Tipp

Was ist Wahres dran am Kraken-Mythos?

Kraken

Guten Abend, meine Damen und Herren. Herzlich willkommen zu Morpheus‘ Stunde! Es freut mich, dass Sie heute wieder zu nächtlicher Stunde mit dabei sind. Haben Sie auch Gräuel vor dem Einschlafen? Sie können es ruhig zugeben! Wer taucht schon gerne in die Untiefen des Unbewussten ein? Was lauern dort nicht für Gefahren? Bestien, Geister, Schattenwesen. Manchmal ist es aber auch etwas unfassbar Unheimliches, ein urtümliches Wesen, das besonders die Albträume von Seefahrern heimsucht. Ein Nachtmahr der Superlative: der KRAKEN.

Riesenkraken um genau zu sein.

Was ist Wahres dran an diesem Kraken-Mythos? Darüber wollen wir heute Abend diskutieren – mit

  1. dem Kommandanten des Unterseebootes Nautilus, Kapitän Nemo,
  2. dem  römischen Feldherrn und Feinschmecker, Lucius Licinius Lucullus,
  3. und der japanischen Göttin, Tamayori-hime, Vermittlerin zwischen Land und Meer.

Herzlichen Dank für Ihr Kommen!

  • Kein Tier ist beim Töten eines Menschen im Wasser grausamer,

vermerkte Plinius, der Ältere, etwa 77 v. Ch. in seiner naturalis historia. Denn

  • er kämpft mit ihm, umschlingt ihn, verschlingt ihn mit den Saugnäpfen und reißt ihn in Stücke.

Im 13. Jahrhundert bekommt der Kraken dann einen Namen. In der isländischen Örvar-Oddr-saga verschlingt Hafgufa

  • Männer, Schiffe, Wale und alles, was ihm in die Quere kommt.

Seit damals kursieren allerlei Horrorgeschichten, die Generationen von Zuhörer*innen schaudern ließen, aber es gibt nur wenige Augenzeugenberichte. Kapitän Nemo – Sie können uns aus eigener Erfahrung berichten. Sie sind einem der gefürchteten Kraken begegnet.

Kapitän Nemo und der Kraken

Kapitän Nemo Aug in Aug mit einem Kraken

Aus: Jules Verne, 20000 Meilen unter dem Meer

Was heißt einem! Es waren sieben oder acht. Eine Armada griff uns an.

Warum schütteln sie den Kopf, Prinzessin Tamayori?

Vermutlich haben Sie es missverstanden. Die Kraken waren sicherlich nur neugierig.

Wie könnte man einen solchen Angriff missverstehen? Ein Kraken saugte sich sogar am Fenster der Kommandobrücke fest. Ich stand Auge in Auge mit ihm.

Wie sah er denn aus?

 Groß, zehn Meter mindestens, vielleicht auch mehr. Überall hatte er Fangarme, teilweise mit tellerförmigen Saugnäpfen bestückt; mit ihnen klammerte sich das Ungeheuer fest. Es versuchte gemeinsam mit seinen Gefährten die Nautilus in Einzelteile zu zerlegen.

Nur zehn Meter? Da habe ich anderes über den Kraken gelesen. 1752 schrieb Erik Pontoppian, der Bischof von Bergen, dass der Rumpf des Kraken eineinhalb Meilen (2,414 km) lang sei. Die Arme könnten selbst das größte Schiff umfassen. Ja, er behauptete sogar, jede schwimmende Insel sei ein Krake.

Uns genügten die zehn Meter vollauf. Wir hatten alle Hände voll zu tun, um uns zu verteidigen. Als die Kraken die Ummantelung der Nautilus nicht zerstören konnten, zwängte einer etwas zwischen die Schaufeln der Schiffsschraube – vielleicht seinen hörnernen Schnabel oder einen Stein. Sie brachten jedenfalls die Nautilus zum Halten. Wenn wir nicht ertrinken wollten, mussten wir uns befreien.

Wie schafften Sie das?

Wir kämpften mit allem, was wir zur Verfügung hatten: Machete, Harpune, Beil.  Letztendlich gelang es uns, die Biester zu vertreiben. Aber einen meiner Matrosen hat es dabei erwischt. Ihn hielt einer der riesigen Arme fest umschlungen. Sieben Arme schlug ich dem Kraken ab, um meinen Mann zu retten. Doch das Ungetüm versprühte  eine tintenartige Sauce und verschwand; zog mit seinem letzten Arm den Mann mit in die Tiefe.

Dem Sieger gebührt die Beute

Das muss ja ein schauerliches Bild gegeben haben.

Zunächst konnten wir nichts erkennen. Die Tinte verdunkelte uns die Sicht. Es roch ekelerregend, stechend. Erst nach einer Weile sahen wir die Bescherung: abgehackte, noch zuckende Fangarme, Pfützen mit blauem Blut, eine verbogene Schiffsschraube.

Aber welch Delikatesse! Und noch dazu frisch – direkt an Deck – geliefert.

Wie bitte?

Tintenfisch! Genügend, um eine Mannschaft zu verköstigen.

Ich kümmere mich nicht um die Belange der Kombüse. Das ist Sache des Schiffskochs.

Sehr zu Unrecht, kann ich da nur sagen. Denn indem ich den Lebensmittelnachschub meiner Gegner kontrollierte, habe ich einen Krieg gewonnen. Ein großer Triumph. Die Versorgung der eigenen Leute sollten Sie niemals aus den Augen verlieren.

Nun – unsere Versorgung war nicht in Gefahr. Wir warfen die Fangarme zurück ins Meer.

Ach, wie schade. Was hätte nicht für ein Festschmaus daraus werden können! Sie hätten die Fangarme zerkleinern und mit einem heißen Sud aus Pfeffer, Liebstöckel, Selleriesamen, Wiesenkümmel, Honig, Liquamen, Wein und Gewürzkräuter übergießen können. Ich sage Ihnen: Ein Gedicht. Es hätte Ihnen und Ihrer Mannschaft sicherlich gemundet.

Uchiura-bay, Hokkaido

Uchiura-Bay by Bakkai at Japanese Wikipedia

Entweder Angreifer oder Beute – mehr fällt Ihnen nicht ein? Das wird den Kraken nicht gerecht.

Was Sie nicht sagen! Woher wollen Sie das wissen?

Ich kenne Akkorokamui, Kami der Kraken; sie ist eine gute Freundin.

Ein weiblicher Krake?

Halb Mensch, halb Oktopus – sagt die Überlieferung der Ainu,  der Ureinwohner meiner Heimat. Ich selbst kenne Akkorokamui nur in ihrer Grundform als Krake. Sie lebt in Uchiura-Bay in Hokkaido,  misst 120 Meter und – ja – sie zieht Schiffe in die Tiefe. So zumindest erzählen es die Ainu. Ich vermute, das kommt von ihrer Neugier. Sie legt sich eine Art Garten nahe ihres Unterschlupf an, um die Dinge, die sie interessieren, näher erkunden zu können. Bösartig ist sie nicht. Wer sie mit Opfergaben um Hilfe bittet, bekommt sie. 

Wobei kann eine Krake schon helfen?

Vom Nutzen des Oktopus

Prinzessin Tamayori, Sie haben mir erzählt, dass in Japan die Menschen zu dieser Krake als Gottheit beten.

kraken armJa. Die Leute glauben, dass Akkorokamui über Heilkräfte verfügt – immerhin wachsen auch den kleineren Oktopoden Gliedmaßen nach, wenn sie diese verlieren.

Wollen Sie damit sagen, dass dem Kraken, dem ich die sieben Arme abgehackt habe, diese wieder wachsen?

Ob das bei so vielen Armen möglich ist, weiß ich nicht. Bei einem Arm oder zwei gelingt es schon. Doch Gläubige bitten nicht nur darum, Gliedmaßen zu heilen. Sie fragen auch nach Wissen.

Also bitte… das geht zu weit. Ein Tintenfisch soll einem etwas beibringen? Lachhaft.

Nun, Kraken können in einer Stunde 177 Mal die Farbe wechseln. Sie schmecken mit dem gesamten Körper, ahmen andere Tiere nach. Auch bewegen sie jeden Arm einzeln in verschieden Richtungen und greifen nach mehreren Dingen gleichzeitig. Das machen Sie einmal nach!

Meister des Multitasking also…

Das macht sie so gefährlich. Kraken kämpfen mit allen Mitteln. Wir müssen uns wehren; zum Angriff übergehen und die Riesenkrake jagen, bis auch die letzte vernichtet ist.

Übertreiben Sie nicht etwas? Ich verstehe, dass wir Jagd auf die Kraken machen. Immerhin bereichern sie jede Tafel. Aber ausrotten – nein, das sollten wir sie nicht.

Jetzt machen Sie aber einmal einen Punkt, Kapitän Nemo? Schließlich sind Sie in das Revier der Kraken eingedrungen. Nicht umgekehrt.

Das Ungeheuer im Traum

Aber, aber… lassen Sie uns ruhig bleiben. Kommen wir doch zu unserem Ausgangspunkt zurück: Zur Frage, wie es zum Mythos des alles verschlingenden Kraken kommen konnte.

Na ja, wenn die Ungeheuer Schiffe angreifen, ist es kein Wunder, dass…

Es genügt meiner Meinung nach eine flüchtige Sichtung. Alles andere lässt sich ausmalen. Das Andere, das Fremde wird aus der Ferne zum Gerücht, zur Geschichte, manchmal auch zum Mythos. Besonders wenn die Angst beim Ausschmücken hilft. Betrachten wir aber die Wirklichkeit näher, zeigt sich: Der Kraken ist ein Tier, das im Meer lebt. Man kann es jagen. Manchmal gewinnen wir, manchmal der Kraken. Mehr ist nicht dahinter.

Hmmm… so einfach ist es nicht. Die Geschichten über diese Tiere bringen die Menschen in den unterschiedlichsten Regionen seit Generationen zum Schaudern. Ja, sie verfolgen sie bis in die Träume. Was ist das? Woher stammt diese schauerliche Faszination?

Könnte es sein, dass die Unberechenbarkeit ein Grund ist? Dass der Charakter im Menschensinn nicht „gut“ oder „böse“ ist? Sondern eben „anders“.

Das ist doch ein gutes Schlusswort. Ich danke für Ihr Kommen. Den Zuseher*innen wünsche ich noch eine gute Nacht. Träumen Sie lebhaft! Ich hoffe, Sie erhaschen einen Krakenarm, der Sie in Octopus’s Garden bringt.

* Diese Talkshow hat niemals stattgefunden und entspringt allein der Fantasie.

Tipps

für den Fall, dass wir irgendwann einmal wieder reisen können:

Carrousel des Mondes Marins in Nantes

Sehens- und erlebenswert ist dieses gigantische Meereswelten-Karussell, das am Ufer der Loire gegenüber vom Musée Jules Verne in  Nantes, Frankreich, liegt. Es ist ein dreistöckiges Bauwerk, eine Art Steampunk-Skulptur. Die drei Ebenen sind ausschließlich dem Meer gewidmet: dem Meeresgrund, dem Tiefseegraben und der Wasseroberfläche. Natürlich befindet sich auch ein Riesen-Tintenfisch unter all den Meerestieren.

Wer noch mehr über Kraken erfahren will:

Mein Lehrer der Krake

Südafrikanischer Dokumentarfilm aus dem Jahr 2020, eine Netflix-Produktion. „My Octopus Teacher“ räumte so ziemlich alles an Preisen und Awards ab, was die Tierdokumentations-Branche an Auszeichnungen zu vergeben hat.

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