Saftige Äpfel von einer Hexe
Nebiga

Was will die Hexe im Apfelbaum?

Es war einmal auf der Landstraße zwischen Reichenberg und Gablonz ein Apfelbaum. Der war alt und ließ seine Äste hängen; seine Äpfel machten auch nichts mehr her. Sie waren sauer und ihre Schale hart. Niemand wollte sich an denen die Zähne ausbeißen.

Einmal aber reiften plötzlich saftige, rotbackige Äpfel heran. Sie leuchteten schon von weitem, so dass euch das Wasser im Munde zusammengelaufen wäre, wenn ihr nur damals schon auf der Welt und dort vorbeigekommen wäret. So aber staunte ein Tuchweber und schaute sich das näher an.

Wenn einer nicht widerstehen kann

Hexe im ApfelbaumEi, wie sehr wollte er in einen Apfel hineinbeißen; sich den Saft übers Kinn rinnen lassen. Er konnte nur keinen erreichen. Denn auf den unteren Ästen baumelten keine Früchte – nur dort droben, ganz hoch.

Der Tuchweber entschied sich zu klettern.

Er schwang sich auf einen Ast des Apfelbaums, dann auf den nächsten und dann noch auf einen anderen. Schließlich griff er sich einen Apfel. Schon wollte er hineinbeißen, stellte sich vor, wie er schmecken würde  –

Zinn Zinnoberrot! Was fällt dir ein! Stiehlst mir meine Äpfel, du!

Der Tuchweber fuhr zusammen, als er ein altes Weiblein im Baum hocken sah.

Die Apfelhexe!

hexe am flugSchnell wollte er vom Apfelbaum springen. Denn er hatte schon viel zu viel von ihr gehört:

  • Da war Hans, der Hundefänger, den sie drei Tage in einem Weidenkorb eingesperrt,
  • dann Theodor, der Taschendieb, dem sie die Diebesbeute gestohlen
  • und schließlich Käthe, die Kupplerin, der sie die Nase langgezogen hatte.

Kein Wunder, dass der Tuchweber sich so schnell wie möglich davonmachen wollte. Nur klappte es nicht; er hing nämlich fest!

Die Hexe im Apfelbaum kicherte.

So schnell kommst du mir nicht davon! Zuerst musst du mir die Zeit vertreiben. Erzähl‘ mir eine Geschichte!

Der Tuchweber wunderte sich, wie billig er davonkommen sollte. Er wusste viele Geschichten, war er doch als Handwerksbursch gereist.

Ihr wisst ja –  wer eine Reise tut…

Deshalb wusste der Geschichten… Geschichten… zum Beispiel von der Nachbarin, die den Nagel immer auf den Kopf getroffen hatte. Wie sie dem Handwerksburschen des Tischlermeisters über Nacht gezeigt hat, wie man ein Boot baut. Mit dem sie dann fortsegelt.

Dieses Ende gefiel der Apfelhexe. Sie riss einen Apfel vom Ast ab und gab ihn dem Tuchweber. Kaum hat der einen Bissen davon gekaut und runtergeschluckt, war der Hunger weg. Zum Essen blieb ihm aber auch gar keine Zeit.

Erzähl weiter!

Also erzählte der Mann:

Von der gefräßigen Raupe, die den Obstgarten vertrocknen ließ. Sie entschied sich vor lauter Appetit dazu, sich nicht zu verpuppen und kein Schmetterling zu werden; sie wollte lieber einfach in Nachbarsgarten weiterfressen.

Diese Geschichte mochte die Hexe nicht so. Sie fuhr dem Tuchweber mit ihren scharfen Nägeln übers Gesicht. Das tat weh – doch schon musste er weiter erzählen, weiter und weiter: Den ganzen Tag über redete der Weber. Erzählen musste er – alles von den Leuten im Dorf und den Dörfern ringsum – alles, was er wusste. Wenn es der Hexe gefiel, lobte sie und gab ihm einen Apfel. Aber wehe, wenn nicht. Dann setzte sie ihre Nägel ein.

Als es tiefe Nacht war, sagte sie:

Jetzt denk‘ nach! Morgen will ich Bess’res hören. Wenn nicht, ergeht es dir schlecht!

So grübelte der Weber die ganze Nacht. Kein Auge hat er zugetan. Was nur, was, gab es noch, das der Hexe gefallen könnte? Er wälzte Ideen… waren sie gut genug? Würden sie der Hexe gefallen? Ja, er dachte dort oben im Apfelbaum so lange nach, dass er am Morgen heiser und sein Kopf leer war. Völlig leer.

Dummer Tor

schimpfte die Hexe und warf ihn vom Baum. Der Tuchweber brach sich einen Arm und ein Bein dabei und humpelte davon. Froh, so glimpflich davongekommen zu sein.

Im Apfelbaum versammelt sind…

Kurz danach lief einem Fassbinder das Wasser im Munde zusammen, als er am Apfelbaum vorbeikam. Er kletterte in die Krone. Doch war er maulfaul. Das munkelte man zwar schon länger im Dorf, aber nun erwies es sich: Er konnte den Apfel nicht bezahlen – und so flog er in einem so hohen Bogen aus dem Geäst, dass er alle seine Glieder zusammenklauben musste.

Der nächste war der Dorfpolizist. Auch er konnte dem Lockruf der Äpfel nicht widerstehen! Ihm fielen einige Geschichten ein:

  • von seiner Jagd auf einen Zirkusfloh zum Beispiel. Wie sich der im Hemd der Bürgermeisterin versteckt hat.
  • von der wandernden Vogelscheuche, die sich die Felder aussuchen konnte und dementsprechend heikel war
  • vom Taschendieb auf dem Jahrmarkt von Reichenberg. Der hatte einen Knopf in den Klingelbeutel geworfen.

Dann aber war Schluss. Der Dorfpolizist wusste nichts mehr zu erzählen. Sofort plumpste er vom Baum. Just in diesem Moment kam ein Heuwagen vorbei, sodass er weich fiel. Vielleicht deshalb, weil die Hexe bei allen seinen Geschichten lachen musste.

Von einer, die alles weiß

Der Schneider war der nächste. Er erzählte

  • von der dummen Augustine, die so gerne Königin werden wollte,
  • vom kleinen Ferkel, dem die fünfjährige Tine tanzen lehrte,
  • von der Schustermeisterin, die Pferden Schuhe anpasste.

Am Ende jeder Geschichte wiegte er den Kopf:

So ist es wirklich passiert. So  hat es mir meine Frau, die Schneidermeisterin, erzählt.

Schließlich wurde es der Apfelhexe zu bunt:

Alles hast du von deiner Frau gehört. Wie’s scheint, ist die viel klüger als du!

Was kann man sagen, wenn etwas wahr ist.

Viel klüger! Die weiß alles besser. Weiß, was landauf, landab vor sich geht!

Schick sie her! Sie soll mir die Zeit vertrieben!

Als der Schneider am Abend nach Hause kam, ging sofort ein Donnerwetter auf ihn nieder.

Jetzt erst kommst du? Wo hast du dich herumgetrieben? Immer muss ich alles alleine machen…

War das ein Gezänk und Geschrei! Erst nach einer Weile, in einer klitzekleinen Verschnaufpause, kam der Schneider dazu vom Apfelbaum zu erzählen.

Der trägt Früchte, die sind so süß und saftig, dass du dich nicht satt essen kannst!

eine Schüssel voll ÄpfelMehr brauchte die Schneidermeisterin nicht zu wissen! Äpfel waren ihr Lieblingsobst – und sie wollte einen Apfelstrudel backen. Sie forderte ihren Mann auf, ihr den Baum zu zeigen.

Sich zu zieren, half nichts. Der Schneider musste mit ihr zum Baum gehen. Dort ließ er seiner Gattin galant den Vortritt.

Kaum war die Schneidermeisterin im Geäst, stürzte sie sich auf einen der Äpfel. Ihr wisst ja, wie das ausgeht…

Mehr als wir Anderen wusste die Schneidermeisterin aber auch nicht. Dafür hatte sie allerdings das loseste Mundwerk zwischen dem Jeschken- und Isargebirge. Sie  klatschte d‘rauflos und hört auch heute noch nicht damit auf.

Die Hexe kletterte hurtigst vom Baum herunter. Solch ein Gewäsch hatte sie noch nie vernommen! Die Ohren klangen ihr noch wochenlang davon.

Im Apfelbaum droben blieb die Schneidermeisterin allein hocken. Sie wartet auf jemanden, der sie da runterholt. Weil die Äpfel aber wieder verschrumpelt sind, kümmert sich keiner mehr um den Apfelbaum zwischen Reichenberg und Gablonz.

Und so kommt es wie es kommen muss: Wenn die Schneidermeisterin noch nicht gestorben ist, dann hockt sie noch heute da oben.

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Der einzig wahre Apfelstrudel
Tipp

Rezept: Der einzig wahre, der echteste aller Apfelstrudel

Was in der kaiserlich, königlichen (k. und k.) Monarchie der Habsburger wirklich jeder wusste, heute aber gern verdrängt wird: Der Apfelstrudel kommt eigentlich nicht aus Österreich. Wie viele der als typisch österreichisch angesehenen Mehlspeisen! Der Apfelstrudel kommt von ganz woanders:

Damals, als Tschechien noch zur Habsburger Monarchie gehörte und die Amtssprache Deutsch war, zogen viele böhmische Frauen nach Wien, mit ihren Männern oder allein, um in der Hauptstadt zu arbeiten. Sie verdingten sich dort als Köchinnen, Dienstmägde, Hausmädchen oder in den zahlreichen Fabriken der Stadt.

Das Erbe, das diese tüchtigen Frauen den Wienern hinterlassen haben, sind die zahlreichen Mehlspeisrezepte, für die die österreichischen Küche heute so berühmt ist.

Dazu gehört neben der Palatschinke auch der allseits bekannte – der Altwiener

Apfelstrudel, der Kaiser unter den Strudeln

Auf eure Frage hin habe ich mich hingesetzt und notiert, was in Wien jeder weiß: Das Rezept des Altwiener Apfelstrudel für 6-8 Portionen. Damit ihr in Zukunft einen wahren Apfelstrudel erkennt.

Probiert und genießt!

Zutaten für den selbstgezogenen Strudelteig

  • 200 g Mehl, glatt (Type 480)
  • 1/8 l Wasser, lauwarm
  • EL Öl
  • eventuell 1 Ei
  • Prise Salz
  • Mehl zum Stauben
  • Butter zum Bestreichen
  • Öl zum Bestreichen

Mehl kegelartig auf Arbeitsfläche häufen, oben einen Krater bilden.

Salz, Öl, (Ei) und nach und nach Wasser beigeben.

Alle Zutaten zu einem glatten Teig kneten. Teig dünn mit Öl bestreichen und zugedeckt ca. eine halbe Stunde rasten lassen.

Ein Tuch mit Mehl stauben, Teig ebenfalls mit Mehl anstauben und mit dem Nudelholz gleichmäßig ausrollen. Mit flüssiger Butter bestreichen, zugedeckt einige Minuten rasten lassen.

Den Teig mit dem Handrücken hauchdünn und gleichmäßig ausziehen, dabei beide Hände verwenden.

Zutaten für die Fülle

  • 1,5 kg säuerliche Äpfel z. B. Boskop (geschält und entkernt)
  • 20 g Sauerrahm (oder geschlagene Sahne)
  • 80 g gehackte Walnüsse
  • 150 g Kristallzucker
  • 150 g Semmelbrösel (Paniermehl)
  • 80 g Butter
  • 1 KL Zimt
  • 1 EL Vanillezucker
  • 2 EL Rum

Äpfel vierteln, in 3 mm dicke Scheiben schneiden.

Butter in Pfanne erhitzen, Semmelbrösel beigegeben, goldbraun rösten, kalt stellen.

Äpfel mit Kristall und Vanillezucker sowie Zimt, Rom und Rosinen vermengen.

Strudelteig anrollen, mit flüssiger Butter bestreichen, dünn auf bemehlten Tuch ausziehen, Ränder abschneiden. Strudelteig mit Bröselgemisch bestreuen, Äpfel darauf gruppieren, Walnüsse darüber streuen und mit Sauerrahm (Sahne) einstreichen.

Zum Schluss straff einrollen und die Enden schließen.

Auf ein gebuttertes des Backblech legen, nochmals kräftig mit flüssiger Butter bestreichen, im vorgeheizten Backofen braun backen (Backrohr Temperatur: 220 °C, Backdauer: ca. 40 min)

Mit Staubzucker bestreut, warm oder kalt servieren.

Tipp zum Ausziehen des Teigs:

1, 2, 3  – keine Hexerei: Am leichtesten lässt sich Strudelteig ausziehen, indem man ihn

  1. auf ein bemehltes Tuch mittels Nudelholz fingerdick  ausrollt,
  2. 5 min zugedeckt rasten lässt
  3. mit flüssiger Butter kräftig bestreicht

Anschließend lässt sich der Teig wunderbar ziehen.

Statt Äpfel lassen sich auch andere Obstsorten, zum Beispiel ihre Zwetschken, Trauben oder Birnen  verarbeiten. Ein Rhabarber-Strudel ist übrigens auch etwas ganz Besonderes. Ach – das Schlagobers, das sollte nicht fehlen!

Hinweis für Freunde der Vanillesoß‘: Fußbad kriegt der Strudel keins!!! 😉

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