Nebiga

Cortès und die Löffelchen des Moctezuma

Jaguarkrieger Cacaxtla, Garde des Moctezuma

Früher… ja früher war alles anders. Wenn damals aus einem historischen Ereignis eine Geschichte entstand, handelte sie meist von Männern. Nicht von irgendwelchen, sondern von den mächtigen. Von einem wie der Allerheiligsten Majestät, Karl V., zum Beispiel. Oder einem wie dem uey tlatoani, dem Großen Sprecher der Azteken: Moctezuma II.

Auch meine Geschichte erzählt von diesen beiden. Handeln aber… nun… in dieser Geschichte handeln zwei ganz andere.

Der Eine meiner Helden fragte sich an einem Morgen im Jahr Eins Rohr:

„Warum nur strafen mich die Götter?“

Erfüllte er seine Pflichten etwa nicht? Regelte er nicht von früh bis spät die Angelegenheiten anderer? Kaum schlug Tentlitl die Augen auf, überfielen sie ihn schon. Einmal waren es Moctezumas Boten, ein anderes Mal Bittsteller oder eben Nachrichten von einem der Küstendörfer wie an diesem Tag. Immer forderten alle, dass er sofort entschied, befahl oder bestrafte. Gerade flüsterte ihm ein Diener zu:

  • Fremde sind mit schwimmenden Häusern über das göttliche Wasser gekommen, Herr.

während Tentlitl selbst mit seinem Sohn beschäftigt war. So fügten es die Götter immer! Seine Pläne missachteten sie, verlangten aber die sofortige Unterwerfung unter die ihren. Dabei rollten die Diener gerade erst die Schilfmatte zusammen, auf der er schlief – und der Sonnenball lugte erst halb aus dem göttlichen Wasser.

Tentlitl blickte auf den Jungen, der vor ihm kniete; zog eine Augenbraue hoch und streckte den Rücken. Mächtig ragte das Familienoberhaupt auf. Sein Auge blitzte, gewohnt zu befehlen. Tief in ihm aber seufzte es.

  • Tete, es war nicht meine Schuld. Wir haben bloß…

rechtfertigte sich Itzel, sein ältester Sohn.

  • Wir? Wer ist wir?
  • Nabi…
  • Halt! Ich will es nicht wissen. DU bist der Sohn eines Kriegers! Du kennst die Regeln. Hast du dich daran gehalten?

Respekt, Ehre, Dankbarkeit. Seit Monden schien Itzel alles mit Füßen zu treten, was ein Aztekenleben bestimmte. Es war als hätte der Junge vergessen, dass er den Göttern diente. Wie konnte er nur! Die Lehrer im calmecac – der Schule für Krieger – hatten ihn heute nach Hause geschickt. Er wäre der Lehre nicht würdig, sagten sie. Nicht würdig!

Sogar jetzt noch trotzte alles an dem Jungen. Wer, dachte er, dass er wäre? Dass er sogar hier und jetzt Widerworte wagte.

  • Aber…
  • Denkst du, dein Ungehorsam gefällt den Göttern?

Wenn die Väter der Azteken zürnen

Die Schultern des Jungen spannten sich. Wenigstens war er nicht dumm. Er merkte also selbst, dass jedes weitere Wort die Lage verschlimmerte. Jetzt neigte er sogar den Kopf. Endlich! Der Junge irrte aber, wenn er glaubte, ihn – seinen Herrn und Vater – damit weich zu stimmen. Tentlitl vergaß niemals, was er den Göttern schuldig war.

Neuerlich trat ein Diener von der Seite an seinen Herrn heran, überreichte ihm einen Speer. Tentlitls Finger legten sich wie in Trance um den Schaft. Er betrachtete die Spitze aus Obsidian und überlegte. Ihm fehlte die Zeit für eine angemessenene Strafe, durfte sie allerdings auch niemanden übertragen.

Während er nachdachte, legte ihm ein anderer Diener einen Umhang aus Leinen und Federn um die Schultern, verknotete diesen auf Brusthöhe  und schmückte seinen Hals mit einer Kette aus Muscheln. Tentlitl nahm einen Federschild entgegen. Er war nun soweit, würde den Göttern und auch seinem Herrn dienen.

Als Statthalter des großen Moctezuma musste er die Fremden selbst in Augenschein nehmen. Er lieh dem Großen Sprecher seine Augen… Augen, Ohren und den Mund. Eine weitere von unzählig vielen Pflichten.

  • Geh – ich kümmere mich um dich, wenn die Feuer bereit sind!
So bestraften Azteken ihre Söhne

Strafe für Aztekenjungen

sagte Tentlitl zu seinem Sohn und wandte sich der Türöffnung zu; er verschwendete keine Zeit, seinem Sohn zuzusehen, wie er sich auf den Knien rutschend zurückzog. Nichts würde dem Jungen Husten, Tränen und Schmerzen ersparen. Ein Azteke musste lernen, die Götter zu ehren!

  • Bereitet Chili vor…

befahl Tentlitl den Dienern noch, bevor er sich auf den Weg zum Strand machte.

Der andere Mann

atmete an eben diesen 21. April 1519 Landluft

Hernan Cortes,

Hernán Cortés aus lle Appletons‘ Cyclopædia of American Biography, v. 1, 1900, p. 748

Hernán Cortés sog sie ein, ließ den Duft durch die Nase strömen. Wie willkommen es dem spanischen Adeligen war, dieses Duftgemisch aus Sand, Seetang und Palmen.

Endlich hatte er das gelobte Land erreicht. Jenes Land, in dem es soviel Gold geben sollte, wie die Allerkatholischte Majestät sich nur wünschen konnte.

Und Cortés war aufgebrochen, um sich seinen Anteil zu holen. Sich. Seinen Männern; ja und auch dem fernen König. Er würde nicht mit leeren Händen nach Spanien zurückkehren. Hatte er nicht alles, was er besaß, in diese Expedition gesteckt? Ein Abenteuer – ja, aber es diente höheren Zielen: Mit Gott zu Gold und Ruhm – dieser Schlachtruf begleitete ihn auf Schritt und Tritt.

An diesem Karfreitag anno 1519 beobachtete er seine Leuten, wie sie die Schiffe entluden. Alles wuchteten sie an den Strand: Kanonen, Gewehre, Rüstungen. Versteckt in den Dünen sicherten einige mit den bereits entladenen Kanonen den Strand. Andere bewegten die Pferde und Bluthunde, patrollierten, schossen Salut. Kein Grund sich zu verstecken! Die Indios sollten wissen, dass die Spanier gelandet sind. Kisten lagen verteilt im Sand.

Breitbeinig, die Arme hinter dem Rücken verschränkt überwachte Cortés die Arbeiten. 530 Soldaten und mehr als hundert Sklaven – Männer und ein paar Frauen. Sie alle standen unter seinem Kommando. Er war ihr Kapitän – el capitán.

Seine Augen suchten den Horizont ab: Der Sreifen Strand war schmal. Gleich dahinter bauten sich wild bewachsene Anhöhen auf. Er würde Männer in diesen Wäldern Hütten bauen lassen. Hier unten waren sie zu ungeschützt. Möwen schrien.

„Männer!“

rief Cortés. Wie er erwartet hatten, hielten alle inne. Sie hörten el capitán zu; sogar die, die dem Spanischen nicht mächtig waren.

  • Diesmal wird nicht gekämpft. Wir rücken vor – ihr plündert nicht, ihr nehmt euch keine Frauen. Ich will keine Scharmützel wie das letzte Mal.

Bevor Cortés den weiteren Verlust von Männern riskierte, musste er wissen, ob es in diesem Land tatsächlich Gold gab. Er hatte viele Fragen. Die wichtigsten waren: Wie groß würde der Widerstand sein, wenn er vorrückte? Wer herrschte über dieses Land? Mit wem würde er es zu tun bekommen?

Noch wusste er zu wenig: Die vergangenen Zusammenstöße mit den Einheimischen hatten ihn keinen Schritt weiter gebracht. Er würde lernen. Und Gott war an seiner Seite! Hatte er ihn nicht eine  Sklavin erbeuten lassen, die der Sprache der Einheimischen mächtig war?

  • Ihr werdet nichts tun, was die Indios aufbringt. Tauscht die Glasperlen… ja. Aber nicht gegen Gold! 

Grummeln, ein Murmeln wogte durch die Zuhörer, ein empörtes Flüstern. Bevor einer der Männer jedoch laut gegen den Befehl des capitán aufbegehren konnte, hob dieser die Hand.

  •   Heute geht es um Unzen, morgen um Bergwerke. Bedenkt, was auf dem Spiel steht!

Auf jeden Fall die Peitsche für jeden, der seiner Order zuwider handelte. Soviel stand fest. An den grimmigen Mienen erkannte Cortés, dass seine Leute verstanden hatten. Selbst die, die nur erahnen konnten, was er eben verkündet hatte.

Einen Altar würde er bauen lassen. Ja, und die Priester mussten eine Messe lesen – eine Heilige Messe schien ihm das Richtige zu sein. Er würde auch bei dieser Gelegenheit die Sklavinnen taufen lassen? Besonders die eine, die er als Übersetzerin brauchte.

Die Begegnung

Eines musste Cortés den Einheimischen lassen: Sie beherrschten es, sich anzuschleichen. Den Anführer der Küstenbewohner bemerkte er erst, als einer seiner Kanoniere rief. Der Indio hatte da bereits mit seinen Leuten den Strand betreten.

Kerzengerade blieb der Anführer in einiger Entfernung stehen; eine Narbe zog sich durch sein rechte Auge. In der Unterlippe steckte ein Stück Stein, grün. Jade? Kein junger Mann, eher in seinem eigenen Alter, vielleicht sogar älter.

Warum Cortés wusste, dass er einen Anführer vor sich hatte? Einmal war es  die Haltung – und ja, der Umhang; reichverziert mit Federn und türkisblau, anders als die einfachen, weißen Wollumhänge der Indios tags zuvor. Blaue Federn schmückten auch sein Haupt, das – glattrasiert – nur einen Zopf trug.

Viel später erst sollte Cortés erfahren, dass bei den Azteken nur Krieger, die sich bereits bewährt hatten, so einen Zopf tragen durften. Auch ein Schild wie jenes, das eben in der Sonne schimmerte.

Noch mehr Einheimische traten aus dem Gebüsch, einige mit Äxten, andere mit Früchten, Gebratenem und Fischen in Händen.

Der Spanier winkte die Sklavin herbei – seine Augen unverwandt auf die Besucher gerichtet. Wer weiß, wie viele noch im Gebüsch versteckt waren. Ruhig nickte er dem Anführer zu und kam ihm, der sich nun gemessenen Schrittes näherte, mit der Sklavin und zwei Soldaten entgegen. Wohl wissend, dass die Kanoniere ihn deckten. So trafen die beiden aufeinander – der Gesandte Moctezumas und der Kapitän Karls V.

  • Seid gegrüßt, Fremde! Ihr habt euch Mühe gegeben, über das göttliche Wasser zu kommen. Was führt euch hierher?

sagte der Azteke. Die Sklavin übersetzte, und Cortés lauschte. Er wusste, er musste geschickt verhandeln.

Augen und Ohren für Moctezuma

Im Innenhof waren die Feuer schon niedergebrannt, als Tentlitl endlich heimkehrte. Doch merkte er es nicht – auch sah er Izel nicht, der kniend im Schatten ausharrte, die Arme auf den Rücken gebunden. Ein Diener sprang sofort auf, schürte die Glut. Die Flammen schlugen hoch, tanzten über die Fresken an der Hauswand. Ein anderer legte auf die Holzbank vor dem Feuer ein Waschbärfell.

Was sollte er Moctezuma berichten? Alles schien von Bedeutung – und doch… Manches musste der oberste Herr sofort und von ihm erfahren. Anderes sollten Berufenere deuten. Ob der Fremde ein Gott war, etwa. Der Krieger lehnte den Speer an die Bank. Damit wollte er sich nicht auseinandersetzen. Aber er musste Moctezuma unbedingt berichten, dass

  • einen das Feuer in Angst versetzt, das die Rohre der Fremden ausstoßen.
  • die fremden Krieger gerüstet kommen – mit Schilden, Lanzen, Holzspießen.
  • jeder auf seinem Kopf ein Haus trägt.
  • die Lanzen mit Eisenspitzen versehen sind.
  • das Kleid der Krieger ganz aus Eisen gemacht ist.
  • einer der Fremden eine Pauke trägt. Er rührt sie, so dass sie erschreckend dröhnt.
  • die Ankömmlinge auf Hirschen reiten.

In Tentlitls Augenwinkel flackerte der Widerschein der Flammen; Schatten duckten sich an der Hauswand. Er sah aufmerksamer hin: Itzel, sein Sohn. Kniete. Wartete. Nun – noch war er nicht an der Reihe.

Den obersten Herrn wolle er treffen, hatte der Fremde gesagt.

Seufzend setzte sich Tentlitl auf die Bank, seine rechte Hand strich über die Lehne, einen aus Holz gedrechselten Waschbärkopf. Wie sollte er diese Bitte in Worte fassen? In Worte, die seinen Herrn, Moctezuma, nicht beleidigten?

  • Wer ist er, dass er denkt, ein Treffen wert zu sein?
hatte er den Fremden gefragt.

Missverständnis über Missverständnis

Karl V

Carlos V

  • Ich bin Repräsentant seiner königlichen Hoheit, Karl V., dem Herrscher des mächtigsten Reiches der Welt.
  • Wie kann er das sein? Wenn der große Moctezuma, mein Herr, über die Eine Welt herrscht?
  • Das Reich Seiner Majestät, Ihrer königlichen Hoheit Karl V reicht so weit, dass sogar das Meer ihm gehört, als wäre es sein Vorgarten.
    Moctezuma
  • Ist nicht die Eine Welt umschlossen von göttlichem Wasser? Eines dient meinem Herrn als Vorgarten und eines – als Hinterhof. Warum also sollte sich der Mühe unterziehen, dich zu empfangen?
  • Es wird deinem Herrn zum Vorteil gereichen. Denn Karl V ist mächtig, aber auch reich. Er isst von Tellern aus Gold und Silber – ja sogar die Löffel sind aus Gold.

Gold? Was hatte der Fremde damit gemeint? Auch die Sklavin hatte kurz inne gehalten, so als müsste sie den Sinn der Worte erst erfassen. Als sie schließlich übersetzte, klang immer noch ein Hauch Erstaunen durch. Auch Tentlitl suchte den Heimweg lang nach einem Sinn – und noch auf seiner Bank, den abwesenden Blick auf seinem Sohn, fand er keine Lösung: Wer brauchte Gold zum Essen?

Anmerken hatte er sich seine Verwirrung allerdings nicht lassen. Diese Blöße wollte er sich nicht geben.

  • Wechselt er auch – wie mein Herr – mit jedem Bissen das Löffelchen?
Die Produktion von Tortillas

Die Löffelchen des Moctezuma. Maler: Diego Riviera, Titel: Mais

hatte Tentlitl geantwortet. Bei dieser Erinnerung lächelte er. Natürlich beobachtete er, wie die Frau übersetzte. War der Funken eines Lächelns bei ihr aufgeblitzt? Bewunderung für seine Schlagfertigkeit?

Sie sprach lange mit dem Fremden, winkte sogar einen von Tentlitls Leuten herbei, der Maisfladen in einem Korb bei sich trug. Sie nahm einen Fladen, brach ein Stück ab, aß es, erklärte, dass dies Moctezumas Löffelchen seien.

Cortés Lippen verzogen sich zu einem dünnen Lächeln, als er begriff.

Derweilen hatte Tentlitl die donnernden Rohre gezählt.

Vom frühen Erwachsenwerden

Will jemand wirklich Handel treiben, wenn er so viele Waffen bei sich führt? Es stand Tentlitl nicht zu, diese Frage zu stellen; viel Weisere würden eine Antwort darauf finden müssen.

Krieger MoctezumasDie Entscheidung, ob die Azteken in den Krieg ziehen, lag letztendlich bei Moctezuma – und den Priestern, die alle Vorzeichen beurteilten. Denn Moctezuma trug die Verantwortung für die Familien der Azteken; diese Fürsorgepflicht stammte von den Göttern.

Die Götter…

Sie erinnerten Tentlitl an seine Pflicht. Vor dem Feuer stand eine Schüssel, eine Schüssel mit Chilischoten. Hatte er tatsächlich erst an diesem Morgen befohlen, Itzels Strafe vorzubereiten? Ihm schien eine Mondphase vergangen zu sein…

Wie viele Chilis würden den Göttern genügen? Fünf, sechs Stück? Mehr?

Tentlitl musterte seinen Sohn. Er würde ihn über das Feuer halten, in dem Chilischoten verbrannten. Der Junge würde den beißenden Rauch einatmen müssen. Brennen würde sein Schlund in jedem Fall – Tentlitl bestimmte nur, wie sehr und wie lange er an den Nachwirkungen leiden würde.

Galt an diesem Abend tatsächlich noch, was am Morgen selbstverständlich gewesen war?

Itzel hatte, so war ihm berichtet worden, mit dem maquahuitl gekämpft. Nicht mit dem Holzschwert, mit dem die Jungen in der Schule üben, sondern mit einem Schwert eines erwachsenen Kriegers. Eines mit einer Klinge aus Obsidian. Scharf, spitz, tödlich. Doch das war verboten. Itzel war noch nicht in den Kreis der Krieger aufgenommen.

  • Ungehorsam und unbescheiden

hatten die Lehrer ausrichten lassen. Tentlitl hatte ihnen am Morgen noch geglaubt. Wie auch an die Eine Welt. Jetzt aber lag ein Tag hinter ihm, ein Tag, an dem der Krieger zu zweifeln gelernt hat. Gab es tatsächlich ein mächtigeres Reich als das des großen Moctezuma? Würde Krieg oder Frieden geben? Würde sein Sohn nicht bald schon mit dem tödlichen Schwert kämpfen müssen?

Zwei. Zwei Schoten mussten den Göttern reichen.

Beitragsfoto von HJPD

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Beitragsbild:  Von Juan de Tovar, ca. 1546-1626