Leo Nerdette

Home Office 2020: Ein Dramolett in Doppelhaushälfte

Home Office

Ich war schon im „Home Office“ als es noch „eigenes Arbeitszimmer und „Was? Du willst von zuhause aus arbeiten?hieß. Ein Privileg, um das mich meine Kolleg*innen beneideten.

Sie hätten’s SO gern auch SO gut!!!

Nun, Corona macht es möglich. Wenn Wünsche allerdings mal in Erfüllung gehen, kommt es meist knüppeldick:

21. März 2020, 17.08 Uhr

Im Keller einer Doppelhaushälfte legt Lea auf einem Bügelbrett die Wäsche zusammen. Den Schrank vor ihr im Blick. Die Türe daneben ist halboffen, führt zur Treppe. Auf der Waschmaschine liegt ein Smartphone. Es läuft ein Youtube-Video.

Stimme aus dem OFF (Video):

  • Drei Schritte, wie Sie mit Ihrem Mann besprechen, dass er im Haushalt helfen muss. Warten Sie zu lange, schleift sich seine Faulheit ein. Daher fassen Sie sich ein Herz, sprechen Sie es JETZT an.

Sie nickt, faltet die Ärmel eines Hemdes.

  • 1. Suchen Sie einen ruhigen Moment, aber lassen Sie ihn etwas tun. Dann fühlt er sich nicht bedroht. Ich empfehle, Sie machen mit ihm einen Spaziergang.

Lea:

  • Na klar! Als könnten wir…
  • 2. Erwähnen Sie, wie sehr Sie ihn schätzen und lassen Sie eine Ich-Botschaft folgen. Er muss wissen, wie er Sie glücklich machen kann.

Schritte sind zu hören. Ihr Mann brüllt von oben:

  • Schatz, wo bist du?
  • Hier unten, Mo.
  • Wo ist das Tablet?
  • Woher soll ich das…?
  • Ah… hab es!

Schritte. Eine Tür schlägt zu.

Videostimme:

  • 3. Er muss immer wissen, wie sehr Sie ihn lieben!

Home Office – 25. März 2020, 08.43 Uhr,

Mo sitzt am Frühstückstisch und beißt in eine Buttersemmelhälfte. Neben sich das Tablet, wischt darin herum. Lea ist zu hören.

  • Luca putz‘ die Zähne! Nein, du kannst nicht raus. Das weißt du doch: Wir sind immer noch in Quarantäne. Fad? Du hast jede Menge Aufgaben. Aline, was ist? Bist du endlich im Bad fertig? Fabian, FABIAN! Ich mein‘, ich spinn‘. Du liegst ja immer noch!

Begeisterte HausfrauLea betritt die Bühne, mault:

  • Sag‘ doch mal was!
  • Was soll ich sagen? Du hast doch alles im Griff!
  • Bei irgendwas könntest du auch helfen.
  • Was soll das heißen?
  • Ich reiß‘ mir den Arsch auf – und du frühstückst. Hast du heute schon irgendwas gemacht? Müsli? Kaffee? Den Tisch gedeckt?
  • War alles fertig.
  • Du hättest auf mich warten können. Zumindest das!
  • Ich habe um neun ein Meeting… (steht auf)
  • Nein, du bleibst. Wir müssen reden!

Ein Blick auf die Smartwatch, einer gen Himmel.

  • Du brauchst gar nicht so zu schauen. Es reicht mir! Du tust seit Tagen nichts, außer dich in Meetings zu verdrücken und zu zocken. Wir sind BEIDE im Homeoffice. Ich dachte, wir teilen – so war es ausgemacht. Aber ich führe Webkonferenzen, schreibe Bilanzen, telefoniere UND schupfe die Kinder wie auch die Hausarbeit. DU wechselst nicht einmal das Klopapier!
  • Warum sollte ich?
  • Weil es aus ist, Herrgott nochmal.
  • Sag ich doch die ganze Zeit: Ihr verbraucht zu viel! (Mo verlässt den Raum)

31. März 2020, 18.27 Uhr

Im Wohnzimmer. Home Office Feierabend: Mo sitzt auf der Couch, den Controller in der Hand. Über den Flachbildschirm läuft Alexios von Assassin’s Creed Odyssee und metzelt gerade ein paar Gegner nieder. Lea stürmt durch die rechte Tür, fächelt mit einem Post-it vor Mos Gesicht.

  • Sag‘ mal, hast du noch alle? (liest) Rationierung: Ein Blatt für Klein, zwei für Groß. Mehr ist nicht!
  • Was ist? So musst du weniger Rollen wechseln.
  • Lagerkoller oder was?
  • Ihr müsst haushalten lernen.
  • Wir haben genug Klopapier. Der Schrank ist voll – und die halbe Garage.
  • Aber wir wissen nicht, wie lange es vorhalten muss.
  • Was denkst du, wo wir sind? Im Krieg?
  • (Mo legt den Controller zur Seite, doziert) Im Krieg benutzten sie Zeitungspapier. Mein Großvater hat es noch eigenhändig zerschnitten – und danach gab’s Krepppapier. Das soll gekratzt haben wie Hölle. Erst in den fuffziger Jahren brachten die Amis richtiges Klopapier nach Deutschland. Dreilagig. Damit – und nur damit begann DEMOKRATIE und ZIVILISATION!!! Achte es nicht gering!
  • Du hast all das Klopapier gekauft, um zivilisiert zu bleiben? Im HOME OFFICE?! Quatsch. Dir geht’s nur darum, die Fassade aufrecht zu erhalten.
  • Wie bitte?
  • Nach außen perfekt, egal wie‘s im Innern aussieht.
  • Woher hast du denn den esoterischen Scheiß‘?
  • Aus dem Internet.
  • Dafür hast du also Zeit? Sonst jammerst du ‚rum (nimmt Controller wieder auf). Gibt’s noch etwas?

Die Schritte hallen, als  Lea hinausstapft. Einige niedergemetzelte Gegner später, durchquert sie noch einmal das Wohnzimmer. Mit VIER Klopapier-Rollen im Arm.

04. April 2020, 18.14 Uhr

Die Garage. Mo schlichtet Werkzeug, das Arbeitslicht beleuchtet ihn. Im Hintergrund steht ein SUV im Dunkeln. Im OFF pingt es ununterbrochen, reden mehrere Stimmen durcheinander. Eine Webkonferenz. Eine Jungenstimme übertönt sie :

  • MAMMAAAAA, Klopapier ist alle!
  • Jetzt nicht! Ich bin mitten im Gespräch. Frag‘ Papa.
  • PAPAAAAA!!!

Kurz später reißt Lea die Garagentür auf, schaltet das Licht an:

  • Kannst du nicht EIN MAL…

(Mo nimmt die Stöpsel aus den Ohren)

  • Ist was?

Doch Lea antwortet nicht; sie starrt auf den vollbeleuchteten SUV. Im Inneren stapelt sich Packung über Packung Klopapier. Die Pakete quellen die Fenster entlang.

  • Was hat das hier zu suchen? (Lea schnappt nach der Autotür.)

Verschlossen. Sie sieht zu Mo. Ihr Mann hält den Autoschlüssel in die Höhe, feixt.

  • Gib ihn SOFORT her

schreit sie und springt. Die Krallen weit von sich gestreckt.

Das Licht geht aus.

Und wieder an.

Vor Lea liegt der Körper ihres Mannes. Blut ist überall, auch auf ihren Händen, ihrem Kleid. Sie bückt sich, nimmt den Autoschlüssel, öffnet die Tür und beginnt wie besessen das Blut mit Klopapier aufzuwischen. Die Jungenstimme im OFF:

  • Was ist jetzt? Krieg ich mein Klopapier?

Hastig steht sie auf, wischt sich die Hände ab. Zieht das Kleid aus  und rafft ein paar Rollen Klopapier aus dem SUV zusammen.

  • Ich komme schon, Schatz!

Sie schließt hinter sich die Tür.

04. April 2020, 23.37 Uhr

Die Waschküche im Keller.  Auf der Waschmaschine liegt wieder das Smartphone. Es läuft ein Video. Lea, in Bluse und Jeans, hängt Wäsche auf. Sie nimmt das Kleid aus der Waschmaschine. Videostimme, diesmal tiefer, Darknet-mäßig:

  • So werden Sie garantiert die Leiche los! Home Office oder Eigenheim, ganz egal, Spuren bleiben keine…

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