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Entscheidung

Entscheidung

Jede Entscheidung betrifft Menschen: Denjenigen, der die Entscheidung trifft oder sie stillschweigend akzeptiert, ohne eine Stellung zu beziehen, und diejenigen, die mit den Auswirkungen leben müssen. Je mehr Macht ein Entscheider hat, desto mehr Menschen sind betroffen. Eine Binsenweisheit? Wenn es so klar ist, dann frage ich mich, warum wir Menschen wie zum Beispiel dem syrischen Diktator, Bassar al Assad, die Macht lassen, Waffen zu besitzen, diese einzusetzen und über Menschenleben generell zu verfügen…

Rolanda umarmt ihn morgens beim Abschied an der Haustür, sie weint, drückt ihn an sich. Er löst sich von ihr, rasch, grob fast, damit er es sich nicht noch anders überlegt. Er wird nicht weinen, hat er sich geschworen. Er will der Familie zeigen, dass er das Schicksal im Griff hat. Es ist alles gut, sagt er immer wieder, der Plan wird funktionieren.
 
Die Tochter, die Älteste, trägt ihm seinen Rucksack hinterher, zu seinem Wagen. Er umarmt sie, sieht ihr in die Augen, du meine Starke, du meine Schöne, sie weint, obwohl sie sich ebenfalls fest vorgenommen hatte, es nicht zu tun, er schlägt die Tür zu, lenkt den Wagen aus der Parklücke, mit zitternden Händen.
 
Amar wird seine Frau und seine Kinder im besten Fall für Monate, eventuell für Jahre nicht wiedersehen, im schlimmsten Fall nie.
 

Der Reporter Wolfgang Bauer und der tschechische Fotograf Stanislav Krupar begleiteten 2013 den syrischen Geschäftsmann Amar (50) auf seiner Flucht von Ägypten übers Meer Richtung Deutschland. Es entstand ein Bericht für das aktuelle Zeitmagazin, der schon lange überfällig war:

43. 000 Menschen flohen 2013 übers Meer nach Europa, die meisten von Libyen aus. Sie stammen aus Ländern, in denen Krieg herrscht, wie Syrien oder Somalia, aus Diktaturen wie Eritrea, oder sie wünschen sich nur ein Leben unter besseren wirtschaftlichen Bedingungen. 1500 Menschen ertrinken jedes Jahr bei dem Versuch, Italien und Griechenland auf überfüllten Booten zu erreichen.

 

Wer ist da unterwegs?

Es sind Familienväter wie Amar, Geschäftsmänner wie Bauern, Arbeiter wie Tagelöhner, Witwen, junge Frauen, die schon früh gelernt haben, Verantwortung für die Familie zu tragen, unverheiratete Mädchen, Kindersoldaten, Söhne von Stammesältesten oder Mittelstandsfamilien, Töchter von Akademikern, fleißig und in ihren Werten gefangen, pubertierende Jungs, die nichts anderes als Krieg kennen. Viele kommen allein, wenige begleiten ihre gesamte Familie. Sie hatten ein Leben, das sie gewohnt waren und oft liebten, bis Machtgier, Not und/oder der Krieg sich über ihr Land stülpte. Manche kennen nichts anderes als den Krieg, sind mit ihm aufgewachsen, waren daran beteiligt bis sie nicht mehr konnten. Sie alle träumen nun davon übers Meer nach Europa, im Idealfall nach Deutschland zu kommen. In Sicherheit sein – der Wunsch, der sie treibt, der ihnen Hoffnung macht.

Warum ich das weiß? Weil mir einige von ihnen gegenüber sitzen. Wenn sie es denn hierher nach Deutschland geschafft haben. Sie drängen sich in das Klassenzimmer: mit dem Wunsch, sich in der fremden Sprache Deutsch verständlich machen zu können, mit der Skepsis dieser oft kalt – distanziert – empfundenen , deutschen Kultur gegenüber, mit ihren Ängsten, Erwartungen und ihren Traumatas. Traumatas, die sie meist von der Flucht mitgebracht haben. Und natürlich mit dem Knopf in der Zunge, den jeder hat, wenn er eine neue Sprache lernen muss. Ungeduldig mit sich selbst; mit den anderen, den es ebenso geht.

Flüchtlinge strömen

Europa macht die ankommenden Flüchtlinge dann – wenn alles gut geht – zu Asylanten, die sich anpassen und sich oft genug anhören müssen, was von ihnen erwartet wird und wie sie sich am besten integrieren. Wer flüchtet, ist dankbar, dass er endlich in Sicherheit ist. Trotzdem fühlt er sich oft respektlos behandelt, missachtet, überfahren – steht der aufnehmenden Kultur ambivalent gegenüber. Ein armenischer Taxifahrer erzählte mir in Los Angeles, dass er zwar seit 27 Jahren in den USA lebt, sich aber unter US-Amerikanern immer noch fremd fühlt. Allein die Tatsache, dass er fünf Sprachen spricht, macht ihn zu einem Faktotum im Land der Möglichkeiten. Macht ihn zum Außenseiter. Der armenische Taxifahrer ist mit dieser Empfindung nicht allein: Ein sich nie erschöpfendes Thema unter den Migranten dieser Welt ist die Gastkultur. Sie wird irgendwann zur Heimat und bleibt doch ein Fremdkörper – eines Tages verwandelt sie sich dann zur Perle. Vielleicht.

Flüchtlingsströme gibt es nicht nur in Richtung Europa. Nordamerika kennt sie ebenfalls: 2002 schrieb Sonia Nazaro in der Los Angeles Times über Enriques Reise und gewann damit den Pullitzer Preis. Wir kennen dann auch noch die Geschichten aus Afrika, Asien, Geschichten von wandernden, hungernden, hoffenden Menschen, die Zuflucht in sichereren Gefilden suchen. Wir hören und lesen, wir sehen sie – die Ströme – besonders dann, wenn es wieder einmal Menschen nicht geschafft haben. Vor Lampedusa zum Beispiel. Als 366 Flüchtlinge ertrunken sind und die europäischen Politiker ihrer Betroffenheit Ausdruck verliehen haben. Damals.

Ich nehme mich da nicht aus: Lampedusa war. Ich habe entsetzt die Bilder im Fernseher verfolgt, wollte helfen – und habe letztendlich nichts getan. Ist das Trägheit? Unbekümmertheit? Fehlendes Mitgefühl? Unwissenheit? Ich weiß es nicht. Von allem etwas wahrscheinlich. Aber eines weiß ich ganz sicher: Dass wir gegen die Entscheidungen einiger weniger vorgehen müssen, damit Menschen nicht gezwungen sind, eine Entscheidung zu treffen, deren Auswirkungen so katastrophal sein können, wie das Unglück in Lampedusa. Oder Entscheidungen, die ganze Familien zerreißen, wie die Amars.

Wie schaffen wir das?

Ich habe keine Ahnung, nur den unbestimmten Verdacht, dass sich nichts ändern wird, solange wir Paranoiker und Soziopathen in Machtpositionen belassen, Gewalt ein Mittel bleibt, Konflikte zu lösen, mit Waffen reger Handel betrieben wird, wir dem allen zusehen und uns nicht aufraffen, dagegen vorzugehen. Solange werden die Assads dieser Welt, Menschen dazu treiben, fort zu gehen, um ihr Glück zu suchen.

Solange werden Menschen bei der Suche sterben.

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