Adventskalender im Fenster
Leo Nerdette

Welcher Adventskalender passt zu uns?

Adventskalender…

Oh nein! Adventkalender… so ist es richtig.

Nie und nimmer!

Und das ist erst der Anfang. Wir haben noch nicht einmal die Angebote für den diesjährigen Redaktions-Adventskalender angeschaut, schon sind wir – die Redaktion, Nebiga und ich – mitten in der Diskussion. Beide Wörter bescheren uns bei näherer Recherche eine Riesenauswahl in der Suchmaschine, aber die Tendenz neigt sich gen Adventskalender mit Fugen-s. Gemeint ist das kleine s in der Mitte.

Der Grund: „Adventskalender“ nennen Deutsche wie Schweizer jenen Kalender, an dem im Advent täglich ein Fenster/Türchen geöffnet werden darf. Nur die Österreicher fügen zwischen t und k kein s ein.

Niemals?

Na ja, bei Christkindl jedenfalls auch nicht.

Eigentlich zwängt Homo Austriacus das s immer gern dazwischen: Bei der Zugsverspätung genauso wie beim Schweinsbraten…

  • nur beim Adventkalender – da nicht.

Wie der Adventskalender sich durchsetzte

AdventskalenderWir vermuten, das hängt damit zusammen, dass Anfang des 19. Jahrhunderts die Evangelische Buchhandlung Friedrich Trümpler in Hamburg zum ersten Mal einen Adventskalender druckte. Und damit, dass der Münchner Verleger, Gerhard Lang, mit seinem 1903 gedruckten Kalender Im Lande des Christkinds als der Begründer des Adventskalenders gilt. Ein Jahr später veröffentlichte dann die Stuttgarter Zeitung einen Adventskalender – und schuf auf diese Weise ein saisonales Phänomen für den Massenmarkt.

Der Brauch, bebilderte oder später sogar mit Schokolade gefüllte Druckprodukte in den Räumen aufzuhängen, kommt demnach aus Deutschland. Er eroberte in konzentrischen Kreisen die deutschsprachigen Länder. Wer seine sprachliche Eigenständigkeit also bewahren wollte, musste den Brauch umbenamsen. Auch wenn es bedeutet, ein s weglassen zu müssen.

Zählhilfe in der Fastenzeit

Die protestantischen Haushalte waren diejenigen, die begannen, die Tage bis Weihnachten mithilfe einer Art Kalender zu zählen. Zunächst hängten die Lutheraner 24 Bilder nach einander an die Wand oder bastelten ihren Kindern Papierschächtelchen, die sie mit Plätzchen füllten.

Ein Schächtelchen, ein Plätzchen pro Tag – aber sonst mussten die Kinder in der Adventszeit genauso fasten wie die Erwachsenen.

Andere malten 24 Kreidestriche an die Tür. Die Kinder durften  täglich einen davon wegwischen.

Strohhalme dagegen waren der Katholiken Ding: Sie legten 24 Halme in die Krippe; abgezählt, damit sie täglich einen entfernen konnten. Das war etwas Besonderes, denn die Tage zur Vorweihnachtszeit waren ausgefüllt: Man schuftete sowieso von morgens bis abends, doch im Advent kam noch die Vorbereitung dazu.

Das Zählen der Tage war daher oft das einzige kurze Innehalten des Tages. Ein Moment der Vorfreude. Kinder wie Erwachsen dachten daran, wofür sie all die Mehrarbeit auf sich nahmen.

Christi Geburt – ja.

Aber in ihren Köpfen entstanden auch die Bilder von Gänsebraten, Rotkraut, von Kuchen, Klößen, Knödeln und Kekserl/Plätzchen.

Schuld waren natürlich ihre vom Fasten darbenden Bäuche. Die Gläubigen träumten wegen ihnen  davon, in sich hineinstopfen zu können, was sie die Tage schlachteten, schnitten, rührten, kochten, brieten, backten und verzierten.

Warum hält sich der Brauch heute noch?

Na ja, so alt ist er jetzt auch wieder nicht.

Das nicht, aber hast du schon mal gepinterestet? Oder bei Amazon nachgeschaut? Adventskalender sind überall! Es gibt kein Entkommen!

Bei Amazon zum Beispiel findet der Suchende die Adventskalender sogar in Rubriken eingeordnet, weil man sonst den Überblick verliert:

  • Schokolade und Süßigkeiten, einmal für Kinder und einmal für Erwachsene;
  • Beauty, natürlch mit Schönheitsprodukten für SIE und IHN,
  • Tee und Getränke
  • Gewürz- und Schlemmerkalender
  • Geschichten und Bilder für Groß und Klein
  • Erotik
  • Schmuck
  • Spielzeug
  • Alkoholische Getränke
  • Knabberkalender
  • Zum Selbstbefüllen
  • für Heimwerker

100 Jahre und wir können Adventskalender mit allem befüllt kriegen, was es so gibt.

adventskalender selbst gebastelt

Und für die Selbstbastler (Pinterest) gibt’s die Utensilien als Fülle noch in extra Rubriken dazu.

Adventskalender sind so hipp wie eh und je! Wir wollen nicht darauf verzichten, genauso wenig wie auf Weihnachten, auch wenn man selbst vielleicht gar nicht gläubig ist.

Das liegt an der Nostalgie. Wir wünschen die Harmonie herbei.

A geh! Die gibt’s eh nicht! Am meisten wird zu Weihnachten g’stritten!

Heißt es zumindest. Aber nicht im Advent, im Advent nicht! Da ist noch Ruhe.

Jeder Tag ein Erlebnis

Bei Gerhard Lang – damals – bestand der Adventskalender noch aus einem Bogen mit 24 Bildern zum Ausschneiden und einem Bogen mit 24 Feldern zum Aufkleben. Damit den Kinder die Zeit bis zum Weihnachtsabend nicht so lang wird, sollten sie jeweils ein Bild ausschneiden und in ein Feld kleben.

Und wenn sie schon dabei waren, konnten sie gleich

  • die Strohsterne basteln, die noch fehlten.
  • die Großmutter anbetteln, dass sie noch eine Geschichte erzählte.
  • den Apfelnikolo und den Zwetschenkrampus basteln.
  • die Bilder malen, die sie schenken wollten.
  • die Kekse verzieren, die Muttern buk.

Jedes Fenster, jedes Türchen barg eine Reihe von Möglichkeiten, von Erlebnissen und von Erinnerungen, die der Familie blieben. Sie waren nicht bloß Schokolade.

Sie waren gemeinsam verbrachte Zeit.

Ein Adventskalender mit Schokolade kommt für die Redaktion also nicht infrage?

Nee.

Genauso wenig wie der Pfeffer- und Salz-Kalender für Gourmets nehm‘ ich an – und auch nicht der Nagellack-Adventskalender mit 24 Trendfarben.

Richtig. Wenn du mich fragst… wir können uns eh nicht für einen gekauften entscheiden. Am besten wir machen uns den Kalender selbst!

Und wie?

Das siehst du am 1. Dezember! Hier im Blog.

Schau rein!

smiley

 

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Alpträume der Baba Jaga
Nebiga

Warum Baba Jaga Albträume hat

Gut, dass Baba Jaga so zurückgezogen lebt! Schon vor langem ihr Hüttchen auf Hühnerbeinen noch tiefer zwischen die Bäume hineingetrieben hat. Dorthin, wo der Wald so dicht und dunkel ist, dass man die Hand vor den Augen und die Füße auf dem Weg nicht sieht.

Hätte sie nicht so früh Maߟnahmen ergriffen, müsste sich Baba Jaga jetzt gegen Anhänger wehren. Gegen „Fäns“ oder „Followers“, die in Bussen zu ihr pilgern; sie zwecks tiefsinniger Prophezeiungen löchern und Heilsalben von ihr fordern.

Sie müsste tagtäglich Menschen riechen, besonders aber an den Wochenenden. Diese stünden Schlange, um „Großmütterchen“ zu sehen.

Großmütterchen, ha!

Und Baba dürfte keinen fressen; müsste die vom verlockendem Menschenduft geblähten Nasenlöcher freundlich kräuseln und sich den Fragen widmen. Den Nerv tötenden Fragen über die Zukunft der Welt, das Liebesglück einzelner oder die Anzahl der Jahre ihrer armseligen Leben.

Als interessierten die weise Alte Nichtigkeiten wie diese… Wie ein Krieg ausgeht zum Beispiel, ob das eine Land mehr Recht hat zu siegen als das andere, wer die kommende Wahl gewinnt und wie lange voraussichtlich jemand an der Macht bleibt.

Schwesterchen Wanda aus Petrich, Bulgarien

Baba-VangaIn Petrich, Bulgarien, zum Beispiel war eine ihrer zwei Schwestern, eine der drei Babas in der Welt, tatsächlich mit der Frage nach Spielergebnissen der Nationalmannschaft konfrontiert worden: Ein Schnauben war das einzige gewesen, was der Wahrsagerin solche Dummheit wert war.

Danach hatte es gleich geheiߟen, zwei Mannschaften mit B würden es ins Finale der Weltmeisterschaft 1994 schaffen. Dass die Bulgaren dann im Viertelfinale gegen Italien verloren, entäuschte die hohen Erwartungen.

Sterbliche interpretieren, manipulieren und machen auch nicht vor Mythen und uraltem Wissen halt. Wenn aber nicht hält, was sie sich versprochen haben, fühlen sie sich von der Wahrsagerin verraten anstatt von ihren Schlussfolgerungen.

Das erwartet heute eine gute Hexe

Baba und ihr neues Haus

  • Heute hätte Baba Jaga Umsatzsteuer auszuweisen, einen eigenen Registereintrag und eine Website.
  • Vor ihrem Haus, einem, das extra für sie gebaut worden wäre, würde eine Frau Heilsalben, natürliche Kosmetikas und Fläschchen mit Kräutertinktur an Touristen und Ratsuchenden verkaufen. Diese Frau säße Tag für Tag auf der Stufe, ohne im Geringsten zu ahnen, wie ihr Menschenduft den Appetit der ach so liebenswürdigen, harmlosen, alten Kräutersammlerin im Haus anregt.

Liebenswürdig? Harmlos? Blind sind sie, die Menschen! Viel blinder als die Babas selbst.

Die meisten Menschen erkennen nicht, wer Baba Jaga tatsächlich ist, bemerken die Totenschädel mit den glühenden Augen in ihrem Garten nicht, obwohl diese Tag und Nacht leuchten.

Ach, die Ahnungslosen!

  • Auf Youtube-Videos würden Vorhersagen, die angeblich von ihr stammen, im Wortlaut weiterverbreitet, kommentiert und zur Auslegung der vielgerühmten Schwarmintelligenz vorgelegt.
  • Sie müsste ungezählten Selfies beiwohnen, die dann mithilfe von Suchmaschinen weltweit aufzufinden sind.
  • Ihre Lebensgeschichte hätten geschäftstüchtige Männer verfilmt. Im Fernsehen würden Politiker mit ihr auftreten. Hitler war angeblich bei Baba Wanda gewesen – und Todor Schivkov, lange Jahre Diktator Bulgariens, zählte zu den „Stammkunden“.

Aufdringlicher, hinterlistiger, verbissener Mann!

Kein Wunder, dass Schwesterchen Wanda sich zum Sterben hingelegt und ihre Seele lieber nach Frankreich geschickt hatte. Sie wußte, dort würde einmal ein Kind geboren, blind, wissend, eigenartig – eine alte Seele.

Wer Baba Jaga heute sucht…

Baba Jagas NachtWer 2017 Baba Jaga um Rat fragen will, muss in die Stille gehen. Das Smartphone ausschalten. Es kann den Weg sowieso nicht leuchten.

Wer sie sucht, muss sich jeden Schritt in Dunkelheit ertasten. Die Weise hat sich rar gemacht, dreht ihr Hüttchen nur noch, wenn es dreimal klopft: von der Liebe, von der Seele – und vom Tod. Der Weg zu Baba Jaga ist also beschwerlich, sie duldet keine Ablenkung.

Und es ist der Alten egal, ob es gefällt oder nicht. Bei ihr gibt es sowieso keinen Empfang.

Titelbild von Viktor Vasnetsov

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Die Hexe Baba Jaga
Nebiga

Wer ist sie, die Hexe Baba Jaga?

Baba Jaga, sagen die einen, ist eine Hexe. So einfach ist das. Nur ist sie anders als alle Anderen. Das fängt damit an, dass sie keinen Besen fliegt. Besen sind zum Fegen. Und damit basta.

Wenn sie sich schon fortbewegen muss, dann bitte bequem in einem Mörser sitzend, nicht auf einem Holzstab, der zwischen den Beinen zwickt. Ihr Fluggefährt dirigiert sie mit dem Stößel; sie braucht ein Ruder – Mörser fliegen einfach drauflos oder trudeln im Kreis, wenn niemand ihnen sagt, wo es lang geht..

Ihre Hütte: Wo es richtig gemütlich ist

Die Hütte der Baba Jaga Sie verlässt ihre Hütte mitten im Wald nicht gern. Wozu auch?

Einmal steht ihr Hüttchen auf Hühnerbeinen. Damit kann sie so weit fort gehen, wie sie will. Nur will sie meistens nicht. Ihr gefällt der dichte Wald schon ganz gut, wenn er auch mehr und mehr mit diesen Russen bevölkert ist. Überall sind Menschen, riechen verlockend. So gerne würde sie die fressen. Aber mittlerweile sind es viel mehr als sie verdauen könnte.

Vasilia im Garten der Baba Jaga

Trotzdem stecken in ihrem Garten ihre ganz eigenen Rosenkugeln. Statt der Kugel an der Spitze hat sich Totenschädel angebracht. Trophäen aus einer alten Zeit. Die Augenhöhlen glühen, geben Feuer und Licht.

Menschen verpesten überall die Luft. Am schlimmsten sind die christlichen Priester, diejenigen, die den alten Glauben zunichte machen. Vor allem den Glauben an sie. Und diese Priester hinterlassen an allen Ecken und Enden ihre Klöster, ihre Kirchen, ihre Ideen.

Baba Jaga lebt in slawischen Märchen

Sie ist das, was sie immer war: eine schillernde Figur. Eine mit vielen, in den bekanntesten Märchen aber eine mit besonders häßlichen Gesichtern: Ihre Lippen hängen bis zum Kinn. Die Nase wächst lang und krumm, dicke, schwarze Warzen verunstalten ihre Wangen. Eisernen Zähne blitzen.

Wen dieses Bild wenig schreckt, den inspiriert sie. Sie ist Wolke, Mond, Tod, Winter, Schlange, Vogel, Pelikan oder Göttin der Erde…

Ist sie böse? Ist sie gut?

In den Geschichten, die über sie in Umlauf sind, zeigt sie, dass sie beides kann. Wer zu ihr kommt, muss vor allem arbeiten können, muss loyal und ehrlich sein. Aber auf keinen Fall unterwürfig!

Nichts haßt sie so sehr wie Menschen, die sich selbst nicht vertreten können.

der Ritt der Baba Jaga

Wer macht von so einer Schreckschraube schon ein Porträt? Da muss schon ein Mann her, der schon vor langer Zeit ausgezogen war, um das Fürchten zu lernen. Ein Mann wie Iwan Jakowlewitsch Bilibin, am 16. August 1876 geboren, 1942 gestorben. Er zog aus, Baba Jagas Welt zu malen. Gelungen sind ihm die schönsten Märchenbücher der Jahrhundertwende.

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Auf der Suche nach Wahrheit
Leo Nerdette

Wer sich heute auf die Suche begibt…

Die Suche nach Wahrheit? Wer sucht heute noch nach Wahrheit?

In den Tagen von #Fakenews weiß keiner mehr, was wahr ist: Derjenige, der am lautesten schreit, bekommt Recht. Derjenige, der mächtig ist und seine Interessen mit allen Mitteln – auch mit Lügen – durchsetzen will, bestimmt.

Dieser Mechanismus funktioniert zurzeit in Ungarn, in der Türkei, in Syrien, in den USA… überall dort, wo sich totalitäres Denken durchzusetzen beginnt.

Plötzlich tauchen Begriffe auf wie „postfaktisch“, wie „alternative Perspektiven“ oder „Tatsachen mit Spielraum“.

Wahrheit… die eine Wahrheit gibt es nicht, sagen die Leute. Es kommt eben auf die Perspektive an, aus der man etwas sieht. Es gibt so viele verschiedene Sichtweisen… wer kann schon wissen, was wirklich wahr ist? Wozu also sollte ich mir die Mühe machen, es herauszufinden.

Jeder, der so argumentiert, vergisst diejenigen, die sich tatsächlich auf die Suche nach einer möglichst allgemein gültigen Wahrheit begeben. Menschen, die ihr Leben dafür geben. Für etwas, das bloß ein Konstrukt ist – aber eben ein gültiges – Menschen, die sich auf die Suche nach Wahrheit machen.

Und sie bezahlen teuer, damit wir diese Wahrheit bekommen.

Wieviel Angst kostet Wahrheit?

Als sich die Lifttüre öffnete, entdeckte die Nachbarin ihre Leiche. Zwei Kugeln steckten in der Brust, eine in der Schulter und eine im Kopf.

Anna Politkovskaja rechnete mit ihrer Ermordung. Sie hatte Angst, lebte ständig mit ihr.

2005 sagte sie auf einer Konferenz zur Pressefreiheit:

Manchmal zahlen Menschen mit ihrem Leben, wenn sie laut sagen, was sie denken; manchmal sogar, wenn sie mir Informationen weitergeben. Ich bin nicht die einzige, die in Gefahr ist.

2001 floh sie zum ersten Mal aus Angst nach Wien: Ein Polizeibeamter wollte Rache nehmen. Politkovskaja hatte ihn beschuldigt, für Gewalttaten in Tschetschenien verantwortlich zu sein.

Lange hielt es sie jedoch nicht; sie kehrte wenige Monate später wieder nach Moskau zurück.

Trotz der Bedrohung… trotz der Angst um ihr Leben. Trotz der Anschläge, die sie überlebt hatte.

Ihre Freunde sprechen von mindestens neun.

Sie hätte sich ihr Leben leichter machen können: Als US-amerikanische Staatsbürgerin hätte sie sich eigentlich nicht darum kümmern müssen, wie Russlands Wahrheit aussieht.

  • Was also trieb sie zurück?
  • Was ließ sie im Gegensatz zu vielen anderen keine „Wahrheit“  akzeptieren, die einem Großteil der Betroffenen die Stimme nimmt?

Wie Demokratie erlischt

In ihrem posthum erschienen Russischen Tagebuch macht Politkovskaja den Anfang vom Ende an einem Ereignis fest. Ihr gilt es als das Ende der Demokratie in Russland: Die Geiselnahme von Beslan.

beslanb_2007_09_01Am 1. September 2004 um 9:30 Uhr stürmte eine Gruppe von Geiselnehmern die Mittelschule Nr. 1, in der Schüler im Alter von sieben bis 18 Jahren unterrichtet wurden.

Der 1. September ist in ganz Russland Schulbeginn, an dem die Erstklässler in Anwesenheit der Eltern und zukünftigen Mitschüler feierlich begrüßt werden. Oft kommen ganze Familien, um der Zeremonie beizuwohnen.

Drei Tage später beendeten russische Einsatzkräfte die Geiselnahme, indem sie das Gebäude stürmten. Dabei starben Kinder wie Erwachsene. Soweit lässt sich sagen, dass sich die Darstellungen gleichen.

Dann aber begann ein mühsames Ringen, um das, was wa(h)r.

Politkovskaja machte sich auf, Hintergründe zu erfahren. Sie wollte zeigen, was bevorsteht, wenn sich autokratische Machtmenschen politisch durchzusetzen verstehen.

Nur eine gründliche Suche zählt

Der Journalistin war bewusst: Sie würde nicht annähernd an die Wahrheit herankommen, wenn sie in ihrem Moskauer Büro blieb und offiziellen Kundmachungen lauschte.

Sie brach auf – mit drei harten Broten, drei Wanderstecken und drei Paar eisernen Schuhen, wie es in einem der beliebtesten russischen Märchen heißt, dem Märchen Das Federchen des Finist Hellfalke. In ihm sucht das schöne Mädchen ihren Geliebten Finist – den Phönix, der alle 500 Jahre aus der Asche wiedergeboren wird.

Für Politkovskaja bedeutete diese Suche vor allem Recherchearbeit vor Ort:  Jedes noch so kleine Stückchen Information offizieller Stellen musste überprüft werden.

  • Waren es nun 130 (offiziell) oder doch über 1000 Geiseln, wie Zeugen berichteten?
  • Die Anzahl der Geiselnehmer schwankte erheblich, man einigte sich schließlich auf mindestens 32.
  • Waren tatsächlich Araber unter ihnen, wie Armee und OMON-Spezialeinheiten durchsickern ließen?
  • Oder waren es ausschließlich Tschetschenen, wie die Betroffenen behaupteten.
  • Sogar die Zahl der Toten war umstritten: 331 nannten die Behörden, 394 wurden allein in einem Krankenhaus gezählt, 900 vermuteten Hilfsorganisationen.

Politkovskajas Ohr galt dem Erlebten

Was Politkovskaja für all jene, die behaupteten, die Wahrheit zu kennen, so gefährlich machte, war ihr Wissen darum, dass diese behauptete Wahrheit ohne die Stimme der Betroffenen gar nicht wahr sein kann; dass behauptete Tatsachen auch das Skelett für ein anderes Konstrukt – der Propaganda – bilden können.

Sie hörte Müttern zu, die ihre Kinder verloren hatten, Vätern, die mit diesen weinten; spürte die Trauer, die Angst und die Wut über die Verdunkelungstaktik der zuständigen Behörden. Diese Eltern wollten wissen, wie ihre Kinder gestorben waren. Doch die Behörden speisten sie mit Worthülsen ab.

Die Wahrheit stand auch für Politkovskaja nicht unveränderlich und absolut da.

Aber es gehörten Fixpunkte dazu, die nicht beiseite gewischt werden konnten: Geschehnisse in Russland, die zur Geiselnahme geführt haben. Verantwortlichkeiten. Zusammenhänge und auch aufgestaute Gefühle. In Tschetschenien, im ganzen Land.

All das versuchte die Journalistin zu benennen, in Worte zu fassen, um ihre Wahrheit möglichst wahr werden zu lassen. Wohl wissend, dass wir, die Leser, dem Gesagten nur vertrauen können, wenn sie ihre Arbeit gut machte. Ihr Phönix sollte nicht so schnell wieder sterben!

500 Jahre Leben wollte sie ihm geben.

Ihr eigener Tod ist dazwischen gekommen.

Und Finist?

Finist ist endgültig davon geflogen

Fotocredit

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