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Wer ist La Catrina?

La Catrina

Halloween: Eine Dame mit Federhut schreitet inmitten all der Kürbisköpfe, Monster, Geister. La Catrina – so nennen die Leute sie – schwingt ihre Seidenröcke, streicht die Bluse glatt und reckt das Kinn. Ihr Blick streift über das rege Treiben in der Gruselnacht. Was bitte hat sie mit Halloween zu tun? Gut, sie marschiert bei den Umzügen mit; überall in der Welt laden Menschen sie ein, die Feste in der Nacht vom 31. Oktober zu feiern. Warum also sollte sie nicht?

geschminkt als la catrinaFlaniert sie nicht für ihr Leben gern? Sie liebt es, wenn Menschen sie umjubeln; dass sie sich verkleiden, sich als ihr Ebenbild schminken. Als Catrina tanzen, lachen, Süßigkeiten schlecken. Mit ihr den Tag feiern und die Nacht. Wundert La Catrina ihr Erfolg unter den Halloween-Masken? Mitnichten. War denn etwas Anderes zu erwarten – so wie sie aussieht? Natürlich genießt sie den Ruhm, kostet jeden Moment aus.

Wenn sie aber einmal inne hält und in sich hört, spürt sie, wie schal dieser Erfolg ist. Spätestens um Mitternacht sehnt sich La Catrina nach Hause – sie will zurück nach Mexiko.

Dort nämlich enden die Feiern noch lange nicht, dort fangen sie erst richtig an. Zuhause hat La Catrina eine Geschichte, ist sie nicht nur eine Maske, ein Tatoo oder Abziehbild. Ihre Landsleute holen sie am Día de los Muertos zu sich ins Haus; geben ihr zu essen und zu trinken; tanzen und unterhalten sich mit ihr. Sie wissen:

La Catrina gehört zum Leben wie der Tod.

20. 01. 1913: Mexikostadt, Calle Santa Inés

José Guadalupe Posada

Druckerwerkstatt von José Guadalupe Posada

Don Lupe?

Die Stimme huschte unter dem Rolladen in die Werkstatt. Kaum war sie durch, verharrte sie vor dem Dunkel. Sie fühlte sich zu schwach den Raum zu erkunden; schickte vorsichtshalber ein kleines Echo weiter. Als Kundschafter sozusagen. Das Echo drang vor. Gerade noch rechtzeitig fühlte es einen Widerstand, kletterte den Tresen hoch.

Oben angekommen schlängelte es sich zwischen Papierstapeln und Holzschachteln hindurch, sprang auf der anderen Seite in die Tiefe. Kaum spürte es wieder Boden, strebte es weiter vorwärts. Umwehte Tisch- und Stuhlbeine, kletterte noch einmal hoch. Auf dem Tisch wich es Zink- und Bleiplatten aus, Sticheln und bedrucktem Papier – bis es sich an einer Wanne stieß; Säure schwappte über. Das Echo schrie, purzelte gegen eine Druckerpresse und verhauchte.

Die Stimme erschrak. Sollte sie doch lieber die Treppe zu ihrer Linken hochklettern? Würde sie es überhaupt bis oben schaffen?

Rrrrtsch…

Die Besitzerin der Stimme schob den Rolladen gänzlich hoch.

Don Lupe! Sind Sie da?

rief sie. Endlich – Verstärkung! Jetzt war die Stimme stark genug – stürmte treppauf. Im ersten Stock fegte sie über den Gang geradewegs auf eine Tür zu. Diese stand offen. Ungehindert sauste sie in den Raum, drang in jede Ecke, füllte ihn vollständig aus.

Wenn eine Stimme nur Augen hätte!

Dann hätte sie ihre Besitzerin warnen können. So aber blieb Consuelo, der kleinen empanadera (Teigtaschen-Verkäuferin), keine Zeit sich vorzubereiten. Sie folgte ihrer Stimme nach oben und trat in die Wohnräume des Hauses.  Vor ihr lag ein umgekippter Stuhl und daneben – das Mädchen schrie.

Wortschatten und Tote zu Besuch

Die Stimme hatte schon Erfahrung; sie wußte, wenn sie schrillt, verursacht sie Chaos. Wie groß dieses ist, hängt von der Stärke des Schreis und seiner  Tonlage ab. Bloß ein Schreck oder gleich Panik? Jetzt gellte sie bis hinaus auf die Straße: Menschen liefen in die Werkstatt, polterten die Treppe hoch. Sie stießen die Schreiende zur Seite, um zu sehen, was passiert war.

calavera Tragt ihn raus! In die frische Luft!

rief einer.

Höchstens mit den Füssen zuerst – der ist schon tot.

murmelte ein anderer.

Schließlich holte jemand einen Arzt.

Als dieser kam, lag der Bauchladen mit den Teigtaschen immer noch am Boden neben dem Toten. Consuelo hockte in einer Ecke – ebenso unbeachtet. Das Kinn hatte sie auf das Knie gestützt, die Arme um die Beine geschlungen. Es standen nur noch wenige Neugierige herum.

Weiß jemand, wer das ist? Wie heißt er?
fragte der Arzt.

Consuelo richtete sich auf.

Don Lupe?,

sagte sie.

Posada… José Guadalupe.

Der Stimme fiel selbst auf, dass sie zitterte. Schuld gab sie den „Schatten“, Echos einmal gesagter Worte, die durch den Raum waberten. Sie flüsterten:

  • Hier, Junge, nimm! Die ist fertig. Jetzt kannst du sie in Säure baden.

und legten sich auf  die Stimmbänder. Drei Sätze nur, aber sie besaßen Kraft. Sie drückten schwer, so als hätte Don Lupe sie noch am Morgen dieses 20. Januars anno 1913 ausgesprochen.

Kannten Sie ihn gut?

fragte der Arzt.

Consuelo betrachtet die Leiche: Diese glich einer Wachspuppe, die Haut schimmerte. Im Leben war Don Lupe ein muskulöser Mann gewesen, jetzt kam er ihr zerbrechlich vor. Als wäre er geschrumpft. Wo war die Kraft, seine Energie?

Nichts ist demokratischer als der Tod

Ihre Route führte sie täglich zur gleichen Stunde an Don Lupes Druckerei vorbei: Er saß immer im ersten Stock am Fenster. An manchen Tagen blickte er auf die Straße unter ihm, beobachtete: die absichtlosen Flanierer; die Hausfrauen, die eilten, um das Essen vorzubereiten; Revolutionäre oder Regierungstruppen, die sich gegenseitig verfolgten. Meistens aber hatte Don Lupe den Kopf über eine Zinkplatte gebeugt und stichelte eine seiner Zeichnungen. Währenddessen rief Consuelo im Chor der Straßenhändlerinnen:

Empanadas de pollo, de queso, de mole, empanadas de atún!

Sobald Don Lupe aufsah und winkte, brachte sie ihm die Teigtaschen in die Werkstatt. Immer kam er schwerfällig die Treppe hinunter. An der Theke nahm er drei Teigtaschen entgegen und biss gleich in eine. Solange er kaute, leistete Consuelo ihm Gesellschaft.

Bei ihrem ersten Besuch hatte sie im Laden herum gestöbert; in den Zeichnungen geblättert – einige fand sie in Schränke gestopft, andere lagen in Stapeln auf Stühlen. Die Zinkplatten sollte Consuelo erst später entdecken. Sie waren alphabetisch geordnet in Schubladen verstaut, wovon immer eine offen stand. Zeuginnen emsigen Schaffens. Don Lupe hatte im Stehen gegessen.

Auf den Augen seiner Leiche lagen nun Münzen.

Ja, Don Lupes Augen hatten ihr von Anfang an gefallen: das Zwinkern in den Winkeln; Schicksalsschläge spiegelten sich auf der Iris – sie schienen zu verstehen; machten Mut. Deshalb hatte sie damals auch zu fragen gewagt: Was die Zeichen neben den Bildern in den Gazetten bedeuten würden, war eine solche Frage. Ob er sie lesen lehren könne, eine andere.

Gegen Empanadas  – ja?

Sie hatte sich anfangs darüber gewundert, dass Don Lupe sich überhaupt auf den Handel einließ.

Drei am Tag…

hatte er gesagt,

und du leistest mir beim Essen Gesellschaft, erzählst mir von dir.

Siesta-Gespräche

Später sollte Consuelo entdecken, dass sie oft wochenlang der einzige Mensch war, mit dem Don Lupe sprach. Seit dem Tod seines Sohnes sei das so, hörte sie. Aber sie selbst blieb dem Meister zwei Jahre treu – kam zu Mittag und blieb eine Weile. Consuelos schlief nie zur Siesta.

Zunächst lehrte Don Lupe sie lesen und schreiben. Zwischen den Übungen erzählte sie, er hörte zu; fragte nach Details: Danach, wie sie lebten – die Straßenhändlerinnen; nach der Hierarchie unter ihnen. Ganz oben die garbanceras, die in Korsett und HighHeels Kichererbsen verkauften und sich für etwas Besseres hielten. Ganz unten die empanaderas aus den umliegenden Dörfern in den Röcken und Blusen der Heimat. Analphabetinnen waren sie alle, nur Consuelo schon bald nicht mehr.

Von sich aber erzählte Don Lupe nie. Ihn kennen…?

Nein,  dafür hatten wir keine Zeit,

sagte Consuelo dem Arzt.

Wie der Tote da lag! Einen Arm weit von sich gestreckt; die Hand umklammerte eine Zinkplatte – so als wollte er sie jemanden geben. Consuelo sah dabei zu, wie ihm der Arzt sie aus den Fingern wand. Sie betrachtete die Platte, als er sie auf den Tisch legte. Auf Don Lupes Arbeitstisch vor dem Fenster. Das Bildnis einer Frau war darauf gestichelt.

Einer Dame mit Federhut.

posadas garbancera nachgezeichnet

Wie sollte sie die jemals vergessen?

Vom Kampf einer Stimme

Consuelo musste sich räuspern. Wieder und wieder –  über Wochen, Monate. Die Stimme wurde die Echos des Zimmers nicht los. Schlimmer noch: Erinnerungen ballten sich und rollten auf ihren Stimmbändern. Sie schmeckten nach Wachs.

Empana… de…

Schon musste sie sich wieder räuspern oder aber sie krächzte. Consuelo konnte sich gegen die Rufe der anderen Händlerinnen nicht mehr durchsetzen. Die Kunden hörten sie nicht mehr, weil ihre Stimme versagte.

Bald reichte es nicht einmal mehr für das Nötigste.

Auf der Straße tobte derweilen die Revolution. Menschenmassen wogten mal hierhin, mal dorthin. Alle  kämpften, um zu überleben. Neun Monate nach Don Lupes Tod aber, am Día de los Muertos, hielten die Stadtbewohner kurz inne. Sie schmückten die Kirchen mit Girlanden aus Studentenblumen; zogen Wege mit deren Blütenblättern bis in die Häuser – zu den Altären mit den Opfergaben.

Auf der Straße tanzten die Menschen, sie reichten sich calaveras – Totenschädel aus Zucker. Alle kauften sie Teigtaschen, Tequila und Totenbrot. Sogar eine Schmähschrift ging von Hand zu Hand.

Wer hätte das gedacht? La Catrina hilft…

La Garbancer - Ursprung von La CatrinaWas steht da?

fragten die Leute. Auf dem Titelblatt prangte ein Bild: die Dame mit Federhut.

Consuelo griff nach dem Blatt.

Ausverkauf fröhlicher Totenschädel, 

las sie laut.

Die heute gepuderte garbanceras sind, werden als deformierte Schädel enden.

Die Leute grinsten.

Lauter! Sprich doch lauter!

Nun trat die Stimme fester auf. Sie wollte, dass alle es hörten! Jeder sollte dieses Spottgedicht verstehen, deren Titelbild die Dame mit Federhut zierte. Satz für Satz scheuchte sie die Schatten, zerbiss die Ballen der Erinnerung. Das Lachen blieb an ihrer Seite, gab ihr Mut. Strophe für Strophe.

Consuelo erinnerte sich, erkannte die garbanceras, von denen sie Don Lupe erzählt hatte. Und auch wenn diese etwas säuerlich blickten – sie wärmte das Gedicht. Sie entdeckte dahinter das Zwinkern in Don Lupes Augen.

Eine Dame macht Karriere

Mehr als 20 000 Zinkplatten hatte Don Lupe im Laufe seines Lebens gestochen.

Und was bitte hatte er davon? Man verscharrte ihn in einem Grab Klasse sechs; genau zwei Freunde sahen  zu. Das war’s. Und ich?

Ihre Geburt stand wahrlich unter keinen gutem Stern! Wie La Catrina es unter solchen Umständen trotzdem schaffte, zu Ruhm zu kommen? Zu jenem Erfolg, der ihr gebührte? Ihrem „Vater“ verdankt sie es wahrlich nicht, findet sie.

Drei Pesos! Das müsst ihr euch vorstellen… für drei hat er mich verkauft.

Dafür verhökerte Don Lupe ihr Bildnis an Antonio Vanegas Arroyo…

an diesen Sudelblatt-Verleger! Deformierter Schädel… ha… Wie konnte er es  wagen?

Ändern konnte La Catrina die Verleumdung nicht, aber das Beste daraus machen… überleben…

Das Blättchen drehte die Runde in der Stadt; La Catrinas Konterfei gelangte in die Hände der Jugend, in deren Gedächtnis. Vergrub sich da; schlief – und tauchte ganz unerwartet Jahrzehnte später wieder auf. Durch den Maler Diego Rivera zum Beispiel.

Ein medialer Schachzug – das!

Überlebensgroß inmitten einer Wandmalerei steht sie heute da: La Catrina, kerzengerade hält sie dem Kind Rivera die Hand, rechts neben sich seine Frau, die Malerin Frida Kahlo. Sogar ein Porträt des Druckers, eines von José Guadalupe Posada, gehört zur illustren Gruppe. Das Gemälde ist heute ein nationales Juwel – mit tausenden Besuchern im Jahr.

La Catrina blendet sie alle mit ihrer Schönheit: Mit dem Schädel des Todes unter einem Federhut.

Hay hermosas garbanceras
de corsé y alto tacón,
pero han de ser calaveras,
calaveras del montón.*

*Übersetzung: Es gibt garbanceras mit Korsett und HighHeels, aber sie werden Schädel sein, ein Haufen Schädel.

Beitragsbild aus  The Yucatan Times

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