Alpträume der Baba Jaga
Nebiga

Warum Baba Jaga Albträume hat

Gut, dass Baba Jaga so zurückgezogen lebt! Schon vor langem ihr Hüttchen auf Hühnerbeinen noch tiefer zwischen die Bäume hineingetrieben hat. Dorthin, wo der Wald so dicht und dunkel ist, dass man die Hand vor den Augen und die Füße auf dem Weg nicht sieht.

Hätte sie nicht so früh Maߟnahmen ergriffen, müsste sich Baba Jaga jetzt gegen Anhänger wehren. Gegen „Fäns“ oder „Followers“, die in Bussen zu ihr pilgern; sie zwecks tiefsinniger Prophezeiungen löchern und Heilsalben von ihr fordern.

Sie müsste tagtäglich Menschen riechen, besonders aber an den Wochenenden. Diese stünden Schlange, um „Großmütterchen“ zu sehen.

Großmütterchen, ha!

Und Baba dürfte keinen fressen; müsste die vom verlockendem Menschenduft geblähten Nasenlöcher freundlich kräuseln und sich den Fragen widmen. Den Nerv tötenden Fragen über die Zukunft der Welt, das Liebesglück einzelner oder die Anzahl der Jahre ihrer armseligen Leben.

Als interessierten die weise Alte Nichtigkeiten wie diese… Wie ein Krieg ausgeht zum Beispiel, ob das eine Land mehr Recht hat zu siegen als das andere, wer die kommende Wahl gewinnt und wie lange voraussichtlich jemand an der Macht bleibt.

Schwesterchen Wanda aus Petrich, Bulgarien

Baba-VangaIn Petrich, Bulgarien, zum Beispiel war eine ihrer zwei Schwestern, eine der drei Babas in der Welt, tatsächlich mit der Frage nach Spielergebnissen der Nationalmannschaft konfrontiert worden: Ein Schnauben war das einzige gewesen, was der Wahrsagerin solche Dummheit wert war.

Danach hatte es gleich geheiߟen, zwei Mannschaften mit B würden es ins Finale der Weltmeisterschaft 1994 schaffen. Dass die Bulgaren dann im Viertelfinale gegen Italien verloren, entäuschte die hohen Erwartungen.

Sterbliche interpretieren, manipulieren und machen auch nicht vor Mythen und uraltem Wissen halt. Wenn aber nicht hält, was sie sich versprochen haben, fühlen sie sich von der Wahrsagerin verraten anstatt von ihren Schlussfolgerungen.

Das erwartet heute eine gute Hexe

Baba und ihr neues Haus

  • Heute hätte Baba Jaga Umsatzsteuer auszuweisen, einen eigenen Registereintrag und eine Website.
  • Vor ihrem Haus, einem, das extra für sie gebaut worden wäre, würde eine Frau Heilsalben, natürliche Kosmetikas und Fläschchen mit Kräutertinktur an Touristen und Ratsuchenden verkaufen. Diese Frau säße Tag für Tag auf der Stufe, ohne im Geringsten zu ahnen, wie ihr Menschenduft den Appetit der ach so liebenswürdigen, harmlosen, alten Kräutersammlerin im Haus anregt.

Liebenswürdig? Harmlos? Blind sind sie, die Menschen! Viel blinder als die Babas selbst.

Die meisten Menschen erkennen nicht, wer Baba Jaga tatsächlich ist, bemerken die Totenschädel mit den glühenden Augen in ihrem Garten nicht, obwohl diese Tag und Nacht leuchten.

Ach, die Ahnungslosen!

  • Auf Youtube-Videos würden Vorhersagen, die angeblich von ihr stammen, im Wortlaut weiterverbreitet, kommentiert und zur Auslegung der vielgerühmten Schwarmintelligenz vorgelegt.
  • Sie müsste ungezählten Selfies beiwohnen, die dann mithilfe von Suchmaschinen weltweit aufzufinden sind.
  • Ihre Lebensgeschichte hätten geschäftstüchtige Männer verfilmt. Im Fernsehen würden Politiker mit ihr auftreten. Hitler war angeblich bei Baba Wanda gewesen – und Todor Schivkov, lange Jahre Diktator Bulgariens, zählte zu den „Stammkunden“.

Aufdringlicher, hinterlistiger, verbissener Mann!

Kein Wunder, dass Schwesterchen Wanda sich zum Sterben hingelegt und ihre Seele lieber nach Frankreich geschickt hatte. Sie wußte, dort würde einmal ein Kind geboren, blind, wissend, eigenartig – eine alte Seele.

Wer Baba Jaga heute sucht…

Baba Jagas NachtWer 2017 Baba Jaga um Rat fragen will, muss in die Stille gehen. Das Smartphone ausschalten. Es kann den Weg sowieso nicht leuchten.

Wer sie sucht, muss sich jeden Schritt in Dunkelheit ertasten. Die Weise hat sich rar gemacht, dreht ihr Hüttchen nur noch, wenn es dreimal klopft: von der Liebe, von der Seele – und vom Tod. Der Weg zu Baba Jaga ist also beschwerlich, sie duldet keine Ablenkung.

Und es ist der Alten egal, ob es gefällt oder nicht. Bei ihr gibt es sowieso keinen Empfang.

Titelbild von Viktor Vasnetsov

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Nebiga

Auf der Suche nach Finist Hellfalke (III)

Hütte_der_Baba_Jaga_russ_BilderbuchSie geht durch Urwald, sie schreitet über Baumstümpfe und Klötze. Schon nutzen sich die Eisenschuhe ab, ein Krückstock ist zerbrochen, ein Opferbrot ist verschluckt, doch das Mädchen wandert immerzu und läuft, und der Wald wird immer schwärzer, immer dichter. Plötzlich sieht sie eine Hütte auf Hühnerbeinen, die sich unaufhörlich dreht.

Das Mädchen spricht: „Hüttlein, Hüttlein! Stelle dich mit dem Rücken zum Wald, mit der Vorderseite zu mir!“ Die Hütte dreht sich mit der Vorderseite zu ihr. Sie stieg hinein und darin lag die Baba-Jaga, von einem Winkel in den andern, die Lippen im Bett, die Nase nach der Zimmerdecke.

„Fu, fu, fu! Früher hätte ich den Hauch eines Russen nicht mit den Augen sehen, mit den Ohren nicht hören können; aber heute wandert der russische Atem in der weiten Welt umher, zeigt sich dem Gesicht und steigt in die Nase. Wohin des Weges, schönes Mädchen? Kommst du in Schweiß oder mit Fleiß?“

„Großmütterchen, bei mir war Finist Hellfalke mit den bunten Federn. Meine Schwestern taten ihm Böses. Ich suche immerfort den Finist Hellfalke.“

„Da kannst du lange laufen, mein Kindchen! Da musst du noch dreimal neun Länder durchwandern. Finist Hellfalke mit den bunten Federn wohnt im dreimal neunten Zarenreich, im dreimal zehnten Reich und hat sich schon um eine Zarentochter beworben.“

Die Baba-Jaga gab dem schönen Mädchen zu essen und zu trinken und legte es schlafen. Doch am Morgen, als das Licht eben zu flimmern anfing, weckte sie es.

Sie gab der Schönen Geschenke, einen silbernen Schemel und eine goldene Spindel, und sprach: „Nun zieh zu meiner mittleren Schwester, sie wird dich gut belehren. Nimm dann noch meine Geschenke, den silbernen Schemel und die goldene Spindel. Fängst du an, den Flachs zu spinnen, so wird der goldene Faden sich ausziehen. Wenn du das dreimal neunte Zarenreich, in das dreimal zehnte Herrenreich kommst, bis an das blaue Meer, so wird die Braut des Finist Hellfalke ans Ufer lustwandeln kommen. Du aber spinn‘. Die Zarentochter wird dir mein Geschenk abkaufen wollen. Nimm ihr nichts ab; nur bitte sie, Finist Hellfalke einmal sehen zu dürfen.“

schafwolleDarauf nahm die Jaga einen Wollknäuel, warf es auf den Weg und hieß das Mädchen ihm zu folgen. „Wohin das Knäuelchen läuft, dahin nimm auch du deinen Weg!“ Das Mädchen dankte der Alten und ging hinter dem Knäuel hinterher.

Wieder ging das Mädchen durch den dunklen Wald, weiter, immer weiter, und der Wald wird immer schwärzer und dichter: mit den Wipfeln ragt  er bis in den Himmel hinein. Über kurz oder lang nutzten sich die zweiten Eisenschuhe ab, der zweite Krückstock ist zerbrochen, dazu ist das steinharte Opferbrot verzehrt. Schließlich rollt das Knäuelchen zu einer Hütte.

Fu, fu, fu, früher hätt‘ ich

Die Hütte steht vor dem Mädchen auf Hühnerbeinen und dreht sich unaufhörlich.

Das schöne Mädchen spricht: „Hüttelein, Hüttelein! Dreh dich zum Wald mit dem Rücken, zu mir mit der Vorderseite. Ich will in dich hineinklettern, um Brot zu essen.“

Die Hütte hörte darauf, drehte sich mit der Rückseite zum Wald, mit der Vorderseite aber zu dem Mädchen. Sie klettert hinein, und auf dem Ofen liegt auf neun Ziegelsteinen die Baba-Jaga mit dem knöchernen Fuß, die Lippen im Bett, die Nase gegen die Zimmerdecke gestreckt.

„Fu, fu,fu, früher hätte ich den Hauch eines Russen mit den Augen nicht wahrnehmen, mit den Ohren nicht bemerken können, aber heute wandert der russische Atem in der weiten Welt umher, zeigt sich dem Gesicht und steigt in die Nase. Wohin des Wegs, schönes Mädchen? Kommst du in Schweiß oder mit Fleiß?“

Antwortet das Mädchen: „Großmütterchen, bei mir war Finist Hellfalke mit den bunten Federn. Meine Schwestern taten ihm Böses an. Nun suche ich immerzu Finist Hellfalke.“

„Oh, Mädchen, Mädchen, schon will sich dein Finist vermählen! Heute ist der Brautführer bei ihnen“, sagte die Baba-Jaga. Sie gab dem Mädchen zu essen und zu trinken und legte es schlafen. Aber am Morgen, noch war die Sonne nicht einmal aufgegangen, weckte sie es und gab der Schönen ein gutes Geschenk: eine silberne Schüssel und ein goldenes Ei. Dann sagte sie: „Nun wandere zu meiner ältesten Schwester, sie wird dich gut belehren. Nimm mein Geschenk, das silberne Schüsselchen und das goldene Ei. Wenn du in das dreimal neunte Zarenreich, in das dreimal zehnte Herrenreich kommst, an das Ufer des blauen Meeres, wird die Braut des Finist Hellfalke herauskommen und am Strand lustwandeln. Du aber rolle das Ei nach der Schüssel. Die Zarentochter wird dir mein Geschenk abkaufen wollen. Doch du darfst ihr nichts abverlangen, sondern bitte nur, Finist Hellfalke mit den bunten Federn einmal anschauen zu dürfen.“

Das Mädchen dankte der Alten, seufzte und ging wieder hinter ihrem Knäuel einher.

Wieder wanderte das schöne Mädchen weiter durch den dunkeln Wald, immer weiter. Und der Wald wird immer schwärzer und dichter, bis in den Himmel ragt er mit seinen Wipfeln. Über kurz oder lang ist das dritte Paar Schuhe abgetragen, der dritte Stab zerbrochen, das letzte Weihbrot verschlungen. Schließlich lief das Knäuelchen zu einer Hütte. Die steht vor dem Mädchen auf den Hühnerbeinen, dreht sich unaufhörlich.

Ruft das Mädchen: „Hüttlein, Hüttlein! Dreh dich mit dem Rücken zum Wald , mit der Vorderseite zu mir. Ich will in dich hineinklettern, um Brot zu essen.“

Die Hütte gehorchte und drehte sich mit dem Rücken zum Wald, aber mit der Vorderseite zu dem schönen Mädchen. In der Hütte lag wieder eine Baba-Jaga mit dem knöchernen Fuß, von allen dreien die älteste.

„Fu, fu, fu! Früher hätte ich den Hauch eines Russen mit den Augen nicht schauen, mit den Ohren nicht bemerken können; aber heute wandert der russische Atem in der weiten Welt umher, zeigt sich dem Gesicht und steigt in die Nase. Wohin des Wegs, schönes Mädchen? Kommst du in Schweiß oder mit Fleiß?“

Antwortet das schöne Mädchen: „Bei mir war Finist Hellfalke mit den bunten Federn, Großmütterchen. Meine Schwestern taten in Böses an. Da flog er von mir, weit  fort über das ferne Meer, hinter die hohen Berge, in das dreimal neunte Zarenreich, in das dreimal zehnte Herrenreich. Immerfort suche ich Finist Hellfalke.

„Ach, Mädchen, Mädchen, dein armes Köpfchen! Schon vermählt er sich im Zarenreich“, sagte die Baba Jaga. Sie gab dem Mädchen zu essen und zu trinken und legte es schlafen. Aber am Morgen, noch waren die Sterne am Himmel nicht erloschen, weckte sie es und gab der Schönen ein gutes Geschenk: einen goldenen Stickrahmen und eine Nadel. Dann sprach sie:  „Viel Zeit hast du nicht mehr. Spute dich! Hier hast du ein Geschenk von mir, einen goldenen Stickrahmen und eine Nadel. Du brauchst nur den Rahmen zu halten, dann steht die Nadeln von selbst. Bist du im dreimal neunten Zarenreich, inm dreimal zehnten Herremreich, so setze dich an das blaue Meer, die Zarentochter, mit der sich Finist Hellfalke vermählt hat, wird zu dir herauskommen und wird dir den Stickrahmen und die Nadel abkaufen wollen. Doch du, meine Schöne, verlange ihr nichts ab, sondern bitte nur, Finist Hellfalke mit den bunten Federn einmal anschauen zu dürfen.“

Das Mädchen dankte der Alten und ging hinter ihrem Knäuel einher. Dam Zieler Wald wurde immer lichter und lichter. Da breitete sich plötzlich das blaue Meer frei und schrankenlos vor ihr aus, und dort in der Ferne erkannte sie die goldenen Giebel des hohen weißsteinigen Palasts.

Nacherzählt aus: Russische Märchen. Nach den Einzelausgaben der Kaiserlichen Druckerei in St. Petersburg aus den Jahren 1901-03, ed. Dr. Martin Löpelmann. Deutsche Buchgemeinschaft Berlin.