Unterirdische Stadt Buchhaim
Tipp

Die unterirdische Stadt von Buchhaim

Menschen leben oberhalb der Erde, sie bauen seit Generationen höher und höher. Es ist, als würden Luft und Ausblick uns nach oben treiben, als könnten wir gar nicht hoch genug kommen und weit genug sehen. Das Oben einer Stadt gibt ein Gefühl von Freiheit: Danach sehnen wir uns. Das Unterhalb ist weniger verlockend: Von den Leitungen, der Kanalisation, den Katakomben, Schächten und U-Bahn-Röhren sprechen wir kaum. Die unterirdische Stadt existiert, aber eher als Gegenspieler von jener da oben.

Wir dulden sie, wissen aber kaum etwas über sie. Unterirdische Städte bleiben oft unerwähnt, viele sogar unerforscht. Deutlich wird das, wenn wir mit ihnen konfrontiert sind.

Die Leser zum Beispiel, die das im November erschienene „Comic-Buch“ von Walter Moers erstanden haben – den ersten Teil seiner zweiteiligen Graphic Novel „Die Stadt der Träumenden Bücher“.

In ihm spielt die unterirdische Stadt von Buchhaim die Hauptrolle; der Teil der berühmten Bücher-Stadt, der für Bücherjäger und Dichter am ergiebigsten ist.

Im Januar erscheint dann Teil 2 des Comics. Ideal also für Geschenkejäger und  all diejenigen, denen normalerweise an den letzten Tagen vor Weihnachten immer noch ein Präsent fehlt:

  • Teil 1 eignet sich als handfestes Geschenk für Heiligabend,
  • die Vorbestellung von Teil 2 lässt sich gleich miterledigen – als Geschenksverlängerung.

Auf diese Weise hält die Freude beim Beschenkten länger an ?.

Farbenfroh: Hildegunst und seine Abenteuer

Stadt der träumenden BücherMit seinem Roman „Die Stadt der träumenden Bücher hatte Moers, der Comiczeichner und Erfinder von „Käpt’n Blaubär“ und dem „Kleinen Arschloch“, einen Riesenerfolg. Er schuf eine eigenwillige Welt – eine, in der Saurier leben, die der Kultur des Dichtens frönen. Man sagt, Moers erklärte mit diesem Buch seine Liebe an das Lesen.

Im Roman steigt der Protagonist, Dichtersaurier Hildegunst von Mythenmetz, also in die unterirdische Stadt von Buchhaim – in die Katakomben, Kammern, Kathedralen-Räume. Er erkundet die Schattenwelt und findet Buch- und Dichtkunst.

Vom Dunkel, das nicht mehr los lässt

Bücherliebhaber und Leseratten fallen dieser Unterwelt zum Opfer: Sie verschwinden für Tage oder Wochen, ganz egal wie schön die Sonne oben auch scheint – und nicht alle kommen blinzelnd hervorgekrochen, wenn es zu essen gibt.

Sie verirren sich mit Hildegunst von Mythenmetz in den Labyrinthen, suchen Gänge, Räume und Bücher… und genauso wie der Erzähler verlieren sie sich in der Geschichte von Schutz, Flucht und Wissen. Die unterirdische Stadt birgt fast mehr Leben als die oben.

Genau diese unterirdische Stadt hat Moers über mehrere Jahre hinweg gemeinsam mit dem Illustrator und Comiczeichner Florian Biege jetzt in eine Graphic Novel übertragen. In Farbe und mit Perspektive. Fachlich gesprochen – „mit Tiefe“. Wer den Roman kennt, ist verblüfft, wie Orte, Räume und Figuren sich dadurch verändern.

Hildegunst in der Oberstadt

Eine unterirdische Stadt im Teamwork geschaffen

Um die besondere Lebhaftigkeit zu erreichen, die selbst eingefleischte Comicgegner zu einem vorsichtigen „Schon gut gemacht!“ verführt, war Teamarbeit nötig. Manchmal arbeiteten nur Moers und Biege an der Umwandlung, manchmal aber auch noch mehr Leute.

Vor jedem ausgearbeiteten Bild gab es das Szenario von Moers – er arbeitete den Text um und erstellte für jede Seite eine Skizze mit Bleistift, die schon direkt mit Sprechblasen versehen war.

Danach folgte Biege. Er schuf eine Computerskizze, um den groben Aufbau des Bildes zu klären. Von diesem Entwurf ausgehend, besprachen die beiden jeden Schritt einzeln. Auf diese Weise koordinierten sich die beiden und gelangten schließlich zum fertigen Bild.

Das dauert. Zahlt sich aber aus!

Tipp für den 6. Dezember

Das Geschenk in letzter Minute: Jetzt bestellen!

Leser dieses Artikels interessierten sich auch für:

5. Fenster: So still kann Liebeskummer sein

4. Fenster: Barbara, die sich weigert

3. Fenster: Als der dumme Kaufmann wettete

Hat dir das 6. Türchen unseres Adventskalenders gefallen? Wenn ja, dann teile es doch mit deinen Freunden 🙂

Wasser fließt
Nebiga

Wie einer lernte, dass Wasser fließt

Wo Wasser fließt, ist Leben, heißt es. Für ein Inselvolk bedeutet das Fließen scheinbar aber noch mehr:  Japan ist umgeben von Wasser. Salzigem Wasser.

Die Japaner jedoch danken jedes Jahr der Wassergöttin und ihren Wesen: den Schildkröten, Schlangen, Fischen – und ganz besonders ihren Lieblingen, den Drachen. Sie danken jeder Quelle, jedem Reis-Kanal, jedem Fluss und jedem Tank – für Wasser, das fließt; für Wasser, das sie trinken können.

Suijin Matsuri heißt das Fest. Einmal feiern sie es im Juni, einmal im Dezember – genauer gesagt am 1. Dezember. Heute also. Deshalb ist hinter dem ersten Fenster ein japanisches Märchen versteckt:

Der Fischer hilft einem Wasserwesen

Urashima Taro befreit die SchildkröteDer gutaussehende Fischer, Urashima Tarō, ging eines Abends den Strand entlang nach Hause. Da sah er eine Gruppe von Kindern, die eine Schildkröte drangsalierten und vor sich hertrieben.

Hey, hört sofort auf damit. Niemand sollte Tiere quälen, rief er, sobald er erkennen konnte, wie die Kinder das Tier behandelten.

Was willst du, alter Mann? Kümmere dich um deine Angelegenheiten, kam es zurück.

Weil Urashima Tarō sah, dass die Kinder die Schildkröte weiter mit Stöcken schlugen, entschloss er sich, das Tier zu kaufen. Darauf gingen die Kinder sofort ein, schnappten das Geld und liefen davon. Urashima Tarō aber trug die Schildkröte zum Meer und ließ sie frei. Er blickte ihr nach, bis sie hinter dem Horizont verschwunden war.

Zufrieden wanderte er nach Hause.

Vom Dank einer Schildkröte

Drei Tage später fuhr er wieder aufs Meer hinaus, um zu fischen.  Als er in seinem Boot saß, das Netz ausgelegt hatte und wartete, hörte er eine Stimme:

Urashima Tarō! Urashima Tarō! Hörst du mich?

Schscht, du verscheuchst mir die Fische.

Fischermann, Urashima Tarō! Sieh her?

Schscht, siehst du nicht, wie sie ins Netz schwimmen wollen?

Fischer, hör doch zu!

Oh,,, jetzt haben sie es sich überlegt…

Bedauernd beobachtete Urashima, wie ein der Schwarm Meeresbrassen das Weite suchte. Er wandte sich um, der Stimme zu und entdeckte die Schildkröte, die neben seinem Boot schwamm. War es etwa die, die er gerettet hatte?

So dankst du mir? Verscheuchst einfach die Fische!

Setz dich auf meinen Rücken. Mein Dank soll der Dank meines Herrn sein, der Dank des Watatsumi. Ich bringe dich zu ihm.

Matsuki Heikichi(1899) Urashima
By Matsuki Heikichi, aka Matsuki Tōkō (松木東江 1836 – 1 Jul 1891

Der junge Fischer war nicht nur gutaussehend, sondern auch neugierig – daher stieg er auf den Rücken des Tieres. Flugs ging es durch das Wasser; die Schildkröte tauchte sogar unter und brachte den Fischer bis zur Mitte des Meeresbodens, direkt zum Drachenpalast – zum Heim des Drachenkönigs Watatsumi.

Vom Leben im Drachenpalast

Dort empfing ihn nicht nur der König persönlich, nein, auch alle anderen Bewohner des Palastes. Unter ihnen lugte neugierig Watatsumis wunderschöne Tochter, die Drachenprinzessin Otohime, auf den Fremdling. Ein Blick nur und Urashima Tarō verliebte sich in sie.  Der König gewährte ihm die Hand des Mädchens, weil er ja ein Retter war.

Das Paar lebte drei Jahre lang ein glückliches, schönes und sorgloses Leben.

im DrachenpalastIn diesen drei Jahren sah Urashima Tarō, dass er sehr zufrieden war.

Er genoß täglich zuerst die östliche Seite des Palastes, wo Frühling, dann die südliche Seite, wo Sommer und die westliche Seite, wo Herbst und schließlich die nördliche Seite, wo Winter herrschte.

Auch erfreute er sich an den Delfinen, an den Schildkröten, an fallendem Laub und dem Glitzern der Schneeflocken. Vor allem erfreute er sich aber an seiner Frau.

Dann kam der Tag…

Eines Tages jedoch wurde er unruhig. Anfangs war es nur ein zartes Flimmern im Herzen, ein scheue Winken eines Gedankens.

Am Beginn war es leicht für ihn, das Gefühl, das ihn dabei befiel, weg zu schieben.

Je mehr Wasser floß desto heftiger wurde sein Sehnen. Aus dem scheuen Zittern wurde ein Beben. Es fühlte sich an, als würde ein Fels vom Berg ins Tal donnern: Der Gedanke setzte sich morgens in seinem Kopf fest und blieb den ganzen Tag. Er nahm seinem Herzen die Freude.

Traurig nahm er schließlich seine Frau zur Seite:

So geht es nicht weiter. Ich muss nach Hause zurück!

Warum nur? Sieh nur, wie schön wir es haben!

Das haben wir, ich liebe es, dieses Leben! Aber ich vermisse auch meine Eltern.

Wenn du gehst, wirst du mich vermissen – und ich dich.

Ich komme ja wieder, mein Herz… ein Blick nur, ein kurzer Besuch. Ich will sehen, ob es ihnen gut geht. Ich will ihnen Respekt erweisen. Dann kehre ich zurück.

Weil es wichtig ist, Eltern zu respektieren, rief Otohime schließlich ihre alte Freundin, die Schildkröte. Ihrem Mann reichte sie ein tamatebako.

Diese Schachtel soll dich begleiten. Öffne sie nicht, bringe sie geschlossen zu mir zurück, Liebster!

Die Schildkröte nahm Urashima Tarō wieder auf ihren Rücken und schwamm an Land zurück.

Wie stetig Wasser fließt

Kaum am Strand angekommen, eilte der junge Fischer in sein Dorf. Aber er erkannte dort niemanden mehr. Sein eigenes Haus fand er verfallen und unbewohnt vor.

  • Was war nur los?
  • Wo sind alle geblieben?
  • Was waren das für Leute?
  • Was ist passiert?
  • Wer nur konnte es ihm erklären?

Voller Fragen machte sich Urashima Tarō auf, die Antworten zu finden, Er befragte jene Menschen, die nun in seinem Dorf lebten. Er erkundigte sich, ob jemand von einen jungen Mann namens Urashima Tarō gehört hätte oder ihn gar kannte.

Keiner kennt Urashima Tarō

Niemand konnte sich an einen solchen Mann erinnern.

Der Fischer wunderte sich mehr und mehr. Fast schon gab er auf zu fragen, als er einen sehr alten Mann fand. Dieser Mann saß vor seinem Hausihn und als Urashima ihn fragte, nickte er bedächtig.

Ja, ja, mein Vater hat mir erzählt… Von einem Mann, einem Fischer namens Urashima Tarō.

Dein Vater?

300 Jahre später

Das ist eine dieser Geschichten, die sich früher die alten Leute gerne erzählten, wenn sie auf den Sonnenuntergang warteten. Der Großvater meines Vaters hat sie ihm erzählt… und mein Vater mir… Urashima Tarō – ja so war der Name. Ein Fischer! Ein tüchtiger Mann! Er war vor langer, langer Zeit hinausgefahren, hinaus aufs Meer – und niemals zurück gekommen.

So erfuhr Urashima Tarō, dass die Zeit vergeht, wenn Wasser fließt: Drei kurze, glückliche Jahre im Drachenpalast – und an Land waren 300 Jahre vorbeigerast.

Die Erkenntnis traf den jungen Fischer. Er rannte blind los, irgendwohin, einfach fort! Am Strand schließlich setzte er sich zum Wasser, grübelte und grübelte – und vergaß darob seine Frau, die schöne Drachenprinzessin und ihre Worte.

Ein vergessenes Tamatebako

Verwundert blickte auf das  Schächtelchen, als er es zufällig in seiner Tasche fand.

So wird Urashima gewahr, dass Wasser fließt

Urashima trauert am Strand Quelle: Bodleian Bibliothek der Universität Oxford

Was war denn das?

Neugierig öffnete er die Schachtel. In diesem Moment stieg weißer Rauch auf.

Urashima Tarō verwandelte sich; er wurde älter und älter bis sein Spiegelbild nur noch einen sehr alten Mann mit weißem Haar, langem Bart und krummen Rücken zeigte. Doch es hörte nicht auf.

Er alterte immer weiter und weiter…

Bis er starb – und zu Asche zerfiel.

Bei der nächsten Flut aber, trugen die Wellen sein Asche fort.

Erlebnistipps fürs 1. Fenster:

Zu einem Adventskalender gehört es, gemeinsame Erlebnisse zu schaffen. Deshalb gibt es in unserem Adventskalender hinter dem Fenster noch ein Fenster – das ist gefüllt mit Tipps für euch. Tipps, wie er den Tag zum Erlebnis machen könnt. Hier jetzt meine Vorschläge für den 1. Dezember:

  • Schau dir mit den Kindern noch einmal Chihiros Reise ins Zauberland an! Wer den Film nicht kennt: Auch in ihm spielt es eine Rolle, dass Wasser fließt. Der Zeichentrickfilm des japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki hat es verdient, dass du ihn dir auch zweimal oder mehrmals anschaust: Er ist der weltweit zweiterfolgreichste japanische Film und sammelte unzählige Preise, darunter den Oscar für den besten animierten Spielfilm und den Goldenen Bär der Internationalen Filmfestspiele in Berlin.
  • Male den Drachenpalast des Königs Watatsumi mit seinen vier Jahreszeiten… auch wenn du keine Kinder hast! Es macht trotzdem Spaß!
  • Wann hast du das letzte Mal Origami ausprobiert? Ein Schächtelchen wie das von Otohime kriegst du hin! Und hör dazu Musik, die du magst – es müssen auch keine Weihnachtslieder sein 😉

Leser dieses Artikels interessierten sich auch für:

Welcher Adventskalender passt zu uns?

Wenn die Wölfin heult

Yakchillan: Stadt der grünen Steine

 Hat dir das 1. Fenster unseres Adventskalenders gefallen? Wenn ja, dann teile es doch mit deinen Freunden 🙂