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Silvester: Der Brief auf der Parkbank

Silvester: Brief auf der Parkbank

Silvester, 6:45 Uhr morgens: Ich biege um die Ecke in die Berlin. Zuerst gehe ich noch langsam, dehne meine Sehnen, wärme mich auf. Gerade eben habe ich das gewaltige Eingangstor hinter mir geschlossen, vorsichtig, damit ich niemanden durch einen dumpfen Aufprall aufwecke.  Jetzt liegt die Straße verlassen vor mir; einen  schwachen Schimmer auf den unebenen und schmutzigen Pflastersteinen. Ich federe auf den Fußballen, hebe die Fersen an – und beginne zu laufen.

Das Viertel, die Zona Rosa, breitet sich vor mir aus, streckt sich den allerersten Sonnenstrahlen entgegen, gehört mir. Ich passiere die leergeräumten Tische, manche sind gestapelt, manche nicht. Vom Tau nass sind sie alle. Die Stühle türmen sich die Bars entlang, stehen bis an die Fahrbahn. Ich muss ausweichen, laufe an den kleinen Läden vorbei. Die Pforten sind noch fest verschlossen, Schaufenster nächtlich beleuchtet oder hinter den metallenen Jalousien.

Eine Atole-Verkäuferin schiebt  ihren Wagen mit den drei Töpfen voll sämiger Maismasse. Ich schnuppere – champurrado (Schokolade), vainilla und fresa (Erdbeere). Sie lächelt mich an. „Buenos días, señora“, ruft sie. „Morgen Ceci“, grüße ich zurück. Später würde ihre alte Freundin mit Tamales kommen – den tamales de platano und de hoja de maiz. Sie bietet zwei pikante Varianten der Maismasse in Bananen- oder Maisblättern an und eine süße, meistens Ananas. Ceci kam jedoch gern als erste. Sie wollte sich ihren Platz am Eingang zum Parque España aussuchen, el lugarcito , von dem aus sie ihre morgendlichen Kunden bedient.

Ich biege in den Park, passiere die Uhr – die Kiesel unter meinen Füßen knirschen. Meinen Weg säumen rechts und links grün gestrichene Bänke, die wenigen Mülleimer sind überfüllt. Ich ziehe an einer Bank vorbei, einem Mülleimer, einer Bank – Bank, Mülleimer, Bank – fast bin ich durch den Park, da sehe ich ihn: Einen weißen Umschlag… ein Brief?

Wer von euch wäre vorbeigerannt? Hätte nicht nachgesehen? Hätte sich nicht gesetzt, ihn geöffnet?

Ich gebe es zu, ich bin nun mal neugierig…

Was ich las?

Liebe/r Unbekannte/r,

ich ignoriere jetzt einmal völlig, ob du noch Single bist oder einer Familie vorstehst; ob du schüchtern und introvertiert oder fröhlich und extrovertiert bist; sei’s wie sei – vielleicht langweilst du dich und möchtest unerschrocken mitten in eine Gruppe von unbekannten Menschen springen – in der Hoffnung, etwas Interessantes zu hören oder dich abzulenken.

Spürst du einen klitzekleinen Funken Neugier?

Eine gewisse Unruhe?

Das könnte schon Anreiz genug sein…

Deshalb schlage ich vor, du kommst in die Straße Chihuahua und läutest am Haus mit dem großen Eisentor.

Feiere Sylvester mit uns

Ich sollte dir vielleicht vorher noch erklären, dass ich nicht die Gastgeberin bin und dass diese überhaupt keine Ahnung von meinem Brief hat. Trotzdem: Ruf sie an! Unter der Nummer (00521…) – und frage nach Elena.

Gib vor, dass du sie schon einmal getroffen hast, dass du ein/e Freund/in von Gerardo bist, dich einsam und deprimiert fühlst und zu Silvester am Abend zu ihr kommen willst. Ich werde unter den Eingeladenen sein und du sollst raten, wer von ihnen ich bin. Ich denke, das könnte was werden…

Vielleicht sollte ich dich vorwarnen:

  • Wenn du unter dreißig bist, wäre es besser, du machst nix. Wahrscheinlich wär’s dir zu fad. Obwohl wir alle noch nicht zum alten Eisen gehören, sind wir auch keine verrückten Jugendlichen mehr.
  • Ahh! Es handelt sich auch nicht um ein schickes Firmenfest… Es ist eher ein psycho-humoristisches Experiment, nicht mehr.

Ich bin fast sicher, dass du nicht kommen wirst.

Es braucht schon enorme Gelassenheit, um meinen Vorschlag nachzukommen – eine solche Ruhe und Neugierde haben nur wenige Menschen!

Dieser Brief ist kein Scherz deiner Freunde, auch keine hinterhältige Propaganda, um dich an irgendeinen obskuren Ort zu locken…

Denk nicht so viel, versuch’s einfach!

Du bist eingeladen!

In ein respektables Haus; ich und alle anderen Gäste, sanfte Menschen, die – wie mir grad einfällt  – durchaus ein um das andere Mal den unwiderstehlichen Impuls verspüren, irgendeinen Blödsinn anzustellen, wie es Pubertierende tun. Trotz unseren Alters und allem.

Ich werde diesen Brief noch einmal für eine/n Unbekannte/n schreiben und ihn auf die benachbarte Parkbank legen.

Vielleicht erscheint eine/r von euch beiden. Wenn ihr beide kommen würdet, wäre das außergewöhnlich und etwas noch nie Dagewesenes!

Gut, vielleicht…

Auf bald!

PS: Wenn ich jetzt so richtig darüber nachdenke, glaub ich, ich bin verrückter als eine Ziege.

PPS: Mach dir aber keine Illusionen: Das Wohnzimmer wird kein Nordlicht durchqueren und auch nicht das Ektoplasma deiner Großmutter; tja und es wird auch keine Schinken regnen! Es wird gar nichts Außergewöhnliches passieren. So wie ich dir einen gewöhnlichen Silvester Abend biete, hoffe ich, dass du kein Gangster bist – und auch kein Trinker. Wir sind fast abstinent – und halb Vegetarier.

Nun sitz ich da und frage mich…

und frage euch:  Würdet ihr gehen?

(Freie Übersetzung: @SCommIntercultural