Nebiga

Die Hexen aus dem Moor: Ein Männer-Märchen

Hexen aus dem Moor

Ein Moor fordert seinen Tribut: „Wer seinen Fuß auf trüben Grund stellt, ist zu Recht verloren“ Genau dieser Gedanke beherrscht ihn jetzt, da er merkt, wie der Boden unter ihm nachgibt. Die Rettung wäre, auf den Weg  zurück zu springen, doch er kann den schmalen Pfad nicht mehr erkennen.

Hört er tatsächlich jemand im Nebel kichern? Er lauscht; der Sturm trickst ihn aus: War es Lachen oder das Rauschen der Blätter? Letzteres vermutlich, denkt er. Wieder versucht er, ein Bein aus dem wabernden Boden zu stemmen. Dabei sinkt das andere tiefer.

In Gedanken zählt er die Jahre…

Drei sind es – drei! Im August 2013 besiegelte er den Deal. Mit einem  Handschlag! Ist die Zeit tatsächlich so schnell vergangen? Rächt sich die Hexe aus dem Moor? Geahnt hat er, dass es so weit kommen würde, gefürchtet… nein, gewusst, dass sein Handel Folgen haben würde. Er kennt die Mär:

Plötzlich – zwei kalte, knöcherne Arme griffen nach ihm, legten sich um seinen Hals. Jan konnte sich nicht befreien und der Boden schien unter seinen Füßen immer mehr nachzugeben. Da schrie er aus Leibeskräften „Hilfe! – Hilfe!“ Aber es nutzte nichts, der Sturm zerriß sein Rufen in kleine Fetzen, niemand weit und breit, der ihn hätte hören können. Es ward ernst. Die Moorhexe war´s, die ihn fest im Griff hatte. Die drei Jahre Bedenkfrist waren rum und weil Jan nicht mit der jungen Hexenbraut auf dem Moor leben wollte, zog die Mutterhexe ihn mit sich hinab in die unergründlichen Tiefen des Moores ins Moorhexenreich.

Das Märchen von Jan Termöln un de Moorhexen erzählen sich gerade jene gern, denen das Moor Lebensinhalt ist. Es  dient ihnen in späten Stunden zur Unterhaltung; in ihren Wanderungen durchs Moor aber hat es noch eine andere Funktion: Es warnt vor den Naturmächten. Ja, vorsichtiger hätte er sein sollen: Die Geschichte hätte ihm Warnung genug sein, hätte ihn endgültig davon überzeugen sollen, wen er unter allen Umständen im Moor meiden muss.

Doch welcher Wissenschafter glaubt schon an Märchen…

Die alte Moorhexe hext im Teufelsmoor herum

Winterbaeume vor mooriger Felder und einem FlussAn jenem Tag im August als er der Moorhexe begegnete, leuchteten die nahe gelegenen Berge am  blauen Horizont. Ihm brannte die Sonne ins Gesicht. Er kniff die Augen zusammen, atmete die feuchte Luft, fühlte den Wind. Unbekümmert lachte sein Herz. Nichts Bedrohliches hatte das Moor, als er auf die Alte traf. Er dachte, ihm könne nichts auf der Welt schaden – entschloss sich,  auf diese einzugehen.

Seltene Funde versprach die Hexe aus dem Moor.

Das einzige, was er dafür tun müsste, wäre, ihre Tochter aus dem Hochmoor herum zu kriegen.

Er hatte schon so lange von Opfergaben aus alter Zeit geträumt! Von Zierrat, Töpfen und bronzenen Spangen im Torf. In seinem schönsten Traum grub er sogar eine Moorleiche aus. Deshalb hatte er auch die Bauern überredet, wieder mit dem Torfstechen zu beginnen. Gelockt hatte er sie mit den Worten: Gartenhäuser bezahlen gutes Geld für Torferde.

Er hatte nicht gelogen!

Die Moore Bayerns bergen so viele Geheimnisse. Nur einige davon aufzudecken würde ihn mit einem Schlag berühmt machen: Das  Bayrische Landesamt für Umwelt wäre sicherlich interessiert, ebenso das Biologie-, das Archäologie- oder das Geologie-Institut an der Ludwig-Maximilian-Universtät (LMU) oder das Moor- und Torfmuseum. So dachte er damals.

Und nun? Eiskaltes Wasser schwappt höher und höher. Seine Bewegungen verlangsamen sich, die Kälte kriecht mit dem Wasserspiegel, dringt tiefer durch die Haut, die Muskeln, bis auf die Knochen.

Hält die ganze Welt für dumm…

Rumkriegen, war das Wort, das er gebrauchte, als er in die Hand spukte. Den Deal mit der Hexe aus dem Moor besiegelte.

Rumkriegen konnte alles Mögliche heißen! Zwar hatte de oide Rutschn gejammert, keine Enkel zu haben. Dass auch Moorhexens Töchter Verpflichtungen hätten. Dass des Dirndl endlich heiraten sollte. Das ist wahr. Aber als er einschlug, sagte er Rumkriegen.

Er war gut darin! Was kümmerte ihn, wie die Tochter aussah? Einmal würde er die Augen schon zudrücken können.

Oamoi is koamoi, dachte er. Auch Trientje gegenüber… Trientje, seine verlässliche Freundin Trientje.

Unterstützte sie ihn nicht in Allem? Sie würde verstehen!

Im ersten Jahr: Ruhm, Geld und sowas wie Liebe

Im ersten Jahr lief alles gut: Er traf die junge Moorhexe noch im August auf der Rosenheimer Wies’n. Sie saß auf einer Holzbank, vor sich eine Mass. Kaum sah er sie, wusste er Bescheid. Trotzdem zögerte er überrascht. So a graisliche Matz war sie gar nicht: Rotes Haar, gertenschlank und blass – spitzbübisch, einem Kobold gleich. Er sprach sie an: So traurig allein?

Ihre Antwort wartete er gar nicht ab, zwängte sich zwischen sie und ihren Nachbarn. Jetzt nicht mehr, lachte sie.

Umgänglich fand er sie, einfach zu unterhalten. Er verbrachte mehr und mehr Zeit mit ihr, flirtete, machte sich ihr angenehm. Sie durchstreiften gemeinsam das Hochmoor, trafen sich in der Dorfkneipe. Am frühen Nachmittag, weil er es sich nicht mit den Mädchen aus dem Dorf verscherzen wollte. Auch nicht mit Trientje. So kamen sie sich näher und näher – es fehlte nicht mehr viel…

Eine Axt aus der Bronzezeit war sein erster Fund! Ziseliert, zweigeteilt, unbrauchbar – ein Kultgerät.

Wunderschön anzusehen.

Er zog sie aus dem Torf und wusste: Er war ein gemachter Mann.

Mit diesem Beil begann das Verhängnis.

Das zweite Jahr: Ein Meer der Tränen

Der Fund aus dem Moor brachte ihm erwartungsgemäß eine Festanstellung im Biologie- und eine Belobigung im Archäologieinstitut der LMU. Die Axt verhieß Ruhm. Sie verlangte aber auch Arbeit, wie alle anderen Funde auch: die Schmuckstücke, Kessel und Opfergaben. Er stürzte sich darauf. Je mehr Aufgaben er übernehmen konnte, desto weniger musste er darüber nachdenken, auf was er sich eingelassen hatte.

Er datierte sein Leben nach diesem ersten Fund. Es gab ein „Davor“ und ein „Danach“. Danach fühlte er sich ausgeliefert, machtlos und verkauft.

Was, fragte er sich, erwartete die junge Moorhexe, wenn er ihr zufällig über den Weg lief? Waren die Treffen im Marsch tatsächlich Zufall? Verfolgte sie ihn? Betrachtete sie ihn bereits als Eigentum? Lachte sie ihn aus, wenn er sie zu fliehen suchte? Andere Wege ging. Wenn sie sich trotzdem trafen; sie ihre Hand auf seinen Unterarm legte, war dies eine unaufgeforderte Einladung? Plante sie, ihn hinab zu ziehen? Gefangen zu nehmen? Seine Zukunft zu bestimmen?

Von nun ab wich er der jungen Hexe aus. Traf er sie versehentlich, erwähnte er Stress – die ungeheure Arbeitslast, die zusätzlichen Aufgaben im Institut. Ohne gefragt worden zu sein. Er warf ihr den Vielbeschäftigten vor die Füße, bevor er grüßte; glaubte damit, sein Abgelenktsein entschuldigen zu können. Glaubte, ihre Entäuschung fast körperlich zu spüren.

Was er jedoch vergaß zu erwähnen?

Er hatte Trientje gebeten, zu ihm zu ziehen. Zu seinem Schutz, so plante er… damit sie die Dorfmädchen von ihm fernhalte, sagte er. Die würden ihm nämlich zuviel. Die Bauern trugen weiterhin Torf ab, versorgten die Gartencenter – doch die Funde machten ihm bald keine Freude mehr.

Wenn er ehrlich ist – und wer ist das nicht im Angesicht des Todes? Wenn er jetzt also endlich ehrlich mit sich ist: Das schlechte Gewissen drückt, lähmt und würgt ihn seit dem zweiten Jahr.

Moor-See bei Sonnenaufgang, Bäume im HintergrundGrund war der See – der See am Hochmoor. Er wuchs langsam, hinter seinem Haus. Ein Meer aus Tränen, nannte ihn Trientje einmal. Das traf ihn im Innersten. Er wusste, dass seine Freundin recht hatte. So nahe dem Moor wächst ein See nur, wenn die dazugehörige Hexe weint.

Spätestens wegen dieses Sees war er sich sicher, dass er die junge Hexe aus dem Moor unglücklich machte. Eine Rückkehr zu den unbeschwerten Tagen mit ihr im Hochmoor waren unmöglich.

Nur nicht daran denken, war seine Devise. Verdrängen. Vergessen. Weitermachen. Das schlechte Gewissen begleitete ihn, verlangte mehr und mehr Raum. Es fror seine Schritte ein, hielt ihn fest umklammert. Sogar seine Fingerkuppen fühlten sich taub an. Er weigerte sich, andere zu berühren, vergrub sich in seiner Arbeit, ahnte, dass er auch Trientje verriet.

Schwieg. Flüchtete. Trank.

Im dritten Jahr: Düsteres, stilles Moor

Trientje war es bald leid, auf ihn zu warten. Sie suchte Arbeit. Ihm fiel es allerdings erst auf, als sich Tierleichen auf der Fensterbank sammelten: Die bläuliche Hülle einer Hochmoor-Mosaikjungfer, ein toter Moor-Gelbling, der Kadaver eines Moorfrosches.  Trientje schloß sich den Allgäuer Moorwelten an, ließ sich zur Moorführerin ausbilden. Sie spazierte im Sommer wie im Winter mit Touristen durch das Hochmoor, wusste plötzlich völlig unnütze Dinge, wie zum Beispiel mit welcher Geschwindigkeit Moore wachsen: 1 Millimeter pro Jahr, betonte sie.

Anfangs stellte sie noch Essen warm, später ernährte er sich von Döner und Asia Food. Er sah sie kaum noch und wenn, dann stritten sie.

In der Zwischenzeit wuchs der See hinterm Haus weiter. Manchmal erwischte er am Ufer Frauen aus dem Dorf. Auch sie weinten, füllten das Gewässer. Kaum aushalten konnte er es aber, wenn er von weitem die Moorhexe vorbeihuschen sah. Sie wich ihm aus, fand er. Im Moor traf er den Rotschopf kaum noch. Und wenn, war sie abwesend, beschäftigt – er empfand sie als abweisend.

Unverdaute Gedanken, halbvergorene Gefühle, verschwiegene Worte – das schlechte Gewissen umhüllte ihn. Im dritten Jahr erstickte es jede Regung. Er lebte von der Auswertung der alten Funde; die alte Hexe ließ ihn nichts mehr finden. Sie blieb stumm.

Er verdächtigte Trientje, andere Männer zu hofieren. Sie behauptete zwar, nur auf Versammlungen zu gehen. Gemeinsam mit den anderen Moorführern zu kämpfen! Jemand müsse sich stark machen für die Erhaltung der Moore, für die Renaturierung. Ballawatsch! Auf irgendeinen müsse sie stehen, sonst würde sie sich nicht so hineinknien.

Er brütete in seinem Büro. Sein eigenes Gewissen war ihm Grund genug, misstrauisch zu sein.  Seine größte Angst: Selbst seiner verlässlichen Trientje nicht mehr zu genügen.

Lacht sich schief und lacht sich krumm…

„Danach“ gab es natürlich auch ein paar schöne Momente: Stolz war er zum Beispiel auf seinen Ruf. Er könne übers Moor laufen , ohne davor Angst davor zu haben, in trügerischem Boden zu versinken, hieß es. Er folgte dem Licht der tanzenden Alten im Moor, verließ sich auf die Abmachung.

Wie heute eben auch…

Zur Strafe sinkt er, stetig: Das brakige Wasser reicht ihm mittlerweile bis zur Brust. Er steht still. Hofft, dass er das Sinken damit aufhalten kann.  Kurz nur, dann wird ihm klar: Richtig zu schaffen macht ihm die Kälte. Mit Eisnadeln bohrt sie sich bis auf die Knochen. Im Moor geht niemand völlig unter. Solche Geschichten gehören ins Reich der Legenden. Das Moor erstarrt seine Opfer, hüllt sie in Nebel und legt eine Decke aus Eis auf ihre Schultern. Diese Decke drückt die Gefangenen hinunter, macht zerbrechlich, winzig, hilflos – egal wie breit die Schultern sind.

Ihm wird plötzlich heiß.

Eingesunken zwischen Morast, halbverdauten Blättern, Zweigen und Tierresten steht er. Im Sumpf. Das wabernde Wasser gurgelt, schlägt Blasen, beginnt zu brodeln. Er schwitzt, zieht sein Hemd aus und wirft es zur Seite. Er sieht zu, wie es liegen bleibt, nicht versinkt. Ein Schritt und er wäre gerettet! Er schafft keinen Schritt mehr. Der blonde Hüne hat seine Stärke verloren. Schwach wie ein Kind fühlt er, wie sein Atem entweicht… seine letzte Kraft. Er fällt.

Das Moorlicht tanzt

  • Spinnst du, Mama?

Deutlich dringt diese Frage an sein Ohr. Träumt er? Sein Körper liegt wider Erwarten auf festem Grund.

  • Er hat uns betrogen!

Vorsichtig öffnet er die Augen. Neben ihm kniet Trientje, die blonde, schöne Trientje. Sie hält seinen Oberarm in festem Griff. Wo ihre Finger liegen, spürt er seine Muskeln. Sonst ist alles taub.

Drei Sonnenstrahlen bohren sich durch Nebelschwaden, bestrahlen zwei Gestalten – Schatten neben den Birken. Er schließt die Augen, öffnet sie wieder. Jetzt kann er den Rotschopf und die Alte ausmachen.

  • Betrogen? Wie das denn?

Bitte, denkt er. Nicht erzählen, nicht vor Trientje. Doch vergeblich: Die Alte lässt nichts aus. Er schielt verschämt zu Seite, windet sich.

Trientje runzelt die Stirn.

Moorlicht tinyUnd die Hexentochter aus dem Moor?

Die junge Hexe lacht…

  • Aber er ist attraktiv!

… lacht so herzlich, dass die Nebelschwaden ihren Vorhang heben, ein weiterer Sonnenstrahl blinzelt. Das Moorlicht tanzt.

  • Was, Mutter, soll ich mit einem, der sich im Moor verirrt? Angst vor seinen Gefühlen hat? Sie gar nicht benennen kann?

Er hält den Atem an. Die junge Hexe dreht sich ihm zu, als würde sie den fehlenden Hauch spüren. Sie blickt ihn nachdenklich an.

  • Warum hast du so spät geschrien, Jan? Der Sumpf verschlingt dich, wenn du die Augen vor ihm schließt!

Trientje räuspert sich. Der Rotschopf nickt der Moorführerin zu.

  • Gut, dass du mich gerufen hast! Er wird deine Hilfe wieder brauchen, wenn er sich verliert.

Verschwindet mit dem restlichen Nebel – wie ihre Mutter aus dem Niedermoor. Nur deren maulende Stimme weht noch nach:

  • Ewig Zeit hast du nicht, auch wenn du glaubst…

Er zittert jetzt – weiß allerdings nicht, ob vor Wut über seine Eitelkeit oder schlicht vor Erleichterung. Es braucht lange, bis ihn das Moorlicht wärmt. Bis Trientje fertig ist mit dem, was sie zu sagen hat.

Eine weitere Chance? Das müsse sie sich gut überlegen, meint sie. Erst sehen, wie er sich bewährt.

Morgens taucht er die große Zehe in den See

Seit diesem Tag wandert er jeden Morgen zum See. In der Hand hält er eine Tasse heißen Kaffees. Mit kleinen Schlucken wärmt er sich, taucht dabei seinen Zeh in den See. Die Wärme in seinen Handflächen gibt ihm Sicherheit.

Manchmal sieht er die junge Moorhexe. Sie weint… er grüßt. Meist lächelt sie zurück.

Es fühlt sich leicht an. Trientje hat es ihm erklärt: Traurig, sagte seine Freundin, traurig macht die Hexe nur das Sterben – das Sterben der Moore im Land. Er weiß, die Bauern zu überreden, das Torf nicht mehr abzubauen, wird dauern. Doch er kämpft dafür, an seiner Seite Trientje, die ein Auge auf ihn hat.

Sieht er den roten Schopf morgens aber im See schwimmen, denkt er schaudernd daran:

Wie kalt Wasser im Moor sein kann!

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