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Was ein Küchentisch erzählt: Carrie Mae Weems

Nicht der Küchentisch von Carrie Mae Weems

Kennengelernt habe ich Carrie Mae Weems in Kuba; besser gesagt ihre Fotografien über Kuba. Damals ahnte ich nicht, dass es Bilder der bekanntesten US-amerikanischen Medienkünstlerin  waren. „Familien-Schnappschüsse“, dachte ich; wunderte mich aber, dass mich die Bilder weiterhin beschäftigten. Wer Carrie Mae Weems begegnet, merkt nämlich schnell, dass die eigenen Entscheidungen womöglich einer Überprüfung bedürfen:

  • Nur eine Kochzeile? Wirklich? Willst du nicht doch eine richtige Küche mit Tisch und allem Pipapo?
  • Nein, will ich nicht. Eine Küchenzeile. Ich will nicht allein vor mich hinwerkeln.
  • Aber… in einer Küche zieht’s nicht! Dann würde dein Hefeteig gelingen. Vielleicht. Irgendwann.

Das mochte so sein, war für mich aber kein Kriterium. Ich träumte von einer Küchenzeile, integriert in das Wohnzimmer; mit Blick auf den Esstisch, an dem alle d’rumherum sitzen und mithelfen können. So stellte ich mir das vor und damals bekam ich meinen Willen. Immerhin betraf es ja die Küche – „das Reich der Frau“.

Es brauchte Carrie Mae Weems, damit ich begriff.

Was ein Küchentisch erzählt

Wie oft sitzen wir am Küchentisch? Täglich, zwei, dreimal – mindestens. Wir sitzen gern in der Küche, dem gemütlichsten Platz unseres Zuhauses. Im Wohnzimmer flätzen wir vor dem Fernseher, knabbern Chips und rülpsen schweigend vor uns hin.

Ihr vielleicht nicht, aber ich.

Am Küchentisch jedoch wird geschnitten, gerührt, Maß genommen, Kaffee getrunken, genascht und gelacht. Oder wir weinen, schreien, schmollen. Manchmal laden wir unsere besten Freunde ein, mit uns zu kochen, zu tratschen oder auch nur ein Gläschen Wein zu trinken.

Denken wir jemals an ihn, den Tisch? Vermutlich so wenig wie an die Sprachassistenten Alexa, Siri – und wie sie alle heißen. Um genau zu sein: weniger, denn der Tisch überwacht uns nicht. Niemand verschwendet daher einen Gedanken darauf, was er im Laufe der Jahre alles erlebt. Könnten wir ihn fragen, was würde er uns erzählen? Hätten wir die Zeit, ihm zuzuhören? Nun, Carrie Mae Weems hat ihn gefragt und verfügte über die nötige Geduld, auf die Antwort zu warten.

The Kitchen Tables Series

Die Künstlerin fotografierte, was auf dem Küchentisch und um ihn herum geschah: Ihre Kitchen Tables Series waren das Resultat eines Umzugs, erklärt sie.

  •  Ich habe damals viel darüber nachgedacht, was es bedeutet, eine eigene Stimme zu entwickeln.

Weems Fotografien waren eine Art Antwort darauf. Antworten auf: Was macht eine eigene Stimme aus; was braucht es, um sie als eigene zu erkennen? Für Weems stand fest, dass ihre Stimme allgemeingültig sein musste,

  • (sie) darf nicht bloß eine Stimme für afroamerikanische Frauen sein.

Deshalb schaut Weems bis heute allen Frauen ins Leben.

Warum Frauen die eigene Stimme vergessen

Mit acht Jahren ist den meisten Mädchen klar, dass ihre Stimme zählt. Sie haben ein Wörtchen mitzureden, wenn es um sie selbst geht. Genauso wissen sie um ihre Pläne, ihre Vorlieben, ihre Zukunft – vertrauen ihrem Ausdruck, vertreten ihre Überzeugungen.

Leider vergessen viele diese Stimme im Laufe der Pubertät. Andere, vermeintlich wichtigere Fragen verdrängen sie: Was wollen die Anderen von mir? Was kommt bei Jungs an? Bin ich zu dick? Esse ich das Richtige? Magst du mich? Wie finde ich den Richtigen? Was hat er gemeint, als er…“

Die eigene Stimme verschwindet mit all diesen Fragen. Um sie wieder zu finden, braucht es meist Zeit. Carrie Mae Weems zeigt mit ihrem Kitchentable-Series, wie sich die Suche beschleunigen lässt:

Mit einem Blick auf das Besondere im Alltäglichen.

Was dann für meinen nächsten Umzug bedeutete?

  • Wozu brauchst du einen Tisch? Die Küche ist doch viel zu klein.
  • Egal. Haupsache es passen noch zwei Stühle hin.
  • Der Esstisch ist doch eh ein großer.
  • Der? Der ist mir zu mondän.

Jetzt wollt ihr sicherlich wissen, ob mir der Hefeteig gelingt.

Hmm – vielleicht irgendwann.

Mehr von Carrie Mae Weems im Internet:

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