Nebiga

Die Hexen sind im Dorf

Feuer

Niemand wusste, wann es angefangen hatte, aber alle waren sich einig: Die Töchter vom Ammer-Hof hatten kein gutes Wort füreinander. Wie Hexen bespukten sie sich mit Gift und Galle. Das war schon so, als sie Kinder waren, behaupteten die Tabernakelschwalben. Jene drei Frauen, die jeden Tag zum Beten in die Kirche kamen und nachher schwatzten:

  • Keine Ruh‘ hat sie g’habt, die alte Ammerin. Kaum sind die Mädchen in einer Kammer  zusammen g’wes’n, gab’s Gezeter und Geschrei. Keine mochte mit der anderen bleiben.
  • Nicht ein noch aus hat sie g’wusst. Was hätt‘ sie auch machen sollen?
  • Die beiden haben sie ins Grab ‚bracht!

Nach dem Tod der Mutter verlangte der Vater von Babett*, der älteren Tochter, dass sie mit ihm die Kammer teilt. Das Mädchen übernahm die Pflichten – alle Pflichten: die ehelichen wie die des Hofs. Dagegen bekam ihre Schwester, Sanna, die andere Kammer für sich allein, musste allerdings zur Hand gehen: Das Vieh versorgen, sich um den Gemüsegarten und die Bienenstöcke kümmern, nähen, flicken, bei der Ernte helfen und was noch so anfiel auf dem Hof. Auf Anweisung von Babett natürlich. Die hatte manchmal so eine Wut, dass sie es kaum aushielt. Frieden kehrte also keiner ein.

  • Habt ihr g’seh’n, wie die Sanna den Männern den Kopf verdraht! Dabei is‘ sie gar keine  Fesche.  Wer weiß, wie sie die rumkriegt.
  • Wenn die nicht bald mit einem Bankert heimkommt!
  • Wisst ihr’s nicht? Die Sanna heiratet…

Die Babett folgte ihr schnell, denn diesmal war ihr das Glück hold: Kurz nach der Hochzeit ihrer Schwester erbrach der Vater, siechte dahin und starb. Schon beim Leichenschmaus standen die Bewerber Schlange. Diejenigen, die etwas an ihrem Aussehen auszusetzen hatten, verlockte der Hof. Die anderen mochten ihre Gestalt, das von der Haube gebändigte Haar und als Draufgabe das Land. Von Babetts Wut sprach niemand.

  • Ja, ja, ich sag’s euch: Die besten Männer bekommen die biestigsten Frauen
  • Hat ihr aber nix g’nutzt. Gibt keinen Erben am Hof – nur das Emschen.
  • Dafür hat Sanna zwei  – und noch das Klärschen oben drauf.

Die Äpfel fallen nicht weit vom Stamm

Im Dorf ging es anno 1590 zu wie in jedem anderen Dorf auch: Die Gleichaltrigen fanden sich und spielten gemeinsam. So auch das Emschen und das Klärschen – solange bis

  • Verwünscht hat sie das Kind!
  • Wer?
  • Na, die Babett das Klärschen. Aufblas’n hat sich der Leib; die Kleine kommt nicht mehr aus dem Bett.
  • Diese Hex‘!
  • Zum Pfarrer geh’n, dem Pfarrer erzähl’n!

HexenDieser waltete seines Amtes, indem er nach und nach jede einzelne von Babetts Sündentaten in der Chronik vermerkte. Als die nämlich einmal keifte, verendete ein Pferd; Sannas Nachbarin erzählte, ihr schmerzten die Knochen, weil Babett sie verflucht hatte. Kinder starben im Dorf. Auch Sannas Mann erkrankte nach einem Dorffest, rang mit dem Tode. Zur letzten Ölung klagte er seine Schwägerin als Schuldige an. Das Faß der Empörung brachte dann der Michel zum Überlaufen; einer der Saisonarbeiter, die Babett verköstigte. Als er krank wurde, behauptete er, dass es am Essen lag.  Er starb noch bevor der Amtmann eintraf, was diesen wiederum keineswegs überraschte. Schließlich wusste er, was die Tabernakelschwalben tratschten:

  • Wenn’s gar die Sanna sagt – und die muss es ja wissen: Eine Hex‘ ist die, ein Hex‘!

So schickte er die Anklageschrift zu den Hochgerichtsherrn ins Kloster, zusammen mit der vom Pfarrer peinlichst genau erstellten Liste.

Das Hexentriumvirat: Scham, Kontrolle, Entsagung

Dort nahm Babetts Schicksal seinen Lauf. Sie selbst wusste nicht, wie ihr geschah. Vor Schmerzen und Verzweiflung hatte sie bald kein Quentchen Wut mehr übrig.

  • Herr hilf!

rief sie, noch und noch. Doch der sah tatenlos zu. Ihr Schicksal war nämlich zu fest mit einem  Netz verwoben, das aus drei kirchlichen Hauptfäden bestand, unterstützt durch eine Erfindung und viel Politik:

1. Scham

Ein Faden führt in ein Badehaus im weit entfernten Algerien. In einem solchen überfiel nämlich im Jahre 354 nach Christus einen Jüngling seine erste Erektion. Was den Vater mächtig freute; bestand doch Hoffnung auf Lebensdauer der Sippe. Augustinus allerdings – so hieß der junge Mann – übermannte die Scham.

Ein Ständer von welthistorischer Bedeutung sozusagen! Denn der – Zitat – “ vielleicht größte Schriftsteller des Altertums nach und neben Plato“ war sich daraufhin sicher: Dieses Ereignis konnte nur mit dem Sündenfall zusammenhängen. Was ihn so erschütterte? Dass sein Fortpflanzungsorgan sich der Kontrolle des freien Willens entzog. Also der Kontrolle jenes winzigen Teils seines Gehirns, den wir heute Bewusstsein nennen.

2. Kontrolle

Der zweite Faden führt zum Ordnungsfanatiker Thomas von Aquin. Dieser gelehrte Herr lebte auch 300 Jahre vor Babett, hätte ihr also ziemlich egal sein können. Leider hatte er aber von der Unordnung unter den Dämonen genug. Er systematisierte dieses seiner Meinung nach unhaltbare Chaos im Reich des Bösen. Alle Zauberei und Magie sollte nur noch durch eines möglich sein – dem Pakt mit dem Teufel. Damit zertrümmerte er  die Alltagsrituale – jene Magie, die das Leben in den Dörfern ausmachte – und warf sie der Gerichtsbarkeit zum Fraß vor.

3. Entsagung

Am letzten Faden hängt ein Dominikanermönch. Ihm dürfte nicht gut getan haben, dass er sich nichts gönnte. Besser gesagt: dachte, dass er sich nichts gönnen durfte. Die vermeintlich „heilige“ Entsagung führte dazu, dass Heinrich Kramer der Wahn schließlich ins Gehirn gestiegen ist. Was er zu allem Überfluss auch noch zu Papier brachte: Malleus maleficarum, der Hexenhammer ist ein Sammelsurium kruder Vorstellungen, wie Hexen zu erkennen sind. Ein Beispiel gefällig: Sticht man in einen Leberfleck und es schmerzt die Gefolterte, ist es eine Hexe. Schmerzt es sie nicht, auch. Den restlichen  sadistischen Quatsch erspare ich mir und euch lieber.

Babett, später auch Sanna, ihrem ältesten Sohn und vielen anderen wurde dieses Netz aus Schicksalsfäden zum Verhängnis. Zum einen, weil gerade Herr Gutenberg den Buchdruck erfand und Kramers Machwerk eines der ersten Druckwerke aus seiner Werkstatt war. Es verbreitete sich in Windeseile. Zum anderen, weil  machtpolitische Interessen darüber bestimmten, wann jemand als Hexe bestraft oder das ganze theoretische Gebilde als Unfug abgetan wurde.

Scheit um Scheit – Hexen brennen

Babett konnte nichts mehr helfen. Sie war im Netz gefangen – selbst ihr Mann kämpfte vergeblich – so angesehen er war. Er durfte nur zusehen, wie der Scharfrichter Scheit um Scheit auf einen Haufen schichtete; den Pfahl oben auf steckte, an dem man seine Frau festgeschnürte. Das ganze Dorf war zur Hinrichtung gekommen; der Pfarrer, der Amtmann, die Tabernakelschwalben, Nachbarinnen… nur ihre Schwester Sanna und ihr Sohn nicht, denn die saßen schon in der Folterkammer.

Emschen am Arm weinte Babetts Mann als die Flammen zum Pfahl hoch züngelten. Er wünschte seiner Frau Glück. Denn wenn Babett am Rauch erstickte, spürte sie nicht mehr, wie sie bei lebendigen Leib verbrannte. Das Schauspiel dauerte nie lange. Bald schon zerstreuten sich die Zuschauer; es konnte weitergehen. Wind wirbelte Asche auf.

Die Tabernakelschwalben aber standen noch eine Weile zusammen, nickten sich zu und sangen:

Schicksalsschwestern, Hand in Hand,
Schwärmen über See und Land,
Drehen so im Kreise sich,
Dreimal für dich
Und dreimal für mich,
Noch dreimal, daß es Neune macht,
Halt! Der Zauber ist vollbracht!**

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*Name geändert

**William Shakespeare: Macbeth

Beitragsbild von claus-heinrich Carstens auf Pixabay