Nebiga

Was ein Obsidianspiegel vermag

Quetzalvogel

Quetzalcoatl ist einer der mächtigsten Götter im Götteruniversum Mexikos. Er befiehlt sowohl der  Klapperschlange wie auch dem Quetzalvogel; vereint Himmel und Erde in sich. Warum also sollte er nicht außergewöhnlich sein? Leben nicht die Götter wie auch Mensch und Tier von seiner Weisheit und Macht? Viele verehrten ihn und sonnten sich in seiner Gunst! Ihm stand wahrhaft die Aufmerksamkeit aller zu.

Nun…

Quetzalcoatl

Quetzalcoatl im Codex Borbonicus, 16. Jhd.

eines Tages beschloss dieser Gott aller Götter, in der von ihm und seinem Bruder Tezcatlipoca geschaffenen Welt zu wandeln und sich seine Geschöpfe anzusehen. Damit er nicht erkannt wurde, nahm er Menschengestalt an: Seinen Kopf schmückte er mit den Federn des Quetzalvogels, auf dass er smaragdgrün schimmerte wie sein Stolz auf Erreichtes. Er hängte sich ein tilmatli um, den feurig roten Umhang seiner Leidenschaft, den er unter dem Kinn mit einer Muschelwirtel verschloss. Diese leuchtete schon von weitem im Perlmutt seiner Weisheit. So gerüstet machte er sich auf und durchwanderte die „Eine Welt“.

Herr aller Herren

In der Stadt Tollán empfingen ihn die Bewohner als Ehrengast, denn sie erkannten in ihm das Besondere. Quetzalcoatl dankte es ihnen: Großzügig teilte er Wissen, Können und seine Leidenschaft.

  • Ein Seher!

riefen die einen,

  • Ein Herr aller Herren

die anderen. Bald schon baten die Stadtbewohner Quetzalcoatl, jene Macht auszuüben, die ihm zukam:  Priester, Fürst und König. Er allein möge die Stadt regieren! Was er auch tat. Von da an sorgte er für das Gedeihen und Wohlergehen aller.

Und Tollán gedieh! Das musste jeder erkennen, der die Märkte besuchte; die Stände entlang schritt und über Körbe, Farben und Gerüche staunte. Jeder, der sich die Zeit nahm zu betrachten, wie Stein um Stein die Tempel wuchsen; Handwerker, Künstler und Schreiber in ihrem Tun beobachtete; der die Prozessionen der Priester, Krieger und Kaufleute begleitete. Bis weit ins Land verbreitete sich die Kunde vom Aufstieg der Stadt.

Am deutlichsten aber zeigte sich Quetzalcoatls Großmut, wenn die der Göttin Jaderock geweihten Priesterinnen mit den Opfergaben zum Flussufer tanzten. Allen voran Maisblüte,  die Hohepriesterin. Sie trug auf ihrem Kopf einen Korb voll Jade, Quetzalfedern und Wasserlilien. Mit ihm tanzte sie als wären Anmut, Freiheit und Reinheit vereint. Niemals versäumte es der Alleinherrscher, den Inhalt ihres Korbes zu inspizieren. Er nahm sich ausgiebig Zeit, den Duft der Wasserlilien einzuatmen.

Denn zu Quetzalcoatls Aufgaben gehörte es, darauf zu achten, dass die Götter ihre Geschenke in ausreichender Menge und Qualität erhielten – als Dank für das Feuer, die Erde und die Schöpfung. Dabei hatte der Fürst allerdings auch hier seine ganz eigenen Vorstellungen, denen unbedingt zu folgen war:

  • Früchte, Vogelfedern und Jade sind genug,

befahl er und verbot Menschenopfer.

Jaguare jagen des Nachts

  • Unerhört!

wüteten darauf die neun Herrscherinnen und Herrscher der Unterwelt:

  • Wer glaubt er, dass er ist?

maulte eine.

  • Die Menschen schulden uns ihr Blut!
  • Verraten hat er uns!

knurrte der andere. Alle waren sich einig:

  • Dafür hat er Strafe verdient!

Allein die älteste unter ihnen, Jaderock, sagte nichts. Sie schwamm im Meer ihrer Träume und hörte mit kaum einem halben Ohr zu.

Wer aber sollte die Bestrafung übernehmen? Nicht jeder Gott der Nacht war geeignet. Dem Quetzalcoatl ebenbürtig musste der Auserwählte sein: Stark und listig wie ein Jaguar; mit den dunklen Mächten eins. Darüber beratschlagten die Götter eine ganze Nacht lang, obwohl es bloß eine einzige Lösung gab:

  • Tezcatlipoca, geh‘ du!

hieß es letztendlich und der Gott der Erde – Herr der Zauberer, Könige und Krieger – ließ es sich nicht zweimal sagen. Er brach auf, um seinen Zwillingsbruder zu lehren, dass er den Weltenlauf nicht stören darf. Dafür müssten ihm zwei Hilfsmittel als Waffen genügen, fand Tezcatlipoca. Er steckte seinen Obsidianspiegel und eine Flöte aus Schilfrohr ein.

Jaguar

Jäger der Nacht

Quetzalcoatl kämpft mit dem Überdruss

Unter den Göttern der Unterwelt mag eine Nacht vergangen sein, für die Menschen aber waren es Jahre. Quetzalcoatl regierte Tollán schon so lange, dass die Tempel fertig gestellt waren. Er überlegte, ob er neue Anlagen bauen lassen sollte. Allerdings empfand er bei dem Gedanken keine Freude; er fühlte überhaupt nur noch wenig, mehrheitlich Langeweile. Nichts überraschte ihn. Jeder Tag brachte ausgeblichene Farben, abgestandene Gerüche; es war als drehte sich alles im Kreise, um am Ende des Tages in einer Tasse chocolatl zu münden. Selbst die Lilien von Maisblüte erfreuten ihn nur noch für einen Augenblick. Er seufzte.

In diese Stimmung platzte ein Diener mit der Botschaft, dass sein Bruder zu Besuch gekommen sei.

  • Tezcatlipoca! Du hier? Endlich mal Ablenkung!
  • Hast du denn nicht genug? Ich sehe doch, alle hier haben dein Wohlergehen im Sinn.
  • Ach das…

mit einer Hand wischte Quetzalcoatl die Aufmerksamkeiten seiner Untertanen weg.

  • ihnen fällt doch nichts Neues mehr ein. Zerstreue mich du, Bruderherz!
  • Möchtest du lachen oder weinen?

fragte der dunkle Bruder. Quetzalcoatl wählte das Lachen und so reichte ihm der Jaguargott seinen rauchigen Spiegel. Der bestand aus einer Scheibe polierten Vulkanglases; in ihrer Mitte entsprang ein Kranz athrazitfarbener Splitter. Sie strahlte vor Kühle.

Neugierig blickte Quetzalcoatl auf das Bildnis, das in diesem Obsidianspiegel erschien, als er ihn in die Hand nahm: Er sah in ein faltiges Gesicht mit einer Federkrone auf dem Haupt. Einige Federn waren abgebrochen und hingen herab. Die Augen lagen in den von Tränensäcken umrandeten Höhlen; der Mund war zu einem Strich zusammengezogen. Unter dem Kinn prankte eine Muschelwirtel, die einen verblichenen Umhang zusammenhielt. Irgendwie erinnerte ihn der Mann an einen Papagei; einen, der schon zu lange gelebt hatte.

  • Lustig ist der aber nicht gerade…

wunderte sich der Herr aller Herren.

  • Doch,

antwortete Tezcatlipoca und gluckste:

  • denn das bist du.

Die Zeit anhalten – geht das?

Worte, die den Gott der Götter erschütterten: Alt? Er wollte nicht altern wie die Menschen: Einsam auf den Tod warten; abhängig von einer Hand, die ihn berührt; ernährt von Brosamen des Mitleids. Schon gar nicht wollte er daran denken, etwas von seiner Würde abgeben zu müssen. Schrecklich die Vorstellung, eines Tages nicht mehr regieren zu können.

Ewig jung war das Ziel.

Deshalb schloss er sich in seinen Gemächern ein, umgab sich mit Statuen, die Steinmetze schlagen mussten anstatt die Tempel weiter zu verzieren. Die steinernen Kolosse, allesamt Krieger, umringten ihn, um ihn vor den Einflüssen der Welt zu schützen. Nur noch ausgewählte Diener durften herumschleichen, um die Forderungen des Herrschers zu erfüllen. Die Fensteröffnungen waren von nun an Tag und Nacht mit Tuch verhangen und Quetzalcoatl weigerte sich, Würdenträger zu empfangen.

Einzig seinen Bruder ertrug er. Der konnte ihn mit seinen Besuchen eine Weile ablenken. Sobald er aber in den Spiegel schaute, überfiel ihn wieder die Angst.

Diese Entwicklung hatte der sonst so umsichtige Jaguargott nicht vorausgesehen. Er wollte doch den Menschen zeigen, dass Macht niemanden vor der Unterwelt bewahren konnte. Wie konnte dieser Plan aber gelingen, wenn sich der Bruder einschloss? Schließlich griff Tezcatlipoca zu einer List:

  • Ich kann dich wieder strahlend jung machen,

sagte er und fragte:

  • Willst du das?
  • Nichts lieber als das!

Sogleich ließ der Jaguargott Maisblüte rufen.

  • Ich will sie nicht sehen!
  • Das wirst du nicht. Sie bringt bloß die Lilien, die wir brauchen.

Kaum schnupperte Quetzalcoatl an den Blüten der Wasserlilien, erstrahlte er im alten Glanz: seine Federkrone richtete sich auf, die Falten glätteten und seine Haltung straffte sich. Als er in den Obsidianspiegel blickte, zeigte ihm dieser, dass seine Jugendgefühle ihn nicht trogen. Der Gott lächelte sein Spiegelbild an. Dann reichte er dem Bruder den Spiegel.

  • Da, du kannst ihn wieder haben,

sagte er. Tezcatlipoca aber winkte ab.

  • Behalt ihn. Wer weiß, wozu er dir noch nützt.

Das Fest der Jugend

So steckte Quetzalcoatl den Obsidianspiegel in den Gürtel, während er zu seinen Dienern sagte:

  • Ich will feiern. Richtet für morgen ein Fest aus… alle müssen kommen!

Was der Herr der Herren wünschte, war in Tollán schon so lange Gesetz, dass auch diesmal niemand widersprach. Die Diener verbeugten sich, schürten die Feuer, mahlten Maiskörner zu Mehl und den Kakao für die Schokolade; schlachteten Hühner, Rinder und Schafe, schmückten die Halle, die nun von Kriegerstatuen umstellt war, mit Wasserlilien, Flamingoblumen und Dahlien. Währenddessen schlich sich der Jaguar aus der Stadt; zum Fest war Tezcatlipoca allerdings wieder zurück.

Er kam so pünktlich, dass seine Abwesenheit ein Geheimnis blieb. Genaue Beobachter hätten entdeckt, dass nun ein Krug an seinem Gürtel hing. Die Feiernden jedoch hatten nur Augen für die Gerichte an der Tafel, den reich geschmückten Saal und die Kleidung der anderen. Über allen thronte Quetzalcoatl auf dem royalen Stuhl und rief, kaum dass er Tezcatlipoca ansichtig wurde:

  • Bruder, spiel auf!

Der so Angerufene verbeugte sich.

  • Lass mich dir zuvor mein Geschenk bringen. Wir müssen auf deine Jugend anstoßen. 

sagte er und trat näher. Er löste dabei den Krug von seinem Gürtel. Ein Diener reichte ihm den Becher seines Bruders, in den er eine milchige Flüssigkeit goß.

  • Was ist das?
  • Honigwasser der  Agave, manche nennen es Pulque.
  • Es mundet.
  • Möchtest du noch?

Dreimal schenkte der Jaguargott ein. Nach dem ersten Schluck spürte Quetzalcoatl, Wärme im Bauch. Mit dem zweiten breitete sich Behagen in ihm aus. Der dritte allerdings schob wirres Zeug in seinen Kopf, aber da spielte Tezcatlipoca schon die Flöte. Deshalb achtete Quetzalcoatl nicht darauf.

  • Maisblüte tanz!

Ein Schein ewiger Jugend

MaisblüteWenn Quetzalcoatl sich später fragte, was es gewesen war, fand er keine Antwort. War es die Musik? Die quirrligen Flötentöne sprangen über Bäche, kaum die Steintrommeln berührend, die versuchten, die Melodie im Herzen zu erden. Oder war es die Schuld des Tanzes? Maisblütes Körper näherte sich, angezogen von der Flöte, um sich gleich darauf wieder zu entfernen. Vielleicht ihr Gesicht? Entrückt, fern, verlockend. Was immer es war, ein Gedanke stieg ihm zu Kopf und er ließ sich nicht mehr abschütteln.

Der Gott aller Götter wusste mit einem Mal, wie er sich selbst auf Erden ewige Jugend erhalten konnte. Er würde ein Monolith unter den Herrschern sein! Sein Wissen, Können, seine Leidenschaft blieben gültig – niemandem würde es je gelingen, ihn einzuholen. Er würde immer schon da gewesen sein. Die Musik perlte. Schwankend erhob sich Quetzalcoatl; er machte sich auf, die Hohepriesterin der Göttin Jaderock zu verführen.

Dass es ihm gelang, hörte um Mitternacht jeder in der Stadt: Denn an den Ufern des Flusses schrie der Gott der Götter seinen Triumph hinaus. Sein Schrei rollte über die Häuser, das Flusstal entlang und hallte in den Bergen und Wäldern wieder. Die Wellen des Flusses trugen das Triumphgeheul ans Meer; dort bohrte es sich tief in den Meeresgrund und vibrierte weiter – bis es auf Jaderocks Träume traf.

Echo des Triumphs

Chalchiuhtlicue

Chalchiuhtlicue, Jaderock – Göttin der Flüsse, Seen und Meere

Zuerst war es nur ein Flirren, das die Göttin irritierte: Sand wirbelte auf, Fische huschten vorbei, Krebse versteckten sich. Nach und nach aber erschütterte Quetzalcoatls Schrei Felsen, Riffe, Schluchten. Jaderock öffnete beide Ohren und lauschte.

Als das Geheul schließlich gegen das Meeresgebirge prallte, war die Göttin hellwach. Wie konnte Quetzalcoatl es wagen? Eine ihrer Schutzbefohlenen mit Triumph zu entehren. Maisblüte vorzugaukeln, es wäre Liebe… Liebe hatte ja wohl mit Macht nichts zu tun. Solches Verhalten fordert Strafe – und zwar sofort.

Mit aller Kraft warf Jaderock ihr Echo zurück – es bestand aus göttlicher Wut.

Wenn ihr jetzt glaubt, dass ein Tsunami über die Küste rollte, irrt ihr euch. Jaderocks Echo ließ nur den Fluß bei Tollàn ein bisschen über das Ufer treten. Das Wasser umspülte Quetzalcoatls Körper, der seinen Rausch am Ort des Triumphes ausschlief. Es löste den Obsidianspiegel an seinem Gürtel; spülte diesen in die Hand des Gottes. Nicht mehr. Aber es genügte.

Rache einer Göttin

Denn als der Gott aller Götter aufwachte, sah er als erstes sein Spiegelbild; erkannte in ihm den Frevel, den er begangen hatte. Scham überfiel ihn, Ekel… Er wusste, er hatte sein Gesicht verloren.

Was danach geschah? Darüber gibt es viele Gerüchte. Eines behauptet, dass Quetzalcoatl die Stadt verließ und mit einem Boot den Fluß hinauffuhr. Maisblüte stand am Ufer, winkte, wollte mit. Sie rief ihm etwas zu. Doch er sah das alles nicht. Er machte Feuer, verbrannte sich selbst.

Als die Asche das Wasser verdunkelte, soll eine von Maisblütes Tränen in den Fluß getropft sein. Um ihren Schützling zu trösten, sagt man, hätte Jaderock einen Delphin geschickt. Dieser vollführte Sprünge und spritzte, dass es eine Freude war. Dabei schleuderte er einen Tropfen mit Asche in den Himmel. Dieser glitzert heute noch – für uns zur Mahnung. Es ist der Morgenstern.

Wie gesagt: das ist nur eines von vielen Gerüchten.

Gewiss allerdings ist:

Der Jaguargott kehrte mit dem Gefühl, es wieder einmal geschafft zu haben, zurück  in die Unterwelt. In seiner Höhle aber wartete Jaderock schon auf ihn. Ihre Finger trommelten auf die Felswand. Sie grummelte:

  • Du hast ihn dazu gekriegt, mich aufzuwecken.

Tezcatlipoca grinste. Verlegen? Verschmitzt? Zufrieden?

  • Gut so. Es gibt genug zu tun.

Beitragsbild von Jimfbleak

Bild Jaguar von Ian Lindsay auf Pixabay

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