Frida Kahlo
Nebiga

Frida Kahlo: Träume? Ich male meine eigene Wirklichkeit

Die Surrealisten – allen voran einer ihrer „Gründerväter“ André Breton – meinten, die mexikanische Malerin, Frida Kahlo, sollte mit ihnen gemeinsam in Frankreich ausstellen. Sie sei eine Malerin der Träume und gehöre deshalb zu ihnen. Eine Einschätzung, die sich in Künstlerkreisen bis heute hält, obwohl Frida Kahlo so gar keine Träumerin war und die französischen Surrealisten eher skeptisch betrachtete. 1939 stellte sie zwar in Paris aus, schrieb aber folgendes nach Hause:

  • Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie bescheuert die Leute hier sind. Stundenlang sitzen sie im Café, wärmen ihre hübschen Hintern, reden ohne Punkt und Komma über Kultur, Kunst und Revolution und dies und jenes. Tags darauf haben sie nichts zu essen, weil keiner von ihnen arbeitet.

Was Frida in ihrem Leben stets unter Beweis stellte: Sie war ihr Leben lang eine mexikanische Realistin – durch und durch. Und sie ärgerte die Unterstellung, ihre Bilder würden eine Traumwelt zeigen. Daher stellte sie schnell klar:

  • Ich habe nie Träume gemalt, sondern immer nur meine eigene Wirklichkeit.

Das meinte Frida Kahlo durchaus nicht im übertragenen Sinn. Sie gestaltete eine eigene Welt in ihrem Haus – La Casa Azul – eine Welt, in der sie leben konnte, wie sie es wollte. Wer das blaue Haus besucht, kann selbst heute noch nachvollziehen, wie Frida ihr ganz besonderes Leben in ihre Bilder verwob.

Mexiko-Stadt, Londres 247

  • Elektrizität und Reinheit

schrieb die Malerin mit einem kobaltblauen Stift in ihr Tagebuch

Später fügte sie

  • Liebe

in Braun hinzu.

  • Rot ist Blut? – tja, wer weiß!

Das ist die Farbkombination, nach der ich Ausschau halte. Der Taxifahrer hat keine Ahnung. Er weiß nicht, wo es ist – das Haus der Ikone Mexikos, der Frida Kahlo. Es müsse aber, sagt er, in jenem Viertel von Mexikostadt  liegen, dessen Straßennamen europäischer Städte bezeichnen – in Coyoacan.

Wir sind jetzt in der Viena, überqueren nach einer längeren Diskussion die Berlin und biegen schließlich in die Londres. Hausnummern sehen wir keine. Trotzdem suchen wir Nummer 247.

Ich beuge mich weit aus dem Fenster, bis ich es sehe – die Außenwände eines Eckhauses in Kobaltblau.

Das blaue Haus wirkt ruhig – so, als liefe das Leben an ihm vorbei, als würde niemand es besuchen wollen. Bunt schillernd wie Frida sich in ihren Selbstporträts präsentiert, hätte sie und ihr Haus schon mehr Aufmerksamkeit verdient. Bin ich hier wirklich richtig?

Museo Frida Kahlo

Der äußere Schein trügt allerdings! Kaum trete ich durch die Tür, sehe ich wie sehr: Um mich herum tummeln Touristen – Neugierige, Verehrer, Souvenirjäger. Sie

  • verirren sich in einem Gewirr tropischer Pflanzen,
  • staunen über das Gezwitscher exotischer Vögel,
  • gehen durch einen Wald voller präkolumbianischer Statuetten.

Irgendwo plätschert Wasser.

Wer will schon ein ruhiges Heim?

Zu Zeiten Frida Kahlos kreischte auch noch der Affe in den Bäumen, plapperten Papageien, stolperten die Besucher über die itzcuintlis, die kleinen mexikanischen Hunde der Malerin, über ein Rehkitz oder eine Ziege. Oft spielten Musikanten Gitarre. Kahlo und ihr Ehemann – der Muralist Diego Rivera – sollen dazu Gassenhauer gesungen haben.

Frida Kahlo

Frida Kahlo in ihrem Garten.

  • Frida war nicht diese leidende Frau, wie sie jetzt mythologisiert wird. Sie trank, sie rauchte, sie war sehr glücklich und sie liebte Musik

Das berichtete Guadalupe Rivera Marin, die Tochter, die ihren Vater Rivera öfter besuchte. Ein ganzes Jahr verbrachte sie in jenem Haus, in dem auch der russische Revolutionär, Leo Trotzki, eine zeitlang wohnte. Gäste gab es immer.

  • Schriftsteller wie Pablo Neruda und André Breton,
  • Künstler wie Henry Moore,
  • Fotografen wie Edward Weston und Manuel Alvarez Bravo
  • oder gefeierte Schauspielerinnen wie Maria Felix und Paulette Goddard

Sie alle und noch viel mehr gingen ein- und aus, passten sich dem Lebensrhytmus des Malerpaares an, genossen das traditionelle Essen, großartige Gespräche und liebevoll gestaltete Feste. Frida Kahlo liebte es, Gäste zu bewirten und Feste auszurichten.

Genau so hatte Guadalupe das blaue Haus so erlebt. Heute können wir es nur noch erahnen: Nichts ist leise oder schüchtern – weder die Farben noch die Geräusche. Zu Zeiten, als der äußerst beleibte Maler Rivera noch mit seinen Lieblingsspeisen bekocht wurde, waren es auch nicht die Gerüche.

Der grausige Ojosauro

Ich will eine Rampe zu einer Glastür auf der gegenüberliegenden Seite vom Eingang hochgehen. Mir scheint, sie führt zu einem zentralen Raum des Hauses. Doch nein…

  • Links bitte, die erste Tür! Dort fängt der Rundgang an!
Frida Kahlos Tagebuch

Frida Kahlos Tagebuch. Aus Maria Hesse: Frida Kahlo, eine Biografie

Der Museumswärter lotst mich, begleitet mich zu einer Glasvitrine. Dort deutet er auf das Tagebuch, Frida Kahlos Tagebuch.

In ihm hat die Künstlerin Skizzen, kurze Texte und Briefe an Rivera festgehalten. Es ist Beweisstück für ihre Liebe zu ihrem Mann. Aber auch ein Beleg für Fridas abgründigen, manchmal kindlichen Humor. Aufgeschlagen ist eine Seite mit einem grün und rot gestreiften Würmchen, dessen Nase einem Einhorn ähnelt und das am Kopf eine Narrenkappe trägt.

  • Ein altes Tier, das tot bleibt, um die Wissenschaften zu fesseln. Es sieht bis nach oben… und hat keinen Namen. Wir werden ihm einen geben: Der grausige ojosauro, der Augensaurier.

Welche Wirklichkeit mag sich hinter diesem ojosauro verstecken? Frida würde nicht antworten, aber grinsen.

  • Wozu darüber nachdenken? Es ist doch nur ein Farbfleck? Ein solcher hat mich inspiriert.

Die Kunstkritik erklärt Frida Kahlos Bilder naturgemäß etwas detaillierter: Die Kunsthistorikerin Sarah Lowe zum Beispiel ortet deren Ursprung

  • in mexikanischen Legenden, Geschichten von Wesen und Tieren, wie sie in den aztekischen Tempeln in Stein gemeißelt, in den Maya-Codices oder im landesüblichen Kunsthandwerk zu finden sind.

Vater aus Pforzheim, die Mutter aus Oaxaka (Mexiko)

Was überraschen könnte – denn Fridas Herkunft ist keine rein mexikansche: Der Vater, ein Deutscher aus Pforzheim, war mit achtzehn nach Mexiko ausgewandert. Er baute das blaue Haus. Und die Mutter? Frida Kahlo beschreibt sie als

  • ein Blümchen aus Oaxaca. Sehr gewinnend, umtriebig, klug. Sie konnte nicht lesen und schreiben, sie konnte nur das Geld zählen.

Die junge Frau, Frida Kahlo, entschied sich bewusst dafür, Mexikanerin zu sein; ein Kind der Revolution. Sie machte sich sogar jünger, um im Jahr der mexikanischen Revolution  geboren zu sein: 1910. Damit wollte sie ein Statement setzen.

Hielt sie sich später einmal nicht in ihrem geliebten Land  auf, nannte sie sich selbst – ohne die Legenden, die Gärten und die Sonne – verloren.

Aus den wenigen Jahren, die sie wegen und mit Rivera in den USA lebte, stammen viele Briefe. Diese zeigen, wie sehr sich Frida nach Coyoacan gesehnt hatte. Sie wollte nicht nur durch ihre mitgebrachte Kleidung und den auffallenden Schmuck an ihre selbst gewählte Identität erinnert werden. Sie vermisste die Qualität der mexikanischen Lebensweise und die Kultur ihrer Heimat.

Dabei hatte Frida anfangs ihren Spaß: Sie amüsierte sich über Walt Disney und über die Gesellschaft New Yorks, die sich über ihre Flüche und derben Ausdrücke aufregte. Es machte ihr diebische Freude diese Gesellschaft zu provozieren.

In Detroit aber rang die Malerin nach einer Fehlgeburt mit dem Leben. Sie sehnte sich mehr und mehr nach Hause. Dann starb ihre Mutter. Das brachte sie zurück.

Frida Kahlo und ihre 2000 Wunderchen

Der nächste Raum auf meinem Rundgang ist kein richtiges Zimmer, eher eine Art Flur zu anderen Räumen.

  • Links führt eine Treppe hoch,
  • geradeaus liegt die Küche,
  • rechts geht es in einen weiteren, hellen Raum.

Trotzdem weiß ich sofort, dass hier Kahlos wirkliches Zuhause erst hier beginnt.

Die Wände sind mit Votivbildern behängt. 2000 Stück.

  • Milagritos

Kleine Miniaturen von Unfällen, Schicksalsschlägen, Moritaten. Unter jeder gibt es eine Danksagung, ein Gelübbde desjenigen, der die symbolische Opfergabe gespendet hatte. Kahlo sammelte diese Votivbilder.

1943 fandt sie eines, das ihren eigenen Unfall vom 17. September 1925 stark ähnelte. Die Malerin musste nur noch dem Opfer dichte, zusammengewachsene Augenbrauen aufmalen. Dann änderte sie die Bus- wie auch die Straßenbahnaufschrift. Dieses Bild symbolisiert jenen Moment, der Frida von der Medizin weg hin zur Kunst brachte; den Augenblick, der die lebenshungrige Frau zum Krüppel machte. So bezeichnete sie sich selbst, wenn sie die Grenzen ihres Körpers ärgerten. Und sie ärgerte sich oft.

Unter der Treppe gleich neben der Sammlung gibt es einen kleinen Tisch und zwei Stühle – die Künstlerin hat öfter hier gesessen, bevor sie in die Küche ging oder ins Esszimmer.

Die Küche – Hort der Liebe

Frida Kahlos Küche

Frida hatte Freude, Diego seine Lieblingsspeisen zuzubereiten.

Ein Holzofen über eine komplette Wandbreite, riesige, irdene Töpfe – hier wurde stundenlang gekocht: Rivera legte Wert auf traditionelles, mexikanisches Essen: gefüllte Chilieschoten, Maistortillas oder Huhn mit mole poblano (pikanter Schokoladesauce). Über dem Herd stehen kleine Tonkrüge in den Schriftzügen „Diego“ und „Frida“.

Die Gerichte waren eine Art Liebeserklärung. Frida wußte, dass Riveras Laune stark von der richtigen Kost abhängig war.

Wenn am Tisch ungebetene Gäste sitzen

Küche und Esszimmer sind beide in gelb gehalten. Die Farbe für

  • Wahnsinn, Krankheit und Angst,
  • aber auch der Sonne und der Freude.

Im Esszimmer gibt es Keramik, grün glasierte Karaffen, Schüsseln, Gläser. Alltagswaren der indigenen Bevölkerung. Auch heute lassen sie sich auf den Märkten zu Spottpreisen finden. Es fehlen weder Spitzendeckchen noch die bunt bemalten, lebensgroßen Tiere; Vögel, Teufel und Früchte aus Holz (alebrijes).

Ein riesiger Tisch zeugt davon, dass Gäste in diesem Haus willkommen waren. Er symbolisierte für Frida Kahlo den

  • Ort des Zusammenkommens.

Diesen Ort verletzte Rivera, als er Frida mit ihrer Schwester betrog. Das Malerpaar ließ sich scheiden und Frida verewigte seinen Treuebruch im Bild der verwundete Tisch.

Frida mit Rivera im KopfRivera kehrte jedoch zu ihr zurück. Er heiratete sie wieder und zog neuerlich mit ihr zusammen.  Diesmal baute er ihr allerdings ein eigenes Reich – aus Vulkangestein. Ein Atelier, wie man es sich als Künstlerin nur wünschen kann. Sonnendurchflutet, luftig, ein kleines Paradies.

Für die Besucher heute ist es, als wäre Frida Kahlo nur kurz einmal weggegangen: Vor einer Staffelei steht ein Rollstuhl. Die Pinsel und Stifte liegen in Reichweite. Eine Kurbel ermöglichte es der Malerin, das Bild in der optimalen Höhe zu fixieren. An guten Tagen  arbeitete sie im Sitzen. An schlechten half ihr eine Spezialkonstruktion – dann malte sie nämlich im Bett. In ihm musste Frida oft Monate verbringen – bewegungslos, mehrmals sogar in ein Gipskorsett gezwängt.

Die einzigen Zeugen dafür, dass Frida nicht mehr malen würde, stehen versteckt in einer Ecke des Raumes: Die Urne mit der Asche und auch Fridas Totenmaske. Die meisten Besucher beachten sie kaum, gehen schnell weiter. Sie wollen alle – ohne Ausnahme – nur in das nächste Zimmer: das Schlafzimmer. Denn dort steht

Das berühmteste Bett der Kunstgeschichte

Das Zimmer ist kleiner, als ich es mir vorgestellt habe. Fridas Bett füllt das Zimmerchen nahezu vollständig aus.

Berühmt wurde das Bett, als es Frida wieder einmal nicht verlassen durfte. Dabei fand aber eine Austellung ihrer Werke im Museum Bellas Artes statt. Sie sollte in ihrer Heimatstadt ausstellen und selbst nicht zugegen sein? Das konnte Frida Kahlo nicht hinnehmen!

Kurz entschlossen entschied sie: Sie empfängt die Besucher im Bett. Man musste dieses mitsamt Frida in die Ausstellung tragen. So wurde es berühmt. Dazu kam noch, dass die Malerin im Schlafzimmer Freunde empfing, las, flaschenweise Tequila trank, malte und unzählige Fotos machen ließ.

Andere Andenken finde ich allerdings in diesem zentralen Raum keine, auch keine Fotos von den Geliebten, die Frida gehabt haben soll. Nicht von Trotzki, nicht vom Fotografen Nickolas Murray, dem Bildhauer Ralph Stockpole und auch nicht vom Muralisten Ignacio Aguirre, selbst von Rivera nicht. Nur die Köpfe von fünf Männern zieren die Wand: Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao. Sie hängen in einer Reihe, direkt  auf der gegenüberliegenden Wand des Kopfendes. So dass Frida sie sehen konnte.

  • Ich liebe sie als Pfeiler der neuen kommunistischen Welt.

Frida Kahlos Geliebter – der eine, stets präsente

Frida Kahlo mit GeliebtemDoch noch einem hat die Künstlerin in ihrem intimsten Stunden Platz eingeräumt. Mehr als allen anderen.

An den Bettpfosten gehängt, klappert der Tod – ein grünes Skelett mit roten Rippen. Die Pappmaché-Figur ist Kahlos ständiger nächtlicher Begleiter. Er erinnerte Frida daran, dass ihr Leben jederzeit zu Ende sein konnte. Deshalb umarmte sie ihn, hieß ihn willkommen.

 

Gevatter Tod ist auch Mahnmal ihrer

  • größten Niederlage.

Die Künstlerin kämpfte lange Zeit damit, dass sie wegen ihres Unfalls Rivera kein Kind schenken konnte.

Die Türe ihres Schlafzimmers führt hinaus auf einen kleinen Balkon, dessen Treppe hinunter in den hinteren Teil des Gartens führt. Ich gehe an einem Springbrunnen vorbei, überquere ein Terrasse mit einer Wand eingemauerter Muscheln und Krüge.

Auf dem Weg finde ich noch mehr Pappmaché-Tode, -gesichter und -männer… In Mexiko nennt man sie juda.  In ihnen stecken der Hass, die Eifersucht, die Zweifel, Wut und auch Angst, mit denen der Macher im Laufe eines Jahres so konfrontiert ist. Am Samstag vor der Karwoche schmücken die Menschen diese Figuren mit Feuerwerkskörpern und zünden sie an.

Gemeinsam verbrennen sie diese unerwünschten Gefühle bei einem Fest.

  • Es ist Stärke zu lachen und sich der Leichtigkeit zu überlassen.

schrieb die Malerin einmal. Frida Kahlo sorgte dafür, an den Samstagen vor der Karwoche genügend Figuren zu verbrennen.

So schaffte sie es, weiterhin lachen zu können.

Beitragsbild und weitere Bilder aus dem schön illustrierten Jugendbuch von Maria Hesse.

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Frida Kahlo
Leo Nerdette

Das Leben von Frida Kahlo (1907 – 1957)

Geboren ist Frida Kahlo am 6. Juli 1907 im Casa Azul.

25. September 1925: Sie verunglückt schwer. Dieser Unfall ändert ihre Pläne, Medizin zu studieren. Neben langen Perioden in einem Gipskorsett folgen auch 36 Operationen.

Frida Kahlo und ihre Wirbelsäule

1926 beginnt sie zu malen.

1929 Heirat mit Diego Rivera, Revolutionsmaler und Generalsekretär der Kommunistischen Partei Mexikos.

Die Ehejahre der Frida Kahlo

1930-33: Aufenthalt in den USA, zunächst in New York, später in Detroit. In diesen Jahren erleidet die Malerin mehrere Fehlgeburten.

1933 stirbt Fridas Mutter. Die Malerin kehrt nach Mexiko zurück.

Nach der Rückkehr lebte das Paar in San Angel, einem Viertel in der Nähe von Coyoacan – in Riveras Haus.

1937 kam Leo Trotzki und wohnte für fast zwei Jahre mit seiner Frau im Elternhaus der Frida Kahlo, dem Casa Azul. Frida soll mit dem Revolutionär ein Verhältnis gehabt haben.

1938 erste Einzelausstellung Kahlos in New York.

1939 Ausstellung in Paris. Im selben Jahr erfährt sie von Riveras Verhältnis mit ihrer Schwester. Dies wertet Frida als schwerwiegenden Vertrauensbruch. Sie lässt sich von Rivera scheiden.

Leben im Blauen Haus

Kahlo zieht allein in ihr Elternhaus zurück. Sie schneidet sich die Haare und malt wie eine Wilde.

1940 heiratet sie Rivera erneut. Die Bedingungen des Zusammenlebens änderten sich allerdings: Der Muralist zieht zu Kahlo in das blaue Haus und baut ihr einen eigenen, abgetrennten Wohn- und Arbeitsbereich.

Mitte der 40er Jahre verschlechtert sich Kahlos Gesundheitszustand. Es folgen mehrere Rückenoperationen. Ab 1951 braucht sie einen Rollstuhl, 1953 wird ihr rechtes Bein bis zum Knie amputiert.

Im gleichen Jahr findet die einzige Ausstellung ihrer Bilder in Mexikostadt statt. Sie wohnt dieser in ihrem Bett bei.

Im Sommer 1957 stirbt sie an den Folgen einer Lungenentzündung.

Kahlos Werk umfasst in etwa 200 Bilder, davon sind ein Drittel Selbstporträts.

Sie ist heute die bekannteste mexikanische Malerin. 2016 erzielte das Bild Zwei Nackte am Waldrand acht Millionen Dollar. Laut Christie’s ist das die höchste Summe, die jemals für ein Gemälde eines südamerikanischen Künstlers bei einer Auktion erzielt wurde.

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Barbara, die sich weigert
Nebiga

Die eine Barbara, die sich weigert

Barbara war nie „recht“. Das fing schon früh an. Ihr Vater Dioscuros konnte sich nicht mehr erinnern, wann, aber er wusste noch, dass sie ein wunderschönes und eigentlich verträgliches Baby gewesen war. Schön anzusehen fand er sie auch mit neun, aber …

Pferde sind nichts für dich, Barbara! Was schleichst du im Stall herum? Geh und hilf Mutter beim Kochen! Was heißt, du willst nicht? Ich habe es gesagt – und basta. Geh!

Eine Augenweide war sie mit elf, aber…

Was steckst du deine Nase schon wieder in die Schriften? Die sind nichts für dich. Davon bekommst du nur Falten… füll deinen hübschen Kopf mit Nützlichem. Stick etwas!

Wunderschön sah sie mit dreizehn aus, aber

Wo treibst du dich herum? Du hast nicht in die Stadt zu gehen? Was? Du diskutierst? Mit wem? Am Marktplatz? Hattest du jemanden mit? Nein? Bist du wahnsinnig? Du ruinierst meinen Ruf! Geh auf dein Zimmer! Zwei Wochen will ich dich nicht sehen!

Als fünfzehnjährige war sie die Schönste der Stadt, jeder junge Mann – und auch so mancher alte – renkte sich den Hals aus, als er ihr nachsah, wenn sie auf den Marktplatz lief, aber

Der Sohn des Apothekers hat um deine Hand angehalten. Was heißt, du willst nicht? Wir haben nicht ewig Zeit. Du wirst früh genug faltig und alt. Wie? Ich kann mir die Mühe sparen, einen Mann für dich zu suchen? Was, bitte, heißt das? Du heiratest! Wen ich will!

Heirat als Ausweg?

Mit 18 hatte sich nicht nur die Kunde von Babaras Schönheit über das ganze Land verbreitet, sondern auch ihr Ruf, alle Anträge abzulehnen. Was natürlich noch mehr junge und alte Männer in das Haus des Vaters trieb und noch mehr Streit brachte. Barbara ließ sich nicht erweichen.

Sie wolle nicht heiraten – nicht einen einzigen dieser Männer. Sie überlegte, Jesus zu heiraten. Und eines Tages teilte sie ihrem Vater ihren Entschluss mit.

Waaas? Ist das nicht der Jüngling am Holzkreuz? Dieses Kreuz, das die Christen anbeten? Bist du völlig übergeschnappt? Was für Unsinn redet dir diese Sekte ein? Diese Verrückten, diese Gotteslästerer! Dorthin gehst du nicht mehr. Ich verbiete es!

Doch selbst Väter lernen dazu. Da Dioscuros wusste, dass seine Tochter sein Verbot kaum einhalten würde, ließ er einen Turm bauen. Einen Turm ohne Türe, mit nur zwei Fenstern und sperrte sie ein.

Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen hast!

Barbara weiß, ihre Vernunft ist eine andere

Für ihren Vater „vernünftig zu sein“, da weigerte sich Barbara – und darüber hinaus: Sie fand einen Weg, sich taufen zu lassen, dem Turm beizukommen und zu fliehen. Ein Hirte verriet ihren Fluchtort – worauf ihr wahres Martyrium begann. Dieses endete damit, dass Dioscuros höchstselbst seine Tochter enthauptete.

Erleichterung brachte ihm weder die Quälerei noch seine schändliche Tat: Barbara verweigerte sich als Geschundene genauso wie als Tote. Sie wollte nicht „funktionieren“:

  • Ein Kirschzweig, den sie berührt hatte, begann mitten im Winter zu blühen.
  • Heuschrecken fraßen den verräterischen Hirten.
  • Den Vater tötete ein Blitz, genau nach seinem tödlichen Streich.
  • Die Menschen beten zu ihr und flehen um Schutz – und das über Jahrhunderte hinweg.
  • Ja, Barbara schlich sich sogar in den Volksmund, vor allem den süddeutschen:

Margaretha mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl.

Sind die Zweige der Barbara ein Zeichen der Rebellion?

In der römisch-katholischen Kirche beäugten Historiker Barbara ebenfalls skeptisch. Sie passte eigentlich nicht. Nicht unter die Heiligen.

Hatte sie tatsächlich gelebt?

Bekannt seien ja nur die Legenden, historisch nachweisen ließe sich nichts. So kritisierten die Heiligsprech-Experten den Status der rebellischen Barbara. Sie strichen deshalb im Zuge der Liturgiereformen des zweiten vatikanischen Konzils (1962-1964) die  heilige Barbara aus dem römischen Generalkalender.

Doch die Dame ist populär! Sie lässt sich nicht stillschweigend streichen. So beobachtet am 4. Dezember der Vorbeifahrende auch heute noch in manchen Regionen Vasen mit Zweigen im Fenster. Abends von einer Kerze beleuchtet.

Außerdem blieb Barbara die Schutzherrin der Architekten, der Glöckner, der Maurer, der Zimmerer – und all der anderen Bauarbeiter. Sie gewährt weiterhin als Patronin aller Berufe, die mit Feuer zu tun haben, ihren Schutz – auch der Artillerie.

Die Kirche wurde ihr einfach nicht Herr!

Ihr Gedenktag blieb daher in einigen Regionalkalendern erhalten: in Österreich zum Beispiel, in Polen, Portugal, Slowenien, Frankreich und Italien. Barbara wehrt sich weiterhin hartnäckig. Sie kämpft immer noch an vielen Fronten.

Warum lässt sie es nicht gut sein?

In Theorie… weil sie eine Andere ist, eine viel Ältere.

Es heißt, sie gehöre eigentlich zu den keltischen Göttern. Sie sei Borbeth, eine der drei Bethen.

Die Römer hätten ihr einfach einen anderen Namen gegeben:

„Barbara“ – die Ausländerin.

Beitragsbild: Saint Barbara of_Nicodemia - Jan van Eyck (1437)

 Tipp für den 4. Dezember

Im Mühl- und auch im Waldviertel, Österreich, steht ab 4. Dezember nahezu in jedem Haus ein Strauch aus Barbarazweigerl. Er soll spätestens am Christtag zu blühen beginnen.

Früher schlossen die Bauern daraus, ob es eine gute Ernte geben wird. Barbara zeigt aber mit den blühenden Zweigen auch, wer von der Familie im nächsten Jahr Glück haben wird: Dafür stellt man einen Zweig pro Familienmitglied in die Vase und schmückt ihn mit einem Wollfaden – für jedes Familienmitglied in einer anderen Farbe.

Macht euch heute also auch auf! Heut ist ein milder Tag – genießt euren Waldspaziergang! Nehmt eine Gartenschere mit und schneidet ein paar Zweige. Weicht sie über Nacht in Wasser ein und stellt sie in eine Vase.

Wie man sie schneidet und was es sonst zu beachten gibt, seht ihr im folgenden Video:

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ebooks sind keine Bücher
Leo Nerdette

Weil ebooks keine Bücher sind

Liebe ebooks-Freunde,

da wollte ich einem von Euch zum Ankommen im neuen „Lebensmittelpunkt“-Land ein Buch schenken.

  • Schick mir deine Adresse, bat ich.
  • Nicht nötig, mir genügt ein Titel.

Er würde es kaufen, downloaden und lesen. Wie ebooks-Leser es eben gewohnt sind zu tun. So leicht. So gut. Damit hätte ich dann den Zweck meiner Geschenkidee erreicht. Habe ich?

Ich leitete meine Empfehlung weiter. Bei Gelegenheit würde er es sich runterladen.

Passt schon, denke ich. In der haptischen Welt ist es mit geschenkten Büchern auch nicht anders. Und doch. Irgendwie war es nicht ganz das, was ich mit meinem Geschenk sagen wollte. Es fehlte etwas… das brachte mich zum Grübeln.

Was war denn nun anders? Bücher bleiben doch Bücher, egal ob gedruckt oder digital. ebooks haben den gleichen Inhalt. Sie sagen also das Gleiche aus. Oder etwa nicht? Was bedeuten für mich die bedruckten Bände, die so schwer in der Hand liegen? Was wollte ich mit dem Geschenk sagen?

Bücher und ebooks sind Wegbegleiter

Als ich vor Jahren am Flughafen Benito Juarez stand und auf den Transport zu meiner neuen Wohnung im mir fremden Land wartete, hatte ich Kind und zwei Koffer bei mir. Je Koffer waren damals 25 Kilo erlaubt. Damals. Im Gepäck kullerten auch die Kosmetikartikel noch frei herum, zwischen ein paar Kleidungsstücken, Geschenken und – natürlich – Büchern. Vier Stück in jedem – mehr ging nicht: Nur meine Bibeln – Bücher, die ich auf gar keinen Fall missen wollte. Den Rest hatte ich trockenen Auges verlassen, fünf Kisten bereits vor Jahren in der Elternwohnung – Kinder- und Jugendbücher. Hoch oben hatte ich sie verstaut, nicht leicht wieder herunter zu holen.

Einen Teil der Bücher, die mich durch das Studium begleitet hatten, hatte ich an ein Antiquariat verkauft. Spottbillig – zwei Schilling pro Buch. Trotzdem war eine schöne Summe zusammen gekommen. Ich hatte jahrelang Bücher gesammelt wie andere Lesezeichen im Browser. Chaotisch zwar, aber immer nach meinen Vorlieben.

Zehn Kisten davon schickte ich aufs Land – zum Frische Luft-Atmen. Zu ihnen wollte ich zurückkommen. Sie hatte ich fein säuberlich in Butterbrotpapier eingewickelt, geschlichtet, fürsorglich verstaut. Eines Tages würde wir uns wiedersehen, irgendwann dann…

Hätte es damals schon ebooks gegeben, hätte ich mich nicht trennen müssen.

 

Abstand tut schon auch mal ganz gut

Frau - glücklich, freiWie ich so in der Ankunftshalle des Flughafens stand und auf einen Transport wartete, fühlte ich mich befreit, leicht, bereit für Neues. Ich war in ein Land geflogen, dessen Sprache ich nicht sprach – und war gekommen, um zu bleiben. Wie lange? Das würde sich herausstellen.

Die Bücher des Landes waren mir zunächst einmal verschlossen. Zu ihnen musste ich mir erst Zugang verschaffen: die Sprache lernen, Neues erfahren, selber denken.

Vertrauten Wegen konnte und wollte ich in den nächsten Wochen nicht folgen; zu viele Eindrücke stürzten auf mich ein. Zurück ziehen und lesen war nicht drin. Das war gar nicht üblich in diesem Land. Wer allein saß, ging oder blieb, galt als einsam, vernachlässigt, traurig – Zustände, die dem Bild der allgegenwärtigen Gastfreundschaft zuwider liefen.

Nur nachts in meinem Zimmer, nahm ich hin und wieder eine meiner vier Bibeln in die Hand, las wenige Seiten – für mehr war ich zu überwältigt.

Wenn die Sehnsucht überhand nimmt

Vier Monate später aber hatte das Gefühl von Freiheit der Neugier Platz gemacht.

Unter Arkaden büffelte ich die Landessprache anhand von Artikeln aus Magazinen. Interessant schienen alle möglichen Ressorts zu sein. Wie ein Staubsauger nahm ich alles auf: Sogar die Gespräche im Mikrobus klangen spannend. Hauptsache die Sprache stimmte.

Bücher Chaos So hortete ich ein Sammelsurium an Wissen über Dinge, Personen, Ansichten, von denen ich bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. In meiner neuen Heimat gehörte dies alles zum alltäglichen Umgang, jeder kannte sie – die Namen, die Geschichten, die Skandale. Niemand dachte darüber nach, woher er es wusste. Es half zu überleben, mitzureden und dabei zu sein.

Ich war mit den Wochen nach diesem Wissen hungrig geworden, wollte endlich entschlüsseln, was unter den Leuten brodelte, gesagt und verstanden wurde. Beobachten allein reichte nicht mehr.

Zwar hatte ich mir mittlerweile ein loses Geflecht an Anknüpfungspunkten geschaffen, aber das noch grobmaschige Netz war eingebettet in das alte Bezugssystem, das System eines anderen Kontinents. Eines arroganten, sich als das Zentrum der Welt empfindenden Kontinents. Das sollte sich ändern, denn Mark trat in mein Leben. Mark, der Texaner.

Bücher kommen, wenn sie willkommen sind

Mark hatte bereits zwölf Jahre lang im Land verbracht, ein Kind und lebte in Scheidung. Er brauchte einen Platz für sich. Einen, wo am Wochenende sein Kind willkommen war. Er zog bei uns ein – und mit ihm kam auch seine Bibliothek.

Hunderte Bücher in Obstkisten, gestapelt – Kunst, Sprache, Musik, Religion, Philosophie, Geschichte… es nahm kein Ende. Wir schleppten die Kisten einen Vormittag lang, stapelten Wände voll und füllten so den gut 30 Quadratmeter großen Raum, der sich bald schon als das Zentrum unseres Hauses entpuppen sollte. Denn in seinem eigenen Zimmer hätte Mark sie nicht unterbringen können, nicht, wenn er oder sein Kind sich noch bewegen wollten.

Heimat ist… wenn das richtige Buch in der Bibliothek steht

Abends saß ich am Boden, mitten in der Obstkisten-Bibliothek, und staunte eine völlig neue, doch vertraute Welt an. Ein Universum. So viele Empfehlungen, Einladungen und Möglichkeiten, den Kontinent, das Land, Denken und Leute kennenzulernen. Es machte mich neugierig und gleichzeitig unsicher. Ich brauchte etwas Vertrautes, etwas von dem ich ausgehen, den neuen Kontinent erobern konnte. Einen Anfang.

Zunächst fand ich ihn nicht. Ich versuchte es. Wirklich! Ich stellte meine Bibeln in die Obstkisten dazu – sie reihten sich ein, blieben aber fremd. Da war ein Abgrund dazwischen, ein Verbindungsglied fehlte.

Ich las ein Stückchen auf der einen Seite, ein paar Absätze auf der anderen, breitete die Bücher aufgeschlagen vor mir auf, wanderte umher, strich über die Einbände, blätterte, schnupperte, roch das Papier, suchte – suchte die Brücke, den Übergang.

An diesem Abend fand ich sie nicht. Auch Tage danach noch nicht. Ich stöberte, aber tauchte nicht wirklich ein, blieb fremd.

Bis von einem Freund der alten Welt ein Päckchen mit der Post kam. Darin lag ein kleiner roter Band der Reihe Salto vom Wagenbach Verlag: Marcos - Herr der Spiegel: Der Subcomandante trifft den Autor von Pepe Carvalho im Urwald von Chiapas des Katalanen Manuel Vázquez Montalbán. Montalbán beschreibt seine Reise zu den Nachfahren der Mayas im Bundesstaat Chiapas in Mexiko. Er erzählt, wie er, der Europäer, auf Subcomandante Marcos – militärischer Führer der indigenen Bevölkerung Chiapas – wartet, um ein langes Gespräch mit ihm zu führen.

Ein paar Stunden nur, dann war ich durch. Ich stellte das Bändchen zu den anderen Büchern. Es fügte sich, verband das Vertraute mit dem Fremden. Die Brücke war da.

Ich war angekommen, war zuhause. Genau dieses Gefühl, liebe e-books-Freunde, wollte ich weitergeben. Dieses Mal bin ich gescheitert. Beim nächsten Mal gebe ich mich nicht so leicht geschlagen. Da bin ich mir sicher!

Auf bald

Eure Leo

Globetrotter-Tipp in Sachen ebooks

Zum Unterwegs-Sein sind ebooks durchaus eine großartige Erfindung. Handlich, leicht und solange die Batterie reicht, sind sie äußerst nützlich. Wenn du folgende Punkte beachtest, wirst du sogar glücklich damit:

  • Lade vor deiner Reise nur jene Bücher herunter, die du lesen möchtest. Besondere Freude macht es, schwere Schinken runterzuladen.
  • Wenn dir eines der Bücher wirklich gut gefallen hat, leiste es dir als „echtes“ Buch für dein Bücherregal.
  • Stell dich mindestens einmal die Woche vor dieses und genieß‘ es!
  • Geh‘ regelmäßig in Buchhandlungen – ja Bibliotheken gehen auch – schmöckere und atme vor allen Dingen diese Luft ganz tief ein, die Lust zum Lesen macht.
  • Halte dir den Platz zuhause für genau diejenigen Bücher frei, die du liebst. Gelegenheitsbekanntschaften und Fehlgriffe  können im e-books-Archiv verbleiben. Regelmäßiges Ausmisten hilft.

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Wer bringt die Geschenke
Leo Nerdette

Geschenke – Wer bringt sie denn nu?

Ach Weihnachten! Stille, erholsame Zeit. Tage der Geschenke und der Nostalgie! Wir wissen alle, wie sie sein sollen…

  • Schnee fällt; im Kamin prasselt Holz; daneben steht eine Tanne, mit Glaskugeln und Bienenwachskerzen geschmückt. Über dem Kamin hängen Socken – naja, eher wollene Kniestrümpfe, aber sei’s drum – und auf dem Tischchen steht ein Teller mit Plätzchen für den Weihnachtsmann…
  • Weihnachtsmann? Seit wann bringt ein Weihnachtsmann Geschenke? Lieferant ist doch das Christkind. Es fliegt an Heiligabend vorbei, arrangiert die mitgebrachten Gaben und den Baum. Wenn alles fertig ist, läutet es ein goldenes Glöckchen und verschwindet. Manche Kinder erhaschen vielleicht noch einen Schimmer der Flügel.
  • Christkind? Jesus liegt zu Weihnachten in der Krippe und ist ein Baby. Wie soll er Geschenke tragen? Außerdem ist er das Kind, zu dem die Heiligen Drei Könige pilgern und das sie mit Weihrauch, Myrre und Gold beschenken. Da ist es nur logisch, dass die auch die Kinder der Welt…

Weltweit reden im Dezember  Leute von „Weihnachten“ und haben ein genaues Bild vor Augen. Die meisten setzen alles daran, dass es genauso aussieht wie zu ihrer Kinderzeit! Als besonders eifrig erweisen sich diejenigen, die selbst Kinder haben. Doch: Wenn der eine von Weihnachten spricht, muss der andere noch lange nicht verstehen, was er genau damit gemeint hat.

Das sorgt für eine gehörige Portion Wirrwarr.

Die fünf wichtigsten Gabenbringer

Je nach Land oder Region bringt nämlich eine andere Figur die Geschenke, ja selbst die Tage variieren, an denen sie  welche verteilen sollen: Kinder können am 5., 6., 13. am 24. und 25. Dezember Geschenke kriegen oder eben erst am 6. Januar. Historisch gesehen hatte sich das Datum mehrmals geändert. Es gibt Generationen, bei denen war der Gabentag in der Kindheit ein anderer, als in der Jugendzeit.

Wir von Märchen für Globetrotter haben uns die Mühe gemacht, Buch zu führen. Damit in diesem Jahr niemand den Überblick verliert – hier sind also die fünf wichtigsten Gestalten, die an Weihnachten Geschenke bringen:

Väterchen Frost:

Väterchen Frost bringt Geschenke

Väterchen Frost von Ivan Bilibin (1932)

In den slawischen Ländern, vor allem in Russland, existiert diese Märchenfigur schon lange. Eigentlich ist es Herr Winter – jener altehrwürdige Eisbringer, der vor allem in Sibirien seine Kräfte spielen lässt.

Väterchen Frost nennt einen langen, dicken und weißen Bart sein eigen und führt ein magisches Zepter. Was er mit dessen Spitze berührt, gefriert. Er wohnt übrigens tief im Nadelwald des Nordens und fährt am Neujahrstag einen von drei Schimmeln gezogenen Schlitten voller Geschenke aus. Post können ihm Kinder auch schicken. Obwohl…

Generell macht er eher einen eisigen Eindruck. Vermutlich wegen seines grauen, mit Blautönen durchwebten Pelzmantels. Allerdings färbt der sich mit zunehmenden westlichen Einfluss langsam rot.

Die Hexe Befana

Hexe Befana verteilt die Geschenke

Die Hexe Befana von ho visto nina volare

Diese Figur stellt angeblich eine Parallelgestalt zur alpenländischen Perchta dar, ist ein Überbleibsel der  keltischen Bethen (Perchten), die speziell am Ende der Rauhnächte – nämlich in der Nacht zum und der Tag des 6. Januar – auftreten. Die Bethen segneten Haus, Hof, Mensch und Vieh und als Zeichen, dass sie da gewesen waren, hinterließen sie drei Kreuze an den Türen.

In Abwandlung geht die Geschichte der Befana so: Als Schönpercht – gute Hexe – sucht sie in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar eigentlich das Jesukind, muss aber von Haus zu Haus fliegen, weil sie den Stern verpasste, der die Heiligen Drei Könige leitet. Dabei bringt sie Geschenke – und manchmal straft sie. Je nachdem, wie brav die Kinder das Jahr über waren.

Christkind

Christkind im Struwwelpeter -1845

Christkind von Heinrich Hoffmann aus Der Struwwelpeter (1845)

Tja – eigentlich ist das Christkind ja evangelisch. Das muss jetzt mal gesagt werden, auch wenn es unter den Katholiken weit verbreitet ist.

Dass das Christkind an Heiligabend die Gaben vorbeibringt, war ein Einfall Martin Luthers. Dem Reformator  war die vorher auch in seinem Hause übliche Bescherung am Nikolaustag ein Dorn im Auge. Dieser Brauch widersprach seiner Ablehnung der Heiligenverehrung.  Deshalb verlegte er den Tag für die Geschenke auf Heiligabend. Ursprünglich war sein Gabenbringer der „Heilige Christ“, wie Luther das Jesuskind nannte.

Offenbar war den Leuten diese Vorstellung etwas zu theoretisch. Sie wollten „Handfesteres“ – einen weiblichen Engel zum Beispiel. Im 17. Jahrhundert setzte sich diese Vorstellung  durch: In weihnachtlichen Umzugsbräuchen ziehen Maria, Josef und das Jesuskind durch die Straßen, begleitet von weiß gekleideten Mädchen mit offenem Haar als Engel, angeführt vom Christkind.

Deswegen legt in manchen Ländern ein weiblicher Engel die Geschenke ab, in anderen kommen sie dagegen mit dem Kind in der Krippe.

Hl. Nikolaus oder Sinterklaas

Sinterklaas und der Zwarte Piet von Daan Hoeksema (1879–1935)

Sinterklaas und der Zwarte Piet von Daan Hoeksema (1879–1935)

Endlich mal einer zum Anfassen! Sprich, es gibt ein paar historische Tatsachen – der Mann hat offenbar wirklich gelebt. Nikolaus von Myra wurde zwischen 270 und 286 n. Ch. in einer Stadt Lykien geboren, gestorben ist er am 6. Dezember 326. Als Abt und Bischof nahm man ihn 310 im Zuge der Christenverfolgungen gefangen und folterte ihn. Aufgrund seines Martyriums sprach ihn die katholische Kirche später heilig.

Um ihn ranken sich natürlich auch einige Legenden. Eine davon ist die, dass er sein ererbtes Vermögen unter den Armen verteilt, eine andere, dass er in einer bitterkalten Winternacht seinen Mantel einem Bettler gab. Dass solches Verhalten so ziemlich jedem Bischof der Zeit zugeschrieben wurde, spielte keine Rolle, als man ihn heilig sprach.

Die Legende vom geteilten Mantel hatte zudem einen Vorteil: Sie machte ihn zum geeigneten Mann, der den Armen und Kindern im Winter Geschenke bringt.

In den Niederlanden heißt der heilige Nikolaus „Sinterklaas“ und landet am letzten Samstag im November mit seinem Reisegefährten, Zwarter Piet, in den Hafenstädten Hollands. Das ist jedes Mal ein Fest, wenn er mit seinem Schimmel an Land reitet. Die Kinder stellen Schuhe vor die Türe, in denen ihr Wunschzettel liegt

Am Abend des 5. bringt Sinterklaas die Geschenke, die er noch mit einem Gedicht versehen hat. Und weil Sinterklaas auch noch Humor hat, gibt’s für die Familien viel zu lachen.

Die Heiligen drei Könige

Die heiligen drei Könige Ravenna

Mosaik in der Basilica di Sant’Apollinare Nuovo in Ravenna: „I tre Re Magi“. Foto von Nina Aldin Thune

In Spanien zum Beispiel kommen traditionell die Heiligen Drei Könige (Reyes Magos) und bringen ihre Geschenke. Auch sie entstammen der Legende: In der Bibel folgen Sterndeuter dem Leitstern – von Königen ist genauso wenig die Rede wie von ihrer Zahl.  Trotzdem haben sie sich als Gabenbringer durchgesetzt. Ihr Nachteil ist, dass die Kinder bis zum 6. Januar warten müssen, bis sie beschenkt werden. Ärgerlicherweise harren die Kleinen manchmal sogar vergeblich: Unartige Kinder bekommen statt der Geschenke nur Kohlestücke.

Die drei Könige kommen in Spanien schon auch einmal auf Kamelen angeritten und sind offenbar ausgehungert. Die Kinder müssen Wasser und Brot für sie vor die Tür stellen und finden dafür am Morgen des 6. Januars die Geschenke vor.

Mit diesen fünf Gabenbringern behalten alle den Überblick. Diese Figuren haben sich über den Erdball in leicht abgewandelter Form verbreitet. Der Weihnachtsmann ist auch eine Variante: Er ist ein Sammelsurium aus verschiedensten Elementen des  Heiligen Nikolaus und Väterchen Frost.

Für die Kinder sollten wir uns aber für eine Gestalt einigen – und an einem Strang ziehen. Nur so zur Vorsorge…

Sonst antwortet die nächste Generation auf die Frage: „Wer bringt die Geschenke?“

Klar! Amazon.

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Adventskalender im Fenster
Leo Nerdette

Welcher Adventskalender passt zu uns?

Adventskalender…

Oh nein! Adventkalender… so ist es richtig.

Nie und nimmer!

Und das ist erst der Anfang. Wir haben noch nicht einmal die Angebote für den diesjährigen Redaktions-Adventskalender angeschaut, schon sind wir – die Redaktion, Nebiga und ich – mitten in der Diskussion. Beide Wörter bescheren uns bei näherer Recherche eine Riesenauswahl in der Suchmaschine, aber die Tendenz neigt sich gen Adventskalender mit Fugen-s. Gemeint ist das kleine s in der Mitte.

Der Grund: „Adventskalender“ nennen Deutsche wie Schweizer jenen Kalender, an dem im Advent täglich ein Fenster/Türchen geöffnet werden darf. Nur die Österreicher fügen zwischen t und k kein s ein.

Niemals?

Na ja, bei Christkindl jedenfalls auch nicht.

Eigentlich zwängt Homo Austriacus das s immer gern dazwischen: Bei der Zugsverspätung genauso wie beim Schweinsbraten…

  • nur beim Adventkalender – da nicht.

Wie der Adventskalender sich durchsetzte

AdventskalenderWir vermuten, das hängt damit zusammen, dass Anfang des 19. Jahrhunderts die Evangelische Buchhandlung Friedrich Trümpler in Hamburg zum ersten Mal einen Adventskalender druckte. Und damit, dass der Münchner Verleger, Gerhard Lang, mit seinem 1903 gedruckten Kalender Im Lande des Christkinds als der Begründer des Adventskalenders gilt. Ein Jahr später veröffentlichte dann die Stuttgarter Zeitung einen Adventskalender – und schuf auf diese Weise ein saisonales Phänomen für den Massenmarkt.

Der Brauch, bebilderte oder später sogar mit Schokolade gefüllte Druckprodukte in den Räumen aufzuhängen, kommt demnach aus Deutschland. Er eroberte in konzentrischen Kreisen die deutschsprachigen Länder. Wer seine sprachliche Eigenständigkeit also bewahren wollte, musste den Brauch umbenamsen. Auch wenn es bedeutet, ein s weglassen zu müssen.

Zählhilfe in der Fastenzeit

Die protestantischen Haushalte waren diejenigen, die begannen, die Tage bis Weihnachten mithilfe einer Art Kalender zu zählen. Zunächst hängten die Lutheraner 24 Bilder nach einander an die Wand oder bastelten ihren Kindern Papierschächtelchen, die sie mit Plätzchen füllten.

Ein Schächtelchen, ein Plätzchen pro Tag – aber sonst mussten die Kinder in der Adventszeit genauso fasten wie die Erwachsenen.

Andere malten 24 Kreidestriche an die Tür. Die Kinder durften  täglich einen davon wegwischen.

Strohhalme dagegen waren der Katholiken Ding: Sie legten 24 Halme in die Krippe; abgezählt, damit sie täglich einen entfernen konnten. Das war etwas Besonderes, denn die Tage zur Vorweihnachtszeit waren ausgefüllt: Man schuftete sowieso von morgens bis abends, doch im Advent kam noch die Vorbereitung dazu.

Das Zählen der Tage war daher oft das einzige kurze Innehalten des Tages. Ein Moment der Vorfreude. Kinder wie Erwachsen dachten daran, wofür sie all die Mehrarbeit auf sich nahmen.

Christi Geburt – ja.

Aber in ihren Köpfen entstanden auch die Bilder von Gänsebraten, Rotkraut, von Kuchen, Klößen, Knödeln und Kekserl/Plätzchen.

Schuld waren natürlich ihre vom Fasten darbenden Bäuche. Die Gläubigen träumten wegen ihnen  davon, in sich hineinstopfen zu können, was sie die Tage schlachteten, schnitten, rührten, kochten, brieten, backten und verzierten.

Warum hält sich der Brauch heute noch?

Na ja, so alt ist er jetzt auch wieder nicht.

Das nicht, aber hast du schon mal gepinterestet? Oder bei Amazon nachgeschaut? Adventskalender sind überall! Es gibt kein Entkommen!

Bei Amazon zum Beispiel findet der Suchende die Adventskalender sogar in Rubriken eingeordnet, weil man sonst den Überblick verliert:

  • Schokolade und Süßigkeiten, einmal für Kinder und einmal für Erwachsene;
  • Beauty, natürlch mit Schönheitsprodukten für SIE und IHN,
  • Tee und Getränke
  • Gewürz- und Schlemmerkalender
  • Geschichten und Bilder für Groß und Klein
  • Erotik
  • Schmuck
  • Spielzeug
  • Alkoholische Getränke
  • Knabberkalender
  • Zum Selbstbefüllen
  • für Heimwerker

100 Jahre und wir können Adventskalender mit allem befüllt kriegen, was es so gibt.

adventskalender selbst gebastelt

Und für die Selbstbastler (Pinterest) gibt’s die Utensilien als Fülle noch in extra Rubriken dazu.

Adventskalender sind so hipp wie eh und je! Wir wollen nicht darauf verzichten, genauso wenig wie auf Weihnachten, auch wenn man selbst vielleicht gar nicht gläubig ist.

Das liegt an der Nostalgie. Wir wünschen die Harmonie herbei.

A geh! Die gibt’s eh nicht! Am meisten wird zu Weihnachten g’stritten!

Heißt es zumindest. Aber nicht im Advent, im Advent nicht! Da ist noch Ruhe.

Jeder Tag ein Erlebnis

Bei Gerhard Lang – damals – bestand der Adventskalender noch aus einem Bogen mit 24 Bildern zum Ausschneiden und einem Bogen mit 24 Feldern zum Aufkleben. Damit den Kinder die Zeit bis zum Weihnachtsabend nicht so lang wird, sollten sie jeweils ein Bild ausschneiden und in ein Feld kleben.

Und wenn sie schon dabei waren, konnten sie gleich

  • die Strohsterne basteln, die noch fehlten.
  • die Großmutter anbetteln, dass sie noch eine Geschichte erzählte.
  • den Apfelnikolo und den Zwetschenkrampus basteln.
  • die Bilder malen, die sie schenken wollten.
  • die Kekse verzieren, die Muttern buk.

Jedes Fenster, jedes Türchen barg eine Reihe von Möglichkeiten, von Erlebnissen und von Erinnerungen, die der Familie blieben. Sie waren nicht bloß Schokolade.

Sie waren gemeinsam verbrachte Zeit.

Ein Adventskalender mit Schokolade kommt für die Redaktion also nicht infrage?

Nee.

Genauso wenig wie der Pfeffer- und Salz-Kalender für Gourmets nehm‘ ich an – und auch nicht der Nagellack-Adventskalender mit 24 Trendfarben.

Richtig. Wenn du mich fragst… wir können uns eh nicht für einen gekauften entscheiden. Am besten wir machen uns den Kalender selbst!

Und wie?

Das siehst du am 1. Dezember! Hier im Blog.

Schau rein!

smiley

 

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Globetrotters Sehnsucht nach Zuhause
Nebiga

Globetrotters Sehnsucht nach Zuhause

Shakshuka heißt das Gericht. Mit ihm beginnt die Sehnsucht, die Sehnsucht nach Zuhause.

Cafe de Olla eingegossenSamstagmorgen. Ich bin gegen zehn im Haus eines Freundes aufgewacht. Verkatert noch setze ich mich zu den anderen an den Tisch in der Küche. Ihnen geht es übrigens nicht besser. Es war eine lange Nacht gewesen. Nur die Hausfrau, tu mama wie mein Freund zu seiner Schwester sagt, wuselt herum, stellt an das eine Tischende Tortillas, bringt jedem eine Tasse Café de Olla, plaudert fröhlich durch den Duft von Zimt, Kaffee und Nelken und ignoriert unsere wortkargen Antworten. Ich versuche, mich langsam an das Licht zu gewöhnen, das grell durch die Glastüre der Terasse scheint. Auf einmal – ich merkte kaum, wie sie vor mir landeten – lachen mich zwei Eieraugen aus einer Tonschüssel an. Sie schwimmen in einer Sauce aus Tomaten und anderem Gemüse. Shakshuka, ey, guten Morgen!

Huevos fritos nennen sie es in Mexiko, „gebratene Eier“ also – eigentlich meinen Mexikanier damit „bloß Spiegeleier“. Dass allerdings meine Großmutter plötzlich mit ihnen vor mir steht, damit habe ich nicht gerechnet.

„Iss Kind!“, sagt Großmutter und schenkt den Chai ein.

Während ich die Gabel mit dem ersten Bissen zum Mund führe, setzt sie sich mir gegenüber. Es ist wie früher. So wie damals als ich noch ein Kind war und sie die größte Erzählerin der Welt.

Die mexikanischen Eier schmecken etwas anders ich Shakshuka kenne, mehr nach Chili und Zwiebel, weniger nach Harissa, Sumach und frischem Koriander.

Dazu gibt es Tortillas statt Brot.

Aber die Erinnerung kommt trotzdem wieder, kommt wieder zu mir zurück. Schuld ist das Ei. Es schmiegt sich wie in meiner Kindheit an die Zunge, glättet die Schärfe der Soße. Ich hörte Großmutters Stimme.

Die Leute behaupten, dass damals ein Kaufmann in der Stadt lebte, ein rechter Schlaufuchs, aber ritterlich und großmütig. Er war ein stattlicher Mann, lachte gern, war freundlich und sanft. Und weil er so ein weites Herz im Leib  hatte… und einen weitläufigen Weinkeller dazu… besuchten ihn seine Freunde genauso häufig wie sie ihn in ihre Häuser einluden. Tatsächlich verbrachte er kaum eine Nacht allein.

Des Globetrotters Heimweh

Auslöser für diese Erinnerungsfetzen mag immer wieder etwas Anderes sein: Ein Gewürz vielleicht, ein Duft, ein vermeintlicher Bekannter. Globetrotter kennen diesen Augenblick – den Moment, in dem plötzlich die Luft um sie herum flirrt, der Atem stillsteht – die Erinnerung sie weglockt. Sie von dort weglockt, wo sie gerade sind und wie sie sich gerade fühlen… Ihnen das längst Verlassene vorgaukelt; sie nur wenig später zurücklässt – mit der Sehnsucht nach Zuhause.

Als wieder einmal die Reihe an ihm war, eine Abendgesellschaft auszurichten, bereitete der Kaufmann alles vor: Die kleinen Köstlichkeiten scharf und sauer, salzig, süß klebrig und ein bisschen bitter. Es wäre despektierlich sie Snacks zu nennen oder Fingerfood. Er stellte den Wein zum Atmen raus, frisches Obst und Käse dazu. Pölster und Matten legte er ebenfalls bereit und die Musikinstrumente, die so einige seiner Freunde zu spielen wussten. Mit einem Blick musterte er abschließend sein Werk, nickte zufrieden und ging hinaus – in die Stadt, um seine Freunde zusammenzutrommeln.

Heimweh überfällt auf StraßeHeimweh überfällt Globetrotter unvorhergesehen, macht sie melancholisch und lässt sie schon einmal überlegen, ob es an der Zeit wäre zurückzukehren. Vielleicht um den Wechsel der vier Jahreszeiten wieder zu fühlen oder zu sehen, wie schnell sich zuhause alles dreht. Was hält davon ab, sofort das Flugticket in die Heimat zu kaufen? Zurückzukehren?

Großmutter?

Es begab sich, dass in der gleichen Stadt ein anderer Kaufmann lebte, ein Wanderer. Noch jung an Jahren hatte er ein verführerisch hübsches Gesicht mit verschmitzten Augen. Einst war er mit allerlei Waren und viel Geld aus seinem Land gekommen und hatte sich in dieser Stadt niedergelassen, weil sie ihm so gut gefiel. Sein Geld hatte er mittlerweile verprasst. Denn er hatte in Saus und Braus gelebt. So manchem Mädchen hatte er den Kopf verdreht und ihr Geschmeide und schöne Stunden geschenkt, bis er nichts mehr besaß außer den Kleidern, die er am Leib trug, und den Witz, um sich aus den verzwicktesten Lagen herauszureden.

Eines Tages war es aber so weit gekommen, dass er trotz aller Ausreden sein Haus verlassen musste. Er konnte seine Schulden nicht mehr bezahlen. Von da an streifte er durch die Stadt – tagsüber auf der Suche nach einem Reisegefährten. Mit ihm wollte er in sein Land zurückkehren. Nachts jagte er nach einem Schlafplatz.

Was davon abhält zurückzukehren

Geldmangel? Der fehlende Reisegefährte? Nein, das ist es eher weniger, das mich hält. Ich habe zwei Leidenschaften. Beide ereichen, dass ich in diesen seltenen Augenblicken des Zweifels wieder auf Spur komme. Mich erinnere, warum ich weiter unterwegs sein will:

1. Schreiben

In Heimweh-Momenten nehme ich eines meiner Notizbücher und schmökere. Abgesehen davon, dass es eine Weile braucht, bis ich die Schrift entziffern kann, lenkt mich der Inhalt ab, weckt meine Neugier. Warum ist „morgen“ in Mexiko anders als „morgen“ bei mir zuhause? Was genießt die Familie, bei der ich wohne sonntags besonders? Wo kommen jene Affen her, die ich auf der Insel mitten im See von Catemaco, Vera Cruz, beobachtet habe?

Hinter dem Horizont meiner Beobachtungen und Geschichten steckt so viel mehr. Wer kann da zurück?

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2. Kochen

Wenn ich keine Lust zu schreiben habe, meine Hände aber beschäftigen will, hilft es mir zu kochen.

Die Globetrotter, die ich kenne, sind alle Häferlgucker. Nichts ist aufregender als das neue Rezept, die fremden Gewürze, die Gerüche oder die ungewohnte Machart. Küche ist ein weites – ein unendliches – Feld und Kochen die Ausrede, unter all dem Fremden doch auch wieder das Eigene, die Heimat, mit hineinzubringen.

Für dich mag das ja gelten! Aber unser junger Kaufmann konnte mit dem Schreiben nichts anfangen. Auch hatte er keine Ahnung von häuslichen Dingen. Er wollte nur zurück. Und so zog er durch die Gassen und hielt Ausschau nach einem, der ihn nach Hause bringen würde.

Wie er sich die Augen wundschaute, sah er auf der anderen Seite eine über die Maßen schöne und anmutige Frau. So schön war sie, dass ihm schien, die Sonne verneige sich.

Schüchtern ist kein Wort, das ich gebrauchen würde, um den jungen Mann zu beschreiben. Er sprach das Wunderwesen sogleich an. Sie reagierte,  scherzte und schäkerte. Lange dauerte es nicht und er schlug vor:

„Komm, suchen wir uns ein gemütlicheres Plätzchen.“

„Gut,“ sagt sie, „Gehen wir zu dir!“

leere Straße mit bunten HäusernSchon bereute er seine Worte! Er verfluchte, dass er sie gefragt hatte. Ungerecht war es! Nur weil er mittellos war, sollte ihm eine solche Gelegenheit entgehen. Wie peinlich aber, ihr erklären zu müssen, dass er kein Heim besaß. Die Wahrheit konnte er auf keinen Fall sagen. So lief er vor ihr her – zickzack durch die Straßen der Stadt.

Wie nur… wie… konnte er sie loswerden?

Einfach so tun als ob

Eine Gasse nach der anderen schritt der mittellose Kaufmann ab, ohne die erhoffte Rettung zu finden. Schließlich gelangte er in eine Sackgasse, an deren Ende eine verriegelte Tür zu sehen war.

Schloss an Tür„Gott soll meinen Diener verfluchen! Er hat die Tür abgeschlossen und ist weggegangen!“

Er ließ die Schultern hängen. „Meine Dame“, sagte er, “ Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll!“

„Was machst du für Aufhebens wegen eines Schlosses, das vielleicht zehn Dirham wert ist,“ war ihre Antwort. Sie krempelte ihre Ärmel auf, griff sich einen Stein von der Straße – und schlug zu. Die Tür sprang auf.

Was blieb dem armen Mann anderes übrig als einzutreten.

Mi casa es tu casa! Ein Satz, der zu Mißverständnissen führen kann: Mein Haus ist dein Haus. Phrase für viele, schnell ausgesprochen; nichtsagend denken die meisten Touristen… so lange bis eines Tages ihre Urlaubsbekanntschaft vor der Tür steht. Aber wer schon einmal erlebt hat, wie Feste am nächsten Morgen im Haus eines mexikanischen Freundes zu Ende gehen, glaubt nicht mehr daran, ein Lippenbekenntnis zu hören.

Wie staunte der Kaufmann, als er einen großen Empfangssaal voll Pölster vorfand. Natürlich setzte er sich, lehnte sich an ein Kissen, die Frau entkleidete sich… und es kam wie es kommen musste…

So zum Vergnügen

Tanzende Arabische Frau„Was musste kommen, Oma?“ Das fragte ich immer an dieser Stelle.

Ich höre das Lachen, sehe ihr schelmisches Zwinkern. Meine Großmutter sitzt mir jetzt gegenüber, mitten unter den nichtsahnenden Freunden, die Tortillas reihum reichten – durch sie hindurch. In meinem Kopf hallen ihre Worte:

Er spürte jetzt erst, wie hungrig er war.

„Weißt du, ich kenne mich in meinem eigenen Haushalt nicht gut aus. Auf meinen Diener ist gewöhnlich solch ein Verlaß, dass ich mich um nichts kümmern muss. Schau du doch in der Küche nach, was er zum Essen vorbereitet hat.“

Die Frau fand Töpfe voll Köstlichkeiten in der Küche, einen Kringel Brot mit Sesam und eine Karaffe mit klaren, gefilterten Wein. Sie schöpfte einen Teller voll, nahm Brot und Wein mit. Das aßen und tranken sie gemeinsam und verbrachten ein schönes Stündchen miteinander, lachten, sangen, spielten.

Währenddessen…

Was das Shakshuka meiner Großmutter so tief in der Erinnerung verankerte? Das Brot. Sie buk es einmal die Woche, ein Gruß an Mahgreb, an ihre Familie, die sie nach ihrer Heirat selten besuchen konnte. Im Brot lag ihre Sehnsucht nach Zuhause. Wenn ich ein Stück davon abbrach, es in die Soße mit Ei tunkte und daran lutschte, rannen immer ein paar Tropfen über mein Kinn. Ich schleckte schnell, doch nie schnell genug.

„Nimm die Serviette! Warum wohl habe ich sie dir hingelegt?“

Wahre Gastfreundschaft

Währenddessen… kam der Hausherr mit seinen Freunden an die Pforte. Sofort bemerkte er das aufgebrochene Schloß, wunderte sich über die verriegelte Tür und hörte Lachen im Haus. Und weil er ein kluger und neugieriger, jedoch kein ängstlicher Mann war, schickte er die Freunde weg:

„Ach, das tut mir jetzt leid! Da sind wohl ein paar Verwandte zu Besuch gekommen. Verschieben wir den Abend auf morgen!“

Als die Freunde gegangen waren, klopfte er.

Wie erschrak da der Mann im Innern des Hauses! Aber die Frau stürmte zur Tür, riß diese auf und schalt:

„Dein Herr war ausgesperrt. Was bist du nur für ein nachlässiger Diener! Geh und entschuldige dich.“ Und während der Mann in den Pölstern am liebsten darin verschwunden wäre, folgte der Hausherr der Aufforderung, stieg die Treppe hoch und trat in den Empfangsraum.

„Herr, sagte er, „bitte verzeih! Ich war länger mit deinen Aufträgen unterwegs als ich dachte.“ 

An genau diesem Punkt der Erzählung war das Kind in mir normalerweise empört. Das war doch irgendwie verkehrt. Wie kann der Hausherr sich so behandeln lassen? Aber meine Großmutter schüttelte nur sanft den Kopf.

Zu dritt hatten sie doch noch einen viel schöneren Abend: Der Hausherr tat alles auf, was er eigentlich für seine Freunde vorbereitet hatte. Solange bis der mittellose Kaufmann ihn bat, sich doch selbst in der Küche zu bedienen und ihnen auch Gesellschaft zu leisten. Die Frau tanzte… sie lachten und erzählten Geschichten. Als es schon tiefe Nacht war, richtete der Hausherr die Betten für das Paar und wünschte gute Nacht.

Als der Morgen graute, erwachte die Frau: „Ich möchte jetzt gehen,“ sagte sie, verabschiedete sich und ging davon. Der Hausherr rannte ihr mit einer Geldbörse voll Silbermünzen hinterher, übergab ihr das Geld und entschuldigte sich für seinen Herrn.

Dann ging er in die Küche. Als der junge Mann etwas später in den Empfangsraum kam, zwinkerten ihm zwei Eieraugen zu.

„Shakshuka, mein Herr?“ fragte der Hausherr und reichte ihm die Tonschüssel.

Da fiel der Mann auf die Knie.

Eine lange Freundschaft ward geboren.

Was stillt die Sehnsucht nach Zuhause?

Shakshuka schmeckt mit Tortilla auch, aber anders. Das fällt mir erst nach drei Tassen Café de Olla auf, wovon ich sowieso zwei für Chai gehalten habe. Es ist als gehe es allen so: Alle wachen auf. Plötzlich bekommt tu mama ein Kompliment nach dem anderen.

Ihre Eier sind ein Gedicht! Und der Kaffee erst. Was für eine Wohltat! Das Richtige heute, das einzig Wahre!

Die mexikanische Mama freut sich. Endlich zeigen sich die Lebensgeister ihrer Gäste wieder. Vor lauter Freude tischt sie weiter auf.

Ob wir noch süßes Brot wollen? Etwas Melone? Ananas? Noch eine Tortilla. Ach, Vögelchen, ihr müsst nicht immer auf eure Figur achten. Warum nicht? Bist du auf Diät! Früher waren’s ja bloß die Mädchen, aber heute… heute spinnt der Junge genauso. Etwas gebratene Bohnen? Guacamole?

Gegen fünf am Nachmittag können wir schließlich aufbrechen. Heute und morgen brauche ich nichts zu essen; soviel steht schon mal fest. Als ich mich in der Türe noch einmal umdrehe, grinst meine Großmutter mich an.

„Wollte der mittellose Kaufmann eigentlich noch immer in seine Heimat zurück,“ frage ich.

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Lesereise nach Bulgarien
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Buchtipp: Lesereise nach Bulgarien

Manchmal genügt eine Lesereise und du glaubst, mit den Menschen in einem Land völlig vertraut zu sein. Wem das passiert, ist an einen Autor geraten, der das Land und seine Leute liebt. Bulgarien hat zwei wunderbare Fürsprecher in der deutschsprachigen Autorenzunft. Einer davon ist Thomas Magosch. Er schickt uns auf eine Lesereise, die den alltäglichen Absurditäten Bulgariens Stimme und Gesicht verleiht.

Wenigstens eine Lesereise nach Bulgarien

Ganz am Rand Europas gelegen, war es immer schon ein Reiseland. Das hat sich nicht geändert. Nach Bulgarien im Sommer an das Schwarze Meer zu fahren, heißt sich mit tausenden Touristen den Strand zu teilen. Party, Bier und Liebeständeleien auch. Russisch, Deutsch und Englisch – alles sprudelt durcheinander. Bulgarisch bekommt man an den Goldstränden weniger zu hören. Braucht es ja auch nicht – mit der Schrift hat der ein bis zwei Wochen bleibende Tourist eh genug zu tun. Wer kann schon kyrillisch entziffern?

Wem es zuzuhören lohnt

Thomas Magosch aber hat im Herzland des Balkan ein paar Jahre verbracht. Mit seiner Familie und allein bereiste er Bulgarien, fuhr nicht nur an den Goldstrand, sondern auch nach Targowischte, Kowatschewitza, Melnik, Sofia und Verniko Tarnowo. Auf seinen Reisen sprach er mit Musikern, Taxifahrern, Mönchen, Hausmeistern und Wahrsagern; mit Menschen, die etwas Geschichten, Legenden zu erzählen und auch sonst einiges zu sagen haben. Magosch porträtiert, fragt nach, hört zu und zeichnet das Miteinander.

Lesen, lauschen, kennenlernen

Drei Frauen läuten die Glocken der Nemski-Kathedrale in Sofia, hoch oben im Turm. Unter ihnen die wahrscheinlich älteste Glöcknerin der Welt. Ihr Blick ist einer von vielen. Einer, der nichts beschönigt, nichts verheimlicht und nichts mehr allzu wichtig nimmt. Nur eines…

Alles beginnt und endet mit den Glocken!

sagt sie, und trotzdem trägt sie keine Uhr. Auf eine Minute mehr oder weniger kommt es nicht an.

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Gut, dass Baba Jaga so zurückgezogen lebt! Schon vor langem ihr Hüttchen auf Hühnerbeinen noch tiefer zwischen die Bäume hineingetrieben hat. Dorthin, wo der Wald so dicht und dunkel ist, dass man die Hand vor den Augen und die Füße auf dem Weg nicht sieht.

Hätte sie nicht so früh Maߟnahmen ergriffen, müsste sich Baba Jaga jetzt gegen Anhänger wehren. Gegen „Fäns“ oder „Followers“, die in Bussen zu ihr pilgern; sie zwecks tiefsinniger Prophezeiungen löchern und Heilsalben von ihr fordern.

Sie müsste tagtäglich Menschen riechen, besonders aber an den Wochenenden. Diese stünden Schlange, um „Großmütterchen“ zu sehen.

Großmütterchen, ha!

Und Baba dürfte keinen fressen; müsste die vom verlockendem Menschenduft geblähten Nasenlöcher freundlich kräuseln und sich den Fragen widmen. Den Nerv tötenden Fragen über die Zukunft der Welt, das Liebesglück einzelner oder die Anzahl der Jahre ihrer armseligen Leben.

Als interessierten die weise Alte Nichtigkeiten wie diese… Wie ein Krieg ausgeht zum Beispiel, ob das eine Land mehr Recht hat zu siegen als das andere, wer die kommende Wahl gewinnt und wie lange voraussichtlich jemand an der Macht bleibt.

Schwesterchen Wanda aus Petrich, Bulgarien

Baba-VangaIn Petrich, Bulgarien, zum Beispiel war eine ihrer zwei Schwestern, eine der drei Babas in der Welt, tatsächlich mit der Frage nach Spielergebnissen der Nationalmannschaft konfrontiert worden: Ein Schnauben war das einzige gewesen, was der Wahrsagerin solche Dummheit wert war.

Danach hatte es gleich geheiߟen, zwei Mannschaften mit B würden es ins Finale der Weltmeisterschaft 1994 schaffen. Dass die Bulgaren dann im Viertelfinale gegen Italien verloren, entäuschte die hohen Erwartungen.

Sterbliche interpretieren, manipulieren und machen auch nicht vor Mythen und uraltem Wissen halt. Wenn aber nicht hält, was sie sich versprochen haben, fühlen sie sich von der Wahrsagerin verraten anstatt von ihren Schlussfolgerungen.

Das erwartet heute eine gute Hexe

Baba und ihr neues Haus

  • Heute hätte Baba Jaga Umsatzsteuer auszuweisen, einen eigenen Registereintrag und eine Website.
  • Vor ihrem Haus, einem, das extra für sie gebaut worden wäre, würde eine Frau Heilsalben, natürliche Kosmetikas und Fläschchen mit Kräutertinktur an Touristen und Ratsuchenden verkaufen. Diese Frau säße Tag für Tag auf der Stufe, ohne im Geringsten zu ahnen, wie ihr Menschenduft den Appetit der ach so liebenswürdigen, harmlosen, alten Kräutersammlerin im Haus anregt.

Liebenswürdig? Harmlos? Blind sind sie, die Menschen! Viel blinder als die Babas selbst.

Die meisten Menschen erkennen nicht, wer Baba Jaga tatsächlich ist, bemerken die Totenschädel mit den glühenden Augen in ihrem Garten nicht, obwohl diese Tag und Nacht leuchten.

Ach, die Ahnungslosen!

  • Auf Youtube-Videos würden Vorhersagen, die angeblich von ihr stammen, im Wortlaut weiterverbreitet, kommentiert und zur Auslegung der vielgerühmten Schwarmintelligenz vorgelegt.
  • Sie müsste ungezählten Selfies beiwohnen, die dann mithilfe von Suchmaschinen weltweit aufzufinden sind.
  • Ihre Lebensgeschichte hätten geschäftstüchtige Männer verfilmt. Im Fernsehen würden Politiker mit ihr auftreten. Hitler war angeblich bei Baba Wanda gewesen – und Todor Schivkov, lange Jahre Diktator Bulgariens, zählte zu den „Stammkunden“.

Aufdringlicher, hinterlistiger, verbissener Mann!

Kein Wunder, dass Schwesterchen Wanda sich zum Sterben hingelegt und ihre Seele lieber nach Frankreich geschickt hatte. Sie wußte, dort würde einmal ein Kind geboren, blind, wissend, eigenartig – eine alte Seele.

Wer Baba Jaga heute sucht…

Baba Jagas NachtWer 2017 Baba Jaga um Rat fragen will, muss in die Stille gehen. Das Smartphone ausschalten. Es kann den Weg sowieso nicht leuchten.

Wer sie sucht, muss sich jeden Schritt in Dunkelheit ertasten. Die Weise hat sich rar gemacht, dreht ihr Hüttchen nur noch, wenn es dreimal klopft: von der Liebe, von der Seele – und vom Tod. Der Weg zu Baba Jaga ist also beschwerlich, sie duldet keine Ablenkung.

Und es ist der Alten egal, ob es gefällt oder nicht. Bei ihr gibt es sowieso keinen Empfang.

Titelbild von Viktor Vasnetsov

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