Barbara, die sich weigert
Nebiga

Die eine Barbara, die sich weigert

Barbara war nie „recht“. Das fing schon früh an. Ihr Vater Dioscuros konnte sich nicht mehr erinnern, wann, aber er wusste noch, dass sie ein wunderschönes und eigentlich verträgliches Baby gewesen war. Schön anzusehen fand er sie auch mit neun, aber …

Pferde sind nichts für dich, Barbara! Was schleichst du im Stall herum? Geh und hilf Mutter beim Kochen! Was heißt, du willst nicht? Ich habe es gesagt – und basta. Geh!

Eine Augenweide war sie mit elf, aber…

Was steckst du deine Nase schon wieder in die Schriften? Die sind nichts für dich. Davon bekommst du nur Falten… füll deinen hübschen Kopf mit Nützlichem. Stick etwas!

Wunderschön sah sie mit dreizehn aus, aber

Wo treibst du dich herum? Du hast nicht in die Stadt zu gehen? Was? Du diskutierst? Mit wem? Am Marktplatz? Hattest du jemanden mit? Nein? Bist du wahnsinnig? Du ruinierst meinen Ruf! Geh auf dein Zimmer! Zwei Wochen will ich dich nicht sehen!

Als fünfzehnjährige war sie die Schönste der Stadt, jeder junge Mann – und auch so mancher alte – renkte sich den Hals aus, als er ihr nachsah, wenn sie auf den Marktplatz lief, aber

Der Sohn des Apothekers hat um deine Hand angehalten. Was heißt, du willst nicht? Wir haben nicht ewig Zeit. Du wirst früh genug faltig und alt. Wie? Ich kann mir die Mühe sparen, einen Mann für dich zu suchen? Was, bitte, heißt das? Du heiratest! Wen ich will!

Heirat als Ausweg?

Mit 18 hatte sich nicht nur die Kunde von Babaras Schönheit über das ganze Land verbreitet, sondern auch ihr Ruf, alle Anträge abzulehnen. Was natürlich noch mehr junge und alte Männer in das Haus des Vaters trieb und noch mehr Streit brachte. Barbara ließ sich nicht erweichen.

Sie wolle nicht heiraten – nicht einen einzigen dieser Männer. Sie überlegte, Jesus zu heiraten. Und eines Tages teilte sie ihrem Vater ihren Entschluss mit.

Waaas? Ist das nicht der Jüngling am Holzkreuz? Dieses Kreuz, das die Christen anbeten? Bist du völlig übergeschnappt? Was für Unsinn redet dir diese Sekte ein? Diese Verrückten, diese Gotteslästerer! Dorthin gehst du nicht mehr. Ich verbiete es!

Doch selbst Väter lernen dazu. Da Dioscuros wusste, dass seine Tochter sein Verbot kaum einhalten würde, ließ er einen Turm bauen. Einen Turm ohne Türe, mit nur zwei Fenstern und sperrte sie ein.

Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen hast!

Barbara weiß, ihre Vernunft ist eine andere

Für ihren Vater „vernünftig zu sein“, da weigerte sich Barbara – und darüber hinaus: Sie fand einen Weg, sich taufen zu lassen, dem Turm beizukommen und zu fliehen. Ein Hirte verriet ihren Fluchtort – worauf ihr wahres Martyrium begann. Dieses endete damit, dass Dioscuros höchstselbst seine Tochter enthauptete.

Erleichterung brachte ihm weder die Quälerei noch seine schändliche Tat: Barbara verweigerte sich als Geschundene genauso wie als Tote. Sie wollte nicht „funktionieren“:

  • Ein Kirschzweig, den sie berührt hatte, begann mitten im Winter zu blühen.
  • Heuschrecken fraßen den verräterischen Hirten.
  • Den Vater tötete ein Blitz, genau nach seinem tödlichen Streich.
  • Die Menschen beten zu ihr und flehen um Schutz – und das über Jahrhunderte hinweg.
  • Ja, Barbara schlich sich sogar in den Volksmund, vor allem den süddeutschen:

Margaretha mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl.

Sind die Zweige der Barbara ein Zeichen der Rebellion?

In der römisch-katholischen Kirche beäugten Historiker Barbara ebenfalls skeptisch. Sie passte eigentlich nicht. Nicht unter die Heiligen.

Hatte sie tatsächlich gelebt?

Bekannt seien ja nur die Legenden, historisch nachweisen ließe sich nichts. So kritisierten die Heiligsprech-Experten den Status der rebellischen Barbara. Sie strichen deshalb im Zuge der Liturgiereformen des zweiten vatikanischen Konzils (1962-1964) die  heilige Barbara aus dem römischen Generalkalender.

Doch die Dame ist populär! Sie lässt sich nicht stillschweigend streichen. So beobachtet am 4. Dezember der Vorbeifahrende auch heute noch in manchen Regionen Vasen mit Zweigen im Fenster. Abends von einer Kerze beleuchtet.

Außerdem blieb Barbara die Schutzherrin der Architekten, der Glöckner, der Maurer, der Zimmerer – und all der anderen Bauarbeiter. Sie gewährt weiterhin als Patronin aller Berufe, die mit Feuer zu tun haben, ihren Schutz – auch der Artillerie.

Die Kirche wurde ihr einfach nicht Herr!

Ihr Gedenktag blieb daher in einigen Regionalkalendern erhalten: in Österreich zum Beispiel, in Polen, Portugal, Slowenien, Frankreich und Italien. Barbara wehrt sich weiterhin hartnäckig. Sie kämpft immer noch an vielen Fronten.

Warum lässt sie es nicht gut sein?

In Theorie… weil sie eine Andere ist, eine viel Ältere.

Es heißt, sie gehöre eigentlich zu den keltischen Göttern. Sie sei Borbeth, eine der drei Bethen.

Die Römer hätten ihr einfach einen anderen Namen gegeben:

„Barbara“ – die Ausländerin.

Beitragsbild: Saint Barbara of_Nicodemia - Jan van Eyck (1437)

 Tipp für den 4. Dezember

Im Mühl- und auch im Waldviertel, Österreich, steht ab 4. Dezember nahezu in jedem Haus ein Strauch aus Barbarazweigerl. Er soll spätestens am Christtag zu blühen beginnen.

Früher schlossen die Bauern daraus, ob es eine gute Ernte geben wird. Barbara zeigt aber mit den blühenden Zweigen auch, wer von der Familie im nächsten Jahr Glück haben wird: Dafür stellt man einen Zweig pro Familienmitglied in die Vase und schmückt ihn mit einem Wollfaden – für jedes Familienmitglied in einer anderen Farbe.

Macht euch heute also auch auf! Heut ist ein milder Tag – genießt euren Waldspaziergang! Nehmt eine Gartenschere mit und schneidet ein paar Zweige. Weicht sie über Nacht in Wasser ein und stellt sie in eine Vase.

Wie man sie schneidet und was es sonst zu beachten gibt, seht ihr im folgenden Video:

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