet keine Fleckchen mehr für sich. An der Mauerlücke staut sich eine Menschentraube – und immer noch stoßen weitere Neugierige dazu. Keiner will die Geschichten  verpassen, alle wollen sie lauschen.

An diesen Wartenden rempelt sich ein etwas älterer Junge vorwärts. Er duckt, schubst und schiebt sich an jenen vorbei, die in seinem Weg stehen. Eigentlich hält er nur dann, um etwas zu entgegnen, wenn sich jemand beschwert. Bald hockt er sich neben Sibi nieder.

Wie lange sitzt du schon hier?

Zwölf modak lang. So viel hab ich verkauft.

Davon weiß Mutter nichts, oder?

Natürlich nicht! Aber wer opfert schon so viel von dem Zeug? Drei reichen ja auch. Es schadet nichts, wenn ich ein bisschen verdiene. Jede Rupie zählt jetzt.

Du willst wirklich gehen?

Was bitte hält mich hier?

Familie? Freunde? Indien! Hier ist alles vertraut. Dort wird nichts so sein, wie du’s gewohnt bist.

Sibi grinst zufrieden. Doch bevor er etwas entgegnen kann, zischt jemand…

Schscht… Seht! Er hebt die Hände, seht, er verneigt sich…

Wie sieht er aus? Was hat er an?

Drei Tage Bart?

Oha, der ist ja kugelrund

Grau, er ist grau!

Was tut er jetzt? Hat er schon angefangen?

Hey kann jemand hören? Gebt weiter, was er sagt…

Wie? Was…?

Ach seid doch still!!!

Ganesha Elefanten BildDie rettende Idee kam Parvati morgens in jener Stunde, da Augen sehen, Ohren hören und Körper fühlen, aber der Geist träumt. Die Stunde eben, in der die Illusion der Welt am durchlässigsten ist. Sie weckte ihren Mann: Sollte sie es wirklich wagen? Würde es nicht zu schwer für sie selbst? Shiva brummelte nur. Da müsse sie durch. Es wären ja Jungs, sagte er und rief seine Söhne.

Ganesha und Skanda ließen sich nicht zweimal bitten, ahnten sie doch, dass ein Richtspruch bevorstand. Sie traten im feinsten Staat vor ihre Eltern hin.

Parvati hielt die Hand ihres Mannes, als sie sprach:

Ich suche einem von euch eine Frau. Demjenigen nämlich, der als erstes zurückkommt, nachdem er die Welt umrundet hat.

Kaum hatte er es vernommen, lief Skanda los. Er sprang auf sein Reittier – in seinem Fall ein Pfau – und verschwand bald am Horizont.

„Na toll“, murmelte dagegen Ganesha. Er dachte an sein Reittier: Eine Maus. Dann betrachtete er seinen Bauch… Abwarten und Tee trinken! – schien ihm die bessere Idee zu sein.

Und so kam es, dass der Weise, Vyasa, Lord Ganesha zuhause vorfand, als er dessen Hilfe brauchte.

 …. und von einem, der bleibt

Sibi lehnt sich weit zur Seite, nahe an das Ohr seines Bruders.

Siehst du, Jaimyn. Skanda macht es genau richtig! Schnell weg, die Chance nutzen… Google, Apple, Microsoft – Im Silicon Valley liegt meine Zukunft, sagt Onkel, nicht hier.

Aber alles ist doch da! Indien braucht uns doch auch. Dringend sogar! Wozu weggehen? Ob du hier studierst oder dort… Was kann das schon für einen Unterschied machen?

Onkel meint, es liegt an der Ausbildung. Wer in USA das Kodieren lernt, hat ausgesorgt. Komm doch mit, für dich ist es sicher auch besser…

Ich? Ach nee…

Warum nicht?

Der Weihrauch vom Altar durchsetzt mittlerweile die Luft, kratzt im Hals, juckt in der Nase. Selbst Sibi niest. Der Erzähler räuspert sich und richtet seinen Turban.

Lord GaneshaVyasa, der Weise, barg Verse in seinem Kopf. 100 000 um genau zu sein. Sie wollte er niedergeschrieben wissen. Er wollte dem indischen Volk das längste und vollständigste Gedicht der Welt schenken: das Mahabharata. Ein Gedicht über die Welt. Alles sollte darin zu finden sein – und was darin nicht erwähnt war, sollte es auch sonst nirgends geben.

Doch der Weise hatte Angst. Was, wenn er es nicht rechtzeitig beenden konnte? Seine letzten Jahre nicht ausreichten, um all die Verse niederzuschreiben? Deshalb suchte er Lord Ganesha und beugte sein Haupt.

Hilf mir zu schreiben, oh Herr! Beseitiger der Hindernisse

Das geht jetzt nicht. Es würde mich zu sehr aufhalten, Vyasa. Ich muss die Welt umrunden.

Ohne dich schaffe ich es aber nicht! Soll Indien wegen dir ohne mein Gedicht bleiben?

Hmm… Na gut, aber mach schnell! Wir haben nicht viel Zeit. Ich schreibe, auf keinen Fall jedoch warte ich auf dich. Diktiere durch! Kein Halt, kein Nachdenken…

Einverstanden. Eine Bedingung habe aber auch ich: Du musst den Sinn von dem verstehen, was du schreibst.

Und Ganesha schrieb. Während sein Bruder, Skanda, die heiligen Stätten der Welt aufsuchte – die Stadt Uruk zum Beispiel, den griechischen Berg Athos, Jerusalem, Tibet und die heilige Pilgerstadt Mekka – während der also pilgerte, notierte Ganesha Alles. So schnell schrieb er, dass sein Stift nach kurzer Zeit entzweisprang. Damit er nicht innehalten musste,  brach er seinen Stoßzahn ab und verwendete von nun an diesen.

Vyasa hatte seine liebe Not, mit dem Gott Schritt zu halten. Verzweifelt griff er zur List, den Sinn seiner Verse hinter Bildern zu verstecken. Das verlangsamte Ganesha ein bisschen: Er musste ja die Bedeutung erst finden.

Zur gleichen Zeit, als Skanda die heiligen Stätten endlich alle abgeklappert, die anderen Götter gegrüßt und Kerzen angezündet hatte, kam in Indien auch der Elefantenköpfige zu einem Ende. Vyasa verstummte.

Ganesha legte die beschriebenen Pergamente vor ihn. 100 000 Verse waren geschrieben.

Ihm aber knurrte der Magen.

Ich sollte noch etwas essen, bevor ich aufbreche. Mit leerem Bauch reist es sich nicht gut!

Geld, Ruhm oder Glück?

Im und um den Tempel herum ist es plötzlich still. Der katha schweigt. Die Augen geschlossen, denkt er nach – und kein Zuhörer regt sich. Niemand wagt, den Bann des Geschichtenerzählers zu brechen. Sie warten auf das Luftholen des Erzählers, um selbst auch wieder atmen zu dürfen.

Nur Jaimyn bewegt sich. Er greift rasch vor, schnappt sich eine Reistasche vom Teller  – und Sibi: Der versucht die Hand seines Bruders weg zu schlagen; er flüstert:

Hey, ich will die noch verkaufen.

Ah geh‘, auf die eine kommt es jetzt auch nicht an.

Auf jede Rupie kommt es an. Nur, wenn du genug Geld hast, hast du Erfolg. Ich will Erfolg! Hier verdienst du nichts, in Kalifornien schon. 

Die können dich doch dort gar nicht verstehen – und du verstehst auch nicht. Schau Onkel an. Schau doch hin! Klar, er spricht Englisch, aber sein Hindi stimmt nicht mehr. Er ist komisch. Er gehört hier nicht mehr dazu – und dort ist er auch nicht daheim.

Er kann etwas erzählen. Mehr als wir.

Nacht ist es geworden. Die feuchte, schwere Luft hinterlässt Tropfen auf der Stirn der Gläubigen. Ihre Spuren schimmern in den staubigen Gesichtern.

Aaaaauuuuummmm, summt plötzlich der katha

Ganesha Elefant Bild grünAls hätte er die Gedanken Ganeshas gehört, beschloss Kubera, Gott des Reichtums, zu einem Fest einzuladen. Zu diesem Fest sollte auch Ganesha kommen; einem Fest so rauschend, so üppig, so umwerfend, dass die Gäste noch Ewigkeiten davon erzählen sollten. Kubera war überzeugt, alle beeindrucken zu können.  Was heißt „beeindrucken“? Überwältigen wollte er seine Gäste.

Die Tische im goldenen Palast bogen sich: Alles, was es in der Welt zu essen gibt, fand man dort: Frittierte Heuschrecken genau so wie zart gebratenen Lammrücken, Mangocreme wie gebackenes Eis, Rote-Beete-Salat wie geeiste Gurke. Es würde noch eine Woche für ganz Alakapuri, seine prächtige Königsstadt reichen, wenn alle Gäste satt waren, dachte Kubera und war zufrieden. Doch hatte er nicht mit Ganeshas Appetit gerechnet.

Während Skanda in der Welt von Krieg zu Krieg zog, kämpfte und siegte, aß Ganesha. Was im Palast an Speisen zu finden war, vertilgte er. Als Kubera schließlich zugab, dass er nichts mehr auftischen konnte, hielt das den Elefantenköpfigen kaum auf. Er machte sich über Geschirr, Möbel und Zierrat her; er fraß fast den gesamten Palast und fast ganz Alakapuri.

Ich habe nichts mehr, Ganesha. Hör auf zu essen!

Doch Ganesha war noch zu hungrig. Er drohte Kubera selbst zu verschlingen. Erschrocken rannte dieser zu Ganeshas Vater.

Oh, glückverheißender Shiva, hilf! Dein Sohn wird nicht satt!

Nicht satt? Was kommst du zu mir? Schick ihn zu seiner Mutter!

In der Tat genügte es, beiläufig zu erwähnen, wie hervorragend die Gottmutter kochte… Ganesha ließ sofort von Kubera ab. Sehnsüchtig trottete er zu Parvati, die ihm modak gab – und war endlich wieder satt. Sein Bauch fühlte sich wohlig warm und rund an.

Was ihn so freute, dass er um seine Eltern tanzte.

Und Skanda?

Nachdem der letzte Friede  ausgehandelt war, vollendete ER seine Runde um die Welt.

Als der Hunger gestillt ist

Sibi tippte seinem Bruder an die Schulter. Er grinste.

Skanda kommt nicht zurück. Wer braucht schon die eine Frau? Frauen gibt es überall.

Er kommt. Du wirst sehen. Er will eine Familie, eine Frau von hier. Auch Onkel lässt Mutter eine für ihn suchen. Nur eine Hindu gibt ihm das, was er braucht. Sie weiß nämlich, wo ihr Platz ist.

Trommelwirbel unterbricht. Denn wenn Ganesha tanzt, drehen sich selbst die Gläubigen im Kreis, umrunden ihre Nachbarn. Dass sie mehr schieben als leichtfüßig tanzen, stört keinen. Die Musik, das begleitende Heulen der Straßenhunde und das Stampfen der Füße übertönt schließlich alles, was noch geflüstert hat.

Ganesha Elefant Bild OrnamentDick ist der kleine Gott, eigentlich kugelrund. Seine Beine sind plump und grob. Trotzdem wirbelt Ganesha herum, springt und folgt der Musik in seinem Kopf. Ganeshas Füße verbreiten seine Freude, sein Wohlbehagen, sein Glück über Gebirge, Wiesen, Flüsse, über Städte, Höfe und Sand. Den Menschen füllte sich das Herz mit Mut, Ideen und Auswegen. So lange tanzte er, bis eine der Wildgänse über den Köpfen der heiligen Familie schnatterte:

Herrin, oh Parvati, freu dich… Skanda ist bald zurück!

Da hielt Ganesha plötzlich still.

Staubig war sein Bruder, verschwitzt und abgekämpft. Der Pfau war schon vor Meilen erschöpft zusammengebrochen. Trotzdem trat Skanda unverzüglich vor seine Eltern hin.

Such mir jetzt eine Frau, Mutter! Ich habe sie verdient.

Wie Ganesha das Recht auf eine Frau verhandelt

Sibi runzelt die Stirn. Diese Wendung der Geschichte behagte ihm nicht.

Na, wenigstens muss Onkel nicht bleiben. Die Frau geht einfach mit ihm mit und gut ist’s.

Und was ist, wenn sie nicht will?

Bei der Vorstellung verdreht Sibi die Augen. Wer hat jemals von einer Frau gehört, die nicht das tut, was ihr Mann sagt? Er wischt den Gedanken zur Seite.

Du sagst selbst, eine Inderin weiß, wo ihr Platz ist.

Jaimyn schweigt, aber der katha summt. Im Licht der Öllampe nimmt man ihn und die Trommler verschwommen wahr. Alle anderen verschluckt die Nacht. So still ist es, dass er seine Stimme kaum mehr erheben musst.

dekorierter Elefant: GaneshaGanesha war mit der Forderung seines Bruders ganz und gar nicht einverstanden. Skanda hätte sich die Frau nicht verdient. Er sei ja viel zu spät zurückgekommen.

Bevor der erschöpfte Skanda vor Wut über seinen Bruder herfallen konnte, trat Parvati dazwischen.

Warum zu spät, Ganesh? Du hast dein Zuhause überhaupt nicht verlassen.

Was soll ich da draußen? Habe ich euch nicht dreimal umtanzt. Dreimal, bevor Skanda eintraf. Und wer, wenn nicht ihr, repräsentiert meine Welt.

Und genau das war der Moment. Jener Moment als Parvati lachte.

Brüder können triumphieren – so kriegen das andere Menschen gar nicht hin. Jaimyn ist keine Ausnahme. Er führt aufreizend langsam eine weitere Reistasche zum Mund und sieht Sibi dabei in die Augen. Sagen muss er nichts.

Parvati suchte ihrem Zweitgeborenen also eine Frau – daraus wurden schließlich sogar drei: Buddhi – die Weisheit, Siddhi – die Klugheit und Riddhi – der Reichtum. Aber auch Skanda ging nicht leer aus. Er bekam die Schwestern Devesena und Valli – die Macht des Handelns und die Macht des Willens. Wie es dazu letztendlich kam, das ist eine noch ganz andere Geschichte, schloss der katha – wohl wissend, dass er diese ganze Nacht hindurch erzählen würde.

Und die Reistaschen?

Sibi verkauft in dieser Nacht keine mehr. Irgendwie ist er auf den Geschmack gekommen – und die allerletzten drei legen er und Jaimyn morgens früh um fünf Uhr auf den Opferteller am Altar. Zur allerletzten Geschichte, zu der im Morgengrauen.

Die Zahl zum Märchen: 70 000 Computerspezialisten verlassen jährlich die indischen Universitäten. Das deckt kaum die nationale Nachfrage. Der überdurchschnittlich hohe Exodus hochgebildeter Söhne und so mancher Tochter in die westlichen Industriestaaten – allen voran USA und Europa – macht Indien schwer zu schaffen.

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Nebiga

Energie aufladen für den Endspurt!

Ein Moment zum Energie aufladenBevor es richtig losgeht mit meinem Märchen, brauchen wir noch einen Moment: Wir müssen unbedingt Energie aufladen.

Mit Fasching haben wir nämlich nicht gerechnet, als wir die 28 Days of Blogging Challenge angenommen haben. Die Redaktion hat uns auch nicht erinnert. Was uns jetzt in Schwierigkeiten bringt.

Bleibt heute die Frage: Wie bringen wir uns doch noch in die richtige Stimmung zum Schreiben? Noch 4 Tage!

Wie können wir Energie aufladen?

Unsere Antwort: Eine Partie Blödelscrabble…

Die können wir nur empfehlen!

Scrabble am Computer geht auch. Manche sagen, es macht einen Ticken weniger Spaß, aber wir sind keine Experten.

Wir wissen nur eins: Lachen macht den Kopf leicht…

Bei dieser Gelegenheit auch ein Dankeschön an alle, die überhaupt ermöglicht haben, täglich zu bloggen.

Unser ganz besonderer Dank gilt unserem Scrabblepartner! Er meinte auch heute noch:

Ihr schafft das!

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Perspektive: Wer erzählt
Nebiga

Perspektive: Wer erzählt denn nun?

Eine Frage gilt es noch zu klären, bevor ich schreiben kann: Die Perspektive. Wen wähle ich aus, der das Märchen erzählen soll? Anders als in den überlieferten Märchen, gibt es in den Märchen für Globetrotter selten den allwissenden Erzähler. Meist erzählt eine der Figuren – ein Ich, das seine eigene Meinung, seine Erfahrungen und Erlebnisse hat. Die Perspektive zählt; sie bestimmt, wie die Geschichte läuft.

Die Perspektive beschäftigt Autoren mehr, als sie gern zugeben. Sie müssen klären, in welchen Kopf sie schlüpfen müssen, um ihre Geschichte bestmöglich zu erzählen. Das ist bei mir nicht anders.

Die richtige Perspektive für Globetrotter

Meine Globetrotter Märchen erzählen sich gern in der 1. Person, schlüpfen gern in ein Ich. Der Ich-Erzähler hat nämlich unglaublich gute Seiten:

  • Der Fokus ist eindeutig.
  • Es gibt ein zentrales Bewusstsein, das die verschiedenen Personen in Beziehung setzt.
  • Konflikt und Spannung entstehen sofort.
  • Die Ich-Perspektive gibt dem Leser eine Unmittelbarkeit. Man glaubt direkt die Geschehnisse mitzuerleben. Gewinnt der Erzähler, glaubt der Leser selbst zu gewinnen. Verliert er, ist es auch der Verlust des Lesers.
  • Der Ich-Erzähler ist Teil des Dramas.
  • Wenn ein Ich erzählt, bekommt es eine starke Stimme.
  • Diese bestimmt den Ton, den der Autor folgen muss.

Trotzdem ist die Perspektive der 1. Person nicht selbstverständlich für mich. Nicht immer passt sie. Sie hat auch noch ein paar schlechte Seiten. Daher frage ich vor jeder Geschichte:

  • Welche Grenzen sind der 1. Person gesetzt? Der Erzähler kann nur Teile der Geschichte kennen.
  • Wie kommt die wichtige Information in den Text, wenn der Erzähler sie nicht kennen kann.
  • Wie nahe stehe ich dem Erzähler und den von ihm berichteten Geschehnissen?
  • Wie schaffe ich, dass der Erzähler wenig redet und viel zeigt.
  • Was nimmt der, der erzählt die Geschehnisse wahr? Was kann er nicht wissen?

Erst wäge ich ab, wer denn die 1. Person sein könnte. Sie muss Charakter haben und sich auskennen. Wenn die Ich-Perspektive nicht überzeugt, bleiben mir andere Optionen. Die Entscheidung muss aber fallen, bevor ich noch den ersten Satz geschrieben habe.

Eine andere Perspektive erschafft nämlich ein anderes Märchen.

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Wo ist der beste Platz zum Schreiben?

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Elefant Steckbrief

Handelnde Charakter bekommen erst einmal einen Steckbrief. Ein Steckbrief

  • stammt eigentlich aus der Kriminalistik
  • kennt jeder, der Western (WANTED) oder Tatort sieht.
  • gibt knapp und stichpunktartig über die Person Auskunft.
  • zeigt in wenigen Stichpunkten die wichtigsten Merkmale auf.
  • ist für die Gestaltung eines Protagonisten das Skelett.

Wenn ein solcher Steckbrief vor mir liegt, bin ich immer etwas entäuscht. Da habe ich Tage gesammelt, zusammengetragen, mir Zusammenhänge erdacht und sogar ein passendes Foto gesucht. Ich weiß mittlerweile, welche Narbe wo sitzt, ob der Charakter blaue oder grüne Augen hat und was er in seiner Jugend erlebt hat. Manchmal klebe ich sogar noch eine Collage über sein Leben in mein Notizbuch.

Im Steckbrief aber zeigt sich kaum was davon. Ein Blick darauf muss genügen, um den Protagonisten zu erkennen.

Steckbrief: Protagonist 1

  1. Rasse: Asiatischer Elefant
  2. Eigenschaften: klug, naschhaft, unmäßig, kämpferisch, launisch
  3. Ursprung: Indien
  4. Schulterhöhe: Bis zu 4 Meter
  5. Gewicht: bis zu 7, 5 Tonnen
  6. Hauptmerkmal: Sein Rüssel – 40.000 Muskeln sorgen dafür, dass er damit riechen, tasten und greifen kann.
  7. Appetit: 400 kg pro Tag
  8. Weiter Besonderheiten: Herdentier, langlebig

So dürr ist also das Gerüst, auf dem ich ein vollständiges Märchen aufhängen muss.

Demnächst!

Hier ist also mein zweiter Hinweis.

Erratet ihr, wer der Gesuchte ist?

Erster Hinweis: Das Zuhause meines Märchens

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