Auf der Suche nach der Herberge
Nebiga

Was auf der Suche nach Herberge niemand erwähnt

Die Gasse lag staubig im Dunkeln. Zwischen der dritten und der fünften Sur in Cholula, Mexiko, duckte sich das Haus der Nonnen hinter einer hohen, mit Glasscherben besetzten Mauer. Herberge sollte es sein für diesen Tag. Ein einziges Fenster leuchtete.

Das Tor zum Haus war jedoch festlich geschmückt. Ein Weihnachtsstern prangte in der Mitte eines Kranzes aus Reisig, in dem Orangenscheiben, Zimtstangen, Anis und goldener Bänder steckten. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite wartete Pepe. Er lauschte dem Krachen der Feuerwerkskörper, die Jung und Alt am Hauptplatz der Stadt zündeten; sein Blick folgte den spritzenden Blüten am Himmel; Funken spiegelten sich in seinen Augen.

Jetzt müssten sie bald kommen…

Ein Pilgerzug bittet um Herberge

Erste Pilger bogen um die Ecke. Mehr und mehr Menschen folgten  – Nachbarn, Freunde und sogar ein paar Mitglieder der Kirchengemeinde, die einige Straßen weiter wohnten. Auch sie hatten sich dem Zug angeschlossen; sie wollten heute im Nonnenhaus Herberge suchen. Aus Neugier vermutlich.

In der Mitte des Pilgerzugs schlenderten Kinder: Maria und José, Engel, Esel und Ochs. Sie trugen Kerzen. Hinter ihnen spielten Musikanten und verstummten erst, als die Gruppe vor dem Tor des rot gestrichenen Nonnenhaus stehen blieb.

Die Kinder bildeten eine Gasse. Für José. Er trat vor und klopfte ans eiserne Tor. Die Musikanten stimmten an:

  • Im Namen des Himmels bitte ich um Herberge
  • denn weiter kann sie nicht mehr, meine geliebte Frau…

Im Nonnenhaus ging Licht an, sogar vorne am Tor. Die Metalltür öffnete sich einen Spalt. Der Pilgerzug sang:

  • Hier ist keine Herberge, geht weiter
  • Ich darf euch nicht öffnen, ihr könntet Gauner sein

Fast 500 Jahre ist es her

Im Nonnenhaus wohnten schon lange keine Nonnen mehr. Sie waren eines Tages plötzlich ausgezogen, ohne es der Gemeinde zuvor mitgeteilt zu haben. Das Haus stand danach eine Weile leer, bis Anfang des Jahres die Fremden eingezogen waren.

Pepe grinste, erinnerte sich an die junge Frau, die eines Tages in seiner Schreinerwerkstatt auftauchte und mit starkem Akzent um einen Besuch bat. Ein Tisch sei zu reparieren. Er wollte zuerst sehen, ob sie Geld mitgebracht hatte.

Sie war entsetzt. Wie konnte er an ihr zweifeln? Pepe zuckte nur mit den Schultern.

Eroberung Mexikos

Diego Rivera: Mural im Palast von Hernán Cortés in Cuernavaca, Morelos

Gauner gibt es überall! Das weiß in Mexiko jedes Kind. Auch dass diese selten auf den ersten Blick zu erkennen sind. Denn Gauner behaupten, was ihnen beliebt, auch, dass sie etwas Besonderes sind, Götter sogar. Sie schleichen sich unter dem Vorwand ein, Handel treiben zu wollen, bringen stählerne Waffen und Krankheiten mit und vernichten letzendlich Landstriche, Völker, ein riesiges Reich.

In nicht einmal 50 Jahren starben im 16. Jahrhundert nach der Eroberung des Aztekenreichs etwa 22, 5 Millionen Menschen – Mayas, Azteken,  Zapoteken, Mixteken, Huasteken und noch viele mehr, deren Namen heute kaum einer mehr kennt. Ursache waren die Fremden, die Spanier – Hernán Cortés und alle, die ihm folgten. Dieses Wissen steckt tief im mexikanischen Bewusstsein.

Gerüchte, die schneller fliegen als Tatsachen

  • Weißt du, wer von den Männern der Ehemann ist?
  • Womit verdienen die ihr Geld?
  • In der Kirche habe ich die noch nie gesehen.
  • Sie essen Tortillas. Ich hab‘ den Jungen beim Einkaufen zugesehen.
  • Ist das der mit dem Gold im Haar?

Am Anfang hatte Pepe nur die Gerüchte gehört. Manche  Nachbarn – Kinder wie Erwachsene – machten sich den Spaß, klingelten an dem roten Tor und fragten nach den Nonnen.

  • Hier gibt es keine Nonnen

antwortet die junge Frau. Die ersten paar Male noch verwundert, später genervt. Das wussten die Nachbarn. Doch der Satz klang so verrückt aus dem Mund der Fremde . Sie war jedoch lernfähig: Bald schon kam der Satz wie aus der Pistole geschossen, korrekt – mit fremder Betonung, aber ohne Verlegenheit.

Es blieben der Straße nur noch die Gerüchte – Mutmaßungen, Vorurteile… Pepe hörte eine Menge davon, hielt sich weiterhin vom Nonnenhaus fern. Schwieg meistens, wenn die junge Frau kam. Sie war geduldig geblieben; besuchte ihn täglich vor und nach der Arbeit; fragte, wann er sich denn endlich den Tisch ansehen würde.

  • Morgen,

sagte er; drei Monate lang. Sie fragte, er vertröstete. Bis sie eines Tages sagte:

  • Ich bin Nina. Versprich es mir in die Hand!

Da blieb ihm nicht anderes übrig: Pepe machte sich schließlich auf – zum Haus über der Straße, dem Nonnenhaus.

Wenn ein Tisch zu reparieren ist

Der Tisch war kein leichter Fall gewesen: Wackelig in den Beinen, aus dem Leim gehende Einlegearbeiten und eine an den Kanten stark abgenutze Tischplatte. So lernte er das Leben im Haus kennen;

  • Wohngemeinschaft

nannte es Nina. Pepe verlor den Überblick: Stets waren Leute da. Ob sie als Besuch galten oder im Nonnenhaus zuhause waren, konnte er meistens nicht sagen. Nina, ihr Junge mit den blonden Haaren und der Andalusier – die lebten bestimmt hier. Die junge Deutsche, die beiden Schweizer, der Texaner, die Peruanerin… wer weiß?

Während Pepe Kanten schliff, Einlegearbeiten ausbesserte und den Beinen das Wackeln austrieb, beobachtete Nina, was er tat und  löcherte ihn mit Fragen:

  • Habt ihr schon einen Christbaum für Weihnachten ?
  • Was gibt es am Weihnachtstag zu essen?
  • Wie feiert ihr Heiligabend?

Natürlich hatte seine Familie schon eine Pinie geschmückt. Seit dem 1. Dezember stand sie bereits im Haus. Später, erklärte er, hätte sowieso niemand mehr Zeit dafür;

  • später gehen wir von Haus zu Haus. Wir besuchen uns gegenseitig, neun Tage lang. Jeden Tag  kommt ein anderer dran. Wir klopfen bei Freunden, Nachbarn oder Verwandten, suchen Herberge und wenn wir eingelassen werden, feiern wir.

So viel hatte er das ganze letzte Jahr zusammengenommen nicht geredet.

Herrschende bestimmen Rituale

Im Troß der spanischen Eroberer reisten auch Missionare. Sie wollten die Götzenanbeter zum wahren Glauben bekehren. Mit wenig zimperlichen Methoden. Diese forderten nahezu ebenso viele Opfer wie die eingeschleppten Krankheiten.

Die Mönche hatten eine klar definierte Aufgabe: In zehn Jahren sollten sie die Heiden zu christlichen Arbeitern umerziehen.  Sie duldeten natürlich keine andere Religion neben dem Christentum. Das spirituelle Leben der Einheimischen war in ihren Augen sowieso keine Religion, sondern heidnischer Aberglaube und Hexerei.

Die Augustiner waren da keine Ausnahme. Der Bettelorden des Spätmittelalters hatte im 16. Jahrhundert schon längst das „Bettel“ verloren. Man errichtete das Kloster Alcolman nahe Mexiko Stadt – mit Hilfe derjenigen, die man bekehren wollte. Doch damit scheiterten die Mönche anfangs. Die Azteken liebten Feste und Feiern und hatten das ganze Jahr bereits verplant – ständig gab es heilige Feste zu Ehren ihrer Götter, auch wenn die Einheimischen keine Menschen mehr opferten.

Also mussten sich die Augustiner etwas einfallen lassen. Sie widmeten kurzerhand ein mehrtägiges Fest im Dezember um. Zwei Dinge führten sie ein:

  1. La Posada – statt der Prozession zum Altar einheimischen Gottes, ließen sie Maria und Josef Herberge suchen.
  2. La Piñata – bunte, mit Früchten und Erdnüssen gefüllte Figuren aus Krepp bestimmten die anschließenden Feiern. Auf sie schlugen die Einheimischen mit Stöcken, bis die Köstlichkeiten herausfielen.

In der Gasse 11 Poniente

La Posada - das Fest kann beginnen

Das erwartet die Herbergssuchenden – beachtet die dunklein Krug! Der ist mit Ponche – Punsch – gefüllt.

Zwischen der 3 und der 5 Sur standen an jeder Staßenseite neun Häuser. Damit kamen genug Häuser zusammen, so dass jedes nur alle zwei Jahre die Pilger bewirten brauchte.

Doch als das Nonnenhaus leer stand, ging die Rechnung nicht mehr auf. Die Fremden traute sich niemand zu fragen.Keiner nahm an, dass Nina mitmachen würde. Als Pepe aber den fertigen Tisch übergab, sagte er:

  • Keine Bezahlung, Nina. Richte dein Haus als Herberge aus.

Pepe  zählte die Pilger, die gekommen waren. Es waren mehr als irgendwo sonst in Cholula. Zufrieden sang er die letzte Strophe. Nina öffnete das Tor vollständig, hielt es auf, ihren Jungen an der Hand:

  • Tretet ein, heilige Pilger, ihr bekomm diese Ecke
  • so ärmlich die Wohnung ist, ich gebe sie von Herzen

An ihr vorbei zogen die Pilger, die Kinder, die Nachbarn, Freunde – auch Pepe. Sein Tisch, der reparierte Tisch bog sich vor Köstlichkeiten. Manche Speisen kannte er nicht. Sie sahen fremd aus. Trotzdem wusste er:  Sie alle werden alles probieren!

So bitten Pilger um Herberge

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Beitragsbild: Cornelis Massijs, Ankunft der Heiligen Familie in Bethlehem

Barbara, die sich weigert
Leo Nerdette

Die eine Barbara, die sich weigert

Barbara war nie „recht“. Das fing schon früh an. Ihr Vater Dioscuros konnte sich nicht mehr erinnern, wann, aber er wusste noch, dass sie ein wunderschönes und eigentlich verträgliches Baby gewesen war. Schön anzusehen fand er sie auch mit neun, aber …

Pferde sind nichts für dich, Barbara! Was schleichst du im Stall herum? Geh und hilf Mutter beim Kochen! Was heißt, du willst nicht? Ich habe es gesagt – und basta. Geh!

Eine Augenweide war sie mit elf, aber…

Was steckst du deine Nase schon wieder in die Schriften? Die sind nichts für dich. Davon bekommst du nur Falten… füll deinen hübschen Kopf mit Nützlichem. Stick etwas!

Wunderschön sah sie mit dreizehn aus, aber

Wo treibst du dich herum? Du hast nicht in die Stadt zu gehen? Was? Du diskutierst? Mit wem? Am Marktplatz? Hattest du jemanden mit? Nein? Bist du wahnsinnig? Du ruinierst meinen Ruf! Geh auf dein Zimmer! Zwei Wochen will ich dich nicht sehen!

Als fünfzehnjährige war sie die Schönste der Stadt, jeder junge Mann – und auch so mancher alte – renkte sich den Hals aus, als er ihr nachsah, wenn sie auf den Marktplatz lief, aber

Der Sohn des Apothekers hat um deine Hand angehalten. Was heißt, du willst nicht? Wir haben nicht ewig Zeit. Du wirst früh genug faltig und alt. Wie? Ich kann mir die Mühe sparen, einen Mann für dich zu suchen? Was, bitte, heißt das? Du heiratest! Wen ich will!

Heirat als Ausweg?

Mit 18 hatte sich nicht nur die Kunde von Babaras Schönheit über das ganze Land verbreitet, sondern auch ihr Ruf, alle Anträge abzulehnen. Was natürlich noch mehr junge und alte Männer in das Haus des Vaters trieb und noch mehr Streit brachte. Barbara ließ sich nicht erweichen.

Sie wolle nicht heiraten – nicht einen einzigen dieser Männer. Sie überlegte, Jesus zu heiraten. Und eines Tages teilte sie ihrem Vater ihren Entschluss mit.

Waaas? Ist das nicht der Jüngling am Holzkreuz? Dieses Kreuz, das die Christen anbeten? Bist du völlig übergeschnappt? Was für Unsinn redet dir diese Sekte ein? Diese Verrückten, diese Gotteslästerer! Dorthin gehst du nicht mehr. Ich verbiete es!

Doch selbst Väter lernen dazu. Da Dioscuros wusste, dass seine Tochter sein Verbot kaum einhalten würde, ließ er einen Turm bauen. Einen Turm ohne Türe, mit nur zwei Fenstern und sperrte sie ein.

Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen hast!

Barbara weiß, ihre Vernunft ist eine andere

Für ihren Vater „vernünftig zu sein“, da weigerte sich Barbara – und darüber hinaus: Sie fand einen Weg, sich taufen zu lassen, dem Turm beizukommen und zu fliehen. Ein Hirte verriet ihren Fluchtort – worauf ihr wahres Martyrium begann. Dieses endete damit, dass Dioscuros höchstselbst seine Tochter enthauptete.

Erleichterung brachte ihm weder die Quälerei noch seine schändliche Tat: Barbara verweigerte sich als Geschundene genauso wie als Tote. Sie wollte nicht „funktionieren“:

  • Ein Kirschzweig, den sie berührt hatte, begann mitten im Winter zu blühen.
  • Heuschrecken fraßen den verräterischen Hirten.
  • Den Vater tötete ein Blitz, genau nach seinem tödlichen Streich.
  • Die Menschen beten zu ihr und flehen um Schutz – und das über Jahrhunderte hinweg.
  • Ja, Barbara schlich sich sogar in den Volksmund, vor allem den süddeutschen:

Margaretha mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl.

Sind die Zweige der Barbara ein Zeichen der Rebellion?

In der römisch-katholischen Kirche beäugten Historiker Barbara ebenfalls skeptisch. Sie passte eigentlich nicht. Nicht unter die Heiligen.

Hatte sie tatsächlich gelebt?

Bekannt seien ja nur die Legenden, historisch nachweisen ließe sich nichts. So kritisierten die Heiligsprech-Experten den Status der rebellischen Barbara. Sie strichen deshalb im Zuge der Liturgiereformen des zweiten vatikanischen Konzils (1962-1964) die  heilige Barbara aus dem römischen Generalkalender.

Doch die Dame ist populär! Sie lässt sich nicht stillschweigend streichen. So beobachtet am 4. Dezember der Vorbeifahrende auch heute noch in manchen Regionen Vasen mit Zweigen im Fenster. Abends von einer Kerze beleuchtet.

Außerdem blieb Barbara die Schutzherrin der Architekten, der Glöckner, der Maurer, der Zimmerer – und all der anderen Bauarbeiter. Sie gewährt weiterhin als Patronin aller Berufe, die mit Feuer zu tun haben, ihren Schutz – auch der Artillerie.

Die Kirche wurde ihr einfach nicht Herr!

Ihr Gedenktag blieb daher in einigen Regionalkalendern erhalten: in Österreich zum Beispiel, in Polen, Portugal, Slowenien, Frankreich und Italien. Barbara wehrt sich weiterhin hartnäckig. Sie kämpft immer noch an vielen Fronten.

Warum lässt sie es nicht gut sein?

In Theorie… weil sie eine Andere ist, eine viel Ältere.

Es heißt, sie gehöre eigentlich zu den keltischen Göttern. Sie sei Borbeth, eine der drei Bethen.

Die Römer hätten ihr einfach einen anderen Namen gegeben:

„Barbara“ – die Ausländerin.

Beitragsbild: Saint Barbara of_Nicodemia - Jan van Eyck (1437)

 Tipp für den 4. Dezember

Im Mühl- und auch im Waldviertel, Österreich, steht ab 4. Dezember nahezu in jedem Haus ein Strauch aus Barbarazweigerl. Er soll spätestens am Christtag zu blühen beginnen.

Früher schlossen die Bauern daraus, ob es eine gute Ernte geben wird. Barbara soll aber mit den blühenden Zweigen auch zeigen, wer von der Familie im nächsten Jahr Glück haben wird: Dafür stellt man einen Zweig pro Familienmitglied in die Vase und schmückt ihn mit einem Wollfaden – für jedes Familienmitglied in einer anderen Farbe.

Macht euch also auf! Heut ist ein milder Tag – genießt den Waldspaziergang! Nehmt eine Gartenschere mit und schneidet ein paar Zweige. Weicht sie über Nacht in Wasser ein und stellt sie in eine Vase. Vielleicht antwortet Barbara ja.

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Großmutter erzählt
Nebiga

Großmutter erzählt nachts in der Stube

Dass eine Großmutter erzählt, gehört praktisch zum Berufsbild. Sie ist diejenige, der wir die Märchen verdanken – und die diese an die Enkelgeneration weitergibt. So ist die Idee. Aber woher stammt die eigentlich? Weil… wenn ich mich so umschaue… Omas heute gehen lieber in Yoga- oder Bauchtanz-Kurse und sind ständig unterwegs. Sie haben wenig Zeit im Lehnstuhl zu sitzen und den Kindern Geschichten zu erzählen.

Noch weniger entsprechen sie dem Bild, das die Brüder Grimm von ihrer Geschichten-Quelle malten. Sie wollten die Behauptung, die Märchensammlung sei rein deutsch und von nirgends her erborgt untermauern und erfanden für den zweiten Band der Kinder- und Hausmärchen eine idealtypische Erzählerin: die Viehmännin. Eine

  • Bäuerin aus dem nah bei Cassel gelegenen Dorfe Zwehrn.

Tatsächlich handelte es sich bei der vermeintlichen Bäuerin um eine zwar arme, aber gebildete Schneidersfrau mit hugenottischen Wurzeln. Die Brüder Grimm bedienten also ein schon vorhandenes Bild, um an Leser zu gelangen. Eines, das bereits im Verschwinden begriffen, aber noch im Bewusstsein der Leute vorhanden war.

Vom Berufsbild der erzählenden Bäuerin

Winter ist’s, der Schnee liegt auf den Hängen und glitzert in der Dämmerung. In der Küche ist gut geheizt. Die Öllampe spendet Licht. Kinder zausen Wolle, die Magd kämmt sie.

Drei Frauen sitzen an ihren Spinnrädern. Sogar die Altbäuerin hat ihres hervorgeholt. Sie bückt sich zum ersten Flachsbündel, reicht es der ersten Frau, streckt sich nach dem zweiten, gibt es der anderen, greift zum dritten und setzt sich auf einen dreibeinigen Schemel.

Die Bäuerin beginnt zu spinnen und die Frauen tun es ihr nach. Holzpantoffel klopfen dumpf auf den Boden, Spinnräder surren, Daumen und Zeigefinger ziehen den Faden…

  • Großmutter, bitte! Erzähl‘ uns was!

Die Frauen nicken zustimmend. Sie waren schon am Morgen vom Nachbarhof aufgebrochen; drei Stunden dauerte es, um zu kommen. Sie sind gekommen, um zu helfen. Nebenbei  hören sie Überliefertes oder Erlebtes über Ehe, Geburt, Krankheit, Leben, Tod und — die Liebe.

Die Altbäurin lächelt, dreht das Rad und zwirbelt Flachs zum Faden. Es ist als hätte sie nicht gehört. Trotzdem verstummen die Kinder. Die Magd legt ein paar Scheite in den Ofen, die in der plötzlichen Hitze knacken und  knistern. Dann räuspert sich die Bäuerin müde.

  • Es war einmal…

— so fängt es an:

Und die Großmutter erzählt

Altbäurin mit SpinnradVielleicht ist es ein Märchen, vielleicht eine Geschichte aus dem Dorf, vielleicht beides in einem. Großmutter hat eine Vorliebe für Märchen und Erzählstoffe, die mit ihren umtriebigen Händen Schritt halten.

Sie bevorzugt als Erzählzeit das Präteritum, verwendet gern die indirekte Rede und Wörter, die heute nicht mehr jede* kennt. Während sich das Spinnrad dreht und ihre Hände beständig zwirbeln —

  • Schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll

— spricht sie mit ruhiger, entspannter Stimme. Manchmal verweilt sie, übt sich in epischer Breite. Dann wieder spricht sie genauso, wie ihr Spinnrad sich dreht – monoton, stetig, wiederkehrend.

Wenn Großmutter erzählt, bricht ihre Stimme schon einmal. Man merkt ihr das Alter, den häufigen Gebrauch an. Doch solange es an diesem Abend Flachsbündel zu spinnen gibt, solange verstummt diese Stimme nicht.

Wie hört man einer Altbäuerin richtig zu?

Während Großmutter erzählt, sehen die Frauen und Kinder sie nie an. Sie sind in ihr Tun vertieft, spitzen jedoch ihre Ohren. Kein Wort darf ihnen entgehen! Je gebannter ihre Augen auf ihre Arbeit gerichtet sind, desto intensiver lebt ihr Geist in der Geschichte – und die Großmutter erzählt.

Die Holzpantoffeln klopfen, das Feuer knackt. Die Zuhörer*innen spüren die Furcht, das Erstaunen, die Liebe und Freude der Held*innen in sich. Trotzdem hören sie niemals auf zu arbeiten.

  • Je selbstvergessener der Lauschende, desto tiefer prägt sich ihm das Gehörte ein. Wo ihn der Rhythmus der Arbeit ergriffen hat, da lauscht er den Geschichten auf solche Weise, daß ihm die Gabe, sie zu erzählen, von selbst zufällt. (Walter Benjamin in seinem Essay über das Erzählen )

Bald nämlich wird eine* von ihnen erzählen müssen: Die Großmutter ahnt, dass ihr die Zeit ausgeht. Sie ist mittlerweile erschöpft; weiß,  dass sie bald keine Wolle mehr spinnen kann. Ihre Geschichten aber möchte sie weitergeben. Sie sollen weiterleben, jenseits von Geburt und Tod.

Tipp: Märchenerzähler*innen zuhören

Märchenerzähler*innen sind so unterschiedlich wie Schneeflocken. Deshalb solltet ihr genau so vielen lauschen, wie ihr finden könnt. Zur Winterzeit erzählen sie übrigens an allen möglichen Orten: auf Weihnachtsmärkten, in Schulen, in den Städtischen Büchereien, in Geschäften, beim Weihnachtsessen… hört euch einfach um! Es zahlt sich aus!

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Als zwei Aborginies sich zeichneten
Nebiga

Als zwei Aborigines einander zeichneten

Weihnachten in Australien ist eine ganz eigene Sache. Es findet im Sommer statt. Am Strand zum Beispiel, wo alle kurze Hosen tragen oder Tücher um ihre Taille geschlungen haben, vor sich hinschwitzen, surfen oder in der Sonne braten. Mancher Europäer hätte Schwierigkeiten, sich darauf einzustellen, Santa Claus  – den Weihnachtsmann – willkommen zu heißen. Die meisten Australier plagen dagegen keine Bedenken. Außer die Aborigines.

Sie betrachten das weihnachtliche Theater skeptisch: Kurz gesagt, die Ureinwohner Australiens fangen herzlich wenig mit einem Mann auf einem fliegenden Schlitten an.

Von kulturellen Zusammenhängen

Vor allem, weil er zu den Briten gehörte, genau so wie er heute fester Bestandteil der Feiern der heute in Australien herrschenden Bevölkerungsgruppe ist. Der Gruppe, der viele Nomaden nach wie vor zurückhaltend gegenüber stehen. Kein Wunder: Einmal wurden die Aborigines durch die Briten fast ausgerottet. Wie alle indigenen Völker in der kolonisierten Welt starben sie wegen eingeschleppter Krankheiten und gewaltsamer Konflikte mit den fremden Siedlern. Zum zweiten ignorieren oder bevormunden die weißen Australier sie.

Heute gelten die Aborigines jedoch größtenteils als angepasst. Etwa drei Viertel leben in Städten und haben sich – so gut es ging – mit der seßhaften Lebensweise arrangiert. Jahrelang arbeiten sie, schaffen sich ein Heim,  Freunde und Beziehungen. Irgendwann, ganz plötzlich aber, verschwinden sie.

Er ist walkabout gegangen, schimpfen die zurückgebliebenen Kollegen im Job.

walkabout?

Ja, die verschwinden, die werden verrückt.

Ungläubig erzählen sie, wie der Verschwundene nach drei Jahren zurück kam und erwartete, dass seine Arbeit auf ihn gewartet hätte. Verrückt eben!

Die Aborigines sehen das naturgemäß anders. Fragt man einen von ihnen, bedeutet walkabout etwas  Anderes – es bedeutet einfach gehen.

Nach Hause gehen.

Ins Hinterland aufbrechen, um zeremonielle oder familiäre Dinge zu erledigen, heilige Stätten zu besuchen und mit Menschen, die einen verstehen, zusammen zu sein.

Ein lang anhaltendes Weihnachten halt!

Genau deshalb haben wir heute eine Geschichte der Aborigines für euch:

Was Aborigines über Känguru und Dingo erzählen

Lange wanderten die beiden Männer Kubabara und Buruk, bis sie den riesigen Felsen, Tor Rock, erreichten. Die Umgebung gefiel ihnen. Sie beschlossen, sich eine Weile dort niederzulassen.

Einige Zeit verbrachten sie damit, am Fuß des Felsens entlang zu wandern und entdeckten schließlich eine Höhle. Die Wände waren über und über mit Malereien bedeckt.

Schau Buruk, eine Schildkröte!

Und dort ein Emu… ich kann es deutlich erkennen. Auch die Menschen, die den Vogel jagen.

Es gab so viel zu sehen – die beiden verloren sich in den Träumen von Mensch und Tier. Die Sonne berührte fast den Boden, als Buruk vorschlug :

Komm, malen wir uns auch: Du malst mich und ich dich!

Doch dafür wurde es schon zu dunkel. So lagerten sie vor der Höhle.

Kubabara war das nicht geheuer. Sie hatten so lange mit den Zeichnungen verbracht, dass sie der Umgebung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatten.

Was, wenn die Seelen der Tiere uns angreifen?

Buruk lachte.

Es sind es nur Seelen. Wir warten, dann können wir fragen, wie es ist, eine Seele zu sein.

Kubabara war nicht so leicht zu überzeugen. Er nahm beim Schlafen vorsichtshalber die Haltung eines Hasen ein: Bereit beim geringsten Geräusch aufzuspringen und zu fliehen. Buruk dagegen kauerte sich zusammen, bereit eine Seele zu beschnüffeln.

In der Nacht aber gab es nur die Geräusche, die es immer gab: die Geräusche des Landes.

Eine Idee setzt sich fest

Am nächsten Morgen wanderten die beiden weiter. Sie wollten auch noch die andere Seite des Felsens erkunden. Darob vergaßen sie die Zeichnungen. Aber nicht für lange Zeit, denn an den Felswänden eines kleinen Bergs fanden sie weitere Felszeichnungen. Kaum entdeckten sie diese, erinnerten sie sich. Doch auch diesmal verschoben die beiden Männer ihr Vorhaben, sich gegenseitig zu zeichnen.

Schließlich gelangten Kubabara und Buruk in eine Gegend, die ihnen außerordentlich gut gefiel. Sie richteten eine bleibende Lagerstätte ein.

In deren Nähe befand sich sogar eine Felswand. Eine, auf der noch niemand gezeichnet hatte. Zu ihr gingen die beiden eines Tages und setzten ihr Vorhaben um – sie zeichneten sich gegenseitig

Native Drawings (kangourou)

Foto von Triton (Eigenes Werk) , GFDL http://www.gnu.org/copyleft

Wie schön, rief Kubabara, als er Buruks Bildnis sah. Er wollte nur noch als dieses Känguru weiterleben.

Auch Buruk gefiel seiDingo444n Abbild – und verwandelte sich sofort in einen Dingo. Genau so wie Kubabara ihn dargestellt hatte.

In dieser Gestalt lebten die beiden noch eine ganze Weile. Nachts schlief das Känguru wie ein Hase auf der Flucht. Der Dingo aber wie ein Hund, der neugierig wartet.

Dies ging so bis zu jenem Tag, an dem Kubabara und Buruk zu ihren Felsbildern zurückkehrten.

An diesem Tag erfüllten sie ihre Felszeichnungen mit Leben. Als Menschen kehrten sie nie mehr zurück.

Beitragsbild: Kata-Tjuta am Morgen. Foto von Dimageau

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Wer bringt die Geschenke
Leo Nerdette

Geschenke – Wer bringt sie denn nu?

Ach Weihnachten! Stille, erholsame Zeit. Tage der Geschenke und der Nostalgie! Wir wissen alle, wie sie sein sollen…

  • Schnee fällt; im Kamin prasselt Holz; daneben steht eine Tanne, mit Glaskugeln und Bienenwachskerzen geschmückt. Über dem Kamin hängen Socken – naja, eher wollene Kniestrümpfe, aber sei’s drum – und auf dem Tischchen steht ein Teller mit Plätzchen für den Weihnachtsmann…
  • Weihnachtsmann? Seit wann bringt ein Weihnachtsmann Geschenke? Lieferant ist doch das Christkind. Es fliegt an Heiligabend vorbei, arrangiert die mitgebrachten Gaben und den Baum. Wenn alles fertig ist, läutet es ein goldenes Glöckchen und verschwindet. Manche Kinder erhaschen vielleicht noch einen Schimmer der Flügel.
  • Christkind? Jesus liegt zu Weihnachten in der Krippe und ist ein Baby. Wie soll er Geschenke tragen? Außerdem ist er das Kind, zu dem die Heiligen Drei Könige pilgern und das sie mit Weihrauch, Myrre und Gold beschenken. Da ist es nur logisch, dass die auch die Kinder der Welt…

Weltweit reden im Dezember  Leute von „Weihnachten“ und haben ein genaues Bild vor Augen. Die meisten setzen alles daran, dass es genauso aussieht wie zu ihrer Kinderzeit! Als besonders eifrig erweisen sich diejenigen, die selbst Kinder haben. Doch: Wenn der eine von Weihnachten spricht, muss der andere noch lange nicht verstehen, was er genau damit gemeint hat.

Das sorgt für eine gehörige Portion Wirrwarr.

Die fünf wichtigsten Gabenbringer

Je nach Land oder Region bringt nämlich eine andere Figur die Geschenke, ja selbst die Tage variieren, an denen sie  welche verteilen sollen: Kinder können am 5., 6., 13. am 24. und 25. Dezember Geschenke kriegen oder eben erst am 6. Januar. Historisch gesehen hatte sich das Datum mehrmals geändert. Es gibt Generationen, bei denen war der Gabentag in der Kindheit ein anderer, als in der Jugendzeit.

Wir von Märchen für Globetrotter haben uns die Mühe gemacht, Buch zu führen. Damit in diesem Jahr niemand den Überblick verliert – hier sind also die fünf wichtigsten Gestalten, die an Weihnachten Geschenke bringen:

Väterchen Frost:

Väterchen Frost bringt Geschenke

Väterchen Frost von Ivan Bilibin (1932)

In den slawischen Ländern, vor allem in Russland, existiert diese Märchenfigur schon lange. Eigentlich ist es Herr Winter – jener altehrwürdige Eisbringer, der vor allem in Sibirien seine Kräfte spielen lässt.

Väterchen Frost nennt einen langen, dicken und weißen Bart sein eigen und führt ein magisches Zepter. Was er mit dessen Spitze berührt, gefriert. Er wohnt übrigens tief im Nadelwald des Nordens und fährt am Neujahrstag einen von drei Schimmeln gezogenen Schlitten voller Geschenke aus. Post können ihm Kinder auch schicken. Obwohl…

Generell macht er eher einen eisigen Eindruck. Vermutlich wegen seines grauen, mit Blautönen durchwebten Pelzmantels. Allerdings färbt der sich mit zunehmenden westlichen Einfluss langsam rot.

Die Hexe Befana

Hexe Befana verteilt die Geschenke

Die Hexe Befana von ho visto nina volare

Diese Figur stellt angeblich eine Parallelgestalt zur alpenländischen Perchta dar, ist ein Überbleibsel der  keltischen Bethen (Perchten), die speziell am Ende der Rauhnächte – nämlich in der Nacht zum und der Tag des 6. Januar – auftreten. Die Bethen segneten Haus, Hof, Mensch und Vieh und als Zeichen, dass sie da gewesen waren, hinterließen sie drei Kreuze an den Türen.

In Abwandlung geht die Geschichte der Befana so: Als Schönpercht – gute Hexe – sucht sie in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar eigentlich das Jesukind, muss aber von Haus zu Haus fliegen, weil sie den Stern verpasste, der die Heiligen Drei Könige leitet. Dabei bringt sie Geschenke – und manchmal straft sie. Je nachdem, wie brav die Kinder das Jahr über waren.

Christkind

Christkind im Struwwelpeter -1845

Christkind von Heinrich Hoffmann aus Der Struwwelpeter (1845)

Tja – eigentlich ist das Christkind ja evangelisch. Das muss jetzt mal gesagt werden, auch wenn es unter den Katholiken weit verbreitet ist.

Dass das Christkind an Heiligabend die Gaben vorbeibringt, war ein Einfall Martin Luthers. Dem Reformator  war die vorher auch in seinem Hause übliche Bescherung am Nikolaustag ein Dorn im Auge. Dieser Brauch widersprach seiner Ablehnung der Heiligenverehrung.  Deshalb verlegte er den Tag für die Geschenke auf Heiligabend. Ursprünglich war sein Gabenbringer der „Heilige Christ“, wie Luther das Jesuskind nannte.

Offenbar war den Leuten diese Vorstellung etwas zu theoretisch. Sie wollten „Handfesteres“ – einen weiblichen Engel zum Beispiel. Im 17. Jahrhundert setzte sich diese Vorstellung  durch: In weihnachtlichen Umzugsbräuchen ziehen Maria, Josef und das Jesuskind durch die Straßen, begleitet von weiß gekleideten Mädchen mit offenem Haar als Engel, angeführt vom Christkind.

Deswegen legt in manchen Ländern ein weiblicher Engel die Geschenke ab, in anderen kommen sie dagegen mit dem Kind in der Krippe.

Hl. Nikolaus oder Sinterklaas

Sinterklaas und der Zwarte Piet von Daan Hoeksema (1879–1935)

Sinterklaas und der Zwarte Piet von Daan Hoeksema (1879–1935)

Endlich mal einer zum Anfassen! Sprich, es gibt ein paar historische Tatsachen – der Mann hat offenbar wirklich gelebt. Nikolaus von Myra wurde zwischen 270 und 286 n. Ch. in einer Stadt Lykien geboren, gestorben ist er am 6. Dezember 326. Als Abt und Bischof nahm man ihn 310 im Zuge der Christenverfolgungen gefangen und folterte ihn. Aufgrund seines Martyriums sprach ihn die katholische Kirche später heilig.

Um ihn ranken sich natürlich auch einige Legenden. Eine davon ist die, dass er sein ererbtes Vermögen unter den Armen verteilt, eine andere, dass er in einer bitterkalten Winternacht seinen Mantel einem Bettler gab. Dass solches Verhalten so ziemlich jedem Bischof der Zeit zugeschrieben wurde, spielte keine Rolle, als man ihn heilig sprach.

Die Legende vom geteilten Mantel hatte zudem einen Vorteil: Sie machte ihn zum geeigneten Mann, der den Armen und Kindern im Winter Geschenke bringt.

In den Niederlanden heißt der heilige Nikolaus „Sinterklaas“ und landet am letzten Samstag im November mit seinem Reisegefährten, Zwarter Piet, in den Hafenstädten Hollands. Das ist jedes Mal ein Fest, wenn er mit seinem Schimmel an Land reitet. Die Kinder stellen Schuhe vor die Türe, in denen ihr Wunschzettel liegt

Am Abend des 5. bringt Sinterklaas die Geschenke, die er noch mit einem Gedicht versehen hat. Und weil Sinterklaas auch noch Humor hat, gibt’s für die Familien viel zu lachen.

Die Heiligen drei Könige

Die heiligen drei Könige Ravenna

Mosaik in der Basilica di Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna: „I tre Re Magi“. Foto von Nina Aldin Thune

In Spanien zum Beispiel kommen traditionell die Heiligen Drei Könige (Reyes Magos) und bringen ihre Geschenke. Auch sie entstammen der Legende: In der Bibel folgen Sterndeuter dem Leitstern – von Königen ist genauso wenig die Rede wie von ihrer Zahl.  Trotzdem haben sie sich als Gabenbringer durchgesetzt. Ihr Nachteil ist, dass die Kinder bis zum 6. Januar warten müssen, bis sie beschenkt werden. Ärgerlicherweise harren die Kleinen manchmal sogar vergeblich: Unartige Kinder bekommen statt der Geschenke nur Kohlestücke.

Die drei Könige kommen in Spanien schon auch einmal auf Kamelen angeritten und sind offenbar ausgehungert. Die Kinder müssen Wasser und Brot für sie vor die Tür stellen und finden dafür am Morgen des 6. Januars die Geschenke vor.

Mit diesen fünf Gabenbringern behalten alle den Überblick. Diese Figuren haben sich über den Erdball in leicht abgewandelter Form verbreitet. Der Weihnachtsmann ist auch eine Variante: Er ist ein Sammelsurium aus verschiedensten Elementen des  Heiligen Nikolaus und Väterchen Frost.

Für die Kinder sollten wir uns aber für eine Gestalt einigen – und an einem Strang ziehen. Nur so zur Vorsorge…

Sonst antwortet die nächste Generation auf die Frage: „Wer bringt die Geschenke?“

Klar! Amazon.

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Adventskalender im Fenster
Leo Nerdette

Welcher Adventskalender passt zu uns?

Adventskalender…

Oh nein! Adventkalender… so ist es richtig.

Nie und nimmer!

Und das ist erst der Anfang. Wir haben noch nicht einmal die Angebote für den diesjährigen Redaktions-Adventskalender angeschaut, schon sind wir – die Redaktion, Nebiga und ich – mitten in der Diskussion. Beide Wörter bescheren uns bei näherer Recherche eine Riesenauswahl in der Suchmaschine, aber die Tendenz neigt sich gen Adventskalender mit Fugen-s. Gemeint ist das kleine s in der Mitte.

Der Grund: „Adventskalender“ nennen Deutsche wie Schweizer jenen Kalender, an dem im Advent täglich ein Fenster/Türchen geöffnet werden darf. Nur die Österreicher fügen zwischen t und k kein s ein.

Niemals?

Na ja, bei Christkindl jedenfalls auch nicht.

Eigentlich zwängt Homo Austriacus das s immer gern dazwischen: Bei der Zugsverspätung genauso wie beim Schweinsbraten…

  • nur beim Adventkalender – da nicht.

Wie der Adventskalender sich durchsetzte

AdventskalenderWir vermuten, das hängt damit zusammen, dass Anfang des 19. Jahrhunderts die Evangelische Buchhandlung Friedrich Trümpler in Hamburg zum ersten Mal einen Adventskalender druckte. Und damit, dass der Münchner Verleger, Gerhard Lang, mit seinem 1903 gedruckten Kalender Im Lande des Christkinds als der Begründer des Adventskalenders gilt. Ein Jahr später veröffentlichte dann die Stuttgarter Zeitung einen Adventskalender – und schuf auf diese Weise ein saisonales Phänomen für den Massenmarkt.

Der Brauch, bebilderte oder später sogar mit Schokolade gefüllte Druckprodukte in den Räumen aufzuhängen, kommt demnach aus Deutschland. Er eroberte in konzentrischen Kreisen die deutschsprachigen Länder. Wer seine sprachliche Eigenständigkeit also bewahren wollte, musste den Brauch umbenamsen. Auch wenn es bedeutet, ein s weglassen zu müssen.

Zählhilfe in der Fastenzeit

Die protestantischen Haushalte waren diejenigen, die begannen, die Tage bis Weihnachten mithilfe einer Art Kalender zu zählen. Zunächst hängten die Lutheraner 24 Bilder nach einander an die Wand oder bastelten ihren Kindern Papierschächtelchen, die sie mit Plätzchen füllten.

Ein Schächtelchen, ein Plätzchen pro Tag – aber sonst mussten die Kinder in der Adventszeit genauso fasten wie die Erwachsenen.

Andere malten 24 Kreidestriche an die Tür. Die Kinder durften  täglich einen davon wegwischen.

Strohhalme dagegen waren der Katholiken Ding: Sie legten 24 Halme in die Krippe; abgezählt, damit sie täglich einen entfernen konnten. Das war etwas Besonderes, denn die Tage zur Vorweihnachtszeit waren ausgefüllt: Man schuftete sowieso von morgens bis abends, doch im Advent kam noch die Vorbereitung dazu.

Das Zählen der Tage war daher oft das einzige kurze Innehalten des Tages. Ein Moment der Vorfreude. Kinder wie Erwachsen dachten daran, wofür sie all die Mehrarbeit auf sich nahmen.

Christi Geburt – ja.

Aber in ihren Köpfen entstanden auch die Bilder von Gänsebraten, Rotkraut, von Kuchen, Klößen, Knödeln und Kekserl/Plätzchen.

Schuld waren natürlich ihre vom Fasten darbenden Bäuche. Die Gläubigen träumten wegen ihnen  davon, in sich hineinstopfen zu können, was sie die Tage schlachteten, schnitten, rührten, kochten, brieten, backten und verzierten.

Warum hält sich der Brauch heute noch?

Na ja, so alt ist er jetzt auch wieder nicht.

Das nicht, aber hast du schon mal gepinterestet? Oder bei Amazon nachgeschaut? Adventskalender sind überall! Es gibt kein Entkommen!

Bei Amazon zum Beispiel findet der Suchende die Adventskalender sogar in Rubriken eingeordnet, weil man sonst den Überblick verliert:

  • Schokolade und Süßigkeiten, einmal für Kinder und einmal für Erwachsene;
  • Beauty, natürlch mit Schönheitsprodukten für SIE und IHN,
  • Tee und Getränke
  • Gewürz- und Schlemmerkalender
  • Geschichten und Bilder für Groß und Klein
  • Erotik
  • Schmuck
  • Spielzeug
  • Alkoholische Getränke
  • Knabberkalender
  • Zum Selbstbefüllen
  • für Heimwerker

100 Jahre und wir können Adventskalender mit allem befüllt kriegen, was es so gibt.

adventskalender selbst gebastelt

Und für die Selbstbastler (Pinterest) gibt’s die Utensilien als Fülle noch in extra Rubriken dazu.

Adventskalender sind so hipp wie eh und je! Wir wollen nicht darauf verzichten, genauso wenig wie auf Weihnachten, auch wenn man selbst vielleicht gar nicht gläubig ist.

Das liegt an der Nostalgie. Wir wünschen die Harmonie herbei.

A geh! Die gibt’s eh nicht! Am meisten wird zu Weihnachten g’stritten!

Heißt es zumindest. Aber nicht im Advent, im Advent nicht! Da ist noch Ruhe.

Jeder Tag ein Erlebnis

Bei Gerhard Lang – damals – bestand der Adventskalender noch aus einem Bogen mit 24 Bildern zum Ausschneiden und einem Bogen mit 24 Feldern zum Aufkleben. Damit den Kinder die Zeit bis zum Weihnachtsabend nicht so lang wird, sollten sie jeweils ein Bild ausschneiden und in ein Feld kleben.

Und wenn sie schon dabei waren, konnten sie gleich

  • die Strohsterne basteln, die noch fehlten.
  • die Großmutter anbetteln, dass sie noch eine Geschichte erzählte.
  • den Apfelnikolo und den Zwetschenkrampus basteln.
  • die Bilder malen, die sie schenken wollten.
  • die Kekse verzieren, die Muttern buk.

Jedes Fenster, jedes Türchen barg eine Reihe von Möglichkeiten, von Erlebnissen und von Erinnerungen, die der Familie blieben. Sie waren nicht bloß Schokolade.

Sie waren gemeinsam verbrachte Zeit.

Ein Adventskalender mit Schokolade kommt für die Redaktion also nicht infrage?

Nee.

Genauso wenig wie der Pfeffer- und Salz-Kalender für Gourmets nehm‘ ich an – und auch nicht der Nagellack-Adventskalender mit 24 Trendfarben.

Richtig. Wenn du mich fragst… wir können uns eh nicht für einen gekauften entscheiden. Am besten wir machen uns den Kalender selbst!

Und wie?

Das siehst du am 1. Dezember! Hier im Blog.

Schau rein!

smiley

 

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