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Am Tag der Toten tanze mit Freunden!

Tag der Toten in Huaquetchula

Warum ich lieber den Tag der Toten feiere als Allerheiligen? Die Ursache liegt in Huaquechula, auf dem Friedhof eines Städtchens  im Bundesstaat Puebla, Zentralmexiko. Seit 2015.

Im April 2015 ist ein Freund gestorben. Seine Familie bestattete ihn auf dem Friedhof in Huaquechula. Wir – seine Freunde – waren nicht dabei: Deshalb trafen wir uns an einem frühen Sonntagmorgen im Eisenbahnmuseum der Stadt Puebla; aßen Tamales mit Anis, das Gericht für Begräbnisse und tranken Kaffee zu Marriachi-Klängen. Wir feierten, wie er es sich gewünscht hatte. Jeder verabschiedete sich von ihm auf seine Weise: Einige weinten, andere sprachen ein paar Worte. Als die Sonne die Dächer der alten Lokomotiven zum Glitzern brachte, trennten wir uns.

Wie oft danach dachte ich noch an ihn?

Manchmal – wie beim Streik der Lokomotivführer – huschte der Freund durch meine Gedanken. Züge haben ihn fasziniert, obwohl er aus einem Land kam, das nur noch wenige hatte. Einmal tauchte ein Foto auf, eines, das in meinem Chaos zwischen die Papiere gerutscht war.

Für sein Kreuzworträtsel, das posthum publiziert wurde, konnte ein Gewinner ausgelost werden. Sonst aber dachte ich kaum an ihn: Alltag lässt nicht viel Zeit zum Trauern. Manchmal zuckte ich zusammen, war mir plötzlich bewusst, dass ich ihn vermisse. Doch ich hielt kaum inne, machte lieber dort weiter, wo ich mich selbst unterbrochen hatte…

Huaquechula ist eigentlich noch immer ein Dorf; eines, das sich durch wenig auszeichnet: Der Bürgermeister erwähnt hauptsächlich Landwirtschaft, etwas Kunsthandwerk und übers Jahr hindurch eher wenig Tourismus. Das Beeindruckenste ist das Kloster aus dem 16. Jahrhundert und die Kirche. Ein paar Fundstücke des aztekischen Kalenders ziehen auch noch ein paar Touristen an.

Ein Freund entschwindet im Nebel, entfernt sich mehr und mehr von den Beschäftigten, den Lebenden. Und ich sah untätig dabei zu, wie er seinen Platz in meinem Leben zu verlieren begann. Schritt für Schritt, Tag für Tag.

Bis im Oktober die Einladung kam.

Aus Huaquechula, der kleinen Stadt im Osten des Bundesstaates Puebla.

Ein Städtchen harrt der Touristen

Huaquechula ist eigentlich noch immer ein Dorf; eines, das sich durch wenig auszeichnet: Der Bürgermeister erwähnt hauptsächlich Landwirtschaft, etwas Kunsthandwerk und übers Jahr hindurch eher wenig Tourismus. Das Beeindruckenste ist das Kloster aus dem 16. Jahrhundert und die Kirche. Ein paar Fundstücke des aztekischen Kalenders ziehen auch noch ein paar Touristen an.

Die meisten Häuser sind lehmverputzt und schlicht. Meist gibt es kein fließendes Wasser und nur eine „gute Stube“. Um diese herum zwängen sich ein oder zwei kleinere Räume zum Schlafen für oft fünf, zehn und mehr Bewohner. Dahinter liegt ein betonierter Hof, vollgestellt mit  Geräten und Müll. Die kleinen Holztüren schliessen nicht gut, bleiben deshalb Tag und Nacht geöffnet.

Man besucht sich, tauscht Neuigkeiten aus, handelt um den Preis der tamales und bringt Milch, Wassereis und Melonen – je nach Bedarf.

Huaquechula unterscheidet sich in nichts von den Nachbardörfern. Wie in diesen verklebt im Dezember der staubige Wind die Augen und im August ächzen die Achsen der Autos, wenn sie in den von den Regengüssen ausgewaschenen Löchern der Straßen einbrechen. Wenn es denn Straßen sind und nicht überschwemmte Erdwege.

Trotzdem pilgern vom 28. Oktober bis zum 2. November jedes Jahr Tausende in die kleine Stadt – Touristen genauso wie Mexikaner. Sie kommen zum Día de los Muertos, dem Tag der Toten.

Nach altmexikanischem Glauben kommen die Toten einmal im Jahr zum Ende der Erntezeit zu Besuch und feiern gemeinsam mit den Lebenden ein fröhliches Wiedersehen mit Musik, Tanz und gutem Essen. Dafür ist Mexiko weltberühmt: Es ist das Land, wo die Verstorbenen ein Fest mit den Lebenden feiern. Der Tod mitten im Leben steht. Überall schmücken bunte Altäre die Städte: mit der Catrina, der scheinheilig noblen Dame zum Beispiel, mit Skeletten, die Berufe haben – Schuster, Mariachis, Scherenschleifern, mit Blumen und Opfergaben.

Tag der Toten Altar 2017

Foto von Cornelia D. Cohrs 2017

Das besondere Fest zum Tag der Toten

„In Huaquechula aber“, erzählte Ramon (36), der jüngste Bruder meines Freundes, „gibt es eine andere Tradition: Im Jahr des Todes richten die Familien einen besonderes Fest für den Toten aus.“

Ramon bittet daher alle zum Fest, alle die dem Verstorbenen verbunden waren. Sogar Passanten seien herzlich willkommen mitzubeten, zu feiern und zu schmausen.

„Fahr bitte früh los“, bat er noch, „wir brauchen dich zum Vorbereiten!“

So folgte ich bereits am ersten November um 5.30 Uhr morgens der schnurgeraden Straße mitten auf den zocalo, den Hauptplatz des Dorfes. Die ersten Dorfbewohner bauten bereits Marktstände auf. Schichteten gebeizte, hauchdünne Scheiben Rindfleisch (cecina) zu Türmen, spannten Plastikplanen, um sich und die Besucher vor der Sonne zu schützen. Sie reihten Totenköpfe aus Zucker (calavera) aneinander, heizten Öfchen, kochten Mais. Man erwartete den Ansturm gelassen. Gewillt, alles zu bieten, was die Besucher wünschten.

Blumenpfad für einen Freund

cempachulil als WegDie Straße, wo Ramons Haus steht, hat keinen Namen, aber ich sollte in die zweite Gasse hinter dem zocalo nach links abbiegen, dort drei Bremsschwellen – kurz topes – passieren, dann wäre ich schon vor dem Haus.

Ein Weg aus Blumen führte zur Tür. Schloss war keines zu sehen.

Ich trat ein – und prallte fast in Ines, die Mutter meines Freundes.

Sie kam mir in ihrer Schürze entgegen, hielt einen grossen Tontopf in Händen. Wortlos lächelnd reichte sie mir einen der gigantischen Henkel und gemeinsam trugen wir den Topf in den Hof.

Dort schoben zwei primos, Cousins, die Tische zurecht, ihre Frauen warteten mit den Plastiktischtüchern, um sie darauf zu breiten. Drei Reihen Tische zu je zehn Stühlen hatte die Familie zusammengeschnorrt.

Ines und ich stellten schweigend den Topf auf den Gasherd, um die Schokoladen-Sauce – die mole Poblano aufzuwärmen; fügten gekochte Hühnerstücke hinzu  und ließen alles bei kleinster Flamme vor sich hin brodeln. Daneben stand ein riesiger Topf mit rotem Reis. „Schön, dass du da bist“, sagte Ines und umarmte mich.

Sie liess mir aber nicht viel Zeit, scheuchte mich in den zentralen Raum, das Wohnzimmer.

„Hilf drinnen“, sagte sie, „es gibt noch viel zu tun.“

Ofrenda: Wo die Toten sich laben

Blumen auf Huaquechulas AltarNichts hatte mich auf das Folgende vorbereitet: Der Gabentisch für den Freund bedeckte eine komplette Wand. Drei  Tische unterschiedlicher Größe hatten die Brüder übereinander gestellt. Wochenlang hatten die Frauen gebastelt, Stoffe ausgesucht und schließlich alles mit weissem Organza kunstvoll verkleidet. Ein weißer Altar.

Keine Taufe, keine Hochzeit!

Erinnerung an einen toten Freund.

In Mexiko dominieren üblicherweise die Farben Schwarz, Violett und Orange am Totentag, am dia de los muertos. Nicht so in Huaquechula: Dicke weiße Gladiolensträuße geben die Farbe vor – damit wird nicht experimentiert!

So will es die Tradition.

Ramon stand auf einem Stuhl. Er balancierte einen Engel vorsichtig auf die rechte Seite des Gabentischs. Es war nicht der erste Engel und sollte auch nicht der letzte sein. Aus den Kartons in der Mitte des Raumes packte eine der Schwägerinnen noch zwei weitere aus. Die drei Kinder reichten ihrem Vater die Tonengeln. Auch das pan de muertos, Totenbrot.

Die Gaben strebten auf die Spitze einer Pyramide zu, hin zum Kruzifix. Darum herum wirbelten helfende Hände, dekorierten den Mittelpunkt, der für die Woche im Haus bestimmen sollte: mit Kerzenständern auf dem Boden, Blumenschmuck auf jeder Seite, kleinen Schüsseln mit dem Lieblingsessen des Verstorbenen. Die Ränder der Tische umrahmten sie mit Scherenschnitt-Papier.

Ich blieb an der Tür stehen, starrte auf die beiden Fotos meines Freundes, die in der Mitte prangten, und staunte stumm.

Was hätte er dazu gesagt?

Einmal noch richtig verwöhnen…

„Das Wohlergehen einer Kultur wird daran gemessen, wie man mit seinen Toten umgeht“, meint Constantin von Barloewen, Professor für Anthropologie und vergleichende Kulturwissenschaft. Das Wohlergehen hänge aber davon ab, wie sehr der Tod im Leben der Menschen integriert sei.

In der abendländischen Kultur hätte man den Tod verdrängt, ihn zur „absurden Figur“ gemacht, kritisiert der Forscher. Die Menschen würden dem Tod mit Gleichgültigkeit und sozialer Kälte begegnen.

In Mexiko kämpft der Tag der Toten gegen zwei Konkurrenzveranstaltungen: Allerheiligen und Halloween. 2008 hat ihn die Unesco zum Weltkulturerbe ernannt. Für viele noch mehr Anreiz der aztekischen Integration der Toten zu folgen.

Für von Barloewen eine durchaus gesunde Einstellung: Denn was verdrängt wird, kehrt in einer anderen Form wieder. Trifft härter, wenn man damit schliesslich doch mit dem Tod konfrontiert wird.

Zur Trauer gehöre es, Zeit, Gedanken und Erinnerungen mit dem Toten zu teilen, ihm Raum im Leben zu geben. „Wer diese Tatsache ignoriert, so der Anthropologe, „muss irgendwann erkennen, dass sich der Tod nicht leugnen lässt.“

„Ohne Tod gibt es kein Leben und ohne Leben keinen Tod“, betont er mit der ganzen Überzeugungskraft des Wissenschafters.

Ramon und seine Familie sehen das so:

„Unsere Ahnen haben die Altäre schon so dekoriert und wir folgen ihnen,“ erklärte Ines, als sie Weihrauch und Kobalt neben eines der Fotos stellte.

„Ausserdem gefällt mir der Gedanke, ihn so richtig zu verwöhnen.“

Mit „ihn“ meinte sie den toten Freund.

Feiern kannst du nur tot

diadelosmuertos-057„Kümmere dich um die calaveras,“ wies mich Ramon an. Totenköpfe aus Zucker stapelten sich in einer Schachtel vor mir – in allen Größen und mit bunten Verzierungen. Ich schichtete sie nach Anweisung auf einen der kleinen Nebentische.

„Schreib deinen Namen auf einen!“

calaveras symbolisieren die Lebenden beim Totenfest: „Nur wenn ein Schädel deinen Namen auf der Stirn  trägt, kannst du mitfeiern,“

Tatsächlich hätte das Fest schon zum Frühstück beginnen können: An Zuckerstirnen prangten bereits die Namen aller, von Freunden, von Ines, Ramon, den Kindern und anderen Familienmitgliedern.

Die Kartons waren weggeräumt; vor dem Altar prangte ein grosses Kreuz aus den Blütenblättern der cempasuchitl, der intensiv duftenden Totenblume. Eines der Kinder streute noch mehr Blütenblätter auf die Straße. Sie dienten als Wegweiser. Tote riechen besser, als sie sehen können. Am Friedhofstor endete der Blumenpfad.

Der Freund musste doch auch zu seinem Fest finden.

Dennoch warteten wir mit dem Feiern bis zum Abend.

Die Familie war pausenlos damit beschäftigt, für Besucher Tortillas zu backen und aufzutragen, mole Poblano zu verteilen und den Touristen vom Freund zu erzählen.

Ines hatte die Schürze aus und ihr bestes Kleid angezogen und sprach, wenn jemand fragte, von ihrem Sohn. Auch wenn einige Touristen nur deshalb kamen, weil es gratis Essen gab.

Sie waren einfach  dem Blumenweg vom Friedhof gefolgt und zogen gelabt weiter zum nächsten Trauerhaus. Nur Freunde und Familie blieben lange, halfen, erinnerten sich, lachten – dachten daran, wie der Freund…

Wir tauschten Geschichten aus. Geschichten, die neu waren. Geschichten, die mir den Freund zeigten, wie ich ihn nie erlebt hatte. Geschichten, in denen ich ihn gleich erkannte. Ines bat mich zu erzählen. Vom Tag, als ich den Freund kennenlernte, welche Artikel er schrieb, wie er unterrichtete und seiner Liebe zu Lokomotiven. Von dieser nämlich wusste sie nichts.

Abends begann Ramon mit seiner Frau zu tanzen, sein Cousin schenkte Brandy ein, die Stereoanlage dröhnte ohrenbetäubend laut.

Das Fest zum Tag der Toten, das Fest mit den Toten konnte beginnen!

Lange nach Mitternacht ließ die Familie mich gehen – erschöpft fuhr ich heim.

Und der Freund?

Den nahm ich in Erinnerung mit. Bis zum nächsten Jahr!

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