Nicht der Küchentisch von Carrie Mae Weems
Tipp

Was ein Küchentisch erzählt: Carrie Mae Weems

Kennengelernt habe ich Carrie Mae Weems in Kuba; besser gesagt ihre Fotografien über Kuba. Damals ahnte ich nicht, dass es Bilder der bekanntesten US-amerikanischen Medienkünstlerin  waren. „Familien-Schnappschüsse“, dachte ich; wunderte mich aber, dass mich die Bilder weiterhin beschäftigten. Wer Carrie Mae Weems begegnet, merkt nämlich schnell, dass die eigenen Entscheidungen womöglich einer Überprüfung bedürfen:[Weiterlesen]

Frau Holle lässt es schneien
Leo Nerdette

Warum schneit es so wenig, Frau Holle?

Der Pfad zu Frau Holle erfordert Überwindung. Auch ich musste springen – vom Brunnenrand in unbekannte, schwarze Tiefe. Die alte Dame erklärte es mir: Würde ich mich weigern, könne ich das Interview vergessen. Ihr Zuhause sei eben unten! Sie käme selten nach oben und wenn, dann hätte sie Besseres zu tun als mit Journalist*innen zu sprechen. Besonders im Winter.

  • Die Rauhnächte kommen bald und ich weiß sowieso nicht, wo mir der Kopf steht.

Mir blieb also nichts Anderes übrig: Ich bin ins Unfaßbare gesprungen und – praktisch sofort – in Ohnmacht gefallen.

Drum weiß ich auch nicht genau, was bei meinem Sprung passiert ist. Auch dass ich die Diktier-App anhatte, hilft uns nicht. Zuerst rauscht die Aufnahme, dann zwitschern Vögel, eine Biene summt und wir hören einen Plumps. Irgendwas ist auf eine weiche Unterlage gefallen, denn es plumpste gedämpft. Das war ich, vermute ich.

Bei Frau Holle unten

Denn als ich wach wurde, roch ich zuerst einen Hauch Hyazinthen und Gras; durchzogen von gebackenem Brot. Ich konnte auch den Holunderblüten ausmachen. Frühlingsdüfte! Ich öffnete die Augen und sah Frau Holle sofort:

Sie saß vor dem Haus auf der Sonnenbank, hielt einen Ast Holunder im Arm. Ich war erleichtert! Frau Holle war nur eine weißhaarige Frau mit roten Wangen und einem Zwinkern in den Augenwinkeln. Sie entsprach nicht einem einzigen der Schreckensbilder, die in der Welt oben kursieren: Ein Monster mit Fangzähnen zum Beispiel, wirrem Haar und mit strengem Geruch.

Vor mir saß jedoch eine Dame. Ihre Haare hatte sie aufgesteckt; der Kragen ihrer Bluse war gestärkt. Damenhafte Umstände machte Frau Holle jedoch keine:

  • Fangen wir gleich an, wie gesagt, ich habe nicht viel Zeit!

Tja dann, Frau Holle – äh – bekannt sind Sie ja durch die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm geworden. Die beiden Märchenforscher haben Frau Holle in den Kinder- und Hausmärchen veröffentlicht. Wie leben Sie mit diesem Ruhm?

  • Hier herunten? Nicht anders als zuvor.

Hat sich gar nichts verändert?

  • Doch, wenn Sie so fragen: Ich bekomme nicht mehr viel Besuch; eigentlich verirren sich höchstens Medien hierher. Hängt das mit diesem Buch zusammen?

Ähem…

Wer glaubt noch an Märchen?

Ich fürchte, das muss an etwas Anderem liegen, Frau Holle. Das Buch war eher gute Werbung.

  • Was? Mit dieser alten Geschichte? Was ist mit dem Jungen, der mir auch geholfen hat? Jakob, ja Jakob vom Wanderzirkus. Von dem könnt ihr erzählen. Aber nein, ihr wiederholt diese Geschichte von den Grimms wieder und wieder, wie eine Schallplatte, die einen Kratzer hat. Ach nein, ich vergesse … heute hört keiner mehr Platte, heute streamt ihr.

Über Jakob gibt es einen Film. Kennen Sie den noch nicht? Dadurch wurden Sie auch solchen Menschen bekannt, Frau Holle, die nicht lesen. Eigentlich müssten sie Ihnen die Bude einrennen. Schon allein für ein Selfie!

  • Selfies… So etwas kommt mir nicht ins Haus!

Aber…

Bettenmachen bei Frau HolleIch sehe sie ständig. Kaum schüttele ich die Kissen, stürzen sie aus dem Haus, springen unter den Schneeflocken herum, knipsen, knipsen und knipsen. Vor diesem Baum, hinter jenem Strauch, unter dem Denkmal und auf dem Weihnachtsmarkt. Mit Mütze, Felljacke und in Schals gemummelt. Zehn Minuten vielleicht, höchstens! Danach gehen sie ins Haus.

Was stört Sie daran? Die Menschen freuen sich halt, Frau Holle!

  • Mir  ziehen sie den letzten Nerv. Ich mag nicht mehr. Die Kissen sind schwer, ich bin alt. Ich schüttele sie, werde aber so schnell müde. Früher haben die Menschen Schneemänner gebaut, sind herumgetollt, Schi gefahren, Eis gelaufen, haben eine Schneeballschlacht gemacht – was weiß ich. Stundenlang! Das war Freude – die Freude, die mir Energie gab.

Vielleicht holen Sie sich doch wieder Hilfe, Frau Holle. Damit Sie besser schütteln können.

  • Weißt du, wie Hilfe heute aussieht? Die wischt mehr im Handy herum als meinen Boden. Ganz zu schweigen von den Kissen. Wenn sich alle schon bei meinen Verschnaufpausen beschweren, dass es so wenig schneit! Nein, nein… kennen Sie vielleicht Jugendliche ohne Smartphone?

 Puh… leider, Frau Holle. Mir fällt da niemand ein!

Dann bin ich neben dem Brunnen aufgewacht. Neben mir das Handy, einen verkohlten Laib Brot und den Ast eines Hollunderbusches.

Frau Holle hatte wirklich wenig Zeit.

Leser*innen dieses Artikels interessierten sich auch für:

1. Kerze – Hades sucht eine Frau fürs Leben

2. Kerze – Wie Hades die Frau fürs Leben raubte

3. Kerze: Hades, verliebt in der Unterwelt

Hat dir der Artikel gefallen? Wenn ja, dann teile es doch mit deinen Freund*innen!

 

Großmutter erzählt
Nebiga

Großmutter erzählt nachts in der Stube

Dass eine Großmutter erzählt, gehört praktisch zum Berufsbild. Sie ist diejenige, der wir die Märchen verdanken – und die diese an die Enkelgeneration weitergibt. So ist die Idee. Aber woher stammt die eigentlich? Weil… wenn ich mich so umschaue… Omas heute gehen lieber in Yoga- oder Bauchtanz-Kurse und sind ständig unterwegs. Sie haben wenig Zeit im Lehnstuhl zu sitzen und den Kindern Geschichten zu erzählen.

Noch weniger entsprechen sie dem Bild, das die Brüder Grimm von ihrer Geschichten-Quelle malten. Sie wollten die Behauptung, die Märchensammlung sei rein deutsch und von nirgends her erborgt untermauern und erfanden für den zweiten Band der Kinder- und Hausmärchen eine idealtypische Erzählerin: die Viehmännin. Eine

  • Bäuerin aus dem nah bei Cassel gelegenen Dorfe Zwehrn.

Tatsächlich handelte es sich bei der vermeintlichen Bäuerin um eine zwar arme, aber gebildete Schneidersfrau mit hugenottischen Wurzeln. Die Brüder Grimm bedienten also ein schon vorhandenes Bild, um an Leser zu gelangen. Eines, das bereits im Verschwinden begriffen, aber noch im Bewusstsein der Leute vorhanden war.

Vom Berufsbild der erzählenden Bäuerin

Winter ist’s, der Schnee liegt auf den Hängen und glitzert in der Dämmerung. In der Küche ist gut geheizt. Die Öllampe spendet Licht. Kinder zausen Wolle, die Magd kämmt sie.

Drei Frauen sitzen an ihren Spinnrädern. Sogar die Altbäuerin hat ihres hervorgeholt. Sie bückt sich zum ersten Flachsbündel, reicht es der ersten Frau, streckt sich nach dem zweiten, gibt es der anderen, greift zum dritten und setzt sich auf einen dreibeinigen Schemel.

Die Bäuerin beginnt zu spinnen und die Frauen tun es ihr nach. Holzpantoffel klopfen dumpf auf den Boden, Spinnräder surren, Daumen und Zeigefinger ziehen den Faden…

  • Großmutter, bitte! Erzähl‘ uns was!

Die Frauen nicken zustimmend. Sie waren schon am Morgen vom Nachbarhof aufgebrochen; drei Stunden dauerte es, um zu kommen. Sie sind gekommen, um zu helfen. Nebenbei  hören sie Überliefertes oder Erlebtes über Ehe, Geburt, Krankheit, Leben, Tod und — die Liebe.

Die Altbäurin lächelt, dreht das Rad und zwirbelt Flachs zum Faden. Es ist als hätte sie nicht gehört. Trotzdem verstummen die Kinder. Die Magd legt ein paar Scheite in den Ofen, die in der plötzlichen Hitze knacken und  knistern. Dann räuspert sich die Bäuerin müde.

  • Es war einmal…

— so fängt es an:

Und die Großmutter erzählt

Altbäurin mit SpinnradVielleicht ist es ein Märchen, vielleicht eine Geschichte aus dem Dorf, vielleicht beides in einem. Großmutter hat eine Vorliebe für Märchen und Erzählstoffe, die mit ihren umtriebigen Händen Schritt halten.

Sie bevorzugt als Erzählzeit das Präteritum, verwendet gern die indirekte Rede und Wörter, die heute nicht mehr jede* kennt. Während sich das Spinnrad dreht und ihre Hände beständig zwirbeln —

  • Schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll

— spricht sie mit ruhiger, entspannter Stimme. Manchmal verweilt sie, übt sich in epischer Breite. Dann wieder spricht sie genauso, wie ihr Spinnrad sich dreht – monoton, stetig, wiederkehrend.

Wenn Großmutter erzählt, bricht ihre Stimme schon einmal. Man merkt ihr das Alter, den häufigen Gebrauch an. Doch solange es an diesem Abend Flachsbündel zu spinnen gibt, solange verstummt diese Stimme nicht.

Wie hört man einer Altbäuerin richtig zu?

Während Großmutter erzählt, sehen die Frauen und Kinder sie nie an. Sie sind in ihr Tun vertieft, spitzen jedoch ihre Ohren. Kein Wort darf ihnen entgehen! Je gebannter ihre Augen auf ihre Arbeit gerichtet sind, desto intensiver lebt ihr Geist in der Geschichte – und die Großmutter erzählt.

Die Holzpantoffeln klopfen, das Feuer knackt. Die Zuhörer*innen spüren die Furcht, das Erstaunen, die Liebe und Freude der Held*innen in sich. Trotzdem hören sie niemals auf zu arbeiten.

  • Je selbstvergessener der Lauschende, desto tiefer prägt sich ihm das Gehörte ein. Wo ihn der Rhythmus der Arbeit ergriffen hat, da lauscht er den Geschichten auf solche Weise, daß ihm die Gabe, sie zu erzählen, von selbst zufällt. (Walter Benjamin in seinem Essay über das Erzählen )

Bald nämlich wird eine* von ihnen erzählen müssen: Die Großmutter ahnt, dass ihr die Zeit ausgeht. Sie ist mittlerweile erschöpft; weiß,  dass sie bald keine Wolle mehr spinnen kann. Ihre Geschichten aber möchte sie weitergeben. Sie sollen weiterleben, jenseits von Geburt und Tod.

Tipp: Märchenerzähler*innen zuhören

Märchenerzähler*innen sind so unterschiedlich wie Schneeflocken. Deshalb solltet ihr genau so vielen lauschen, wie ihr finden könnt. Zur Winterzeit erzählen sie übrigens an allen möglichen Orten: auf Weihnachtsmärkten, in Schulen, in den Städtischen Büchereien, in Geschäften, beim Weihnachtsessen… hört euch einfach um! Es zahlt sich aus!

Leser dieses Artikels interessierten sich auch für:

6. Fenster: Die unterirdische Stadt Buchhaim

5. Fenster: So still kann Liebeskummer sein

4. Fenster: Barbara, die sich weigert

Hat dir das siebente Fenster unseres Adventskalenders gefallen? Wenn ja, dann teile es doch mit deinen Freunden 🙂

Abschied
Nebiga

Letzte Seite: Wo ein Abschied ist

Mein Liebes, bald ist es soweit! Der Abschied fällt mir schwer, er ist jedoch unausweichlich: Wir werden uns schließlich trennen müssen!

Natürlich ahnte ich von Anfang an, dass es mit uns so einmal enden wird… wir uns auseinander leben und Adieu sagen. In jeder Beziehung steckt ein Abschied. Mittlerweile sagt mir meine Erfahrung, wann für die Trennung der richtige Zeitpunkt ist. Ich weiß es einfach. Zu Ende ist zu Ende.

Jetzt bald ist es soweit. Es dauert nicht mehr lange. Spürst du es auch? Ja? Du willst dich ausruhen, sagst du. Mich aber drängt es weiter. Besser ist, wir gehen unserer Wege. Es soll sich nichts Unausgesprochenes zwischen uns aufstauen.

Doch bevor wir endgültig Abschied nehmen, möchte ich dir danken.

Danke für die gemeinsame Zeit, unsere Reisen, deine Ausdauer! Wir verbrachten eine wunderbare Zeit zusammen, vertrauten uns. Deshalb will ich nicht schweigen, das Unausweichliche abwarten und gehen. Ich will, dass du weißt, was für ein großartiges Wesen du bist. Dass du mit eigenen Augen liest, was ich an dir in unseren gemeinsamen Monaten schätzte.

Die Liste zum Abschied ist lang

Was an dir unvergleichlich ist? Das bist du. Das ist

  1. dein Körper. Natürlich! Sonst wären wir ja gar nicht zusammen gekommen. Mir ist sie gleich aufgefallen deine Statur, deine Haltung, dein Stil – ja, und dein Geruch. Wann immer ich dich roch, dich neben mir spürte, fühlte ich mich zuhause.
  2. deine unerschütterliche  Geduld. Nie hast du dich über Wiederholungen, Routine oder meine Wutausbrüche beschwert. Du hast mich gesehen, wie ich bin. Mich gewähren lassen, mich nur manchmal abgelenkt, so dass ich mich beruhigen konnte.
  3. wie du zuhören kannst. Egal wie absurd meine Thesen waren, du hast sie dir zunächst einmal angehört, um sie zu verstehen, bevor du sie widerlegtest.
  4. deine Hilfsbereitschaft: Du warst immer für mich da, selbst in meinen düstersten Momenten.
  5. deine Kreativität: Manchmal, wenn ich mich rettungslos verrannt habe, hast du eine Idee in mir entzündet. Du hast mich aus jedem Labyrinth rausgeführt.
  6. wie abenteuerlustig du bist! Überall hast du mich hinbegleitet… wir haben die Welt bereist. Nicht ein einziges Mal bist du zurückgeblieben.
  7. deine Widerstandskraft. Ich habe dich der Hitze und Kälte, der Nässe und Trockenheit ausgesetzt. Ein Hund hat dich gebissen. Doch du hast nicht gemurrt, bist stetig an meiner Seite geblieben, hast niemals schlapp gemacht. Unerschütterlich warst du! Heldenhaft!
  8. deine Freundschaft! Du bist ein Freund, ein richtiger Freund! Schweigst nicht still, wenn ich mich selbst verliere; weichst unangenehmen Fragen nicht aus, stellst sie auch dann, wenn du weißt, dass ich dich dafür einen Moment hassen werde.
  9. deine Ehrlichkeit. Ich kann dich alles fragen. Dein Ego beschönigt nicht, du antwortest, wie du es siehst.
  10. deine Toleranz. Anderen leihst du dein Ohr genauso, unterschiedslos: Du hörst wirklich jedem zu.
  11. dass du immer etwas mit dir selbst anzufangen wusstest, wenn ich einmal keine Zeit für dich hatte. Ja, sogar mit anderen unterwegs war.
  12. deine Großzügigkeit. Egal, worum es ging, du hast ausgeholfen. Dir war keine Liste zu dumm, kein Satz zu lang.
  13. dass du niemals Angst vor deiner eigenen Wut hattest. Sie zügeln konntest, spätestens vor der nächsten Seite.

Nun aber ist es soweit!

Ich muss gehen. Das ist unsere einzige Möglichkeit! Auf diese Weise bleiben wir Freunde, zermürben einander nicht. Lass uns lieber darauf freuen, dass wir uns irgendwann einmal wieder sehen. Ich verspreche allerdings nichts: Es könnte Jahre dauern.

Schlag‘ ich dich eines Tages doch noch auf – ja dann… dann schwelgen wir gemeinsam in Erinnerungen.

Das wird mir gefallen. Dir doch auch, oder?

Stapel Notizbücher

Leser*innen dieses Artikels interessierten sich auch für:

Meine große Liebe ist Kunterbuch

Ultimativer Diätplan für ein erfülltes Leben

Frida Kahlo: Träume? Ich male meine eigene Wirklichkeit

Hat dir der Artikel gefallen? Wenn ja, dann teile es doch mit deinen Freund*innen 🙂

Diätplan für erfüllte Tage
Leo Nerdette

Ultimativer Diätplan für ein erfülltes Leben

Für euch, die ihr genug habt! Die ihr befürchtet, Social Media süchtig zu werden – oder seid ihr es gar schon? Also für jene, die in den nächsten Wochen alles zu tun gedenken, damit sie wieder los werden, was sie in den letzten Wochen, Monaten, Jahren in sich hineingestopft haben. Ja, für die, die ein erfülltes Leben suchen –  jenseits von Social Media, eher so im Hier und Jetzt.  Genau für dich also haben wir diesen Diätplan erstellt.

Den einzig wahren – den ULTIMATIVEN Diätplan!

Unsere erkärte Mission: Wir wollen Menschen helfen, sich von unnötigem Ballast zu befreien. Auf dass sie sich wieder freier bewegen, klarer denken und öfter freuen können!

Diätplan für schlaue Köpfe

Eines schicken wir jedoch noch voraus: Wie alle Diäten ist auch diese kein Honigschlecken! Du musst hart arbeiten und einige Durststrecken überstehen. Daher solltest du gut überlegen, ob du dich unserem Plan anschließt.

Grundsätzliche Fakten

gemeinsam begleiten

  • Dauer: Sechs Wochen. Sie reichen völlig aus, nachhaltig zu entschlacken.
  • 112prozentige Erfolgsgarantie – vorausgesetzt du hältst den Diätplan tatsächlich durch.
  • Ein klarer Diätfahrplan pro Woche, von dir selbst erstellt
  • Punktesystem für Sport, kreative Aktivitäten, Treffen mit Freunden, Real life time
  • 30-50 Prozent Steigerung des Glücksquotienten sind garantiert.

Zuerst einmal die Bestandsaufnahme

Am Beginn eines Diätplans steht eine umfassende Analyse des Ist-Zustands. Daher gilt es zunächst zu sammeln,

  1. Wie viele Stunden deiner Freizeit verbringst du online?
  2. Gliedere diese Stunden in Geräte: Smartphone, PC, Tablet, TV…?
  3. Analysiere, wie lange du welche Social Media Kanäle nutzt: Dein Hauptaugenmerk liegt auf Snapchat, Instagram, Facebook, Twitter, Pinterest, You Tube, flickr…
  4. Mache dir eine exakte Liste dazu
  5. Dieser stellst du eine andere Liste gegenüber: In ihr hältst du fest, wie viel Zeit du mit Freunden, der Familie, Sport, in der Natur, auf Reisen verbringst – ohne Fotos davon sofort zu teilen.

Hast du die Bestandsaufnahme beendet, formulierst du dein Ziel: Die Stundenanzahl, die es für dich ermöglicht, entspannt deine Freizeit zu genießen. Doch sei dir bewusst: Alles, was höher als 1-2 Stunden täglich liegt, gefährdet die Zufriedenheit eines jeden Menschen.

Was gibt es zu tun?

  1. Du folgst deinem detaillierten Wochenplan.
  2. In ihm hast du Aktivitäten mit Punkten zwischen 1-5 vorgesehen – je höher die Punktezahl, desto lieber die Tätigkeit.
  3. In einem Kalender notierst du in Stichworten, was du bewältigt hast, woran du gescheitert bist.
  4. Du zeichnest dazu, wie du dich fühlst: 🙂 oder 🙁 oder 😉
  5. Jede Woche fasst du zusammen, was du anders gemacht, was du Neues kennengelernt hast und was dir daran Freude macht.
  6. Dabei verzeichnest du, um wieviel leichter du dich fühlst.

 Woche eins – Die Umstellungsphase

ErfrischenWie bei jeder guten Diät, muss sich dein Körper erst darauf einstellen, dass der Entzug von Gewohntem droht. Daher gibt es am ersten Tag nur Gemüse ohne Fett… In unserem Fall

  • darfst du durch zwei Netzwerke scrollen, aber nicht interagieren: Kein Gefällt mir, kein Teilen, keine Kommentare. Kurz, nur schauen bzw. hören!
  • gibt es NOCH kein Zeitlimit!

Am zweiten Tag gibt es

  • nur noch Netflix, ein Computerspiel oder deinen Blog/Lieblingsblog oder Ähnliches.
  • Keine sozialen Netze!
  • Zeitlimit: 3 Stunden.

Die folgenden Tage darfst du nur noch in soziale Netze,

  1. um deinen Freunden mitzuteilen, dass du eine Diät machst und sie auf dich verzichten müssen – online zumindest. Tipp: Nutze die Gelegenheit, um gleich Termine für echte Treffen auszumachen.
  2. sie um Hilfe bittest, weil du Zuspruch brauchst.

Das Zeitlimit für alle Online-Tätigkeiten gemeinsam: Maximal 1,5 Stunden.

Aufgabe der Woche: Organisiere dich! Aus diesem Grund sind noch keine Aktivitäten geplant. Doch wir haben Beispiele, wie du dich in der plötzlich frei gewordenen Zeit beschäftigen kannst:

  • Gestalte deine Wochenpläne besonders schön.
  • Überlege detailliert, was du mit der neu gewonnenen Freizeit tun könntest. Male es dir aus!
  • Schreibe eine Liste von jenen Aktivitäten, die du immer schon machen wolltest, wozu du aber nie gekommen bist. Vergiß die Punkte nicht!
  • Telefoniere viel mit Freunden,
  • Schreib‘ Briefe – keine Mails 😉
  • Lies ein Buch oder auch zwei
  • Wenn lesen nicht so deine Sache ist: Gibt es Erzähler*innen in deiner Region? Zuhören geht immer!
  • Lausche den Geschichten deiner Familie, deines Partners, deiner Freunde!

Wenn du den Drang nach einem Blick auf dein Smartphone verspürst: Lass den Moment vorüber gehen, ohne eine Aktion gesetzt zu haben. Genieße die Stille – und widme dich deiner unmittelbaren Umgebung besonders aufmerksam.

Woche zwei bis fünf: Schrittweises entschlacken

Das Zeitlimit geht Schritt für Schritt auf 0 Minuten hinunter. Das klingt schlimmer als es ist! Du arbeitest dich ja langsam vor.

Wie du es schaffst?

Zunächst einmal ist es wichtig, konsequent zu sein: Ausreden gelten nicht – auch wenn du dir plötzlich einbildest, unbedingt noch ein Dokument in der Freizeit abarbeiten zu müssen!

Arbeit bleibt im Büro, Studium auf der Uni! Zuhause online zu arbeiten, gibt es nicht. Genauso wenig wie es erlaubt ist, länger in der Arbeit zu bleiben, nur weil du deine Online-Zeit vermisst. Die Freunde triffst du persönlich oder eben nicht!

Es gab übrigens eine Zeit vor Google Maps, SnapChat oder Facebook. Wenn du gar nicht mehr weiter weißt, frag‘ deine Eltern.

Fotoalbum Nostalgie

  • Wie haben sie in der Präcomputerzeit überlebt? Haben sie überhaupt gelebt?
  • Wie konnten sie Lokale finden, wenn ihnen Google nicht den Weg wies.
  • Woher bekamen sie ihre Bücher, als es Amazon noch nicht gab?
  • Wie beantworteten sie ihre Fragen – so ganz ohne Suchmaschine?

Überlebensnotwendig ist es jedoch für dich, Balance zu halten! Für jede Viertelstunde weniger Zeit in den den Social Media Kanälen, gibt es eine Aktivität aus deiner in der ersten Woche erstellten Liste. Du tust, was du eigentlich immer schon einmal machen wolltest!

0 Minuten. Das musst du dir vorstellen: Du kommst nach vier Wochen runter auf 0 Minuten…

Ein großes, fast rundes 0…

Die letzte Woche: So fühlt es sich an zu leben

Mit Null endet der Diätplan jedoch noch nicht.

Null ist eine Leistung, eine großartige – ja!

GitarristNur – der nächste Schritt führt dich noch weiter. Er führt weg von der Aktivität hin zur Stille. Die Seele baumeln lassen – das ist deine Aufgabe in dieser Woche, 7 Tage lang…

Nein: Du musst deine Wohnung nicht putzen. Deine Mutter besuchen? Das geht doch nächste Woche noch! Regale, Papiere, Schränke ordnen… Sorry! Nein, Das einzige, was erlaubt ist:

Ruhe, Stille, Nachdenken. Kreativ sein.

Das ist es.

Du wirst sehen: Voller kriegst du deine Tage nie mehr wieder!

Tipp: Ein Beispiel, wie es noch geht

Den kalten Entzug hat Jan Rein durchgezogen. Seit einem halben Jahr lebt er Social Media frei. Wie er damit lebt und was es ihm bis jetzt gebracht hat, lest oder hört ihr am besten selbst!

Leser dieses Artikels interessierten sich auch für:

Orte, wo ich auf Reisen schreiben kann

Wie erkennst du Falschmeldungen

Wer sich heute auf die Suche begibt

Hat dir der Artikel gefallen? Dann teile ihn doch weiter:

Auf Reisen schreiben
Leo Nerdette

Orte, wo ich auf Reisen schreiben kann

Schreib-, Küchen- und Wohnzimmertische: Das sind die am häufigsten genannten Plätze, wenn Leute erzählen, wo sie schreiben. Österreicher runzeln da gern die Stirn: „Im Café“, sagen sie. Aber auch Cafés gibt es nicht immer.

Globetrotter müssen beim Schreiben improvisieren. Es soll Länder geben, wo es an Tischen fehlt, auch in Zügen; wo jemand, der alleine sitzt und schreibt oder liest, als „traurig“ gilt und aufgeheitert werden muss; wo Hotelzimmer so niedrig und schmal sind, dass es schwierig ist, im Bett aufrecht zu sitzen, geschweige denn dass Tisch und Stuhl vorhanden sind. Trotzdem will und muss ich auf Reisen schreiben, mich für eine oder zwei Stunden auf ein Thema konzentrieren. Bloggen, Geschichten erfinden, Gespräche notieren…

Welche Lieblingsplätze habe ich also, wenn ich unterwegs bin? An welchen Orten verbinde ich Reisen und Schreiben; tauche ich ab, weg in eine andere Welt. Höre nichts, beobachte und denke mir meinen Teil.

Lieblingsplätze?

Notlösungen, nennen es Andere. Diese Orte sind aber meine Favoriten, geordnet nach Prioritäten. Die Liste habe ich nach meinen liebsten Schreiberinnerungen erstellt.

Auf Reisen: Das Schreibplatz-Ranking

Platz 5: Im Bus/Zug oder Auto

Ich fahre gern Auto. Allein. Schlaue Menschen aber, die meinen, besser, schneller und versierter zu fahren, dürfen mich kutschieren. Und nachdem jeder einzelne, den ich kenne, davon überzeugt ist, der beste Autofahrer zu sein, genieße ich mein Leben als Beifahrerin. In Schweigen.

Wenn sich die Fahrer umsehen, um nachzusehen, warum ich so wortkarg bin, wundern sie sich. Zumindest beim ersten Mal. Wie kann es sein, dass ich auf meiner Tasche in ein Notizbuch kritzle? Es gibt doch genügend Gegend zum Beobachten, interessante Gesellschaft und dann… die Ruckelei! Aber ich schreibe und nehme nicht einmal wahr, wenn der Fahrer weiterzappt – Patty Smith durch Rap ersetzt.

Platz 4: Das Bett

Truman Capote liebte es, Sigmund Freud auch – die Reihe derer, die im Liegen schrieben, ist lang. Tintenflecke auf weißem Laken sind heutzutage ja auch kein Ärgernis mehr. Wer schreibt den noch per Hand, mit Kuli oder Feder? Wir greifen einfach zum Nachtkästchen hinüber. Dort liegt Tablet oder Laptop zum Arbeiten bereit. Wir führen ohne der Ahnväter Probleme die Tradition weiter: Im Bett entstehen Geschichten, ja sogar Romane! Das bewies schon Marcel Proust.

Das berühmteste Bett, in dem ich schrieb?  Frida Kahlos Schlaf-, Mal – und Werkstatt… Ihr Bett mussten Arbeiter in das Museum Bellas Artes tragen – mitsamt der Künstlerin. Sie konnte nicht mehr gehen, sollte und wollte der Ausstellung aber beiwohnen.

Auf der berühmten Kante saß ich Jahrzehnte später, notierte und wartete. Es dauerte eine Weile, bis sich die Menschenmenge vom Schlafzimmer in den Garten verlief.

Platz 3: Terasse mit Ausblick

Reisen und der Allgäu, GebirgspanoramaGebirgspanoramen regen die Phantasie an. Vor allem dann, wenn sie in das Licht eines Sonnenuntergangs  getaucht sind. Dafür verbringe ich schon einmal ein paar Stunden auf einer zugigen Terasse: Finger frieren, der Atemhauch rieselt fröstelnd auf das Tischtuch und der Tee vor mir wärmt schon lange nicht mehr.

„Komm schon, wir gehen!“

Nicht doch! Ein Satz geht noch, nur noch einer… warte, da fällt mir ein… nein, fallen mir zwei… oder waren es drei…

Wer auf mich wartet, kann nur hoffen, dass die Sonne bald verschwindet.

Platz 2: Des Menschen ureigene Unterlage

Für Strand, südlichere Gefilde oder die Wüste hat sich dieser Ort leider als ungeeignet erwiesen: Tablets und Laptops laufen warm. Das kann auf Oberschenkeln ziemlich ungemütlich werden.

Dafür muss man gar nicht weit reisen: Teliko Tarnovo, Bulgarien, schafft schon mal 40 Grad Celsius im Sommer. Im April heizte sich mein Tablet dermaßen auf, dass es sich von selbst ausschaltete. Gut so! Denn meine Oberschenkel rauchten…

1. Auf dem Koffer

Flughäfen, Grenzübergänge und Bahnhöfe: ein spezieller Fall. Sie haben des öfteren keine Sitzplätze. Grenzgängern und fahrendem Volk darf es nicht zu bequem gemacht werden!

Tijuana, Mexiko, Grenzübergang zu San Diego, USA, ist keine Ausnahme. Eines Nachts verweigerte der US-Zollbeamte Reisenden den Wartesaal. Der Grund: Das Computersystem sei zusammengebrochen. Wir müssen draußen warten.

Warum?

Vorschrift.

Wie lange?

So lange die Reparatur dauert.

Tijuanas Grenzübergang verlässt niemand nachts freiwillig. Selbst hartgesottene Mexikaner nicht. Wir scharrten uns um die Grenzstation, harrten der Dinge. Die meisten stehend. Von 22 Uhr bis vier Uhr morgens.

In diesen Stunden habe ich meinen Koffer schätzen gelernt! Notizbuch und Stift auch.

Ich hatte viel zu schreiben.

Und du? An welchen Orten schreibst du?

Was sind deine Lieblingsorte? Wo geht dir das Schreiben leicht von der Hand?

 Leser dieses Artikels interessierten sich auch für:

Steckbrief: Wie ein Protagonist entsteht – Teil 1

Perspektive: Wer erzählt denn nun?

Wo ist der beste Platz zum Schreiben?

Hat dir der Artikel gefallen? Dann teile ihn doch:

ebooks sind keine Bücher
Leo Nerdette

Weil ebooks keine Bücher sind

Liebe ebooks-Freunde,

da wollte ich einem von Euch zum Ankommen im neuen „Lebensmittelpunkt“-Land ein Buch schenken.

  • Schick mir deine Adresse, bat ich.
  • Nicht nötig, mir genügt ein Titel.

Er würde es kaufen, downloaden und lesen. Wie ebooks-Leser es eben gewohnt sind zu tun. So leicht. So gut. Damit hätte ich dann den Zweck meiner Geschenkidee erreicht. Habe ich?

Ich leitete meine Empfehlung weiter. Bei Gelegenheit würde er es sich runterladen.

Passt schon, denke ich. In der haptischen Welt ist es mit geschenkten Büchern auch nicht anders. Und doch. Irgendwie war es nicht ganz das, was ich mit meinem Geschenk sagen wollte. Es fehlte etwas… das brachte mich zum Grübeln.

Was war denn nun anders? Bücher bleiben doch Bücher, egal ob gedruckt oder digital. ebooks haben den gleichen Inhalt. Sie sagen also das Gleiche aus. Oder etwa nicht? Was bedeuten für mich die bedruckten Bände, die so schwer in der Hand liegen? Was wollte ich mit dem Geschenk sagen?

Bücher und ebooks sind Wegbegleiter

Als ich vor Jahren am Flughafen Benito Juarez stand und auf den Transport zu meiner neuen Wohnung im mir fremden Land wartete, hatte ich Kind und zwei Koffer bei mir. Je Koffer waren damals 25 Kilo erlaubt. Damals. Im Gepäck kullerten auch die Kosmetikartikel noch frei herum, zwischen ein paar Kleidungsstücken, Geschenken und – natürlich – Büchern. Vier Stück in jedem – mehr ging nicht: Nur meine Bibeln – Bücher, die ich auf gar keinen Fall missen wollte. Den Rest hatte ich trockenen Auges verlassen, fünf Kisten bereits vor Jahren in der Elternwohnung – Kinder- und Jugendbücher. Hoch oben hatte ich sie verstaut, nicht leicht wieder herunter zu holen.

Einen Teil der Bücher, die mich durch das Studium begleitet hatten, hatte ich an ein Antiquariat verkauft. Spottbillig – zwei Schilling pro Buch. Trotzdem war eine schöne Summe zusammen gekommen. Ich hatte jahrelang Bücher gesammelt wie andere Lesezeichen im Browser. Chaotisch zwar, aber immer nach meinen Vorlieben.

Zehn Kisten davon schickte ich aufs Land – zum Frische Luft-Atmen. Zu ihnen wollte ich zurückkommen. Sie hatte ich fein säuberlich in Butterbrotpapier eingewickelt, geschlichtet, fürsorglich verstaut. Eines Tages würde wir uns wiedersehen, irgendwann dann…

Hätte es damals schon ebooks gegeben, hätte ich mich nicht trennen müssen.

 

Abstand tut schon auch mal ganz gut

Frau - glücklich, freiWie ich so in der Ankunftshalle des Flughafens stand und auf einen Transport wartete, fühlte ich mich befreit, leicht, bereit für Neues. Ich war in ein Land geflogen, dessen Sprache ich nicht sprach – und war gekommen, um zu bleiben. Wie lange? Das würde sich herausstellen.

Die Bücher des Landes waren mir zunächst einmal verschlossen. Zu ihnen musste ich mir erst Zugang verschaffen: die Sprache lernen, Neues erfahren, selber denken.

Vertrauten Wegen konnte und wollte ich in den nächsten Wochen nicht folgen; zu viele Eindrücke stürzten auf mich ein. Zurück ziehen und lesen war nicht drin. Das war gar nicht üblich in diesem Land. Wer allein saß, ging oder blieb, galt als einsam, vernachlässigt, traurig – Zustände, die dem Bild der allgegenwärtigen Gastfreundschaft zuwider liefen.

Nur nachts in meinem Zimmer, nahm ich hin und wieder eine meiner vier Bibeln in die Hand, las wenige Seiten – für mehr war ich zu überwältigt.

Wenn die Sehnsucht überhand nimmt

Vier Monate später aber hatte das Gefühl von Freiheit der Neugier Platz gemacht.

Unter Arkaden büffelte ich die Landessprache anhand von Artikeln aus Magazinen. Interessant schienen alle möglichen Ressorts zu sein. Wie ein Staubsauger nahm ich alles auf: Sogar die Gespräche im Mikrobus klangen spannend. Hauptsache die Sprache stimmte.

Bücher Chaos So hortete ich ein Sammelsurium an Wissen über Dinge, Personen, Ansichten, von denen ich bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. In meiner neuen Heimat gehörte dies alles zum alltäglichen Umgang, jeder kannte sie – die Namen, die Geschichten, die Skandale. Niemand dachte darüber nach, woher er es wusste. Es half zu überleben, mitzureden und dabei zu sein.

Ich war mit den Wochen nach diesem Wissen hungrig geworden, wollte endlich entschlüsseln, was unter den Leuten brodelte, gesagt und verstanden wurde. Beobachten allein reichte nicht mehr.

Zwar hatte ich mir mittlerweile ein loses Geflecht an Anknüpfungspunkten geschaffen, aber das noch grobmaschige Netz war eingebettet in das alte Bezugssystem, das System eines anderen Kontinents. Eines arroganten, sich als das Zentrum der Welt empfindenden Kontinents. Das sollte sich ändern, denn Mark trat in mein Leben. Mark, der Texaner.

Bücher kommen, wenn sie willkommen sind

Mark hatte bereits zwölf Jahre lang im Land verbracht, ein Kind und lebte in Scheidung. Er brauchte einen Platz für sich. Einen, wo am Wochenende sein Kind willkommen war. Er zog bei uns ein – und mit ihm kam auch seine Bibliothek.

Hunderte Bücher in Obstkisten, gestapelt – Kunst, Sprache, Musik, Religion, Philosophie, Geschichte… es nahm kein Ende. Wir schleppten die Kisten einen Vormittag lang, stapelten Wände voll und füllten so den gut 30 Quadratmeter großen Raum, der sich bald schon als das Zentrum unseres Hauses entpuppen sollte. Denn in seinem eigenen Zimmer hätte Mark sie nicht unterbringen können, nicht, wenn er oder sein Kind sich noch bewegen wollten.

Heimat ist… wenn das richtige Buch in der Bibliothek steht

Abends saß ich am Boden, mitten in der Obstkisten-Bibliothek, und staunte eine völlig neue, doch vertraute Welt an. Ein Universum. So viele Empfehlungen, Einladungen und Möglichkeiten, den Kontinent, das Land, Denken und Leute kennenzulernen. Es machte mich neugierig und gleichzeitig unsicher. Ich brauchte etwas Vertrautes, etwas von dem ich ausgehen, den neuen Kontinent erobern konnte. Einen Anfang.

Zunächst fand ich ihn nicht. Ich versuchte es. Wirklich! Ich stellte meine Bibeln in die Obstkisten dazu – sie reihten sich ein, blieben aber fremd. Da war ein Abgrund dazwischen, ein Verbindungsglied fehlte.

Ich las ein Stückchen auf der einen Seite, ein paar Absätze auf der anderen, breitete die Bücher aufgeschlagen vor mir auf, wanderte umher, strich über die Einbände, blätterte, schnupperte, roch das Papier, suchte – suchte die Brücke, den Übergang.

An diesem Abend fand ich sie nicht. Auch Tage danach noch nicht. Ich stöberte, aber tauchte nicht wirklich ein, blieb fremd.

Bis von einem Freund der alten Welt ein Päckchen mit der Post kam. Darin lag ein kleiner roter Band der Reihe Salto vom Wagenbach Verlag: des Katalanen Manuel Vázquez Montalbán. Montalbán beschreibt seine Reise zu den Nachfahren der Mayas im Bundesstaat Chiapas in Mexiko. Er erzählt, wie er, der Europäer, auf Subcomandante Marcos – militärischer Führer der indigenen Bevölkerung Chiapas – wartet, um ein langes Gespräch mit ihm zu führen.

Ein paar Stunden nur, dann war ich durch. Ich stellte das Bändchen zu den anderen Büchern. Es fügte sich, verband das Vertraute mit dem Fremden. Die Brücke war da.

Ich war angekommen, war zuhause. Genau dieses Gefühl, liebe e-books-Freunde, wollte ich weitergeben. Dieses Mal bin ich gescheitert. Beim nächsten Mal gebe ich mich nicht so leicht geschlagen. Da bin ich mir sicher!

Auf bald

Eure Leo

Globetrotter-Tipp in Sachen ebooks

Zum Unterwegs-Sein sind ebooks durchaus eine großartige Erfindung. Handlich, leicht und solange die Batterie reicht, sind sie äußerst nützlich. Wenn du folgende Punkte beachtest, wirst du sogar glücklich damit:

  • Lade vor deiner Reise nur jene Bücher herunter, die du lesen möchtest. Besondere Freude macht es, schwere Schinken runterzuladen.
  • Wenn dir eines der Bücher wirklich gut gefallen hat, leiste es dir als „echtes“ Buch für dein Bücherregal.
  • Stell dich mindestens einmal die Woche vor dieses und genieß‘ es!
  • Geh‘ regelmäßig in Buchhandlungen – ja Bibliotheken gehen auch – schmöckere und atme vor allen Dingen diese Luft ganz tief ein, die Lust zum Lesen macht.
  • Halte dir den Platz zuhause für genau diejenigen Bücher frei, die du liebst. Gelegenheitsbekanntschaften und Fehlgriffe  können im e-books-Archiv verbleiben. Regelmäßiges Ausmisten hilft.

Leser dieses Artikels interessierten sich auch für:

Kunde vom Goldmund Erzählfest

Märchen trifft auf Philosophie

Die unterirdische St adt von Buchhain

Hat dir der Artikel gefallen? Wenn ja, dann teile es doch mit deinen Freunden 🙂