Prokne und Philomele: Töchter Attikas
Nebiga

Prokne und Philomele: Töchter Attikas

Philomele webt Bilder, um ihre Schwester Prokne wissen zu lassen, dass der Schwager sie geschändet hat. Ihr Stoff zeigt, was sie nicht erzählen kann, und ihre Schwester Prokne versteht, kaum dass sie die Webstücke sieht. An Geschichten über Vergewaltigungen mangelt es der griechischen Mythologie wahrlich nicht. Diese aber ist eine der wenigen, die das Opfer in ihrem Elend nicht allein lässt.

Philomele befreit sich, indem sie einen Weg findet, ihre Umwelt wissen zu lassen, dass ihr großes Unrecht widerfahren ist. Sie ist damit das antike Vorbild für jeden Menschen, der eine traumatischen Erfahrung durchleben musste. Heute weiß man: Reden hilft nur dann, wenn auch die emotionalen und körperlichen Reaktionen integriert werden, sagt die Psychotherapeutin Christa Diegelmann. Dies gelingt, wenn nichtsprachliche therapeutische Techniken einbezogen werden: das Malen von inneren Bildern und Symbolen zum Beispiel oder das Trauma aus der Perspektive eines Beobachters zu betrachten. Obwohl Tereus, Vergewaltiger und Thrakerkönig, die schöne Tochter Attikas mundtot machte, indem er ihr die Zunge herausschnitt, findet diese eine andere Form des Ausdrucks.

Indem Philomele ihr Schweigen bricht, gibt sie dem Menschen, der ihr am nächsten steht, die Möglichkeit ihr beizustehen. Zunächst befreit Prokne die Schwester aus ihrem Gefängnis. Im zweiten Schritt rächen sich die beiden Schwestern grausam an jenem Mann, der Philomele vergewaltigte und Prokne unglücklich machte. Die beiden gehen so perfide vor, dass selbst der kriegserfahrene Tereus, Sohn des Ares, zutiefst erschüttert wird. Sie nehmen ihm das Wertvollste, das er hat: den Fortbestand seines Geschlechts.

Philomele wird zurSchwalbeDie Vorgangsweise der Töchter Attikas erscheint manchem heute etwas krass. Doch als Vorbild können sie hier ebenfalls gelten: Sie bleiben nicht passiv, kehren das Ende der Geschichte um und ändern das Schicksal selbst. Im therapeutischen Geschwurbel, dem Fachjargon der Branche, heißt das heute: „posttraumatic growth“, was soviel heißt wie „Was uns nicht umbringt, macht uns erfahrener.“ Gelingt es, schwerwiegende Lebensereignisse zu verarbeiten, kann man gestärkt und gereift daraus hervorgehen. Menschen mit Trauma-Erfahrung haben gelernt: „Schlimmes kann jederzeit passieren, aber ich kann es auch bewältigen.“ – und schließlich doch noch davon fliegen.

©SComm Intercultural
Bayrischer Rundfunk: Mythen - Michael Köhlmeier erzählt Sagen des klassischen Altertums: Prokne und Philomele