La Catrina in Gruppe
Nebiga

Wer ist La Catrina?

Eine Dame mit Federhut schreitet inmitten all der Kürbisköpfe, Monster, Geister: La Catrina schwingt ihre Seidenröcke, streicht die Bluse glatt und reckt das Kinn. Ihr Blick streift über das rege Treiben in der Gruselnacht. Was bitte hat sie mit Halloween zu tun? Gut, sie marschiert bei Umzügen mit; überall in der Welt laden Menschen sie ein, die Feste in der Nacht vom 31. Oktober mit ihnen zu feiern. Warum also sollte sie nicht?

Flaniert sie nicht für ihr Leben gern? Sie liebt es, wenn Menschen sie umjubeln; dass sie sich verkleiden, sich als ihr Ebenbild schminken. Als Catrina tanzen, lachen, Süßigkeiten schlecken. Mit ihr den Tag feiern und die Nacht. Wundert La Catrina ihr Erfolg unter den Halloween-Masken? Mitnichten. War denn etwas Anderes zu erwarten – so wie sie aussieht? Natürlich genießt sie den Ruhm, kostet jeden Moment aus.

Wenn sie aber einmal inne hält und in sich hört, spürt sie, wie schal dieser ist. Spätestens um Mitternacht sehnt sich La Catrina nach Hause – sie will zurück nach Mexiko.

Dort nämlich enden die Feiern noch lange nicht, dort fangen sie erst richtig an. Zuhause hat La Catrina eine Geschichte, ist sie nicht nur eine Maske, ein Tatoo oder Abziehbild. Ihre Landsleute holen sie am Día de Muertos zu sich ins Haus; geben ihr zu essen und zu trinken; tanzen und unterhalten sich mit ihr. Widmen ihr Zeit. Sie wissen:

La Catrina gehört zum Leben wie der Tod.

20. 01. 1913: Mexikostadt, Calle Santa Inés

José Guadalupe PosadaDon Lupe?

Die Stimme huschte unter dem Rolladen in den Laden. Kaum war sie durch, verharrte sie vor dem Dunkel. Sie fühlte sich zu schwach den Raum zu erkunden; schickte vorsichtshalber ein kleines Echo weiter. Als Kundschafter sozusagen. Das Echo drang vor. Vorsicht! Gerade noch rechtzeitig erfühlte es den Widerstand, kletterte den Tresen hoch.

Oben angekommen schlängelte es sich zwischen Papierstapeln und Holzschachteln hindurch, sprang auf der anderen Seite in die Tiefe. Kaum spürte es wieder Boden, strebte es weiter vorwärts. Umwehte Tisch- und Stuhlbeine, kletterte noch einmal hoch. Auf dem Tisch wich es Zink- und Bleiplatten aus, Sticheln und bedrucktem Papier – bis es sich an einer Wanne stieß; Säure schwappte über. Das Echo schrie, purzelte gegen eine Druckerpresse und verhauchte.

Die Stimme erschrak. Sollte sie doch lieber die Treppe zu ihrer Linken hochklettern? Würde sie es überhaupt bis oben schaffen?

Rrrrtsch…

Ihre Besitzerin schob den Rolladen gänzlich hoch.

Don Lupe! Sind Sie da?

Endlich – Verstärkung! Jetzt stürmte die Stimme treppauf. Im ersten Stock fegte sie über den Gang geradewegs auf eine Tür zu. Diese stand offen, hinderte sie nicht. Also sauste sie in den Raum, drang in jede Ecke, füllte ihn vollständig aus.

Wenn eine Stimme nur Augen hätte!

Dann hätte sie ihre Besitzerin warnen können. So aber blieb Consuelo, der kleinen empanadera (Teigtaschen-Verkäuferin), keine Zeit sich vorzubereiten. Sie folgte ihrer Stimme nach oben und trat in die Wohnräume des Hauses.  Vor ihr lag ein umgekippter Stuhl und daneben – das Mädchen schrie.

Wortschatten und Tote zu Besuch

Die Stimme hatte schon Erfahrung; sie wußte, wenn sie schrillt, verursacht sie Chaos. Wie groß dieses ist, hängt von der Stärke des Schreis und seiner  Tonlage ab. Bloß ein Schreck oder gleich Panik? Jetzt gellte sie bis hinaus auf die Straße: Menschen liefen in den Laden, polterten die Treppe hoch. Sie stießen die Schreiende zur Seite, um zu sehen, was passiert war.

calavera Tragt ihn raus! In die frische Luft!

rief einer.

Höchstens noch mit den Füssen zuerst!

murmelte ein anderer.

Schließlich holte man den Arzt.

Als dieser kam, lag der Bauchladen mit den Teigtaschen immer noch am Boden neben dem Toten. Die empanadera hockte in einer Ecke – ebenso unbeachtet. Das Kinn hatte sie auf das Knie gestützt, die Arme um die Beine geschlungen. Es standen nur noch wenige Neugierige herum.

Weiß jemand, wer das ist? Wie heißt er?
fragte der Arzt. Die Umstehenden blickten sich gegenseitig an, zuckten mit den Schultern

Das Mädchen aber richtete sich auf.

Don Lupe?,

sagte es.

Posada… José – glaube ich.

Der Stimme fiel selbst auf, dass sie zitterte. Schuld gab sie den „Schatten“. Echos einmal gesagter Worte, die durch den Raum waberten. Sie flüsterten:

  • Hier, Junge, nimm! Die ist fertig.
  • Bade sie in Säure.

und legten sich auf auf ihre Bänder. Drei Sätze nur, aber sie besaßen Kraft. Sie drückten schwer, so als hätte Don Lupe sie noch am Morgen dieses 20. Januars anno 1913 ausgesprochen.

Kannten Sie ihn gut?

fragte der Arzt.

Consuelo betrachtet die Leiche: Diese glich einer Wachspuppe, die Haut schimmerte. Im Leben war Don Lupe ein beleibter Mann gewesen, jetzt kam er ihr zerbrechlich vor. Als wäre er geschrumpft. Wo war die Kraft, seine Energie?

Nichts ist demokratischer als der Tod

Ihre Route führte sie täglich zur gleichen Stunde an Don Lupes Druckerei vorbei: Er saß immer im ersten Stock am Fenster. An manchen Tagen blickte er auf die Straße unter ihm, schien zu beobachten: die Flanierer, die Hausfrauen, die eilten, um das Essen vorzubereiten; Revolutionäre oder Regierungstruppen, die sich gegenseitig verfolgten. Meistens aber hatte Don Lupe den Kopf über eine Zinkplatte gebeugt und stichelte eine seiner Zeichnungen, wenn Consuelo im Chor der Straßenhändlerinnen rief:

Empanadas de pollo, de queso, de mole, Empanadas de atún!

Sobald Don Lupe aufsah und winkte, brachte sie ihm Teigtaschen in den Laden. Immer kam er schwerfällig die Treppe hinunter. An der Ladentheke nahm er drei Teigtaschen entgegen und biss gleich in eine. Solange er kaute, leistete Consuelo ihm Gesellschaft.

Bei ihrem ersten Besuch stöberte sie im Laden herum. Blätterte in den Zeichnungen  – einige fand sie in Schränke gestopft, andere lagen in Stapeln auf Stühlen. Die Zinkplatten sollte sie erst später entdecken. Sie waren alphabetisch geordnet in Schubladen verstaut, wovon immer eine offen stand. Zeuginnen emsigen Schaffens. Don Lupe aß im Stehen.

Auf den Augen des Toten lagen Münzen. Don Lupes Augen hatten ihr von Anfang an gefallen: das Zwinkern in den Winkeln, die Schicksalsschläge auf der Iris – sie schienen zu verstehen; machten Mut. Deshalb hatte sie damals auch zu fragen gewagt: Was die Zeichen neben den Bildern in den Gazetten bedeuten würden, war eine solche Frage. Ob er sie lesen lehren könne, eine andere.

Gegen Empanadas  – ja?

Sie wunderte sich anfangs darüber, dass der Drucker sich überhaupt auf den Handel einließ.

Zwei am Tag…

hatte er gesagt,

und du erzählst mir auch noch von dir.

Siesta-Gespräche

Später sollte Consuelo entdecken, dass sie oft wochenlang der einzige Mensch war, mit dem Don Lupe sprach. Seit dem Tod seines Sohnes sei das so, hörte sie. Seit niemand mehr erben würde, hieß es. Aber sie selbst blieb dem Meister zwei Jahre treu – kam zu Mittag und blieb eine Weile. Consuelos schlief nicht zur Siesta.

Zunächst lehrte Don Lupe sie lesen, dann schreiben. Dazwischen hörte er ihr zu; horchte nach Details: Danach, wie sie lebten – die Straßenhändlerinnen; nach der Hierarchie unter ihnen. Ganz oben die garbanceras, die in Korsett und HighHeels Kichererbsen verkauften und sich für etwas Besseres hielten. Ganz unten die empanaderas aus den umliegenden Dörfern in den Sandalen und Blusen der Heimat. Analphabetinnen alle, nur nicht mehr sie.

Von sich aber erzählte er nie. Ihn kennen…?

Nein,  dafür hatten wir keine Zeit.

Wie der Tote da lag! Einen Arm weit von sich gestreckt; die Hand umklammerte eine Zinkplatte – so als wollte er sie jemanden geben. Consuelo sah dabei zu, wie ihm der Arzt die Finger brach. Betrachtete die Platte, als er sie auf den Tisch legte. Auf Don Lupes Arbeitstisch vor dem Fenster. Das Bildnis eine Dame war darauf gestichelt. Einer Dame mit Federhut.

posadas garbancera nachgezeichnet

Wie sollte sie das jemals vergessen?

Vom Kampf einer Stimme

Consuelo räusperte sich. Wieder – und wieder:  über Wochen, über Monate. Die Stimme wurde diese Echos nicht los. Schlimmer noch: Erinnerungen ballten sich und rollten auf ihren Bändern. Sie schmeckten nach Wachs.

Empana… de…

Schon musste sie sich wieder räuspern oder aber sie krächzte. Sie konnte sich gegen die Rufe der anderen Händlerinnen nicht mehr durchsetzen. Die Kunden konnten sie nicht mehr hören. Die Stimme versagte.

Bald reichte es nicht einmal mehr für das Nötigste.

Auf der Straße tobte derweilen die Revolution. Menschenmassen wogten mal hierhin, mal dorthin. Alle  kämpften, um zu überleben.

Neun Monate nach Don Lupes Tod aber, am Día de Muertos, hielten sie kurz inne. Sie schmückten die Kirche mit Girlanden aus Studentenblumen; zogen Wege mit deren Blütenblättern bis in die Häuser – zu den Altären mit den Opfergaben.

Auf der Straße tanzten die Menschen, sie reichten sich calaveras – Totenschädel aus Zucker. Alle kauften sie Teigtaschen, Tequila und Totenbrot. Sogar eine Schmähschrift ging von Hand zu Hand.

Wer hätte das gedacht? La Catrina hilft…

La Garbancer - Ursprung von La CatrinaWas steht da?

fragten die Leute. Auf dem Titelblatt prangte eine Dame: die Dame mit Federhut.

Consuelo griff nach dem Blatt.

Ausverkauf fröhlicher Totenschädel, 

las sie.

Die heute gepuderte garbanceras sind, werden als deformierte Schädel enden.

Die Leute grinsten.

Lauter! Sprich doch lauter!

Nun trat die Stimme fester auf. Sie wollte, dass alle es hörten! Jeder sollte dieses Spottgedicht verstehen. Satz für Satz scheuchte sie die Schatten, zerbiss die Ballen der Erinnerung. Das Lachen blieb an ihrer Seite, gab ihr Mut. Strophe für Strophe.

Consuelo grinste. Sie erkannte, was sie Don Lupe erzählt hatte. Nun aber reimten sich ihre Geschichten, waren auf dem Punkt. Mit einer Portion Spott. Auch wenn die garbanceras säuerlich blickten – sie wärmte es: Sie fühlte das Zwinkern in Don Lupes Augen.

Die Dame macht Karriere

Mehr als 20 000 Zinkplatten hatte Don Lupe im Laufe seines Lebens gestochen.

Und was bitte hatte er davon? Man verscharrte ihn in einem Grab Klasse sechs; genau zwei Freunde sahen  zu. Das war’s. Und ich?

Ihre Geburt stand wahrlich unter keinen gutem Stern! Wie La Catrina es unter solchen Umständen trotzdem schaffte, zu Ruhm zu kommen? Zu jenem Erfolg, der ihr gebührte? Ihrem „Vater“ verdankt sie es wahrlich nicht, findet sie.

Drei Pesos! Das müsst ihr euch vorstellen… für drei!

Dafür verhökerte man ihr Bildnis an Antonio Vanegas Arroyo…

an diesen Sudelblatt-Verleger!

Deformierter Schädel… ha! Wie konnte er es  wagen?

Ändern konnte La Catrina die Verleumdung nicht, aber das Beste daraus machen… überleben…

Das Blättchen drehte die Runde in der Stadt; La Catrinas Konterfei gelangte in die Hände der Jugend, in deren Gedächtnis. Vergrub sich da; schlief – und tauchte ganz unerwartet Jahrzehnte später wieder auf.

Durch den Maler Diego Rivera zum Beispiel.

Ein medialer Schachzug – das!

Überlebensgroß inmitten einer Wandmalerei steht sie heute da: La Catrina, kerzengerade hält sie dem Kind Rivera die Hand, rechts neben sich seine Frau, die weltberühmte Malerin Frida Kahlo. Sogar ein Porträt ihres Schöpfers, von José Guadalupe Posada, gehört zur illustren Gruppe. Das Gemälde ist ein nationales Juwel – mit tausenden Besuchern im Jahr.

La Catrina blendet sie alle mit ihrer Schönheit: Mit dem Schädel des Todes – unter einem Federhut.

Hay hermosas garbanceras
de corsé y alto tacón,
pero han de ser calaveras,
calaveras del montón.*

*Übersetzung: Es gibt garbanceras mit Korsett und HighHeels, aber sie werden Schädel sein, ein Haufen Schädel.

Beitragsbild aus  The Yucatan Times

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Cortés und die Löffelchen des Moctezuma

Jaguarkrieger Cacaxtla, Garde des Moctezuma
Nebiga

Cortès und die Löffelchen des Moctezuma

Früher… ja früher war alles anders. Wenn damals aus einem historischen Ereignis eine Geschichte entstand, handelte sie meist von Männern. Nicht von irgendwelchen, sondern von denen, die regierten. Von einem wie der Allerheiligsten Majestät Karl V, zum Beispiel. Oder einem wie dem uey tlatoani, dem Großen Sprecher der Azteken: Moctezuma II.

Auch meine Geschichte erzählt von diesen beiden. Handeln aber… nun… in dieser Geschichte handeln zwei ganz andere.

Der Eine meiner Helden fragte sich an einem Morgen im Jahr Eins Rohr:

Warum nur strafen mich die Götter?

Erfüllte er seine Pflichten etwa nicht? Regelte er nicht von früh bis spät die Angelegenheiten anderer? Kaum schlug Cuautlipoc die Augen auf, überfielen sie ihn schon. Einmal waren es Moctezumas Boten, ein anderes Mal Bittsteller oder eben Nachrichten von einem der Küstendörfer wie an diesem Tag. Immer forderten alle, dass er sofort entschied, befahl oder bestrafte.

Ein Diener flüsterte ihm gerade zu:

  • Fremde sind mit riesigen Schiffen über das göttliche Wasser gekommen, Herr.

während Cuautlipoc selbst mit seinem Sohn beschäftigt war. Die Menge der Aufgaben überfiel ihn täglich neu –  überraschte ihn. So fügten es die Götter immer! Seine Pläne missachteten sie, verlangten aber die sofortige Unterwerfung unter die ihren. Dabei rollten die Diener gerade erst die Schilfmatte zusammen, auf der er schlief – und der Sonnenball lugte erst halb aus dem göttlichen Wasser.

Cuautlipoc blickte auf den Jungen, der vor ihm kniete; zog eine Augenbraue hoch und streckte den Rücken. Mächtig ragte das Familienoberhaupt auf. Sein Auge blitzte, gewohnt zu befehlen. Tief in ihm aber seufzte es.

  • Tete, es war nicht meine Schuld. Wir haben bloß…
  • Wir? Wer ist wir?
  • Nabi…
  • Halt! Ich will es nicht wissen. DU bist der Sohn eines Kriegers! Du kennst die Regeln. Hast du dich daran gehalten?

Respekt, Ehre, Dankbarkeit. Seit Monden schien sein Sohn, Itzel, alles mit Füßen zu treten, was ein Aztekenleben bestimmte. Es war als hätte er vergessen, dass er den Göttern diente. Wie konnte er nur! Die Lehrer im calmecac – der Schule für Krieger – hatten ihn heute nach Hause geschickt. Er wäre nicht würdig…

Sogar jetzt noch trotzte alles an dem Jungen. Wer, dachte er, dass er wäre? Dass er sogar hier und jetzt Widerworte wagte.

  • Aber…
  • Denkst du, dein Ungehorsam gefällt den Göttern?

Wenn die Väter der Azteken zürnen

Die Schultern des Jungen spannten sich. Wenigstens war er nicht dumm. Er wusste also, dass jedes weitere Wort die Lage verschlimmerte. Jetzt neigte er sogar den Kopf. Endlich! Der Junge irrte aber, wenn er glaubte, ihn – seinen Herrn und Vater – damit weich zu stimmen. Er, Cuautlipoc, würde niemals vergessen, was er den Göttern schuldig war.

Neuerlich trat ein Diener von der Seite an ihn heran, überreichte einen Speer. Cuautlipocs Finger legten sich wie in Trance um den Schaft. Vertrautes Gefühl! Er betrachtete die Spitze aus Obsidian und überlegte. Keine Zeit mehr für die angemessenene Strafe! Er konnte sie allerdings auch niemanden übertragen.

Während er nachdachte, legte ihm ein anderer Diener einen Umhang aus Leinen und Federn um die Schultern, verknotete diesen auf Brusthöhe  und schmückte seinen Hals mit einer Kette aus Glasperlen und Muscheln. Cuautlipoc nahm einen Federschild entgegen. Er war soweit.

Als Statthalter des großen Moctezuma gehörte es sich, die Fremden selbst in Augenschein zu nehmen. Er musste dem Großen Sprecher seine Augen leihen… Augen, Ohren und Mund. Eine weitere von unzählig vielen Pflichten.

  • Geh – ich kümmere mich um dich, wenn die Feuer bereit sind!
So bestraften Azteken ihre Söhne

Strafe für Aztekenjungen

Der Krieger wandte sich der Türöffnung zu; verschwendete keine Zeit, seinem Sohn zuzusehen, wie er sich auf den Knien rutschend zurückzog. Nichts würde dem Jungen Husten, Tränen und die Schmerzen ersparen. Ein Azteke musste lernen, die Götter zu ehren! Weder Flehen noch Fliehen würde ihm etwas nützen.

  • Bereitet Chili vor…

befahl Cuautlipoc den Dienern, bevor er sich der Türöffnung zuwandte und sich auf den Weg zum Strand machte.

Der andere atmete am 21. April 1519

Hernan Cortes,

Hernán Cortés aus ,Appletons‘ Cyclopædia of American Biography, v. 1, 1900, p. 748

Landluft. Hernán Cortés sog sie ein, ließ den Duft durch die Nase strömen, sich in ihm ausbreiten. Wie willkommen es dem spanischen Adeligen war – dieses Duftgemisch aus Sand, Seetang und Palmen.

Endlich hatte er das gelobte Land erreicht. Jenes Land, in dem es soviel Gold geben sollte, wie die Allerkatholischte Majestät sich nur wünschen konnte.

Und Cortés war hier gelandet, um sich seinen Anteil zu holen. Sich. Seinen Männern; ja und auch dem fernen König. Er würde nicht mit leeren Händen nach Spanien zurückkehren! Hatte er nicht alles, was er besaß, in diese Expedition gesteckt? Ein Abenteuer war es – ja, aber Cortés hatte höhere Ziele:

Mit Gott zu Gold und Ruhm!

An diesem Karfreitag anno 1519 beobachtete er seine Leuten, wie sie die Schiffe entluden. Alles wuchteten sie an den Strand: Kanonen, Gewehre, Rüstungen. Versteckt in den Dünen sicherten einige mit den bereits entladenen Kanonen den Strand. Andere bewegten die Pferde und Bluthunde, patrollierten, schossen Salut. Kein Grund sich zu verstecken! Die Indios sollten wissen, dass die Spanier gelandet sind. Kisten lagen verteilt im Sand.

Breitbeinig, die Arme hinter dem Rücken verschränkt überwachte Cortés die Arbeiten. 530 Soldaten und mehr als hundert Sklaven – Männer und ein paar Frauen. Sie alle standen unter seinem Kommando. Er war ihr Kapitän.

Seine Augen suchten den Horizont ab: Der Sreifen Strand war schmal. Gleich dahinter bauten sich wild bewachsene Anhöhen auf. Er würde Männer in diesen Wäldern Hütten bauen lassen. Hier unten waren sie zu ungeschützt. Möwen schrien.

Männer!

Wie el capitán es erwartete, hielten alle inne. Sie hörten ihm zu; sogar die, die dem Spanischen nicht mächtig waren.

  • Diesmal wird nicht gekämpft. Wir rücken vor – ihr plündert nicht, ihr nehmt euch keine Frauen! Ich will keine Scharmützel, wie das letzte Mal.

Bevor Cortés den weiteren Verlust von Männern riskierte, musste er wissen, ob es in diesem Land tatsächlich Gold gab.

  • Würde der Widerstand groß sein, wenn er vorrückte?
  • Wer herrschte über dieses Land?
  • Mit wem würde er es zu tun bekommen?

Noch wusste er zu wenig: Die vergangenen Zusammenstöße mit den Einheimischen hatten ihn keinen Schritt weiter gebracht. Diesmal galt es zu lernen. Gott war an seiner Seite! Hatte er ihn nicht eine  Sklavin erbeuten lassen, die der Sprache der Einheimischen mächtig war?

  • Ihr werdet nichts tun, was die Indios aufbringt. Tauscht Essen gegen Glasperlen… ja. Aber nicht gegen Gold! 

Grummeln, ein Murmeln wogte durch die Zuhörer, ein empörtes Flüstern. Bevor einer der Männer jedoch laut gegen den Befehl des capitán aufbegehren konnte, hob Cortés die Hand.

  •   Heute geht es um Unzen, morgen um Bergwerke. Bedenkt, was auf dem Spiel steht!

Auf jeden Fall die Peitsche für jeden, der seiner Order zuwider handelte. Soviel stand fest. An den grimmigen Mienen erkannte Cortés, dass sie verstanden hatten. Selbst die, die nur erahnen konnten, was er eben verkündet hatte.

Einen Altar würde er bauen lassen. Ja, und die Priester mussten eine Messe lesen – eine Heilige Messe schien ihm das Richtige zu sein.

Die Begegnung

Eines musste er den Einheimischen lassen: Sie beherrschten es, sich anzuschleichen. Den Anführer der Küstenbewohner bemerkte el capitán erst, als einer seiner Kanoniere rief. Der Indio hatte da bereits mit seinen Leuten den Strand betreten.

Kerzengerade blieb der Anführer in einiger Entfernung stehen; eine Narbe zog sich durch sein rechte Auge. In der Unterlippe steckte ein Stück Stein, grün. Jade? Kein junger Mann, eher in seinem eigenen Alter, vielleicht sogar älter.

Warum Cortés wusste, dass er einen Anführer vor sich hatte? Einmal war es  die Haltung – und ja, der Umhang; reichverziert mit Federn und türkisblau, anders als die einfachen, weißen Wollumhänge der Indios tags zuvor. Blaue Federn schmückten auch sein Haupt, das – glattrasiert – nur einen Zopf trug.

Viel später erst sollte Cortés erfahren, dass bei den Azteken nur Krieger, die sich bereits bewährt hatten, so einen temillotl tragen durften. Auch ein Schild wie jenes, das eben in der Sonne schimmerte.

Noch mehr Einheimische traten aus dem Gebüsch, einige mit Äxten andere mit Früchten, Gebratenem und Fischen in Händen.

Der Spanier winkte die Sklavin herbei – seine Augen unverwandt auf die Besucher gerichtet. Wer weiß, wie viele noch im Gebüsch versteckt waren. Ruhig nickte er dem Anführer zu und kam ihm, der sich nun gemessenen Schrittes näherte, mit der Sklavin und zwei Soldaten entgegen. Wohl wissend, dass die Kanoniere ihn deckten. So trafen die beiden aufeinander – der Gesandte Moctezumas und der Kapitän Karls V.

  • Seid gegrüßt, Fremde! Ihr habt euch Mühe gegeben, über das göttliche Wasser zu kommen. Was führt euch hierher?

sagte der Azteke. Die Sklavin übersetzte, und Cortés? Er begann zu verhandelt.

Augen und Ohren für Moctezuma

Im Innenhof waren die Feuer schon niedergebrannt, als Cuautlipoc endlich heimkehrte. Doch merkte er es nicht – auch sah er Izel nicht, der kniend im Schatten ausharrte, die Arme auf den Rücken gebunden.

Ein Diener sprang sofort auf, schürte die Glut. Die Flammen schlugen hoch, tanzten über die Fresken an der Hauswand. Ein anderer legte auf die Holzbank vor dem Feuer ein Waschbärfell.

Was sollte er Moctezuma berichten? Alles schien von Bedeutung – und doch… Manches musste sein Herr sofort und von ihm erfahren. Anderes sollten Berufenere deuten. Ob der Fremde ein Gott war, etwa. Der Krieger lehnte den Speer an die Bank. Damit wollte er sich nicht auseinandersetzen. Aber er musste Moctezuma unbedingt berichten, dass

  • einen das Feuer in Angst versetzt, das die Rohre der Fremden ausstoßen.
  • die fremden Krieger gerüstet kommen – mit Schilden, Lanzen, Holzspießen.
  • jeder auf seinem Kopf ein Haus trägt.
  • die Lanzen mit Eisenspitzen versehen sind.
  • das Kleid der Krieger ganz aus Eisen gemacht ist.
  • einer der Fremden eine Pauke trägt. Er rührt sie, so dass sie erschreckend dröhnt.
  • die Ankömmlinge auf Hirschen reiten.

In Cuautlipocs Augenwinkel flackerte der Widerschein der Flammen; Schatten duckten sich an der Hauswand. Er sah aufmerksamer hin: Itzel, sein Sohn. Kniete. Wartete. Nun – noch war er nicht an der Reihe.

Seinen Herrn wolle er treffen, hatte der Fremde gesagt.

Seufzend setzte sich Cuautlipoc auf die Bank, seine rechte Hand strich über die Lehne, einen aus Holz gedrechselten Waschbärkopf. Wie sollte er diese Bitte in Worte fassen? In Worte, die seinen Herrn, Moctezuma, nicht beleidigten?

  • Wer ist er, dass er denkt, ein Treffen wert zu sein?
hatte er den Fremden gefragt.

Missverständnis über Missverständnis

Karl V

Carlos V

  • Ich bin Repräsentant seiner königlichen Hoheit, Karl V., dem Herrscher des mächtigsten Reiches der Welt.
  • Wie kann er das sein? Wenn der große Moctezuma, mein Herr, über die Eine Welt herrscht?
  • Das Reich Seiner Majestät, Ihrer königlichen Hoheit Karl V reicht so weit, dass sogar das Meer ihm gehört, als wäre es sein Vorgarten.
    Moctezuma
  • Ist nicht die Eine Welt umschlossen von göttlichem Wasser? Eines dient meinem Herrn als Vorgarten und eines – als Hinterhof. Warum also sollte sich der Mühe unterziehen, dich zu empfangen?
  • Es wird deinem Herrn zum Vorteil gereichen. Denn Karl V ist mächtig, aber auch reich. Er isst von Tellern aus Gold und Silber – ja sogar die Löffel sind aus Gold.

Gold? Was hatte der fremde Kapitän damit gemeint? Auch die Sklavin hatte kurz inne gehalten, so als müsste sie den Sinn der Worte erst erfassen. Als sie schließlich übersetzte, klang immer noch ein Hauch Erstaunen durch. Auch Cuautlipoc suchte den Heimweg lang nach einem Sinn – und noch auf seiner Bank, den abwesenden Blick auf seinem Sohn fand er keine Lösung: Wer brauchte Gold zum Essen?

Anmerken hatte er sich eine Verwirrung allerdings nicht lassen. Diese Blöße wollte er sich nicht geben.

  • Wechselt er auch – wie mein Herr – mit jedem Bissen das Löffelchen?
Die Produktion von Tortillas

Die Löffelchen des Moctezuma. Maler: Diego Riviera, Titel: Mais

hatte Cuautlipoc geantwortet. Bei dieser Erinnerung grinste er. Natürlich ließ er die beiden nicht aus den Augen, während die Frau übersetzte. War der Funken eines Lächelns bei ihr aufgeblitzt? Bewunderung für seine Schlagfertigkeit?

Sie sprach lange, winkte sogar einen seiner Leute herbei, der Tortillas in einem Korb bei sich trug, zeigte dem Kapitän die schmalen Teigfladen. Dessen Lippen verzogen sich schließlich zu einem dünnen Lächeln.

Derweilen hatte Cuautlipoc die donnernden Rohre gezählt.

Vom frühen Erwachsenwerden

Will jemand wirklich Handel treiben, wenn er so viele Waffen bei sich führt? Es stand Cuautlipoc nicht zu, diese Frage zu stellen, viel Weisere würden eine Antwort darauf finden müssen.

Krieger MoctezumasDie Entscheidung, ob die Azteken in den Krieg ziehen, lag letztendlich bei Moctezuma – und den Priestern, die alle Vorzeichen beurteilten. Denn Moctezuma trug die Verantwortung für die Familien der mexica; diese Fürsorgepflicht stammte von den Götter.

Die Götter…

Was ihn wieder erinnerte: Vor dem Feuer stand eine Schüssel, eine Schüssel mit Chilischoten. Hatte Cuautlipoc es tatsächlich erst heute Morgen befohlen? Ihm schien eine Mondphase vergangen zu sein – so viel hatte er erlebt, gesehen, getan.

Wie viele davon würden den Göttern genügen? Fünf, sechs Stück? Mehr? Diese Entscheidung stand noch aus. Am besten er brachte es hinter sich.

Cuautlipoc musterte seinen Sohn. Er würde ihn über das Feuer halten, in dem Chilischoten verbrannten. Der Junge würde den beißenden Rauch einatmen müssen. Brennen würde sein Schlund in jedem Fall – er konnte nur bestimmen wie sehr und wie lange Itzel an den Nachwirkungen litt.

Galt an diesem Abend tatsächlich noch, was am Morgen selbstverständlich gewesen war?

Itzel hatte, so hatte man ihm berichtet, mit dem maquahuitl gekämpft. Nicht mit dem Holzschwert, mit dem die Jungen in der Schule normalerweise üben, sondern mit einem Schwert eines erwachsenen Kriegers. Eines mit einer Klinge aus Obsidian. Scharf, spitz, tödlich. Moctezuma hat ihn aber noch nicht in den Kreis der Krieger aufgenommen. Deshalb hatten die Lehrer ihn zur Familie zurückgeschickt.

  • Ungehorsam und unbescheiden

ließen sie ausrichten. Cuautlipoc hatte ihnen am Morgen geglaubt. Wie an die Eine Welt. Jetzt aber lag ein Tag hinter ihm, ein Tag, an dem der Krieger zu zweifeln gelernt hat.

Zwei. Zwei Schoten mussten den Göttern reichen.

Beitragsfoto von HJPD

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Beitragsbild:  Von Juan de Tovar, ca. 1546-1626 

Frida Kahlo
Nebiga

Frida Kahlo: Träume? Ich male meine eigene Wirklichkeit

Die Surrealisten – allen voran einer ihrer „Gründerväter“ André Breton – meinten, die mexikanische Malerin, Frida Kahlo, sollte mit ihnen gemeinsam in Frankreich ausstellen. Sie sei eine Malerin der Träume und gehöre deshalb zu ihnen. Eine Einschätzung, die sich in Künstlerkreisen bis heute hält, obwohl Frida Kahlo so gar keine Träumerin war und die französischen Surrealisten eher skeptisch betrachtete. 1939 stellte sie zwar in Paris aus, schrieb aber folgendes nach Hause:

  • Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie bescheuert die Leute hier sind. Stundenlang sitzen sie im Café, wärmen ihre hübschen Hintern, reden ohne Punkt und Komma über Kultur, Kunst und Revolution und dies und jenes. Tags darauf haben sie nichts zu essen, weil keiner von ihnen arbeitet.

Was Frida in ihrem Leben stets unter Beweis stellte: Sie war ihr Leben lang eine mexikanische Realistin – durch und durch. Und sie ärgerte die Unterstellung, ihre Bilder würden eine Traumwelt zeigen. Daher stellte sie schnell klar:

  • Ich habe nie Träume gemalt, sondern immer nur meine eigene Wirklichkeit.

Das meinte Frida Kahlo durchaus nicht im übertragenen Sinn. Sie gestaltete eine eigene Welt in ihrem Haus – La Casa Azul – eine Welt, in der sie leben konnte, wie sie es wollte. Wer das blaue Haus besucht, kann selbst heute noch nachvollziehen, wie Frida ihr ganz besonderes Leben in ihre Bilder verwob.

Mexiko-Stadt, Londres 247

  • Elektrizität und Reinheit

schrieb die Malerin mit einem kobaltblauen Stift in ihr Tagebuch

Später fügte sie

  • Liebe

in Braun hinzu.

  • Rot ist Blut? – tja, wer weiß!

Das ist die Farbkombination, nach der ich Ausschau halte. Der Taxifahrer hat keine Ahnung. Er weiß nicht, wo es ist – das Haus der Ikone Mexikos, der Frida Kahlo. Es müsse aber, sagt er, in jenem Viertel von Mexikostadt  liegen, dessen Straßennamen europäischer Städte bezeichnen – in Coyoacan.

Wir sind jetzt in der Viena, überqueren nach einer längeren Diskussion die Berlin und biegen schließlich in die Londres. Hausnummern sehen wir keine. Trotzdem suchen wir Nummer 247.

Ich beuge mich weit aus dem Fenster, bis ich es sehe – die Außenwände eines Eckhauses in Kobaltblau.

Das blaue Haus wirkt ruhig – so, als liefe das Leben an ihm vorbei, als würde niemand es besuchen wollen. Bunt schillernd wie Frida sich in ihren Selbstporträts präsentiert, hätte sie und ihr Haus schon mehr Aufmerksamkeit verdient. Bin ich hier wirklich richtig?

Museo Frida Kahlo

Der äußere Schein trügt allerdings! Kaum trete ich durch die Tür, sehe ich wie sehr: Um mich herum tummeln Touristen – Neugierige, Verehrer, Souvenirjäger. Sie

  • verirren sich in einem Gewirr tropischer Pflanzen,
  • staunen über das Gezwitscher exotischer Vögel,
  • gehen durch einen Wald voller präkolumbianischer Statuetten.

Irgendwo plätschert Wasser.

Wer will schon ein ruhiges Heim?

Zu Zeiten Frida Kahlos kreischte auch noch der Affe in den Bäumen, plapperten Papageien, stolperten die Besucher über die itzcuintlis, die kleinen mexikanischen Hunde der Malerin, über ein Rehkitz oder eine Ziege. Oft spielten Musikanten Gitarre. Kahlo und ihr Ehemann – der Muralist Diego Rivera – sollen dazu Gassenhauer gesungen haben.

Frida Kahlo

Frida Kahlo in ihrem Garten.

  • Frida war nicht diese leidende Frau, wie sie jetzt mythologisiert wird. Sie trank, sie rauchte, sie war sehr glücklich und sie liebte Musik

Das berichtete Guadalupe Rivera Marin, die Tochter, die ihren Vater Rivera öfter besuchte. Ein ganzes Jahr verbrachte sie in jenem Haus, in dem auch der russische Revolutionär, Leo Trotzki, eine zeitlang wohnte. Gäste gab es immer.

  • Schriftsteller wie Pablo Neruda und André Breton,
  • Künstler wie Henry Moore,
  • Fotografen wie Edward Weston und Manuel Alvarez Bravo
  • oder gefeierte Schauspielerinnen wie Maria Felix und Paulette Goddard

Sie alle und noch viel mehr gingen ein- und aus, passten sich dem Lebensrhytmus des Malerpaares an, genossen das traditionelle Essen, großartige Gespräche und liebevoll gestaltete Feste. Frida Kahlo liebte es, Gäste zu bewirten und Feste auszurichten.

Genau so hatte Guadalupe das blaue Haus so erlebt. Heute können wir es nur noch erahnen: Nichts ist leise oder schüchtern – weder die Farben noch die Geräusche. Zu Zeiten, als der äußerst beleibte Maler Rivera noch mit seinen Lieblingsspeisen bekocht wurde, waren es auch nicht die Gerüche.

Der grausige Ojosauro

Ich will eine Rampe zu einer Glastür auf der gegenüberliegenden Seite vom Eingang hochgehen. Mir scheint, sie führt zu einem zentralen Raum des Hauses. Doch nein…

  • Links bitte, die erste Tür! Dort fängt der Rundgang an!
Frida Kahlos Tagebuch

Frida Kahlos Tagebuch. Aus Maria Hesse: Frida Kahlo, eine Biografie

Der Museumswärter lotst mich, begleitet mich zu einer Glasvitrine. Dort deutet er auf das Tagebuch, Frida Kahlos Tagebuch.

In ihm hat die Künstlerin Skizzen, kurze Texte und Briefe an Rivera festgehalten. Es ist Beweisstück für ihre Liebe zu ihrem Mann. Aber auch ein Beleg für Fridas abgründigen, manchmal kindlichen Humor. Aufgeschlagen ist eine Seite mit einem grün und rot gestreiften Würmchen, dessen Nase einem Einhorn ähnelt und das am Kopf eine Narrenkappe trägt.

  • Ein altes Tier, das tot bleibt, um die Wissenschaften zu fesseln. Es sieht bis nach oben… und hat keinen Namen. Wir werden ihm einen geben: Der grausige ojosauro, der Augensaurier.

Welche Wirklichkeit mag sich hinter diesem ojosauro verstecken? Frida würde nicht antworten, aber grinsen.

  • Wozu darüber nachdenken? Es ist doch nur ein Farbfleck? Ein solcher hat mich inspiriert.

Die Kunstkritik erklärt Frida Kahlos Bilder naturgemäß etwas detaillierter: Die Kunsthistorikerin Sarah Lowe zum Beispiel ortet deren Ursprung

  • in mexikanischen Legenden, Geschichten von Wesen und Tieren, wie sie in den aztekischen Tempeln in Stein gemeißelt, in den Maya-Codices oder im landesüblichen Kunsthandwerk zu finden sind.

Vater aus Pforzheim, die Mutter aus Oaxaka (Mexiko)

Was überraschen könnte – denn Fridas Herkunft ist keine rein mexikansche: Der Vater, ein Deutscher aus Pforzheim, war mit achtzehn nach Mexiko ausgewandert. Er baute das blaue Haus. Und die Mutter? Frida Kahlo beschreibt sie als

  • ein Blümchen aus Oaxaca. Sehr gewinnend, umtriebig, klug. Sie konnte nicht lesen und schreiben, sie konnte nur das Geld zählen.

Die junge Frau, Frida Kahlo, entschied sich bewusst dafür, Mexikanerin zu sein; ein Kind der Revolution. Sie machte sich sogar jünger, um im Jahr der mexikanischen Revolution  geboren zu sein: 1910. Damit wollte sie ein Statement setzen.

Hielt sie sich später einmal nicht in ihrem geliebten Land  auf, nannte sie sich selbst – ohne die Legenden, die Gärten und die Sonne – verloren.

Aus den wenigen Jahren, die sie wegen und mit Rivera in den USA lebte, stammen viele Briefe. Diese zeigen, wie sehr sich Frida nach Coyoacan gesehnt hatte. Sie wollte nicht nur durch ihre mitgebrachte Kleidung und den auffallenden Schmuck an ihre selbst gewählte Identität erinnert werden. Sie vermisste die Qualität der mexikanischen Lebensweise und die Kultur ihrer Heimat.

Dabei hatte Frida anfangs ihren Spaß: Sie amüsierte sich über Walt Disney und über die Gesellschaft New Yorks, die sich über ihre Flüche und derben Ausdrücke aufregte. Es machte ihr diebische Freude diese Gesellschaft zu provozieren.

In Detroit aber rang die Malerin nach einer Fehlgeburt mit dem Leben. Sie sehnte sich mehr und mehr nach Hause. Dann starb ihre Mutter. Das brachte sie zurück.

Frida Kahlo und ihre 2000 Wunderchen

Der nächste Raum auf meinem Rundgang ist kein richtiges Zimmer, eher eine Art Flur zu anderen Räumen.

  • Links führt eine Treppe hoch,
  • geradeaus liegt die Küche,
  • rechts geht es in einen weiteren, hellen Raum.

Trotzdem weiß ich sofort, dass hier Kahlos wirkliches Zuhause erst hier beginnt.

Die Wände sind mit Votivbildern behängt. 2000 Stück.

  • Milagritos

Kleine Miniaturen von Unfällen, Schicksalsschlägen, Moritaten. Unter jeder gibt es eine Danksagung, ein Gelübbde desjenigen, der die symbolische Opfergabe gespendet hatte. Kahlo sammelte diese Votivbilder.

1943 fandt sie eines, das ihren eigenen Unfall vom 17. September 1925 stark ähnelte. Die Malerin musste nur noch dem Opfer dichte, zusammengewachsene Augenbrauen aufmalen. Dann änderte sie die Bus- wie auch die Straßenbahnaufschrift. Dieses Bild symbolisiert jenen Moment, der Frida von der Medizin weg hin zur Kunst brachte; den Augenblick, der die lebenshungrige Frau zum Krüppel machte. So bezeichnete sie sich selbst, wenn sie die Grenzen ihres Körpers ärgerten. Und sie ärgerte sich oft.

Unter der Treppe gleich neben der Sammlung gibt es einen kleinen Tisch und zwei Stühle – die Künstlerin hat öfter hier gesessen, bevor sie in die Küche ging oder ins Esszimmer.

Die Küche – Hort der Liebe

Frida Kahlos Küche

Frida hatte Freude, Diego seine Lieblingsspeisen zuzubereiten.

Ein Holzofen über eine komplette Wandbreite, riesige, irdene Töpfe – hier wurde stundenlang gekocht: Rivera legte Wert auf traditionelles, mexikanisches Essen: gefüllte Chilieschoten, Maistortillas oder Huhn mit mole poblano (pikanter Schokoladesauce). Über dem Herd stehen kleine Tonkrüge in den Schriftzügen „Diego“ und „Frida“.

Die Gerichte waren eine Art Liebeserklärung. Frida wußte, dass Riveras Laune stark von der richtigen Kost abhängig war.

Wenn am Tisch ungebetene Gäste sitzen

Küche und Esszimmer sind beide in gelb gehalten. Die Farbe für

  • Wahnsinn, Krankheit und Angst,
  • aber auch der Sonne und der Freude.

Im Esszimmer gibt es Keramik, grün glasierte Karaffen, Schüsseln, Gläser. Alltagswaren der indigenen Bevölkerung. Auch heute lassen sie sich auf den Märkten zu Spottpreisen finden. Es fehlen weder Spitzendeckchen noch die bunt bemalten, lebensgroßen Tiere; Vögel, Teufel und Früchte aus Holz (alebrijes).

Ein riesiger Tisch zeugt davon, dass Gäste in diesem Haus willkommen waren. Er symbolisierte für Frida Kahlo den

  • Ort des Zusammenkommens.

Diesen Ort verletzte Rivera, als er Frida mit ihrer Schwester betrog. Das Malerpaar ließ sich scheiden und Frida verewigte seinen Treuebruch im Bild der verwundete Tisch.

Frida mit Rivera im KopfRivera kehrte jedoch zu ihr zurück. Er heiratete sie wieder und zog neuerlich mit ihr zusammen.  Diesmal baute er ihr allerdings ein eigenes Reich – aus Vulkangestein. Ein Atelier, wie man es sich als Künstlerin nur wünschen kann. Sonnendurchflutet, luftig, ein kleines Paradies.

Für die Besucher heute ist es, als wäre Frida Kahlo nur kurz einmal weggegangen: Vor einer Staffelei steht ein Rollstuhl. Die Pinsel und Stifte liegen in Reichweite. Eine Kurbel ermöglichte es der Malerin, das Bild in der optimalen Höhe zu fixieren. An guten Tagen  arbeitete sie im Sitzen. An schlechten half ihr eine Spezialkonstruktion – dann malte sie nämlich im Bett. In ihm musste Frida oft Monate verbringen – bewegungslos, mehrmals sogar in ein Gipskorsett gezwängt.

Die einzigen Zeugen dafür, dass Frida nicht mehr malen würde, stehen versteckt in einer Ecke des Raumes: Die Urne mit der Asche und auch Fridas Totenmaske. Die meisten Besucher beachten sie kaum, gehen schnell weiter. Sie wollen alle – ohne Ausnahme – nur in das nächste Zimmer: das Schlafzimmer. Denn dort steht

Das berühmteste Bett der Kunstgeschichte

Das Zimmer ist kleiner, als ich es mir vorgestellt habe. Fridas Bett füllt das Zimmerchen nahezu vollständig aus.

Berühmt wurde das Bett, als es Frida wieder einmal nicht verlassen durfte. Dabei fand aber eine Austellung ihrer Werke im Museum Bellas Artes statt. Sie sollte in ihrer Heimatstadt ausstellen und selbst nicht zugegen sein? Das konnte Frida Kahlo nicht hinnehmen!

Kurz entschlossen entschied sie: Sie empfängt die Besucher im Bett. Man musste dieses mitsamt Frida in die Ausstellung tragen. So wurde es berühmt. Dazu kam noch, dass die Malerin im Schlafzimmer Freunde empfing, las, flaschenweise Tequila trank, malte und unzählige Fotos machen ließ.

Andere Andenken finde ich allerdings in diesem zentralen Raum keine, auch keine Fotos von den Geliebten, die Frida gehabt haben soll. Nicht von Trotzki, nicht vom Fotografen Nickolas Murray, dem Bildhauer Ralph Stockpole und auch nicht vom Muralisten Ignacio Aguirre, selbst von Rivera nicht. Nur die Köpfe von fünf Männern zieren die Wand: Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao. Sie hängen in einer Reihe, direkt  auf der gegenüberliegenden Wand des Kopfendes. So dass Frida sie sehen konnte.

  • Ich liebe sie als Pfeiler der neuen kommunistischen Welt.

Frida Kahlos Geliebter – der eine, stets präsente

Frida Kahlo mit GeliebtemDoch noch einem hat die Künstlerin in ihrem intimsten Stunden Platz eingeräumt. Mehr als allen anderen.

An den Bettpfosten gehängt, klappert der Tod – ein grünes Skelett mit roten Rippen. Die Pappmaché-Figur ist Kahlos ständiger nächtlicher Begleiter. Er erinnerte Frida daran, dass ihr Leben jederzeit zu Ende sein konnte. Deshalb umarmte sie ihn, hieß ihn willkommen.

 

Gevatter Tod ist auch Mahnmal ihrer

  • größten Niederlage.

Die Künstlerin kämpfte lange Zeit damit, dass sie wegen ihres Unfalls Rivera kein Kind schenken konnte.

Die Türe ihres Schlafzimmers führt hinaus auf einen kleinen Balkon, dessen Treppe hinunter in den hinteren Teil des Gartens führt. Ich gehe an einem Springbrunnen vorbei, überquere ein Terrasse mit einer Wand eingemauerter Muscheln und Krüge.

Auf dem Weg finde ich noch mehr Pappmaché-Tode, -gesichter und -männer… In Mexiko nennt man sie juda.  In ihnen stecken der Hass, die Eifersucht, die Zweifel, Wut und auch Angst, mit denen der Macher im Laufe eines Jahres so konfrontiert ist. Am Samstag vor der Karwoche schmücken die Menschen diese Figuren mit Feuerwerkskörpern und zünden sie an.

Gemeinsam verbrennen sie diese unerwünschten Gefühle bei einem Fest.

  • Es ist Stärke zu lachen und sich der Leichtigkeit zu überlassen.

schrieb die Malerin einmal. Frida Kahlo sorgte dafür, an den Samstagen vor der Karwoche genügend Figuren zu verbrennen.

So schaffte sie es, weiterhin lachen zu können.

Beitragsbild und weitere Bilder aus dem .

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Frida Kahlo
Leo Nerdette

Das Leben von Frida Kahlo (1907 – 1957)

Geboren ist Frida Kahlo am 6. Juli 1907 im Casa Azul.

25. September 1925: Sie verunglückt schwer. Dieser Unfall ändert ihre Pläne, Medizin zu studieren. Neben langen Perioden in einem Gipskorsett folgen auch 36 Operationen.

Frida Kahlo und ihre Wirbelsäule

1926 beginnt sie zu malen.

1929 Heirat mit Diego Rivera, Revolutionsmaler und Generalsekretär der Kommunistischen Partei Mexikos.

Die Ehejahre der Frida Kahlo

1930-33: Aufenthalt in den USA, zunächst in New York, später in Detroit. In diesen Jahren erleidet die Malerin mehrere Fehlgeburten.

1933 stirbt Fridas Mutter. Die Malerin kehrt nach Mexiko zurück.

Nach der Rückkehr lebte das Paar in San Angel, einem Viertel in der Nähe von Coyoacan – in Riveras Haus.

1937 kam Leo Trotzki und wohnte für fast zwei Jahre mit seiner Frau im Elternhaus der Frida Kahlo, dem Casa Azul. Frida soll mit dem Revolutionär ein Verhältnis gehabt haben.

1938 erste Einzelausstellung Kahlos in New York.

1939 Ausstellung in Paris. Im selben Jahr erfährt sie von Riveras Verhältnis mit ihrer Schwester. Dies wertet Frida als schwerwiegenden Vertrauensbruch. Sie lässt sich von Rivera scheiden.

Leben im Blauen Haus

Kahlo zieht allein in ihr Elternhaus zurück. Sie schneidet sich die Haare und malt wie eine Wilde.

1940 heiratet sie Rivera erneut. Die Bedingungen des Zusammenlebens änderten sich allerdings: Der Muralist zieht zu Kahlo in das blaue Haus und baut ihr einen eigenen, abgetrennten Wohn- und Arbeitsbereich.

Mitte der 40er Jahre verschlechtert sich Kahlos Gesundheitszustand. Es folgen mehrere Rückenoperationen. Ab 1951 braucht sie einen Rollstuhl, 1953 wird ihr rechtes Bein bis zum Knie amputiert.

Im gleichen Jahr findet die einzige Ausstellung ihrer Bilder in Mexikostadt statt. Sie wohnt dieser in ihrem Bett bei.

Im Sommer 1957 stirbt sie an den Folgen einer Lungenentzündung.

Kahlos Werk umfasst in etwa 200 Bilder, davon sind ein Drittel Selbstporträts.

Sie ist heute die bekannteste mexikanische Malerin. 2016 erzielte das Bild Zwei Nackte am Waldrand acht Millionen Dollar. Laut Christie’s ist das die höchste Summe, die jemals für ein Gemälde eines südamerikanischen Künstlers bei einer Auktion erzielt wurde.

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Hopi Indianerin: Sonnenblume
Nebiga

Wie die Sonnenblume auf die Welt kam

Vogelfutter, Naschwerk und Öl: Dafür ist sie gut. Im Herbst stellen wir sie noch in einer Vase in die Wohnung oder wir zieren den Garten damit. Landwirtschaftlich wird sie eigentlich nur noch zur Ölgewinnung angebaut. Sie zählt nämlich zu einer der wichtigsten Quellen cholesterinfreien Öls:  Helliantus annus, die Sonnenblume. Dabei kann sie doch viel mehr!

Die Hopi-Indianer nutzen die Sonnenblume schon von alters her auf vielfältigere Weise; die Blume ist neben dem Mais das Kostbarste, was dieser Indianerstamm im Nordosten von Arizona kennt. Ihr Wissen geben die Hopi seit Generationen an ihre Nachkommen auf eine Weise weiter, die das Vergessen unmöglich macht – mit dieser Geschichte:

Das Mädchen, das die Sonne liebte

Vor langer, langer Zeit lebte einmal ein Indianermädchen, das Xochitl – Blume – hieß. Xochitl war in die Sonne verliebt.

Hopi Pueblo

Hopi Pueblo (Dorf) von John K. Hillers, 1843-1925

Wenn die Frauen sich in die kühlen Behausungen zurückzogen, um Mais zu mahlen, huschte das Mädchen so oft es ging hinaus und suchte den grellen Ball am Himmel. Sandte Tonatiuh, der Sonnengott, seine Strahlen noch zur Erde?  Wie lang, wie kurz waren die Schatten geworden? Trübte gar ein Wölkchen seine Kraft?

Abends hockte sie im ockerfarbenen Schein des Abendrots und sah von der Leiter am Eingang ihres Hauses aus traurig zu, wie der Himmelsball hinter den Dünen verschwand. Rief dann die Großmutter, damit sie dem Mädchen die Haare kämmen konnte, schmiegte sich Xochitl an sie und fragte:

  • Großmutter, passiert dem Sonnengott auch nichts – dort hinten, so weit weg?
  • Tonatiuh, kann auf sich aufpassen, ihm passiert nichts. Leg du dich nur beruhigt nieder!
  • Kommt er auch wieder zurück?
  • Er kommt wieder zurück.
  • Gleich morgen, wenn ich die Augen öffne?
  • Wir werden sehen, Kind!

Manchmal schien die Sonne am nächsten Morgen, manchmal aber auch nicht: Letzteres betrübte Xochitl so sehr, dass sie grübelte und grübelte und den Älteren nur noch untätig zuhörte – ohne Mehl zu mahlen oder Körbe zu flechten. Ihre Großmutter machte sich oft Sorgen: Zum Grübeln, fand sie, war das Mädchen viel zu jung! Sie sollte sich lieber auf das Lernen und das Leben beschränken!

Das Jahr als Tonatiuh täglich kam

Doch es kam ein Jahr, da Xochitl glücklich war – Tonatiuh schickte seine Strahlen Tag für Tag, nicht ein einziges Mal trübte ein Wölkchen den Himmel. Nun lernte Xochitl, was Indianermädchen so lernen müssen:

Mehl mahlen natürlich und Farben herstellen: purpur, blau, schwarz und rot; töpfern, Körbe flechten und Stoffe weben; sie fütterte die Vögel, presste Öl aus den Maissamen, kochte Gemüse und half sogar Kräuter zu sammeln und Heilsalben zu rühren.

Rührig war Xochitl den ganzen Tag, weil sie sich so freute, dass Tonatiuh sie begleitete.

Kurz vor Sonnenuntergang aber schnappte sie den Wasserkrug, kletterte über die Leiter hinunter und machte sich auf den Weg durch die Savanne zur Quelle, um den Krug zu füllen. Zwei, drei Mal. Tonatiuhs Strahlen liefen mit ihr mit. Erst wenn die Zisterne voll und nur noch wenige Sonnenstrahlen ihren Schatten begleiteten, hockte sie sich vor den Hauseingang und beobachtete, wie die Sonne endgültig am Horizont verschwand:

Sonnenuntergang

  • Schön war es heute, Tonatiuh. Ich hatte Spaß! Du auch? Komm doch morgen wieder!

Und Tonatiuh kam wieder. Sogar im Juli schien die Sonne täglich – und der August war auch schon fast vorüber… Die Regenzeit dagegen blieb in diesem Sommer aus.

Ohne Regen aber vertrockneten die Felder.

Ein Dorf sucht einen Ausweg

Die Maisstauden ließen ihre Blätter hängen, Bohnen und Melonen wollten partout nicht sprießen. Sogar die Kürbis-Pflanzen trugen nicht.

  • Ayy Großmutter, warum beraten sich die Männer heute schon wieder?
  • Sie planen den großen Tanz, den Schlangentanz, Kind!
  • Aber damit rufen sie doch Tlaloc, den Regengott, damit er Tonatiuh vertreibt. Ich will nicht, dass die Sonne geht!
  • Versteh doch, Kind! Wir haben wirklich nicht mehr viel Zeit. Du weißt doch, Tlaloc schickt seine Kinder nur selten, um ihre Eimerchen auszuschütten.
Moki Snake Dancers

Hopi Schlangentänzer

Kurz darauf machten die Männer sich auf die Suche nach Klapperschlangen. Sie zogen sich mit ihnen in die Steinwüste zurück, um sich auf die beschwerlichen Tanz-Tage vorzubereiten. Neun Tage würden die Männer trommeln, tanzen und um Regen bitten.

Die Frauen stöberten währenddessen sorgenvoll in den Vorräten herum.

Würde es für die nächste Zeit genug geben? Oder mussten sie auf Essensreste zurückgreifen, die sie nach einer guten Ernte in die Asche eingegraben hatten – für schlechte Tage? Würden sie ihre Häuser verlassen müssen? Weiterwandern zu den reicheren Verwandten in der Nähe des Flusses?

Xochitl beobachtete die Mienen der Menschen im Dorf, sah zu, wie die Frauen in der Asche gruben, hörte zu, wenn sie von ihren Sorgen sprachen. Nachdenklich betrachtete sie das schmutzige Wasser in der Zisterne. Schließlich bat sie eines Abends:

  • Tonatiuh, morgen komm nicht. Versteck dich hinter den Wolken, damit die Kleinen des Tlaloc ihre Eimerchen ausschütten können. Ich bitte dich, Tonatiuh. Komm morgen nicht!

Am nächsten Tag – noch bevor die Männer die Trommel schlugen – verschwand die Sonne hinter einer großen Regenwolke. Und es regnete, diesen Tag und den nächsten, diese Woche und die nächste und die nächste…

Die Freude war groß

Die Zisternen füllten sich. Die Bewässerungsanlagen ebenso. Maiskolben sprossen hervor und Bohnen. Die Kürbisse wuchsen, so prall und üppig, dass die Leute im Dorf kaum mit der Ernte nachkamen. Es war eine Freude! Die Menschen konnten sich an der Fülle gar nicht sattsehen, arbeiteten gemeinsam tagtäglich bis tief in die Nacht auf den Feldern, um den Segen zu nutzen.

Die Frauen legten zusätzlich Vorräte an, mahlten Mehl, bis zu 12 Kilo am Tag. Sie schälten Bohnen und trockneten sie, bewahrten die Kürbisse mit Asche bedeckt auf. Sie schleppten schwer, gruben und ernteten. Xochitl war stets unter ihnen.

Lauf zum Tempel der Blumen

Zunächst fiel es nicht auf. Aber nach einer Weile fand die Großmutter, dass das Mädchen schmäler war als noch Tage zuvor. Schwach schleppte es sich vorwärts, schwächer schien es von Tag zu Tag. Jeder Regentag ließ es offenbar müder werden und bleicher.

  • Was hast du Kind?
  • Nichts Großmutter. Ich fühl mich heute nur nicht ganz so gut.

So viel gab es zu tun, dass die Großmutter es auf sich beruhen ließ. Das Mädchen ging ja auch täglich mit auf die Felder, bis es eines Tages am Rand eines Maisfeldes zusammenbrach. Kaum ein Hauch Atem war mehr in ihr; sie würde sterben, gleich… es fehlte nicht mehr viel. Die Großmutter flehte

  • Tonatiuh hilf, so hilf ihr doch!

Da schickte der Gott einen Sonnenstrahl hinter einer der Wolken hervor.

  • Xochitl, lauf zum Tempel der Blumen. Dort kann ich dich beschützen, mach schnell, lauf.

So schwach das Mädchen schien, erhob es sich und ging los – zum Maisfeld hin. Mit jedem Schritt verblasste es mehr und mehr…

Vor den Augen der Großmutter verwandelte es sich in eine leuchtend gelbe Blume. Nur die Mitte blieb dunkel, so dunkel wie ihre Augen und ihr langes Haar.

Seit diesem Tag gibt es sie – die Blume, die im August an den Rändern der Maisfelder wächst und deren Blüten sich  nach der Sonne drehen. Die Hopi nennen sie xochitl tonatiuh: Sonnenblume.

Weil sie aber genau wissen, was eine Hopi-Frau in jungen Jahren lernen muss, wissen sie auch, was diese besondere Blume alles kann.

Warum die Hopi die Sonnenblume verehren

Schon vor zwei- bis dreitausen Jahren verwendeten die Hopis die Sonnenblume in all ihren Teilen. Sie

Sonnenblumen

  • mahlten Mehl aus den Samen
  • kochten den Kopf als Gemüse
  • gewannen aus den Samen blaue, schwarze, purpurne und rote Farbstoffe
  • pressten Öl
  • webten Stoffe aus den fasrigen Teilen der Blätter
  • flochten Körbe
  • rühren aus Kernen Salben für Wunden, Schlangen- und Insektenbisse

 

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Beitragsbild: Hopi Indian woman and her daughter in the village of Oraibi, ca.1901

ebooks sind keine Bücher
Leo Nerdette

Weil ebooks keine Bücher sind

Liebe ebooks-Freunde,

da wollte ich einem von Euch zum Ankommen im neuen „Lebensmittelpunkt“-Land ein Buch schenken.

  • Schick mir deine Adresse, bat ich.
  • Nicht nötig, mir genügt ein Titel.

Er würde es kaufen, downloaden und lesen. Wie ebooks-Leser es eben gewohnt sind zu tun. So leicht. So gut. Damit hätte ich dann den Zweck meiner Geschenkidee erreicht. Habe ich?

Ich leitete meine Empfehlung weiter. Bei Gelegenheit würde er es sich runterladen.

Passt schon, denke ich. In der haptischen Welt ist es mit geschenkten Büchern auch nicht anders. Und doch. Irgendwie war es nicht ganz das, was ich mit meinem Geschenk sagen wollte. Es fehlte etwas… das brachte mich zum Grübeln.

Was war denn nun anders? Bücher bleiben doch Bücher, egal ob gedruckt oder digital. ebooks haben den gleichen Inhalt. Sie sagen also das Gleiche aus. Oder etwa nicht? Was bedeuten für mich die bedruckten Bände, die so schwer in der Hand liegen? Was wollte ich mit dem Geschenk sagen?

Bücher und ebooks sind Wegbegleiter

Als ich vor Jahren am Flughafen Benito Juarez stand und auf den Transport zu meiner neuen Wohnung im mir fremden Land wartete, hatte ich Kind und zwei Koffer bei mir. Je Koffer waren damals 25 Kilo erlaubt. Damals. Im Gepäck kullerten auch die Kosmetikartikel noch frei herum, zwischen ein paar Kleidungsstücken, Geschenken und – natürlich – Büchern. Vier Stück in jedem – mehr ging nicht: Nur meine Bibeln – Bücher, die ich auf gar keinen Fall missen wollte. Den Rest hatte ich trockenen Auges verlassen, fünf Kisten bereits vor Jahren in der Elternwohnung – Kinder- und Jugendbücher. Hoch oben hatte ich sie verstaut, nicht leicht wieder herunter zu holen.

Einen Teil der Bücher, die mich durch das Studium begleitet hatten, hatte ich an ein Antiquariat verkauft. Spottbillig – zwei Schilling pro Buch. Trotzdem war eine schöne Summe zusammen gekommen. Ich hatte jahrelang Bücher gesammelt wie andere Lesezeichen im Browser. Chaotisch zwar, aber immer nach meinen Vorlieben.

Zehn Kisten davon schickte ich aufs Land – zum Frische Luft-Atmen. Zu ihnen wollte ich zurückkommen. Sie hatte ich fein säuberlich in Butterbrotpapier eingewickelt, geschlichtet, fürsorglich verstaut. Eines Tages würde wir uns wiedersehen, irgendwann dann…

Hätte es damals schon ebooks gegeben, hätte ich mich nicht trennen müssen.

 

Abstand tut schon auch mal ganz gut

Frau - glücklich, freiWie ich so in der Ankunftshalle des Flughafens stand und auf einen Transport wartete, fühlte ich mich befreit, leicht, bereit für Neues. Ich war in ein Land geflogen, dessen Sprache ich nicht sprach – und war gekommen, um zu bleiben. Wie lange? Das würde sich herausstellen.

Die Bücher des Landes waren mir zunächst einmal verschlossen. Zu ihnen musste ich mir erst Zugang verschaffen: die Sprache lernen, Neues erfahren, selber denken.

Vertrauten Wegen konnte und wollte ich in den nächsten Wochen nicht folgen; zu viele Eindrücke stürzten auf mich ein. Zurück ziehen und lesen war nicht drin. Das war gar nicht üblich in diesem Land. Wer allein saß, ging oder blieb, galt als einsam, vernachlässigt, traurig – Zustände, die dem Bild der allgegenwärtigen Gastfreundschaft zuwider liefen.

Nur nachts in meinem Zimmer, nahm ich hin und wieder eine meiner vier Bibeln in die Hand, las wenige Seiten – für mehr war ich zu überwältigt.

Wenn die Sehnsucht überhand nimmt

Vier Monate später aber hatte das Gefühl von Freiheit der Neugier Platz gemacht.

Unter Arkaden büffelte ich die Landessprache anhand von Artikeln aus Magazinen. Interessant schienen alle möglichen Ressorts zu sein. Wie ein Staubsauger nahm ich alles auf: Sogar die Gespräche im Mikrobus klangen spannend. Hauptsache die Sprache stimmte.

Bücher Chaos So hortete ich ein Sammelsurium an Wissen über Dinge, Personen, Ansichten, von denen ich bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. In meiner neuen Heimat gehörte dies alles zum alltäglichen Umgang, jeder kannte sie – die Namen, die Geschichten, die Skandale. Niemand dachte darüber nach, woher er es wusste. Es half zu überleben, mitzureden und dabei zu sein.

Ich war mit den Wochen nach diesem Wissen hungrig geworden, wollte endlich entschlüsseln, was unter den Leuten brodelte, gesagt und verstanden wurde. Beobachten allein reichte nicht mehr.

Zwar hatte ich mir mittlerweile ein loses Geflecht an Anknüpfungspunkten geschaffen, aber das noch grobmaschige Netz war eingebettet in das alte Bezugssystem, das System eines anderen Kontinents. Eines arroganten, sich als das Zentrum der Welt empfindenden Kontinents. Das sollte sich ändern, denn Mark trat in mein Leben. Mark, der Texaner.

Bücher kommen, wenn sie willkommen sind

Mark hatte bereits zwölf Jahre lang im Land verbracht, ein Kind und lebte in Scheidung. Er brauchte einen Platz für sich. Einen, wo am Wochenende sein Kind willkommen war. Er zog bei uns ein – und mit ihm kam auch seine Bibliothek.

Hunderte Bücher in Obstkisten, gestapelt – Kunst, Sprache, Musik, Religion, Philosophie, Geschichte… es nahm kein Ende. Wir schleppten die Kisten einen Vormittag lang, stapelten Wände voll und füllten so den gut 30 Quadratmeter großen Raum, der sich bald schon als das Zentrum unseres Hauses entpuppen sollte. Denn in seinem eigenen Zimmer hätte Mark sie nicht unterbringen können, nicht, wenn er oder sein Kind sich noch bewegen wollten.

Heimat ist… wenn das richtige Buch in der Bibliothek steht

Abends saß ich am Boden, mitten in der Obstkisten-Bibliothek, und staunte eine völlig neue, doch vertraute Welt an. Ein Universum. So viele Empfehlungen, Einladungen und Möglichkeiten, den Kontinent, das Land, Denken und Leute kennenzulernen. Es machte mich neugierig und gleichzeitig unsicher. Ich brauchte etwas Vertrautes, etwas von dem ich ausgehen, den neuen Kontinent erobern konnte. Einen Anfang.

Zunächst fand ich ihn nicht. Ich versuchte es. Wirklich! Ich stellte meine Bibeln in die Obstkisten dazu – sie reihten sich ein, blieben aber fremd. Da war ein Abgrund dazwischen, ein Verbindungsglied fehlte.

Ich las ein Stückchen auf der einen Seite, ein paar Absätze auf der anderen, breitete die Bücher aufgeschlagen vor mir auf, wanderte umher, strich über die Einbände, blätterte, schnupperte, roch das Papier, suchte – suchte die Brücke, den Übergang.

An diesem Abend fand ich sie nicht. Auch Tage danach noch nicht. Ich stöberte, aber tauchte nicht wirklich ein, blieb fremd.

Bis von einem Freund der alten Welt ein Päckchen mit der Post kam. Darin lag ein kleiner roter Band der Reihe Salto vom Wagenbach Verlag: des Katalanen Manuel Vázquez Montalbán. Montalbán beschreibt seine Reise zu den Nachfahren der Mayas im Bundesstaat Chiapas in Mexiko. Er erzählt, wie er, der Europäer, auf Subcomandante Marcos – militärischer Führer der indigenen Bevölkerung Chiapas – wartet, um ein langes Gespräch mit ihm zu führen.

Ein paar Stunden nur, dann war ich durch. Ich stellte das Bändchen zu den anderen Büchern. Es fügte sich, verband das Vertraute mit dem Fremden. Die Brücke war da.

Ich war angekommen, war zuhause. Genau dieses Gefühl, liebe e-books-Freunde, wollte ich weitergeben. Dieses Mal bin ich gescheitert. Beim nächsten Mal gebe ich mich nicht so leicht geschlagen. Da bin ich mir sicher!

Auf bald

Eure Leo

Globetrotter-Tipp in Sachen ebooks

Zum Unterwegs-Sein sind ebooks durchaus eine großartige Erfindung. Handlich, leicht und solange die Batterie reicht, sind sie äußerst nützlich. Wenn du folgende Punkte beachtest, wirst du sogar glücklich damit:

  • Lade vor deiner Reise nur jene Bücher herunter, die du lesen möchtest. Besondere Freude macht es, schwere Schinken runterzuladen.
  • Wenn dir eines der Bücher wirklich gut gefallen hat, leiste es dir als „echtes“ Buch für dein Bücherregal.
  • Stell dich mindestens einmal die Woche vor dieses und genieß‘ es!
  • Geh‘ regelmäßig in Buchhandlungen – ja Bibliotheken gehen auch – schmöckere und atme vor allen Dingen diese Luft ganz tief ein, die Lust zum Lesen macht.
  • Halte dir den Platz zuhause für genau diejenigen Bücher frei, die du liebst. Gelegenheitsbekanntschaften und Fehlgriffe  können im e-books-Archiv verbleiben. Regelmäßiges Ausmisten hilft.

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Auf der Suche nach der Herberge
Nebiga

Was auf der Suche nach Herberge niemand erwähnt

Die Gasse liegt staubig im Dunkeln. Zwischen der dritten und der fünften Sur in Cholula, Mexiko, duckt sich das Nonnenhaus hinter einer hohen, mit Glasscherben besetzten Mauer. Herberge soll es sein für diesen Tag.

Ein einziges Fenster leuchtet.

Das Tor zum Haus jedoch ist festlich geschmückt. Ein Weihnachtsstern prangt in der Mitte eines Kranzes aus Reisig, in welchem Orangenscheiben, Zimtstangen, Anis und goldener Bänder gesteckt sind.

Auf der gegenüber liegenden Straßenseite wartet der Nachbar vor einem mit Lichterketten behängten Tor. Er lauscht dem Krachen der Feuerwerkskörper, die Jung und Alt am zocalo – dem Hauptplatz der Stadt – zünden, sein Blick folgt den spritzenden Blüten am Himmel; Funken spiegeln sich in seinen Augen.

Jetzt müssten sie bald kommen…

Ein Pilgerzug bittet um Herberge

Tatsächlich biegen erste Pilger um die Ecke. Mehr und mehr Menschen folgen  – Nachbarn, Freunde und sogar ein paar Mitglieder der Kirchengemeinde, die eigentlich einige Straßen weiter weg wohnen. Sie haben sich dem Zug angeschlossen, haben sich bereit erklärt, heute im Nonnenhaus Herberge suchen.

Viele davon kommen aus Neugier.

In der Mitte des Pilgerzugs schlendern Kinder: ein Paar verkleidet als Maria und José, andere als Engel, Esel und Ochs. Sie tragen Kerzen. Hinter ihnen spielen Musikanten – mariachis – und verstummen erst, als die Gruppe vor dem Tor des rot gestrichenen Nonnenhaus stehen bleibt.

Die Kinder bilden eine Gasse – für José, der vortritt und am Tor fest klopft. Die Musikanten stimmen an:

  • Im Namen des Himmels bitte ich um Herberge – En el nombre del cielo, os pido posada
  • denn meine geliebte Frau kann nicht mehr weiter – Pues no puede andar mi esposa amada

Im Nonnenhaus geht Licht an, sogar vorne am Tor. Die Metalltür öffnet sich einen Spalt. Der Pilgerzug singt:

  • Hier ist keine Herberge, geht weiter – Aquí no es mesón, siguan adelante
  • Ich darf nicht öffnen, du könntest ein Gauner sein – yo no debo abrir, no sea algun tunante

Fast 500 Jahre altes mexikanisches Wissen

Im Nonnenhaus wohnen schon lange keine Nonnen mehr. Sie sind eines Tages plötzlich ausgezogen, ohne es der Gemeinde zuvor mitgeteilt zu haben. Das Haus stand danach eine Weile leer, bis vor fünf Jahren die Ausländer eingezogen waren.

Der Nachbar grinst, erinnert sich an die junge Frau, die eines Tages in seiner Schreinerwerkstatt stand und mit starkem Akzent darum bat, dass er ihren Tisch repariert. Er wollte damals zuerst sehen, ob sie überhaupt Geld mitgebracht hatte.

Sie war entsetzt. Wie konnte er an ihr zweifeln?

Er dagegen zuckte nur mit den Schultern.

Eroberung Mexikos

Diego Rivera: Mural im Palast von Hernán Cortés in Cuernavaca, Morelos

Gauner gibt es überall – das weiß in Mexiko jedes Kind. Auch dass sie selten auf den ersten Blick zu erkennen sind.

Gauner behaupten, was ihnen beliebt, sogar, dass sie etwas Besonderes sind, Götter zum Beispiel.

Sie schleichen sich unter dem Vorwand ein, Handel treiben zu wollen, bringen stählerne Waffen und Krankheiten mit und vernichten letzendlich Landstriche, Völker, ein riesiges Reich.

In nicht einmal 50 Jahren starben nach der Eroberung des Aztekenreichs im 16. Jahrhundert etwa 22, 5 Millionen Menschen – Mayas, Azteken,  Zapoteken, Mixteken, Huasteken und noch viele mehr, deren Namen heute kaum einer kennt. Ursache waren die Ausländer, Spanier – Hernán Cortés und alle, die ihm folgten.

Dieses Wissen steckt tief im mexikanischen Bewusstsein.

Gerüchte, die schneller fliegen als Tatsachen

  • Weißt du, wer von den Männern der Ehemann ist?
  • Womit verdienen die ihr Geld?
  • In der Kirche habe ich die noch nie gesehen.
  • Sie essen Tortillas. Ich hab‘ den Jungen beim Einkaufen zugesehen.
  • Ist das der mit dem Gold im Haar?

Zuerst hatte der Nachbar von den neuen Bewohnern nur die Gerüchte gehört. Manche – Kinder wie Erwachsene – machten sich den Spaß, klingelten und fragten nach den Nonnen.

Hier gibt es keine Nonnen – Aquí no hay monchas

Das wussten die Nachbarn auch. Doch es klang so verrückt aus dem Mund der jungen Frau – völlig fremd. Dieses Vergnügen währte nur kurz; bald schon kam der Satz wie aus der Pistole geschossen, in der korrekten Aussprache und ohne Verlegenheit.

Es blieben der Straße also nur noch Gerüchte, Mutmaßungen, Vorurteile… Der Nachbar hörte eine Menge davon, hielt sich jedoch weiterhin vom Nonnenhaus fern und schwieg meistens, wenn die junge Frau kam. Sie war geduldig geblieben, kam täglich vor und nach der Arbeit und fragte, wann er denn endlich kommen könne.

Morgen – mañana

Drei Monate lang. Bis er sich schließlich aufmachte, den Tisch zu reparieren.

Moctezuma hieß Cortés willkommen

Der Herrscher des Aztekenreiches, Moctezuma II, erhielt Berichte über die Fremden, seit sie an der Küste von Vera Cruz (San Juan de Ulúa) gelandet waren. Er schickten Gesandte zu dem kleinen Haufen Spanier, mit Geschenken aus Gold und Edelsteinen, Kleidung und prächtigem Federschmuck.

Mit diesen großzügigen Gaben wollte er die Fremden besänftigen und dazu bewegen, das Land zu verlassen. Allerdings bewirkte er das Gegenteil. Jetzt war Cortés nämlich klar, dass in diesem Land etwas zu holen war.

Gleichzeitig ließ Moctezuma die Fremden auf Schritt und Tritt beobachten, versuchte herauszufinden, was das nun für welche waren.

Monatelang.

Tenochtitlan

Diego Rivera, La Gran Tenochtitlan via Wikimedia Commons

Schließlich lud er die Fremden zu sich ein, nach Tenochtitlán, einer der größten Stadt der Welt damals. Wie sich die Spanier fühlten, als die Azteken sie willkommen hießen, erzählte Bernal Diaz del Castillo – ein überaus parteiischer Berichterstatter – in seinem Buch: Die wahre Geschichte der Eroberung Mexikos.

Unser kleiner Haufen von vierhundertfünfzig Mann zog mitten durch dichte Menschenmassen, den Kopf noch voll der Warnungen unserer vielen indianischen Freunde. Der geneigte Leser muss sich einmal ganz in unsere Lage versetzen! Dann darf ich ihn nämlich fragen: hat es je Männer gegeben, die ein derart kühnes Wagnis auf sich genommen haben?

Das „kühne Wagnis“ bestand darin, Moctezuma in Geiselhaft zu nehmen, die Herrschaft schließlich gänzlich an sich zu reißen und dem spanischen König und sich selbst zu unermesslichen Reichtum zu verhelfen. Wie die Geschichte ausging, wissen wir dank der spanischen Zeugnisse.

Wie sie aus der Sicht der Eroberten zu sehen ist, ist schwerer auszumachen. Denn die heute weitgehend bekannte Geschichte der Eroberung Mexikos ist die Geschichte der Herrschenden, nicht die der Untergegangenen.

Wenn ein Tisch zu reparieren ist

Der Tisch im Nonnenhaus war kein leichter Fall: Wackelig in den Beinen, aus dem Leim gehende Einlegearbeiten und eine an den Kanten stark abgenutze Tischplatte.

Der Schreiner schaute mehrere Tage vorbei und lernte das Leben im Haus kennen, Wohngemeinschaft nannte die Frau es.

Er verlor schnell den Überblick – stets waren Leute da. Ob sie als Besuch galten oder im Nonnenhaus zuhause waren, konnte er meistens nicht sagen. Die fremde Frau, der Junge mit den blonden Haaren und der Andalusier – die lebten bestimmt in dem Haus. Ein paar junge Deutsche, ein Schweizer, ein Texaner, eine Peruanerin… wer weiß?

Während er die Kanten schliff, die Einlegearbeiten ausbesserte und den Beinen das Wackeln austrieb, stand die Frau daneben und löcherte ihn mit Fragen:

  • Ob er schon einen Christbaum für Weihnachten hätte?
  • Was es am Weihnachtstag traditionell zu essen gebe?
  • Wie seine Familie Heiligabend feiere?

Natürlich hätte seine Frau schon eine Pinie geschmückt. Seit dem 1. Dezember stehe sie bereits im Haus. Später hätte sowieso niemand mehr Zeit dafür, später gehe man in Mexiko von Haus zu Haus. Konkret ab dem 16. Dezember.

  • Wir besuchen wir uns gegenseitig, neun Tage lang. Jeden Tag kommt ein anderer dran. Wir klopfen bei Freunden, Nachbarn oder Verwandten, suchen Herberge und wenn wir eingelassen werden, feiern wir.

Herrschende bestimmen Rituale

Im Troß der spanischen Eroberer reisten auch Missionare. Sie wollten die „Götzenanbeter“ zum „wahren Glauben“ bekehren. Die – wenig zimperlichen – Methoden, die sie einsetzten forderten nahezu ebenso viele Opfer wie die Krankheiten, die sie einschleppten.

Ihre wahre, klar definierte Missionsaufgabe: In zehn Jahren sollten sie die Heiden zu christlichen Arbeitern umerziehen.  Sie duldeten natürlich keine andere Religion neben dem Christentum. Das spirituelle Leben der Indianer war in ihren Augen sowieso keine Religion, sondern heidnischer Aberglaube und Hexerei.

Die Augustiner waren da keine Ausnahme. Der Bettelorden des Spätmittelalters, der im 16. Jahrhundert schon längst das „Bettel“ verloren hatte, errichtete mit denjenigen, die sie bekehren wollten, das Kloster Alcolman nahe Mexiko Stadt.

Doch mit dem Bekehren klappte es anfangs nicht allzu gut. Die Azteken liebten ihre Feste und Feiern und sie hatten das ganze Jahr bereits verplant – ständig gab es heilige Feste zu Ehren ihrer Götter, auch wenn sie ihnen keine Menschen mehr opferten.

Sonnengott Huitzilopochtli

Kriegs- und Sonnengott Huitzilopochtli, aus dem Codex Telleriano-Remensis

Gewitzt wie sie waren, deuteten die Augustiner von Alcolman schließlich das mehrtägige Fest im Dezember für Huitzilopochtli um, den Kriegs- und Sonnengott, der auch als Schutzpatron von Tenochtitlan galt.

Zwei Dinge führten sie ein:

  1. La Posada – statt der Prozession zum Altar des Huitzilopochtli ließen sie Maria und Josef Herberge suchen.
  2. La Piñata – bunte, mit Früchten und Erdnüssen gefüllte Figuren aus Krepp bestimmten die anschließenden Feiern. Auf sie schlugen die Indianer mit Stöcken, bis die Köstlichkeiten herausfielen.

In der Gasse 11 Poniente

La Posada - das Fest kann beginnen

Das erwartet die Herbergssuchenden – beachtet die dunklein Krug! Der ist mit Ponche – Punsch – gefüllt.

Zwischen der 3 und der 5 Sur stehen an jeder Staßenseite neun Häuser. Das sind genug Nachbarn, so dass jedes Haus eigentllich nur alle zwei Jahre Herberge für die Pilger spielen müsste.

Doch seitdem das Nonnenhaus leer stand, ging die Rechnung nicht mehr auf. Als die Fremden einzogen, hat auch niemand gefragt. Die Nachbarn haben nicht  angenommen, dass die Fremden überhaupt mitmachen würden. Niemand, bis zu jenem Tag, als der Nachbar den Tisch repariert übergab.

Da hat er gefragt.

Und jetzt sind wesentlich mehr Pilger gekommen, als üblich. Zufrieden mit sich, singt er die letzte Strophe mit, als die junge Frau vor die Türe trat:

  • Tretet ein, heilige Pilger, ihr bekomm diese Ecke – entren Santos Peregrinos, Peregrinos, reciben este rincón,
  • so ärmlich die Wohnung ist, gebe ich sie euch von Herzen – que aunque es pobre la morada, la morada os la doy de corazon

So bitten Mexikaner um Herberge

 

Als zwei Aborigines einander zeichneten

Warum schneit es so wenig, Frau Holle

Märchen trifft Philosophie und Wahrheit

Beitragsbild: Cornelis Massijs, Ankunft der Heiligen Familie in Bethlehem

Adventskalender im Fenster
Leo Nerdette

Welcher Adventskalender passt zu uns?

Adventskalender…

Oh nein! Adventkalender… so ist es richtig.

Nie und nimmer!

Und das ist erst der Anfang. Wir haben noch nicht einmal die Angebote für den diesjährigen Redaktions-Adventskalender angeschaut, schon sind wir – die Redaktion, Nebiga und ich – mitten in der Diskussion. Beide Wörter bescheren uns bei näherer Recherche eine Riesenauswahl in der Suchmaschine, aber die Tendenz neigt sich gen Adventskalender mit Fugen-s. Gemeint ist das kleine s in der Mitte.

Der Grund: „Adventskalender“ nennen Deutsche wie Schweizer jenen Kalender, an dem im Advent täglich ein Fenster/Türchen geöffnet werden darf. Nur die Österreicher fügen zwischen t und k kein s ein.

Niemals?

Na ja, bei Christkindl jedenfalls auch nicht.

Eigentlich zwängt Homo Austriacus das s immer gern dazwischen: Bei der Zugsverspätung genauso wie beim Schweinsbraten…

  • nur beim Adventkalender – da nicht.

Wie der Adventskalender sich durchsetzte

AdventskalenderWir vermuten, das hängt damit zusammen, dass Anfang des 19. Jahrhunderts die Evangelische Buchhandlung Friedrich Trümpler in Hamburg zum ersten Mal einen Adventskalender druckte. Und damit, dass der Münchner Verleger, Gerhard Lang, mit seinem 1903 gedruckten Kalender Im Lande des Christkinds als der Begründer des Adventskalenders gilt. Ein Jahr später veröffentlichte dann die Stuttgarter Zeitung einen Adventskalender – und schuf auf diese Weise ein saisonales Phänomen für den Massenmarkt.

Der Brauch, bebilderte oder später sogar mit Schokolade gefüllte Druckprodukte in den Räumen aufzuhängen, kommt demnach aus Deutschland. Er eroberte in konzentrischen Kreisen die deutschsprachigen Länder. Wer seine sprachliche Eigenständigkeit also bewahren wollte, musste den Brauch umbenamsen. Auch wenn es bedeutet, ein s weglassen zu müssen.

Zählhilfe in der Fastenzeit

Die protestantischen Haushalte waren diejenigen, die begannen, die Tage bis Weihnachten mithilfe einer Art Kalender zu zählen. Zunächst hängten die Lutheraner 24 Bilder nach einander an die Wand oder bastelten ihren Kindern Papierschächtelchen, die sie mit Plätzchen füllten.

Ein Schächtelchen, ein Plätzchen pro Tag – aber sonst mussten die Kinder in der Adventszeit genauso fasten wie die Erwachsenen.

Andere malten 24 Kreidestriche an die Tür. Die Kinder durften  täglich einen davon wegwischen.

Strohhalme dagegen waren der Katholiken Ding: Sie legten 24 Halme in die Krippe; abgezählt, damit sie täglich einen entfernen konnten. Das war etwas Besonderes, denn die Tage zur Vorweihnachtszeit waren ausgefüllt: Man schuftete sowieso von morgens bis abends, doch im Advent kam noch die Vorbereitung dazu.

Das Zählen der Tage war daher oft das einzige kurze Innehalten des Tages. Ein Moment der Vorfreude. Kinder wie Erwachsen dachten daran, wofür sie all die Mehrarbeit auf sich nahmen.

Christi Geburt – ja.

Aber in ihren Köpfen entstanden auch die Bilder von Gänsebraten, Rotkraut, von Kuchen, Klößen, Knödeln und Kekserl/Plätzchen.

Schuld waren natürlich ihre vom Fasten darbenden Bäuche. Die Gläubigen träumten wegen ihnen  davon, in sich hineinstopfen zu können, was sie die Tage schlachteten, schnitten, rührten, kochten, brieten, backten und verzierten.

Warum hält sich der Brauch heute noch?

Na ja, so alt ist er jetzt auch wieder nicht.

Das nicht, aber hast du schon mal gepinterestet? Oder bei Amazon nachgeschaut? Adventskalender sind überall! Es gibt kein Entkommen!

Bei Amazon zum Beispiel findet der Suchende die Adventskalender sogar in Rubriken eingeordnet, weil man sonst den Überblick verliert:

  • Schokolade und Süßigkeiten, einmal für Kinder und einmal für Erwachsene;
  • Beauty, natürlch mit Schönheitsprodukten für SIE und IHN,
  • Tee und Getränke
  • Gewürz- und Schlemmerkalender
  • Geschichten und Bilder für Groß und Klein
  • Erotik
  • Schmuck
  • Spielzeug
  • Alkoholische Getränke
  • Knabberkalender
  • Zum Selbstbefüllen
  • für Heimwerker

100 Jahre und wir können Adventskalender mit allem befüllt kriegen, was es so gibt.

adventskalender selbst gebastelt

Und für die Selbstbastler (Pinterest) gibt’s die Utensilien als Fülle noch in extra Rubriken dazu.

Adventskalender sind so hipp wie eh und je! Wir wollen nicht darauf verzichten, genauso wenig wie auf Weihnachten, auch wenn man selbst vielleicht gar nicht gläubig ist.

Das liegt an der Nostalgie. Wir wünschen die Harmonie herbei.

A geh! Die gibt’s eh nicht! Am meisten wird zu Weihnachten g’stritten!

Heißt es zumindest. Aber nicht im Advent, im Advent nicht! Da ist noch Ruhe.

Jeder Tag ein Erlebnis

Bei Gerhard Lang – damals – bestand der Adventskalender noch aus einem Bogen mit 24 Bildern zum Ausschneiden und einem Bogen mit 24 Feldern zum Aufkleben. Damit den Kinder die Zeit bis zum Weihnachtsabend nicht so lang wird, sollten sie jeweils ein Bild ausschneiden und in ein Feld kleben.

Und wenn sie schon dabei waren, konnten sie gleich

  • die Strohsterne basteln, die noch fehlten.
  • die Großmutter anbetteln, dass sie noch eine Geschichte erzählte.
  • den Apfelnikolo und den Zwetschenkrampus basteln.
  • die Bilder malen, die sie schenken wollten.
  • die Kekse verzieren, die Muttern buk.

Jedes Fenster, jedes Türchen barg eine Reihe von Möglichkeiten, von Erlebnissen und von Erinnerungen, die der Familie blieben. Sie waren nicht bloß Schokolade.

Sie waren gemeinsam verbrachte Zeit.

Ein Adventskalender mit Schokolade kommt für die Redaktion also nicht infrage?

Nee.

Genauso wenig wie der Pfeffer- und Salz-Kalender für Gourmets nehm‘ ich an – und auch nicht der Nagellack-Adventskalender mit 24 Trendfarben.

Richtig. Wenn du mich fragst… wir können uns eh nicht für einen gekauften entscheiden. Am besten wir machen uns den Kalender selbst!

Und wie?

Das siehst du am 1. Dezember! Hier im Blog.

Schau rein!

smiley

 

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Globetrotters Sehnsucht nach Zuhause
Nebiga

Globetrotters Sehnsucht nach Zuhause

Shakshuka heißt das Gericht. Mit ihm beginnt die Sehnsucht, die Sehnsucht nach Zuhause.

Cafe de Olla eingegossenSamstagmorgen. Ich bin gegen zehn im Haus eines Freundes aufgewacht. Verkatert noch setze ich mich zu den anderen an den Tisch in der Küche. Ihnen geht es übrigens nicht besser. Es war eine lange Nacht gewesen. Nur die Hausfrau, tu mama wie mein Freund zu seiner Schwester sagt, wuselt herum, stellt an das eine Tischende Tortillas, bringt jedem eine Tasse Café de Olla, plaudert fröhlich durch den Duft von Zimt, Kaffee und Nelken und ignoriert unsere wortkargen Antworten. Ich versuche, mich langsam an das Licht zu gewöhnen, das grell durch die Glastüre der Terasse scheint. Auf einmal – ich merkte kaum, wie sie vor mir landeten – lachen mich zwei Eieraugen aus einer Tonschüssel an. Sie schwimmen in einer Sauce aus Tomaten und anderem Gemüse. Shakshuka, ey, guten Morgen!

Huevos fritos nennen sie es in Mexiko, „gebratene Eier“ also – eigentlich meinen Mexikanier damit „bloß Spiegeleier“. Dass allerdings meine Großmutter plötzlich mit ihnen vor mir steht, damit habe ich nicht gerechnet.

„Iss Kind!“, sagt Großmutter und schenkt den Chai ein.

Während ich die Gabel mit dem ersten Bissen zum Mund führe, setzt sie sich mir gegenüber. Es ist wie früher. So wie damals als ich noch ein Kind war und sie die größte Erzählerin der Welt.

Die mexikanischen Eier schmecken etwas anders ich Shakshuka kenne, mehr nach Chili und Zwiebel, weniger nach Harissa, Sumach und frischem Koriander.

Dazu gibt es Tortillas statt Brot.

Aber die Erinnerung kommt trotzdem wieder, kommt wieder zu mir zurück. Schuld ist das Ei. Es schmiegt sich wie in meiner Kindheit an die Zunge, glättet die Schärfe der Soße. Ich hörte Großmutters Stimme.

Die Leute behaupten, dass damals ein Kaufmann in der Stadt lebte, ein rechter Schlaufuchs, aber ritterlich und großmütig. Er war ein stattlicher Mann, lachte gern, war freundlich und sanft. Und weil er so ein weites Herz im Leib  hatte… und einen weitläufigen Weinkeller dazu… besuchten ihn seine Freunde genauso häufig wie sie ihn in ihre Häuser einluden. Tatsächlich verbrachte er kaum eine Nacht allein.

Des Globetrotters Heimweh

Auslöser für diese Erinnerungsfetzen mag immer wieder etwas Anderes sein: Ein Gewürz vielleicht, ein Duft, ein vermeintlicher Bekannter. Globetrotter kennen diesen Augenblick – den Moment, in dem plötzlich die Luft um sie herum flirrt, der Atem stillsteht – die Erinnerung sie weglockt. Sie von dort weglockt, wo sie gerade sind und wie sie sich gerade fühlen… Ihnen das längst Verlassene vorgaukelt; sie nur wenig später zurücklässt – mit der Sehnsucht nach Zuhause.

Als wieder einmal die Reihe an ihm war, eine Abendgesellschaft auszurichten, bereitete der Kaufmann alles vor: Die kleinen Köstlichkeiten scharf und sauer, salzig, süß klebrig und ein bisschen bitter. Es wäre despektierlich sie Snacks zu nennen oder Fingerfood. Er stellte den Wein zum Atmen raus, frisches Obst und Käse dazu. Pölster und Matten legte er ebenfalls bereit und die Musikinstrumente, die so einige seiner Freunde zu spielen wussten. Mit einem Blick musterte er abschließend sein Werk, nickte zufrieden und ging hinaus – in die Stadt, um seine Freunde zusammenzutrommeln.

Heimweh überfällt auf StraßeHeimweh überfällt Globetrotter unvorhergesehen, macht sie melancholisch und lässt sie schon einmal überlegen, ob es an der Zeit wäre zurückzukehren. Vielleicht um den Wechsel der vier Jahreszeiten wieder zu fühlen oder zu sehen, wie schnell sich zuhause alles dreht. Was hält davon ab, sofort das Flugticket in die Heimat zu kaufen? Zurückzukehren?

Großmutter?

Es begab sich, dass in der gleichen Stadt ein anderer Kaufmann lebte, ein Wanderer. Noch jung an Jahren hatte er ein verführerisch hübsches Gesicht mit verschmitzten Augen. Einst war er mit allerlei Waren und viel Geld aus seinem Land gekommen und hatte sich in dieser Stadt niedergelassen, weil sie ihm so gut gefiel. Sein Geld hatte er mittlerweile verprasst. Denn er hatte in Saus und Braus gelebt. So manchem Mädchen hatte er den Kopf verdreht und ihr Geschmeide und schöne Stunden geschenkt, bis er nichts mehr besaß außer den Kleidern, die er am Leib trug, und den Witz, um sich aus den verzwicktesten Lagen herauszureden.

Eines Tages war es aber so weit gekommen, dass er trotz aller Ausreden sein Haus verlassen musste. Er konnte seine Schulden nicht mehr bezahlen. Von da an streifte er durch die Stadt – tagsüber auf der Suche nach einem Reisegefährten. Mit ihm wollte er in sein Land zurückkehren. Nachts jagte er nach einem Schlafplatz.

Was davon abhält zurückzukehren

Geldmangel? Der fehlende Reisegefährte? Nein, das ist es eher weniger, das mich hält. Ich habe zwei Leidenschaften. Beide ereichen, dass ich in diesen seltenen Augenblicken des Zweifels wieder auf Spur komme. Mich erinnere, warum ich weiter unterwegs sein will:

1. Schreiben

In Heimweh-Momenten nehme ich eines meiner Notizbücher und schmökere. Abgesehen davon, dass es eine Weile braucht, bis ich die Schrift entziffern kann, lenkt mich der Inhalt ab, weckt meine Neugier. Warum ist „morgen“ in Mexiko anders als „morgen“ bei mir zuhause? Was genießt die Familie, bei der ich wohne sonntags besonders? Wo kommen jene Affen her, die ich auf der Insel mitten im See von Catemaco, Vera Cruz, beobachtet habe?

Hinter dem Horizont meiner Beobachtungen und Geschichten steckt so viel mehr. Wer kann da zurück?

see-badtölzgegend-tiny

2. Kochen

Wenn ich keine Lust zu schreiben habe, meine Hände aber beschäftigen will, hilft es mir zu kochen.

Die Globetrotter, die ich kenne, sind alle Häferlgucker. Nichts ist aufregender als das neue Rezept, die fremden Gewürze, die Gerüche oder die ungewohnte Machart. Küche ist ein weites – ein unendliches – Feld und Kochen die Ausrede, unter all dem Fremden doch auch wieder das Eigene, die Heimat, mit hineinzubringen.

Für dich mag das ja gelten! Aber unser junger Kaufmann konnte mit dem Schreiben nichts anfangen. Auch hatte er keine Ahnung von häuslichen Dingen. Er wollte nur zurück. Und so zog er durch die Gassen und hielt Ausschau nach einem, der ihn nach Hause bringen würde.

Wie er sich die Augen wundschaute, sah er auf der anderen Seite eine über die Maßen schöne und anmutige Frau. So schön war sie, dass ihm schien, die Sonne verneige sich.

Schüchtern ist kein Wort, das ich gebrauchen würde, um den jungen Mann zu beschreiben. Er sprach das Wunderwesen sogleich an. Sie reagierte,  scherzte und schäkerte. Lange dauerte es nicht und er schlug vor:

„Komm, suchen wir uns ein gemütlicheres Plätzchen.“

„Gut,“ sagt sie, „Gehen wir zu dir!“

leere Straße mit bunten HäusernSchon bereute er seine Worte! Er verfluchte, dass er sie gefragt hatte. Ungerecht war es! Nur weil er mittellos war, sollte ihm eine solche Gelegenheit entgehen. Wie peinlich aber, ihr erklären zu müssen, dass er kein Heim besaß. Die Wahrheit konnte er auf keinen Fall sagen. So lief er vor ihr her – zickzack durch die Straßen der Stadt.

Wie nur… wie… konnte er sie loswerden?

Einfach so tun als ob

Eine Gasse nach der anderen schritt der mittellose Kaufmann ab, ohne die erhoffte Rettung zu finden. Schließlich gelangte er in eine Sackgasse, an deren Ende eine verriegelte Tür zu sehen war.

Schloss an Tür„Gott soll meinen Diener verfluchen! Er hat die Tür abgeschlossen und ist weggegangen!“

Er ließ die Schultern hängen. „Meine Dame“, sagte er, “ Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll!“

„Was machst du für Aufhebens wegen eines Schlosses, das vielleicht zehn Dirham wert ist,“ war ihre Antwort. Sie krempelte ihre Ärmel auf, griff sich einen Stein von der Straße – und schlug zu. Die Tür sprang auf.

Was blieb dem armen Mann anderes übrig als einzutreten.

Mi casa es tu casa! Ein Satz, der zu Mißverständnissen führen kann: Mein Haus ist dein Haus. Phrase für viele, schnell ausgesprochen; nichtsagend denken die meisten Touristen… so lange bis eines Tages ihre Urlaubsbekanntschaft vor der Tür steht. Aber wer schon einmal erlebt hat, wie Feste am nächsten Morgen im Haus eines mexikanischen Freundes zu Ende gehen, glaubt nicht mehr daran, ein Lippenbekenntnis zu hören.

Wie staunte der Kaufmann, als er einen großen Empfangssaal voll Pölster vorfand. Natürlich setzte er sich, lehnte sich an ein Kissen, die Frau entkleidete sich… und es kam wie es kommen musste…

So zum Vergnügen

Tanzende Arabische Frau„Was musste kommen, Oma?“ Das fragte ich immer an dieser Stelle.

Ich höre das Lachen, sehe ihr schelmisches Zwinkern. Meine Großmutter sitzt mir jetzt gegenüber, mitten unter den nichtsahnenden Freunden, die Tortillas reihum reichten – durch sie hindurch. In meinem Kopf hallen ihre Worte:

Er spürte jetzt erst, wie hungrig er war.

„Weißt du, ich kenne mich in meinem eigenen Haushalt nicht gut aus. Auf meinen Diener ist gewöhnlich solch ein Verlaß, dass ich mich um nichts kümmern muss. Schau du doch in der Küche nach, was er zum Essen vorbereitet hat.“

Die Frau fand Töpfe voll Köstlichkeiten in der Küche, einen Kringel Brot mit Sesam und eine Karaffe mit klaren, gefilterten Wein. Sie schöpfte einen Teller voll, nahm Brot und Wein mit. Das aßen und tranken sie gemeinsam und verbrachten ein schönes Stündchen miteinander, lachten, sangen, spielten.

Währenddessen…

Was das Shakshuka meiner Großmutter so tief in der Erinnerung verankerte? Das Brot. Sie buk es einmal die Woche, ein Gruß an Mahgreb, an ihre Familie, die sie nach ihrer Heirat selten besuchen konnte. Im Brot lag ihre Sehnsucht nach Zuhause. Wenn ich ein Stück davon abbrach, es in die Soße mit Ei tunkte und daran lutschte, rannen immer ein paar Tropfen über mein Kinn. Ich schleckte schnell, doch nie schnell genug.

„Nimm die Serviette! Warum wohl habe ich sie dir hingelegt?“

Wahre Gastfreundschaft

Währenddessen… kam der Hausherr mit seinen Freunden an die Pforte. Sofort bemerkte er das aufgebrochene Schloß, wunderte sich über die verriegelte Tür und hörte Lachen im Haus. Und weil er ein kluger und neugieriger, jedoch kein ängstlicher Mann war, schickte er die Freunde weg:

„Ach, das tut mir jetzt leid! Da sind wohl ein paar Verwandte zu Besuch gekommen. Verschieben wir den Abend auf morgen!“

Als die Freunde gegangen waren, klopfte er.

Wie erschrak da der Mann im Innern des Hauses! Aber die Frau stürmte zur Tür, riß diese auf und schalt:

„Dein Herr war ausgesperrt. Was bist du nur für ein nachlässiger Diener! Geh und entschuldige dich.“ Und während der Mann in den Pölstern am liebsten darin verschwunden wäre, folgte der Hausherr der Aufforderung, stieg die Treppe hoch und trat in den Empfangsraum.

„Herr, sagte er, „bitte verzeih! Ich war länger mit deinen Aufträgen unterwegs als ich dachte.“ 

An genau diesem Punkt der Erzählung war das Kind in mir normalerweise empört. Das war doch irgendwie verkehrt. Wie kann der Hausherr sich so behandeln lassen? Aber meine Großmutter schüttelte nur sanft den Kopf.

Zu dritt hatten sie doch noch einen viel schöneren Abend: Der Hausherr tat alles auf, was er eigentlich für seine Freunde vorbereitet hatte. Solange bis der mittellose Kaufmann ihn bat, sich doch selbst in der Küche zu bedienen und ihnen auch Gesellschaft zu leisten. Die Frau tanzte… sie lachten und erzählten Geschichten. Als es schon tiefe Nacht war, richtete der Hausherr die Betten für das Paar und wünschte gute Nacht.

Als der Morgen graute, erwachte die Frau: „Ich möchte jetzt gehen,“ sagte sie, verabschiedete sich und ging davon. Der Hausherr rannte ihr mit einer Geldbörse voll Silbermünzen hinterher, übergab ihr das Geld und entschuldigte sich für seinen Herrn.

Dann ging er in die Küche. Als der junge Mann etwas später in den Empfangsraum kam, zwinkerten ihm zwei Eieraugen zu.

„Shakshuka, mein Herr?“ fragte der Hausherr und reichte ihm die Tonschüssel.

Da fiel der Mann auf die Knie.

Eine lange Freundschaft ward geboren.

Was stillt die Sehnsucht nach Zuhause?

Shakshuka schmeckt mit Tortilla auch, aber anders. Das fällt mir erst nach drei Tassen Café de Olla auf, wovon ich sowieso zwei für Chai gehalten habe. Es ist als gehe es allen so: Alle wachen auf. Plötzlich bekommt tu mama ein Kompliment nach dem anderen.

Ihre Eier sind ein Gedicht! Und der Kaffee erst. Was für eine Wohltat! Das Richtige heute, das einzig Wahre!

Die mexikanische Mama freut sich. Endlich zeigen sich die Lebensgeister ihrer Gäste wieder. Vor lauter Freude tischt sie weiter auf.

Ob wir noch süßes Brot wollen? Etwas Melone? Ananas? Noch eine Tortilla. Ach, Vögelchen, ihr müsst nicht immer auf eure Figur achten. Warum nicht? Bist du auf Diät! Früher waren’s ja bloß die Mädchen, aber heute… heute spinnt der Junge genauso. Etwas gebratene Bohnen? Guacamole?

Gegen fünf am Nachmittag können wir schließlich aufbrechen. Heute und morgen brauche ich nichts zu essen; soviel steht schon mal fest. Als ich mich in der Türe noch einmal umdrehe, grinst meine Großmutter mich an.

„Wollte der mittellose Kaufmann eigentlich noch immer in seine Heimat zurück,“ frage ich.

Wer weiß?

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Das Beitragsbild ist von jenly

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