Adventskalender im Fenster
Leo Nerdette

Welcher Adventskalender passt zu uns?

Adventskalender…

Oh nein! Adventkalender… so ist es richtig.

Nie und nimmer!

Und das ist erst der Anfang. Wir haben noch nicht einmal die Angebote für den diesjährigen Redaktions-Adventskalender angeschaut, schon sind wir – die Redaktion, Nebiga und ich – mitten in der Diskussion. Beide Wörter bescheren uns bei näherer Recherche eine Riesenauswahl in der Suchmaschine, aber die Tendenz neigt sich gen Adventskalender mit Fugen-s. Gemeint ist das kleine s in der Mitte.

Der Grund: „Adventskalender“ nennen Deutsche wie Schweizer jenen Kalender, an dem im Advent täglich ein Fenster/Türchen geöffnet werden darf. Nur die Österreicher fügen zwischen t und k kein s ein.

Niemals?

Na ja, bei Christkindl jedenfalls auch nicht.

Eigentlich zwängt Homo Austriacus das s immer gern dazwischen: Bei der Zugsverspätung genauso wie beim Schweinsbraten…

  • nur beim Adventkalender – da nicht.

Wie der Adventskalender sich durchsetzte

AdventskalenderWir vermuten, das hängt damit zusammen, dass Anfang des 19. Jahrhunderts die Evangelische Buchhandlung Friedrich Trümpler in Hamburg zum ersten Mal einen Adventskalender druckte. Und damit, dass der Münchner Verleger, Gerhard Lang, mit seinem 1903 gedruckten Kalender Im Lande des Christkinds als der Begründer des Adventskalenders gilt. Ein Jahr später veröffentlichte dann die Stuttgarter Zeitung einen Adventskalender – und schuf auf diese Weise ein saisonales Phänomen für den Massenmarkt.

Der Brauch, bebilderte oder später sogar mit Schokolade gefüllte Druckprodukte in den Räumen aufzuhängen, kommt demnach aus Deutschland. Er eroberte in konzentrischen Kreisen die deutschsprachigen Länder. Wer seine sprachliche Eigenständigkeit also bewahren wollte, musste den Brauch umbenamsen. Auch wenn es bedeutet, ein s weglassen zu müssen.

Zählhilfe in der Fastenzeit

Die protestantischen Haushalte waren diejenigen, die begannen, die Tage bis Weihnachten mithilfe einer Art Kalender zu zählen. Zunächst hängten die Lutheraner 24 Bilder nach einander an die Wand oder bastelten ihren Kindern Papierschächtelchen, die sie mit Plätzchen füllten.

Ein Schächtelchen, ein Plätzchen pro Tag – aber sonst mussten die Kinder in der Adventszeit genauso fasten wie die Erwachsenen.

Andere malten 24 Kreidestriche an die Tür. Die Kinder durften  täglich einen davon wegwischen.

Strohhalme dagegen waren der Katholiken Ding: Sie legten 24 Halme in die Krippe; abgezählt, damit sie täglich einen entfernen konnten. Das war etwas Besonderes, denn die Tage zur Vorweihnachtszeit waren ausgefüllt: Man schuftete sowieso von morgens bis abends, doch im Advent kam noch die Vorbereitung dazu.

Das Zählen der Tage war daher oft das einzige kurze Innehalten des Tages. Ein Moment der Vorfreude. Kinder wie Erwachsen dachten daran, wofür sie all die Mehrarbeit auf sich nahmen.

Christi Geburt – ja.

Aber in ihren Köpfen entstanden auch die Bilder von Gänsebraten, Rotkraut, von Kuchen, Klößen, Knödeln und Kekserl/Plätzchen.

Schuld waren natürlich ihre vom Fasten darbenden Bäuche. Die Gläubigen träumten wegen ihnen  davon, in sich hineinstopfen zu können, was sie die Tage schlachteten, schnitten, rührten, kochten, brieten, backten und verzierten.

Warum hält sich der Brauch heute noch?

Na ja, so alt ist er jetzt auch wieder nicht.

Das nicht, aber hast du schon mal gepinterestet? Oder bei Amazon nachgeschaut? Adventskalender sind überall! Es gibt kein Entkommen!

Bei Amazon zum Beispiel findet der Suchende die Adventskalender sogar in Rubriken eingeordnet, weil man sonst den Überblick verliert:

  • Schokolade und Süßigkeiten, einmal für Kinder und einmal für Erwachsene;
  • Beauty, natürlch mit Schönheitsprodukten für SIE und IHN,
  • Tee und Getränke
  • Gewürz- und Schlemmerkalender
  • Geschichten und Bilder für Groß und Klein
  • Erotik
  • Schmuck
  • Spielzeug
  • Alkoholische Getränke
  • Knabberkalender
  • Zum Selbstbefüllen
  • für Heimwerker

100 Jahre und wir können Adventskalender mit allem befüllt kriegen, was es so gibt.

adventskalender selbst gebastelt

Und für die Selbstbastler (Pinterest) gibt’s die Utensilien als Fülle noch in extra Rubriken dazu.

Adventskalender sind so hipp wie eh und je! Wir wollen nicht darauf verzichten, genauso wenig wie auf Weihnachten, auch wenn man selbst vielleicht gar nicht gläubig ist.

Das liegt an der Nostalgie. Wir wünschen die Harmonie herbei.

A geh! Die gibt’s eh nicht! Am meisten wird zu Weihnachten g’stritten!

Heißt es zumindest. Aber nicht im Advent, im Advent nicht! Da ist noch Ruhe.

Jeder Tag ein Erlebnis

Bei Gerhard Lang – damals – bestand der Adventskalender noch aus einem Bogen mit 24 Bildern zum Ausschneiden und einem Bogen mit 24 Feldern zum Aufkleben. Damit den Kinder die Zeit bis zum Weihnachtsabend nicht so lang wird, sollten sie jeweils ein Bild ausschneiden und in ein Feld kleben.

Und wenn sie schon dabei waren, konnten sie gleich

  • die Strohsterne basteln, die noch fehlten.
  • die Großmutter anbetteln, dass sie noch eine Geschichte erzählte.
  • den Apfelnikolo und den Zwetschenkrampus basteln.
  • die Bilder malen, die sie schenken wollten.
  • die Kekse verzieren, die Muttern buk.

Jedes Fenster, jedes Türchen barg eine Reihe von Möglichkeiten, von Erlebnissen und von Erinnerungen, die der Familie blieben. Sie waren nicht bloß Schokolade.

Sie waren gemeinsam verbrachte Zeit.

Ein Adventskalender mit Schokolade kommt für die Redaktion also nicht infrage?

Nee.

Genauso wenig wie der Pfeffer- und Salz-Kalender für Gourmets nehm‘ ich an – und auch nicht der Nagellack-Adventskalender mit 24 Trendfarben.

Richtig. Wenn du mich fragst… wir können uns eh nicht für einen gekauften entscheiden. Am besten wir machen uns den Kalender selbst!

Und wie?

Das siehst du am 1. Dezember! Hier im Blog.

Schau rein!

smiley

 

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Alpträume der Baba Jaga
Nebiga

Warum Baba Jaga Albträume hat

Gut, dass Baba Jaga so zurückgezogen lebt! Schon vor langem ihr Hüttchen auf Hühnerbeinen noch tiefer zwischen die Bäume hineingetrieben hat. Dorthin, wo der Wald so dicht und dunkel ist, dass man die Hand vor den Augen und die Füße auf dem Weg nicht sieht.

Hätte sie nicht so früh Maߟnahmen ergriffen, müsste sich Baba Jaga jetzt gegen Anhänger wehren. Gegen „Fäns“ oder „Followers“, die in Bussen zu ihr pilgern; sie zwecks tiefsinniger Prophezeiungen löchern und Heilsalben von ihr fordern.

Sie müsste tagtäglich Menschen riechen, besonders aber an den Wochenenden. Diese stünden Schlange, um „Großmütterchen“ zu sehen.

Großmütterchen, ha!

Und Baba dürfte keinen fressen; müsste die vom verlockendem Menschenduft geblähten Nasenlöcher freundlich kräuseln und sich den Fragen widmen. Den Nerv tötenden Fragen über die Zukunft der Welt, das Liebesglück einzelner oder die Anzahl der Jahre ihrer armseligen Leben.

Als interessierten die weise Alte Nichtigkeiten wie diese… Wie ein Krieg ausgeht zum Beispiel, ob das eine Land mehr Recht hat zu siegen als das andere, wer die kommende Wahl gewinnt und wie lange voraussichtlich jemand an der Macht bleibt.

Schwesterchen Wanda aus Petrich, Bulgarien

Baba-VangaIn Petrich, Bulgarien, zum Beispiel war eine ihrer zwei Schwestern, eine der drei Babas in der Welt, tatsächlich mit der Frage nach Spielergebnissen der Nationalmannschaft konfrontiert worden: Ein Schnauben war das einzige gewesen, was der Wahrsagerin solche Dummheit wert war.

Danach hatte es gleich geheiߟen, zwei Mannschaften mit B würden es ins Finale der Weltmeisterschaft 1994 schaffen. Dass die Bulgaren dann im Viertelfinale gegen Italien verloren, entäuschte die hohen Erwartungen.

Sterbliche interpretieren, manipulieren und machen auch nicht vor Mythen und uraltem Wissen halt. Wenn aber nicht hält, was sie sich versprochen haben, fühlen sie sich von der Wahrsagerin verraten anstatt von ihren Schlussfolgerungen.

Das erwartet heute eine gute Hexe

Baba und ihr neues Haus

  • Heute hätte Baba Jaga Umsatzsteuer auszuweisen, einen eigenen Registereintrag und eine Website.
  • Vor ihrem Haus, einem, das extra für sie gebaut worden wäre, würde eine Frau Heilsalben, natürliche Kosmetikas und Fläschchen mit Kräutertinktur an Touristen und Ratsuchenden verkaufen. Diese Frau säße Tag für Tag auf der Stufe, ohne im Geringsten zu ahnen, wie ihr Menschenduft den Appetit der ach so liebenswürdigen, harmlosen, alten Kräutersammlerin im Haus anregt.

Liebenswürdig? Harmlos? Blind sind sie, die Menschen! Viel blinder als die Babas selbst.

Die meisten Menschen erkennen nicht, wer Baba Jaga tatsächlich ist, bemerken die Totenschädel mit den glühenden Augen in ihrem Garten nicht, obwohl diese Tag und Nacht leuchten.

Ach, die Ahnungslosen!

  • Auf Youtube-Videos würden Vorhersagen, die angeblich von ihr stammen, im Wortlaut weiterverbreitet, kommentiert und zur Auslegung der vielgerühmten Schwarmintelligenz vorgelegt.
  • Sie müsste ungezählten Selfies beiwohnen, die dann mithilfe von Suchmaschinen weltweit aufzufinden sind.
  • Ihre Lebensgeschichte hätten geschäftstüchtige Männer verfilmt. Im Fernsehen würden Politiker mit ihr auftreten. Hitler war angeblich bei Baba Wanda gewesen – und Todor Schivkov, lange Jahre Diktator Bulgariens, zählte zu den „Stammkunden“.

Aufdringlicher, hinterlistiger, verbissener Mann!

Kein Wunder, dass Schwesterchen Wanda sich zum Sterben hingelegt und ihre Seele lieber nach Frankreich geschickt hatte. Sie wußte, dort würde einmal ein Kind geboren, blind, wissend, eigenartig – eine alte Seele.

Wer Baba Jaga heute sucht…

Baba Jagas NachtWer 2017 Baba Jaga um Rat fragen will, muss in die Stille gehen. Das Smartphone ausschalten. Es kann den Weg sowieso nicht leuchten.

Wer sie sucht, muss sich jeden Schritt in Dunkelheit ertasten. Die Weise hat sich rar gemacht, dreht ihr Hüttchen nur noch, wenn es dreimal klopft: von der Liebe, von der Seele – und vom Tod. Der Weg zu Baba Jaga ist also beschwerlich, sie duldet keine Ablenkung.

Und es ist der Alten egal, ob es gefällt oder nicht. Bei ihr gibt es sowieso keinen Empfang.

Titelbild von Viktor Vasnetsov

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Die Hexe Baba Jaga
Nebiga

Wer ist sie, die Hexe Baba Jaga?

Baba Jaga, sagen die einen, ist eine Hexe. So einfach ist das. Nur ist sie anders als alle Anderen. Das fängt damit an, dass sie keinen Besen fliegt. Besen sind zum Fegen. Und damit basta.

Wenn sie sich schon fortbewegen muss, dann bitte bequem in einem Mörser sitzend, nicht auf einem Holzstab, der zwischen den Beinen zwickt. Ihr Fluggefährt dirigiert sie mit dem Stößel; sie braucht ein Ruder – Mörser fliegen einfach drauflos oder trudeln im Kreis, wenn niemand ihnen sagt, wo es lang geht..

Ihre Hütte: Wo es richtig gemütlich ist

Die Hütte der Baba Jaga Sie verlässt ihre Hütte mitten im Wald nicht gern. Wozu auch?

Einmal steht ihr Hüttchen auf Hühnerbeinen. Damit kann sie so weit fort gehen, wie sie will. Nur will sie meistens nicht. Ihr gefällt der dichte Wald schon ganz gut, wenn er auch mehr und mehr mit diesen Russen bevölkert ist. Überall sind Menschen, riechen verlockend. So gerne würde sie die fressen. Aber mittlerweile sind es viel mehr als sie verdauen könnte.

Vasilia im Garten der Baba Jaga

Trotzdem stecken in ihrem Garten ihre ganz eigenen Rosenkugeln. Statt der Kugel an der Spitze hat sich Totenschädel angebracht. Trophäen aus einer alten Zeit. Die Augenhöhlen glühen, geben Feuer und Licht.

Menschen verpesten überall die Luft. Am schlimmsten sind die christlichen Priester, diejenigen, die den alten Glauben zunichte machen. Vor allem den Glauben an sie. Und diese Priester hinterlassen an allen Ecken und Enden ihre Klöster, ihre Kirchen, ihre Ideen.

Baba Jaga lebt in slawischen Märchen

Sie ist das, was sie immer war: eine schillernde Figur. Eine mit vielen, in den bekanntesten Märchen aber eine mit besonders häßlichen Gesichtern: Ihre Lippen hängen bis zum Kinn. Die Nase wächst lang und krumm, dicke, schwarze Warzen verunstalten ihre Wangen. Eisernen Zähne blitzen.

Wen dieses Bild wenig schreckt, den inspiriert sie. Sie ist Wolke, Mond, Tod, Winter, Schlange, Vogel, Pelikan oder Göttin der Erde…

Ist sie böse? Ist sie gut?

In den Geschichten, die über sie in Umlauf sind, zeigt sie, dass sie beides kann. Wer zu ihr kommt, muss vor allem arbeiten können, muss loyal und ehrlich sein. Aber auf keinen Fall unterwürfig!

Nichts haßt sie so sehr wie Menschen, die sich selbst nicht vertreten können.

der Ritt der Baba Jaga

Wer macht von so einer Schreckschraube schon ein Porträt? Da muss schon ein Mann her, der schon vor langer Zeit ausgezogen war, um das Fürchten zu lernen. Ein Mann wie Iwan Jakowlewitsch Bilibin, am 16. August 1876 geboren, 1942 gestorben. Er zog aus, Baba Jagas Welt zu malen. Gelungen sind ihm die schönsten Märchenbücher der Jahrhundertwende.

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Auf der Suche nach Wahrheit
Leo Nerdette

Wer sich heute auf die Suche begibt…

Die Suche nach Wahrheit? Wer sucht heute noch nach Wahrheit?

In den Tagen von #Fakenews weiß keiner mehr, was wahr ist: Derjenige, der am lautesten schreit, bekommt Recht. Derjenige, der mächtig ist und seine Interessen mit allen Mitteln – auch mit Lügen – durchsetzen will, bestimmt.

Dieser Mechanismus funktioniert zurzeit in Ungarn, in der Türkei, in Syrien, in den USA… überall dort, wo sich totalitäres Denken durchzusetzen beginnt.

Plötzlich tauchen Begriffe auf wie „postfaktisch“, wie „alternative Perspektiven“ oder „Tatsachen mit Spielraum“.

Wahrheit… die eine Wahrheit gibt es nicht, sagen die Leute. Es kommt eben auf die Perspektive an, aus der man etwas sieht. Es gibt so viele verschiedene Sichtweisen… wer kann schon wissen, was wirklich wahr ist? Wozu also sollte ich mir die Mühe machen, es herauszufinden.

Jeder, der so argumentiert, vergisst diejenigen, die sich tatsächlich auf die Suche nach einer möglichst allgemein gültigen Wahrheit begeben. Menschen, die ihr Leben dafür geben. Für etwas, das bloß ein Konstrukt ist – aber eben ein gültiges – Menschen, die sich auf die Suche nach Wahrheit machen.

Und sie bezahlen teuer, damit wir diese Wahrheit bekommen.

Wieviel Angst kostet Wahrheit?

Als sich die Lifttüre öffnete, entdeckte die Nachbarin ihre Leiche. Zwei Kugeln steckten in der Brust, eine in der Schulter und eine im Kopf.

Anna Politkovskaja rechnete mit ihrer Ermordung. Sie hatte Angst, lebte ständig mit ihr.

2005 sagte sie auf einer Konferenz zur Pressefreiheit:

Manchmal zahlen Menschen mit ihrem Leben, wenn sie laut sagen, was sie denken; manchmal sogar, wenn sie mir Informationen weitergeben. Ich bin nicht die einzige, die in Gefahr ist.

2001 floh sie zum ersten Mal aus Angst nach Wien: Ein Polizeibeamter wollte Rache nehmen. Politkovskaja hatte ihn beschuldigt, für Gewalttaten in Tschetschenien verantwortlich zu sein.

Lange hielt es sie jedoch nicht; sie kehrte wenige Monate später wieder nach Moskau zurück.

Trotz der Bedrohung… trotz der Angst um ihr Leben. Trotz der Anschläge, die sie überlebt hatte.

Ihre Freunde sprechen von mindestens neun.

Sie hätte sich ihr Leben leichter machen können: Als US-amerikanische Staatsbürgerin hätte sie sich eigentlich nicht darum kümmern müssen, wie Russlands Wahrheit aussieht.

  • Was also trieb sie zurück?
  • Was ließ sie im Gegensatz zu vielen anderen keine „Wahrheit“  akzeptieren, die einem Großteil der Betroffenen die Stimme nimmt?

Wie Demokratie erlischt

In ihrem posthum erschienen Russischen Tagebuch macht Politkovskaja den Anfang vom Ende an einem Ereignis fest. Ihr gilt es als das Ende der Demokratie in Russland: Die Geiselnahme von Beslan.

beslanb_2007_09_01Am 1. September 2004 um 9:30 Uhr stürmte eine Gruppe von Geiselnehmern die Mittelschule Nr. 1, in der Schüler im Alter von sieben bis 18 Jahren unterrichtet wurden.

Der 1. September ist in ganz Russland Schulbeginn, an dem die Erstklässler in Anwesenheit der Eltern und zukünftigen Mitschüler feierlich begrüßt werden. Oft kommen ganze Familien, um der Zeremonie beizuwohnen.

Drei Tage später beendeten russische Einsatzkräfte die Geiselnahme, indem sie das Gebäude stürmten. Dabei starben Kinder wie Erwachsene. Soweit lässt sich sagen, dass sich die Darstellungen gleichen.

Dann aber begann ein mühsames Ringen, um das, was wa(h)r.

Politkovskaja machte sich auf, Hintergründe zu erfahren. Sie wollte zeigen, was bevorsteht, wenn sich autokratische Machtmenschen politisch durchzusetzen verstehen.

Nur eine gründliche Suche zählt

Der Journalistin war bewusst: Sie würde nicht annähernd an die Wahrheit herankommen, wenn sie in ihrem Moskauer Büro blieb und offiziellen Kundmachungen lauschte.

Sie brach auf – mit drei harten Broten, drei Wanderstecken und drei Paar eisernen Schuhen, wie es in einem der beliebtesten russischen Märchen heißt, dem Märchen Das Federchen des Finist Hellfalke. In ihm sucht das schöne Mädchen ihren Geliebten Finist – den Phönix, der alle 500 Jahre aus der Asche wiedergeboren wird.

Für Politkovskaja bedeutete diese Suche vor allem Recherchearbeit vor Ort:  Jedes noch so kleine Stückchen Information offizieller Stellen musste überprüft werden.

  • Waren es nun 130 (offiziell) oder doch über 1000 Geiseln, wie Zeugen berichteten?
  • Die Anzahl der Geiselnehmer schwankte erheblich, man einigte sich schließlich auf mindestens 32.
  • Waren tatsächlich Araber unter ihnen, wie Armee und OMON-Spezialeinheiten durchsickern ließen?
  • Oder waren es ausschließlich Tschetschenen, wie die Betroffenen behaupteten.
  • Sogar die Zahl der Toten war umstritten: 331 nannten die Behörden, 394 wurden allein in einem Krankenhaus gezählt, 900 vermuteten Hilfsorganisationen.

Politkovskajas Ohr galt dem Erlebten

Was Politkovskaja für all jene, die behaupteten, die Wahrheit zu kennen, so gefährlich machte, war ihr Wissen darum, dass diese behauptete Wahrheit ohne die Stimme der Betroffenen gar nicht wahr sein kann; dass behauptete Tatsachen auch das Skelett für ein anderes Konstrukt – der Propaganda – bilden können.

Sie hörte Müttern zu, die ihre Kinder verloren hatten, Vätern, die mit diesen weinten; spürte die Trauer, die Angst und die Wut über die Verdunkelungstaktik der zuständigen Behörden. Diese Eltern wollten wissen, wie ihre Kinder gestorben waren. Doch die Behörden speisten sie mit Worthülsen ab.

Die Wahrheit stand auch für Politkovskaja nicht unveränderlich und absolut da.

Aber es gehörten Fixpunkte dazu, die nicht beiseite gewischt werden konnten: Geschehnisse in Russland, die zur Geiselnahme geführt haben. Verantwortlichkeiten. Zusammenhänge und auch aufgestaute Gefühle. In Tschetschenien, im ganzen Land.

All das versuchte die Journalistin zu benennen, in Worte zu fassen, um ihre Wahrheit möglichst wahr werden zu lassen. Wohl wissend, dass wir, die Leser, dem Gesagten nur vertrauen können, wenn sie ihre Arbeit gut machte. Ihr Phönix sollte nicht so schnell wieder sterben!

500 Jahre Leben wollte sie ihm geben.

Ihr eigener Tod ist dazwischen gekommen.

Und Finist?

Finist ist endgültig davon geflogen

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Nebiga

Auf der Suche nach Finist Hellfalke (III)

Hütte_der_Baba_Jaga_russ_BilderbuchSie geht durch Urwald, sie schreitet über Baumstümpfe und Klötze. Schon nutzen sich die Eisenschuhe ab, ein Krückstock ist zerbrochen, ein Opferbrot ist verschluckt, doch das Mädchen wandert immerzu und läuft, und der Wald wird immer schwärzer, immer dichter. Plötzlich sieht sie eine Hütte auf Hühnerbeinen, die sich unaufhörlich dreht.

Das Mädchen spricht: „Hüttlein, Hüttlein! Stelle dich mit dem Rücken zum Wald, mit der Vorderseite zu mir!“ Die Hütte dreht sich mit der Vorderseite zu ihr. Sie stieg hinein und darin lag die Baba-Jaga, von einem Winkel in den andern, die Lippen im Bett, die Nase nach der Zimmerdecke.

„Fu, fu, fu! Früher hätte ich den Hauch eines Russen nicht mit den Augen sehen, mit den Ohren nicht hören können; aber heute wandert der russische Atem in der weiten Welt umher, zeigt sich dem Gesicht und steigt in die Nase. Wohin des Weges, schönes Mädchen? Kommst du in Schweiß oder mit Fleiß?“

„Großmütterchen, bei mir war Finist Hellfalke mit den bunten Federn. Meine Schwestern taten ihm Böses. Ich suche immerfort den Finist Hellfalke.“

„Da kannst du lange laufen, mein Kindchen! Da musst du noch dreimal neun Länder durchwandern. Finist Hellfalke mit den bunten Federn wohnt im dreimal neunten Zarenreich, im dreimal zehnten Reich und hat sich schon um eine Zarentochter beworben.“

Die Baba-Jaga gab dem schönen Mädchen zu essen und zu trinken und legte es schlafen. Doch am Morgen, als das Licht eben zu flimmern anfing, weckte sie es.

Sie gab der Schönen Geschenke, einen silbernen Schemel und eine goldene Spindel, und sprach: „Nun zieh zu meiner mittleren Schwester, sie wird dich gut belehren. Nimm dann noch meine Geschenke, den silbernen Schemel und die goldene Spindel. Fängst du an, den Flachs zu spinnen, so wird der goldene Faden sich ausziehen. Wenn du das dreimal neunte Zarenreich, in das dreimal zehnte Herrenreich kommst, bis an das blaue Meer, so wird die Braut des Finist Hellfalke ans Ufer lustwandeln kommen. Du aber spinn‘. Die Zarentochter wird dir mein Geschenk abkaufen wollen. Nimm ihr nichts ab; nur bitte sie, Finist Hellfalke einmal sehen zu dürfen.“

schafwolleDarauf nahm die Jaga einen Wollknäuel, warf es auf den Weg und hieß das Mädchen ihm zu folgen. „Wohin das Knäuelchen läuft, dahin nimm auch du deinen Weg!“ Das Mädchen dankte der Alten und ging hinter dem Knäuel hinterher.

Wieder ging das Mädchen durch den dunklen Wald, weiter, immer weiter, und der Wald wird immer schwärzer und dichter: mit den Wipfeln ragt  er bis in den Himmel hinein. Über kurz oder lang nutzten sich die zweiten Eisenschuhe ab, der zweite Krückstock ist zerbrochen, dazu ist das steinharte Opferbrot verzehrt. Schließlich rollt das Knäuelchen zu einer Hütte.

Fu, fu, fu, früher hätt‘ ich

Die Hütte steht vor dem Mädchen auf Hühnerbeinen und dreht sich unaufhörlich.

Das schöne Mädchen spricht: „Hüttelein, Hüttelein! Dreh dich zum Wald mit dem Rücken, zu mir mit der Vorderseite. Ich will in dich hineinklettern, um Brot zu essen.“

Die Hütte hörte darauf, drehte sich mit der Rückseite zum Wald, mit der Vorderseite aber zu dem Mädchen. Sie klettert hinein, und auf dem Ofen liegt auf neun Ziegelsteinen die Baba-Jaga mit dem knöchernen Fuß, die Lippen im Bett, die Nase gegen die Zimmerdecke gestreckt.

„Fu, fu,fu, früher hätte ich den Hauch eines Russen mit den Augen nicht wahrnehmen, mit den Ohren nicht bemerken können, aber heute wandert der russische Atem in der weiten Welt umher, zeigt sich dem Gesicht und steigt in die Nase. Wohin des Wegs, schönes Mädchen? Kommst du in Schweiß oder mit Fleiß?“

Antwortet das Mädchen: „Großmütterchen, bei mir war Finist Hellfalke mit den bunten Federn. Meine Schwestern taten ihm Böses an. Nun suche ich immerzu Finist Hellfalke.“

„Oh, Mädchen, Mädchen, schon will sich dein Finist vermählen! Heute ist der Brautführer bei ihnen“, sagte die Baba-Jaga. Sie gab dem Mädchen zu essen und zu trinken und legte es schlafen. Aber am Morgen, noch war die Sonne nicht einmal aufgegangen, weckte sie es und gab der Schönen ein gutes Geschenk: eine silberne Schüssel und ein goldenes Ei. Dann sagte sie: „Nun wandere zu meiner ältesten Schwester, sie wird dich gut belehren. Nimm mein Geschenk, das silberne Schüsselchen und das goldene Ei. Wenn du in das dreimal neunte Zarenreich, in das dreimal zehnte Herrenreich kommst, an das Ufer des blauen Meeres, wird die Braut des Finist Hellfalke herauskommen und am Strand lustwandeln. Du aber rolle das Ei nach der Schüssel. Die Zarentochter wird dir mein Geschenk abkaufen wollen. Doch du darfst ihr nichts abverlangen, sondern bitte nur, Finist Hellfalke mit den bunten Federn einmal anschauen zu dürfen.“

Das Mädchen dankte der Alten, seufzte und ging wieder hinter ihrem Knäuel einher.

Wieder wanderte das schöne Mädchen weiter durch den dunkeln Wald, immer weiter. Und der Wald wird immer schwärzer und dichter, bis in den Himmel ragt er mit seinen Wipfeln. Über kurz oder lang ist das dritte Paar Schuhe abgetragen, der dritte Stab zerbrochen, das letzte Weihbrot verschlungen. Schließlich lief das Knäuelchen zu einer Hütte. Die steht vor dem Mädchen auf den Hühnerbeinen, dreht sich unaufhörlich.

Ruft das Mädchen: „Hüttlein, Hüttlein! Dreh dich mit dem Rücken zum Wald , mit der Vorderseite zu mir. Ich will in dich hineinklettern, um Brot zu essen.“

Die Hütte gehorchte und drehte sich mit dem Rücken zum Wald, aber mit der Vorderseite zu dem schönen Mädchen. In der Hütte lag wieder eine Baba-Jaga mit dem knöchernen Fuß, von allen dreien die älteste.

„Fu, fu, fu! Früher hätte ich den Hauch eines Russen mit den Augen nicht schauen, mit den Ohren nicht bemerken können; aber heute wandert der russische Atem in der weiten Welt umher, zeigt sich dem Gesicht und steigt in die Nase. Wohin des Wegs, schönes Mädchen? Kommst du in Schweiß oder mit Fleiß?“

Antwortet das schöne Mädchen: „Bei mir war Finist Hellfalke mit den bunten Federn, Großmütterchen. Meine Schwestern taten in Böses an. Da flog er von mir, weit  fort über das ferne Meer, hinter die hohen Berge, in das dreimal neunte Zarenreich, in das dreimal zehnte Herrenreich. Immerfort suche ich Finist Hellfalke.

„Ach, Mädchen, Mädchen, dein armes Köpfchen! Schon vermählt er sich im Zarenreich“, sagte die Baba Jaga. Sie gab dem Mädchen zu essen und zu trinken und legte es schlafen. Aber am Morgen, noch waren die Sterne am Himmel nicht erloschen, weckte sie es und gab der Schönen ein gutes Geschenk: einen goldenen Stickrahmen und eine Nadel. Dann sprach sie:  „Viel Zeit hast du nicht mehr. Spute dich! Hier hast du ein Geschenk von mir, einen goldenen Stickrahmen und eine Nadel. Du brauchst nur den Rahmen zu halten, dann steht die Nadeln von selbst. Bist du im dreimal neunten Zarenreich, inm dreimal zehnten Herremreich, so setze dich an das blaue Meer, die Zarentochter, mit der sich Finist Hellfalke vermählt hat, wird zu dir herauskommen und wird dir den Stickrahmen und die Nadel abkaufen wollen. Doch du, meine Schöne, verlange ihr nichts ab, sondern bitte nur, Finist Hellfalke mit den bunten Federn einmal anschauen zu dürfen.“

Das Mädchen dankte der Alten und ging hinter ihrem Knäuel einher. Dam Zieler Wald wurde immer lichter und lichter. Da breitete sich plötzlich das blaue Meer frei und schrankenlos vor ihr aus, und dort in der Ferne erkannte sie die goldenen Giebel des hohen weißsteinigen Palasts.

Nacherzählt aus: Russische Märchen. Nach den Einzelausgaben der Kaiserlichen Druckerei in St. Petersburg aus den Jahren 1901-03, ed. Dr. Martin Löpelmann. Deutsche Buchgemeinschaft Berlin.

 

 

Nebiga

Das Purpurblümchen und Finist Hellfalke (II)

Die Tochter schloss sich in der Giebelstube ein und setzte das Purpurblümchen in Wasser. Sie öffnete das Fenster und schaute in die Ferne.

Woher er auch gekommen sein mag, plötzlich flog über ihr Finist Hellfalke mit den bunten Federn, flatterte durch das Fenster hinein und wurde ein junger Mann. Das Mädchen wäre fast erschrocken, aber dann, als er mit ihr sprach, da wurde ihr  fröhlich und heiter ums Herz. Bis zur Morgendämmerung unterhielten sie sich. Aber als es zu tagen begann, küsste Finist Hellfalke mit den bunten Federn das Mädchen und sprach: „Jede Nacht, wenn du das Purpurblümchen ans Fenster stellst, werde ich zu dir fliegen, meine Geliebte. Und hier hast du ein Federchen aus meinen Flügel. Wenn du irgendeinen Schmuck brauchst, geh hinaus zu der kleinen Treppe, und wenn du es nach der rechten Seite schwenkst, so erscheint im Nu vor dir alles, wonach dir verlangt.“ Er küsste sie noch einmal, verwandelte sich in den hellen Falken und flog hinter den dunklen Wald. Das Mädchen schaute ihm nach, machte das Fenster zu und legte sich schlafen.

Von der Zeit an kam er jede Nacht, sobald sie das Purpurblümchen an das geöffnete Fenster gesetzt hatte.

russianeasterEs wurde Ostern. Man läutete die Glocken in der Kirche. Die älteren Schwestern schickten sich an, zum Mittagsgottesdienst zu gehen. Sie putzten sich mit ihren neuen Sarafanen, holten ihre Taschentücher hervor, legen die goldnen Ohrringe an und machten sich über die jüngere Schwester lustig. „Na, du Schlaukopf, was ziehst du an? Du hast auch gar nichts an neuen Sachen! Bleib zu Hause sitzen mit deinem Blümchen!“ Aber sie versetzte: „Das tut nichts, liebe Schwestern, ihr braucht euch meinetwegen keine Sorgen zu machen. Ich bete auch zu Hause.“ Die älteren Schwestern putzten sich nun heraus wie Pfauhennen und gingen zum Mittagsgottesdienst. Aber die kleinste sitzt am Fenster, ganz schmutzig war sie in ihrem alten Sarafan. Sie schaut auf die Leute, die in die Kirche gehen. Sie gehen alle geputzt, die Bauern in neuen Röcken, die Weiber in Festtagskleidern aus gemusterten, bunten Tuch.

Die Jüngste wartete die Zeit ab, ging zur Treppe und schaute sich um. Dann schwenkte sie das Federchen nach der rechten Seite: Woher er gekommen sein mag – vor ihr steht ein kristallener Wagen mit edlen Pferden und Bedienten, ganz in Gold gekleidet, und Kleider sind da und jede Menge Schmuck aus guten, echten Edelsteinen. Im Nu machte sich das schöne Mädchen fertig, setzte sich in den Wagen und fuhr zum Gotteshaus. Das Volk blickte auf und bewunderte ihre Schönheit. „Sicherlich irgendeine Zarentochter aus dem dreimal neunten Zarenreich!“ sagten die Leute. Als man Dostoino sang, verließ die Schöne die Kirche, setzte sich in den Wagen und fuhr zurück. Die rechtgläubigen Leute wären gern hinausgegangen, um sie bei der Abfahrt anzugaffen, aber da gab es nichts mehr zu sehen. Die Spur war schon lange kalt.

Kaum, dass es an der Treppe angekommen war, schwenkte die junge Frau die bunte Feder nach links: Im Nu zog die Dienerschaft sie aus. Der Wagen verschwand vor ihren Augen.

Sie aber benahm sich wie zuvor, so als ob nichts geschehen wäre, betrachtet die 001Rechtgläubigen, wie sie von der Kirche nach Hause gehn. Auch die Schwestern kamen nach Hause. „Nun, Schwester“, sagen sie, „was für eine Schönheit doch heute im Mittagsgottesdienste war! Eine wahre Augenweide! Man kann es weder in einem Märchen erzählen noch mit der Feder beschreiben. Wahrscheinlich kam eine Zarentochter aus anderen Ländern herangereist, so herrlich war sie herausgeputzt.“

Es kommt das zweite, es kommt das dritte Osterfest heran. Jedesmal führt das schöne Mädchen das rechtgläubige Volk, ihre Schwestern und Vater und Mutter hinters Licht. Doch beim letzten Mal wollte sie sich ausziehen und vergaß die Diamantnadel aus dem Zopf herauszunehmen.

Da kommen die älteren Schwestern aus der Kirche und erzählten ihr von der schönen Zarentochter. Der Diamant glüht in ihrem Zopf. „Ach Schwesterlein, was hast du da?“, schrien die Schwestern auf. „Grad so eine Nadel trug die Zarentochter heute an ihrem Haupt. Woher hast du die?“ – Das schöne Mädchen seufzte und entwischte in ihre Giebelstube. Die Schwestern aber hörten nicht auf auszufragen, zu vermuten und zu flüstern. Doch die kleinste Schwester schweigt still und lacht leise.

Da fingen die größeren Schwestern an, auf sie achtzugeben, horchten in der Nacht an der Tür ihrer Giebelstube. So erlauschten sie, wie Finist Hellfalke kam, und in der Morgendämmerung sahen sie mit leibhaftigen Augen, wie er aus dem Fenster flog.

Als Finist Hellfalke verschwand

Sichtlich böse waren die größeren Schwestern. Eifersüchtig und beleidigt. Sie verabredeten, abends verborgene Messer anzubringen, damit sich Finist Hellfalke seine bunten Flügel daran zerschneiden sollte. So führten sie es auch aus. Die kleine Schwester vermutete nichts, stellte ihr Purpurblümchen ans Fenster, legte sich dann aufs Bett und schlief fest ein.

In der Nacht kam Finist Hellfalke geflogen, schlug sich kurz und klein und kann nicht in die Stube gelangen, so sehr hatte er sich die Schwingen zerschnitten.

„Leb wohl, schönes Mädchen!“ sprach er, „wenn du gesonnen bist, mich zu suchen, so suche mich hinter dreimal neun Ländern, im dreimal zehnten Zarenreich. Aber erst musst du drei Paar eiserne Schuhe ablaufen, drei eherne Wanderstäbe zerbrechen, drei steinharte Opferbrote verschlucken, ehe du mich findest!“

Das Mädchen aber schläft, obwohl es im Traum diese freundlichen Worte hört, kann es doch nicht aufstehn oder aufwachen.

Am Morgen hatte das schöne Mädchen ausgeschlafen. Es schaute sich nach allen Seiten um. Es war schon hell, aber von Finist war nichts zu sehen. Am Fenster jedoch steckten über Kreuz scharfe Messer, und von ihnen tröpfelt rotes Blut.

Lange weinte die Schöne, viele schlaflose Nächte verbrachte sie am Fenster ihrer Giebelstube, versuchte das bunte Federchen zu schwenken – alles vergeblich. Weder kommt Finist Hellfalke geflogen, noch sendet er seine Diener. Schließlich ging sie mit Tränen in den Augen zum Vater und bat um seinen Segen: „Ich werde gehen“, sagte sie, „Finist suchen, wohin meine Augen schauen.“

Sie ließ sich drei Paar eiserne Schuhe schmieden, drei steinharte Opferbrote anfertigen. Ein Paar Eisenschuhe an den Füßen, die Krückstöcke in den Händen, ging sie fort in der Richtung, wohin sie dachte, dass Finist Hellfalke geflogen war.

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Nebiga

Das Federchen des Finist Hellfalke (I)

phoenixEs war einmal ein alter Mann und eine alte Frau. Die hatten drei Töchter. Die größere und die mittlere waren putzsüchtig, aber die kleinere mühte sich den ganzen Tag in der Wirtschaft ab. Sie war so schön, dass es weder in einem Märchen erzählt noch mit der Feder beschrieben werden kann. Geht sie auf der Straße, so kann kein Junge ein Auge von ihr lassen, andere Mädchen will dann keiner mehr anschauen.

Das Purpurblümchen

Einmal machte sich der Alte auf, um in die Stadt zum Jahrmarkt zu fahren. Er fragte seine Töchter, was er ihnen kaufen sollte. Die älteste bittet: „Kauf mir einen Sarafan!“ Und die mittlere möchte dasselbe. „Und was dir, meine liebe Tochter?“, fragt der Alte die jüngste. „Kauf mir ein Purpurblümchen, Väterchen!“ Der Alte lachte über seine jüngste Tochter: „Nun, was liegt dir Dummchen an einem Purpurblümchen. Was soll dir das denn nützen? Ich werde dir besser Schmuck kaufen.“ Aber, was er auch sagt, er kann sie nicht überreden.  „Kauf mir ein Purpurblümchen!“ Und dabei blieb sie.

Der Vater nahm Abschied, setze sich in seine Telega und fuhr nach der Stadt auf den Jahrmarkt. Den großen  Töchtern kaufte er, was sie sich gewünscht hatten, aber das Purpurblümchen fand er nirgends. Der Alte schritt den ganzen Jahrmarkt von einem Ende bis zum anderen ab, nirgends gab es solch ein Blümchen. Schließlich kehrte er nach Hause zurück und erfreute die älteste und die mittlere Tochter mit den neuen Sachen. „Da habt ihr, meine lieben Töchter, was ihr gewünscht habt. Aber für dich“, sagte er zu der kleineren, „fand ich kein Purpurblümchen.“ „Da kann man halt nichts machen“, sagte sie, „vielleicht gelingt es dir ein anderes Mal, es zu finden.“ Die größeren Schwestern schneiden die Sarafans zu und nähen sie. Über die kleinere aber machen sie sich lustig: „Lass schauen Schlaukopf,“ sagen sie, „was du gewünscht hast! Du kannst noch nicht einmal um etwas bitten!“

Aber sie, weißt du, sie schwieg.

Wieder macht sich der Vater zum Jahrmarkt in der Stadt auf und fragt: „Nun, ihr Töchter,  was soll ich euch kaufen?“  Die größere und die mittlere bitten um Taschentücher, aber die kleinere sagt wiederum: „Kauf mir, Väterchen, ein Purpurblümchen!“ Der Vater nimmt Abschied, setzt sich in die Telega und fuhr in die Stadt. Er kaufte zwei Taschentücher, aber das Purpurblümchen sah er auch diesmal nicht. Er kehrte zurück und sprach: „Ach, Töchterchen, wiederum fand ich das Purpurblümchen nicht.“ „Das tut nichts, Väterchen, zu einen anderem  Zeitpunkt wird es dir schon gelingen.“

Und tatsächlich: Zum drittenmal macht sich der Alte auf und fragt: „Sagt mir doch, meine lieben Töchter, was ich euch kaufen soll.“ Die größeren sagen: „Kauf uns Ohrgehänge, Väterchen!“ Aber die kleinere blieb bei ihrem alten Lied: „Und mir, Liebster, kauf das Purpurbümchen!“ Abschied nahm der Alte, setzte sich in den Wagen und fuhr los. Er kaufte goldne Ohrgehänge und machte sich eifrig daran, das Blümchen zu suchen. Suchte, suchte… niemand weiß von einem solchen. Er grämte sich und fuhr aus der Stadt hinaus.

Als er über den Schlagbaum hinausfuhr, kommt ihm ein uraltes Männchen entgegen und hält in den Händen ein Purpurblümchen.

„Alter, verkauf mir dein Blümchen!“

purpleflowerrussia„Es ist nicht zu verkaufen. Nur wenn deine jüngste Tochter meinem Sohn, dem Finist Hellfalken, als Gattin folgt, will ich dir das Purpurblümchen geben.“

Der Vater überlegte ein wenig: Das Blümchen nicht nehmen, hieße die Tochter betrüben; es nehmen, hieße notwendigerweise sie verheiraten, und Gott weiß mit wem… Er überlegte und überlegte und nahm schließlich das Purpurblümchen. „Was schadet es?“ denkt er, „hinterher kommt einer und freit um sie, und wenn es nicht passt, darf ich’s ihm auch abschlagen.“ Er fuhr nach Hause, gab den älteren Töchtern die Ohrgehänge, und der jüngsten gab er das Blümchen und sagte: „Gar nicht lieb ist mir dein Blümchen, meine liebe Tochter, gar nicht lieb.“ Und leise flüsterte in ihr Ohr: „War doch das Blümchen da nicht verkäuflich. Ich bekam es von einem unbekannten Greis unter der Bedingung, dich seinem Sohn Finist Hellfalke zur Frau zu geben.“

„Mach dir keine Sorgen!“ erwiderte die Tochter. „Er ist doch so schön und so freundlich. Als heller Falke schwebt er in den Lüften, und sobald er sich zur Erde stürzt, wird er Mensch.“

„Kennst du ihn denn schon?“

„Ich kenne, kenne ihn, Väterchen! Am letzten Osterfest war er im Mittagsgottesdienst. Immerfort sah er mich an. Und ich sprach mit ihm… Er liebt mich, denke ich, Väterchen!“

Der Alte wiegte den Kopf, blickte unverwandt auf seine Tochter, machte ein Kreuz über ihr und sprach: „Geh in die Dachstube, die mit  den großen Fenstern! Schlaf ein Weilchen. Der Morgen ist klüger als der Abend. Dann werde ich mich entscheiden.“