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Aphrodite: Der „bösen Schwiegermutter“ das Wort

Der bösen Schwiegermutter das Wort

„Böse“, schimpfen sie mich, die Menschen. Ich sei das Urbild der missgünstigen Schwiegermutter; eifersüchtig auf die Jugend, neidisch auf die Schönheit einer Sterblichen. ICH? Die Göttin der Liebe!

Mit einem Blick in den Spiegel stelle ich auch heute wieder fest: Schön wie eh und je. Ich brauche keine Hilfsmittelchen – kein Puder, keine Anti-Faltencreme. Warum also sollte ich eine Sterbliche beneiden?

Weil ein Mädchen namens Psyche mir die Schau gestohlen hätte. Das behaupten sie zumindest. Die Männer – natürlich. Manche verherrlichten Psyches Reinheit; reisten von weit her, um sie zu sehen; streuten ihr sogar Blumen vor die Haustür.

Was wissen Menschen denn? Hat mich jemals jemand gefragt? Nein. Diese Mühe hat sich keiner gemacht.

Nur, weil ein Schreiberling – wie hieß er noch gleich?… Apuleius!… dieser Lügenbeutel  seine Version der Geschichte aufschrieb. Ein Dichter…  HA…natürlich. Die nehmen es mit der Wahrheit auch nicht so genau.

Die Menschen glauben lieber der Mär von der bösen Schwiegermutter.  Sie machten mich zur Ursache von Psyches Leiden. Tatsächlich pressten sie das Schicksal des Mädchens in ihr Weltbild. Sie berufen sich auf ihre eigenen Erfahrungen mit Schwiegermüttern.

Apuleius? Er hatte keine Ahnung; er war ja nicht dabei.

Als Schwiegermutter sage ich euch

Schönheit vergeht. Gerade bei den Sterblichen. Und was bleibt?

Charakter.

Wie sollte Psyche aber einen solchen entwickeln, wenn sie sich den lieben langen Tag in ihrer Kammer die Augen ausweinte. Sie wünschte sich einen Geliebten; sehnte sich nach einem, der sie selbst und nicht ihre Schönheit liebte.

  • Ah geh…

Besser wäre gewesen, sie hätte sich die Augen nach einem ausgeweint, von dem sie glaubte, ihn selbst zu lieben. Das bildet!  Besonders den Charakter.

Sie hätte sich aufmachen sollen, um zu lernen, sich zu vertrauen. Dafür hätte sie tatsächlich einen Mann gebrauchen können: Einen, auf den sie warten musste, stundenlang, weil er sie vergessen; weil er den Kopf voll Arbeit; weil er andere Frauen getroffen hatte. Was auch immer… Hauptsache einen, der ihr zeigen konnte, wie wichtig es ist, unabhängig zu sein und das eigene Leben mit Freude zu füllen.

Dazu wollte ich ihr verhelfen! Ich wollte, dass sie sieht, wovor sie sich hüten muss: Wahllos irgendjemandem ihr Glück anzuvertrauen. Am besten konnte sie das von einem Menschen erfahren, von dem sie glaubte, ihn zu lieben.

  • Amor,

sagte ich zu meinem Sohn,

  • nimm einen deiner Pfeile; mach‘, dass sich das Mädchen verliebt.

Was aber tat Amor?

Er verliebte sich selbst in sie. Er, ein Gott. Ausgerechnet!

Die nächsten Wochen zog er sich mit ihr zurück. Hielt sie von allen und allem fern, baute ihr ein Luftschloss. Psyche lernte ihn zu lieben und das, ohne ihn jemals zu sehen. Amor ist schließlich mein Sohn; versteht etwas davon, eine Frau die Nächte genießen zu lassen.

Naja, ein Techtelmechtel, dachte ich. Soll er seinen Spaß haben.

Das ging solange gut, bis Psyche eines Nachts eine Öllampe in die Hand nahm und dem schlafenden Amor ins Gesicht sah. Ihn erkannte. Das mögen wir Götter nicht.

Wohin floh Amor? Zu Muttern. Aber nicht, dass er mir etwas erzählt hätte.

  • Mich hat ein Tropfen heißes Öl verletzt,

sagte er und zog sich in seine Gemächer zurück. Also bitte! Eine schwächere Ausrede hätte selbst ihm nicht mehr einfallen können.

Psyche war geschickter

Sie ahnte, dass ihr bei Liebeskummer nur eine Frau helfen konnte. Am besten eine erfahrene. Und wer hat mehr Erfahrung als ich, die Göttin der Liebe? Die Schwiegermutter in spe.

Sie liebe Amor, sagte Psyche, wolle ihn, wie er war.

Ich erkannte den Keim zur Charakterbildung und beschloss, ihn zu nähren: Psyche sollte sich selbst vertrauen lernen. Amor brauchte eine Göttin als Partnerin; eine Unsterbliche, die ihm Grenzen setzen konnte. Eine, die mit ihrer Ewigkeit auch ohne ihn etwas anzufangen wusste. Und nicht eine sterbliche Seele, deren Schönheit durch vergebliches Warten verwehte. Die freudlos dahinsiechen und zu guter Letzt sterben würde.

Drei Aufgaben stellte ich – nicht mehr

Drei, nicht vier Prüfungen  wie mir der Apuleius später unterstellte und mich damit zur bösen Schwiegermutter stempelte:

  1. Psyche sollte binnen Tagesfrist einen Berg aus Gerste, Mohn, Hirse, Weizen und Erbsen verlesen. Sie holte Hilfe – das kluge Kind. Sie rief die Ameisen, die ihre Aufgabe erledigten. Korn und Samen nach Sorte getrennt auf Häufchen stapelten.
  2. Dann sollte sie eine Locke der Schafe vom goldenen Vlies besorgen. Dazu verhalf ihr das Schilf nahe des Weideplatzes, das sich ihrer erbarmte. Sie könne in der Kühle des Nachmittags Locken von den Sträuchern sammeln, ohne dass die Schafe etwas bemerken würden.
  3. Was ich zu dem Tropfen aus der Quelle der ewigen Jugend sagen möchte: Wenn selbst Götter vor dem Drachen zurückschreckten, der diese Quelle bewachte… wie sehr wäre Psyche geachtet worden, hätte das Mädchen begriffen. Ach, hätte sie bloß Amors Behauptung, ihr geholfen zu haben, von Anfang an zurückgewiesen! Psyche überlistete den Drachen selbst. Sie allein bat den Adler, ihr zu helfen  und er half.

FreiheitDoch das Mädchen war zu unerfahren mit göttlichem Werk! Schon nutzten andere ihre Zweifel, ihr mangelndes Selbstvertrauen. Amor hätte Apollo, den Gott der Dichtkunst, um Hilfe gebeten, sagte Apuleius – und der hätte den Adler überredet, Psyche zur Quelle zu tragen. Ja klar, ausgerechnet…

Als könnte der Gott der schönen Worte der Natur befehlen? Hah – diese Macht hat er nicht und wird er auch nicht bekommen, ewig nicht.  Er kann die Natur besingen, gern. Aber mehr ist nicht! Da nützt es ihm auch nicht, das Orakel von Delphi erobert und meine Priesterinnen getötet zu haben. Da können seine Priester erzählen, was sie wollen. Tatsache ist: Die Herrscherin der Natur bin und bleibe ich. Weiblich.

  • Mum, hilf,

bat Amor.

  • Wie stellst du dir das vor? Soll ich ihr etwa bei der Aufgabe beistehen, die ich selbst gestellt habe? 

Na ja gut – ich habe den Adler vorbeigeschickt. Aber gefragt hat das Mädchen selbst.

Die vierte Aufgabe

Die vierte Aufgabe war in Wahrheit keine Prüfung. Die Büchse mit Proserpinas Schönheit sollte nicht für mich sein. Was sollte ich mit Schönheit aus der Unterwelt? Ich bin ja schon die Göttin des kleinen Todes.

Die Büchse war also kein von mir geplanter Verrat; ein Quentchen dieser Schönheit hätte Psyche unsterblich gemacht.

Ach, hätte das Mädchen ihre Neugier nur bezähmen können! Gerade so lange bis es wieder die Oberwelt erreicht hätte. Ja, dann hätte Psyche ihre Göttlichkeit aus eigener Kraft geschafft.

Leider ist Diskretion nicht gerade ihre Stärke. Ein Blick in die Büchse genügte – schon wandelte sich ihr Schicksal.

Psyche versank in todesähnlichen Schlaf

Kaum glaubte Amor seine Geliebte auf ewig verloren, flehte er mich an. Bettelte, bat und schmeichelte. Mein Sohn besitzt die Macht nicht, Leben zu schenken. Da braucht er  schon Muttern dazu.

  • Habe ich dann meine Ruhe?

fragte ich und ließ mich breitschlagen. Dabei machte ich einen Fehler.

Diesen bereue ich bis heute. Oh, und wie ich ihn bereue! Ich erweckte das Mädchen, ohne dass ich selbst vor ihr erschien.

Ja, ja… ich war zu faul, ich gebe es zu. Ich war Amors Gebettel leid. Um keinen Preis wollte ich reisen – schon gar nicht an so ungastlichen Ort.

Ich ahnte ja nicht, wie hoch der Preis sein würde! Als Psyche erwachte, redete Amor  ihr ein, sie verdanke ihm alles. Er hätte sie gerettet. Das I-Tüpfelchen setzte Göttervater Zeus. Er machte das Mädchen zur Göttin von seinen Gnaden. Dann verheiratete er Psyche auch noch mit meinem Sohn – unter seinem Segen.

Psyche konnte gar nicht mehr aus freien Stücken wählen. Sie war von „Rettern“ umgeben. In der Unterwelt hatte sie vergessen; vergessen, was sie geleistet, wofür sie gekämpft und gestritten hatte. Für ihre Göttlichkeit, ihre Freiheit, ihre Lebenslust.

Heute erduldet sie ihr Schicksal, weil sie sich abhängig glaubt. Sie werkt in Amors Haus, gebiert ihm seine Kinder. Kocht, putzt, wäscht und wartet –  wartet Stunde um Stunde: mit dem Essen, mit dem Schlafen oder darauf, dass er sie in die Stadt mitnimmt. Sie vergeudet ihr Leben.

Manchmal findet sie Arbeit, aber übt sie nur solange aus, solange Amors Bequemlichkeit nicht leidet. Sie sei ihm so dankbar, sagt sie… dass er sie genommen, sie gerettet hat.

Amor sagt, er hätte beides satt. Psyches Schönheit und ihre Abhängigkeit. Wie ich höre, vergnügt er sich in der Stadt. Er denke, sagt er, über eine zweite Frau nach. Eine, die ihn herausfordert, ihr eigenes Leben lebt…

  • eine, halt, die Pfeffer hat.

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