Wasser fließt
Nebiga

Wie einer lernte, dass Wasser fließt

Der Fischer Urashima Tarō ging eines Abends den Strand entlang nach Hause. Er genoß, wie die Wellen schaukelten und der Sonnenuntergang im Wasser glitzerte. Da sah er eine Gruppe von Kindern, die eine Schildkröte drangsalierten und vor sich hertrieben.

  • Hört sofort auf damit! ,

rief er, sobald er in Hörweite kam.

  • Was willst du, alter Mann? Kümmere dich um deine Angelegenheiten,

kam es zurück. Urashima Tarō hatte an diesem Tag gut verdient und weil er sah, dass die Kinder die Schildkröte weiter mit Stöcken schlugen, entschloss er sich, das Tier zu kaufen. Darauf gingen die Kinder ein, schnappten das Geld und liefen davon. Der Fischer aber trug die Schildkröte zum Meer und ließ sie frei. Er blickte ihr nach, bis sie hinter dem Horizont verschwunden war.

Zufrieden wanderte er weiter nach Hause.

Vom Dank einer Schildkröte

Drei Tage später fuhr er wieder aufs Meer hinaus, um zu fischen.  Als er in seinem Boot saß, das Netz ausgelegt hatte und wartete, hörte er eine Stimme:

  • Urashima Tarō! Urashima Tarō! Hörst du mich?
  • Schscht, du verscheuchst mir die Fische.
  • Fischermann, Urashima Tarō! Sieh her?
  • Schscht, siehst du nicht, wie sie ins Netz schwimmen wollen?
  • Fischer, hör doch zu!
  • Oh… jetzt haben sie es sich anders überlegt…

Bedauernd beobachtete Urashima Tarō den Schwarm Meerbrassen, der das Weite suchte. Er wandte sich um, der Stimme zu und entdeckte eine Schildkröte, die neben seinem Boot schwamm. War es etwa die, die er gerettet hatte?

  • So dankst du mir? Verscheuchst einfach die Fische!
  • Setz dich auf meinen Rücken! Mein Dank soll der Dank meines Herrn sein, der Dank des Watatsumi. Ich bringe dich zu ihm.
Matsuki Heikichi(1899) Urashima

By Matsuki Heikichi, aka Matsuki Tōkō (松木東江) 1836 – 1 Jul 1891

 

Der junge Fischer war nicht nur gutaussehend, sondern auch neugierig – daher stieg er auf den Rücken des Tieres. Flugs ging es durch das Wasser; die Schildkröte tauchte sogar unter und brachte den Fischer bis zur Mitte des Meeresbodens, direkt zum Drachenpalast – dem Heim des Drachenkönigs Watatsumi.

Vom Leben im Drachenpalast

Dort empfing ihn nicht nur der König persönlich, nein, auch alle anderen Bewohner des Palastes. Unter ihnen lugte Watatsumis Tochter, Otohime, auf den Fremdling. Ein Blick nur und Urashima Tarō verliebte sich in sie.  Der König gewährte ihm die Hand des Mädchens, als Dank für die Rettung der Schildkröte.

Das Paar lebte drei Jahre lang ein sorgloses Leben. In diesen drei Jahren meinte Urashima Tarō, dass er zufrieden sei. Er genoß es den Palast zu erkunden: Täglich ging er zuerst zur östlichen Seite des Palastes, wo Frühling, dann zur südlichen Seite, wo Sommer und zur westlichen Seite, wo Herbst und schließlich zur nördlichen Seite, wo Winter herrschte. Auch erfreute er sich an den Delfinen, an den Schildkröten, an fallendem Laub und dem Glitzern der Schneeflocken. Vor allem erfreute er sich an seiner Frau.

Dann kam der Tag…

Eines Tages jedoch wurde er unruhig. Anfangs war es nur ein zartes Flimmern im Herzen, ein scheue Winken eines Gedankens. Am Beginn war es leicht für ihn, das Gefühl, das ihn dabei befiel, weg zu schieben.

Je mehr Wasser floß desto heftiger wurde sein Sehnen. Aus dem scheuen Zittern wurde ein Beben. Es fühlte sich an, als würde ein Fels vom Berg ins Tal donnern: Der Gedanke setzte sich morgens in seinem Kopf fest und blieb den ganzen Tag. Er nahm seinem Herzen die Freude.

By Matsuki Heikichi, aka Matsuki Tōkō (松木東江 )1836 – 1 Jul 1891 – p4

Traurig sagte Urashima Tarō zu seiner Frau:

  • So geht es nicht weiter. Ich muss nach Hause zurück!
  • Warum nur? Sieh nur, wie schön wir es haben!
  • Das haben wir; ich liebe es, dieses Leben. Aber ich vermisse auch meine Eltern.
  • Wenn du gehst, wirst du mich vermissen – und ich dich.
  • Ich komme ja wieder, mein Herz… ein Blick nur, ein kurzer Besuch. Nur, damit ich sehe, ob es ihnen gut geht. Ich will ihnen Respekt erweisen. Dann kehre ich zurück.

Eltern gebührt der Respekt der Kinder – das wusste Otohime. Deshalb rief sie zu gu ter Letzt ihre alte Freundin, die Schildkröte. Ihrem Mann reichte sie ein tamatebako.

  • Diese Schachtel soll dich begleiten. Öffne sie nicht, Liebster, bring‘ sie geschlossen wieder zu mir zurück!

Die Schildkröte nahm Urashima Tarō wieder auf ihren Rücken und schwamm mit ihm an Land.

Wasser fließt

Kaum am Strand angekommen, eilte der junge Fischer in sein Dorf. Aber er erkannte dort niemanden mehr. Sein eigenes Haus fand er verfallen und unbewohnt vor. Wo waren die Menschen, die er kannte? Was war ihnen passiert?

Voller Fragen machte sich Urashima Tarō auf, die Antworten zu finden. Er befragte die Menschen, die nun in dem Dorf lebten. Hat jemand vielleicht von einen jungen Mann namens Urashima Tarō gehört? Kennt ihn gar noch einer? Doch niemand wusste mit diesen Namen etwas anzufangen. Fast schon gab er auf, als Urashima Tarō einen alten Mann ansprach. Dieser saß vor seinem Haus und nickte er bedächtig:

  • Mein Vater hat mir von ihm erzählt… Von einem Mann, einem Fischer namens Urashima Tarō.
  • Dein Vater?
  • Das ist eine dieser Geschichten, die sich früher die Leute erzählten, wenn sie auf den Sonnenuntergang warteten und Tee tranken. Der Großvater meines Vaters hat sie meinem Vater erzählt… und mein Vater mir… Urashima Tarō – ja so war der Name. Ein Fischer. Angeblich ein tüchtiger Mann. Er war vor langer, langer Zeit hinausgefahren, hinaus aufs Meer, und niemals zurück gekommen.

So erfuhr Urashima Tarō, dass Zeit vergeht, wenn Wasser fließt: Drei kurze, glückliche Jahre im Drachenpalast – und an Land waren 300 Jahre vorbeigerast.

Blindlings rannte er los; er wollte irgendwohin, einfach fort!  Schließlich kam er zum Strand und setzte sich. Wasser umspielte seine Füße. Er aber grübelte und weinte – was hatte er nicht alles versäumt! Seine Eltern würde er niemals wiedersehen, seine Freunde nicht und auch nicht seine Geschwister.  Warum hat ihm Otohime nichts davon gesagt? Wie konnte sie das verschweigen? Niemals wäre er so lange im Drachenpalast geblieben, hätte er es gewusst.

Ein Blick ins Tamatebako

alter Mann am Meer

By Matsuki Heikichi, aka Matsuki Tōkō (松木東江 1836 – 1 Jul 1891) – p12

Jetzt erinnerte er sich auch an das Schächtelchen. Was hat es damit auf sich? Verschwieg Otohime ihm noch mehr? Misstrauisch betrachtete er das Tamatebako von allen Seiten. Er schüttelte es, aber es war nichts zu hören. Mit einem Ruck öffnete er die Schachtel.

Kaum war sie offen, stieg weißer Rauch auf und verwehte. Urashima Tarō aber veränderte  sich; fühlte, dass er alterte. Bald war er ein sehr alten Mann mit weißem Haar, langem Bart und krummen Rücken. Doch es hörte nicht auf.

Er alterte weiter und weiter… Bis er starb – und zu Asche zerfiel. Bei der nächsten Flut aber, trugen die Wellen sein Asche fort.

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