Feuer
Nebiga

Die Hexen sind im Dorf

Niemand wusste, wann es angefangen hatte, aber alle waren sich einig: Die Töchter vom Ammer-Hof hatten kein gutes Wort füreinander. Wie Hexen bespukten sie sich mit Gift und Galle. Das war schon so, als sie Kinder waren, behaupteten die Tabernakelschwalben. Jene drei Frauen, die jeden Tag zum Beten in die Kirche kamen und nachher schwatzten:[Weiterlesen]

Nebiga

Baba Jaga heute: Warum sie Albträume hat

Gut, dass Baba Jaga heute so zurückgezogen lebt! Schon vor langem ihr Hüttchen auf Hühnerbeinen noch tiefer zwischen die Bäume hineingetrieben hat. Dorthin, wo der Wald so dicht und dunkel ist, dass man die Hand vor den Augen und die Füße auf dem Weg nicht sieht. Hätte sie nicht so früh Maߟnahmen ergriffen, müsste sich Baba Jaga jetzt gegen Anhänger wehren.Gegen „Fäns“ oder „Followers“, die in Bussen zu ihr pilgern; sie zwecks tiefsinniger Prophezeiungen löchern und Heilsalben von ihr fordern.

Sie müsste tagtäglich Menschen riechen, besonders an den Wochenenden. Diese stünden Schlange, um „Großmütterchen“ zu sehen.

Großmütterchen, ha!

Baba Jaga heute sieht anders ausUnd Baba Jaga dürfte heute keinen fressen; müsste die vom verlockendem Menschenduft geblähten Nasenlöcher freundlich kräuseln und sich Fragen widmen. Den Nerv tötenden Fragen über die Zukunft der Welt, das Liebesglück einzelner oder die Anzahl der Jahre ihrer armseligen Leben.

Als interessierten die weise Alte Nichtigkeiten wie diese…

  • Wie ein Krieg ausgeht zum Beispiel, ob ein Land mehr Recht hat zu siegen als das andere,
  • wer die kommende Wahl gewinnt und
  • wie lange voraussichtlich jemand an der Macht bleibt.

Schwesterchen Wanda aus Petrich, Bulgarien

Baba-VangaIn Petrich, Bulgarien, zum Beispiel war eine ihrer zwei Schwestern, eine der drei Babas der slawischen Welt, tatsächlich mit der Frage nach Spielergebnissen der Nationalmannschaft konfrontiert: Ein Schnauben war Schwesterchen Wanda das wert.

Danach hatte es gleich geheiߟen, zwei Mannschaften mit B würden es ins Finale der Weltmeisterschaft 1994 schaffen. Dass die Bulgaren dann im Viertelfinale gegen Italien verloren, entäuschte die hohen Erwartungen.

Sterbliche interpretieren, manipulieren und machen auch nicht vor Mythen halt.

Das würde Baba Jaga erwarten

Baba und ihr neues Haus

  • Heute hätte Baba Jaga Umsatzsteuer auszuweisen, einen eigenen Registereintrag und eine Website.
  • Vor ihrem Haus, einem, das extra für sie gebaut worden wäre, würde eine Frau Heilsalben, natürliche Kosmetikas und Fläschchen mit Kräutertinktur an Touristen und Ratsuchenden verkaufen. Diese Frau säße Tag für Tag auf der Stufe, ohne im Geringsten zu ahnen, wie ihr Menschenduft den Appetit der ach so liebenswürdigen Kräutersammlerin im Haus anregt.

Liebenswürdig? Harmlos? Blind sind sie, die Menschen!

Die meisten Menschen erkennen nicht, wer Baba Jaga tatsächlich ist. Sie bemerken die Totenschädel mit den glühenden Augen in ihrem Garten nicht, obwohl diese Tag und Nacht leuchten. Sie sehen auch die drei Reiter nicht: den Morgen, den Abend, die Nacht.

Die Ahnungslosen!

  • Auf Youtube-Videos würden Vorhersagen, die angeblich von ihr stammten, im Wortlaut weiterverbreitet, kommentiert und zur Auslegung der vielgerühmten Schwarmintelligenz vorgelegt.
  • Baba Jaga müsste heute ungezählten Selfies beiwohnen, die dann mithilfe von Suchmaschinen weltweit aufzufinden sind.
  • Ihre Lebensgeschichte hätten geschäftstüchtige Männer verfilmt. Im Fernsehen würden Politiker mit ihr auftreten. Hitler hatte angeblich Baba Wanda besucht – und Todor Schivkov, lange Jahre Diktator Bulgariens, zählte zu den „Stammkunden“.

Kein Wunder, dass Schwesterchen Wanda sich zum Sterben hingelegt und ihre Seele lieber nach Frankreich geschickt hatte. Sie wußte, dort würde einmal ein Kind geboren: blind, wissend, eigenartig – eine alte Seele.

Wer Baba Jaga heute sucht…

Wer Baba Jaga im Jahr 2020 um Rat fragen will, muss in die Stille gehen. Das Smartphone ausschalten.

Seid beruhigt, es kann den Weg sowieso nicht leuchten.

Wer Baba Jaga heute sucht, muss sich wie früher jeden Schritt in Dunkelheit ertasten. Die Weise hat sich rar gemacht, dreht den Eingang ihres Hüttchens nur noch zu, wenn es dreimal klopft: von der Liebe, von der Seele – und vom Tod.

Der Weg zu Baba Jaga ist also beschwerlich, sie duldet keine Ablenkung.

Und es ist der Alten egal, ob es gefällt oder nicht. Bei ihr gibt es sowieso keinen Empfang.

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Frau Holle lässt es schneien
Leo Nerdette

Warum schneit es so wenig, Frau Holle?

Der Pfad zu Frau Holle erfordert Überwindung. Auch ich musste springen – vom Brunnenrand in unbekannte, schwarze Tiefe. Die alte Dame erklärte es mir: Würde ich mich weigern, könne ich das Interview vergessen. Ihr Zuhause sei eben unten! Sie käme selten nach oben und wenn, dann hätte sie Besseres zu tun als mit Journalist*innen zu sprechen. Besonders im Winter.

  • Die Rauhnächte kommen bald und ich weiß sowieso nicht, wo mir der Kopf steht.

Mir blieb also nichts Anderes übrig: Ich bin ins Unfaßbare gesprungen und – praktisch sofort – in Ohnmacht gefallen.

Drum weiß ich auch nicht genau, was bei meinem Sprung passiert ist. Auch dass ich die Diktier-App anhatte, hilft uns nicht. Zuerst rauscht die Aufnahme, dann zwitschern Vögel, eine Biene summt und wir hören einen Plumps. Irgendwas ist auf eine weiche Unterlage gefallen, denn es plumpste gedämpft. Das war ich, vermute ich.

Bei Frau Holle unten

Denn als ich wach wurde, roch ich zuerst einen Hauch Hyazinthen und Gras; durchzogen von gebackenem Brot. Ich konnte auch den Holunderblüten ausmachen. Frühlingsdüfte! Ich öffnete die Augen und sah Frau Holle sofort:

Sie saß vor dem Haus auf der Sonnenbank, hielt einen Ast Holunder im Arm. Ich war erleichtert! Frau Holle war nur eine weißhaarige Frau mit roten Wangen und einem Zwinkern in den Augenwinkeln. Sie entsprach nicht einem einzigen der Schreckensbilder, die in der Welt oben kursieren: Ein Monster mit Fangzähnen zum Beispiel, wirrem Haar und mit strengem Geruch.

Vor mir saß jedoch eine Dame. Ihre Haare hatte sie aufgesteckt; der Kragen ihrer Bluse war gestärkt. Damenhafte Umstände machte Frau Holle jedoch keine:

  • Fangen wir gleich an, wie gesagt, ich habe nicht viel Zeit!

Tja dann, Frau Holle – äh – bekannt sind Sie ja durch die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm geworden. Die beiden Märchenforscher haben Frau Holle in den Kinder- und Hausmärchen veröffentlicht. Wie leben Sie mit diesem Ruhm?

  • Hier herunten? Nicht anders als zuvor.

Hat sich gar nichts verändert?

  • Doch, wenn Sie so fragen: Ich bekomme nicht mehr viel Besuch; eigentlich verirren sich höchstens Medien hierher. Hängt das mit diesem Buch zusammen?

Ähem…

Wer glaubt noch an Märchen?

Ich fürchte, das muss an etwas Anderem liegen, Frau Holle. Das Buch war eher gute Werbung.

  • Was? Mit dieser alten Geschichte? Was ist mit dem Jungen, der mir auch geholfen hat? Jakob, ja Jakob vom Wanderzirkus. Von dem könnt ihr erzählen. Aber nein, ihr wiederholt diese Geschichte von den Grimms wieder und wieder, wie eine Schallplatte, die einen Kratzer hat. Ach nein, ich vergesse … heute hört keiner mehr Platte, heute streamt ihr.

Über Jakob gibt es einen Film. Kennen Sie den noch nicht? Dadurch wurden Sie auch solchen Menschen bekannt, Frau Holle, die nicht lesen. Eigentlich müssten sie Ihnen die Bude einrennen. Schon allein für ein Selfie!

  • Selfies… So etwas kommt mir nicht ins Haus!

Aber…

Bettenmachen bei Frau HolleIch sehe sie ständig. Kaum schüttele ich die Kissen, stürzen sie aus dem Haus, springen unter den Schneeflocken herum, knipsen, knipsen und knipsen. Vor diesem Baum, hinter jenem Strauch, unter dem Denkmal und auf dem Weihnachtsmarkt. Mit Mütze, Felljacke und in Schals gemummelt. Zehn Minuten vielleicht, höchstens! Danach gehen sie ins Haus.

Was stört Sie daran? Die Menschen freuen sich halt, Frau Holle!

  • Mir  ziehen sie den letzten Nerv. Ich mag nicht mehr. Die Kissen sind schwer, ich bin alt. Ich schüttele sie, werde aber so schnell müde. Früher haben die Menschen Schneemänner gebaut, sind herumgetollt, Schi gefahren, Eis gelaufen, haben eine Schneeballschlacht gemacht – was weiß ich. Stundenlang! Das war Freude – die Freude, die mir Energie gab.

Vielleicht holen Sie sich doch wieder Hilfe, Frau Holle. Damit Sie besser schütteln können.

  • Weißt du, wie Hilfe heute aussieht? Die wischt mehr im Handy herum als meinen Boden. Ganz zu schweigen von den Kissen. Wenn sich alle schon bei meinen Verschnaufpausen beschweren, dass es so wenig schneit! Nein, nein… kennen Sie vielleicht Jugendliche ohne Smartphone?

 Puh… leider, Frau Holle. Mir fällt da niemand ein!

Dann bin ich neben dem Brunnen aufgewacht. Neben mir das Handy, einen verkohlten Laib Brot und den Ast eines Hollunderbusches.

Frau Holle hatte wirklich wenig Zeit.

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Saftige Äpfel von einer Hexe
Nebiga

Was will die Hexe im Apfelbaum?

Es war einmal auf der Landstraße zwischen Reichenberg und Gablonz ein Apfelbaum. Der war alt und ließ seine Äste hängen; seine Äpfel machten auch nichts mehr her. Sie waren sauer und ihre Schale hart. Niemand wollte sich an denen die Zähne ausbeißen.

Einmal aber reiften plötzlich saftige, rotbackige Äpfel heran. Sie leuchteten schon von weitem, so dass euch das Wasser im Munde zusammengelaufen wäre, wenn ihr nur damals schon auf der Welt und dort vorbeigekommen wäret. So aber staunte ein Tuchweber und schaute sich das näher an.

Wenn einer nicht widerstehen kann

Hexe im ApfelbaumEi, wie sehr wollte er in einen Apfel hineinbeißen; sich den Saft übers Kinn rinnen lassen. Er konnte nur keinen erreichen. Denn auf den unteren Ästen baumelten keine Früchte – nur dort droben, ganz hoch.

Der Tuchweber entschied sich zu klettern.

Er schwang sich auf einen Ast des Apfelbaums, dann auf den nächsten und dann noch auf einen anderen. Schließlich griff er sich einen Apfel. Schon wollte er hineinbeißen, stellte sich vor, wie er schmecken würde  –

Zinn Zinnoberrot! Was fällt dir ein! Stiehlst mir meine Äpfel, du!

Der Tuchweber fuhr zusammen, als er ein altes Weiblein im Baum hocken sah.

Die Apfelhexe!

hexe am flugSchnell wollte er vom Apfelbaum springen. Denn er hatte schon viel zu viel von ihr gehört:

  • Da war Hans, der Hundefänger, den sie drei Tage in einem Weidenkorb eingesperrt,
  • dann Theodor, der Taschendieb, dem sie die Diebesbeute gestohlen
  • und schließlich Käthe, die Kupplerin, der sie die Nase langgezogen hatte.

Kein Wunder, dass der Tuchweber sich so schnell wie möglich davonmachen wollte. Nur klappte es nicht; er hing nämlich fest!

Die Hexe im Apfelbaum kicherte.

So schnell kommst du mir nicht davon! Zuerst musst du mir die Zeit vertreiben. Erzähl‘ mir eine Geschichte!

Der Tuchweber wunderte sich, wie billig er davonkommen sollte. Er wusste viele Geschichten, war er doch als Handwerksbursch gereist.

Ihr wisst ja –  wer eine Reise tut…

Deshalb wusste der Geschichten… Geschichten… zum Beispiel von der Nachbarin, die den Nagel immer auf den Kopf getroffen hatte. Wie sie dem Handwerksburschen des Tischlermeisters über Nacht gezeigt hat, wie man ein Boot baut. Mit dem sie dann fortsegelt.

Dieses Ende gefiel der Apfelhexe. Sie riss einen Apfel vom Ast ab und gab ihn dem Tuchweber. Kaum hat der einen Bissen davon gekaut und runtergeschluckt, war der Hunger weg. Zum Essen blieb ihm aber auch gar keine Zeit.

Erzähl weiter!

Also erzählte der Mann:

Von der gefräßigen Raupe, die den Obstgarten vertrocknen ließ. Sie entschied sich vor lauter Appetit dazu, sich nicht zu verpuppen und kein Schmetterling zu werden; sie wollte lieber einfach in Nachbarsgarten weiterfressen.

Diese Geschichte mochte die Hexe nicht so. Sie fuhr dem Tuchweber mit ihren scharfen Nägeln übers Gesicht. Das tat weh – doch schon musste er weiter erzählen, weiter und weiter: Den ganzen Tag über redete der Weber. Erzählen musste er – alles von den Leuten im Dorf und den Dörfern ringsum – alles, was er wusste. Wenn es der Hexe gefiel, lobte sie und gab ihm einen Apfel. Aber wehe, wenn nicht. Dann setzte sie ihre Nägel ein.

Als es tiefe Nacht war, sagte sie:

Jetzt denk‘ nach! Morgen will ich Bess’res hören. Wenn nicht, ergeht es dir schlecht!

So grübelte der Weber die ganze Nacht. Kein Auge hat er zugetan. Was nur, was, gab es noch, das der Hexe gefallen könnte? Er wälzte Ideen… waren sie gut genug? Würden sie der Hexe gefallen? Ja, er dachte dort oben im Apfelbaum so lange nach, dass er am Morgen heiser und sein Kopf leer war. Völlig leer.

Dummer Tor

schimpfte die Hexe und warf ihn vom Baum. Der Tuchweber brach sich einen Arm und ein Bein dabei und humpelte davon. Froh, so glimpflich davongekommen zu sein.

Im Apfelbaum versammelt sind…

Kurz danach lief einem Fassbinder das Wasser im Munde zusammen, als er am Apfelbaum vorbeikam. Er kletterte in die Krone. Doch war er maulfaul. Das munkelte man zwar schon länger im Dorf, aber nun erwies es sich: Er konnte den Apfel nicht bezahlen – und so flog er in einem so hohen Bogen aus dem Geäst, dass er alle seine Glieder zusammenklauben musste.

Der nächste war der Dorfpolizist. Auch er konnte dem Lockruf der Äpfel nicht widerstehen! Ihm fielen einige Geschichten ein:

  • von seiner Jagd auf einen Zirkusfloh zum Beispiel. Wie sich der im Hemd der Bürgermeisterin versteckt hat.
  • von der wandernden Vogelscheuche, die sich die Felder aussuchen konnte und dementsprechend heikel war
  • vom Taschendieb auf dem Jahrmarkt von Reichenberg. Der hatte einen Knopf in den Klingelbeutel geworfen.

Dann aber war Schluss. Der Dorfpolizist wusste nichts mehr zu erzählen. Sofort plumpste er vom Baum. Just in diesem Moment kam ein Heuwagen vorbei, sodass er weich fiel. Vielleicht deshalb, weil die Hexe bei allen seinen Geschichten lachen musste.

Von einer, die alles weiß

Der Schneider war der nächste. Er erzählte

  • von der dummen Augustine, die so gerne Königin werden wollte,
  • vom kleinen Ferkel, dem die fünfjährige Tine tanzen lehrte,
  • von der Schustermeisterin, die Pferden Schuhe anpasste.

Am Ende jeder Geschichte wiegte er den Kopf:

So ist es wirklich passiert. So  hat es mir meine Frau, die Schneidermeisterin, erzählt.

Schließlich wurde es der Apfelhexe zu bunt:

Alles hast du von deiner Frau gehört. Wie’s scheint, ist die viel klüger als du!

Was kann man sagen, wenn etwas wahr ist.

Viel klüger! Die weiß alles besser. Weiß, was landauf, landab vor sich geht!

Schick sie her! Sie soll mir die Zeit vertrieben!

Als der Schneider am Abend nach Hause kam, ging sofort ein Donnerwetter auf ihn nieder.

Jetzt erst kommst du? Wo hast du dich herumgetrieben? Immer muss ich alles alleine machen…

War das ein Gezänk und Geschrei! Erst nach einer Weile, in einer klitzekleinen Verschnaufpause, kam der Schneider dazu vom Apfelbaum zu erzählen.

Der trägt Früchte, die sind so süß und saftig, dass du dich nicht satt essen kannst!

eine Schüssel voll ÄpfelMehr brauchte die Schneidermeisterin nicht zu wissen! Äpfel waren ihr Lieblingsobst – und sie wollte einen Apfelstrudel backen. Sie forderte ihren Mann auf, ihr den Baum zu zeigen.

Sich zu zieren, half nichts. Der Schneider musste mit ihr zum Baum gehen. Dort ließ er seiner Gattin galant den Vortritt.

Kaum war die Schneidermeisterin im Geäst, stürzte sie sich auf einen der Äpfel. Ihr wisst ja, wie das ausgeht…

Mehr als wir Anderen wusste die Schneidermeisterin aber auch nicht. Dafür hatte sie allerdings das loseste Mundwerk zwischen dem Jeschken- und Isargebirge. Sie  klatschte d‘rauflos und hört auch heute noch nicht damit auf.

Die Hexe kletterte hurtigst vom Baum herunter. Solch ein Gewäsch hatte sie noch nie vernommen! Die Ohren klangen ihr noch wochenlang davon.

Im Apfelbaum droben blieb die Schneidermeisterin allein hocken. Sie wartet auf jemanden, der sie da runterholt. Weil die Äpfel aber wieder verschrumpelt sind, kümmert sich keiner mehr um den Apfelbaum zwischen Reichenberg und Gablonz.

Und so kommt es wie es kommen muss: Wenn die Schneidermeisterin noch nicht gestorben ist, dann hockt sie noch heute da oben.

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Märchen trifft auf Philosophie

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Wer bringt die Geschenke
Leo Nerdette

Geschenke – Wer bringt sie denn nu?

Ach Weihnachten! Stille, erholsame Zeit. Tage der Geschenke und der Nostalgie! Wir wissen alle, wie sie sein sollen…

  • Schnee fällt; im Kamin prasselt Holz; daneben steht eine Tanne, mit Glaskugeln und Bienenwachskerzen geschmückt. Über dem Kamin hängen Socken – naja, eher wollene Kniestrümpfe, aber sei’s drum – und auf dem Tischchen steht ein Teller mit Plätzchen für den Weihnachtsmann…
  • Weihnachtsmann? Seit wann bringt ein Weihnachtsmann Geschenke? Lieferant ist doch das Christkind. Es fliegt an Heiligabend vorbei, arrangiert die mitgebrachten Gaben und den Baum. Wenn alles fertig ist, läutet es ein goldenes Glöckchen und verschwindet. Manche Kinder erhaschen vielleicht noch einen Schimmer der Flügel.
  • Christkind? Jesus liegt zu Weihnachten in der Krippe und ist ein Baby. Wie soll er Geschenke tragen? Außerdem ist er das Kind, zu dem die Heiligen Drei Könige pilgern und das sie mit Weihrauch, Myrre und Gold beschenken. Da ist es nur logisch, dass die auch die Kinder der Welt…

Weltweit reden im Dezember  Leute von „Weihnachten“ und haben ein genaues Bild vor Augen. Die meisten setzen alles daran, dass es genauso aussieht wie zu ihrer Kinderzeit! Als besonders eifrig erweisen sich diejenigen, die selbst Kinder haben. Doch: Wenn der eine von Weihnachten spricht, muss der andere noch lange nicht verstehen, was er genau damit gemeint hat.

Das sorgt für eine gehörige Portion Wirrwarr.

Die fünf wichtigsten Gabenbringer

Je nach Land oder Region bringt nämlich eine andere Figur die Geschenke, ja selbst die Tage variieren, an denen sie  welche verteilen sollen: Kinder können am 5., 6., 13. am 24. und 25. Dezember Geschenke kriegen oder eben erst am 6. Januar. Historisch gesehen hatte sich das Datum mehrmals geändert. Es gibt Generationen, bei denen war der Gabentag in der Kindheit ein anderer, als in der Jugendzeit.

Wir von Märchen für Globetrotter haben uns die Mühe gemacht, Buch zu führen. Damit in diesem Jahr niemand den Überblick verliert – hier sind also die fünf wichtigsten Gestalten, die an Weihnachten Geschenke bringen:

Väterchen Frost:

Väterchen Frost bringt Geschenke

Väterchen Frost von Ivan Bilibin (1932)

In den slawischen Ländern, vor allem in Russland, existiert diese Märchenfigur schon lange. Eigentlich ist es Herr Winter – jener altehrwürdige Eisbringer, der vor allem in Sibirien seine Kräfte spielen lässt.

Väterchen Frost nennt einen langen, dicken und weißen Bart sein eigen und führt ein magisches Zepter. Was er mit dessen Spitze berührt, gefriert. Er wohnt übrigens tief im Nadelwald des Nordens und fährt am Neujahrstag einen von drei Schimmeln gezogenen Schlitten voller Geschenke aus. Post können ihm Kinder auch schicken. Obwohl…

Generell macht er eher einen eisigen Eindruck. Vermutlich wegen seines grauen, mit Blautönen durchwebten Pelzmantels. Allerdings färbt der sich mit zunehmenden westlichen Einfluss langsam rot.

Die Hexe Befana

Hexe Befana verteilt die Geschenke

Die Hexe Befana von ho visto nina volare

Diese Figur stellt angeblich eine Parallelgestalt zur alpenländischen Perchta dar, ist ein Überbleibsel der  keltischen Bethen (Perchten), die speziell am Ende der Rauhnächte – nämlich in der Nacht zum und der Tag des 6. Januar – auftreten. Die Bethen segneten Haus, Hof, Mensch und Vieh und als Zeichen, dass sie da gewesen waren, hinterließen sie drei Kreuze an den Türen.

In Abwandlung geht die Geschichte der Befana so: Als Schönpercht – gute Hexe – sucht sie in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar eigentlich das Jesukind, muss aber von Haus zu Haus fliegen, weil sie den Stern verpasste, der die Heiligen Drei Könige leitet. Dabei bringt sie Geschenke – und manchmal straft sie. Je nachdem, wie brav die Kinder das Jahr über waren.

Christkind

Christkind im Struwwelpeter -1845

Christkind von Heinrich Hoffmann aus Der Struwwelpeter (1845)

Tja – eigentlich ist das Christkind ja evangelisch. Das muss jetzt mal gesagt werden, auch wenn es unter den Katholiken weit verbreitet ist.

Dass das Christkind an Heiligabend die Gaben vorbeibringt, war ein Einfall Martin Luthers. Dem Reformator  war die vorher auch in seinem Hause übliche Bescherung am Nikolaustag ein Dorn im Auge. Dieser Brauch widersprach seiner Ablehnung der Heiligenverehrung.  Deshalb verlegte er den Tag für die Geschenke auf Heiligabend. Ursprünglich war sein Gabenbringer der „Heilige Christ“, wie Luther das Jesuskind nannte.

Offenbar war den Leuten diese Vorstellung etwas zu theoretisch. Sie wollten „Handfesteres“ – einen weiblichen Engel zum Beispiel. Im 17. Jahrhundert setzte sich diese Vorstellung  durch: In weihnachtlichen Umzugsbräuchen ziehen Maria, Josef und das Jesuskind durch die Straßen, begleitet von weiß gekleideten Mädchen mit offenem Haar als Engel, angeführt vom Christkind.

Deswegen legt in manchen Ländern ein weiblicher Engel die Geschenke ab, in anderen kommen sie dagegen mit dem Kind in der Krippe.

Hl. Nikolaus oder Sinterklaas

Sinterklaas und der Zwarte Piet von Daan Hoeksema (1879–1935)

Sinterklaas und der Zwarte Piet von Daan Hoeksema (1879–1935)

Endlich mal einer zum Anfassen! Sprich, es gibt ein paar historische Tatsachen – der Mann hat offenbar wirklich gelebt. Nikolaus von Myra wurde zwischen 270 und 286 n. Ch. in einer Stadt Lykien geboren, gestorben ist er am 6. Dezember 326. Als Abt und Bischof nahm man ihn 310 im Zuge der Christenverfolgungen gefangen und folterte ihn. Aufgrund seines Martyriums sprach ihn die katholische Kirche später heilig.

Um ihn ranken sich natürlich auch einige Legenden. Eine davon ist die, dass er sein ererbtes Vermögen unter den Armen verteilt, eine andere, dass er in einer bitterkalten Winternacht seinen Mantel einem Bettler gab. Dass solches Verhalten so ziemlich jedem Bischof der Zeit zugeschrieben wurde, spielte keine Rolle, als man ihn heilig sprach.

Die Legende vom geteilten Mantel hatte zudem einen Vorteil: Sie machte ihn zum geeigneten Mann, der den Armen und Kindern im Winter Geschenke bringt.

In den Niederlanden heißt der heilige Nikolaus „Sinterklaas“ und landet am letzten Samstag im November mit seinem Reisegefährten, Zwarter Piet, in den Hafenstädten Hollands. Das ist jedes Mal ein Fest, wenn er mit seinem Schimmel an Land reitet. Die Kinder stellen Schuhe vor die Türe, in denen ihr Wunschzettel liegt

Am Abend des 5. bringt Sinterklaas die Geschenke, die er noch mit einem Gedicht versehen hat. Und weil Sinterklaas auch noch Humor hat, gibt’s für die Familien viel zu lachen.

Die Heiligen drei Könige

Die heiligen drei Könige Ravenna

Mosaik in der Basilica di Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna: „I tre Re Magi“. Foto von Nina Aldin Thune

In Spanien zum Beispiel kommen traditionell die Heiligen Drei Könige (Reyes Magos) und bringen ihre Geschenke. Auch sie entstammen der Legende: In der Bibel folgen Sterndeuter dem Leitstern – von Königen ist genauso wenig die Rede wie von ihrer Zahl.  Trotzdem haben sie sich als Gabenbringer durchgesetzt. Ihr Nachteil ist, dass die Kinder bis zum 6. Januar warten müssen, bis sie beschenkt werden. Ärgerlicherweise harren die Kleinen manchmal sogar vergeblich: Unartige Kinder bekommen statt der Geschenke nur Kohlestücke.

Die drei Könige kommen in Spanien schon auch einmal auf Kamelen angeritten und sind offenbar ausgehungert. Die Kinder müssen Wasser und Brot für sie vor die Tür stellen und finden dafür am Morgen des 6. Januars die Geschenke vor.

Mit diesen fünf Gabenbringern behalten alle den Überblick. Diese Figuren haben sich über den Erdball in leicht abgewandelter Form verbreitet. Der Weihnachtsmann ist auch eine Variante: Er ist ein Sammelsurium aus verschiedensten Elementen des  Heiligen Nikolaus und Väterchen Frost.

Für die Kinder sollten wir uns aber für eine Gestalt einigen – und an einem Strang ziehen. Nur so zur Vorsorge…

Sonst antwortet die nächste Generation auf die Frage: „Wer bringt die Geschenke?“

Klar! Amazon.

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Ganesha will eine Frau
Nebiga

Weil Ganesha eine Frau will…

Ganesha musste seine Eltern überlisten, um heiraten zu können. Sie – und auch seinen Bruder. Dass es ihm tatsächlich gelang, verdankte er vor allem sich selbst. Obwohl…

So richtig klar wurde es ihm erst, als seine Mutter lachte.

Ganesh Chaturthi

Wenn Indien feiert, dann feiert es ordentlich. Zum Geburtstagsfest von Lord Ganesha aber tobt das Land: Städte beben unter tanzenden Füßen, Mauern zittern, Echos hallen durch die Straßen. In Städten, wie Varanasi im Norden des Landes, sausen Geräusche und Gerüche durch die Gassen, prallen gegen die Gemäuer der Tempel genauso wie gegen die Kartonwände neuer Siedlungen. Die Töne der heiligen Gesänge aber folgen den Hauptadern, ducken sich unter den Rufen der Straßenhändler und dem Hupen der Mopeds hindurch, schlängeln sich weiter durch die modrige Hitze der Altstadt bis hin zu den berühmten Ghats, rollen über die Steintreppen und landen schließlich in den Fluten des Ganges.

Varanasi, älteste Stadt und Mittelpunkt des Kosmos, ist Ganeshas Vater, Gott Shiva, geweiht. Tausende Pilger ziehen jedes Jahr in die Stadt, um diesem nahe zu sein. Deshalb gibt es mehr als 200 Tempel. An Ganesh Chaturthi leuchten sie alle – die großen, berühmten genauso wie die kleinen, die versteckt in einer Sackgasse im Strassengewirr der Altstadt auf die Passanten lauern.

Vor einem dieser unscheinbaren Tempel hockt ein Junge auf einer Treppe, fünfzehn Jahre alt – vielleicht sechzehn. Sibi sitzt gleich neben einem Loch in der Mauer, früher einmal ein Fenster, heute die Lücke, die auf einen spärlich bewachsenen Platz führt: den Einheimischen Tempel, den Touristen das Innere einer Tempelruine, deren Mauern mit schreiend bunten Bildern beklebt und mit Girlanden verziert sind. Aufgeschichtete Steine ersetzen Bänke und  auf einem  Steinblock in der Mitte steht ein Opferteller und Kupferpfanne, aus der Weihrauch steigt.

Letzte Sonnenstrahlen fallen durch die Mauerlücke auf die Treppe; sie färben den Holzteller goldorange, der vor dem Jungen platziert ist. Auf ihm ist eine Pyramide Reistaschen – modak – gestapelt. Wer direkt davor steht, dem weht feiner Zimt- und Kokosduft in die Nase. Sibi zeigt immer wieder auf die Süßigkeiten und schreit:

Kauft modak! Geht nicht weiter ohne! Kokos mit einem Hauch Zimt, wie Ganesha es liebt. Drei Stück und schon steht ihr in seiner Gunst. Kauft modak! Drei Stück nur fünf Rupien!

Er hat kein leichtes Spiel, sich gegen  das Geplauder der Gläubigen durchzusetzen: Doch manche schenken den Reistaschen tatsächlich einen nachdenklichen Blick, einige greifen sogar in die Hosentasche, werfen ein paar Münzen hin und kaufen. Sibi ist erst gezwungen zu schweigen, als die Trommeln und Gebete einsetzen. Gegen diesen Lärm kommt er nicht mehr an.

 

Ganesha, bunter ElefantengottGanesha

entferne die Hindernisse Herr,

Verkörperung der Weisheit, Gott des Urklangs, Herr des Ursprungs und Wurzel des Seins!

gewähr uns Glück, gib Vertrauen

du, der du modak in Händen hältst!

Oh Elefantenköpfiger,

Gegrüßt seist Du!

Die Gläubigen außerhalb der Ruinenmauern buhlen ebenso laut um Ganeshas Gunst wie die am Platz im Inneren. So jedenfalls kommt es Sibi vor. Die dicken Mauern dämpfen den Lärm kaum. Dazu kommt, dass sich die Betenden  gegenseitig vorwärts, hin zum Einlass schieben; sie drängen dorthin, wo die Trommeln am lautesten den Rhythmus der Gebete vorgeben; wo der Tempelpriester im Singsang vorbetet. Neben ihm wartet ein katha darauf, endlich anfangen zu können. Der aus Bombay eingeflogene Erzähler ist für die meisten die wahre Attraktion des Abends.

Die Nacht über wird er erzählen.

Deshalb eilen mehr Menschen als sonst in den Freilufttempel. Allein um den katha zu hören – seine Geschichten, seine Gesänge.

Ganesha Elefant Bild schwarzGanesha wollte heiraten! Er fand, er war alt genug dazu und bat deshalb seine Mutter, ihm eine Frau zu suchen. Parvati gefiel der Vorschlag. Sehr sogar! Doch Ganeshas Bruder, Skanda, schmollte.

Bin nicht ich euer Erstgeborener, tapfer und flink, erprobt in vielen Kämpfen. Ich kenne die Welt, führe die Kriege, schütze die Grenzen. Ich verdiene eine Begleiterin, eine Braut. Such zuerst mir eine, bevor du Ganesha eine gibst. Das ist mein Recht. Für ihn spielt es keine Rolle, wie lange es dauert. Er kann warten! Ich aber nicht!

Ihr seht: Sogar in göttlichen Familien gibt es Probleme. Parvati hatte ihre Söhne gleich lieb. Wem also sollten sie den Wunsch zuerst erfüllen? Skanda, dem Älteren, oder doch lieber Ganesha, der ja zuerst gefragt und erklärt hatte, für eine Beziehung bereit zu sein. So bescherte Ganeshas einfache Bitte schlaflose Nächte.

Von einem der gehen will…

Die Trommeln verstummen, die Gebete auch. Ein Straßenhund will sich zwischen die Gläubigen innerhalb der Mauern zwängen. Doch so mager er auch ist, er findet keine Fleckchen mehr für sich. An der Mauerlücke staut sich eine Menschentraube – und immer noch stoßen weitere Neugierige dazu. Keiner will die Geschichten  verpassen, alle wollen sie lauschen.

An diesen Wartenden rempelt sich ein etwas älterer Junge vorwärts. Er duckt, schubst und schiebt sich an jenen vorbei, die in seinem Weg stehen. Eigentlich hält er nur dann, um etwas zu entgegnen, wenn sich jemand beschwert. Bald hockt er sich neben Sibi nieder.

Wie lange sitzt du schon hier?

Zwölf modak lang. So viel hab ich verkauft.

Davon weiß Mutter nichts, oder?

Natürlich nicht! Aber wer opfert schon so viel von dem Zeug? Drei reichen ja auch. Es schadet nichts, wenn ich ein bisschen verdiene. Jede Rupie zählt jetzt.

Du willst wirklich gehen?

Was bitte hält mich hier?

Familie? Freunde? Indien! Hier ist alles vertraut. Dort wird nichts so sein, wie du’s gewohnt bist.

Sibi grinst zufrieden. Doch bevor er etwas entgegnen kann, zischt jemand…

Schscht… Seht! Er hebt die Hände, seht, er verneigt sich…

Wie sieht er aus? Was hat er an?

Drei Tage Bart?

Oha, der ist ja kugelrund

Grau, er ist grau!

Was tut er jetzt? Hat er schon angefangen?

Hey kann jemand hören? Gebt weiter, was er sagt…

Wie? Was…?

Ach seid doch still!!!

Ganesha Elefanten BildDie rettende Idee kam Parvati morgens in jener Stunde, da Augen sehen, Ohren hören und Körper fühlen, aber der Geist träumt. Die Stunde eben, in der die Illusion der Welt am durchlässigsten ist. Sie weckte ihren Mann: Sollte sie es wirklich wagen? Würde es nicht zu schwer für sie selbst? Shiva brummelte nur. Da müsse sie durch. Es wären ja Jungs, sagte er und rief seine Söhne.

Ganesha und Skanda ließen sich nicht zweimal bitten, ahnten sie doch, dass ein Richtspruch bevorstand. Sie traten im feinsten Staat vor ihre Eltern hin.

Parvati hielt die Hand ihres Mannes, als sie sprach:

Ich suche einem von euch eine Frau. Demjenigen nämlich, der als erstes zurückkommt, nachdem er die Welt umrundet hat.

Kaum hatte er es vernommen, lief Skanda los. Er sprang auf sein Reittier – in seinem Fall ein Pfau – und verschwand bald am Horizont.

„Na toll“, murmelte dagegen Ganesha. Er dachte an sein Reittier: Eine Maus. Dann betrachtete er seinen Bauch… Abwarten und Tee trinken! – schien ihm die bessere Idee zu sein.

Und so kam es, dass der Weise, Vyasa, Lord Ganesha zuhause vorfand, als er dessen Hilfe brauchte.

 …. und von einem, der bleibt

Sibi lehnt sich weit zur Seite, nahe an das Ohr seines Bruders.

Siehst du, Jaimyn. Skanda macht es genau richtig! Schnell weg, die Chance nutzen… Google, Apple, Microsoft – Im Silicon Valley liegt meine Zukunft, sagt Onkel, nicht hier.

Aber alles ist doch da! Indien braucht uns doch auch. Dringend sogar! Wozu weggehen? Ob du hier studierst oder dort… Was kann das schon für einen Unterschied machen?

Onkel meint, es liegt an der Ausbildung. Wer in USA das Kodieren lernt, hat ausgesorgt. Komm doch mit, für dich ist es sicher auch besser…

Ich? Ach nee…

Warum nicht?

Der Weihrauch vom Altar durchsetzt mittlerweile die Luft, kratzt im Hals, juckt in der Nase. Selbst Sibi niest. Der Erzähler räuspert sich und richtet seinen Turban.

Lord GaneshaVyasa, der Weise, barg Verse in seinem Kopf. 100 000 um genau zu sein. Sie wollte er niedergeschrieben wissen. Er wollte dem indischen Volk das längste und vollständigste Gedicht der Welt schenken: das Mahabharata. Ein Gedicht über die Welt. Alles sollte darin zu finden sein – und was darin nicht erwähnt war, sollte es auch sonst nirgends geben.

Doch der Weise hatte Angst. Was, wenn er es nicht rechtzeitig beenden konnte? Seine letzten Jahre nicht ausreichten, um all die Verse niederzuschreiben? Deshalb suchte er Lord Ganesha und beugte sein Haupt.

Hilf mir zu schreiben, oh Herr! Beseitiger der Hindernisse

Das geht jetzt nicht. Es würde mich zu sehr aufhalten, Vyasa. Ich muss die Welt umrunden.

Ohne dich schaffe ich es aber nicht! Soll Indien wegen dir ohne mein Gedicht bleiben?

Hmm… Na gut, aber mach schnell! Wir haben nicht viel Zeit. Ich schreibe, auf keinen Fall jedoch warte ich auf dich. Diktiere durch! Kein Halt, kein Nachdenken…

Einverstanden. Eine Bedingung habe aber auch ich: Du musst den Sinn von dem verstehen, was du schreibst.

Und Ganesha schrieb. Während sein Bruder, Skanda, die heiligen Stätten der Welt aufsuchte – die Stadt Uruk zum Beispiel, den griechischen Berg Athos, Jerusalem, Tibet und die heilige Pilgerstadt Mekka – während der also pilgerte, notierte Ganesha Alles. So schnell schrieb er, dass sein Stift nach kurzer Zeit entzweisprang. Damit er nicht innehalten musste,  brach er seinen Stoßzahn ab und verwendete von nun an diesen.

Vyasa hatte seine liebe Not, mit dem Gott Schritt zu halten. Verzweifelt griff er zur List, den Sinn seiner Verse hinter Bildern zu verstecken. Das verlangsamte Ganesha ein bisschen: Er musste ja die Bedeutung erst finden.

Zur gleichen Zeit, als Skanda die heiligen Stätten endlich alle abgeklappert, die anderen Götter gegrüßt und Kerzen angezündet hatte, kam in Indien auch der Elefantenköpfige zu einem Ende. Vyasa verstummte.

Ganesha legte die beschriebenen Pergamente vor ihn. 100 000 Verse waren geschrieben.

Ihm aber knurrte der Magen.

Ich sollte noch etwas essen, bevor ich aufbreche. Mit leerem Bauch reist es sich nicht gut!

Geld, Ruhm oder Glück?

Im und um den Tempel herum ist es plötzlich still. Der katha schweigt. Die Augen geschlossen, denkt er nach – und kein Zuhörer regt sich. Niemand wagt, den Bann des Geschichtenerzählers zu brechen. Sie warten auf das Luftholen des Erzählers, um selbst auch wieder atmen zu dürfen.

Nur Jaimyn bewegt sich. Er greift rasch vor, schnappt sich eine Reistasche vom Teller  – und Sibi: Der versucht die Hand seines Bruders weg zu schlagen; er flüstert:

Hey, ich will die noch verkaufen.

Ah geh‘, auf die eine kommt es jetzt auch nicht an.

Auf jede Rupie kommt es an. Nur, wenn du genug Geld hast, hast du Erfolg. Ich will Erfolg! Hier verdienst du nichts, in Kalifornien schon. 

Die können dich doch dort gar nicht verstehen – und du verstehst auch nicht. Schau Onkel an. Schau doch hin! Klar, er spricht Englisch, aber sein Hindi stimmt nicht mehr. Er ist komisch. Er gehört hier nicht mehr dazu – und dort ist er auch nicht daheim.

Er kann etwas erzählen. Mehr als wir.

Nacht ist es geworden. Die feuchte, schwere Luft hinterlässt Tropfen auf der Stirn der Gläubigen. Ihre Spuren schimmern in den staubigen Gesichtern.

Aaaaauuuuummmm, summt plötzlich der katha

Ganesha Elefant Bild grünAls hätte er die Gedanken Ganeshas gehört, beschloss Kubera, Gott des Reichtums, zu einem Fest einzuladen. Zu diesem Fest sollte auch Ganesha kommen; einem Fest so rauschend, so üppig, so umwerfend, dass die Gäste noch Ewigkeiten davon erzählen sollten. Kubera war überzeugt, alle beeindrucken zu können.  Was heißt „beeindrucken“? Überwältigen wollte er seine Gäste.

Die Tische im goldenen Palast bogen sich: Alles, was es in der Welt zu essen gibt, fand man dort: Frittierte Heuschrecken genau so wie zart gebratenen Lammrücken, Mangocreme wie gebackenes Eis, Rote-Beete-Salat wie geeiste Gurke. Es würde noch eine Woche für ganz Alakapuri, seine prächtige Königsstadt reichen, wenn alle Gäste satt waren, dachte Kubera und war zufrieden. Doch hatte er nicht mit Ganeshas Appetit gerechnet.

Während Skanda in der Welt von Krieg zu Krieg zog, kämpfte und siegte, aß Ganesha. Was im Palast an Speisen zu finden war, vertilgte er. Als Kubera schließlich zugab, dass er nichts mehr auftischen konnte, hielt das den Elefantenköpfigen kaum auf. Er machte sich über Geschirr, Möbel und Zierrat her; er fraß fast den gesamten Palast und fast ganz Alakapuri.

Ich habe nichts mehr, Ganesha. Hör auf zu essen!

Doch Ganesha war noch zu hungrig. Er drohte Kubera selbst zu verschlingen. Erschrocken rannte dieser zu Ganeshas Vater.

Oh, glückverheißender Shiva, hilf! Dein Sohn wird nicht satt!

Nicht satt? Was kommst du zu mir? Schick ihn zu seiner Mutter!

In der Tat genügte es, beiläufig zu erwähnen, wie hervorragend die Gottmutter kochte… Ganesha ließ sofort von Kubera ab. Sehnsüchtig trottete er zu Parvati, die ihm modak gab – und war endlich wieder satt. Sein Bauch fühlte sich wohlig warm und rund an.

Was ihn so freute, dass er um seine Eltern tanzte.

Und Skanda?

Nachdem der letzte Friede  ausgehandelt war, vollendete ER seine Runde um die Welt.

Als der Hunger gestillt ist

Sibi tippte seinem Bruder an die Schulter. Er grinste.

Skanda kommt nicht zurück. Wer braucht schon die eine Frau? Frauen gibt es überall.

Er kommt. Du wirst sehen. Er will eine Familie, eine Frau von hier. Auch Onkel lässt Mutter eine für ihn suchen. Nur eine Hindu gibt ihm das, was er braucht. Sie weiß nämlich, wo ihr Platz ist.

Trommelwirbel unterbricht. Denn wenn Ganesha tanzt, drehen sich selbst die Gläubigen im Kreis, umrunden ihre Nachbarn. Dass sie mehr schieben als leichtfüßig tanzen, stört keinen. Die Musik, das begleitende Heulen der Straßenhunde und das Stampfen der Füße übertönt schließlich alles, was noch geflüstert hat.

Ganesha Elefant Bild OrnamentDick ist der kleine Gott, eigentlich kugelrund. Seine Beine sind plump und grob. Trotzdem wirbelt Ganesha herum, springt und folgt der Musik in seinem Kopf. Ganeshas Füße verbreiten seine Freude, sein Wohlbehagen, sein Glück über Gebirge, Wiesen, Flüsse, über Städte, Höfe und Sand. Den Menschen füllte sich das Herz mit Mut, Ideen und Auswegen. So lange tanzte er, bis eine der Wildgänse über den Köpfen der heiligen Familie schnatterte:

Herrin, oh Parvati, freu dich… Skanda ist bald zurück!

Da hielt Ganesha plötzlich still.

Staubig war sein Bruder, verschwitzt und abgekämpft. Der Pfau war schon vor Meilen erschöpft zusammengebrochen. Trotzdem trat Skanda unverzüglich vor seine Eltern hin.

Such mir jetzt eine Frau, Mutter! Ich habe sie verdient.

Wie Ganesha das Recht auf eine Frau verhandelt

Sibi runzelt die Stirn. Diese Wendung der Geschichte behagte ihm nicht.

Na, wenigstens muss Onkel nicht bleiben. Die Frau geht einfach mit ihm mit und gut ist’s.

Und was ist, wenn sie nicht will?

Bei der Vorstellung verdreht Sibi die Augen. Wer hat jemals von einer Frau gehört, die nicht das tut, was ihr Mann sagt? Er wischt den Gedanken zur Seite.

Du sagst selbst, eine Inderin weiß, wo ihr Platz ist.

Jaimyn schweigt, aber der katha summt. Im Licht der Öllampe nimmt man ihn und die Trommler verschwommen wahr. Alle anderen verschluckt die Nacht. So still ist es, dass er seine Stimme kaum mehr erheben musst.

dekorierter Elefant: GaneshaGanesha war mit der Forderung seines Bruders ganz und gar nicht einverstanden. Skanda hätte sich die Frau nicht verdient. Er sei ja viel zu spät zurückgekommen.

Bevor der erschöpfte Skanda vor Wut über seinen Bruder herfallen konnte, trat Parvati dazwischen.

Warum zu spät, Ganesh? Du hast dein Zuhause überhaupt nicht verlassen.

Was soll ich da draußen? Habe ich euch nicht dreimal umtanzt. Dreimal, bevor Skanda eintraf. Und wer, wenn nicht ihr, repräsentiert meine Welt.

Und genau das war der Moment. Jener Moment als Parvati lachte.

Brüder können triumphieren – so kriegen das andere Menschen gar nicht hin. Jaimyn ist keine Ausnahme. Er führt aufreizend langsam eine weitere Reistasche zum Mund und sieht Sibi dabei in die Augen. Sagen muss er nichts.

Parvati suchte ihrem Zweitgeborenen also eine Frau – daraus wurden schließlich sogar drei: Buddhi – die Weisheit, Siddhi – die Klugheit und Riddhi – der Reichtum. Aber auch Skanda ging nicht leer aus. Er bekam die Schwestern Devesena und Valli – die Macht des Handelns und die Macht des Willens. Wie es dazu letztendlich kam, das ist eine noch ganz andere Geschichte, schloss der katha – wohl wissend, dass er diese ganze Nacht hindurch erzählen würde.

Und die Reistaschen?

Sibi verkauft in dieser Nacht keine mehr. Irgendwie ist er auf den Geschmack gekommen – und die allerletzten drei legen er und Jaimyn morgens früh um fünf Uhr auf den Opferteller am Altar. Zur allerletzten Geschichte, zu der im Morgengrauen.

Die Zahl zum Märchen: 70 000 Computerspezialisten verlassen jährlich die indischen Universitäten. Das deckt kaum die nationale Nachfrage. Der überdurchschnittlich hohe Exodus hochgebildeter Söhne und so mancher Tochter in die westlichen Industriestaaten – allen voran USA und Europa – macht Indien schwer zu schaffen.

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