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Shakshuka: Sehnsucht nach Zuhause

Shakshuka

Mit Shakshuka beginnt die Sehnsucht, die Sehnsucht nach Zuhause.

Cafe de Olla

café de olla

Samstagmorgen. Ich bin gegen zehn im Haus eines Freundes aufgewacht. Verkatert noch setzte ich mich zu den anderen an den Tisch in der Küche. Ihnen ging es übrigens nicht besser. Es war eine lange Nacht gewesen. Nur die Hausfrau wuselte herum, stellte an das eine Tischende tortillas, brachte jedem eine Tasse café de olla, plauderte fröhlich durch den Duft von Zimt, Kaffee und Nelken und ignorierte unsere wortkargen Antworten.

Ich versuchte, mich langsam an das Licht zu gewöhnen, das grell durch die Glastüre der Terasse schien. Auf einmal – ich merkte kaum, wie sie vor mir auf dem Tisch landeten – lachten mich zwei Eieraugen aus einer Tonschüssel an. Sie schwammen in einer Sauce aus Tomaten und Zwiebeln.

Shakshuka, ey, guten Morgen!

Huevos rancheros heißt das Gericht in Mexiko, „Bauern-Eier“ also. Nichts Besonderes, bloß Eier zum Frühstück. Dass meine Großmutter plötzlich vor meinem inneren Auge stand, damit hatte ich nicht gerechnet.

Wenn mit Shakshuka die Erinnerung kommt

„Iss Kind!“, sagte sie und schenkte Chai nach. Wie sie es zu ihren Lebzeiten häufig gemacht hatte. Kaum hatte ich die Gabel mit dem ersten Bissen zum Mund geführt, setzte sie sich mir gegenüber. Wie damals, als ich noch ein Kind war und sie die größte Erzählerin der Welt.

Die mexikanischen Eier schmeckten etwas anders als das Shakshuka, mit dem ich aufgewachsen bin; mehr nach Chili und Zwiebeln; es fehlte Harissa. Dazu gab es tortillas statt Fladenbrot.

Die Erinnerung kam trotzdem, kam wieder zu mir zurück. Schuld war das Ei. Es schmiegte sich an die Zunge an, glättete die Schärfe der Soße. Ich hörte Großmutters Stimme:

Die Leute behaupten, dass einmal ein Kaufmann in der Stadt lebte, ein rechter Schlaufuchs, aber ritterlich und großmütig. Er war ein stattlicher Mann, lachte gern, war freundlich und sanft. Und weil er so ein weites Herz im Leib  hatte… und einen weitläufigen Weinkeller dazu… besuchten ihn seine Freunde genauso häufig, wie sie ihn in ihre Häuser einluden. Tatsächlich verbrachte er kaum eine Nacht allein.

Heimweh

Auslöser für die Erinnerungsfetzen mag immer wieder etwas Anderes sein: Ein Gewürz vielleicht, ein Duft, ein vermeintlich bekanntes Gesicht. Reisende kennen diesen Augenblick – den Moment, in dem plötzlich die Luft um sie herum flirrt, der Atem stillsteht – die Erinnerung sie weglockt. Sie von dort weglockt, wo sie gerade sind und wie sie sich gerade fühlen… Ihnen das längst Verlassene vorgaukelt; sie wenig später zurücklässt – mit der Sehnsucht nach Zuhause.

Als wieder einmal die Reihe an dem Kaufmann war, eine Abendgesellschaft auszurichten, ließ er die Diener alles vorbereiten: Kleine Köstlichkeiten – scharf und sauer, salzig, süß klebrig und ein bisschen bitter. Es wäre despektierlich sie Snacks zu nennen oder Fingerfood. Er ließ den Wein zum Atmen raus stellen, frisches Obst und Käse dazu. Pölster und Matten legten die Diener ebenfalls bereit und die Musikinstrumente, die so einige seiner Freunde zu spielen wussten. Mit einem Blick musterte der Kaufmann abschließend das Werk, nickte zufrieden, gab den Dienern frei und ging selbst hinaus; in die Stadt, um seine Freunde zusammen zu trommeln.

Heimweh überfällt Globetrotter*innen unvorhergesehen, macht sie melancholisch und lässt sie schon einmal überlegen, ob es an der Zeit wäre zurückzukehren. Vielleicht um den Wechsel der vier Jahreszeiten wieder zu fühlen oder zu sehen, wie schnell sich zuhause alles dreht. Was hält davon ab, sofort das Flugticket in die Heimat zu kaufen? Zurückzukehren?

Großmutter?

Zurückkehren oder fernbleiben?

Es begab sich, dass in der gleichen Stadt ein anderer Kaufmann lebte, namens Achmed. Noch jung an Jahren hatte er ein verführerisch hübsches Gesicht mit verschmitzten Augen. Einst war Achmed mit allerlei Waren und viel Geld aus seinem Land gekommen und hatte sich in dieser Stadt niedergelassen, weil sie ihm so gut gefiel. Sein Geld hatte er mittlerweile verprasst. Denn er hatte in Saus und Braus gelebt. So manchem Mädchen hatte er den Kopf verdreht und ihr Geschmeide und schöne Stunden geschenkt. So lange, bis er nichts mehr besaß außer den Kleidern, die er am Leib trug, und den Witz, um sich aus den verzwicktesten Lagen herauszureden.

Eines Tages aber musste selbst er sein Haus verlassen. Denn er konnte seine Schulden nicht mehr bezahlen. Von da an streifte er durch die Stadt – tagsüber auf der Suche nach einem Reisegefährten. Mit ihm wollte er in sein Land zurückkehren. Nachts jagte er nach einem Schlafplatz.

Was hält mich davon ab zurückzukehren? Geldmangel? Der fehlende Reisegefährte? Nein, das war es nicht, was mich in der Ferne hielt. Ich habe zwei Leidenschaften. Beide erreichen, dass ich in diesen seltenen Augenblicken des Zweifels wieder auf Spur komme. Mich erinnere, warum ich weiter unterwegs sein will:

1. Schreiben

Stapel NotizbücherIn Heimweh-Momenten nehme ich eines meiner Notizbücher und schmökere. Der Inhalt lenkt mich ab, weckt meine Neugier. Warum meint das „morgen“ in Mexiko etwas Anderes als das „morgen“ zuhause? Wie verbringt die Familie, bei der ich wohne, den Sonntag? Woher kommt die Gelassenheit der zwei Schuhputzer, die am Zocalo auf Kunden warten?

Hinter dem Horizont meiner Beobachtungen und Geschichten steckt so viel mehr. Noch ist meine Neugier auf die Fremde zu groß. Wie kann ich da zurück?

2. Kochen

Die Reisenden, die ich kenne, lieben den Blick in die Kochtöpfe der Welt. Nichts ist aufregender als das neue Rezept, die fremden Gewürze, die Gerüche oder die ungewohnte Machart. Kochen ist außerdem noch die Gelegenheit, unter all dem Fremden doch auch das Eigene, die Heimat, mit hineinzubringen.

Die Begegnung

Für dich mag das ja gelten! Aber Achmed konnte mit dem Schreiben nichts anfangen. Auch hatte er keine Ahnung von häuslichen Dingen. Er wollte nur zurück. Und so zog er durch die Gassen und hielt Ausschau nach einem, der ihn nach Hause bringen würde. Plötzlich sah er auf der anderen Straßenseite eine über die Maßen schöne und anmutige Frau. Es schien ihm, dass sogar die Sonne sich verneigte.

Schüchtern ist kein Wort, das ich gebrauchen würde, um Achmed zu beschreiben. Er sprach das Wunderwesen sogleich an. Sie lachte. Bald schon scherzten und schäkerten die beiden. Schließlich schlug er vor:

  • „Komm, suchen wir uns ein gemütlicheres Plätzchen.“
  • „Gut,“ sagte sie, „Gehen wir zu dir!“

Schon bereute er seine Worte. Er verfluchte, dass er sie gefragt hatte. Ungerecht war es! Nur weil er mittellos war, sollte ihm eine solche Gelegenheit entgehen. Wie peinlich aber, ihr erklären zu müssen, dass er kein Heim besaß. Die Wahrheit konnte er auf keinen Fall sagen. So lief er vor ihr her – zickzack durch die Straßen der Stadt.

Wie nur… wie… konnte er sie loswerden?

Einfach so tun als ob

Eine Gasse nach der anderen schritt Achmed ab, ohne die erhoffte Rettung zu finden. Schließlich gelangte er in eine Sackgasse, an deren Ende eine verriegelte Tür zu sehen war.

  • Schloss an Tür„Gott soll meinen Diener verfluchen! Er hat die Tür abgeschlossen und ist weggegangen!“

rief er und ließ die Schultern hängen.

  • „Meine Dame“, sagte er, “ Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll!“
  • „Was machst du für Aufhebens wegen eines Schlosses, das vielleicht zehn Dirham wert ist“,

war ihre Antwort. Sie krempelte ihre Ärmel auf, griff sich einen Stein von der Straße – und schlug zu. Die Tür sprang auf.

Was blieb dem armen Mann anderes übrig als einzutreten.

Mi casa es tu casa!„: Ein Satz, der zu Mißverständnissen führen kann: „Mein Haus ist dein Haus.“ Phrase für viele, schnell ausgesprochen; „nichtsagend“, denken die meisten… so lange bis eines Tages ihre Urlaubsbekanntschaft vor der Tür steht. Wer allerdings schon einmal erlebt hat, wie Gäste am Morgen nach einem Fest im Haus eines mexikanischen Freundes bewirtet werden, glaubt nicht mehr daran, bloß ein Lippenbekenntnis zu hören.

Wie staunte Achmed, als er einen Empfangssaal voller Pölster vorfand. Natürlich setzte er sich, lehnte sich an eines der Kissen; die Frau entkleidete sich… und es kam wie es kommen musste…

So zum Vergnügen

„Was musste kommen, Oma?“ Das hatte ich immer an dieser Stelle gefragt.

Ich hörte wieder ihr Lachen, sah ihr schelmisches Zwinkern. Meine Großmutter saß mitten unter den nichtsahnenden Freunden, die tortillas reihum reichten; durch sie hindurch. In meinem Kopf hallten ihre Worte:

Achmed spürte jetzt erst, wie hungrig er war.

  • „Weißt du, ich kenne mich in meinem eigenen Haushalt nicht gut aus. Auf meinen Diener ist gewöhnlich solch ein Verlaß, dass ich mich um nichts kümmern muss. Schau du doch in der Küche nach, was er zum Essen vorbereitet hat.“

Die Frau fand Köstlichkeiten und eine Karaffe mit klaren, gefilterten Wein. Sie hob eine Platte mit Häppchen hoch, nahm Brot und Wein. Das aßen und tranken die beiden und verbrachten ein schönes Stündchen miteinander, lachten, sangen, spielten.

Währenddessen…

tunken in shakshukaWas das Shakshuka meiner Großmutter so tief in der Erinnerung verankert hatte? Das Brot. Sie hatte es einmal die Woche gebacken, ein Gruß an ihre Heimat, an ihre Familie, die sie nach ihrer Heirat selten besuchen konnte. Im Brot lag ihre Sehnsucht nach Zuhause. Wenn ich ein Stück davon abbrach, es in die Soße mit Ei tunkte und daran lutschte, rannen immer ein paar Tropfen über mein Kinn. Ich schleckte schnell, doch nie schnell genug.

„Nimm die Serviette! Warum wohl habe ich sie dir hingelegt?“

Wahre Gastfreundschaft

Währenddessen… kam der Hausherr mit seinen Freunden an die Pforte. Sofort bemerkte er das aufgebrochene Schloß, wunderte sich über die verriegelte Tür und hörte Lachen im Haus. Und weil er ein kluger und neugieriger, jedoch kein ängstlicher Mann war, schickte er die Freunde weg. Als diese gegangen waren, klopfte er.

Wie erschrak Achmed im Innern des Hauses! Aber die Frau stürmte zur Tür, riß diese auf und schalt:

  • „Dein Herr war ausgesperrt. Was bist du nur für ein nachlässiger Diener! Geh und entschuldige dich.“

Und während Achmed am liebsten in den Kissen verschwunden wäre, folgte der Hausherr der Aufforderung und trat in den Empfangsraum.

  • „Herr, sagte er, „bitte verzeih! Ich war länger mit deinen Aufträgen unterwegs als ich dachte.“ 

An genau diesem Punkt der Erzählung war das Kind in mir normalerweise empört gewesen. Das war doch irgendwie verkehrt. Wie kann der Hausherr sich so behandeln lassen? Aber meine Großmutter schüttelte nur sanft den Kopf.

bauchtänzerinZu dritt hatten sie doch noch einen viel schöneren Abend: Der Hausherr tat alles auf, was er für seine Freunde vorbereitet hatte. Solange bis Achmed ihn bat, sich doch selbst in der Küche zu bedienen und ihnen auch Gesellschaft zu leisten. Die Frau tanzte… sie lachten und erzählten Geschichten. Als der Morgen graute, richtete der Hausherr die Betten für das Paar und wünschte gute Nacht.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als die Frau erwachte. Sie verabschiedete sich und ging davon. Der Hausherr rannte ihr mit einer Geldbörse voll Silbermünzen hinterher, übergab ihr das Geld und entschuldigte sich für „seinen Herrn“.

Als Achmed etwas später in den Empfangsraum trat, saß der Hausherr in den Kissen. Er deutete zwinkernd auf die Speisen vor ihm.

  • „Shakshuka, mein Herr?“ fragte er.

Da fiel Achmed auf die Knie. Eine lange Freundschaft ward geboren.

Was stillt die Sehnsucht nach Zuhause?

Shakshuka schmeckte mit tortilla auch, aber anders. Das fiel mir erst nach drei Tassen Café de Olla auf, wovon ich sowieso zwei für Chai gehalten hatte. Es ist als wachten alle am Tisch auf. Plötzlich bekam die Mutter meines Freundes ein Kompliment nach dem anderen.

Die Eier wären ein Gedicht! Und der Kaffee erst. Was für eine Wohltat! Das Richtige heute, das einzig Wahre!

Die mexikanische Mama freute sich. Endlich zeigten sich die Lebensgeister ihrer Gäste wieder. Vor lauter Freude tischte sie weiter auf.

Ob wir noch süßes Brot wollten? Etwas Melone? Ananas? Noch eine tortilla. Ach, Vögelchen, ihr müsst nicht immer auf eure Figur achten. Warum? Bist du auf Diät! Früher waren’s ja bloß die Mädchen, aber heute… heute spinnt der Junge genauso. Etwas gebratene Bohnen? Guacamole?

Gegen fünf am Nachmittag konnten wir schließlich aufbrechen. Die nächsten Tage würde ich nichts zu essen brauchen. Das stand schon mal fest.

Als ich mich in der Türe noch einmal umdrehte, winkte meine Großmutter. „Wollte Achmed eigentlich noch immer in seine Heimat zurück,“ fragte ich in Gedanken.

Wer weiß?

sagte sie und verschwand.

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Das Beitragsbild ist von jenly


2 Kommentare

  1. Sehr schön geschrieben
    Und ja ich glaube, nirgends kann man Gastfreundschaft besser zum Ausdruck bringen, als in der Küche

  2. Pingback: Best of #28ofblogging – Himbeermama

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