Die 28 Tage Herausforderung angenommen: eine Katze meldet sich
Nebiga

28 Tage bloggen: Die Herausforderung

28 Tage, jeden Tag ein Post. Wollen wir da wirklich mitmachen? Nebiga ist skeptisch, Leo euphorisch – zusammengefasst: Unentschieden. Einziger Ausweg ist der Appell an unsere Friedensstifterin und Mediatorin. Die Redaktion vermittelt also, während wir diskutieren – oder so:

  • 28 Tage ist furchtbar lang…
  • Wurscht, endlich können wir uns ausgiebig zu Wort melden…
  • Naja, wenigstens ist es der kürzeste Monat im Jahr!
  • Trotzdem: Der Februar beginnt heute. Habt ihr eine Idee?
  • Idee? Ideen, meinst du wohl. Dazu noch jeden Tag eine!
  • Jetzt reg‘ dich nicht auf, wir sind zu zweit… du brauchst also nur jeden zweiten Tag eine.
  • Versuchst du uns gerade in die Tasche zu lügen?
  • Keine Haarspaltereien bitte! Wir müssen nur eine einzige Frage klären: Habt ihr genug Ideen oder nicht?

Wie wir uns entschieden haben?

28 Tage lang… jeden Tag. Das schaffen wir nie im Leben! Wir können unmöglich 28 Tage lang unseren Durchschnitt von 1100 Wörtern pro Post durchhalten. Wir haben schließlich noch einen Tagesjob, ein Privatleben, Hobbies, Bedürfnisse… ja, auch Blogger schlafen! Wir könnten es natürlich auf nächsten Monat verschieben…

28 Tage lang bloggen ist ein Ding der Unmöglichkeit! Es sei denn…

Es sei denn, wir zeigen:

28 Tage: Ein Globetrotter Märchen entsteht

In 28 Tagen können wir beide einen unserer normalen Posts schreiben. So lange dauert es nämlich gewöhnlich, bis wir etwas Lesbares zusammen haben. Von der Idee bis zum fertigen Post muss sich eben einiges entwickeln und das braucht Zeit. In 28 Tagen ein Post – 1100 Wörter – für jeden von uns. Das kriegen wir hin.

  • Ihr erfüllt damit aber nicht die Bedingungen des Wettbewerbs. Es heißt: 28 Tage lang jeden Tag ein Post!

Deshalb ja unsere Idee: Wir dokumentieren, wie unsere Geschichten entstehen. Post für Post. Bis zur Veröffentlichung des Artikels.

Das trauen wir uns zu. Das schaffen wir.

Was meinst du?

Ermutigende Kommentare sind natürlich erwünscht!
Unterstütze uns und bleibe die 28 Tage dabei!
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Hexen aus dem Moor
Nebiga

Die Hexen aus dem Moor: Ein Männer-Märchen

Ein Moor fordert seinen Tribut: „Wer seinen Fuß auf trüben Grund stellt, ist zu Recht verloren“ Genau dieser Gedanke beherrscht ihn jetzt, da er merkt, wie der Boden unter ihm nachgibt. Die Rettung wäre, auf den Weg  zurück zu springen, doch er kann den schmalen Pfad nicht mehr erkennen.

Hört er tatsächlich jemand im Nebel kichern? Er lauscht; der Sturm trickst ihn aus: War es Lachen oder das Rauschen der Blätter? Letzteres vermutlich, denkt er. Wieder versucht er, ein Bein aus dem wabernden Boden zu stemmen. Dabei sinkt das andere tiefer.

In Gedanken zählt er die Jahre…

Drei sind es – drei! Im August 2013 besiegelte er den Deal. Mit einem  Handschlag! Ist die Zeit tatsächlich so schnell vergangen? Rächt sich die Hexe aus dem Moor? Geahnt hat er, dass es so weit kommen würde, gefürchtet… nein, gewusst, dass sein Handel Folgen haben würde. Er kennt die Mär:

Plötzlich – zwei kalte, knöcherne Arme griffen nach ihm, legten sich um seinen Hals. Jan konnte sich nicht befreien und der Boden schien unter seinen Füßen immer mehr nachzugeben. Da schrie er aus Leibeskräften „Hilfe! – Hilfe!“ Aber es nutzte nichts, der Sturm zerriß sein Rufen in kleine Fetzen, niemand weit und breit, der ihn hätte hören können. Es ward ernst. Die Moorhexe war´s, die ihn fest im Griff hatte. Die drei Jahre Bedenkfrist waren rum und weil Jan nicht mit der jungen Hexenbraut auf dem Moor leben wollte, zog die Mutterhexe ihn mit sich hinab in die unergründlichen Tiefen des Moores ins Moorhexenreich.

Das Märchen von Jan Termöln un de Moorhexen erzählen sich gerade jene gern, denen das Moor Lebensinhalt ist. Es  dient ihnen in späten Stunden zur Unterhaltung; in ihren Wanderungen durchs Moor aber hat es noch eine andere Funktion: Es warnt vor den Naturmächten. Ja, vorsichtiger hätte er sein sollen: Die Geschichte hätte ihm Warnung genug sein, hätte ihn endgültig davon überzeugen sollen, wen er unter allen Umständen im Moor meiden muss.

Doch welcher Wissenschafter glaubt schon an Märchen…

Die alte Moorhexe hext im Teufelsmoor herum

Winterbaeume vor mooriger Felder und einem FlussAn jenem Tag im August als er der Moorhexe begegnete, leuchteten die nahe gelegenen Berge am  blauen Horizont. Ihm brannte die Sonne ins Gesicht. Er kniff die Augen zusammen, atmete die feuchte Luft, fühlte den Wind. Unbekümmert lachte sein Herz. Nichts Bedrohliches hatte das Moor, als er auf die Alte traf. Er dachte, ihm könne nichts auf der Welt schaden – entschloss sich,  auf diese einzugehen.

Seltene Funde versprach die Hexe aus dem Moor.

Das einzige, was er dafür tun müsste, wäre, ihre Tochter aus dem Hochmoor herum zu kriegen.

Er hatte schon so lange von Opfergaben aus alter Zeit geträumt! Von Zierrat, Töpfen und bronzenen Spangen im Torf. In seinem schönsten Traum grub er sogar eine Moorleiche aus. Deshalb hatte er auch die Bauern überredet, wieder mit dem Torfstechen zu beginnen. Gelockt hatte er sie mit den Worten: Gartenhäuser bezahlen gutes Geld für Torferde.

Er hatte nicht gelogen!

Die Moore Bayerns bergen so viele Geheimnisse. Nur einige davon aufzudecken würde ihn mit einem Schlag berühmt machen: Das  Bayrische Landesamt für Umwelt wäre sicherlich interessiert, ebenso das Biologie-, das Archäologie- oder das Geologie-Institut an der Ludwig-Maximilian-Universtät (LMU) oder das Moor- und Torfmuseum. So dachte er damals.

Und nun? Eiskaltes Wasser schwappt höher und höher. Seine Bewegungen verlangsamen sich, die Kälte kriecht mit dem Wasserspiegel, dringt tiefer durch die Haut, die Muskeln, bis auf die Knochen.

Hält die ganze Welt für dumm…

Rumkriegen, war das Wort, das er gebrauchte, als er in die Hand spukte. Den Deal mit der Hexe aus dem Moor besiegelte.

Rumkriegen konnte alles Mögliche heißen! Zwar hatte de oide Rutschn gejammert, keine Enkel zu haben. Dass auch Moorhexens Töchter Verpflichtungen hätten. Dass des Dirndl endlich heiraten sollte. Das ist wahr. Aber als er einschlug, sagte er Rumkriegen.

Er war gut darin! Was kümmerte ihn, wie die Tochter aussah? Einmal würde er die Augen schon zudrücken können.

Oamoi is koamoi, dachte er. Auch Trientje gegenüber… Trientje, seine verlässliche Freundin Trientje.

Unterstützte sie ihn nicht in Allem? Sie würde verstehen!

Im ersten Jahr: Ruhm, Geld und sowas wie Liebe

Im ersten Jahr lief alles gut: Er traf die junge Moorhexe noch im August auf der Rosenheimer Wies’n. Sie saß auf einer Holzbank, vor sich eine Mass. Kaum sah er sie, wusste er Bescheid. Trotzdem zögerte er überrascht. So a graisliche Matz war sie gar nicht: Rotes Haar, gertenschlank und blass – spitzbübisch, einem Kobold gleich. Er sprach sie an: So traurig allein?

Ihre Antwort wartete er gar nicht ab, zwängte sich zwischen sie und ihren Nachbarn. Jetzt nicht mehr, lachte sie.

Umgänglich fand er sie, einfach zu unterhalten. Er verbrachte mehr und mehr Zeit mit ihr, flirtete, machte sich ihr angenehm. Sie durchstreiften gemeinsam das Hochmoor, trafen sich in der Dorfkneipe. Am frühen Nachmittag, weil er es sich nicht mit den Mädchen aus dem Dorf verscherzen wollte. Auch nicht mit Trientje. So kamen sie sich näher und näher – es fehlte nicht mehr viel…

Eine Axt aus der Bronzezeit war sein erster Fund! Ziseliert, zweigeteilt, unbrauchbar – ein Kultgerät.

Wunderschön anzusehen.

Er zog sie aus dem Torf und wusste: Er war ein gemachter Mann.

Mit diesem Beil begann das Verhängnis.

Das zweite Jahr: Ein Meer der Tränen

Der Fund aus dem Moor brachte ihm erwartungsgemäß eine Festanstellung im Biologie- und eine Belobigung im Archäologieinstitut der LMU. Die Axt verhieß Ruhm. Sie verlangte aber auch Arbeit, wie alle anderen Funde auch: die Schmuckstücke, Kessel und Opfergaben. Er stürzte sich darauf. Je mehr Aufgaben er übernehmen konnte, desto weniger musste er darüber nachdenken, auf was er sich eingelassen hatte.

Er datierte sein Leben nach diesem ersten Fund. Es gab ein „Davor“ und ein „Danach“. Danach fühlte er sich ausgeliefert, machtlos und verkauft.

Was, fragte er sich, erwartete die junge Moorhexe, wenn er ihr zufällig über den Weg lief? Waren die Treffen im Marsch tatsächlich Zufall? Verfolgte sie ihn? Betrachtete sie ihn bereits als Eigentum? Lachte sie ihn aus, wenn er sie zu fliehen suchte? Andere Wege ging. Wenn sie sich trotzdem trafen; sie ihre Hand auf seinen Unterarm legte, war dies eine unaufgeforderte Einladung? Plante sie, ihn hinab zu ziehen? Gefangen zu nehmen? Seine Zukunft zu bestimmen?

Von nun ab wich er der jungen Hexe aus. Traf er sie versehentlich, erwähnte er Stress – die ungeheure Arbeitslast, die zusätzlichen Aufgaben im Institut. Ohne gefragt worden zu sein. Er warf ihr den Vielbeschäftigten vor die Füße, bevor er grüßte; glaubte damit, sein Abgelenktsein entschuldigen zu können. Glaubte, ihre Entäuschung fast körperlich zu spüren.

Was er jedoch vergaß zu erwähnen?

Er hatte Trientje gebeten, zu ihm zu ziehen. Zu seinem Schutz, so plante er… damit sie die Dorfmädchen von ihm fernhalte, sagte er. Die würden ihm nämlich zuviel. Die Bauern trugen weiterhin Torf ab, versorgten die Gartencenter – doch die Funde machten ihm bald keine Freude mehr.

Wenn er ehrlich ist – und wer ist das nicht im Angesicht des Todes? Wenn er jetzt also endlich ehrlich mit sich ist: Das schlechte Gewissen drückt, lähmt und würgt ihn seit dem zweiten Jahr.

Moor-See bei Sonnenaufgang, Bäume im HintergrundGrund war der See – der See am Hochmoor. Er wuchs langsam, hinter seinem Haus. Ein Meer aus Tränen, nannte ihn Trientje einmal. Das traf ihn im Innersten. Er wusste, dass seine Freundin recht hatte. So nahe dem Moor wächst ein See nur, wenn die dazugehörige Hexe weint.

Spätestens wegen dieses Sees war er sich sicher, dass er die junge Hexe aus dem Moor unglücklich machte. Eine Rückkehr zu den unbeschwerten Tagen mit ihr im Hochmoor waren unmöglich.

Nur nicht daran denken, war seine Devise. Verdrängen. Vergessen. Weitermachen. Das schlechte Gewissen begleitete ihn, verlangte mehr und mehr Raum. Es fror seine Schritte ein, hielt ihn fest umklammert. Sogar seine Fingerkuppen fühlten sich taub an. Er weigerte sich, andere zu berühren, vergrub sich in seiner Arbeit, ahnte, dass er auch Trientje verriet.

Schwieg. Flüchtete. Trank.

Im dritten Jahr: Düsteres, stilles Moor

Trientje war es bald leid, auf ihn zu warten. Sie suchte Arbeit. Ihm fiel es allerdings erst auf, als sich Tierleichen auf der Fensterbank sammelten: Die bläuliche Hülle einer Hochmoor-Mosaikjungfer, ein toter Moor-Gelbling, der Kadaver eines Moorfrosches.  Trientje schloß sich den Allgäuer Moorwelten an, ließ sich zur Moorführerin ausbilden. Sie spazierte im Sommer wie im Winter mit Touristen durch das Hochmoor, wusste plötzlich völlig unnütze Dinge, wie zum Beispiel mit welcher Geschwindigkeit Moore wachsen: 1 Millimeter pro Jahr, betonte sie.

Anfangs stellte sie noch Essen warm, später ernährte er sich von Döner und Asia Food. Er sah sie kaum noch und wenn, dann stritten sie.

In der Zwischenzeit wuchs der See hinterm Haus weiter. Manchmal erwischte er am Ufer Frauen aus dem Dorf. Auch sie weinten, füllten das Gewässer. Kaum aushalten konnte er es aber, wenn er von weitem die Moorhexe vorbeihuschen sah. Sie wich ihm aus, fand er. Im Moor traf er den Rotschopf kaum noch. Und wenn, war sie abwesend, beschäftigt – er empfand sie als abweisend.

Unverdaute Gedanken, halbvergorene Gefühle, verschwiegene Worte – das schlechte Gewissen umhüllte ihn. Im dritten Jahr erstickte es jede Regung. Er lebte von der Auswertung der alten Funde; die alte Hexe ließ ihn nichts mehr finden. Sie blieb stumm.

Er verdächtigte Trientje, andere Männer zu hofieren. Sie behauptete zwar, nur auf Versammlungen zu gehen. Gemeinsam mit den anderen Moorführern zu kämpfen! Jemand müsse sich stark machen für die Erhaltung der Moore, für die Renaturierung. Ballawatsch! Auf irgendeinen müsse sie stehen, sonst würde sie sich nicht so hineinknien.

Er brütete in seinem Büro. Sein eigenes Gewissen war ihm Grund genug, misstrauisch zu sein.  Seine größte Angst: Selbst seiner verlässlichen Trientje nicht mehr zu genügen.

Lacht sich schief und lacht sich krumm…

„Danach“ gab es natürlich auch ein paar schöne Momente: Stolz war er zum Beispiel auf seinen Ruf. Er könne übers Moor laufen , ohne davor Angst davor zu haben, in trügerischem Boden zu versinken, hieß es. Er folgte dem Licht der tanzenden Alten im Moor, verließ sich auf die Abmachung.

Wie heute eben auch…

Zur Strafe sinkt er, stetig: Das brakige Wasser reicht ihm mittlerweile bis zur Brust. Er steht still. Hofft, dass er das Sinken damit aufhalten kann.  Kurz nur, dann wird ihm klar: Richtig zu schaffen macht ihm die Kälte. Mit Eisnadeln bohrt sie sich bis auf die Knochen. Im Moor geht niemand völlig unter. Solche Geschichten gehören ins Reich der Legenden. Das Moor erstarrt seine Opfer, hüllt sie in Nebel und legt eine Decke aus Eis auf ihre Schultern. Diese Decke drückt die Gefangenen hinunter, macht zerbrechlich, winzig, hilflos – egal wie breit die Schultern sind.

Ihm wird plötzlich heiß.

Eingesunken zwischen Morast, halbverdauten Blättern, Zweigen und Tierresten steht er. Im Sumpf. Das wabernde Wasser gurgelt, schlägt Blasen, beginnt zu brodeln. Er schwitzt, zieht sein Hemd aus und wirft es zur Seite. Er sieht zu, wie es liegen bleibt, nicht versinkt. Ein Schritt und er wäre gerettet! Er schafft keinen Schritt mehr. Der blonde Hüne hat seine Stärke verloren. Schwach wie ein Kind fühlt er, wie sein Atem entweicht… seine letzte Kraft. Er fällt.

Das Moorlicht tanzt

  • Spinnst du, Mama?

Deutlich dringt diese Frage an sein Ohr. Träumt er? Sein Körper liegt wider Erwarten auf festem Grund.

  • Er hat uns betrogen!

Vorsichtig öffnet er die Augen. Neben ihm kniet Trientje, die blonde, schöne Trientje. Sie hält seinen Oberarm in festem Griff. Wo ihre Finger liegen, spürt er seine Muskeln. Sonst ist alles taub.

Drei Sonnenstrahlen bohren sich durch Nebelschwaden, bestrahlen zwei Gestalten – Schatten neben den Birken. Er schließt die Augen, öffnet sie wieder. Jetzt kann er den Rotschopf und die Alte ausmachen.

  • Betrogen? Wie das denn?

Bitte, denkt er. Nicht erzählen, nicht vor Trientje. Doch vergeblich: Die Alte lässt nichts aus. Er schielt verschämt zu Seite, windet sich.

Trientje runzelt die Stirn.

Moorlicht tinyUnd die Hexentochter aus dem Moor?

Die junge Hexe lacht…

  • Aber er ist attraktiv!

… lacht so herzlich, dass die Nebelschwaden ihren Vorhang heben, ein weiterer Sonnenstrahl blinzelt. Das Moorlicht tanzt.

  • Was, Mutter, soll ich mit einem, der sich im Moor verirrt? Angst vor seinen Gefühlen hat? Sie gar nicht benennen kann?

Er hält den Atem an. Die junge Hexe dreht sich ihm zu, als würde sie den fehlenden Hauch spüren. Sie blickt ihn nachdenklich an.

  • Warum hast du so spät geschrien, Jan? Der Sumpf verschlingt dich, wenn du die Augen vor ihm schließt!

Trientje räuspert sich. Der Rotschopf nickt der Moorführerin zu.

  • Gut, dass du mich gerufen hast! Er wird deine Hilfe wieder brauchen, wenn er sich verliert.

Verschwindet mit dem restlichen Nebel – wie ihre Mutter aus dem Niedermoor. Nur deren maulende Stimme weht noch nach:

  • Ewig Zeit hast du nicht, auch wenn du glaubst…

Er zittert jetzt – weiß allerdings nicht, ob vor Wut über seine Eitelkeit oder schlicht vor Erleichterung. Es braucht lange, bis ihn das Moorlicht wärmt. Bis Trientje fertig ist mit dem, was sie zu sagen hat.

Eine weitere Chance? Das müsse sie sich gut überlegen, meint sie. Erst sehen, wie er sich bewährt.

Morgens taucht er die große Zehe in den See

Seit diesem Tag wandert er jeden Morgen zum See. In der Hand hält er eine Tasse heißen Kaffees. Mit kleinen Schlucken wärmt er sich, taucht dabei seinen Zeh in den See. Die Wärme in seinen Handflächen gibt ihm Sicherheit.

Manchmal sieht er die junge Moorhexe. Sie weint… er grüßt. Meist lächelt sie zurück.

Es fühlt sich leicht an. Trientje hat es ihm erklärt: Traurig, sagte seine Freundin, traurig macht die Hexe nur das Sterben – das Sterben der Moore im Land. Er weiß, die Bauern zu überreden, das Torf nicht mehr abzubauen, wird dauern. Doch er kämpft dafür, an seiner Seite Trientje, die ein Auge auf ihn hat.

Sieht er den roten Schopf morgens aber im See schwimmen, denkt er schaudernd daran:

Wie kalt Wasser im Moor sein kann!

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Reden wir über Flüchtlinge
Nebiga

Gut. Reden wir über Flüchtlinge

Flüchtlinge kommen als Welle, als Flut und marschieren auf Grenzen zu. Sie stürmen Zäune, wälzen sich durch Staaten und lösen Krisen aus; sie  ängstigen Frauen, Kinder und die, die schon immer dort leben, wohin sie jetzt eben flüchten. Bilder wie diese entstehen in den Köpfen durch Monologe; Monologe in U-Bahnen, die  wildfremd Entrüstete Passanten entgegenschleudern. Monologe, die an Stammtischen, am Tresen im Café nebenan genauso wie beim Essen unter Freunden abgenickt werden – ja, sogar unter Freunden. Monologe, die jene, die tagtäglich mit Flüchtlingen arbeiten, mundtot machen. Ihr Mund ist ausgetrocknet von ständigen Widerworten, ihren Beschreibungen, wie sie das Leben mit Flüchtlingen erleben. Widerworte, die oft ungehört verhallen.

Andere Wörter schwirren herum, haben offenbar mehr Gewicht. Bekannte Kriegs- und Angstterminologie, Sätze wie Man wird doch noch sagen dürfen; Es ist nun mal eine ganz andere Kultur; die verstehen unsere Werte nicht; Flüchtlinge lungern herum, respektieren nicht… In der Presse  können wir alle Begriffen nachlesen, falls uns eine Platitüde oder ein Angstbild abhanden gekommen ist: Wort für Wort – und die Bilder verdichten sich, die Furcht dahinter wächst proportional mit. Sie hindert daran, im Sprachgewühl nach ihm oder ihr zu suchen, dem/der einen, dem „Flüchtling“: Wer kommt? Wer flieht? Wie ist der Mensch denn so?

Flüchtlinge sind… Kriegskinder, Asylanten

vielfältige FlüchtlingeZum Beispiel Fadi, der Junge, der vor mir sitzt und seine Zwillingsschwester liebevoll auf den Arm boxt, weil sie etwas Kluges sagt. Zwei Kurden aus dem Iran. Ismahan mit ihren bunten, weiten Röcken, ihren freizügig offenen Blusen, die alle mit Riesenblumen bedruckt sind. Rhana trägt in der Klasse nur Tschador. Beide Frauen kommen aus Somalia – zicken sich täglich an und arbeiten niemals in derselben Gruppe zusammen. Basil, der Bulgare mit seinen feingliedrigen Händen und seiner ungewöhnlichen Sprachbegabung, hat seinen Platz mitten in der Gruppe afghanischer Jungs gefunden. Es dauert gewöhnlich bis dieser Tisch sich füllt. Die Jungs kommen nicht pünktlich, verstehen nicht, warum das überhaupt von ihnen gefordert ist; Basil ist immer da. Der schon ältere Sami zählt gern vermeintliche Erfolge bei Frauen. Er telefoniert mitten im Unterricht „mit seiner Mutter“ und kommt morgens nicht gut aus dem Bett. Und Amit? Amit, der Syrer, setzt seine Mütze nicht ab. Er kam am Morgen nicht dazu, sich zu frisieren.

Wer wissen will, wie „Flüchtlinge“ ticken, muss warten können. Warten, bis sie diskutieren.

„Nein“, antworte ich auf eine beliebte Frage, die ich die Monate zuvor umgangen habe. „Nein, ich glaube nicht an Gott!“

Wer gerade tuschelte, die Augen zum Fenster hinaus schweifen ließ, verstohlen in seinem Handy wischte – vergisst sein Tun. Dieses Thema interessiert, betrifft die Jugendlichen; sie finden es zu wichtig, um es ignorieren zu können.

„Das gibt es nicht“, entgegnen die einen – entrüstet. Tarik nickt jedoch heftig, zustimmend. Er glaube nicht mehr an Allah, sagt er: „Der Glaube an Gott löst zuviele Kriege aus.“

Ausnahmslos hören sie zu, wollen ihre Ansicht kundtun, wollen gehört werden. Hände winken mir zu, andere unterbrechen einfach. Selbst die wenigen Frauen in der Klasse beteiligen sich, vertreten sich, finden Worte. Sie alle fühlen sich sicher genug dazu. Ein Gefühl, an dem wir zusammen arbeiten, seitdem sie hier in der Klasse sitzen. Dieser Raum ist ein vertrauter, sicherer Raum. Dieses Gefühl kommt allerdings nicht von heute auf morgen. Nicht nach den Erlebnissen ihrer Flucht; nicht nach Jahren der Unsicherheit in ihrem Land. Vertrauen muss wachsen. Ein Jahr ist dafür auch schon mal nicht lange genug.

Sobald wir über Gott, über Frauen, Männer, Geschlechterrollen und Lebensstile diskutieren können, ohne dass jemand aus Angst verstummt, weiß ich, dass diese Flüchtlinge angekommen sind. Dass sie ihren weiteren Weg in der Gesellschaft suchen und ihren Platz finden werden.

… auf der Suche nach einem besseren Leben

FlüchtlingSie haben nicht das Recht, hier zu sein. Sie halten sich nicht an die Gesetze, sind Kleinkriminelle und werfen ein Zwielicht auf diejenigen, die wirklich Hilfe brauchen. Verdächtig sind Marokkaner, Griechen, Bulgaren, Albaner, Mexikaner… Slawen und Lateinamerikaner generell und auch noch alle anderen, die aus ihrem Land auswandern, nur um ein besseres Leben in einem anderen zu suchen. Diebsgesindel nannte man sie in der Zwischenkriegszeit und gemeint waren oft die jüdischen Einwanderer aus dem Osten. Wirtschafts-Flüchtlinge heißen sie heute. Sie flüchten ja nur aus wirtschaftlichen Gründen und landen bei uns, die wir doch auch nicht genug haben, sagen die „guten Bürger“ verärgert, verunsichert. Das Ziel dieser Flüchtlinge sei es einzig und allein den Sozialstaat auszunützen.

Zu diesen guten Bürgern zählt sich auch der Busfahrer, der seine Aushilfstour im kleinen Café des Ortes unterbricht. Er hat sein ganzes Leben lang gearbeitet. Sogar jetzt, in der Pension, hilft er noch aus. Weißhaarig sitzt er mit seiner frisch gebügelten Uniform am Holz-Tresen, vor sich den Cappucchino und lamentiert. Darüber, dass das Geld hinten und vorne nicht reicht, dass der Staat zuviel Steuern abzwickt, um es dann den Flüchtlingen hinterher zu tragen. Dass eben diese Flüchtlinge ja nur kommen, weil sie wissen, dass für sie gesorgt ist. Sein Sermon ist nicht zu überhören: Das Café ist zu klein, als dass man sich taub stellen könnte. Bald beteiligen sich andere Gäste, auch die Kaffeebesitzerin, an seiner Einschätzung der Weltlage – in Deutschland, in der EU. Sie stimmen zu, tragen mit ihren kleinen Alltagsgeschichten bei. Quintessenz: Dem kleinen Mann gehe es generell nicht gut, er müsse jetzt auch noch für die Flüchtlinge aufkommen, nur weil Angela sie eingeladen hat.

Die Sonne brennt mir unbarmherzig ins Gesicht. Ich wende der Fensterfront den Rücken zu, sehe direkt zum Tresen hin.

Wie schlecht es den Leuten in Deutschland heute tatsächlich geht, illustriert der Busfahrer mit der Geschichte über seinen Neffen, von Beruf Rettungsfahrer. Wegen der hohen Steuern, der Schichtarbeit und der unübersichtlichen Verwaltung in den Krankenhäusern sei es kein leichtes Leben. Hier in Deutschland. In Norwegen aber! In Norwegen sei alles besser!

Die Vertretungen sind hervorragend organisiert, die Mitarbeiter werden über ein gemeinsames Pool verwaltet. Das funktioniert bestens! Der Lohn ist natürlich wesentlich höher, denn die Norweger haben noch einen Sozialstaat. Steuerlich sieht es auch gut aus. Weil der Neffe Deutscher ist, fallen diese nicht so hoch aus.

„Ein Wirtschaftsflüchtling also“, unterbreche ich.

Aber nicht doch: Das ist etwas ganz Anderes!

Flüchtlinge brechen Gesetze

Das Thema Flüchtlinge spaltet sogar Immigranten, Freunde. Sie haben in einem anderen EU-Land studiert, arbeiten jetzt dort und leben noch zusammen in der WG. Der Riss geht mitten durch – es steht 2:2 am Tisch. Ich bin das Zünglein an der Waage, höre mir an, worüber die Freunde streiten.

„Flüchtlinge – refugees – halten sich nicht an Gesetze, kommen illegal ins Land“, ärgert sich das eine Paar. „Die sind nicht so wie wir.“

Wir sind hierher gekommen, wir arbeiten, wir haben Papiere, wir verdienen genug, zahlen Steuern. Wir haben das Recht, hier zu sein.

„Flüchtlinge müssen erst dahin kommen, wo wir schon sind“, hält das andere Paar dagegen. Sie brauchen Sicherheit, natürlich gehen sie in das Land, wo sie sich am sichersten fühlen. Bulgarien, Ungarn, Griechenland – das sind keine sicheren Länder, schon gar nicht, wenn Flüchtlinge sich registrieren müssen. Die Situation sei doch ähnlich, ist wie unsere, betonen sie. Immigranten und Flüchtlinge seien fremd im Land!  Warum könnt ihr das nicht sehen?

Abend für Abend versuchen die einen die anderen davon zu überzeugen:

das patt beim Thema Flüchtlinge

  1. Immigranten sollten zumindest Verständnis dafür haben, dass Flüchtlinge unsicher und misstrauisch sind; sich nicht registrieren lassen wollen. Man bräuchte doch nur die eigene Lage genauer ansehen. Auch für Immigranten gilt, was Hannah Arendt über Flüchtlinge schrieb: Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. Unsere Identität wechselt so häufig, dass keiner herausfinden kann, wer wir eigentlich sind. […] und das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt. (Aus: Hannah Arendt: We Refugees) Dieses Gefühl ziehe Misstrauen nach sich.
  2. Das andere Paar, darunter die Juristin der Freundesrunde, beharrt auf das Einhalten des Schengenabkommens. Darauf, dass Flüchtlinge sich an den Außengrenzen registrieren lassen, damit die EU-Staaten das Wandern unter Kontrolle halten können. Solange Flüchtlinge dies vermeiden, seien sie illegal im Land. Gesetzesbrecher – und damit abzuschieben.

Ein Patt.

„Wie definiert die Runde eigentlich, wer ein Flüchtling ist?“, frage ich. Wir suchen im Internet.

„Als Flüchtling bezeichnet man eine Person, die ihre Heimat gezwungenermaßen verlassen musste und in absehbarer Zeit nicht dorthin zurückkehren kann“, heißt es in Wikipedia. Ob dies aus Kriegs-, Verfolgungs- oder Wirtschaftsgründen passiert, ist in dieser allgemeinen Definition völlig unwichtig. Die Würde des Menschen, seine Sicherheit, seine Existenz ist ausschlaggebend. Menschenrecht zählt.

Im juristischen Sinn der Genfer Flüchtlingskonvention aber ist nur Flüchtling, wer

[…] aus der begründeten Furcht vor Verfolgung aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will; oder der sich als staatenlos infolge solcher Ereignisse außerhalb des Landes befindet, in welchem er seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zurückkehren kann oder wegen der erwähnten Befürchtungen nicht dorthin zurückkehren will. (Artikel 1 Genfer Flüchtlingskonvention)

Erst wenn wir verstehen, dass Gesetze von Menschen gemacht und Abkommen von Juristen getroffen worden sind und sich verändern lassen, erst dann dürfte unsere Verantwortung völlig klar sein:

Im Zentrum muss der Mensch stehen, der flüchtet: Ein Flüchtling eben.

Ohne Welle, Flut oder Krise.

@SCommIntercultural