Auf der Suche nach der Herberge
Nebiga

Was auf der Suche nach Herberge niemand erwähnt

Die Gasse lag staubig im Dunkeln. Zwischen der dritten und der fünften Sur in Cholula, Mexiko, duckte sich das Haus der Nonnen hinter einer hohen, mit Glasscherben besetzten Mauer. Herberge sollte es sein für diesen Tag. Ein einziges Fenster leuchtete.

Das Tor zum Haus war jedoch festlich geschmückt. Ein Weihnachtsstern prangte in der Mitte eines Kranzes aus Reisig, in dem Orangenscheiben, Zimtstangen, Anis und goldener Bänder steckten. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite wartete Pepe. Er lauschte dem Krachen der Feuerwerkskörper, die Jung und Alt am Hauptplatz der Stadt zündeten; sein Blick folgte den spritzenden Blüten am Himmel; Funken spiegelten sich in seinen Augen.

Jetzt müssten sie bald kommen…

Ein Pilgerzug bittet um Herberge

Erste Pilger bogen um die Ecke. Mehr und mehr Menschen folgten  – Nachbarn, Freunde und sogar ein paar Mitglieder der Kirchengemeinde, die einige Straßen weiter wohnten. Auch sie hatten sich dem Zug angeschlossen; sie wollten heute im Nonnenhaus Herberge suchen. Aus Neugier vermutlich.

In der Mitte des Pilgerzugs schlenderten Kinder: Maria und José, Engel, Esel und Ochs. Sie trugen Kerzen. Hinter ihnen spielten Musikanten und verstummten erst, als die Gruppe vor dem Tor des rot gestrichenen Nonnenhaus stehen blieb.

Die Kinder bildeten eine Gasse. Für José. Er trat vor und klopfte ans eiserne Tor. Die Musikanten stimmten an:

  • Im Namen des Himmels bitte ich um Herberge
  • denn weiter kann sie nicht mehr, meine geliebte Frau…

Im Nonnenhaus ging Licht an, sogar vorne am Tor. Die Metalltür öffnete sich einen Spalt. Der Pilgerzug sang:

  • Hier ist keine Herberge, geht weiter
  • Ich darf euch nicht öffnen, ihr könntet Gauner sein

Fast 500 Jahre ist es her

Im Nonnenhaus wohnten schon lange keine Nonnen mehr. Sie waren eines Tages plötzlich ausgezogen, ohne es der Gemeinde zuvor mitgeteilt zu haben. Das Haus stand danach eine Weile leer, bis Anfang des Jahres die Fremden eingezogen waren.

Pepe grinste, erinnerte sich an die junge Frau, die eines Tages in seiner Schreinerwerkstatt auftauchte und mit starkem Akzent um einen Besuch bat. Ein Tisch sei zu reparieren. Er wollte zuerst sehen, ob sie Geld mitgebracht hatte.

Sie war entsetzt. Wie konnte er an ihr zweifeln? Pepe zuckte nur mit den Schultern.

Eroberung Mexikos

Diego Rivera: Mural im Palast von Hernán Cortés in Cuernavaca, Morelos

Gauner gibt es überall! Das weiß in Mexiko jedes Kind. Auch dass diese selten auf den ersten Blick zu erkennen sind. Denn Gauner behaupten, was ihnen beliebt, auch, dass sie etwas Besonderes sind, Götter sogar. Sie schleichen sich unter dem Vorwand ein, Handel treiben zu wollen, bringen stählerne Waffen und Krankheiten mit und vernichten letzendlich Landstriche, Völker, ein riesiges Reich.

In nicht einmal 50 Jahren starben im 16. Jahrhundert nach der Eroberung des Aztekenreichs etwa 22, 5 Millionen Menschen – Mayas, Azteken,  Zapoteken, Mixteken, Huasteken und noch viele mehr, deren Namen heute kaum einer mehr kennt. Ursache waren die Fremden, die Spanier – Hernán Cortés und alle, die ihm folgten. Dieses Wissen steckt tief im mexikanischen Bewusstsein.

Gerüchte, die schneller fliegen als Tatsachen

  • Weißt du, wer von den Männern der Ehemann ist?
  • Womit verdienen die ihr Geld?
  • In der Kirche habe ich die noch nie gesehen.
  • Sie essen Tortillas. Ich hab‘ den Jungen beim Einkaufen zugesehen.
  • Ist das der mit dem Gold im Haar?

Am Anfang hatte Pepe nur die Gerüchte gehört. Manche  Nachbarn – Kinder wie Erwachsene – machten sich den Spaß, klingelten an dem roten Tor und fragten nach den Nonnen.

  • Hier gibt es keine Nonnen

antwortet die junge Frau. Die ersten paar Male noch verwundert, später genervt. Das wussten die Nachbarn. Doch der Satz klang so verrückt aus dem Mund der Fremde . Sie war jedoch lernfähig: Bald schon kam der Satz wie aus der Pistole geschossen, korrekt – mit fremder Betonung, aber ohne Verlegenheit.

Es blieben der Straße nur noch die Gerüchte – Mutmaßungen, Vorurteile… Pepe hörte eine Menge davon, hielt sich weiterhin vom Nonnenhaus fern. Schwieg meistens, wenn die junge Frau kam. Sie war geduldig geblieben; besuchte ihn täglich vor und nach der Arbeit; fragte, wann er sich denn endlich den Tisch ansehen würde.

  • Morgen,

sagte er; drei Monate lang. Sie fragte, er vertröstete. Bis sie eines Tages sagte:

  • Ich bin Nina. Versprich es mir in die Hand!

Da blieb ihm nicht anderes übrig: Pepe machte sich schließlich auf – zum Haus über der Straße, dem Nonnenhaus.

Wenn ein Tisch zu reparieren ist

Der Tisch war kein leichter Fall gewesen: Wackelig in den Beinen, aus dem Leim gehende Einlegearbeiten und eine an den Kanten stark abgenutze Tischplatte. So lernte er das Leben im Haus kennen;

  • Wohngemeinschaft

nannte es Nina. Pepe verlor den Überblick: Stets waren Leute da. Ob sie als Besuch galten oder im Nonnenhaus zuhause waren, konnte er meistens nicht sagen. Nina, ihr Junge mit den blonden Haaren und der Andalusier – die lebten bestimmt hier. Die junge Deutsche, die beiden Schweizer, der Texaner, die Peruanerin… wer weiß?

Während Pepe Kanten schliff, Einlegearbeiten ausbesserte und den Beinen das Wackeln austrieb, beobachtete Nina, was er tat und  löcherte ihn mit Fragen:

  • Habt ihr schon einen Christbaum für Weihnachten ?
  • Was gibt es am Weihnachtstag zu essen?
  • Wie feiert ihr Heiligabend?

Natürlich hatte seine Familie schon eine Pinie geschmückt. Seit dem 1. Dezember stand sie bereits im Haus. Später, erklärte er, hätte sowieso niemand mehr Zeit dafür;

  • später gehen wir von Haus zu Haus. Wir besuchen uns gegenseitig, neun Tage lang. Jeden Tag  kommt ein anderer dran. Wir klopfen bei Freunden, Nachbarn oder Verwandten, suchen Herberge und wenn wir eingelassen werden, feiern wir.

So viel hatte er das ganze letzte Jahr zusammengenommen nicht geredet.

Herrschende bestimmen Rituale

Im Troß der spanischen Eroberer reisten auch Missionare. Sie wollten die Götzenanbeter zum wahren Glauben bekehren. Mit wenig zimperlichen Methoden. Diese forderten nahezu ebenso viele Opfer wie die eingeschleppten Krankheiten.

Die Mönche hatten eine klar definierte Aufgabe: In zehn Jahren sollten sie die Heiden zu christlichen Arbeitern umerziehen.  Sie duldeten natürlich keine andere Religion neben dem Christentum. Das spirituelle Leben der Einheimischen war in ihren Augen sowieso keine Religion, sondern heidnischer Aberglaube und Hexerei.

Die Augustiner waren da keine Ausnahme. Der Bettelorden des Spätmittelalters hatte im 16. Jahrhundert schon längst das „Bettel“ verloren. Man errichtete das Kloster Alcolman nahe Mexiko Stadt – mit Hilfe derjenigen, die man bekehren wollte. Doch damit scheiterten die Mönche anfangs. Die Azteken liebten Feste und Feiern und hatten das ganze Jahr bereits verplant – ständig gab es heilige Feste zu Ehren ihrer Götter, auch wenn die Einheimischen keine Menschen mehr opferten.

Also mussten sich die Augustiner etwas einfallen lassen. Sie widmeten kurzerhand ein mehrtägiges Fest im Dezember um. Zwei Dinge führten sie ein:

  1. La Posada – statt der Prozession zum Altar einheimischen Gottes, ließen sie Maria und Josef Herberge suchen.
  2. La Piñata – bunte, mit Früchten und Erdnüssen gefüllte Figuren aus Krepp bestimmten die anschließenden Feiern. Auf sie schlugen die Einheimischen mit Stöcken, bis die Köstlichkeiten herausfielen.

In der Gasse 11 Poniente

La Posada - das Fest kann beginnen

Das erwartet die Herbergssuchenden – beachtet die dunklein Krug! Der ist mit Ponche – Punsch – gefüllt.

Zwischen der 3 und der 5 Sur standen an jeder Staßenseite neun Häuser. Damit kamen genug Häuser zusammen, so dass jedes nur alle zwei Jahre die Pilger bewirten brauchte.

Doch als das Nonnenhaus leer stand, ging die Rechnung nicht mehr auf. Die Fremden traute sich niemand zu fragen.Keiner nahm an, dass Nina mitmachen würde. Als Pepe aber den fertigen Tisch übergab, sagte er:

  • Keine Bezahlung, Nina. Richte dein Haus als Herberge aus.

Pepe  zählte die Pilger, die gekommen waren. Es waren mehr als irgendwo sonst in Cholula. Zufrieden sang er die letzte Strophe. Nina öffnete das Tor vollständig, hielt es auf, ihren Jungen an der Hand:

  • Tretet ein, heilige Pilger, ihr bekomm diese Ecke
  • so ärmlich die Wohnung ist, ich gebe sie von Herzen

An ihr vorbei zogen die Pilger, die Kinder, die Nachbarn, Freunde – auch Pepe. Sein Tisch, der reparierte Tisch bog sich vor Köstlichkeiten. Manche Speisen kannte er nicht. Sie sahen fremd aus. Trotzdem wusste er:  Sie alle werden alles probieren!

So bitten Pilger um Herberge

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Beitragsbild: Cornelis Massijs, Ankunft der Heiligen Familie in Bethlehem

Barbara, die sich weigert
Leo Nerdette

Die eine Barbara, die sich weigert

Barbara war nie „recht“. Das fing schon früh an. Ihr Vater Dioscuros konnte sich nicht mehr erinnern, wann, aber er wusste noch, dass sie ein wunderschönes und eigentlich verträgliches Baby gewesen war. Schön anzusehen fand er sie auch mit neun, aber …

Pferde sind nichts für dich, Barbara! Was schleichst du im Stall herum? Geh und hilf Mutter beim Kochen! Was heißt, du willst nicht? Ich habe es gesagt – und basta. Geh!

Eine Augenweide war sie mit elf, aber…

Was steckst du deine Nase schon wieder in die Schriften? Die sind nichts für dich. Davon bekommst du nur Falten… füll deinen hübschen Kopf mit Nützlichem. Stick etwas!

Wunderschön sah sie mit dreizehn aus, aber

Wo treibst du dich herum? Du hast nicht in die Stadt zu gehen? Was? Du diskutierst? Mit wem? Am Marktplatz? Hattest du jemanden mit? Nein? Bist du wahnsinnig? Du ruinierst meinen Ruf! Geh auf dein Zimmer! Zwei Wochen will ich dich nicht sehen!

Als fünfzehnjährige war sie die Schönste der Stadt, jeder junge Mann – und auch so mancher alte – renkte sich den Hals aus, als er ihr nachsah, wenn sie auf den Marktplatz lief, aber

Der Sohn des Apothekers hat um deine Hand angehalten. Was heißt, du willst nicht? Wir haben nicht ewig Zeit. Du wirst früh genug faltig und alt. Wie? Ich kann mir die Mühe sparen, einen Mann für dich zu suchen? Was, bitte, heißt das? Du heiratest! Wen ich will!

Heirat als Ausweg?

Mit 18 hatte sich nicht nur die Kunde von Babaras Schönheit über das ganze Land verbreitet, sondern auch ihr Ruf, alle Anträge abzulehnen. Was natürlich noch mehr junge und alte Männer in das Haus des Vaters trieb und noch mehr Streit brachte. Barbara ließ sich nicht erweichen.

Sie wolle nicht heiraten – nicht einen einzigen dieser Männer. Sie überlegte, Jesus zu heiraten. Und eines Tages teilte sie ihrem Vater ihren Entschluss mit.

Waaas? Ist das nicht der Jüngling am Holzkreuz? Dieses Kreuz, das die Christen anbeten? Bist du völlig übergeschnappt? Was für Unsinn redet dir diese Sekte ein? Diese Verrückten, diese Gotteslästerer! Dorthin gehst du nicht mehr. Ich verbiete es!

Doch selbst Väter lernen dazu. Da Dioscuros wusste, dass seine Tochter sein Verbot kaum einhalten würde, ließ er einen Turm bauen. Einen Turm ohne Türe, mit nur zwei Fenstern und sperrte sie ein.

Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen hast!

Barbara weiß, ihre Vernunft ist eine andere

Für ihren Vater „vernünftig zu sein“, da weigerte sich Barbara – und darüber hinaus: Sie fand einen Weg, sich taufen zu lassen, dem Turm beizukommen und zu fliehen. Ein Hirte verriet ihren Fluchtort – worauf ihr wahres Martyrium begann. Dieses endete damit, dass Dioscuros höchstselbst seine Tochter enthauptete.

Erleichterung brachte ihm weder die Quälerei noch seine schändliche Tat: Barbara verweigerte sich als Geschundene genauso wie als Tote. Sie wollte nicht „funktionieren“:

  • Ein Kirschzweig, den sie berührt hatte, begann mitten im Winter zu blühen.
  • Heuschrecken fraßen den verräterischen Hirten.
  • Den Vater tötete ein Blitz, genau nach seinem tödlichen Streich.
  • Die Menschen beten zu ihr und flehen um Schutz – und das über Jahrhunderte hinweg.
  • Ja, Barbara schlich sich sogar in den Volksmund, vor allem den süddeutschen:

Margaretha mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl.

Sind die Zweige der Barbara ein Zeichen der Rebellion?

In der römisch-katholischen Kirche beäugten Historiker Barbara ebenfalls skeptisch. Sie passte eigentlich nicht. Nicht unter die Heiligen.

Hatte sie tatsächlich gelebt?

Bekannt seien ja nur die Legenden, historisch nachweisen ließe sich nichts. So kritisierten die Heiligsprech-Experten den Status der rebellischen Barbara. Sie strichen deshalb im Zuge der Liturgiereformen des zweiten vatikanischen Konzils (1962-1964) die  heilige Barbara aus dem römischen Generalkalender.

Doch die Dame ist populär! Sie lässt sich nicht stillschweigend streichen. So beobachtet am 4. Dezember der Vorbeifahrende auch heute noch in manchen Regionen Vasen mit Zweigen im Fenster. Abends von einer Kerze beleuchtet.

Außerdem blieb Barbara die Schutzherrin der Architekten, der Glöckner, der Maurer, der Zimmerer – und all der anderen Bauarbeiter. Sie gewährt weiterhin als Patronin aller Berufe, die mit Feuer zu tun haben, ihren Schutz – auch der Artillerie.

Die Kirche wurde ihr einfach nicht Herr!

Ihr Gedenktag blieb daher in einigen Regionalkalendern erhalten: in Österreich zum Beispiel, in Polen, Portugal, Slowenien, Frankreich und Italien. Barbara wehrt sich weiterhin hartnäckig. Sie kämpft immer noch an vielen Fronten.

Warum lässt sie es nicht gut sein?

In Theorie… weil sie eine Andere ist, eine viel Ältere.

Es heißt, sie gehöre eigentlich zu den keltischen Göttern. Sie sei Borbeth, eine der drei Bethen.

Die Römer hätten ihr einfach einen anderen Namen gegeben:

„Barbara“ – die Ausländerin.

Beitragsbild: Saint Barbara of_Nicodemia - Jan van Eyck (1437)

 Tipp für den 4. Dezember

Im Mühl- und auch im Waldviertel, Österreich, steht ab 4. Dezember nahezu in jedem Haus ein Strauch aus Barbarazweigerl. Er soll spätestens am Christtag zu blühen beginnen.

Früher schlossen die Bauern daraus, ob es eine gute Ernte geben wird. Barbara soll aber mit den blühenden Zweigen auch zeigen, wer von der Familie im nächsten Jahr Glück haben wird: Dafür stellt man einen Zweig pro Familienmitglied in die Vase und schmückt ihn mit einem Wollfaden – für jedes Familienmitglied in einer anderen Farbe.

Macht euch also auf! Heut ist ein milder Tag – genießt den Waldspaziergang! Nehmt eine Gartenschere mit und schneidet ein paar Zweige. Weicht sie über Nacht in Wasser ein und stellt sie in eine Vase. Vielleicht antwortet Barbara ja.

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Wie einer lernte, dass Wasser fließt

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Wasser fließt
Nebiga

Wie einer lernte, dass Wasser fließt

Wo Wasser fließt, ist Leben, heißt es. Für ein Inselvolk bedeutet das Fließen scheinbar aber noch mehr:  Japan ist umgeben von Wasser. Salzigem Wasser.

Die Japaner jedoch danken jedes Jahr der Wassergöttin und ihren Wesen: den Schildkröten, Schlangen, Fischen – und ganz besonders ihren Lieblingen, den Drachen. Sie danken jeder Quelle, jedem Reis-Kanal, jedem Fluss und jedem Tank – für Wasser, das fließt; für Wasser, das sie trinken können.

Suijin Matsuri heißt das Fest. Einmal feiern sie es im Juni, einmal im Dezember – genauer gesagt am 1. Dezember. Heute also. Deshalb ist hinter dem ersten Fenster ein japanisches Märchen versteckt:

Der Fischer hilft einem Wasserwesen

Urashima Taro befreit die SchildkröteDer gutaussehende Fischer, Urashima Tarō, ging eines Abends den Strand entlang nach Hause. Da sah er eine Gruppe von Kindern, die eine Schildkröte drangsalierten und vor sich hertrieben.

Hey, hört sofort auf damit. Niemand sollte Tiere quälen, rief er, sobald er erkennen konnte, wie die Kinder das Tier behandelten.

Was willst du, alter Mann? Kümmere dich um deine Angelegenheiten, kam es zurück.

Weil Urashima Tarō sah, dass die Kinder die Schildkröte weiter mit Stöcken schlugen, entschloss er sich, das Tier zu kaufen. Darauf gingen die Kinder sofort ein, schnappten das Geld und liefen davon. Urashima Tarō aber trug die Schildkröte zum Meer und ließ sie frei. Er blickte ihr nach, bis sie hinter dem Horizont verschwunden war.

Zufrieden wanderte er nach Hause.

Vom Dank einer Schildkröte

Drei Tage später fuhr er wieder aufs Meer hinaus, um zu fischen.  Als er in seinem Boot saß, das Netz ausgelegt hatte und wartete, hörte er eine Stimme:

Urashima Tarō! Urashima Tarō! Hörst du mich?

Schscht, du verscheuchst mir die Fische.

Fischermann, Urashima Tarō! Sieh her?

Schscht, siehst du nicht, wie sie ins Netz schwimmen wollen?

Fischer, hör doch zu!

Oh,,, jetzt haben sie es sich überlegt…

Bedauernd beobachtete Urashima, wie ein der Schwarm Meeresbrassen das Weite suchte. Er wandte sich um, der Stimme zu und entdeckte die Schildkröte, die neben seinem Boot schwamm. War es etwa die, die er gerettet hatte?

So dankst du mir? Verscheuchst einfach die Fische!

Setz dich auf meinen Rücken. Mein Dank soll der Dank meines Herrn sein, der Dank des Watatsumi. Ich bringe dich zu ihm.

Matsuki Heikichi(1899) Urashima
By Matsuki Heikichi, aka Matsuki Tōkō (松木東江 1836 – 1 Jul 1891

Der junge Fischer war nicht nur gutaussehend, sondern auch neugierig – daher stieg er auf den Rücken des Tieres. Flugs ging es durch das Wasser; die Schildkröte tauchte sogar unter und brachte den Fischer bis zur Mitte des Meeresbodens, direkt zum Drachenpalast – zum Heim des Drachenkönigs Watatsumi.

Vom Leben im Drachenpalast

Dort empfing ihn nicht nur der König persönlich, nein, auch alle anderen Bewohner des Palastes. Unter ihnen lugte neugierig Watatsumis wunderschöne Tochter, die Drachenprinzessin Otohime, auf den Fremdling. Ein Blick nur und Urashima Tarō verliebte sich in sie.  Der König gewährte ihm die Hand des Mädchens, weil er ja ein Retter war.

Das Paar lebte drei Jahre lang ein glückliches, schönes und sorgloses Leben.

im DrachenpalastIn diesen drei Jahren sah Urashima Tarō, dass er sehr zufrieden war.

Er genoß täglich zuerst die östliche Seite des Palastes, wo Frühling, dann die südliche Seite, wo Sommer und die westliche Seite, wo Herbst und schließlich die nördliche Seite, wo Winter herrschte.

Auch erfreute er sich an den Delfinen, an den Schildkröten, an fallendem Laub und dem Glitzern der Schneeflocken. Vor allem erfreute er sich aber an seiner Frau.

Dann kam der Tag…

Eines Tages jedoch wurde er unruhig. Anfangs war es nur ein zartes Flimmern im Herzen, ein scheue Winken eines Gedankens.

Am Beginn war es leicht für ihn, das Gefühl, das ihn dabei befiel, weg zu schieben.

Je mehr Wasser floß desto heftiger wurde sein Sehnen. Aus dem scheuen Zittern wurde ein Beben. Es fühlte sich an, als würde ein Fels vom Berg ins Tal donnern: Der Gedanke setzte sich morgens in seinem Kopf fest und blieb den ganzen Tag. Er nahm seinem Herzen die Freude.

Traurig nahm er schließlich seine Frau zur Seite:

So geht es nicht weiter. Ich muss nach Hause zurück!

Warum nur? Sieh nur, wie schön wir es haben!

Das haben wir, ich liebe es, dieses Leben! Aber ich vermisse auch meine Eltern.

Wenn du gehst, wirst du mich vermissen – und ich dich.

Ich komme ja wieder, mein Herz… ein Blick nur, ein kurzer Besuch. Ich will sehen, ob es ihnen gut geht. Ich will ihnen Respekt erweisen. Dann kehre ich zurück.

Weil es wichtig ist, Eltern zu respektieren, rief Otohime schließlich ihre alte Freundin, die Schildkröte. Ihrem Mann reichte sie ein tamatebako.

Diese Schachtel soll dich begleiten. Öffne sie nicht, bringe sie geschlossen zu mir zurück, Liebster!

Die Schildkröte nahm Urashima Tarō wieder auf ihren Rücken und schwamm an Land zurück.

Wie stetig Wasser fließt

Kaum am Strand angekommen, eilte der junge Fischer in sein Dorf. Aber er erkannte dort niemanden mehr. Sein eigenes Haus fand er verfallen und unbewohnt vor.

  • Was war nur los?
  • Wo sind alle geblieben?
  • Was waren das für Leute?
  • Was ist passiert?
  • Wer nur konnte es ihm erklären?

Voller Fragen machte sich Urashima Tarō auf, die Antworten zu finden, Er befragte jene Menschen, die nun in seinem Dorf lebten. Er erkundigte sich, ob jemand von einen jungen Mann namens Urashima Tarō gehört hätte oder ihn gar kannte.

Keiner kennt Urashima Tarō

Niemand konnte sich an einen solchen Mann erinnern.

Der Fischer wunderte sich mehr und mehr. Fast schon gab er auf zu fragen, als er einen sehr alten Mann fand. Dieser Mann saß vor seinem Hausihn und als Urashima ihn fragte, nickte er bedächtig.

Ja, ja, mein Vater hat mir erzählt… Von einem Mann, einem Fischer namens Urashima Tarō.

Dein Vater?

300 Jahre später

Das ist eine dieser Geschichten, die sich früher die alten Leute gerne erzählten, wenn sie auf den Sonnenuntergang warteten. Der Großvater meines Vaters hat sie ihm erzählt… und mein Vater mir… Urashima Tarō – ja so war der Name. Ein Fischer! Ein tüchtiger Mann! Er war vor langer, langer Zeit hinausgefahren, hinaus aufs Meer – und niemals zurück gekommen.

So erfuhr Urashima Tarō, dass die Zeit vergeht, wenn Wasser fließt: Drei kurze, glückliche Jahre im Drachenpalast – und an Land waren 300 Jahre vorbeigerast.

Die Erkenntnis traf den jungen Fischer. Er rannte blind los, irgendwohin, einfach fort! Am Strand schließlich setzte er sich zum Wasser, grübelte und grübelte – und vergaß darob seine Frau, die schöne Drachenprinzessin und ihre Worte.

Ein vergessenes Tamatebako

Verwundert blickte auf das  Schächtelchen, als er es zufällig in seiner Tasche fand.

So wird Urashima gewahr, dass Wasser fließt

Urashima trauert am Strand Quelle: Bodleian Bibliothek der Universität Oxford

Was war denn das?

Neugierig öffnete er die Schachtel. In diesem Moment stieg weißer Rauch auf.

Urashima Tarō verwandelte sich; er wurde älter und älter bis sein Spiegelbild nur noch einen sehr alten Mann mit weißem Haar, langem Bart und krummen Rücken zeigte. Doch es hörte nicht auf.

Er alterte immer weiter und weiter…

Bis er starb – und zu Asche zerfiel.

Bei der nächsten Flut aber, trugen die Wellen sein Asche fort.

Erlebnistipps fürs 1. Fenster:

Zu einem Adventskalender gehört es, gemeinsame Erlebnisse zu schaffen. Deshalb gibt es in unserem Adventskalender hinter dem Fenster noch ein Fenster – das ist gefüllt mit Tipps für euch. Tipps, wie er den Tag zum Erlebnis machen könnt. Hier jetzt meine Vorschläge für den 1. Dezember:

  • Schau dir mit den Kindern noch einmal Chihiros Reise ins Zauberland an! Wer den Film nicht kennt: Auch in ihm spielt es eine Rolle, dass Wasser fließt. Der Zeichentrickfilm des japanischen Regisseurs Hayao Miyazaki hat es verdient, dass du ihn dir auch zweimal oder mehrmals anschaust: Er ist der weltweit zweiterfolgreichste japanische Film und sammelte unzählige Preise, darunter den Oscar für den besten animierten Spielfilm und den Goldenen Bär der Internationalen Filmfestspiele in Berlin.
  • Male den Drachenpalast des Königs Watatsumi mit seinen vier Jahreszeiten… auch wenn du keine Kinder hast! Es macht trotzdem Spaß!
  • Wann hast du das letzte Mal Origami ausprobiert? Ein Schächtelchen wie das von Otohime kriegst du hin! Und hör dazu Musik, die du magst – es müssen auch keine Weihnachtslieder sein 😉

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Welcher Adventskalender passt zu uns?

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Adventskalender im Fenster
Leo Nerdette

Welcher Adventskalender passt zu uns?

Adventskalender…

Oh nein! Adventkalender… so ist es richtig.

Nie und nimmer!

Und das ist erst der Anfang. Wir haben noch nicht einmal die Angebote für den diesjährigen Redaktions-Adventskalender angeschaut, schon sind wir – die Redaktion, Nebiga und ich – mitten in der Diskussion. Beide Wörter bescheren uns bei näherer Recherche eine Riesenauswahl in der Suchmaschine, aber die Tendenz neigt sich gen Adventskalender mit Fugen-s. Gemeint ist das kleine s in der Mitte.

Der Grund: „Adventskalender“ nennen Deutsche wie Schweizer jenen Kalender, an dem im Advent täglich ein Fenster/Türchen geöffnet werden darf. Nur die Österreicher fügen zwischen t und k kein s ein.

Niemals?

Na ja, bei Christkindl jedenfalls auch nicht.

Eigentlich zwängt Homo Austriacus das s immer gern dazwischen: Bei der Zugsverspätung genauso wie beim Schweinsbraten…

  • nur beim Adventkalender – da nicht.

Wie der Adventskalender sich durchsetzte

AdventskalenderWir vermuten, das hängt damit zusammen, dass Anfang des 19. Jahrhunderts die Evangelische Buchhandlung Friedrich Trümpler in Hamburg zum ersten Mal einen Adventskalender druckte. Und damit, dass der Münchner Verleger, Gerhard Lang, mit seinem 1903 gedruckten Kalender Im Lande des Christkinds als der Begründer des Adventskalenders gilt. Ein Jahr später veröffentlichte dann die Stuttgarter Zeitung einen Adventskalender – und schuf auf diese Weise ein saisonales Phänomen für den Massenmarkt.

Der Brauch, bebilderte oder später sogar mit Schokolade gefüllte Druckprodukte in den Räumen aufzuhängen, kommt demnach aus Deutschland. Er eroberte in konzentrischen Kreisen die deutschsprachigen Länder. Wer seine sprachliche Eigenständigkeit also bewahren wollte, musste den Brauch umbenamsen. Auch wenn es bedeutet, ein s weglassen zu müssen.

Zählhilfe in der Fastenzeit

Die protestantischen Haushalte waren diejenigen, die begannen, die Tage bis Weihnachten mithilfe einer Art Kalender zu zählen. Zunächst hängten die Lutheraner 24 Bilder nach einander an die Wand oder bastelten ihren Kindern Papierschächtelchen, die sie mit Plätzchen füllten.

Ein Schächtelchen, ein Plätzchen pro Tag – aber sonst mussten die Kinder in der Adventszeit genauso fasten wie die Erwachsenen.

Andere malten 24 Kreidestriche an die Tür. Die Kinder durften  täglich einen davon wegwischen.

Strohhalme dagegen waren der Katholiken Ding: Sie legten 24 Halme in die Krippe; abgezählt, damit sie täglich einen entfernen konnten. Das war etwas Besonderes, denn die Tage zur Vorweihnachtszeit waren ausgefüllt: Man schuftete sowieso von morgens bis abends, doch im Advent kam noch die Vorbereitung dazu.

Das Zählen der Tage war daher oft das einzige kurze Innehalten des Tages. Ein Moment der Vorfreude. Kinder wie Erwachsen dachten daran, wofür sie all die Mehrarbeit auf sich nahmen.

Christi Geburt – ja.

Aber in ihren Köpfen entstanden auch die Bilder von Gänsebraten, Rotkraut, von Kuchen, Klößen, Knödeln und Kekserl/Plätzchen.

Schuld waren natürlich ihre vom Fasten darbenden Bäuche. Die Gläubigen träumten wegen ihnen  davon, in sich hineinstopfen zu können, was sie die Tage schlachteten, schnitten, rührten, kochten, brieten, backten und verzierten.

Warum hält sich der Brauch heute noch?

Na ja, so alt ist er jetzt auch wieder nicht.

Das nicht, aber hast du schon mal gepinterestet? Oder bei Amazon nachgeschaut? Adventskalender sind überall! Es gibt kein Entkommen!

Bei Amazon zum Beispiel findet der Suchende die Adventskalender sogar in Rubriken eingeordnet, weil man sonst den Überblick verliert:

  • Schokolade und Süßigkeiten, einmal für Kinder und einmal für Erwachsene;
  • Beauty, natürlch mit Schönheitsprodukten für SIE und IHN,
  • Tee und Getränke
  • Gewürz- und Schlemmerkalender
  • Geschichten und Bilder für Groß und Klein
  • Erotik
  • Schmuck
  • Spielzeug
  • Alkoholische Getränke
  • Knabberkalender
  • Zum Selbstbefüllen
  • für Heimwerker

100 Jahre und wir können Adventskalender mit allem befüllt kriegen, was es so gibt.

adventskalender selbst gebastelt

Und für die Selbstbastler (Pinterest) gibt’s die Utensilien als Fülle noch in extra Rubriken dazu.

Adventskalender sind so hipp wie eh und je! Wir wollen nicht darauf verzichten, genauso wenig wie auf Weihnachten, auch wenn man selbst vielleicht gar nicht gläubig ist.

Das liegt an der Nostalgie. Wir wünschen die Harmonie herbei.

A geh! Die gibt’s eh nicht! Am meisten wird zu Weihnachten g’stritten!

Heißt es zumindest. Aber nicht im Advent, im Advent nicht! Da ist noch Ruhe.

Jeder Tag ein Erlebnis

Bei Gerhard Lang – damals – bestand der Adventskalender noch aus einem Bogen mit 24 Bildern zum Ausschneiden und einem Bogen mit 24 Feldern zum Aufkleben. Damit den Kinder die Zeit bis zum Weihnachtsabend nicht so lang wird, sollten sie jeweils ein Bild ausschneiden und in ein Feld kleben.

Und wenn sie schon dabei waren, konnten sie gleich

  • die Strohsterne basteln, die noch fehlten.
  • die Großmutter anbetteln, dass sie noch eine Geschichte erzählte.
  • den Apfelnikolo und den Zwetschenkrampus basteln.
  • die Bilder malen, die sie schenken wollten.
  • die Kekse verzieren, die Muttern buk.

Jedes Fenster, jedes Türchen barg eine Reihe von Möglichkeiten, von Erlebnissen und von Erinnerungen, die der Familie blieben. Sie waren nicht bloß Schokolade.

Sie waren gemeinsam verbrachte Zeit.

Ein Adventskalender mit Schokolade kommt für die Redaktion also nicht infrage?

Nee.

Genauso wenig wie der Pfeffer- und Salz-Kalender für Gourmets nehm‘ ich an – und auch nicht der Nagellack-Adventskalender mit 24 Trendfarben.

Richtig. Wenn du mich fragst… wir können uns eh nicht für einen gekauften entscheiden. Am besten wir machen uns den Kalender selbst!

Und wie?

Das siehst du am 1. Dezember! Hier im Blog.

Schau rein!

smiley

 

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