Als zwei Aborginies sich zeichneten
Nebiga

Als zwei Aborigines einander zeichneten

Weihnachten in Australien ist eine ganz eigene Sache. Es findet im Sommer statt. Am Strand zum Beispiel, wo alle kurze Hosen tragen oder Tücher um ihre Taille geschlungen haben, vor sich hinschwitzen, surfen oder in der Sonne braten. Mancher Europäer hätte Schwierigkeiten, sich darauf einzustellen, Santa Claus  – den Weihnachtsmann – willkommen zu heißen. Die meisten Australier plagen dagegen keine Bedenken. Außer die Aborigines.

Sie betrachten das weihnachtliche Theater skeptisch: Kurz gesagt, die Ureinwohner Australiens fangen herzlich wenig mit einem Mann auf einem fliegenden Schlitten an.

Von kulturellen Zusammenhängen

Vor allem, weil er zu den Briten gehörte, genau so wie er heute fester Bestandteil der Feiern der heute in Australien herrschenden Bevölkerungsgruppe ist. Der Gruppe, der viele Nomaden nach wie vor zurückhaltend gegenüber stehen. Kein Wunder: Einmal wurden die Aborigines durch die Briten fast ausgerottet. Wie alle indigenen Völker in der kolonisierten Welt starben sie wegen eingeschleppter Krankheiten und gewaltsamer Konflikte mit den fremden Siedlern. Zum zweiten ignorieren oder bevormunden die weißen Australier sie.

Heute gelten die Aborigines jedoch größtenteils als angepasst. Etwa drei Viertel leben in Städten und haben sich – so gut es ging – mit der seßhaften Lebensweise arrangiert. Jahrelang arbeiten sie, schaffen sich ein Heim,  Freunde und Beziehungen. Irgendwann, ganz plötzlich aber, verschwinden sie.

Er ist walkabout gegangen, schimpfen die zurückgebliebenen Kollegen im Job.

walkabout?

Ja, die verschwinden, die werden verrückt.

Ungläubig erzählen sie, wie der Verschwundene nach drei Jahren zurück kam und erwartete, dass seine Arbeit auf ihn gewartet hätte. Verrückt eben!

Die Aborigines sehen das naturgemäß anders. Fragt man einen von ihnen, bedeutet walkabout etwas  Anderes – es bedeutet einfach gehen.

Nach Hause gehen.

Ins Hinterland aufbrechen, um zeremonielle oder familiäre Dinge zu erledigen, heilige Stätten zu besuchen und mit Menschen, die einen verstehen, zusammen zu sein.

Ein lang anhaltendes Weihnachten halt!

Genau deshalb haben wir heute eine Geschichte der Aborigines für euch:

Was Aborigines über Känguru und Dingo erzählen

Lange wanderten die beiden Männer Kubabara und Buruk, bis sie den riesigen Felsen, Tor Rock, erreichten. Die Umgebung gefiel ihnen. Sie beschlossen, sich eine Weile dort niederzulassen.

Einige Zeit verbrachten sie damit, am Fuß des Felsens entlang zu wandern und entdeckten schließlich eine Höhle. Die Wände waren über und über mit Malereien bedeckt.

Schau Buruk, eine Schildkröte!

Und dort ein Emu… ich kann es deutlich erkennen. Auch die Menschen, die den Vogel jagen.

Es gab so viel zu sehen – die beiden verloren sich in den Träumen von Mensch und Tier. Die Sonne berührte fast den Boden, als Buruk vorschlug :

Komm, malen wir uns auch: Du malst mich und ich dich!

Doch dafür wurde es schon zu dunkel. So lagerten sie vor der Höhle.

Kubabara war das nicht geheuer. Sie hatten so lange mit den Zeichnungen verbracht, dass sie der Umgebung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatten.

Was, wenn die Seelen der Tiere uns angreifen?

Buruk lachte.

Es sind es nur Seelen. Wir warten, dann können wir fragen, wie es ist, eine Seele zu sein.

Kubabara war nicht so leicht zu überzeugen. Er nahm beim Schlafen vorsichtshalber die Haltung eines Hasen ein: Bereit beim geringsten Geräusch aufzuspringen und zu fliehen. Buruk dagegen kauerte sich zusammen, bereit eine Seele zu beschnüffeln.

In der Nacht aber gab es nur die Geräusche, die es immer gab: die Geräusche des Landes.

Eine Idee setzt sich fest

Am nächsten Morgen wanderten die beiden weiter. Sie wollten auch noch die andere Seite des Felsens erkunden. Darob vergaßen sie die Zeichnungen. Aber nicht für lange Zeit, denn an den Felswänden eines kleinen Bergs fanden sie weitere Felszeichnungen. Kaum entdeckten sie diese, erinnerten sie sich. Doch auch diesmal verschoben die beiden Männer ihr Vorhaben, sich gegenseitig zu zeichnen.

Schließlich gelangten Kubabara und Buruk in eine Gegend, die ihnen außerordentlich gut gefiel. Sie richteten eine bleibende Lagerstätte ein.

In deren Nähe befand sich sogar eine Felswand. Eine, auf der noch niemand gezeichnet hatte. Zu ihr gingen die beiden eines Tages und setzten ihr Vorhaben um – sie zeichneten sich gegenseitig

Native Drawings (kangourou)

Foto von Triton (Eigenes Werk) , GFDL http://www.gnu.org/copyleft

Wie schön, rief Kubabara, als er Buruks Bildnis sah. Er wollte nur noch als dieses Känguru weiterleben.

Auch Buruk gefiel seiDingo444n Abbild – und verwandelte sich sofort in einen Dingo. Genau so wie Kubabara ihn dargestellt hatte.

In dieser Gestalt lebten die beiden noch eine ganze Weile. Nachts schlief das Känguru wie ein Hase auf der Flucht. Der Dingo aber wie ein Hund, der neugierig wartet.

Dies ging so bis zu jenem Tag, an dem Kubabara und Buruk zu ihren Felsbildern zurückkehrten.

An diesem Tag erfüllten sie ihre Felszeichnungen mit Leben. Als Menschen kehrten sie nie mehr zurück.

Beitragsbild: Kata-Tjuta am Morgen. Foto von Dimageau

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