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Frida Kahlo: Träume? Ich male meine eigene Wirklichkeit

Frida Kahlo

Die Surrealisten – allen voran einer ihrer „Gründerväter“ André Breton – meinten, die mexikanische Malerin, Frida Kahlo, sollte mit ihnen gemeinsam in Frankreich ausstellen. Sie sei eine Malerin der Träume und gehöre deshalb zu ihnen. Eine Einschätzung, die sich in Künstlerkreisen bis heute hält, obwohl Frida Kahlo so gar keine Träumerin war und die französischen Surrealisten eher skeptisch betrachtete. 1939 stellte sie zwar in Paris aus, schrieb aber folgendes nach Hause:

  • Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie bescheuert die Leute hier sind. Stundenlang sitzen sie im Café, wärmen ihre hübschen Hintern, reden ohne Punkt und Komma über Kultur, Kunst und Revolution und dies und jenes. Tags darauf haben sie nichts zu essen, weil keiner von ihnen arbeitet.

Was Frida in ihrem Leben stets unter Beweis stellte: Sie war ihr Leben lang eine mexikanische Realistin – durch und durch. Und sie ärgerte die Unterstellung, ihre Bilder würden eine Traumwelt zeigen. Daher stellte sie schnell klar:

  • Ich habe nie Träume gemalt, sondern immer nur meine eigene Wirklichkeit.

Das meinte Frida Kahlo durchaus nicht im übertragenen Sinn. Sie gestaltete eine eigene Welt in ihrem Haus – La Casa Azul – eine Welt, in der sie leben konnte, wie sie es wollte. Wer das blaue Haus besucht, kann selbst heute noch nachvollziehen, wie Frida ihr ganz besonderes Leben in ihre Bilder verwob.

Mexiko-Stadt, Londres 247

  • Elektrizität und Reinheit

schrieb die Malerin mit einem kobaltblauen Stift in ihr Tagebuch

Später fügte sie

  • Liebe

in Braun hinzu.

  • Rot ist Blut? – tja, wer weiß!

Das ist die Farbkombination, nach der ich Ausschau halte. Der Taxifahrer hat keine Ahnung. Er weiß nicht, wo es ist – das Haus der Ikone Mexikos, der Frida Kahlo. Es müsse aber, sagt er, in jenem Viertel von Mexikostadt  liegen, dessen Straßennamen europäischer Städte bezeichnen – in Coyoacan.

Wir sind jetzt in der Viena, überqueren nach einer längeren Diskussion die Berlin und biegen schließlich in die Londres. Hausnummern sehen wir keine. Trotzdem suchen wir Nummer 247.

Ich beuge mich weit aus dem Fenster, bis ich es sehe – die Außenwände eines Eckhauses in Kobaltblau.

Das blaue Haus wirkt ruhig – so, als liefe das Leben an ihm vorbei, als würde niemand es besuchen wollen. Bunt schillernd wie Frida sich in ihren Selbstporträts präsentiert, hätte sie und ihr Haus schon mehr Aufmerksamkeit verdient. Bin ich hier wirklich richtig?

Museo Frida Kahlo

Der äußere Schein trügt allerdings! Kaum trete ich durch die Tür, sehe ich wie sehr: Um mich herum tummeln Touristen – Neugierige, Verehrer, Souvenirjäger. Sie

  • verirren sich in einem Gewirr tropischer Pflanzen,
  • staunen über das Gezwitscher exotischer Vögel,
  • gehen durch einen Wald voller präkolumbianischer Statuetten.

Irgendwo plätschert Wasser.

Wer will schon ein ruhiges Heim?

Zu Zeiten Frida Kahlos kreischte auch noch der Affe in den Bäumen, plapperten Papageien, stolperten die Besucher über die itzcuintlis, die kleinen mexikanischen Hunde der Malerin, über ein Rehkitz oder eine Ziege. Oft spielten Musikanten Gitarre. Kahlo und ihr Ehemann – der Muralist Diego Rivera – sollen dazu Gassenhauer gesungen haben.

Frida Kahlo

Frida Kahlo in ihrem Garten.

  • Frida war nicht diese leidende Frau, wie sie jetzt mythologisiert wird. Sie trank, sie rauchte, sie war sehr glücklich und sie liebte Musik

Das berichtete Guadalupe Rivera Marin, die Tochter, die ihren Vater Rivera öfter besuchte. Ein ganzes Jahr verbrachte sie in jenem Haus, in dem auch der russische Revolutionär, Leo Trotzki, eine zeitlang wohnte. Gäste gab es immer.

  • Schriftsteller wie Pablo Neruda und André Breton,
  • Künstler wie Henry Moore,
  • Fotografen wie Edward Weston und Manuel Alvarez Bravo
  • oder gefeierte Schauspielerinnen wie Maria Felix und Paulette Goddard

Sie alle und noch viel mehr gingen ein- und aus, passten sich dem Lebensrhytmus des Malerpaares an, genossen das traditionelle Essen, großartige Gespräche und liebevoll gestaltete Feste. Frida Kahlo liebte es, Gäste zu bewirten und Feste auszurichten.

Genau so hatte Guadalupe das blaue Haus so erlebt. Heute können wir es nur noch erahnen: Nichts ist leise oder schüchtern – weder die Farben noch die Geräusche. Zu Zeiten, als der äußerst beleibte Maler Rivera noch mit seinen Lieblingsspeisen bekocht wurde, waren es auch nicht die Gerüche.

Der grausige Ojosauro

Ich will eine Rampe zu einer Glastür auf der gegenüberliegenden Seite vom Eingang hochgehen. Mir scheint, sie führt zu einem zentralen Raum des Hauses. Doch nein…

  • Links bitte, die erste Tür! Dort fängt der Rundgang an!
Frida Kahlos Tagebuch

Frida Kahlos Tagebuch. Aus Maria Hesse: Frida Kahlo, eine Biografie

Der Museumswärter lotst mich, begleitet mich zu einer Glasvitrine. Dort deutet er auf das Tagebuch, Frida Kahlos Tagebuch.

In ihm hat die Künstlerin Skizzen, kurze Texte und Briefe an Rivera festgehalten. Es ist Beweisstück für ihre Liebe zu ihrem Mann. Aber auch ein Beleg für Fridas abgründigen, manchmal kindlichen Humor. Aufgeschlagen ist eine Seite mit einem grün und rot gestreiften Würmchen, dessen Nase einem Einhorn ähnelt und das am Kopf eine Narrenkappe trägt.

  • Ein altes Tier, das tot bleibt, um die Wissenschaften zu fesseln. Es sieht bis nach oben… und hat keinen Namen. Wir werden ihm einen geben: Der grausige ojosauro, der Augensaurier.

Welche Wirklichkeit mag sich hinter diesem ojosauro verstecken? Frida würde nicht antworten, aber grinsen.

  • Wozu darüber nachdenken? Es ist doch nur ein Farbfleck? Ein solcher hat mich inspiriert.

Die Kunstkritik erklärt Frida Kahlos Bilder naturgemäß etwas detaillierter: Die Kunsthistorikerin Sarah Lowe zum Beispiel ortet deren Ursprung

  • in mexikanischen Legenden, Geschichten von Wesen und Tieren, wie sie in den aztekischen Tempeln in Stein gemeißelt, in den Maya-Codices oder im landesüblichen Kunsthandwerk zu finden sind.

Vater aus Pforzheim, die Mutter aus Oaxaka (Mexiko)

Was überraschen könnte – denn Fridas Herkunft ist keine rein mexikansche: Der Vater, ein Deutscher aus Pforzheim, war mit achtzehn nach Mexiko ausgewandert. Er baute das blaue Haus. Und die Mutter? Frida Kahlo beschreibt sie als

  • ein Blümchen aus Oaxaca. Sehr gewinnend, umtriebig, klug. Sie konnte nicht lesen und schreiben, sie konnte nur das Geld zählen.

Die junge Frau, Frida Kahlo, entschied sich bewusst dafür, Mexikanerin zu sein; ein Kind der Revolution. Sie machte sich sogar jünger, um im Jahr der mexikanischen Revolution  geboren zu sein: 1910. Damit wollte sie ein Statement setzen.

Hielt sie sich später einmal nicht in ihrem geliebten Land  auf, nannte sie sich selbst – ohne die Legenden, die Gärten und die Sonne – verloren.

Aus den wenigen Jahren, die sie wegen und mit Rivera in den USA lebte, stammen viele Briefe. Diese zeigen, wie sehr sich Frida nach Coyoacan gesehnt hatte. Sie wollte nicht nur durch ihre mitgebrachte Kleidung und den auffallenden Schmuck an ihre selbst gewählte Identität erinnert werden. Sie vermisste die Qualität der mexikanischen Lebensweise und die Kultur ihrer Heimat.

Dabei hatte Frida anfangs ihren Spaß: Sie amüsierte sich über Walt Disney und über die Gesellschaft New Yorks, die sich über ihre Flüche und derben Ausdrücke aufregte. Es machte ihr diebische Freude diese Gesellschaft zu provozieren.

In Detroit aber rang die Malerin nach einer Fehlgeburt mit dem Leben. Sie sehnte sich mehr und mehr nach Hause. Dann starb ihre Mutter. Das brachte sie zurück.

Frida Kahlo und ihre 2000 Wunderchen

Der nächste Raum auf meinem Rundgang ist kein richtiges Zimmer, eher eine Art Flur zu anderen Räumen.

  • Links führt eine Treppe hoch,
  • geradeaus liegt die Küche,
  • rechts geht es in einen weiteren, hellen Raum.

Trotzdem weiß ich sofort, dass hier Kahlos wirkliches Zuhause erst hier beginnt.

Die Wände sind mit Votivbildern behängt. 2000 Stück.

  • Milagritos

Kleine Miniaturen von Unfällen, Schicksalsschlägen, Moritaten. Unter jeder gibt es eine Danksagung, ein Gelübbde desjenigen, der die symbolische Opfergabe gespendet hatte. Kahlo sammelte diese Votivbilder.

1943 fandt sie eines, das ihren eigenen Unfall vom 17. September 1925 stark ähnelte. Die Malerin musste nur noch dem Opfer dichte, zusammengewachsene Augenbrauen aufmalen. Dann änderte sie die Bus- wie auch die Straßenbahnaufschrift. Dieses Bild symbolisiert jenen Moment, der Frida von der Medizin weg hin zur Kunst brachte; den Augenblick, der die lebenshungrige Frau zum Krüppel machte. So bezeichnete sie sich selbst, wenn sie die Grenzen ihres Körpers ärgerten. Und sie ärgerte sich oft.

Unter der Treppe gleich neben der Sammlung gibt es einen kleinen Tisch und zwei Stühle – die Künstlerin hat öfter hier gesessen, bevor sie in die Küche ging oder ins Esszimmer.

Die Küche – Hort der Liebe

Frida Kahlos Küche

Frida hatte Freude, Diego seine Lieblingsspeisen zuzubereiten.

Ein Holzofen über eine komplette Wandbreite, riesige, irdene Töpfe – hier wurde stundenlang gekocht: Rivera legte Wert auf traditionelles, mexikanisches Essen: gefüllte Chilieschoten, Maistortillas oder Huhn mit mole poblano (pikanter Schokoladesauce). Über dem Herd stehen kleine Tonkrüge in den Schriftzügen „Diego“ und „Frida“.

Die Gerichte waren eine Art Liebeserklärung. Frida wußte, dass Riveras Laune stark von der richtigen Kost abhängig war.

Wenn am Tisch ungebetene Gäste sitzen

Küche und Esszimmer sind beide in gelb gehalten. Die Farbe für

  • Wahnsinn, Krankheit und Angst,
  • aber auch der Sonne und der Freude.

Im Esszimmer gibt es Keramik, grün glasierte Karaffen, Schüsseln, Gläser. Alltagswaren der indigenen Bevölkerung. Auch heute lassen sie sich auf den Märkten zu Spottpreisen finden. Es fehlen weder Spitzendeckchen noch die bunt bemalten, lebensgroßen Tiere; Vögel, Teufel und Früchte aus Holz (alebrijes).

Ein riesiger Tisch zeugt davon, dass Gäste in diesem Haus willkommen waren. Er symbolisierte für Frida Kahlo den

  • Ort des Zusammenkommens.

Diesen Ort verletzte Rivera, als er Frida mit ihrer Schwester betrog. Das Malerpaar ließ sich scheiden und Frida verewigte seinen Treuebruch im Bild der verwundete Tisch.

Frida mit Rivera im KopfRivera kehrte jedoch zu ihr zurück. Er heiratete sie wieder und zog neuerlich mit ihr zusammen.  Diesmal baute er ihr allerdings ein eigenes Reich – aus Vulkangestein. Ein Atelier, wie man es sich als Künstlerin nur wünschen kann. Sonnendurchflutet, luftig, ein kleines Paradies.

Für die Besucher heute ist es, als wäre Frida Kahlo nur kurz einmal weggegangen: Vor einer Staffelei steht ein Rollstuhl. Die Pinsel und Stifte liegen in Reichweite. Eine Kurbel ermöglichte es der Malerin, das Bild in der optimalen Höhe zu fixieren. An guten Tagen  arbeitete sie im Sitzen. An schlechten half ihr eine Spezialkonstruktion – dann malte sie nämlich im Bett. In ihm musste Frida oft Monate verbringen – bewegungslos, mehrmals sogar in ein Gipskorsett gezwängt.

Die einzigen Zeugen dafür, dass Frida nicht mehr malen würde, stehen versteckt in einer Ecke des Raumes: Die Urne mit der Asche und auch Fridas Totenmaske. Die meisten Besucher beachten sie kaum, gehen schnell weiter. Sie wollen alle – ohne Ausnahme – nur in das nächste Zimmer: das Schlafzimmer. Denn dort steht

Das berühmteste Bett der Kunstgeschichte

Das Zimmer ist kleiner, als ich es mir vorgestellt habe. Fridas Bett füllt das Zimmerchen nahezu vollständig aus.

Berühmt wurde das Bett, als es Frida wieder einmal nicht verlassen durfte. Dabei fand aber eine Austellung ihrer Werke im Museum Bellas Artes statt. Sie sollte in ihrer Heimatstadt ausstellen und selbst nicht zugegen sein? Das konnte Frida Kahlo nicht hinnehmen!

Kurz entschlossen entschied sie: Sie empfängt die Besucher im Bett. Man musste dieses mitsamt Frida in die Ausstellung tragen. So wurde es berühmt. Dazu kam noch, dass die Malerin im Schlafzimmer Freunde empfing, las, flaschenweise Tequila trank, malte und unzählige Fotos machen ließ.

Andere Andenken finde ich allerdings in diesem zentralen Raum keine, auch keine Fotos von den Geliebten, die Frida gehabt haben soll. Nicht von Trotzki, nicht vom Fotografen Nickolas Murray, dem Bildhauer Ralph Stockpole und auch nicht vom Muralisten Ignacio Aguirre, selbst von Rivera nicht. Nur die Köpfe von fünf Männern zieren die Wand: Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao. Sie hängen in einer Reihe, direkt  auf der gegenüberliegenden Wand des Kopfendes. So dass Frida sie sehen konnte.

  • Ich liebe sie als Pfeiler der neuen kommunistischen Welt.

Frida Kahlos Geliebter – der eine, stets präsente

Frida Kahlo mit GeliebtemDoch noch einem hat die Künstlerin in ihrem intimsten Stunden Platz eingeräumt. Mehr als allen anderen.

An den Bettpfosten gehängt, klappert der Tod – ein grünes Skelett mit roten Rippen. Die Pappmaché-Figur ist Kahlos ständiger nächtlicher Begleiter. Er erinnerte Frida daran, dass ihr Leben jederzeit zu Ende sein konnte. Deshalb umarmte sie ihn, hieß ihn willkommen.

 

Gevatter Tod ist auch Mahnmal ihrer

  • größten Niederlage.

Die Künstlerin kämpfte lange Zeit damit, dass sie wegen ihres Unfalls Rivera kein Kind schenken konnte.

Die Türe ihres Schlafzimmers führt hinaus auf einen kleinen Balkon, dessen Treppe hinunter in den hinteren Teil des Gartens führt. Ich gehe an einem Springbrunnen vorbei, überquere ein Terrasse mit einer Wand eingemauerter Muscheln und Krüge.

Auf dem Weg finde ich noch mehr Pappmaché-Tode, -gesichter und -männer… In Mexiko nennt man sie juda.  In ihnen stecken der Hass, die Eifersucht, die Zweifel, Wut und auch Angst, mit denen der Macher im Laufe eines Jahres so konfrontiert ist. Am Samstag vor der Karwoche schmücken die Menschen diese Figuren mit Feuerwerkskörpern und zünden sie an.

Gemeinsam verbrennen sie diese unerwünschten Gefühle bei einem Fest.

  • Es ist Stärke zu lachen und sich der Leichtigkeit zu überlassen.

schrieb die Malerin einmal. Frida Kahlo sorgte dafür, an den Samstagen vor der Karwoche genügend Figuren zu verbrennen.

So schaffte sie es, weiterhin lachen zu können.

Beitragsbild und weitere Bilder aus dem .

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