Nebiga

Nie! Ein Mutter Märchen

Mutter Märchen

Am Mutter Tag hocken sie in einer sternenklaren Nacht, die bloßen Füße im noch warmen Sand, erschöpft vom Tag zu ihren Ehren – und doch haben sie sich am Strand zusammengefunden wie jedes Jahr. Die Große streckt einen ihrer braungebrannten Arme hoch, pickt ein Rad vom kleinen Wagen herunter. Die Sterne leuchten über den Köpfen der Frauen, glühen. Die Große gibt die gefangene Sternenglut der Burschikosen weiter; die zieht am Joint. Süßlich herbes Aroma kräuselt sich durch die Luft, umweht den Kreis der Frauen, löst sich auf in der Nacht. Eine Welle klatscht an die nahe Felswand. Zwei Herzschläge lang ist es still.

Die Burschikose lässt sich in den Sand zurückfallen, breitet die Arme aus. Sie fühlt den noch warmen Sand auf der Haut und mustert verträumt die Himmelskuppel, zählt gedankenverloren ein paar der funkelnden Punkte im tiefblauen Meer über ihr. Ein Atemzug, die salzigfeuchte Meeresluft vermengt sich mit dem den Hals kratzenden Gras. Sie schnurrt: „Was bin ich froh, hier mit euch zu sein!“

„Sicher nicht mehr lang“, lacht die Kluge trocken, schnappt sich den Joint. „Bald haben dich die Sandflöhe bis auf die Knochen abnagt!“ Zunächst antwortet die Burschikose nicht, es ist, als hätte sie nicht gehört. Eine Welle rollt wieder an den Strand; sanftes Klatschen. Krebse huschen dem zurückweichendenWasser nach. „Ja klar, Mama.“, murmelt die Burschikose plötzlich, abwesend und -weisend, ganz wie ihre eigene pubertierende Tochter, „Wie du meinst…“ Das aber lässt sich die Kluge nicht bieten. Sie faucht: „Du hast doch keine Ahnung!“

Mutter, Klappe die Erste

„Sei froh, dass wer an die denkt! Eine Mutter, so eine Mutter wie meine Mutter hat für fürsorgliche Kinkerlitzchen keine Zeit. Sie würde einfach nicht bemerken, wenn nur noch meine Knochen übrig wären. Sie bekommt ja heute schon nicht mit, was uns Kinder beschäftigt. Wollt ihr wissen, warum? Sie kommt einfach nie rechtzeitig, weil sie zu viele Dinge gleichzeitig tut. Gemeinsam feiern, Shoppen gehen, ein Museumsbesuch… am besten du gehst allein, weil sonst wartest du – und übrig bleibt vermutlich ein Haufen Knochen …

Ein kleines Eckchen Zeit zweigt sie hier noch ab und da. Ihr fällt sicher noch ein, was wichtiger ist als du: Die Teller müssen gestapelt werden, der Tisch gewischt. Ein paar Hefte muss sie noch korrigieren und mit der Kollegin hat sie schon lange nicht mehr gequatscht. Sie stopft und stopft, als wäre Zeit eine leckes Boot, in dem sie treibt. Da ist immer noch ein Schüler, der betreut; ein Unterricht, der vorbereitet; ein Schrank, der gebeizt werden muss. Die Familie wartet derweil vor dem gedeckten Tisch, weil einer Geburtstag hat.

Wir sitzen unter uns und bleiben es auch. Wir erzählen schließlich den anderen, den übrigen, was uns beschäftigt. Dem Vater, dem Bruder, der Schwester, ja sogar der Tante öffnen wir das Herz. Meine Mutter aber hört unsere Gespräche nie. Wenn wir Glück haben, begrüßt sie uns, wenn wir gehen. Eines schwöre ich euch: Nie, nie, aber sowas von nie…“

Umständlich erheben sich die drei Frauen, torkeln ein bisschen, grinsen unsicher. Sie fassen sich an den Händen, bilden einen kleinen Kreis und sprechen im Chor:

Nein, nie, nie möchte ich wie meine Mutter sein. Niemals! Nie.

Lachend plumpsen sie auf ihren Platz zurück.

Die Kluge zieht fest am Joint, reicht ihn an die Große weiter. Die nimmt ihn entgegen, weiß, dass sie an der Reihe ist.

Mutter, Klappe die Zweite

„Du bist zu beneiden! Ehrlich“, beginnt die Große, „ich seh‘ meine Mutter zu oft. Jedes Mal, wenn sie einen neuen Freund hat – und sie wechselt ihre Freunde – gefühlt – wöchentlich. Ich weiß wirklich nicht, was das ist. Sie hat wirklich diesen Drang, mir alle ihre Männer vorzustellen. Lacht nicht, das nervt. Letztens im Café, dem an der Straße, ihr wisst schon, das Dschungel-Caf’e mit den drei Palmen am Eingang, dem Freilufttresen; dort, wo ich so gern frühstücke. Es ist so ruhig, gerade morgens! Ich liebe diese Momente ganz allein für mich. Meistens jedenfalls. An dem Tag war ich sogar wacher als sonst um diese Zeit. Denn es gibt ja jetzt den neuen Kellner. Habt ihr ihn schon gesehen? Ich mag seine Augen, seine Stimme und das morgendliche Geplänkel mit ihm. Schaut nicht so, ihr zwei! Natürlich ist er zu jung für mich, aber er ist nett und witzig!

Meine Mutter rief an diesem Morgen an. Ausgerechnet als der Kellner mich fragte, ob ich den Kaffee mit Milch oder Zucker trinke. Ich konnte wegen ihr nur vielsagend deuten. Sie wolle sich  treffen, sagt sie, am besten gleich, so in einer halben Stunde. Mutter liebt es, mir den Morgen zu verderben! Bringst du schon wieder deinen neuen Freund mit?, fragte ich. Ich mein‘, sie meldet sich ja wirklch nur dann. Nö, sagte sie, sie bringe niemanden mit.

Ich habe mich gefreut. Echt. Endlich mal ein Gespräch mit ihr allein! Wann ich ein solches das letzte Mal hatte? Fragt mich nicht, ich erinnere mich nicht. Ich setzte mich auf einen der teichgrünen Plastiktische, hinten bei der Gartenmauer erschien es mir passend. Von dort konnte ich Muttern kommen sehen. Nebenbei ließ sich auch der Kellner beobachten, während er andere Tische bediente. Hin und wieder grinste er mich über die Köpfe anderer Gäste, leerer Tische, Bugambillas, Kakteen und Palmen hinweg an. Ein gelungener Morgen, dachte ich, genoß Sonne und Kaffee.

Etwa bis meine Mutter durch die Tür trat. Sie winkte mir kurz zu, küsste den Kellner… küsste… das konnte nicht wahr sein! Ich schloss meine Augen, zwinkerte: Kein Zweifel! Stolz kam Mutter näher, mit ihm an der Hand.

Sagt mir: Was sagt man da? Und wenn ihr schon dabei seid, eine Antwort zu finden, sucht noch eine: Spannt man seiner Mutter den Freund aus? Ich bin so versucht…“

Die Große verstummt, sinnt ihrer Idee nach. Da rappelt sich die Burschikose vom Boden hoch, schneller diesmal und umarmt die Große lang und fest. Sie flüstert in ihr Ohr: „Nie, nie, aber sowas von nie…“ Wieder tönen die drei Frauen im Chor:

Nein, nie, nie möchte ich wie meine Mutter sein. Niemals! Nie.

Und die Wellen rollen die Felswand entlang, plätschern am Strand. Über den Frauen wandern die Sterne, funkeln und verraten partout nicht, wie fortgeschritten die Nacht ist. Der modrige Hauch des Joints in der Hand der Großen vermischt sich mit Rauch, einem entfernt wahrnehmbaren harzigen Duft von brennendem Holz.

„Haben die Kinder ein Feuer angezündet?“, fragt die Burschikose und sucht mit den Augen den Strand ab. „Wer weiß“, grinst die Kluge, „Hauptsache sie vertreiben sich die Zeit.“ Sie greift sich den Joint, zieht daran und reicht ihn weiter. Die Burschikose nimmt ihn entgegen und sieht zu, wie sich ihre Freundinnen setzen.

Mutter, Klappe die Dritte

„Besser junge Männer“, sagt sie, „als verrückte! Meine Mutter hat da ein glückliches Händchen. Der einzige Trost ist, dass keiner sie halten kann. Naja, Trost ist vielleicht nicht gerade das richtige Wort. Mit dem Esel durch Bhutan? Mit dem Klapperbus durch die Militärzone im mexikanischen Chiapas? Ein sechswöchiger  Wandertrip durch Tanzania? Pferdejagd durch die Mongolei? Mit Kamelen quer durch die Sahara? Nennt ein Land, das nicht westlich dekadent ist, wie sie sagt, und sie war dort. Allein. Ihre Männer nimmt sie nie mit. Das wäre falsch, meint sie.

Für uns bedeutet das aber, dass sie monatelang nicht zu erreichen ist. Lebt sie? Geht es ihr gut? Hat sie alles, was sie braucht? Die Fragen wage ich mir nicht einmal selbst zu stellen, geschweige denn meiner Schwester. Würden wir es tun, könnte keine von uns mehr schlafen. Hin und wieder meldet Muttern sich – seit einigen Jahren per Skype. Oder sie schickt ein Foto. Für ihre Enkel, sagt sie. Die freuen sich – und ich? Ich habe zwei Kinder, die schon jetzt davon träumen in die Fußstapfen meiner Mutter zu treten. Sie erzählt ja auch nie davon, wie unbequem, wie gefährlich ihre Reisen sind.

Wenn ich sie darauf anspreche, ihr sage, dass sie langsam zu alt ist für diese Mätzchen, sich einen ruhigen Ort suchen, sich endlich niederlassen soll. Was antwortet sie?

  1. Ruhig sei es im Grab noch früh genug.
  2. Ein bisschen Abenteuer hat noch niemanden geschadet.
  3. Ich solle mich nicht in ihr Leben einmischen; es sei immer noch ihres.

Ach, was gäbe ich für einen Mann, jung oder alt, der sie endgültig halten kann! Nur wird keiner sich eine Frau wie meine Mutter antun! Nie, nie, aber sowas von nie…“

Ein Zug, dann wirft die Burschikose die Kippe in den Sand. Wieder fassen die Drei sich an den Händen.

Nein, nie, nie möchte ich wie meine Mutter sein. Niemals! Nie.

Sie werfen die Arme in die Höhe, lassen sich nach hinten in den Sand fallen. Träge bleiben sie liegen. An Aufstehen ist gerade nicht zu denken!  Drei Herzschläge später: „Es juckt und beißt“, beschwert sich plötzlich die Burschikose. Die Kluge lacht laut auf und lacht, hört nicht mehr auf. Bis die Große aufspringt, ihre beiden Freundinnen aufzieht: „Kommt! Wir gehen schwimmen“, fordert sie.

„Jetzt?“

„Wann sonst?“

Die Krebse flüchten schleunigst seitwärts trippelnd ins kühle Nass. Die Sterne dagegen funkeln weiterhin neutral, sogar als die drei Frauen nackt ins Meer waten. Ihr Blick wandert nur ein bisschen verschämt weiter zur einzigen Lichtquelle hinter dem Felsen in die Bucht. Drei Töchter lümmeln dort um ein Feuer, schon ziemlich lang. Jeden Muttertag das gleiche Lied! Sie warten.

„Was meint ihr? Sind die bald fertig?“, fragt die eine – zum wievielten Mal? Die andere zuckt mit der Schulter, kontrolliert ihr Handy. Noch immer kein Empfang. Und die dritte Tochter? Sie beobachtet noch eine Weile ihre beiden Leidensgenossinnen, plötzlich fängt sie an:

„Also, wenn meine Mutter einmal redet, findet die kein Ende. Sie kann…“

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