Nebiga

Kachina – Geister der Dinge

johnny_depp_as_tonto_2013_08_25Der Rabe sitzt auf seinem Kopf, hin und wieder füttert er ihn mit Körnern – oder ist es trocken Brot? Im Kino sorgt das zunächst einmal für Heiterkeit, beim zweiten Mal entlockt es noch ein Grinsen, beim dritten Mal finden es dann viele nicht mehr so lustig. Kaum einer fragt sich, warum Johnny Depp alias Tonto  im Film Lone Ranger das tut. Warum  spricht er mit dem Raben, als würde dieser leben? Warum gibt er dem toten Tier eine Seele? Schließlich zeigt ein Filmschnitt später dann auf einen lebenden Raben? Ich beginne zu verstehen, dass ein Geist in diesem Kadaver wohnt; dass das Tier eine tiefere Bedeutung für den Film hat; dass es den Helden beschützen soll. Damit gibt sich der Film einen exotischen Anstrich. Genauso wie mit den Gegenständen, die Tonto mit den toten Rangern tauscht und ins Grab legt. Das tun die eben… die… die Indianer.

Exotisches oder Besonderes ist daran eigentlich gar nichts – es ist Alltag. Zumindest bei den Indígenas, den „Indianern“ Amerikas, ja den meisten so genannten eingeborenen Stämmen der Welt, die sich in Reservate zurückziehen mussten. Fetisch nennen Wissenschafter diese beseelten Gegenstände oder Tiere.  Sie haben sie bei vielen Stämmen Amerikas vorgefunden. Bei den Zuñis in New Mexico zum Beispiel – sie leben 150 Meilen westlich von Albuquerque. Sie betrachten einfache, alltägliche Dinge mit einer Aufmerksamkeit, die Bewunderung  abnötigt, verbinden sie mit komplizierten Ritualen und integrieren sie in ihr komplexes Wissenssystem. Sie beobachten sehr genau. Zum einen wegen ihres Glaubens, der mit dem Mythos „die Sonnenkinder“ eine Begründung liefert, warum Fetische existieren;  zum anderen weil sie ihre Kultur durch Geschichten und Rituale weitertradieren. „Großmütter oder -väter erzählten im Winter , sangen Gebete, zeigten Rituale“,  erklärt der Zuni-Medizinmann Clifford Mahooty. Nicht immer zur Freude der Kinder!

Als Zuñi lernt man schnell, besser nichts von dem Erzählten zu vergessen. Denn im Sommer wird getestet: Plötzlich muss das Kind Rituale ausführen, die irgendwann im Dezember erzählt wurden; Gesänge und Gebete allein für alle anderen vorsagen, die im Januar vorgetragen; heilige Stätten nach Wegbeschreibungen wiederfinden, die im Februar in zwei Nebensätzen erwähnt wurden. Blut und Wasser hätte er dabei geschwitzt, erzählt Mahooty.

So haben alle Zuñi-Kinder gelernt , kleinste Dinge wahr zu nehmen. Sie studieren ihre Umgebung mit einer Aufmerksamkeit, die einem manchmal absonderlich vorkommt. Aufgabe ist, sich soviel wie möglich zu merken. Denn aufgeschrieben wird nichts. Vielleicht gaben die Zuñi deshalb vor Jahrhunderen den Dingen einen Geist, eine Personifikation – vielleicht war es nichts anderes als eine raffinierte Memnotechnik. Wäre doch möglich. Heute jedenfalls gibt es jede Menge Fetische. Die Zuñis versinnbildlichen sie und nennen sie „Kachina“. Pueblo, Zuni, Native Americanlate19th

Es gibt sie in klein, als Puppe, aber auch als Maske für die Frauen und Männer. Bei den Tänzen werden sie von Menschen verkörpert. Kachinas können für alles mögliche stehen: für die Natur oder den Kosmos, für die Ahnfrau oder ein Element, für einen Ort, eine Qualtität, ein natürliches Phänomen oder ein Konzept. Welche Puppen für welche Gemeinde Bedeutung haben, hat sich mit der Zeit entwickelt. Aus diesem Grund hat jede Gemeinde, jeder Clan, jeder Medizinmann eigene Kachinas.

Die Geister der Dinge führen ein beziehungsreiches Leben: Sie haben Brüder, Tanten, Schwestern und Großmütter. Manche sind verheiratet, viele haben Kinder. Sie jagen, kämpfen, kochen, lieben – produzieren ein Sammelsurium an Geschichten. Für die Winternächte. Für die Sommetänze. Zur Erinnerung. Um die Tradition der Zuñis weiterzugeben.

Verherrlicht werden Kachinas nicht. Sie werden als machtvoll angesehen, mit Ehrfurcht und Respekt behandelt.

Kachinas sind Geister, die Gutes tun – sie nutzen ihre Magie, um Regen zu bringen, zu heilen oder zu schützen. Sie gehören zum Leben der Zunis, gehören einfach dazu.

©SCommIntercultural

Nebiga

Die Sonnenkinder

index

In jenen Tagen, als die Oberfläche hart geworden war, hätten selbst Beutetiere – mächtig und den Vätern gleich – die Menschenkinder aufgefressen. Doch die beiden Sonnenkinder dachten, dass das nicht gut wäre. Denn allen sollte erlaubt sein zu leben, damit, so sagten sie, „sich die Menschenkinder und die Tierkinder auf gleich starke Weise vermehren. Selbst Beutetiere sind mit Krallen und Zähnen bewaffnet; die Menschen aber sind arm, die vollkommensten Wesen der Erde,  dafür aber auch die schwächsten.“ Also berührten die Sonnenkinder, wann auch immer sie über eines dieser Tiere stießen – egal, ob es einer der großen Berglöwen war oder bloß ein Maulwurf – berührten es also mit dem Lichtfeuer, das sie in ihren magischen Schildern trugen. Twusch… und sofort schrumpfte das Tier und wurde zu Stein. Sie sagten: „Damit du dem Menschen nicht schadest, sondern ihm großes Gutes tust, haben wir dich zu Stein werden lassen. Beim magischem Atem der Beute, beim Herz, das für immer in dir schlägt, wirst du von nun an dem Menschen dienen, statt ihn aufzufressen“